Die Schwägerinnen. Zweiter Theil.
Part 1
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Die Schwägerinnen.
Roman von Henriette Hanke geb. Arndt.
Zweiter Theil.
Ist die Natur nicht mit dem Glück im Bunde, Dann kommt sie übel fort, wie jede Saat, Die man gesäet auf fremdem falschen Grunde.
_Dante Alighieri._
Hannover, 1836. Im Verlage der Hahnschen Hofbuchhandlung.
Graf Frankenstern war der letzte Sprößling eines alten fränkischen Geschlechts. Früh verwais't, seinem Stammhaus entfremdet, hatte er den Besitz der deutschen Standesherrschaft Bonna und Bühle, einer Spaltung der Familie und dem Unglück seines Oheims zu danken, der vier kräftige Söhne in der Blüthe ihrer Jugend hinsterben sah, um dies reiche Majorat einem kränklichen Neffen zu hinterlassen, der schon im Sarge gelegen. Graf Frankenstern war von Kindheit an zu Starrkrampf geneigt, und in solchem Zustande einmal für todt gehalten worden. Ein rettender Zufall gab ihn dem Leben zurück; doch den tiefen Eindruck jener entsetzlichen Gefahr nahm die Oberfläche der Welt nicht mehr hinweg. Dem edlen Gesichte blieben leichenhafte Züge, ein Grauen vor Allem, was an das Grab erinnert, wurzelte tief in der Natur dieses Erstandenen, und jene bange einsame Ruhe, welche die Todten umschwebt, wich nie von seiner blassen Stirne. --
Von seinem Oheim mit kalter Strenge behandelt, hatte Graf Frankenstern schon zeitig das Weh empfunden, ein aufgedrungener Erbe zu seyn. Kein inniges Band zärtlicher Achtung knüpfte ihn an seine Verwandten, Liebe machte seine dankbare Pflicht nicht freiwillig: das Schloß zu Bonna war eine Oede des Hasses für seinen künftigen Herrn. Als dieser nun auf eine ferne Ritterschule kam, fühlte er sich zum erstenmale gesellig glücklich, und in einem Zusammenhange, der sein Herz erweiterte. Vorzugsweise schloß er sich an einen jungen Edelmann fremder Abkunft, und vielleicht war es weniger manches Gleiche in den äußern Verhältnissen der beiden Jünglinge, als ihre innerste Verschiedenheit, was diese Freundschaft begründete.
Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick von den Küsten seiner Heimath auf den Boden dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren hatten großen Rang und Reichthum in Spanien behauptet, doch den Umschwung ihres zeitlichen Glückes erfahren, und seitdem die schwebende Fortuna auf andern Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete Dame jenes einst glänzenden Namens bewohnte im Gebiet von Valencia ein verfallnes Landhaus am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer Seereise verloren, und den letzten schmerzlichen Trost entbehrt, seinen Leichnam gesehen zu haben. Sein Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges Glück! -- Nach einer stürmischen Gewitternacht, in der ein Schiff verunglückt war, fand Donna Romana einen Mann besinnungslos an einen Balken geklammert, unter Trümmern am Strande. Sein Blut floß aus einer Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang davon getragen haben mogte, sacht in den glühenden Sand. Dieser traurige Anblick regte in der Spanierinn Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des Ohnmächtigen anzunehmen. Sie glaubte noch schwache Spuren des Lebens in ihm zu entdecken. Es war der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm Hülfe leistete. Sie ließ ihn in das Landhaus tragen und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er erkrankte schwer, das Fieber ward durch die schädlichen Einflüsse des Climas und der Jahreszeit auflösend; doch er genas, und kaum war der Sieg seiner rüstigen Natur entschieden, als die gute Dame ein Opfer ihrer Menschenfreundlichkeit ward. Die Dame richtete die schwarzen Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten, auf den unglückseligen Gast, der händeringend an ihrem Lager stand -- dann erlosch ihr Blick, dieser mütterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht ihres Kindes. Der Kaufmann vergaß niemals diesen Blick. Das Lächeln, womit die Mutter starb, als sie ihren Sohn in den Armen jenes Mannes und sich verstanden sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz geschrieben, mit Zügen, die keine Zeit verwischte. Niemand that Einspruch, als der Fremdling den kleinen Romana als sein Eigenthum ansah, und sobald er dazu im Stande war, ihn fortführte von dieser traurigen Küste. Der kleine Sylvius nahm nichts von dort mit sich hinweg, als ein dämmerndes Gedenken an die Schönheit seines Vaterlandes, eine Sprache, die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie Frühlingslaut an seine Seele rührte -- und das Blut seiner Nation, das stolz und heiß in seinen Adern floß. Im Hause des Kaufmanns kam dem Knaben daher -- sprüchwörtlich gesagt -- Alles spanisch vor, und nichts heimisch. Bis dahin hatte er im Garten des mütterlichen Landhauses unter einer Dattelpalme, in deren Kern sich bekanntlich die Seidenraupe einspinnt, den langen Tag der Kindheit verträumt, und, ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln gebaut. Jetzt schirmte ihn zwar auch der Baum des Friedens und des Fleißes; aber der Ernst eines geschäftsthätigen Lebens rief seine Kräfte zu nützlicher Uebung auf. Das jüngste Töchterchen des Kaufmanns hatte sich mit Sylvius in eine Art von Verständniß zu setzen gewußt, die andern Geschwister nicht. Die kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schützend um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend: »Vater! lasse doch den kleinen Ritter --« der Kaufmann lächelte zu dieser anmuthigen Benennung, -- »nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getöse der Webstühle macht ihm Kopfschmerz.« Der Vater legte seine Hand auf die blonden Flechten seines Kindes und sprach: »das Meer, daran die Wiege Deines kleinen Freundes gestanden, toset viel stärker, Blanka!«
Aber er sorgte dafür, daß Sylvius bald darauf in verhältnißmäßige Aufsicht käme, und brachte ihn später in jenes adelige Institut, wo er sich, wie wir bereits erwähnt, mit Graf Frankenstern freundlich zusammenfand. Als die Zeit ihrer Trennung gekommen war, dachten sie kaum, wann? und wo? ein günstiger Stern sie wieder vereinigen werde, und eben so wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das Band einer jugendlichen Freundschaft hält sich so stark, daß es keiner Verknüpfung dieser Art bedarf oder zu bedürfen glaubt.
Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurück, und nahm die Stellung ein, auf die er Ansprüche hatte. Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne daß er sich ihrem Interesse hätte anschließen können; immer war und blieb der Hang zur Einsamkeit vorherrschend in ihm.
Als er nach dem Tode seines Oheims die Güter antrat, meinte er, es sey nun schicklich, daß er sich vermähle. Wenig zugänglich für leidenschaftliche Gefühle der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung sein Augenmerk auf die Töchter edler Herkunft, und seine Wahl fiel auf ein liebes, leutseliges Wesen, welches den Grafen durch eine Ahnung von Stille für sich einnahm, die in diesem Gemüth wohne, und ihn ein Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen ließ. Ein so glänzendes Loos wäre dem Fräulein nicht im Traume eingefallen. Dies liebenswerthe Kind, elternlos und unbegütert, lebte in Mitten einer hochmüthigen Familie, hart gedrückt, und war, ohne Aussicht auf eine andere Versorgung, entschlossen gewesen, den Schleier zu nehmen, der damals noch manches Mädchen durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz schützte, unbegehrt von einem Manne zu bleiben. Der irdische Bräutigam kam bei dem Fräulein dem himmlischen zuvor, und ein beinahe fürstlicher Brautschatz machte es dem Gelübde der Armuth untreu.
Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und Element dieser jungfräulichen Seele gewesen wäre. Ein klösterlicher Hauch -- wenn wir so sagen dürften -- schwebte um die Gestalt der jungen Gräfinn, und die Blume ihres Glückes hatte einen Athem von Resignation. Sie verehrte ihren Gemahl gleich einem Schutzheiligen, hütete sich sorgsam, gegen seine Eigenheiten zu verstoßen, deren der Graf wirklich viele hatte; doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Gräfinn so zart in ihren Pflichten machte. In ihrem Herzen blieb eine Lücke, welche der ganze Vollbesitz ihrer Lage nicht auszufüllen vermogte. Einen verborgenen Kummer trug sie darüber. In ihrer linken Brust war eine kleine Verhärtung entstanden, die Gräfinn wußte nicht wie? Sie hatte lange keine Gelegenheit, einen Sachverständigen um Rath zu fragen, und dann eine schmerzliche Schaam zu überwinden, als es später doch geschah. Der Graf duldete keinen Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft, und der Bader des Ortes mußte sich wie ein Geächteter seinem Blick entziehen. Als die Gräfinn ihrem Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen pflegte, ward er heftig und sagte: »nein, nein! meine Liebste! solch ein Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit Gleichgültigkeit entblößt, während das arme Opfer zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl zitternd hinblinzelt -- ist mir nicht viel anders, als ob ich ein Richtschwert schwingen sähe. --« Ein jäher Krampf flog über seine Züge, die Gräfinn erbleichte -- und es war nie mehr die Rede davon.
Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die Glocken in Bonna geläutet werden; die Todten wurden ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf entschädigte die Geistlichkeit für den Verlust, den sie an diesen stillen Begräbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch, wie väterlich er für seine Unterthanen sorgte, ihnen Krankenhäuser baute, nasse Augen heimlich trocknete, und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht, daß er ihnen den Genuß öffentlicher Trauer und Thränen raubte; das Gepränge mit ihren Todten galt ihnen mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Daß ihr gütiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren haben müsse, dies sahen sie nicht ein. Der Graf fühlte jedesmal eine Anwandlung seiner Krankheit, so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich machte er seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen zu verbrennen, und diese classische Idee wurzelte in seiner nervösen Furcht vor der Möglichkeit, lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung wären dann vertilgt vom Boden seines Gebiets, und er war Willens, der Erfüllung dieses Wunsches Denen, die sich ihm fügten, große Vortheile einzuräumen. Der Aschenkrug, darin die Reste der guten Landleute von Bonna gesammelt würden, sollte ein volles Maß von Wohlergehen über sie ausgießen. -- Aber es gab einen Aufruhr -- und wenig fehlte, so hätten sie das Schloß gestürmt und den Grafen gesteinigt. Nur die abgöttische Hochachtung vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill zurück.
Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit Vorurtheil gehaßt. Dies nährte seinen tiefsinnigen Stolz, und er verschloß sich in sich selbst; nur das Gefühl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Güte war Grundsatz, deshalb erschütterte ihn der Undank nicht; aber er stand allein, und auf einer schroffen Spitze.
»Das wollen wir erleben, _Der_ wird noch überschnappen --« sagte der Bader, so oft er eine alte Gevatterinn zur Ader ließ, beflissen, den Widerwillen des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklären, die nur Jenem schadete. So kam das Gerücht in Umlauf, es sey nicht richtig mit ihm. Und da die Sage es ist, welche Verhältnisse schafft, so wie nicht selten durch die Meinung Zustände entstehen: so schwebte auch dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr, für wahnsinnig gehalten zu werden.
Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen dieser Welt kennen, die da wissen, wie nichtig eitler Besitz für das Bedürfniß des Glückes sey -- entäußerte sich die Gräfinn ihrer Vorzüge, und meinte das Beste zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermögen läge, ihren Gemahl zu erheitern. Sie glaubte, seine finstere Seele werde sanften Eindrücken sich öffnen, als sie sich Mutter fühlte, und ihr ganzes Herz hing an diese Hoffnung. Die Gräfinn ward von einem Knaben entbunden, aber schwer; es mußte ein Geburtshelfer geholt werden. Der Graf hielt sich in seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein, bis man ihm sagte, Alles wäre vorüber.
Wie duldsam die Gräfinn nun auch war, eine kleine Empfindlichkeit, so weit ihre Schwäche sie zuließ, konnte sie doch nicht bergen. Und als das Kind nach kurzer Zeit an Krämpfen starb, brachte der Gedanke, mit welch einsamen Schmerzen sie es geboren, und daß die Natur des Vaters es ihr entrissen -- die Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmüthiger Gelassenheit, so daß sie schwankte, zwischen Groll und Gram. Der Graf weigerte sich, den kleinen Leichnam zu sehen, und seine Gattinn fühlte sich verlassen wie eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mütterlichen Thränen salbte. »Mein Kind, mein süßes, kleines Kind!« jammerte die Gräfinn, »so mußtest Du mir hinsterben, bewußtlos wie eine Blume einschläft, die in tödtendem Frost erschauert! -- Und kaum habe ich das Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des Verstandes. --«
»Das Kind war weise --« sprach der Graf am Fenster eines Coridors, wo er in der umgebenden Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte.
»_Weiß_? sagst Du?« fragte die Gräfinn, aufhorchend, welch ein Wort der stumme, scheinbar kalte Vater fallen ließe, und schritt mit matten Schritten näher, »nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von Geburt an eine blaurothe Farbe.«
»Es war _weise_, sagte ich,« betonte der Graf, »denn es sträubte sich gegen das Licht dieser Welt, und hat sie bald wieder verlassen, weil sich die Mühe des Lebens nicht verlohnt.«
Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die Seele der Mutter, sie erinnerten an Stunden der Angst, und zeigten, welch eine düstere Ansicht ihr Gemahl von einem Daseyn hätte, das Schätze über seinem Haupte gehäuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen.
Die Gräfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres Kindes trennen, und hätte es lieber wie ein Bild unter Glas und Rahmen gesetzt. Sie schützte vor, es könne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im Arm des Todes.
Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten, und sein bleiches, verstörtes Gesicht forderte Schonung für seinen Zustand. Da dieser Zustand nun das Geheimniß eines Leidens war, was innig verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven, nicht minder eine Krankheit der Seele wie des Körpers genannt werden können, und die Menschen in der Regel nur ein mitleidiges Auge für sichtbare Uebel haben: so schonte selbst die Gräfinn bei aller natürlichen Zartheit der Empfindung, ihren Gemahl nicht immer genug. Wir wollen bedenken, daß der Gräfinn jenes Gefühl für ihn abging, welches allein den Geist zu durchdringen vermag: die _Liebe_ -- das tiefste Verständniß! --
Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswürdigen Frau rühmen müssen, die kein Gemeingut ihres Geschlechts sind, und nur das Eigenthum der edelsten weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter von einer kleinen Schwäche nicht frei. Der Reiz des Versagten wirkte auf ihren bescheidenen Sinn. In absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und Wundärzten, nahm sie den geringsten Anlaß wahr, ihre Kunst anzusprechen, selbst den Bader von Bonna grüßte sie freundlich und bedeutsam -- was freilich zur Ehre eines vergütenden Willens erklärt werden könnte. Für die Utensilien des Todes hatte die Gräfinn ein bemerkendes Interesse; und so wie Jemand das, was eine Gestalt in ihm gewonnen, in jedem Gegenstande erblickt: so prägte sich ihr Alles zu Bildern der Sterblichkeit aus.
Im Verschluß ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle, worin die Juwelen der Familie aufgehoben lagen. Dies Kästchen, von einer Form, wie man auch jetzt noch, nur im kleinsten Verhältniß, ein kompendiöses Nähzeug für Damen kennt, war von dunklem Saffian; um die schmal abwärts laufende Höhe zog sich eine feine stählerne Gallerie, Schloß und Handhaben waren massiv und von Silber. Die Gräfinn, gleichgültig gegen Schmuck und Putz, so daß sie als Braut jedes schimmernde Geschenk verschmäht hatte, liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages erwähnte sie gesprächsweise, daß die Perlen im Halsband von ihrer seligen Mutter, worin sie sich trauen lassen, nun auch abgestorben wären. Sie sagte dies mit so bekümmerter Miene, als wäre ein Leben von größerem Werth ihr erblichen. »O! da sey ruhig, mein Schatz!« antwortete der Graf eilig, weil jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ängstete, »Perlen kannst Du sehr schön haben, wirklich köstlich; ächte! orientalische! --« Und mit freundlicher Gefälligkeit für den Geschmack der Gattinn, ließ er das Kästchen aus dem Behältniß eines Schrankes heben, und reichte ihr den Schlüssel. Die Gräfinn war doch eine Frau. Mit leuchtenden Augen betrachtete sie das nette Köfferchen und sprach: »ist dies doch ein förmlich kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem solchen. Oben fehlt nur noch das Crucifix, so ist er fertig.« Das Schloß, leise erklingend, that sich auf; dieser Ton, jene Worte, berührten in dem Grafen eine überspannte Saite -- und schaudernd wendete er sich ab.
»Und innen auch --« fuhr die Gräfinn unvorsichtig fort, »dieses duftende Kissen von weißem Atlaß, mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht, ist doch ein wenig mehr als Staub. --« Sie nahm ein Stück nach dem andern heraus, und der Schimmer der Edelsteine spiegelte sich in ihrem lächelnden Blicke.
Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme, das Kästchen von nun an in Gewahrsam zu behalten.
Eine abermalige Niederkunft der Gräfinn war nicht glücklicher als die erste. Das Kind starb an Krämpfen. Sie fing an zu zweifeln, daß ihr Mutterfreuden beschieden seyn würden, nur halb getröstet von dem Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn kränklichen Geschöpfen das Leben gegeben zu haben für langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als ihren frühen Tod zu beweinen.
Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter düstrer Fassung hin, und diese melancholische Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in ihrem Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken Brust war es während jener Zustände schlimmer geworden, und ein erfahrener Arzt äußerte, wenn die Gräfinn nur nicht wieder guter Hoffnung würde, so dürfe sie schon ohne Furcht seyn. --
Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne daß irgend ein Ereigniß bedeutender Art die tiefe, eintönige Ruhe im Schloß zu Bonna unterbrochen hätte. Es war der Gräfinn zuweilen, als hätte sie seit ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. -- Sie brachte jeden Sommer eine Zeitlang in Bühle zu und besuchte dann freundschaftlich die Cisterzienserinnen von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen Lächeln blickte sie in das heitere, vollblühende Gesicht mancher geistlichen Schwester, deren Geburtstag nicht weit von dem ihrigen aus einander lag. Sie sah an dem jungen Zuwachs der Töchter auf den Gütern ihres Gemahls, daß sie alt würde, und nahm in trübem Verzichten auf die Freuden des Lebens das Gefühl einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung des Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der Druck der Gleichmäßigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt vor der Zeit.
Jetzt aber wurde die Gräfinn, deren zarte Gesundheit selten gestört gewesen, sehr kränklich und verfiel sichtbar. Ein Arzt, dem die Gräfinn ihr Zutrauen schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm, sie fühle sich beengt und einen Andrang nach dem Herzen -- traurige Gedanken schwebten ihr beständig vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung ihres Gemahls auszuhalten --: es läge ihr ein wenig im Gemüth, und Zerstreuung würde hier das Beste thun. Die Gräfinn schüttelte leise den Kopf, wobei ein paar Thränen von ihren Wimpern tropften. Sie sprach: »habe ich jene Schwermuth, unter der eine Frau unsäglich leidet, doch so lange mit Freudigkeit getragen, warum sinkt mir denn jetzt der Muth?«
»Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt unerträglich wird --« erwiederte ihr hierauf der Doctor. Er gab sein Gutachten dahin ab, daß, wenn der Graf sich entschließen könnte, die Bäder von S... zu gebrauchen, so wäre hoffentlich auch seiner Gemahlinn geholfen. -- Es kostete einen schweren Entschluß, daß dieser Rath befolgt würde. Der Graf war beinahe menschenscheu, die Gräfinn, durch langes Entwöhnen von geselligem Umgang nonnenhaft blöde geworden; es grauete Beiden vor dem Geräusch der Welt. Der Graf machte die schöne Reise wie ein Automat. Er sprach nur, was er mußte. -- Die Gräfinn saß stumm an seiner Seite, und ihr Blick streifte düster über die wallenden Getraidefelder hin, an denen noch die letzte Blüthe hing -- oder tauchte unter in ein Meer von Sorgen. Sie ließ halten, so oft ein Fußgänger, mühselig und beladen, ein Armer am Wege mit neidendem Staunen zu der prächtigen Equipage aufsah, und reichte ein Geldstück heraus, das ihm fröhlich weiter half. So sammelte die gute Gräfinn tausend Segenswünsche ein, und der große Rentirer an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an Ort und Stelle die Zinsen des Wohlthuns.
In dem pallastähnlichen Hause, worin Graf Frankenstern mit seiner Gemahlinn Wohnung fand, hatte die nächst daran stoßenden Zimmer ein alter freundlicher Mann, mit einer jungen blassen Frau inne.
Ein Zufall brachte die Gräfinn schon am ersten Morgen in nähernde Beziehung zu dem alten Nachbar. Es war ein berühmter Accoucheur, der seiner Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er erzählte, die junge Frau hätte fünf todte Kinder geboren, »und _fünftausend lebendige_,« setzte er mit summarischem Accent und einer Mischung von Stolz und Schmerz hinzu: »habe ich mit dieser meiner Hand eingetragen, und komme mir deshalb wie ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder =nolens volens= an das Licht bringt.«
Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die obgleich klein und hager doch so gewaltig war; der Gräfinn Auge haftete auf einem Siegelringe am Finger des Priesters der Lucina. Sie erröthete gleich dem schönen Carniol, und faßte ein Herz zu diesem Manne. --
»Mein bleiches Töchterchen,« fuhr er fort, »thut mir leid; das gute Weib grämt sich und weint oftmals im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn. Und ich, der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und muß meinen Ruf verlieren am eigenen Blut. So kannte ich einen Mann, der die halbe verkrüppelte Welt gerade gemacht hatte, und sein einziger Sohn war ein Aesop. Dies ist ein herber Spott für die Kunst, und ein mächtiger Schlagbaum gegen den Egoismus; aber gewiß eine weise Einrichtung von Gott. Die Kräfte des Einzelnen gehören der Menschheit und nicht seinem Glück.«
Die Gräfinn hörte ihm mit ersichtlicher Theilnahme zu. Sie kam sich, im Vergleich zu jener beklagenswerthen Frau, minder unglücklich vor. So erwähnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um seine Meinung, über den Gebrauch der Bäder dieses Ortes für sie selbst. Der Alte that ein paar Querfragen, dann mit einem practischen Lächeln den Ausspruch: die Gräfinn würde noch vor Ablauf des Jahres einer kleinen Wanne bedürfen. -- Sie sah ihn an mit einem Blick -- einem Blick! -- wenn, nach einem platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter des Schönen und Guten sey: so dürfen wir, in kühner Anwendung desselben, die Gräfinn als eine Gesegnete ihres Geschlechts betrachten.
In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie; er überließ sich seinen Gedanken, und gerieth auf einen jener geheimnißvollen Spaziergänge, die dadurch an ihrem Reiz verlieren, daß die Menge sie weder kennt noch sucht. Unter dem Niederhang einer Birke saß ein Mann, der einen Knaben zwischen seinen Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklären schien. Der Graf grüßte stumm und ging vorüber. »Gieb Acht, Sylvius!« sagte der Fremde, als der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken folgte.
»Sylvius!« wiederholte der Graf leise, und blieb stehen, um einem Echo der Erinnerung zu lauschen. Als er aber jenen Mann mit einer fremdartigen Aussprache weiter reden hörte, rief er, daß Berg und Thal davon wiederhallte: »Sylvius!« Vater und Sohn dieses Namens sprangen erschrocken auf, und Romana lag in den Armen seines Freundes.
Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen, und schaute mit großen Augen unter einem strohernen Hütchen hervor, dem eine kleine rothe Feder ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte hatte sich mit all' der hinreißenden Gewalt der Freundschaft seines Vaters bemächtigt.