Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.

Part 10

Chapter 103,421 wordsPublic domain

Auch Gräfinn Albane war älter geworden, als zufolge einer Berechnung von Jahren; doch war der Eindruck dieser ersichtlichen Veränderung durchaus ein anderer. Man könnte von ihr sagen, ihre Schönheit sey verwelkt, um verklärt zu werden. Ein weißes Kleid von wolkigem Mousselin umhüllte ihre zarte Gestalt, doch, im schärfsten Contrast zu dieser anspruchslosen Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermißt! so grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust der Gräfinn, und hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme umschlossen -- wie wenn Kinder in eitlem Spiel sich mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren -- und stach, bewaffnet mit allen Blitzen der Frühlingssonne und einer jähen Reflexion, Fabien ins Auge und durch das Auge in das tiefste Herz. -- Ein kleines blankes Schlüsselbund an ihrer linken Seite stellte die Gräfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren Gäste dar, denen zu Ehren sie so geschmückt, und gleichsam nur dadurch verkörpert sich zeigte. Doch der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem reichen Haar, ließ phantastisch und in Zweifel, welch eine Fürstinn in der wüsten Ideenwelt ihres Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle? -- Und über dies häusliche Theater goß die wasserziehende Sonne einen trüben Glanz der Illusion aus. Die Blumen in dem damastnen Gedeck traten labyrinthisch und winterweiß hervor, wie durch einen Hauch von Frost entstanden -- und der feurige Wein auf dem Tische glühte nur zum Schein. Das rothe Blut der Traube schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch diese begeisternde Kraft leiht nimmer Denen eine Seele, welche keine Existenz haben. Der Graf fand nur Genuß in Gedanken, und schwelgte heute mehr als je in seinem Wahn; und Albane saß da so geisterhaft gesättigt und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden Lächeln auf den bleichen Lippen, als hätten diese nie die Süßigkeit des Lebens gekostet, und jener edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und stärkt! --

Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig ward, rieselte ein eisiger Schauer an ihrem Rücken hinab, und ihr nähernder Gang erstarrte.

Die Gräfinn zeigte bei dem Eintritte derselben einen heftigen Ruck, so, als wenn eine Unbeweglichkeit mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie dabei das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose aufgelegt, von ihrem Haupte, und rollte zu Boden. Josephine bückte sich darnach. Doch achtlos dieses ominösen Vorfalls schritt die Gräfinn den Kommenden entgegen, und begrüßte sie mit sanfter, sehr bewegter Stimme. »Das ist Josephine?« fragte sie; aber das Epitheton für den Laut dieser Frage fehlt unserer Sprache und jeder. -- Darauf berührte ihr Mund die Stirn des Mädchens, und dieser heilige Kuß, den das verleugnete, namenlose Kind als Sacrament empfand, firmelte es.

»Josephine!« rief der Graf mit dem herzschneidenden Tone der Ueberspannung, taumelte von seinem Sitz, und schwankte gegen die Gruppe, um in eine Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor. Sie umschlang den Greis mit weichen Armen, und weinte über ihn. Gräfinn Albane überließ ihren Vater dem Entzücken, sein kaiserliches Idol, oder die Psyche desselben, in lieblicher Verjüngung vor sich zu sehen, und das Mädchen dem guten Geiste der Demuth und der Wahrheit der ihm einwohnte. Im Drange, ihr Herz zu öffnen, legte sie die zitternde Hand an den blanken Drücker einer Tapetenthür, und zog Fabien mit sich in ein anstoßendes Cabinet. »Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe Fabia!« sagte sie hastig und herzlich, »Josephine scheint ein Engel. Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht lügen.«

Die fromme Fabia antwortete: »Gottlob! nicht umsonst war mein Gebet bei des Mädchens Erziehung: hilf, Herr! hilf! laß wohl gelingen! Josephine ist ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemüth und Sinn, wie ein Wassertropfen aus dem Weihebrunnen der göttlichen Gnade.«

Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild vom Tropfen, in welchem sich Frau Fabia zum Lobe der Tochter ergoß, ganz unvermischt und klar von einem Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die erquickende Wirkung desselben trübte. --

Albane senkte die benetzten Wimpern, wie beschämt von der Verschuldung, die sie gegen Fabia wissend war, und mit einem erkenntlichen Seufzer glitt ihr Blick, zufällig vielleicht -- auf einen Ring von großem Werth an ihrem Finger. Fabia fing diesen Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf. -- Sie sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Körper: »ich will nicht fürchten, Gräfinn, daß Sie mir ein Geschenk zudenken! -- Die Sucht zu glänzen war nie mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, daß mein Thun Werth vor Gott hätte. Einer Wittwe ziemt es vollends nicht, zu brilliren, und die da einsam ist, sorge nur, daß sie dem Herrn gefalle. Der Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem Schilde vor den Pfeilen der Welt, steht nichts besser an, als ein Flor der Trauer und Zurückgezogenheit, der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein des Anstoßes sehen, wo nichts zu sehen ist. -- Darum will ich ihn nicht tragen, und wenn er alle Schätze der Erde aufwöge! ist mir das Herz doch schon beschwert genug. O Gräfinn! diese Edelsteine hier haben meinen guten Mann in das Grab gedrückt und mir viel tausend, tausend Thränen gekostet!«

Der Gräfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine ängstliche Verwirrung sprach aus ihrer Miene. Sie richtete das Auge, voll eines sanften Lichtes, forschend auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede beleuchten. Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf ihren Lippen, als ob ihr die Kraft gebräche zu einer Frage, deren anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen müßte.

Es lag etwas Versöhnendes in diesem stummen Hinnehmen. Gemildert sprach Fabia: »Sie wissen wahrscheinlich, daß ihr Herr Vater meinem seligen Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine Chatoulle in Verwahrung gegeben, darin dieser Familienschmuck befindlich seyn sollte. Den Schlüssel dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter Mann ward gleich darauf so krank, daß ich fürchtete, das Grab werde sich ihm zunächst öffnen. Doch er genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die ich jetzt für eine Ahnung halten mögte, gab uns der Zufall den Aufschluß in die Hände. Wir fanden in dem Kästchen nichts von Schmuck, nur eine todte Perle --: den Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes Messer.« Hier hielt Frau Fabia mit einem durchbohrenden Blicke bedeutsam inne.

Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich auf den Wangen der Gräfinn, nur jener zarte unschuldige Anflug, den ein schneidender Wind etwa in dem Kelch der weißen Rose entblößt. Sie lächelte kalt und sprach: »so hielten Sie vermuthlich davor, daß ein Zusammenhang zwischen beiden Dingen statt fände, der -- mich schaudert, es auszudenken. Wohl war jenes Kindlein das meine, ein zu früh Gebornes. Ich versündigte mich durch den Wunsch, es der Erde vorenthalten zu können -- o! wie bestraft sich doch jeder Gedanke räuberisch gegen die Natur! -- Der Arzt, vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mütterlichen Schmerz, als aus Leidenschaft für jedes Präparat, schlug mir vor, den Körper meines Kindes zu balsamiren, so könnte ich ihn in einem kühlen Gewölbe aufbewahren. Es geschah -- ich legte das kleine Vergißmeinnicht, was der Tod mir vom Herzen gepflückt, in jenes sargähnliche Kästchen; darin ist es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt, der nämliche, meiner theuren Mutter die kranke Brust abgelöst.«

Frau Fabia fühlte bei diesen erklärenden Worten einen Schnitt durch ihr tiefstes Innere. Nach einer verstummenden Pause sagte sie: »doch werden Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war, einen Geschäftsmann stutzig zu machen; zumal wenn er wie mein Seliger, von einem unseligen Mißtrauen heimgesucht, jeder Sache die schlimmste Seite absah.«

Die Gräfinn sah still vor sich nieder, und antwortete eine lange Weile nicht. Dann sprach sie: »ach ich verzeihe Ihnen -- Wen man schwach gesehn, hält man gar bald eines Verbrechens fähig.«

»Gräfinn --« stammelte die Wittwe, »ich habe viel gelitten, dieser Geschichte wegen.«

»So wäre ich denn noch auf andere Art als ich meinte, in unabtragbarer Schuld gegen Sie!« erwiederte die Gräfinn mit dem herben Lächeln der Kränkung. Fabien stiegen Thränen in die Augen. Das Taschentuch entfiel ihr -- die Gräfinn beugte sich es aufzuheben, und die Schlüssel an ihrem Gürtel erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfügig diese kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr doch die augenblickliche Stellung gegen die Beleidigerinn etwas Hohes.

Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte Albane nicht ohne Schwierigkeit einen kleinen Schlüssel von der Mehrzahl Derer, die der Ringhaken an ihrem Gürtel umfaßt hielt, bis es ihr gelang, ihn davon los zu machen; und sprach: »hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe an meinem Herzen tragen können, wenn dieses Herz noch ein strafbareres Geheimniß umschlösse, als dessen Mitwisserinn Sie sind? und wenn ich gewußt, welchen Kummer Sie deshalb trügen? -- Nehmen Sie ihn denn hin mit der Versicherung, daß ich unschuldig an Ihrem Gram, und Ihnen ewig, ewig! dankbar bin! -- Nein, gute Fabia! fürchten Sie keinen andern Lohn als dieses Wort, was bethätigen zu können, meine beste Hoffnung wäre. Ein Edelstein, und wäre es auch der erste Solitair der Welt -- bezahlt weder Liebe noch Leiden. -- Mit diesem Schmucke belade ich mich nur, um meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe mir! o es ist schrecklich, wenn der Vater zum Kinde wird, und die Tochter zur Mutter! --«

»Wissen Sie schon,« sagte Fabia, durch eine sehr natürliche Association der Ideen zu dieser Mittheilung gelenkt, indem sie ihre Thränen trocknete, »daß Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt -- sich in Sanct Capella aufhält? Er ist der intimste Freund meines Schwagers.«

Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den Zügen der Gräfinn vor.

»Um Gotteswillen!« sprach sie mit aller Dringlichkeit befürchtender Angst, »verhindern Sie, daß er hierher kommt! ich weiß nicht, ob ich es aushielte. Das geringe Maß meiner noch übrigen Kräfte reicht kaum zur Erfüllung der traurigen Pflicht, die ich meinem Vater schulde. Jenes Band ist gelöst. Wozu sollte er mich auch beunruhigen wollen? Für ihn bin ich todt. -- Ich, _ich_ selbst habe es gehört, wie er, ein jüngeres schönes Weib umfangend, davon sprach, daß eine gestorbene Liebe in ihrem Grabe bleiben müsse. -- So sey es denn! und nimmer will ich ihn wiedersehen.«

Und indem die Gräfinn so sprach, schwand ein Schatten jener Scene, deren flüchtige Zeuginn sie gewesen, über ihr Gesicht. -- Eine Eifersucht höherer Art offenbart sich nur im Verschwinden der verdunkelten Erscheinung.

»Wenn ich nur kann, liebe Gräfinn!« antwortete Fabia in Bezug auf das von ihr erflehte Verhindern, »wenn ich nur kann! -- Aber wird Sylvius -- oder Romana -- nicht nach Josephinen fragen? und ist das Recht dazu ihm irgend verweigerlich?«

»Josephine bleibt einstweilen hier,« entschied die Gräfinn, ohne sich auf eine nähere Bestimmung über diesen Punkt einzulassen, »auf Sie aber, liebe Fabia, verlasse ich mich, daß Sie den Vater derselben mir entfernt halten.«

Frau Fabia versprach dies mit größerer Willfährigkeit als sie vielleicht früher gezeigt haben würde, eine Zusammenkunft der Liebenden zu ermitteln. Sie hielt den Schlüssel zur Chatoulle fest empor und sprach: »könnte ich nun -- nicht den kleinen Sarg, der ist auch versenkt -- nein! den großen Sarg meines Mannes damit öffnen und ihm sagen, wie so ruhig er hätte seyn können bei Lebzeiten, und daß er sich und mich unnütz abgequält. Ach! er würde so wenig auf mich hören als sonst.«

»Ja, die Todten schlafen tief --« sagte Albane mit verstörtem Lächeln. Das Bedürfniß dieser unaufregbaren Ruhe sprach eben jetzt lauter als jemals in ihr an.

Als die Frauen ihre geheime Unterredung hiermit beendigten, und wieder in das Zimmer traten, fanden sie den Grafen auf dem Canapee an Josephinens Seite, und in emsigem Gespräch mit ihr, welches anziehend seyn mußte, denn die Augen des alten Herrn hingen innig an dem lieben Kinde, und jener crasse Ausdruck geistiger Verworrenheit, welche seine schlaffen Gesichtszüge charakterisirte, und unter jedem Härchen des greisen Bartes hervorstach -- war dem klaren Durchblick des Gefühls gewichen, womit die anmuthige Nähe eines Wesens auf ihn wirkte, was ihn so nahe anging.

Wir überlassen diese kleine Gesellschaft des Weiteren sich selbst, und eilen der späten Rückkehr Fabiens nach dem Stifte zuvor.

Zeitiger als er vermuthet worden, und ziemlich mißvergnügt, kam der Administrator mit seinem Freunde nach Sanct Capella zurück. Der Zweck dieser kleinen Reise war unerreicht geblieben, auf der ihnen einige Fatalitäten zugestoßen, und dies war es wohl nicht allein, was ihn verstimmte. Jenes geheimnißvolle Unbehagen, welches die Seele wie den Körper Dessen durchschleicht, Dem ein Uebel bevorsteht, der schwüle Schauer, der die Blitze ankündigt, die unser Herz treffen sollen, die ganze Atmosphäre trüber Ahnung beklemmte ihn heimlich, und verdunkelte seinem Blicke die Lieblichkeit der Natur. In solcher Stimmung gelingt uns fast nichts. Unsere Plane vereiteln, die sicherste Berechnung trügt -- wir finden Hindernisse bei Allem. Und von der Zukunft leise beängstigt, wird es uns nicht deutlich, warum die gegenwärtige Minute den gewohnten Gang unserer Weise, unserer Wünsche, also erschwere? So wie im Gegensatz die Hoffnung ohne eine andere Gewähr als sich selbst, zu jedem Glück verhilft, und oft unsere kühnsten Erwartungen überflügelt.

Sylvius, der sich unpäßlich fühlte, begab sich sogleich in sein Zimmer, um noch einen Brief von dringendem Bezug auf das mißlungene Geschäft dieser Reise zu schreiben, und der weltliche Prälat von Sanct Capella schritt mit bewölkter Stirn dem seinen zu. Niemand hatte ihn willkommen geheißen -- das kam ihm seltsam vor. Etwas finster von dieser scheinbaren Vernachlässigung fragte er eine dienende Person, die ihm begegnete, nach Fabien, und erhielt zur Antwort, daß sie verreist wäre.

»Verreist? meine Schwägerinn?« fragte der Administrator, und hätte nicht ungläubiger hohnlächeln können, wenn man ihm gesagt: das Stift, in höchsteigener steinerner Figur, sey bei dem schönen Abend ein wenig spatzieren gegangen.

Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurück, setzte die Berichterstatterin hinzu; worauf Jener flüchtig vermuthete, nur ein wirthschaftlicher Grund von großer Erheblichkeit müsse eine so stete Haushälterin von Ort und Stelle gerückt haben. Doch um nichts heiterer durch diese Folgerung, trat er in die heimische Wohnung, entledigte sich des Reisebedarfs und alsbald ward sein umherschweifender Blick von jenem Blättchen auf seinem Schreibpult magnetisch angezogen. Er las diese wenigen Zeilen unzähligemale, ehe er den Sinn derselben zu fassen vermogte.

»Allmächtiger Gott!« rief er zu sich selbst, »das arme Mädchen in meiner Abwesenheit fortzuschaffen -- gleichsam wegzustehlen! --« Ein Getümmel aufrührischer Gedanken bestürmte ihn, und Frau Fabia, welche sich im Laufe des verflossenen Nachmittags richterlich benommen, ahnete wohl schwerlich, daß ihr Andenken ob jener eigenmächtigen Gewaltthat, um wenig später vor Gericht gezogen -- wo nicht zermalmt würde. -- Aber der kindliche Ton des kleinen Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine Reihe thatsächlicher Beweise hätte ihn so vollständig überzeugen können, wie die schulmäßige Entschuldigung der ersten Zeile: daß es nimmer ein Wesen gegeben, so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und Hingebung gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte er? Wozu? -- Er sammelte seine ganze Kraft für diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fädchen an der Feder hangend wahr. Zarter sind die Fäden nicht, in denen der Sommer in die Lüfte flattert -- doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie die Zuneigung zu einem persönlichen Gegenstand: und so war denn jene Seidenfaser ein starkes Bindemittel seiner Ideen, ein Segeltau, was sein Herz schwellen machte. »Schwester Veronica wird es wissen --« dachte der Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem Zimmer. Leidenschaftliche Hast, dieses räthselhafte Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die öden Säle entlang, bis zur Thür der entlegenen Zelle, an welche die Abendsonne Verklärung mahlte, so daß dieser Eingang wirklich einer Himmelspforte glich. Hier stand er still, und Stille waltete ringsum. Ein Gefühl, der Andacht verwandt, ließ ihn zögernd dies Altarblatt betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit dem Göttlichen vertrauten Umgang pflog. Sein Herz, heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange der Erwartung, ward in dieser sanften Nähe wunderbar besänftigt. Er richtete sich hochathmend auf, während er den gekrümmten Finger leise und langsam an die Thür legte. Sie that sich auf. Der hereindringende Strahl vergoldete diese anspruchlosen Wände, und warf einen Schimmer von Glanz und Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in frommer Einfalt mit einem Liebeswerk beschäftiget war. Ein Myrthenbaum von üppiger Schönheit, davon die Nonne mit wähliger Vorsicht eine Menge Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und daneben lag ein kleiner Namenszug aus altdeutschen Lettern in Perlen gereiht. Und wie die klösterliche Jungfrau den alten schönen Kopf, um den ein Nimbus der Gottseligkeit schwebte, an den Baum der Liebe schmiegte, der ihr nie geblüht, der ihr nur die bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewährte ihr Anblick ein fast überirdisches Bild.

Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle beschritten! -- Der aufgeregte Blick des Administrators schien den ewigen Bestand der Dinge umher aufheben zu wollen. Kein Stäubchen dieser reinlichen Clause ruhete noch so tief und lange, es tief empor bei seinem Eintritt, um gesellig in der plötzlichen Erleuchtung zu schweben, und eine größere als diese lautlose Unruhe störte nie die stete Geborgenheit dieser Wohnung, deren Luft nur ein Odemzug des Friedens war.

»Verzeihen Sie doch ja gütigst meiner Zudringlichkeit,« sagte der Besuchende nach ehrerbietigem Gruß, »Ihnen zu dieser Zeit vielleicht beschwerlich zu werden.« Man findet, in abgesondertem Verhältnisse werden die Menschen leicht eben so weitläuftig als förmlich gegen einander, wogegen die Welt der Umgangsweise eine drängende Kürze anschleift. Schwester Veronica ließ das Messerchen, womit sie Myrthen schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle Freude, den Vorstand des Hauses bei sich zu sehen, der ihr nach herzlicher Versicherung zu jeder Zeit willkommen wäre. Zugleich bemerkte sie still für sich, daß sein stattliches Aeußere etwas verstört sey -- und die Stimmung der guten Nonne, seit einigen Tagen von stärkeren Eindrücken bewegt, spannte sich für den beziehungsvollen Ton, womit er anhob: »ich war verreist mit meinem Freunde und finde jetzt bei unserer Rückkehr die Schwägerinn nicht daheim. Das befremdet mich. Sie hat auch Josephine mitgenommen -- --« Der Administrator stockte. »Eine hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an -- wenn nur kein unangenehmer Vorfall -- ich meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica, würden mir des Näheren Auskunft geben können.«

»Was ich weiß, will ich ihnen sagen --« sprach die Nonne, und das tiefsinnige Lächeln in ihren Zügen drückte eben sowohl ihre bekümmerte Unwissenheit in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemüthsruhe aus, die sie dem Frager gäbe. »Frau Fabia ist nach Bühle gefahren, mit dem lieben Kinde. Dort ist die Gräfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater angekommen -- und trägt Verlangen, ihre gute Freundin hiesigen Orts baldigst zu sprechen. Ein expresser Bote --«

Das Gesicht des Administrators hatte sich während dieser Nachricht verändert. »Das ist ein großes Ereigniß!« unterbrach er die Nonne mit gesenkter Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute dieses Wortes auszusprechen, das Muskelspiel seines Mundes schob krampfhaft der getroffenen Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte: »das ist ein großes Unglück!« Der Nonne ging die Ahnung auf, sie hätte ihm etwas höchst Wichtiges mitgetheilt.

Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ältliches Frauenzimmer, dem Reiz des Bewußtseyns zu widerstehen vermag, das, was man sagen könne, habe Werth für den, der es höre: so konnte auch Schwester Veronica nicht umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in kleiner Münze auszuzählen. Vorerst aber mußte sich der Administrator auf ihr inständiges Nöthigen niederlassen. Er berührte kaum die Kante eines Stuhls, und saß dennoch wie auf Nadeln. -- Schwester Veronica begann nun: »gestern Abend, da es dämmerte -- das Schummerstündchen bringe ich gern drüben zu -- ging ich hinüber zu den lieben Ihrigen. Es war uns Allen traurig zu Sinne: denn Gregors kleine Julie lag im Sterben -- ich bin, wie Sie sehen daran, für ein Todtenkränzchen zu sorgen -- die Mutter, hieß es, wäre außer sich, und man hatte geschickt, Frau Fabia mögte kommen, und in dieser Angst den armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig beistehen. Sie ist, das muß man an ihr rühmen -- von christlicher Geduld und gelassenem Wesen --« diese Tugenden seiner Schwägerinn hätte jetzt schwerlich ein Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen mögen. Er sah die Nonne mit einem weitschauenden Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an, und es däuchte ihm, seiner theilnehmenden Nächstenliebe ungeachtet, als ob sie von einem Falle spräche, der die ersten Eltern nach Erschaffung der Welt betroffen hätte.

»So blieb ich denn,« fuhr die geistliche Jungfrau fort, »mit Josephine allein. Das gute Kind war aber betrübt und äußerte sonderbare Gedanken, die ich jedoch für weiter nichts hielt, als jenen wehmüthigen Ernst, der ein jugendlich Gemüth ergreift, wenn es den Tod in der Nähe weiß, und gute Menschen in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges. Dann wird der Gedanke an jede mögliche Trennung, die uns selbst bevorstehen könnte, so natürlich. Wenn uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles um uns her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise am Herzen liegt, nur um so inniger. -- Also wieder auf Josephine zu kommen, so sagte sie: wie weh es ihr thun würde, Sanct Capella zu verlassen, wo ihr nur allein wohl wäre. Wie gern sie hier sterben mögte oder wohnen in dieser Zelle, es ging mir nahe. Ich erwiederte ihr, daß an solch ein Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, daß sie mein Stübchen erben solle, mit Allem, wie es steht und liegt.«