Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft Text der Ausgabe 1793, mit Beifügung der Abweichungen der Ausgabe 1794

Part 6

Chapter 63,327 wordsPublic domain

Diese _angeborne_ Schuld (_reatus_), welche so genannt wird, weil sie sich so früh, als sich nur immer der Gebrauch der Freiheit im Menschen äußert, wahrnehmen läßt, und nichts desto weniger doch aus der Freiheit entsprungen sein muß, und daher zugerechnet werden kann; kann in ihren zwei ersteren Stufen (der Gebrechlichkeit, und der Unlauterkeit) als unvorsätzlich (_culpa_), in der dritten aber als vorsätzliche Schuld (_dolus_), beurtheilt werden; und hat zu ihrem Charakter eine gewisse [39] _Tücke_ des menschlichen Herzens (_dolus malus_), sich wegen seiner (A 33-35). eigenen guten oder bösen Gesinnungen selbst zu betrügen, und, wenn nur (B 37-38). die Handlungen das Böse nicht zur Folge haben, was sie nach ihren (R 42-43). Maximen wohl haben könnten, sich seiner Gesinnung wegen nicht zu (Ha 199-200; beunruhigen, sondern vielmehr vor dem Gesetze gerechtfertigt zu halten. b 132-33). Daher rührt die Gewissensruhe so vieler (ihrer Meinung nach (K 42-43). gewissenhaften) Menschen, wenn sie mitten unter Handlungen, bei denen das Gesetz nicht zu Rathe gezogen ward, wenigstens nicht das Meiste galt, nur den bösen Folgen glücklich entwischten, und wol gar die Einbildung von Verdienst, keiner solcher Vergehungen sich schuldig zu fühlen, mit denen sie Andere behaftet sehen: ohne doch nachzuforschen, ob es nicht bloß etwa Verdienst des Glücks sei, und ob nach der Denkungsart, die sie in ihrem Innern wohl aufdecken könnten, wenn sie nur wollten, nicht gleiche Laster von ihnen verübt worden wären, wenn nicht Unvermögen, Temperament, Erziehung, Umstände der Zeit und des Orts, die in Versuchung führen, (lauter Dinge, die uns nicht zugerechnet werden können,) davon entfernt gehalten hätten. Diese Unredlichkeit, sich selbst blauen Dunst vorzumachen, welche die Gründung ächter moralischer Gesinnung in uns abhält, erweitert sich denn auch äußerlich zur Falschheit und Täuschung Anderer; welche, wenn sie nicht Bosheit genannt werden soll, doch wenigstens Nichtswürdigkeit zu heißen verdient; und liegt in dem radicalen Bösen der menschlichen Natur, welches (indem es die moralische Urtheilskraft in Ansehung dessen, wofür man einen Menschen halten solle, verstimmt, und die Zurechnung innerlich und äußerlich ganz ungewiß macht) den faulen Fleck unserer Gattung ausmacht, der, so lange wir ihn nicht herausbringen, den Keim des Guten hindert, sich, wie er sonst wohl thun würde, zu entwickeln.

Ein Mitglied des englischen Parlaments stieß in der Hitze die Behauptung aus: »Ein jeder Mensch hat seinen Preis, für den er sich weggiebt.« Wenn dieses wahr ist, (welches dann ein Jeder bei sich ausmachen mag); wenn es überall keine Tugend giebt, für die nicht ein Grad der Versuchung gefunden werden kann, der vermögend ist, sie zu stürzen; wenn, ob der [40] böse oder der gute Geist uns für seine Partei gewinne, es nur darauf (A 35-37). ankömmt, wer das Meiste bietet, und die prompteste Zahlung leistet: so (B 38-40). möchte wohl vom Menschen allgemein wahr sein, was der Apostel sagt: »Es (R 43-44). ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder -- es ist Keiner, (Ha 200-201; der Gutes thue (nach dem Geiste des Gesetzes), auch nicht Einer.«[31] b 133-34). (K 43-44).

IV. Vom Ursprunge des Bösen in der menschlichen Natur.

Ursprung (der erste) ist die Abstammung einer Wirkung von ihrer ersten, d. i. derjenigen Ursache, welche nicht wiederum Wirkung einer andern Ursache von derselben Art ist. Er kann entweder als _Vernunft-_ oder als _Zeitursprung_ in Betrachtung gezogen werden. In der ersten Bedeutung wird bloß das _Dasein_ der Wirkung betrachtet; in der zweiten, das _Geschehen_ derselben, mithin sie als Begebenheit auf ihre _Ursache in der Zeit_ bezogen. Wenn die Wirkung auf eine Ursache, die mit ihr doch nach Freiheitsgesetzen verbunden ist, bezogen wird, wie das mit dem moralisch Bösen der Fall ist; so wird die Bestimmung der Willkühr zu ihrer Hervorbringung nicht als mit ihrem Bestimmungsgrunde in der Zeit, sondern bloß in der Vernunftvorstellung, verbunden gedacht, und kann nicht als von irgend einem _vorhergehenden_ Zustande abgeleitet werden; [41] welches dagegen allemal geschehen muß, wenn die böse Handlung als (A 37-38). _Begebenheit_ in der Welt auf ihre Naturursache bezogen wird. Von den (B 40-42). freien Handlungen, als solchen, den Zeitursprung (gleich als von (R 45-46). Naturwirkungen) zu suchen, ist also ein Widerspruch; mithin auch von der (Ha 201-2; moralischen Beschaffenheit des Menschen, sofern sie als zufällig b 134-35). betrachtet wird, weil diese den Grund des _Gebrauchs_ der Freiheit (K 44-45). bedeutet, welcher (so wie der Bestimmungsgrund der freien Willkühr überhaupt) lediglich in Vernunftvorstellungen gesucht werden muß.

Wie nun aber auch der Ursprung des moralischen Bösen im Menschen immer beschaffen sein mag, so ist doch unter allen Vorstellungsarten, von der Verbreitung und Fortsetzung desselben durch alle Glieder unserer Gattung und in allen Zeugungen, die unschicklichste: es sich, als durch _Anerbung_ von den ersten Eltern auf uns gekommen, vorzustellen; denn man kann vom moralisch Bösen eben das sagen, was der Dichter vom Guten sagt: -- _Genus, et proavos, et _quae non fecimus ipsi_, Vix ea nostra puto._[32] -- Noch ist zu merken: daß, wenn wir dem Ursprunge des Bösen [42] nachforschen, wir anfänglich noch nicht den Hang dazu (als _peccatum in (A 38-40). potentia_) in Anschlag bringen, sondern nur das wirkliche Böse gegebener (B 41-43). Handlungen, nach seiner innern Möglichkeit, und dem, was zur Ausübung (R 46-47). derselben in der Willkühr zusammenkommen muß, in Betrachtung ziehen. (Ha 202-3; b 135). Eine jede böse Handlung muß, wenn man den Vernunftursprung derselben (K 45-46). sucht, so betrachtet werden, als ob der Mensch unmittelbar aus dem Stande der Unschuld in sie gerathen wäre. Denn: wie auch sein voriges Verhalten gewesen sein mag, und welcherlei auch die auf ihn einfließenden Naturursachen sein mögen, ingleichen ob sie in oder außer ihm anzutreffen seien; so ist seine Handlung doch frei, und durch keine dieser Ursachen bestimmt, kann also und muß immer als ein _ursprünglicher_ Gebrauch seiner Willkühr beurtheilt werden. Er sollte sie unterlassen haben, in welchen Zeitumständen und Verbindungen er auch immer gewesen sein mag; denn durch keine Ursache in der Welt kann er aufhören, ein frei handelndes Wesen zu sein. Man sagt zwar mit Recht: dem Menschen werden auch die aus seinen ehemaligen freien, aber gesetzwidrigen Handlungen entspringenden _Folgen_ zugerechnet; dadurch aber will man nur sagen: man habe nicht nöthig, sich auf diese Ausflucht einzulassen, und auszumachen, ob die letztern frei sein mögen, oder nicht, weil schon in der geständlich freien Handlung, die ihre Ursache war, hinreichender Grund der Zurechnung vorhanden ist. Wenn aber Jemand bis zu einer unmittelbar bevorstehenden freien Handlung auch noch so böse gewesen wäre (bis zur Gewohnheit als anderer Natur): so ist es nicht allein seine Pflicht gewesen, besser zu sein; sondern es ist jetzt noch seine Pflicht, sich zu bessern: er muß es also auch können, und ist, wenn er es nicht thut, der Zurechnung in dem Augenblicke der Handlung eben so fähig und unterworfen, als ob er, mit der natürlichen Anlage zum Guten (die von der Freiheit unzertrennlich ist) begabt, aus dem Stande der Unschuld zum Bösen übergeschritten wäre. -- Wir können also nicht nach dem Zeitursprunge, sondern müssen bloß nach dem Vernunftursprunge dieser That fragen, um darnach den Hang, d. i. den [43] subjectiven allgemeinen Grund der Aufnehmung einer Uebertretung in (A 40-41). unsere Maxime, wenn ein solcher ist, zu bestimmen, und wo möglich zu (B 43-45). erklären. (R 47-48). (Ha 203-4; Hiermit stimmt nun die Vorstellungsart, deren sich die Schrift bedient, b 135-36). den Ursprung des Bösen als einen _Anfang_ desselben in der (K 46-47). Menschengattung zu schildern, ganz wohl zusammen: indem sie ihn in einer Geschichte vorstellig macht, wo, was der Natur der Sache nach (ohne auf Zeitbedingung Rücksicht zu nehmen) als das Erste gedacht werden muß, als ein solches der Zeit nach erscheint. Nach ihr fängt das Böse nicht von einem zum Grunde liegenden Hange zu demselben an, (weil sonst der Anfang desselben nicht aus der Freiheit entspringen würde;) sondern von der _Sünde_, (worunter die Uebertretung des moralischen Gesetzes als _göttlichen Gebots_ verstanden wird); der Zustand des Menschen aber, vor allem Hange zum _Bösen_, heißt der Stand der _Unschuld_. Das moralische Gesetz gieng, wie es auch beim Menschen, als einem nicht reinen, sondern von Neigungen versuchten, Wesen sein muß, als _Verbot_ voraus (I. Mose II, 16. 17.). Anstatt nun diesem Gesetze, als hinreichender Triebfeder (die allein unbedingt gut ist, wobei auch weiter kein Bedenken stattfindet), gerade zu folgen; sah sich der Mensch doch noch nach andern Triebfedern um (III, 6.), die nur bedingterweise (nämlich, sofern dem Gesetze dadurch nicht Eintrag geschieht,) gut sein können, und machte es sich, wenn man die Handlung als mit Bewußtsein aus Freiheit entspringend denkt, zur Maxime, dem Gesetze der Pflicht nicht aus Pflicht, sondern auch allenfalls aus Rücksicht auf andere Absichten zu folgen. Mithin fieng er damit an, die Strenge des Gebots, welches den Einfluß jeder andern Triebfeder ausschließt, zu bezweifeln, hernach den Gehorsam gegen dasselbe zu einem bloß (unter dem Princip der Selbstliebe) bedingten eines Mittels herab zu vernünfteln;[33] woraus dann endlich das Uebergewicht der sinnlichen Antriebe über die [44] Triebfeder aus dem Gesetz, in die Maxime zu handeln, aufgenommen, und so (A 41-43). gesündigt ward (III, 6.). _Mutato nomine de te fabula narratur._ Daß wir (B 45-46). es täglich eben so machen, mithin »in Adam Alle gesündiget haben« und (R 48-49). noch sündigen, ist aus dem Obigen klar; nur daß bei uns schon ein (Ha 204-5; angeborner Hang zur Uebertretung, in dem ersten Menschen aber kein b 136-37). solcher, sondern Unschuld, der Zeit nach vorausgesetzt wird, mithin die (K 47-49). Uebertretung bei diesem ein _Sündenfall_ heißt: statt daß sie bei uns, als aus der schon angebornen Bösartigkeit unserer Natur erfolgend, vorgestellt wird. Dieser Hang aber bedeutet nichts weiter, als daß, wenn wir uns auf die Erklärung des Bösen, seinem _Zeitanfange_ nach, einlassen wollen, wir bei jeder vorsätzlichen Uebertretung die Ursachen in einer vorigen Zeit unsers Lebens bis zurück in diejenige, wo der Vernunftgebrauch noch nicht entwickelt war, mithin bis zu einem Hange (als natürliche Grundlage) zum Bösen, welcher darum angeboren heißt, die Quelle des Bösen verfolgen müßten: welches bei dem ersten Menschen, der schon mit völligem Vermögen seines Vernunftgebrauchs vorgestellt wird, nicht nöthig, auch nicht thunlich ist; weil sonst jene Grundlage (der böse Hang) gar anerschaffen gewesen sein müßte; daher seine Sünde, unmittelbar als aus der Unschuld erzeugt, aufgeführt wird. -- Wir müssen aber von einer moralischen Beschaffenheit, die uns soll zugerechnet werden, keinen Zeitursprung suchen; so unvermeidlich dieses auch ist, wenn wir ihr zufälliges Dasein _erklären_ wollen, (daher ihn auch die Schrift, dieser unserer Schwäche gemäß, so vorstellig gemacht haben mag).

Der Vernunftursprung aber dieser Verstimmung unserer Willkühr in Ansehung der Art, subordinirte Triebfedern zu oberst in ihre Maximen aufzunehmen, d. i. dieses Hanges zum Bösen, bleibt uns unerforschlich, weil er selbst uns zugerechnet werden muß, folglich jener oberste Grund aller Maximen wiederum die Annehmung einer bösen Maxime erfordern würde. [45] Das Böse hat nur aus dem moralisch Bösen (nicht den bloßen Schranken (A 43-44). unserer Natur) entspringen können; und doch ist die ursprüngliche Anlage (B 46-48). (die auch kein Anderer als der Mensch selbst verderben konnte, wenn (R 49-50). diese Corruption ihm soll zugerechnet werden) eine Anlage zum Guten; für (Ha 205-6; uns ist also kein begreiflicher Grund da, woher das moralische Böse in b 137-38). uns zuerst gekommen sein könne. -- Diese Unbegreiflichkeit, zusammt der (K 48-49). näheren Bestimmung der Bösartigkeit unserer Gattung drückt die Schrift in jener Geschichtserzählung[34] dadurch aus, daß sie das Böse, zwar im Weltanfange, doch noch nicht im Menschen, sondern in einem _Geiste_ von ursprünglich erhabnerer{[35]} Bestimmung voranschickt: wodurch also der _erste_ Anfang alles Bösen überhaupt als für uns unbegreiflich (denn woher bei jenem Geiste das Böse?), der Mensch aber nur als _durch Verführung_ ins Böse gefallen, also _nicht von Grund aus_ (selbst der ersten Anlage zum Guten nach) verderbt, sondern als noch einer Besserung fähig, im Gegensatze mit einem verführenden _Geiste_, d. i. einem solchen Wesen, dem die Versuchung des Fleisches nicht zur Milderung seiner Schuld angerechnet werden kann, vorgestellt, und so dem ersteren, der bei einem verderbten Herzen doch immer noch einen guten Willen hat, Hoffnung einer Wiederkehr zu dem Guten, von dem er abgewichen ist, übrig [46] gelassen wird. (A 44-46). (B 48-49). (R 50-51). V. Von der Wiederherstellung der ursprünglichen Anlage zum Guten (Ha 206-7; in ihre Kraft.{[36]} b 138-39). (K 49-50). Was der Mensch im moralischen Sinne ist, oder werden soll, gut oder böse, dazu muß er _sich selbst_ machen, oder gemacht haben. Beides muß eine Wirkung seiner freien Willkühr sein; denn sonst könnte es ihm nicht zugerechnet werden, folglich er weder _moralisch_ gut noch böse sein. Wenn es heißt, er ist _gut_ geschaffen, so kann das nichts mehr bedeuten, als er ist zum _Guten_ erschaffen, und die ursprüngliche _Anlage_ im Menschen ist gut; der Mensch ist es selber dadurch noch nicht, sondern, nachdem er die Triebfedern, die diese Anlage enthält, in seine Maxime aufnimmt, oder nicht, (welches seiner freien Wahl gänzlich überlassen sein muß), macht er, daß er gut oder böse wird. Gesetzt, zum Gut- oder Besserwerden sei noch eine übernatürliche Mitwirkung nöthig, so mag diese nur in der Verminderung der Hindernisse bestehen, oder auch positiver Beistand sein, der Mensch muß sich doch vorher würdig machen, sie zu empfangen, und diese Beihilfe _annehmen_, (welches nichts Geringes ist) d. i. die positive Kraftvermehrung in seine Maxime aufnehmen, wodurch es allein möglich wird, daß ihm das Gute zugerechnet, und er für einen guten Menschen erkannt werde.

Wie es nun möglich sei, daß ein natürlicherweise böser Mensch sich selbst zum guten Menschen mache, das übersteigt alle unsere Begriffe; denn wie kann ein böser Baum gute Früchte bringen? Da aber doch nach dem vorher abgelegten Geständnisse ein ursprünglich (der Anlage nach) guter Baum arge Früchte hervorgebracht hat[37] und der Verfall vom Guten ins Böse (wenn man wohl bedenkt, daß dieses aus der Freiheit entspringt), [47] nicht begreiflicher ist, als das Wiederaufstehen aus dem Bösen zum (A 46-48). Guten; so kann die Möglichkeit des letztern nicht bestritten werden. (B 49-51). Denn, ungeachtet jenes Abfalls, erschallt doch das Gebot: wir _sollen_ (R 51-52). bessere Menschen werden, unvermindert in unserer Seele; folglich müssen (Ha 207-8; wir es auch können, sollte auch das, was wir thun können, für sich b 139-40). allein unzureichend sein, und wir uns dadurch nur eines für uns (K 50-51). unerforschlichen höheren Beistandes empfänglich machen. -- Freilich muß hiebei vorausgesetzt werden, daß ein Keim des Guten in seiner ganzen Reinigkeit übrig geblieben, nicht vertilgt oder verderbt werden konnte, welcher gewiß nicht die Selbstliebe[38] sein kann; die, als Princip [48] aller unserer Maximen angenommen, gerade die Quelle alles Bösen ist. (A 48-49). (B 51-53). Die Wiederherstellung der ursprünglichen Anlage zum Guten in uns, ist (R 52-53). also nicht Erwerbung einer _verlornen_ Triebfeder zum Guten; denn diese, (Ha 208-9; die in der Achtung fürs moralische Gesetz besteht, haben wir nie b 140-41). verlieren können, und wäre das Letztere möglich, so würden wir sie auch (K 51-52). nie wieder erwerben. Sie ist also nur die Herstellung der _Reinigkeit_ desselben, als obersten Grundes aller unserer Maximen, nach welcher dasselbe nicht bloß mit andern Triebfedern verbunden, oder wol gar diesen (den Neigungen) als Bedingungen untergeordnet, sondern in seiner ganzen Reinigkeit als für sich _zureichende_ Triebfeder der Bestimmung der Willkühr in dieselbe aufgenommen werden soll. Das ursprünglich Gute ist die _Heiligkeit der Maximen_ in Befolgung seiner Pflicht; wodurch der Mensch, der diese Reinigkeit in seine Maxime aufnimmt, ob zwar darum noch nicht selbst heilig (denn zwischen der Maxime und der That ist noch ein großer Zwischenraum), dennoch auf dem Wege dazu ist, sich ihr im unendlichen Fortschritt zu nähern. Der zur Fertigkeit gewordene feste [49] Vorsatz in Befolgung seiner Pflicht heißt auch _Tugend_, der Legalität (A 49-50). nach als ihrem _empirischen Charakter_ (_virtus phaenomenon_). Sie hat (B 53-54). also die beharrliche Maxime _gesetzmäßiger_ Handlungen; die Triebfeder, (R 53-54). deren die Willkühr hiezu bedarf, mag man nehmen, woher man wolle. Daher (Ha 209-10; wird Tugend in diesem Sinne _nach und nach_ erworben, und heißt Einigen b 141-42). eine lange Gewohnheit (in Beobachtung des Gesetzes), durch die der (K 52-53). Mensch vom Hange zum Laster durch allmähliche Reformen seines Verhaltens, und Befestigung seiner Maximen in einen entgegengesetzten Hang übergekommen ist. Dazu ist nun nicht eben eine _Herzensänderung_ nöthig; sondern nur eine Aenderung der _Sitten_. Der Mensch findet sich tugendhaft, wenn er sich in Maximen, seine Pflicht zu beobachten, befestigt fühlt: obgleich nicht aus dem obersten Grunde aller Maximen, nämlich aus Pflicht; sondern der Unmäßige z. B. kehrt zur Mäßigkeit um der Gesundheit, der Lügenhafte zur Wahrhaftigkeit um der Ehre, der Ungerechte zur bürgerlichen Ehrlichkeit um der Ruhe oder des Erwerbs willen, u. s. w. zurück. Alle nach dem gepriesenen Princip der Glückseligkeit. Um aber nicht bloß ein _gesetzlich_, sondern ein _moralisch_ guter (Gott wohlgefälliger) Mensch, d. i. tugendhaft nach dem intelligibelen Charakter (_virtus noumenon_), zu werden, welcher,{[39]} wenn er etwas als Pflicht erkennt, keiner andern Triebfeder weiter bedarf, als dieser Vorstellung der Pflicht selbst: das kann nicht durch allmähliche _Reform_, so lange die Grundlage der Maximen unlauter bleibt, sondern muß durch eine _Revolution_ in der Gesinnung im Menschen (einen Uebergang zur Maxime der Heiligkeit derselben) bewirkt werden; und er kann ein neuer Mensch, nur durch eine Art von Wiedergeburt gleich als durch eine neue Schöpfung (Ev. Johann. III, 5; verglichen mit I. Mose, 1, 2) und Aenderung des Herzens werden.

Wenn der Mensch aber im Grunde seiner Maximen verderbt ist, wie ist es möglich, daß er durch eigene Kräfte diese Revolution zu Stande bringe, [50] und von selbst ein guter Mensch werde? Und doch gebietet die Pflicht es (A 51-52). zu sein, sie gebietet uns aber nichts, als was uns thunlich ist. Dieses (B 54-56). ist nicht anders zu vereinigen, als daß die Revolution für die (R 54-55). Denkungsart, die allmähliche Reform aber für die Sinnesart (welche jener (Ha 210-11; Hindernisse entgegenstellt), nothwendig, und daher auch dem Menschen b 142). möglich sein muß. Das ist: wenn er den obersten Grund seiner Maximen, (K 53-54). wodurch er ein böser Mensch war, durch eine einzige unwandelbare Entschließung umkehrt, (und hiemit einen neuen Menschen anzieht); so ist er sofern dem Princip und der Denkungsart nach ein fürs Gute empfängliches Subject; aber nur in continuirlichem Wirken und Werden ein guter Mensch: d. i. er kann hoffen, daß er bei einer solchen Reinigkeit des Princips, welches er sich zur obersten Maxime seiner Willkühr genommen hat, und der Festigkeit desselben, sich auf dem guten (obwol schmalen) Wege eines beständigen _Fortschreitens_ vom Schlechten zum Bessern befinde. Dies ist für denjenigen, der den intelligibelen Grund des Herzens (aller Maximen der Willkühr) durchschauet, für den also diese Unendlichkeit des Fortschritts Einheit ist, d. i. für Gott so viel, als wirklich ein guter (ihm gefälliger) Mensch sein; und in sofern kann diese Veränderung als Revolution betrachtet werden; für die Beurtheilung der Menschen aber, die sich und die Stärke ihrer Maximen nur nach der Oberhand, die sie über Sinnlichkeit in der Zeit gewinnen, schätzen können, ist sie nur als ein immer fortdauerndes Streben zum Bessern, mithin als allmähliche Reform des Hanges zum Bösen, als verkehrter Denkungsart, anzusehen.

Hieraus folgt, daß die moralische Bildung des Menschen nicht von der Besserung der Sitten, sondern von der Umwandlung der Denkungsart, und von Gründung eines Charakters anfangen müsse; ob man zwar gewöhnlicherweise anders verfährt, und wider Laster einzeln kämpft, die allgemeine Wurzel derselben aber unberührt läßt. Nun ist selbst der eingeschränkteste Mensch des Eindrucks einer desto größeren Achtung für eine pflichtmäßige Handlung fähig, je mehr er ihr in Gedanken andere Triebfedern, die durch die Selbstliebe auf die Maxime der Handlung [51] Einfluß haben könnten, entzieht; und selbst Kinder sind fähig, auch die (A 52-54). kleinste Spur von Beimischung unächter Triebfedern aufzufinden: da denn (B 56-57). die Handlung bei ihnen augenblicklich allen moralischen Werth verliert. (R 55-56). Diese Anlage zum Guten wird dadurch, daß man das _Beispiel_ selbst von (Ha 211-12; guten Menschen (was die Gesetzmäßigkeit derselben betrifft), anführt, b 142-43). und seine moralischen Lehrlinge die Unlauterkeit mancher Maximen aus den (K 54-55). wirklichen Triebfedern ihrer Handlungen beurtheilen läßt, unvergleichlich cultivirt, und geht allmählig in die Denkungsart über: so daß _Pflicht_ bloß für sich selbst in ihren Herzen ein merkliches Gewicht zu bekommen anhebt. Allein tugendhafte Handlungen, so viel Aufopferung sie auch gekostet haben mögen, _bewundern_ zu lehren, ist noch nicht die rechte Stimmung, die das Gemüth des Lehrlings fürs moralisch Gute erhalten soll. Denn so tugendhaft Jemand auch sei, so ist doch Alles, was er immer Gutes thun kann, bloß Pflicht; seine Pflicht aber thun, ist nichts mehr, als das thun, was in der gewöhnlichen sittlichen Ordnung ist, mithin nicht bewundert zu werden verdient. Vielmehr ist diese Bewunderung eine Abstimmung unsers Gefühls für Pflicht, gleich als ob es etwas Außerordentliches und Verdienstliches wäre, ihr Gehorsam zu leisten.