Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.
Part 11
Das Auge des Zuhörers schien dies Testament im Innersten seiner Seele aufzunehmen. Sein Blick spähte umher, als schätzte er die lieben Heiligen allzumal -- und der geringste Gegenstand war durch den Gebrauch ein kleiner Heiliger geworden -- nach ihrem Nennwerthe ab, und trüge die stummen Effecten in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte sein Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als notire er dies Adagio, zähle die Pausen, und vergleiche den letzten hinsterbenden Ton mit der Rede der Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten Sinn an ihre Auflösung denken konnte. -- Ein anderer Kranz von diesem Myrthenbaume, ein anderer Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen schwebte ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die Wünsche des jungen Mädchens, welche beide auf bittere Resignation deuteten, griffen schmerzlich an sein Gefühl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer. »Wie wir noch so über mein Vermächtniß sprachen,« fuhr die Nonne fort: »kam Frau Fabia zurück. Sie trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte Licht, um ihn zu lesen. Und da sie ihn las -- sehen Sie um Gotteswillen! wird uns die Frau schier ohnmächtig. Ich kann nicht leugnen, daß mir alle Glieder zitterten. Die Frau Schwägerinn ist nicht nervenschwach, nein! eine starkmüthige Person, häuslich erkräftiget, gesund an Leib und Seele: so mußte ihr der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der Sturm das Laub der Espe nicht geschwinder, als das Blatt in ihrer Hand flog. Sie ging alsbald zu Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht. Am Morgen in aller Frühe wollte ich mich erkundigen, wie sie geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich kam wieder und fand es abermals verschlossen; doch vernahm ich drinnen ein leises Gespräch und unterschied Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte ich Einbruch kaum so schlimm, als Eindrängen in das Geheimniß eines Andern, und habe mich mein Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen muß ein Geschenk der Freundschaft seyn, nicht aber eine milde Gabe, die der Ungestüm davon trägt, wenn er die Gutherzigkeit überrascht. -- Ich dachte, es wird wohl an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir zu sagen: daß sie für diesen Nachmittag nach Bühle fahren würde. Josephine stand stumm und blaß wie ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem barmherzigen Gesichtchen an. Und da die Mutter meinte: sie denke nicht allzuspät wieder da zu seyn, konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als sollten wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth ein und sagte: nun, wir scheiden ja nicht für ewig, mein Herzenskind! was wärs denn auch, wenn Du ein paar Tage drüben bleiben müßtest? bin ich doch in meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch bei der hochseligen Gräfinn Frankenstern gewesen, und würde heut noch Bescheid im Schlosse wissen, und Dir das kleine Gemach zeigen können, worin ich geschlafen. -- Das schien dem lieben Mädchen denn traut und tröstlich zu seyn, und ein Mehreres, werther Herr Administrator, wüßte ich Ihnen nicht zu sagen.«
Es genügte jedoch. Der Administrator dankte zerstreut, wechselte in gebundener Rede -- im Sinne der Zurückhaltung -- einige Worte; denn es machte ihn beklommen, daß er gegen die herzliche Nonne nicht ganz aufrichtig seyn dürfte. So war es ihm nicht unlieb, daß der Zufall ihm über einen Moment hinweghalf, der sein Zartgefühl, das der Freundschaft wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. -- Er ward abgerufen, weil Jemand ihn zu sprechen begehre. Doch als der Administrator in sein Zimmer kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden Zuspruch, sondern seinen Freund, den Major Feldmeister, der im Gleichmaß starker Schritte auf und nieder ging. Es verändert seltsam unsere Stimmung, ob wir Besuch in unserm Eigenthum empfangen, oder von Andern darin empfangen werden. Demnach ließ eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt mit einem dumpfen Gefühl getäuschten Erwartens, den Administrator an der Schwelle seines Zimmers zurücktreten, als er die Einquartierung desselben inne ward. --
»Bitte nicht übel zu nehmen, Freundchen, daß ich so sans façon Eingang gesucht --« sagte der Major, die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend, und ein fremdartiges Lächeln lief hurtig wie Geflügel über die Furchen seines Angesichts, was in diesem Augenblicke einem Winterfelde glich, matt von der Sonne beschienen.
»Den rechten Eingang finden --« fuhr er fort, »ist schwer, und mancher folgerichtige, bei dem wahrhaftigen Gott! taugt dennoch nichts.«
Herr Prälat kannte seinen Freund und dessen Redeweise zu genau, um noch eines einleitenden Wortes zu bedürfen. Eine böse Ahnung kroch an sein Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit stoischer Stimme: »Sie haben mir etwas Schlimmes anzukündigen, Major! fassen Sie Sich in der Kürze, ich bitte! _ich_ bin gefaßt. --«
Diese Voraussetzung brachte den Major aus dem Zusammenhang. In merklicher Verwirrung antwortete er: »Schlimmes? nun ja, aber vermengt mit Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht werden. Das Schicksal ist ein Mischling, Glücklich retournirt, Freundchen? waren Sie schon da, wie die Estafette kam? -- Sehen Sie, da habe ich mir all mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon müsse ein Glück verlautbaren: etwa des große Loos -- die Ankunft des Königs -- oder einen Ehrenaufzug und dergleichen. Daß eine Hiobspost mit solch fröhlichem Gebläse kommen könne, das hätte ich nimmer gedacht. So erinnere ich mich, daß, als ich, ein junger Offizier damals, in B-- stand, hatten wir eine Schlittenfahrt =en Masque= mit solchem Vorklang. Der Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen, mit Furcht und Schrecken. Der Führer der ersten Dame, ein allerliebstes Mädchen, schön wie das Leben, war der Tod! --«
»Major!« sagte der Administrator in sichtlicher Pein, »nochmals bitte ich Sie, sagen Sie mir ohne Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren soll? -- Mein Bruder --«
Es wäre nicht genau zu bestimmen, ob der alte Feldmeister hierbei nickte, oder nur das Haupt senkte, da er alle Allegorien fallen ließ, und einfach sagte: »ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren ausdehnenden Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder -- ist nicht mehr, und nur an den Ort seiner Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu sterben. --«
Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators. »Großer Gott! mein guter Constanz!« rief er mit blassen Lippen, und fühlte in diesem herzandringenden Moment, daß Eines Vaters Blut in ihren Adern flösse. »Nicht möglich! und an Sie, Major, ist die Nachricht gekommen?« Es war, als ob ein leiser Zweifel in dieser Frage läge.
»An mich!« antwortete der ehrliche Alte mit dem Vollbewußtseyn eines wahrhaften Freundes, »mein Neffe hat es mir geschrieben, da die arme Therese sich außer Stande dazu gefühlt, und Füßli nicht Zeit gehabt hat. _Füßli!_ der Leichtfuß vergißt zu bemerken, Wer Füßli sey, als ob mir wie dem Allwissenden aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben wären.«
Der Major berührte hierauf in Kürze, wie? und wann? der Gemahl Theresens gestorben sey.
»Ich träume wohl?« fragte sein Bruder und legte die Hand an die Stirne, auf der noch bleiches Entsetzen schwebte, »wie aber kam der Lieutnant Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so herben Dienstleistung?« Es war, als ob er diese sonderbare Fügung im Namen des Verstorbenen übel nähme.
»Sehen Sie,« erwiederte der Major, »das ist eine merkwürdige Geschichte, und ich gäbe meine Lieblingsschmarre darum, wenn ich in meiner Jugend Logik studirt hätte. Da könnte ich Ihnen Alles fein ordentlich entwickeln, statt daß ich hinten anfange, vorn ein Fädchen abreiße, -- und so weiter. Der Rudolph hat ein enormes Glück gehabt, was mir bei dieser traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein Glaube an die Fama der Estafette gewissermaßen doch Recht. Die Fee Fanferlüsche -- Sie wissen schon -- hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben eingesetzt. Das hätte der Junge wohl nicht gedacht, daß, als er die alte Dame Wischiwaschi aus einer lächerlichen Verlegenheit empor riß, und sie vor aller Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafür für zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit überheben, und so weich setzen würde? -- Man schätzt ihren Nachlaß auf hunderttausend Thaler. Gleichzeitig mit diesem Vermächtniß erfährt er, versetzt zu seyn, worauf er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen, um nicht für einen Erbschleicher zu gelten. So spielt der Zufall. Daß der Rudolph grade an den Ort kommen mußte, wohin Ihr Bruder, begleitet von der lieben Frau, seiner gesandschaftlichen Ordre folgte, scheint mir jedoch nicht von Ohngefähr. Taugt nichts! rief ich unwillkürlich aus, wie ich das las.
Nun verursacht großes Glück auch im besten Falle eine kleine Narrheit. Und wie der Ritter Don Quixote ein Barbierbecken für Mambrins Helm hielt, so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem, was ihm begegnet. Ich glaube, würde die Armee auf Kriegsfuß gesetzt, er sähe sie auf Pantoffeln von Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der! --«
Der Administrator empfand schmerzlich, daß des alten Freundes theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen wichtigen Mittheilungen diesmal zu _silbern_ sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen. In diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall beglückend. Er hatte nur Gefühl für den Verlust eines so kräftigen jungen Lebens, welches der Welt und ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war.
»Ich kann es noch nicht fassen --« schob der Administrator in die Pause jenes Ausrufs ein, und sein Ton ließ errathen, daß er von der Rede des Freundes wenig oder nichts gehört, und während ihrer Dauer nur an den Verstorbenen gedacht hätte. Er sah jetzt auf, in seinem erloschenen Blicke entglomm ein Funke -- und so fragte er: »Sie meinen also, Major, daß Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen dort eingetroffen wäre? --« Der Schatten, der in diesem Gedanken auf die Abwesende fiel, verfinsterte sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrüstung trat der Major vor ihn hin, und sprach: »da sey Gott für! daß ich so etwas nur gedacht, geschweige denn geäußert hätte. Oder es müßte eine Verabredung der höheren Mächte darunter verstanden seyn, die vorausgesehen, daß Ihr Bruder sterben, und Therese fremd und verlassen allda, einen Freund brauchen würde, der wie mein braver Artillerist für sie durchs Feuer liefe. -- Besinnt Euch Freundchen! es wäre ja nicht einmal möglich gewesen; denn mein Neffe ward früher versetzt, als der Legationsrath seine Frau von hier abholte. -- Hätten Sie Acht gegeben, was ich gesagt: so würden Sie jetzt hören, wo ich hinaus gewollt -- mein Schwadroniren hat mich jedoch zu weit abwärts geführt. -- Da geht der Rudolph eines Tages über den Markt, und stößt auf einen Menschen, der einen Schuh trägt. Jener erkennt ihn -- den Schuh nämlich -- an der Farbe, an dem kleinen polnischen Maße; er kennt die Dame, der er gehört. Nun läuft gleichsam dieser niedliche Wegweiser vor ihm her, und führt ihn vor die rechte Schmiede. So ists, Freundchen. Und daß mein Neffe nun der armen Therese beisteht, so viel er kann, ist nicht mehr als billig. --«
Dies Letztere sagte der Major in dem Tone löblichen Gutachtens, und mit persönlichem Accent -- als ob der Lieutnant nur bewogen von der Rücksicht, in welchem Verhältniß sein Oheim zu der Familie des Hingeschiedenen stände -- sich der jungen Frau angenommen. Dennoch konnte der Administrator ein Lächeln, so bitter als traurig, nicht unterdrücken, als er sagte: »es wäre dessenungeachtet sehr möglich, daß mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen, etwas gegen diesen Curator einzuwenden hätte. --«
Der Major zog die Braunen zusammen, und klemmte die Unterlippe ein. Er fühlte wohl, daß sein Freund recht hatte; wie hätte er aber das kleine Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst lag, nicht lieber männlich verbeißen als rügen, und mit der Gereiztheit eines Betrübten Geduld haben mögen? Er antwortete demnach langmüthig: »das hat der Rudolph auch bedacht, und deshalb dafür gesorgt, daß Therese den Gasthof verließe. Sie hält sich jetzt höchst wahrscheinlich auf dem Gute der Baroninn Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf. Dies war die Intention meines Neffen, als er den Brief an mich geschrieben. Doch die Hauptsache darin hätte ich beinahe vergessen. Therese läßt Sie flehentlichst bitten, wenn es irgend möglich wäre, hinzukommen. Sie wüßte sich nicht Rath und es gäbe Manches zu ordnen, was nur den nächsten Verwandten zustände. --«
Herr Prälat sah schweigend vor sich hin. Die Forderung dieser weiten Reise von solch traurigem Anlaß, geschah zu einer Zeit, die dem Entschlusse günstig war. Sein Herz war erschüttert, und nicht von der Seite allein, wo der plötzliche Schlag der eben vernommenen Nachricht es bestürzte. Die Zukunft schwebte im Ungewissen -- und es war, als wäre der Bestand aller bisherigen Verhältnisse aufgelöst. Dann konnte Sylvius ihn jetzt vertreten. Wer wüßte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit ohne Zeitverlust für sein Amt ermöglichen könnte? -- Und wie er auf der Wage der Gedanken alles Schwierige der fraglichen Reise erwog, und dachte, ob er sich auch stark genug dazu fände, die kalten Geschäfte des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad hysterischer Thränen hinzunehmen, die Therese etwa vergießen mögte, -- fühlte er mit einem nervösen Schauer, daß ein Leben von so verhängnißvollem Gewicht, und in ewiger Pendel-Schwingung wie das seines Bruders, den Todten so früh hinab ziehen müssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er: »seine Rastlosigkeit -- glauben Sie es! hat den armen Constanz aufgerieben.«
»Das sag' ich auch!« sprach der Major, »man bekam Schwindel, vom Hören bloß. Er flog ja, wie auf Fausts Mantel --« der Hund knurrte -- »still da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen -- von einem Ende der Welt zum andern. Wären wir vom Schöpfer dazu geschaffen: dann hätte er uns Flügel gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig gemacht wie den Wind. So aber sind wir Wesen mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist Derjenige, der in der Tragödie dieses Erdenlebens am würdigsten aushält. -- Wir schreiten bedächtig einher, oder fahren gemächlich mit Vieren. -- In der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an Jemandes Beinen, noch an der Stärke des Rosses. -- Oft habe ich über diese Stelle nachgedacht. Wenn ich die Gicht in meinem Bein spürte, da empfand ich, daß der gütige Gott und Heiland kein Wohlgefallen daran haben könnte.«
»Und jetzt,« sprach der Administrator, der nur wie im Dunkeln der Gedankenreihe seines alten Freundes gefolgt war, »wo er endlich festen Fuß gefaßt haben würde, mußte mein guter Bruder sterben!«
»Ebendeswegen!« erwiederte der Major mit verstärkter Stimme, »ebendeswegen starb er. Gebt Euch zufrieden, Freundchen! -- Mit aller Hochachtung gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann der Ruhe war er nicht, und so machte er sich mit der Schnellpost des Todes davon. Vielleicht war dies der klügste Streich des Diplomaten, und jedenfalls besser als ein späterer Rückzug aus dem neuen Hausstaate. Er mogte die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen Buchstaben darin verlöscht gefunden haben. Zum Ehestande dieser seßhaften Charge paßte er nur so wie der Vogel, der sich im Fluge vermählt, sein Weibchen dann in irgend einem Neste sitzen läßt, wo dann der Teufel nicht selten ein Ei in die Wirthschaft legt.« --
Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick der frommen Domina des weltlichen Klosterhauses erstarb das böse Princip dem alten Feldmeister auf der soldatischen Zunge. Er grüßte, schlüpfte zur Thür hinaus, durch ein unverständliches Murmeln andeutend, er wolle den bewußten Brief holen -- und Herr Prälat sah sich mit seiner Schwägerin allein. Er hatte den Wagen nicht kommen gehört, ihre Ankunft schien ihm ersehnt, obzwar sie allein kam. Auch entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche sie aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem Ausdruck von Schwermuth und Erleichterung gewichen, der sich wechselseitig aufhob, und ein sanftes Ineinanderfließen von Klarheit und Trübsinn über ihre Züge verbreitete, was Zutrauen einflößte, sie werde eine schmerzliche Erfahrung eben so wohl zu theilen fähig seyn, als zu beurtheilen wissen.
»Es ist mir lieb, Fabia, daß Du nun da bist!« sagte der Administrator ihr entgegen tretend; aber sein Gruß klang traurig. »Denke nur, mein guter Bruder ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du!«
Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag für sie enthalten, trat vor der Bedeutendheit dieser Worte in den Schatten; aber ein leises Streiflicht zuckte auf ihren Lippen -- der Geist der Wahrsagung erschien darin, und ein Gedankenblitz des Vergleichs: Therese werde nimmer seyn wie sie.
»Um Gott! was Du sagst, mein Bruder!« antwortete Fabia, »und wäre diese Nachricht mehr als ein Gerücht?«
»Diese Nachricht,« erwiederte Jener mit abgeschlossener Gewißheit in Blick und Ton, »ist diesen Abend durch eine Estafette an den Major gekommen. Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in -- an der Bräune gestorben, und -- also erstickt!« Dies Letztere setzte der Administrator mit erstickter Stimme hinzu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, und vor Fabiens Theilnahme, welche sich _mütterlich_ zu äußern pflegte, das heißt: ob auch zartsinnig, doch überlegen -- schämte er sich der brüderlichen Thräne nicht.
»Denke Dir das nicht gar so schwarz --« sagte Fabia leidsam, und bemühte sich, obgleich unverhehlt der eigenen Rührung, ihren Schwager zu trösten. Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde eine Kraft geltend, welche gewiß zu den schätzbarsten dieser oft verkannten Frau gehörte. Fabia besaß die Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs. Vermöge solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben trüben, den Blick des Geistes schärfen, war ihr eine tiefere Einsicht in die Herzen vergönnt, als diese sonst selten gefunden werden dürfte, wo es an Weltkenntniß fehlt, die Fabia nicht erwerben können. -- Zuweilen sogar sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um ihrer Zuverlässigkeit willen glaubte man an sie. Und da Fabia es für eine Pflichterfüllung ihrer Religion hielt, sich der Betrübten anzunehmen: so versäumte sie keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen lag alsdann eine schmerzvergütende Innigkeit, deren sie gänzlich ermangelte, wo es darauf ankam, sich mit den Fröhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst der Freude war Fabia stumpf. Und da sie im Geiste der Zerknirschung den Spruch vor Augen hatte: »ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht verachten« --: so war ihr nichts von größerem Werth, sich linden und lieblichen Wesens daran zu beweisen, als -- eine Wunde. So ging ihr des Schwagers Leid sehr nahe, und zwar um so näher, als sie bedachte, er traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren Mann. Und obgleich der verstorbene Bruder desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch auch sie seinen Tod in einem Nachgefühl ihrer eigenen Verwittwung.
»Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben!« sagte nun Fabia beschaulicher Weise, als der Affect des Schmerzes besprochen schien, »hier stand er noch vor wenig Wochen -- ich sehe ihn leiblich vor mir stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mögen und Keinem; aber der Bruder kam mir übel vor. Es giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der doch selten trügt; indeß wähnte ich, er wäre nur angegriffen von den Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich ihn früher nicht gekannt. Glaube nur, Bester! das Zusammenleben mit Therese hätte nicht mehr gut gethan. Sie waren einander entwöhnt, wo nicht gar fremd geworden. Und was ist denn die Ehe, wenn sie Jahre zuläßt, in denen man vergnügt ohne einander seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde des Gatten nun wirklich wohllebt? der Ehe Bund ist so enge, daß er alles Fremdartige ausschließt, und wo Mann und Weib einander _viel_ zu erzählen haben: da fühlt gewiß Eins für's Andre _wenig_.«
»Du gehst zu weit, Fabia --« entgegnete der Administrator, »Tausende von Ehegatten werden durch Pflicht und Verhältniß getrennt, und lieben sich dennoch.«
Darauf sprach Frau Fabia: »es mag eine Liebe geben, die in der Trennung sogar besser besteht; aber es ist nicht die, welche ich meine. -- Was nun Theresen anbetrifft: so dürfte ihr ehelich Gefühl schwerlich unter den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer weiß, wie sehr wir Ursach hätten, für diese Auflösung den Herrn zu preisen! -- Du weißt ja selbst, wie verbitternd Scheidungen anderer Art --« der Faden ihrer Rede riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab, und der Administrator schaute düster wie in eine Ferne, der Zukunft oder der Vergangenheit.
»Was soll nun aus Theresen werden?« fragte Fabia, und wendete die Richtung ihrer Gedanken, »ohne Vermögen, ohne einen Halt, der Lust am Fleiß, wie jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft --«
Der Administrator lächelte dieser unnützen Sorge. »Ich glaube, gute Fabia,« sagte er mit jener Ironie der Duldsamkeit, die nur ganz schwach eine Schwäche andeutet, »_wir_ dürfen deßhalb unbekümmert seyn. Das Glück selbst scheint sich ihrer angenommen zu haben, und Wen dies sich zu eigen macht, der braucht nichts als ein paar Flügel des Leichtsinns, und diese hat Therese schon.« Und nun erzählte er seiner Schwägerinn halblaut, was er vom Major erfahren. Er schloß mit den Worten: »so läßt sich nun absehen, wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schöner Zug von Dir ist, liebe Fabia, daß Du das Unglück achtest, und Dem vorzugsweise freundlich bist, Den -- um in Deiner Sprache zu reden -- _der Herr_ _heim sucht_: so laß uns Theresen mindestens nicht zürnen, daß sie verdienstlos eine Begünstigte scheint; daß noch vor dem Verlust der Ersatz schon Wurzel gefaßt, wie ein neuer Kinderzahn schon glänzend dasteht, ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. -- Auch das Glück kommt von Gott, und wir schmähen den Geber, wenn wir vom Glücklichen nicht glimpflich denken.«
Mit einem bekränkten Lächeln antwortete Fabia: »o! ich will ihr alles Gute gönnen und wünschen. Der Allwissende sieht ins Innerste, und weiß allein, ob wir treu erfunden werden oder nicht. Daß ich mich fortan auch der leisesten Verurtheilung enthalte: das ist gelobt. Ach mein Bruder! welch ein erfahrungsreicher Tag der heutige! seit gestern Abend ist mein Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war in Bühle -- Du weißt es. Frankensterns sind da, und die Gräfinn hatte mir geschrieben. Sie ist unschuldig -- und sehr unglücklich. Eine Centnerlast ist von meiner Seele gewälzt; aber ich könnte doch nicht sagen, daß mir leicht zu Muthe wäre; denn der Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in Gedanken nur, drückt mich nieder.« Und nun erzählte auch Fabia ihrem Schwager, wie sie die Gräfinn und ihren Vater angetroffen, und wie Albane sich erklärt, hinsichtlich jenes empörenden Verdachts. Sie endete ihren Bericht mit den Worten: »und so hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein Leben verkürzt, und das meine mir verkümmert!«
»Sieh, Fabia!« sagte der Administrator nach einer ernsten Pause, »hätten wir _die göttliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen_: dann wäre uns das nagende Gefühl bitterer und fruchtloser Reue erspart, und wir hielten uns an etwas Besseres, als an Beweise. Unsere Sinne sind falsche Zeugen -- nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das ewig Gute.«
Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen eigensten Angelegenheiten ihm einst das Licht dieser Ueberzeugung verdunkelt -- schwebte schattenähnlich vor ihm auf. »Und Josephine?« fragte er mit verhaltener Stimme.
»Sie grüßt Dich -- grüßt Dich tausendmal!« antwortete Fabia. »Sie wird für einige Zeit in Bühle bleiben?« fragte der Administrator abermals, und ein Gefühl, gemischt aus Wunsch und Zweifel, ließ ihn seiner Schwägerinn diese Antwort in den Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja, nicht nein. Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: »was wird nun Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm so nahe -- und er hat es keinen Gewinn; die Tochter ist ihm entrückt, und er muß es geschehen lassen. Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich ließe: wer könnte es hindern? es ist einmal Ihr Kind!«