Die Osternacht. Erste Abtheilung
Part 8
Eh' wir weiter reden, nahm Paschalis das Wort, wo ist Dein Kind?
Das ist doch zum Lachen! versetzte Dorothee, wenn es sonst nicht zum Weinen wäre! --
Hätt' ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte Paschalis. Ich komme in das Dorf nach meinem Kinde zum Prediger, dem ich sie anvertraut. Ein junges Weib sitzt da: ich schweige, ich gehe; ich will morgen wiederkommen, um zu erfahren, wo sie nun ist -- da brechen in der Nacht die Dämme, da eil' ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute, daß sie _meine Stimme_ höre! laute, um in der Menge verborgen sie _mit_ zu retten -- nur _sie_ -- -- hätt' ich doch nicht gelauten! hätt' ich doch Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen mir aufzuschreiben, dann zog sie nicht auf das Schloß!
Die Alte aber sprach: die gnädige Frau ist todt; nun kann sie ja der gnädige Gottlieb _auch_ heirathen.
Das ist meine Tochter! würd' ich ihm sagen, trotzte Paschalis und hielt Dorothee an seiner ausgestreckten Hand.
Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behält er das Gut.
Ich würde ihm sagen: Sie heißen Gottlieb, aber Ihnen ist weder _Gott_ lieb! noch sind Sie Gott _lieb!_ wenigstens _mir_ nicht! Zieh' in den Krieg! rieth ihm Paschalis.
Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wünsche, so seid Ihr doch werth, daß ich Euch frage: hatte Clementine nicht eine Mutter? lebte sie nicht als Wittwe bei ihr und bei _ihm?_ war sie nicht jung noch und üppig genug? -- _Ihr_ hab' ich _ihr_ Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth, daß eine Tochter vor Gram starb? war das nicht werth, daß eine Mutter vom Sarge der Tochter entfloh! --
Alle schwiegen mit stummer Scheu. Dorotheens Worte hatten eingeschlagen. Jeder sah zur Erde, Jedem bebte das Herz.
Paschalis wollte seine reine, unschuldige Dorothee umarmen und rief: Mein einziges Kind! --
Dorothee trat vor ihm zurück. Nun sind wir geschieden! sprach sie. Das Schloß ist Euer -- das Schloß betret' ich nimmer wieder! -- Ihr habt die Schulden zu Euren Schulden gemacht; gebt Eurer Martha Schwester ihre tausend Gulden, und mir den Lotteriegewinn, daß ich ihn Johannes wieder erstatte -- dann lebt in Frieden! Bedenkt, daß Martha meine Mutter war, und daß Ihr mich in ihr gekränkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt Ihr so schenkt dem alten Leinweber einen neuen Baß, so spielt er wieder, und Johannes befährt den alten Rhein.
Einen großen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen! Du, Breitenthal! Dorothee, daß Du Dich rein erhalten in solchen Händen! Johannes aber ein Schiff mit goldenem Boden -- ich will Euch Alle glücklich machen! sagte Paschalis erregt zu Johannes.
Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch möglich! entgegnete ihm Johannes. So elend war ich da nicht wie heut', und nun immerfort! -- o mein gutes Weib! -- und doch lebt ja der alte Gott! Du verstehst mich, aber nur halb!
Ihr seid doch sonderbare Menschen! sprach Paschalis. Wer begreift das Alles! Doch daß Du mir nicht Schande, nein Ehre gemacht, o Dorothee, das segnet Dir Gott und mir!
Ihr wundert Euch und seid ein großer Kaufmann, Herr Vater! lächelte Dorothee. Das jüngste Mädchen ist so klug wie der älteste Kaufmann. -- Nicht wahr, Ihr verliert nur _Eure Schätze_, wenn Jemand fallirt, dem Ihr sie anvertraut. Aber -- ein _gefallenes_ Haus hat keinen Credit, und ein Mädchen borgt _Ihm_ nicht einen Finger, geschweige die Lippe! -- Das sag' ich noch, damit es Euch nicht zu schwer wird, mich zu vermissen.
Gerade nun! Du mußt mein sein! bei mir bleiben! bat sie der Vater.
Das will ich mir funfzig Jahr überlegen! beschied ihn das kecke Mädchen.
Johannes aber hatte schon längst das Zimmer verlassen und wankte hin, um sich auszuweinen bei seinem Daniel. -- Aber er fand Jemand schon neben ihm. Wer seid Ihr? fragt' er verwundert. -- Still! Still! ich bin Wecker! der wahre Wecker? Ich bin der Mann! schon eine halbe Stunde! Hier ist der Doctor! sprach er und wies ihm den abgeriebenen Strohwisch; er ist eigentlich nur ein _Lizentiat!_ fuhr er fort. Das Kind, im Schnee und mit Schnee vom Himmel beschüttet, war erwärmt, und seine Wärme hat sich eine Höhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine Wange glüht. Ex Noth wird wieder Ex voto! Hört ihr das Osterlied! Nun kommen die heiligen Frauen.
Johannes aber kniete, betete und konnte vor Zittern der Hände nicht thun, was ihn Wecker hieß, der das Kind zuletzt auf die Füße stellte und in des Vaters Arme gab. Der Knabe besann sich endlich langsam wieder, glaubte noch in dem Steinbruch zu sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder äße, hörte dann des Vaters Zuruf und sagte mit halber Stimme: Bist Du da, Vater? da hast Du Brot! komm', führe mich heim, der Mutter wird bange sein!
Und so führte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der aufgehenden Sonne Licht und Glanz geblendet, und schwach, schwankte das Kind und stand wie im Traume und gähnte und strich sich die Haare aus der Stirn.
Nicht wahr, Daniel lebt? er lebt? fragte Johannes die Mutter.
Freilich, da steht er und lächelt ja! sprach Christel, aber allmälig stammelnd und zögernd, und plötzlich erblaßt vor Ahnung, die aus Johannes Worten und Wesen sie anschauerte.
Nun -- nun kannst Du auch wissen, daß er todt war! fuhr Johannes leiser fort und zog ihn der weinenden Mutter nah.
Daniel! -- sprach sie mit versagender Stimme und streckte die Arme nach ihm.
Mutter! -- sprach er, als bät' er sie um Vergebung, und lag in ihren Armen.
Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hörte sie nicht an Daniels Halse. Wecker aber stand nur sehr freundlich da und hatte die Augen zu.
Nun bin ich glücklich, rief Johannes; ich habe den Daniel wieder! und noch einen kleinen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her!« -- Ich habe Alles! -- Dorothee! hörst Du, Dorothee, ergieb Dich Deinem Vater! -- Du weinst, mein Mädchen?
Da traten die Jungfrau'n der Osternacht auch vor das kleine Haus und sangen:
Es gingen drei heilige Frauen Alle-alleluja! Des Morgens früh im Thauen, Alle-alleluja!
Alle erschraken darin und hörten gerührt die hellen Stimmen singen. Paschalis ließ sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da waren die drei Frauen, Maria, Martha und Magdelena, verschleiert, und die zwei Engel in weißen Gewanden. Und sie standen wie Erscheinungen, fuhren fort in dem Wechselgesang, und es sangen:
_Die Engel:_
Erschrecket nicht, und seid All' froh! Alle-alleluja! Denn, den ihr sucht, der ist nicht da. Alle-alleluja!
_Martha:_
Ach Engel! lieber Engel fein, Alle-alleluja! Wo find' ich doch den Herren mein? Alle-alleluja!
_Die Engel:_
Er ist erstanden aus dem Grab, Alle-alleluja! Heut' an dem heil'gen Ostertag. Alle-alleluja!
_Maria:_
Habt Dank, ihr lieben Engel fein. Alle-alleluja! Nun woll'n wir Alle fröhlich sein! Alle-alleluja!
Sie schwiegen nun und lächelten. --
-- Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle fröhlich sein! sagte Paschalis und zog seine Tochter, die Willige nun, an das Herz.
Und Ihr auch? alter Wecker! sprach mit dankbarem Handschlag Johannes. Ihr bleibt bei uns und zieht mit hinab, wenn das neue Haus steht.
Das wollt' ich nur wissen! sagte der Alte und sang mit Thränen ein frohes: Alle-alleluja!
Und Christel betete leise: Habt Dank, ihr lieben Engel! dann rief sie Sophiechen und sagte: siehe, mein Kind, heut' tanzt die Sonne! denn heut' ist heiliger Ostertag!
Dorothee nahm sie auf den Arm. Und das Kind sah' in die rothe, große, zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm über, und Dorotheen.
Aber Paschalis trat mit wunderlicher Scheu vor Martha, die ihn aus dem Schleier ansah, und bot _ihr_, wie zur Versöhnung, die Hand und blickte mit feuchten Augen zum Himmel.
Die Engel aber schieden, küßten die Kinder und grüßten Alle mit freundlichem Lächeln und sprachen: _Friede sei mit Euch!_
Anmerkungen zur Transkription
Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Dritter Theil. Veit und Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107.
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