Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft Text der Ausgabe 1793, mit Beifügung der Abweichungen der Ausgabe 1794

Part 14

Chapter 143,225 wordsPublic domain

Aus dem Judenthum also, aber aus dem nicht mehr altväterlichen und unvermengten, bloß auf eigene politische Verfassung, (die auch schon sehr zerrüttet war), gestellten, sondern aus dem schon durch allmählig darin öffentlich gewordene moralische Lehren mit einem Religionsglauben vermischten Judenthum, in einem Zustande, wo diesem sonst unwissenden Volke schon viel fremde (griechische) Weisheit zugekommen war, welche vermuthlich auch dazu beitrug, es durch Tugendbegriffe aufzuklären, und bei der drückenden Last ihres Satzungsglaubens zu Revolutionen zuzubereiten, bei Gelegenheit der Verminderung der Macht der Priester, durch ihre Unterwerfung unter die Oberherrschaft eines Volks, das allen fremden Volksglauben mit Gleichgültigkeit ansah, aus einem solchen Judenthum erhob sich nun plötzlich, ob zwar nicht unvorbereitet, das Christenthum. Der Lehrer des Evangeliums kündigte sich als einen vom Himmel gesandten, indem er zugleich als einer solchen Sendung würdig, [138] den Frohnglauben (an gottesdienstliche Tage, Bekenntnisse und Gebräuche) (A 181-83). für an sich nichtig, den moralischen dagegen, der allein die Menschen (B 191-93). heiligt, »wie ihr Vater im Himmel heilig ist,« und durch den guten (R 154-55). Lebenswandel seine Aechtheit beweist, für den alleinseligmachenden (Ha 304-5; erklärte, nachdem er aber durch Lehre und Leiden bis zum unverschuldeten b 227-28). und zugleich verdienstlichen Tode[98] an seiner Person ein dem Urbilde [139] der allein Gott wohlgefälligen Menschheit gemäßes Beispiel gegeben (A 183-84). hatte, als zum Himmel, aus dem er gekommen war, wieder zurückkehrend (B 192-94). vorgestellt wird, indem er seinen letzten Willen (gleich als in einem (R 155-56). Testamente) mündlich zurückließ, und was die Kraft der Erinnerung an (Ha 305-6; sein Verdienst, Lehre und Beispiel betrifft, doch sagen konnte, »er (das b 228-29). Ideal der Gott wohlgefälligen Menschheit) bleibe nichts desto weniger (K 154-55). bei seinen Lehrjüngern bis an der Welt Ende.« -- Dieser Lehre, die, wenn es etwa um einen _Geschichtsglauben_ wegen der Abkunft und des vielleicht überirdischen Ranges seiner Person zu thun wäre, wohl der Bestätigung durch Wunder bedurfte, die aber als bloß zum moralischen seelenbessernden Glauben gehörig, aller solcher Beweisthümer ihrer Wahrheit entbehren kann, werden in einem heiligen Buche noch Wunder und Geheimnisse beigesellt, deren Bekanntmachung selbst wiederum ein Wunder ist, und das einen Geschichtsglauben erfordert, der nicht anders, als durch Gelehrsamkeit, sowohl beurkundet, als auch der Bedeutung und dem Sinne nach gesichert werden kann.

Aller Glaube aber, der sich als Geschichtsglaube auf Bücher gründet, hat zu seiner Gewährleistung ein _gelehrtes Publikum_ nöthig, in welchem er durch Schriftsteller als Zeitgenossen, die in keinem Verdacht einer besondern Verabredung mit den ersten Verbreitern desselben stehen, und deren Zusammenhang mit unserer jetzigen Schriftstellerei sich ununterbrochen erhalten hat, gleichsam controllirt werden könne. Der reine Vernunftglaube dagegen bedarf einer solchen Beurkundung nicht, sondern beweist sich selbst. Nun war zu den Zeiten jener Revolution in dem Volke, welches die Juden beherrschte, und in dieser ihrem Sitze selbst verbreitet war, (im römischen Volke) schon ein gelehrtes Publikum, von welchem uns auch die Geschichte der damaligen Zeit, was die Ereignisse in der politischen Verfassung betrifft, durch die ununterbrochne Reihe von Schriftstellern überliefert worden; auch war [140] dieses Volk, wenn es sich gleich um den Religionsglauben ihrer nicht (A 184-86). römischen Unterthanen wenig bekümmerte, doch in Ansehung der unter ihnen (B 194-96). öffentlich geschehen sein sollenden Wunder keinesweges ungläubig; allein (R 156-57). sie erwähnten als Zeitgenossen nichts weder von diesen noch von der, (Ha 306-7; gleichwohl öffentlich vorgegangenen Revolution, die sie in dem ihnen b 229). unterworfenen Volke (in Absicht auf die Religion) hervorbrachten. Nur (K 155-56). spät, nach mehr als einem Menschenalter, stellten sie Nachforschung wegen der Beschaffenheit dieser ihnen bis dahin unbekannt gebliebenen Glaubensveränderung (die nicht ohne öffentliche Bewegung vorgegangen war), keine aber wegen der Geschichte ihres ersten Anfangs an, um sie in ihren eigenen Annalen aufzusuchen. Von diesem an, bis auf die Zeit, da das Christenthum für sich selbst ein gelehrtes Publikum ausmachte, ist daher die Geschichte desselben dunkel, und also bleibt uns unbekannt, welche Wirkung die Lehre desselben auf die Moralität seiner Religionsgenossen that, ob die ersten Christen wirklich moralisch gebesserte Menschen, oder aber Leute von gewöhnlichem Schlage gewesen. Seitdem aber das Christenthum selbst ein gelehrtes Publikum wurde, oder doch in das allgemeine eintrat, gereicht die Geschichte desselben, was die wohlthätige Wirkung betrifft, die man von einer moralischen Religion mit Recht erwarten kann, ihm keinesweges zur Empfehlung. -- Wie mystische Schwärmereien im Eremiten- und Mönchsleben und Hochpreisung der Heiligkeit des ehelosen Standes eine große Menschenzahl für die Welt unnütz machten; wie damit zusammenhängende vorgebliche Wunder das Volk unter einem blinden Aberglauben mit schweren Fesseln drückte; wie mit einer sich freien Menschen aufdringenden Hierarchie sich die schreckliche Stimme der _Rechtgläubigkeit_ aus dem Munde anmaßender alleiniger berufener Schriftausleger erhob, und die christliche Welt wegen Glaubensmeinungen (in die, wenn man nicht die reine Vernunft zum Ausleger aufruft, schlechterdings keine allgemeine Einstimmung zu bringen ist), in erbitterte Parteien trennte; wie im Orient, wo der Staat sich auf eine lächerliche Art selbst mit Glaubensstatuten der Priester und dem Pfaffenthum befaßte, anstatt sie in den engen Schranken [141] eines bloßen Lehrstandes (aus dem sie jederzeit in einen regierenden (A 186-87). überzugehen geneigt sind), zu halten, wie, sage ich, dieser Staat (B 196-97). endlich auswärtigen Feinden, die zuletzt seinem herrschenden Glauben ein (R 157-58). Ende machten, unvermeidlicher Weise zur Beute werden mußte; wie im (Ha 307-8; Occident, wo der Glaube seinen eigenen, von der weltlichen Macht b 229-30). unabhängigen Thron errichtet hat, von einem angemaßten Statthalter (K 156-57). Gottes die bürgerliche Ordnung sammt den Wissenschaften, (welche jene erhalten), zerrüttet und kraftlos gemacht wurden; wie beide christliche Welttheile, gleich den Gewächsen und Thieren, die durch eine Krankheit ihrer Auflösung nahe, zerstörende Insekten herbeilocken, diese zu vollenden, von Barbaren befallen wurden; wie in dem letztern jenes geistliche Oberhaupt Könige, wie Kinder, durch die Zauberruthe seines angedrohten Bannes beherrschte, und züchtigte, sie zu einen andern Welttheil entvölkernden auswärtigen Kriegen (den Kreuzzügen) zur Befehdung untereinander, zur Empörung der Unterthanen gegen ihre Obrigkeit, und zum blutdürstigen Haß gegen ihre anders denkenden Mitgenossen eines und desselben allgemeinen so genannten Christenthums aufreizte; wie zu diesem Unfrieden, der auch jetzt nur noch durch das politische Interesse von gewaltthätigen Ausbrüchen abgehalten wird, die Wurzel in dem Grundsatze eines despotisch gebietenden Kirchenglaubens verborgen liegt, und jenen Auftritten ähnliche noch immer besorgen läßt: -- diese Geschichte des Christenthums, (welche, sofern es auf einem Geschichtsglauben errichtet werden sollte, auch nicht anders ausfallen konnte) wenn man sie als ein Gemälde unter einem Blick faßt, könnte wohl den Ausruf rechtfertigen: _tantum religio potuit suadere malorum!_ wenn nicht aus der Stiftung desselben immer noch deutlich genug hervorleuchtete, daß seine wahre erste Absicht keine andre, als die gewesen sei, einen reinen Religionsglauben, über welchen es keine streitenden Meinungen geben kann, einzuführen, alles jenes Gewühl aber, wodurch das menschliche Geschlecht zerrüttet ward, und noch entzweiet wird, bloß davon herrührt, daß durch einen schlimmen Hang der menschlichen Natur, was beim Anfange zur Introduction des letztern [142] dienen sollte, nämlich die an den alten Geschichtsglauben gewöhnte (A 188-89). Nation durch ihre eigenen Vorurtheile für die neue zu gewinnen, in der (B 197-98). Folge zum Fundament einer allgemeinen Weltreligion gemacht worden. (R 158-59). (Ha 308; Fragt man nun: welche Zeit der ganzen bisher bekannten Kirchengeschichte b 230-31). die beste sei, so trage ich kein Bedenken, zu sagen: _es ist die (K 157-58). jetzige_, und zwar so, daß man den Keim des wahren Religionsglaubens, so wie er jetzt in der Christenheit zwar nur von einigen, aber doch öffentlich gelegt worden, nur ungehindert sich mehr und mehr darf entwickeln lassen, um davon eine continuirliche Annäherung zu derjenigen, alle Menschen auf immer vereinigenden Kirche zu erwarten, die die sichtbare Vorstellung (das Schema) eines unsichtbaren Reichs Gottes auf Erden ausmacht. -- Die in Dingen, welche ihrer Natur nach moralisch und seelenbessernd sein sollen, sich von der Last eines der Willkühr der Ausleger beständig ausgesetzten Glaubens loswindende Vernunft hat in allen Ländern unsers Welttheils unter wahren Religionsverehrern allgemein, (wenn gleich nicht allenthalben öffentlich), _erstlich_ den Grundsatz der billigen _Bescheidenheit_ in Aussprüchen über Alles, was Offenbarung heißt, angenommen: daß, da Niemand einer Schrift, die ihrem praktischen Inhalte nach lauter Göttliches enthält, nicht die _Möglichkeit_ abstreiten kann, sie könne (nämlich in Ansehung dessen, was darin historisch ist), auch wohl wirklich als göttliche Offenbarung angesehen werden, imgleichen die Verbindung der Menschen zu einer Religion nicht füglich ohne ein heiliges Buch und auf dasselbe gegründeten Kirchenglauben zu Stande gebracht, und beharrlich gemacht werden kann; da auch, wie der gegenwärtige Zustand menschlicher Einsicht beschaffen ist, wohl schwerlich Jemand eine neue Offenbarung durch neue Wunder eingeführt, erwarten wird, es das Vernünftigste und Billigste sei, das{[99]} Buch, was einmal da ist, fernerhin zur Grundlage des Kirchenunterrichts zu brauchen, und seinen Werth nicht durch unnütze oder muthwillige Angriffe zu schwächen, dabei aber auch keinem Menschen den Glauben daran als zur [143] Seligkeit erforderlich aufzudringen. Der _zweite_ Grundsatz ist: daß, da (A 189-90). die heilige Geschichte, die bloß zum Behuf des Kirchenglaubens angelegt (B 199-200). ist, für sich allein auf die Annehmung moralischer Maximen (R 159-60). schlechterdings keinen Einfluß haben kann und soll, sondern diesem nur (Ha 309; zur lebendigen Darstellung ihres wahren Objects (der zur Heiligkeit b 231-32). hinstrebenden Tugend) gegeben ist, sie jederzeit als auf das moralische (K 158-59). abzweckend gelehrt und erklärt werden, hierbei aber auch sorgfältig, und (weil vornehmlich der gemeine Mensch einen beständigen Hang in sich hat, zum passiven[100] Glauben überzuschreiten), wiederholentlich eingeschärft werden müsse, daß die wahre Religion nicht im Wissen oder Bekennen dessen, was Gott zu unserer Seligwerdung thue oder gethan habe, sondern in dem, was wir thun müssen, um dessen würdig zu werden, zu setzen sei, welches niemals etwas Anders sein kann, als was für sich selbst einen unbezweifelten _unbedingten_ Werth hat, mithin uns allein Gott wohlgefällig machen, und von dessen Nothwendigkeit zugleich jeder Mensch ohne alle Schriftgelehrsamkeit völlig gewiß werden kann. -- Diese Grundsätze nun nicht zu hindern, damit sie öffentlich werden, ist Regentenpflicht; dagegen sehr viel dabei gewagt und auf eigene Verantwortung unternommen wird, hiebei in den Gang der göttlichen Vorsehung einzugreifen, und gewissen historischen Kirchenlehren zu gefallen, die doch höchstens nur eine durch Gelehrte auszumachende Wahrscheinlichkeit für sich haben, die Gewissenhaftigkeit der Unterthanen durch Anbietung oder Versagung gewisser bürgerlichen, sonst [144] Jedem offen stehenden Vortheile in Versuchung zu bringen,[101] welches (A 191-92). den Abbruch, der hierdurch einer in diesem Falle heiligen Freiheit (B 200-201). geschieht, ungerechnet, dem Staate schwerlich gute Bürger verschaffen (R 160-61). kann. Wer von denen, die sich zur Verhinderung einer solchen freien (Ha 309-10; Entwickelung göttlicher Anlagen zum Weltbesten anbieten, oder sie gar b 232-33). vorschlagen, würde, wenn er mit Zuratheziehung des Gewissens darüber (K 159-60). nachdenkt, sich wohl für alle das Böse verbürgen wollen, was aus solchen [145] gewaltthätigen Eingriffen entspringen kann; wodurch der von der (A 192-94). Weltregierung beabsichtigte Fortgang im Guten vielleicht auf lange Zeit (B 202-3). gehemmt, ja wohl in einen Rückgang gebracht werden dürfte; wenn er (R 161-62). gleich durch keine menschliche Macht und Anstalt jemals gänzlich (Ha 310-11; aufgehoben werden kann. b 232-34). (K 160-61). Das Himmelreich wird zuletzt auch, was die Leitung der Vorsehung betrifft, in dieser Geschichte nicht allein als in einer zwar zu gewissen Zeiten verweilten, aber nie ganz unterbrochenen Annäherung, sondern auch in seinem Eintritte vorgestellt. Man kann es nun als eine bloß zur größern Belebung der Hoffnung und des Muths und Nachstrebung zu demselben abgezweckte symbolische Vorstellung auslegen; wenn dieser Geschichtserzählung noch eine Weissagung (gleich als in sybillinischen Büchern) von der Vollendung dieser großen Weltveränderung in dem Gemälde eines sichtbaren Reichs Gottes auf Erden (unter der Regierung seines wieder herabgekommenen Stellvertreters und Statthalters) und der Glückseligkeit, die unter ihm nach Absonderung und Ausstoßung der Rebellen, die ihren Widerstand noch einmal versuchen, hier auf Erden genossen werden soll, sammt der gänzlichen Vertilgung derselben und ihres Anführers (in der Apocalypse) beigefügt wird, und so _das Ende der Welt_ den Beschluß der Geschichte macht. Der Lehrer des Evangeliums hatte seinen Jüngern das Reich Gottes auf Erden, nur von der herrlichen, seelenerhebenden, moralischen Seite, nämlich der Würdigkeit, Bürger eines göttlichen Staats zu sein, gezeigt, und sie dahin angewiesen, was sie zu thun hätten, nicht allein, um selbst dazu zu gelangen, sondern sich mit andern Gleichgesinnten, und wo möglich, mit dem ganzen menschlichen Geschlecht dahin zu vereinigen. Was aber die Glückseligkeit betrifft, die den andren Theil der unvermeidlichen menschlichen Wünsche ausmacht, so sagte er ihnen voraus: daß sie auf diese sich in ihrem Erdenleben keine Rechnung machen möchten. Er bereitete sie vielmehr vor, auf die größten Trübsale und Aufopferungen gefaßt zu sein; doch setzte er (weil eine gänzliche Verzichtthuung auf das Physische der Glückseligkeit dem Menschen, so lange er existirt, nicht zugemuthet [146] werden kann,) hinzu: »seid fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel (A 194-95). wohl vergolten werden.« Der angeführte Zusatz zur Geschichte der Kirche, (B 203-5). der das künftige und letzte Schicksal derselben betrifft, stellt diese (R 162-63). nun endlich als _triumphirend_, d. i. nach allen überwundenen (Ha 311-12; Hindernissen als mit Glückseligkeit noch hier auf Erden bekrönt vor. -- b 234). Die Scheidung der Guten von den Bösen, die während der Fortschritte der (K 161-62). Kirche zu ihrer Vollkommenheit, diesem Zwecke nicht zuträglich gewesen sein würde, (indem die Vermischung beider untereinander gerade dazu nöthig war, theils um den erstern zum Wetzstein der Tugend zu dienen, theils um die andern durch ihr Beispiel vom Bösen abzuziehen) wird nach vollendeter Errichtung des göttlichen Staats, als die letzte Folge derselben vorgestellt; wo noch der letzte Beweis seiner Festigkeit, als Macht betrachtet, sein Sieg über alle äußeren Feinde, die eben sowohl auch als in einem Staate (dem Höllenstaat) betrachtet werden, hinzugefügt wird, womit dann alles Erdenleben ein Ende hat, »der letzte Feind (der guten Menschen) der Tod aufgehoben wird,« und an beiden Theilen, dem einen zum Heil, dem andern zum Verderben, Unsterblichkeit anhebt, die Form einer Kirche selbst aufgelöst wird, der Statthalter auf Erden mit denen zu ihm, als Himmelsbürger erhobenen Menschen in eine Classe tritt, und so Gott Alles in Allem ist.[102]

Diese Vorstellung einer Geschichtserzählung der Nachwelt, die selbst [147] keine Geschichte ist, ist ein schönes Ideal der durch Einführung der (A 195-96). wahren allgemeinen Religion bewirkten moralischen, im Glauben (B 205-6). _vorausgesehenen_ Weltepoche, bis zu ihrer Vollendung, die wir nicht als (R 163-64). empirische Vollendung _absehen_, sondern auf die wir nur im (Ha 312-13; continuirlichen Fortschreiten und Annäherung zum höchsten auf Erden b 234-35). möglichen Guten (worin nichts Mystisches ist, sondern Alles auf (K 162-63). moralische Weise natürlich zugeht), hinaussehen, d. i. dazu Anstalt machen können. Die Erscheinung des Antichrists, der Chiliasmus, die Ankündigung der Nahheit des Weltendes können vor der Vernunft ihre gute symbolische Bedeutung annehmen, und die letztere als ein, (so wie das Lebensende, ob nahe oder fern) nicht vorherzusehendes Ereigniß vorgestellt, drückt sehr gut die Nothwendigkeit aus, jederzeit darauf in Bereitschaft zu stehen, in der That aber (wenn man diesem Symbol den intellectuellen Sinn unterlegt) uns jederzeit wirklich als berufene Bürger eines göttlichen (ethischen) Staats anzusehen. »Wenn kommt nun also das Reich Gottes?« -- »Das Reich Gottes kommt nicht in sichtbarer Gestalt. Man wird auch nicht sagen: siehe hier, oder da ist es. _Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch!_« (Luc. 17, 21 bis 22).[103]

Allgemeine Anmerkung. [148] (A 196). In allen Glaubensarten, die sich auf Religion beziehn, stößt das (B 206-8). Nachforschen hinter ihrer innern Beschaffenheit unvermeidlich auf ein [149] _Geheimniß_, d. i. auf etwas _Heiliges_, was zwar von jedem Einzelnen (A 196-97). _gekannt_, aber doch nicht öffentlich _bekannt_, d. i. allgemein (B 208-9). mitgetheilt werden kann. -- Als etwas Heiliges muß es ein moralischer, (R 165-66). mithin ein Gegenstand der Vernunft sein, und [[innerlich]]{[104]} für (Ha 314-15; den praktischen Gebrauch hinreichend erkannt werden können, aber als b 236-37). etwas _Geheimes_ doch nicht für den theoretischen; weil es alsdann auch (K 164-65). Jedermann müßte mittheilbar sein, und also auch öffentlich bekannt werden können.

Der Glaube an Etwas, was wir doch zugleich als heiliges Geheimniß betrachten sollen, kann nun entweder für einen göttlich eingegebenen, oder einen reinen Vernunftglauben gehalten werden. Ohne durch die größte Noth zur Annahme des ersten gedrungen zu sein, werden wir es uns zur Maxime machen, es mit dem letztern zu halten. -- Gefühle sind nicht Erkenntnisse, und bezeichnen also auch kein Geheimniß, und da das letztere auf Vernunft Beziehung hat, und doch nicht allgemein mitgetheilt werden kann: so wird (wenn je ein solches ist), Jeder es nur in seiner eigenen Vernunft aufzusuchen haben.

Es ist unmöglich, _a priori_ und objectiv auszumachen, ob es dergleichen Geheimnisse gebe, oder nicht. Wir werden also in dem Innern, dem Subjectiven unserer moralischen Anlage unmittelbar nachsuchen müssen, um zu sehen, ob sich dergleichen in uns finden.{[105]} Doch werden wir nicht die uns unerforschlichen _Gründe_ zu dem Moralischen, was sich zwar öffentlich mittheilen läßt, wozu uns aber die Ursache nicht gegeben ist, sondern das allein, was uns fürs Erkenntniß gegeben, aber doch einer öffentlichen Mittheilung unfähig ist, zu den heiligen Geheimnissen zählen dürfen. So ist die Freiheit, eine Eigenschaft, die dem Menschen aus der Bestimmbarkeit seiner Willkühr durch das unbedingt moralische Gesetz kund wird, kein Geheimniß, weil ihr Erkenntniß Jedermann _mitgetheilt_ werden kann; der uns unerforschliche Grund dieser Eigenschaft aber ist ein Geheimniß, weil er uns zur Erkenntniß _nicht gegeben_ ist. Aber eben diese Freiheit ist auch allein dasjenige, was, [150] wenn sie auf das letzte Object der praktischen Vernunft, die Realisirung (A 197-99). der Idee des moralischen Endzwecks angewandt wird, uns unvermeidlich auf (B 209-10). heilige Geheimnisse führt. --[106] (R 166-67). (Ha 315-16; Weil der Mensch die mit der reinen moralischen Gesinnung unzertrennlich b 237-38). verbundene Idee des höchsten Guts (nicht allein von Seiten der dazu (K 165-67). gehörigen Glückseligkeit, sondern auch der nothwendigen Vereinigung der Menschen zu dem ganzen Zweck), nicht selbst realisiren kann, gleichwohl aber darauf hinzuwirken in sich Pflicht antrifft, so findet er sich zum Glauben an die Mitwirkung oder Veranstaltung eines moralischen Weltherrschers hingezogen, wodurch dieser Zweck allein möglich ist, und nun eröffnet sich vor ihm der Abgrund eines Geheimnisses, von dem, was [151] Gott hiebei thue, ob ihm überhaupt _etwas_, und was _ihm_ (Gott) (A 199-200). besonders zuzuschreiben sei, indessen, daß der Mensch an jeder Pflicht (B 210-12). nichts anders erkennt, als was er selbst zu thun habe, um jener ihm (R 167-68). unbekannten wenigstens unbegreiflichen Ergänzung würdig zu sein. (Ha 316-17; b 238-39). Diese Idee eines moralischen Weltherrschers ist eine Aufgabe für unsere (K 167-68). praktische Vernunft. Es liegt uns nicht sowohl daran, zu wissen, was Gott an sich selbst [[(seine Natur)]]{[107]} sei, sondern was er für uns als moralisches Wesen sei; wiewohl wir zum Behuf dieser Beziehung die göttliche Naturbeschaffenheit so denken und annehmen müssen, als es zu diesem Verhältnisse in der ganzen zur Ausführung seines Willens erforderlichen Vollkommenheit nöthig ist, (z. B. als eines unveränderlichen, allwissenden, allmächtigen &c. Wesens) und ohne diese Beziehung nichts an ihm erkennen können.

Diesem Bedürfnisse der praktischen Vernunft gemäß ist nun der allgemeine wahre Religionsglaube der Glaube an Gott 1) als den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden, d. i. moralisch als _heiligen_ Gesetzgeber, 2) an ihn, den Erhalter des menschlichen Geschlechts, als _gütigen_ Regierer und moralischen Versorger desselben, 3) an ihn, den Verwalter seiner eignen heiligen Gesetze, d. i. als _gerechten_ Richter.

Dieser Glaube enthält eigentlich kein Geheimniß; weil er lediglich das moralische Verhalten Gottes zum menschlichen Geschlechte ausdrückt; auch bietet er sich aller menschlichen Vernunft von selbst dar, und wird daher in der Religion der meisten gesitteten Völker angetroffen.[108] Er [152] liegt in dem Begriffe eines Volks, als eines gemeinen Wesens, worin eine (A 200). solche dreifache obere Gewalt (_pouvoir_) jederzeit gedacht werden muß, (B 212-13). nur daß dieses hier als ethisch vorgestellt wird, daher diese dreifache (R 168-69). Qualität des moralischen Oberhauptes des menschlichen Geschlechts in (Ha 317-18; einem einigen Wesen{[109]} vereinigt gedacht werden kann, die in einem b 239). juridischbürgerlichen Staate nothwendig unter drei verschiedenen (K 168-69). Subjecten vertheilt sein mußte.{[111]}[110]