Die Osternacht. Erste Abtheilung

Part 7

Chapter 73,925 wordsPublic domain

In der Nacht nun träumte ihr der Traum: Unser Herr-Gott sei gestorben. Engel, blaß wie der Tod, hatten es ausgerufen, mit Stimmen, die bebten vor Wehmuth. Thränen fielen wie Thau und warmer Regen vom wolkenlosen Himmel, und die Kinder standen mit ausgestreckten Händen und fingen die Tropfen in ihrer Hand auf und staunten sie an und zeigten sie den Menschen, die sich lautlos und entgeistert einander ansahen. Ein unaufhörliches Lauten, wie von großen silbernen, aber gedämpften Glocken, summte in der Luft, und Alle sahen und hörten hinauf, und Niemand wußte, woher das feierliche Lauten scholl. Die Sonne stand verfinstert; ängstliche Düsternheit ward auf der Erde, die innerlich bebte. Die Eulen kamen aus ihren Höhlen, die Johanniswürmchen flogen und schimmerten sichtbar wie Funken, die Hähne krähten und gingen zu Bette, die Blumen schlossen sich zu und senkten ihr Haupt, die Vögel schwiegen, und die Krähen zogen zu Walde. Die verschatteten Gewölke erschienen wie schwarze herabgeworfene Flore, die Nachtigall brach in einzelne Klagetöne aus und verstummte plötzlich, und die Gestirne traten am Himmel bei Tage heraus, und eine Verwirrung war in der Natur voll Angst und Zagen und Hast und Bestürzung, und aus der äußersten Ferne des Himmels erdröhnte es dumpf, als stürzte sein altes Gewölbe zusammen und würde verschüttet, und das Dröhnen scholl immer näher, hörbarer, herzbeklemmender, und Niemand wußte Rettung. Und die Erde schwebte mit der Träumenden empor, und ihre Schwester Martha raunte ihr ins Ohr: Ich bin todt, und Du bist todt! Nichts lebt mehr, wenn der Vater todt ist. Unser Herz hat ausgeschlagen, unsere Augen sehen ungeblendet selbst in den Blitz -- komm! komm! komm -- ich will Dir den Heiligen zeigen in seinem Sarge. Und sie klopften an die Thür des Himmels, und Weihrauchduft quoll ihnen entgegen, und sie sahe in dem wie Herbstnebel wallenden silbernen, Alles verhüllenden Duft hohe, diamantene Leuchter stehen, aber keine Kerzen darauf, sondern ruhig um dieselben im Kreise sich drehend, schimmerten Lichtkugeln wie Gestirne und Sonnen, und kleinere Lichter wieder um sie. Und so standen unzählige Leuchter auf den Stufen eines himmelblauen Katafalks, von unten bis oben hinauf um das Castrum doloris, und oben darauf stand ein krystallener Sarg, und Engel hielten Wache um den wie schlafenden Vater und hatten vor Schmerz sich eingehüllt in ihre Flügel. -- Niemand wagte hinzuschauen. Eine feierliche, tödtliche Stille wie Gewitterschwüle. Nur leise Donner murmelten dumpf in der Ferne, weit, weit, wie Sterbegeseufz der Natur, und Flügelschlag der Winde sauste vorüber, und das veilchenblaue Gewand des Schlummernden, sanft davon bestreift, duftete lieblich wie ewiger Frühling, und die damit getränkte Luft verhauchte den Wohlgeruch, köstlich duftend, und hin und her ein Engel nur seufzte aus tiefer Brust: O große Noth! Und aus allen Regionen der Welt stürzten athemlos und verblaßt, Angst im Antlitz, auf ihren Flügeln, wie vor dem Sturm heimeilende Tauben, Engel herzu und sahen und blieben stehen, zu Bildern erstarrt mit gehobener Hand, oder sanken auf ihr Gesicht.

Siehe da trat Einer mit gescheiteltem, goldenem Haar vor den Sarg und las mir weicher Stimme: Er, Er, der allein ist, der _allein_ sein wird, Er wollte die Welt nicht wieder zerstören, seiner Hände Werk; sie war ihm zu schön, zu geliebt -- aber zu sündhaft. Niemand sah _Ihn_ durch sein Werk, über ihm, in ihm, mit ihm, Sie lebten wie _ohne_ Ihn! -- Wehe! nicht das einzige Verbot: Du sollst nicht tödten! dieß grellklingende, leichte Verbot an die rohen Pilger in der Wüste, das Er auf den harten Stein mit dem Finger geschrieben, vermochten Weisere, Glücklichere, Spätere seiner Kinder zu halten! geschweige das ewige einzige Gebot, das im Blute der Natur wie Balsam zu allen Herzen drängt, das Sterne und Sonnen voll Milde und Schweigen _laut_ in Strahlen verkünden, das die Erden _blühen_ mit tausend Blumen, das auf dem Antlitz der Neugebornen als Lächeln steht, das Gebot: liebe Gott über Alles, und Deinen Nächsten als Dich selbst. -- So ist er gestorben, wie Er sterben kann; so ist er todt, wie _Jemand_ todt sein kann: -- Er schweigt und ruht in seiner eignen stillen Seligkeit, um der Welt zu zeigen, was sie ohne ihn sei, ohne die Liebe, die Er ist. Ihr Heiligen aber, verzaget nicht! Ihr wohnt, wie zuvor schon auf der Welt, auch jetzt in seinem schlummernden Geiste. --

Und eine Geisterstimme rief:

Zur Gruft! zur Gruft! zur Gruft! Komme hinaus, mein König![A]

[Fußnote A: [Greek: `Exelthe, `ô basileu]! rief die Stimme eines zum Engel verkleideten Menschen die griechischen Kaiser, wenn sie erhoben wurden, um in die Gruft getragen zu werden -- in das Heroon. Im _Europalata_.]

Nun, sahen sie, nun erhoben ihn schauernd die Engel und trugen ihn zur Gruft und versenkten ihn. Auch Moses war unter den Begrabenden, und streute sein abgeschnittenes Silberhaar mit den Blumen Streuenden zuletzt in das offene Grab. -- Da fielen die Sterne vom Himmel, der Welt entging die Kraft, und sie zog zurück in sein Herz, wie eine leuchtende Wolke, die ihn umwob, und ein Strahl daraus wie ein Abendsonnenstrahl aus Gewölk glänzte und senkte sich, glühend und rege fließend, auf seine Brust. Finsterniß ward! Oede! Schweigen! Keine Wolke zog, kein Lüftchen wehte; die Flüsse versiegten, die Blumen verwelkten, alle Pulse stockten, keine Thräne hatte selbst ein Auge mehr; kein Ach! eine Stimme; keine Hände hatten die Kraft, zum Gebet sich zu falten; keinen Gedanken jetzt mehr: »Wir wollen uns lieben,« irgend ein Herz. Alle Propheten, alle Gesandten, alle Söhne Gottes von allen Sternen herbeigeschwirrt wie weiße Schatten, hauchten Gott den Geist Gottes aus, waren todt und nichts, von seiner zurückgenommenen geliehenen Kraft verlassen. Selbst die Engel sanken zuletzt am Grabe, von seiner Kraft verlassen, dahin; ein unermeßlicher weißer Regenbogen, wie eine unendliche, breite Milchstraße, zog sich aus allen den zerschollenen und zerstäubten flirrenden Massen von Leben und Licht über dem Grabe zusammen, aus welchem Glanz hervorbrach, warm und sanft und rosig, wie eine Rose schimmert im Mondschein. -- Sie nahte mit heiligem Schauder, sie beugte sich zitternd über, sein Antlitz -- Gottes Antlitz zu sehen -- aber sie sah nur zwei Thränen blinken wie Thau an seinen leicht geschlossenen Augenwimpern, und nur ein unaussprechliches Lächeln, ein wie sichtbares Lieben, das sie unwiderstehlich näher und näher, hinab, und zuletzt ihm fest an die Brust zog, unabtrennlich-fest, und selig-süß. Und die letzten leisen Stimmen der sterbenden Engel ächzten: Gott selbst ist todt! -- Und auch sie war gestorben -- ein Säuseln strich noch einmal verlöschend über die Gruft, und die Welt war verklungen. Aber sie fühlte auch todt noch ein warmes Herz in dem liebenden Busen des Vaters schlagen -- und sie verging. -- -- --

Wem sie aber am Herzen erwachte, das war ihr Johannes. Er war wiedergekehrt. Sie setzte sich auf, sie sah ihn an und erkannte ihn nicht. Ihr Geist war noch nicht zurückgekehrt, in diese Welt, wo so eben das schwere Geschütz vorüber in den Krieg rasselte, noch nicht wieder eingewohnt in ihrer Hütte, herabgestimmt zu ihren Kindern, zu ihrem Johannes, der vor Freuden weinte. Bis er sie munter küßte, bis sie ihm leise und schüchtern erzählte, was sie geträumt.

Ich bin verwandelt, meine Christel, sagt' er ernst. Gott hat Dir den Traum zum Troste gesandt, daß Du für eine kurze Stunde heiliger Angst zeitlebens nun gedenken sollst: Gott lebt! Gott kann nicht sterben. So lebt er auch uns -- Du hast den Traum für mich geträumt, und nicht für Dich, Du gute Seele, für alle Armen und wer ihn hört. Wer reines Herzens ist, der soll Ihn schauen, und Du hast Ihn gesehen, Er lebt! Sieh' auf, dort scheint ja die Sonne!

20.

Noch in der düstern Morgendämmerung des Ostersonnabendes, ehe der Vater nach Hause gekommen, war aber der kleine Daniel schon mit Wecker in ein anderes Dorf gegangen. Sie hatten sich Abends heimlich beredet, Daniel hatte sich ein kleines Säckchen geborgt und umgehangen; denn er sahe, wie nöthig das Nöthigste im Hause sei, was die Kleinen vergebens von der Mutter verlangt, nur er nicht. Er hatte die Jacke des Vaters an, die ihm in der Kälte ein kleiner Mantel war.

Das hatte die Alte gesehen. Heut' ist ja heiliger Abend, sagte sie zu Johannes, da wird der Weg nicht leer von Dorf zu Dorf, wo nur Essen rauchen; da macht sich ja mancher auf und wird _darum_ nicht übler angesehen, weil er auch sonst das ganze Jahr nicht kommt! Mir ist nur der Schnee zu hoch, sonst ist es ja eine wahre Labung und Stärkung, gerade an solchem heiligen Tage betteln zu gehen. Die Wehmuth hat mir Gott schon geschenkt! Man wird so reich, so reich -- Ihr wißt das gar nicht, mein Johannes. Gönnt das dem Kinde und dem Alten!

Doch war es schon Abend, ja Nacht geworden, und Beide kamen nicht wieder. Die Mutter hatte aber Manches in der Stille zurecht gelegt und besorgt, was sie genäht, und was so klein, so lieblich anzusehen war! Sie lächelte nur Johannes an, saß oft lange still, schlummerte wieder und bat ihn endlich nach Mitternacht, »mit dem blauen und rothen Strumpfe zu laufen,« wie es heißt, und den Storch zu holen.

Er lief mit freudiger Hast. Er pochte. Ein junges Mädchen kam ans Fenster, nicht die Kindelfrau. -- Die Mutter ist drüben im andern Dorfe bei der reichen Müllerin, sagte sie ihm; schon drei Tage. -- Er zündete sich eine Kienfackel an und eilte, durch das feine Schneegestöber sich leuchtend, und geblendet, in einen engen Lichtkreis eingeschlossen. So kam er, weit außer dem Dorfe, vom Wege ab, in Windwehen, machte sich Bahn hindurch und stand auf einmal in dem Kalksteinbruch. Er leuchtete an dem bunten marmoradrigen Gestein umher, den Ausweg zu finden. Da sah er auf einer natürlichen Marmorbank, wie in einer Grotte die außer dem Winde und ohne Schnee war, eine kleine ruhige Gestalt sitzen, sanft hingelehnt. Er nahte mit Herzpochen; Knöpfe blitzten ihn an, das Tuch war blau -- es war sein gewesener Kirchrock; ein kleines blasses Gesicht lächelte ihn an -- es war sein gewesenes Kind, der Daniel, ein volles Täschchen auf seinem Schooße, einen Schnitt Brotes in seiner steif gefrornen Hand. Er leuchtete das an, er sah es und sah es nicht, er hielt die Hände fest vor die Augen, es nicht zu sehen. So stand er lange. Und als er wieder aufsah, mit Wehmuth hinblickte, war Alles verschwunden, wie ein Traum, keine röthliche grellerleuchtete Grotte, kein Kind, nur Nacht und Stille. Hast Du das auch geträumt? fragt' er sich froh und bestürzt. -- Er sahe zu Boden. Der Kienbrand, den er vor Schrecken fallen lassen, zischte im Schnee mit dem letzten Funken und war verloschen. -- So sagte er nichts und dachte Verwirrendes. Er fühlte sich zu dem Kinde, er umfaßt' es und küßte ihm die Hand, und das Brot. -- Du bist hin! sagt' er weich. So warte denn hier, mein liebes Kind! Die Mutter bedarf es. Nicht wahr, Du bist es zufrieden, daß ich gehe! -- und Dich, bis ich wiederkomme, Dich hier allein verlasse? -- Gewiß! Du bist es zufrieden. Du gingst ja schon um der Mutter willen, und um die Geschwister! Heiße mich gehen! mein Kind! und ich möchte doch bei Dir bleiben! Fürchte Dich nicht! ich komme ja wieder! Bald, geschwind! --

So redet' er mit dem erfrornen Kinde, das ermüdet und von Kälte ergriffen, ausruhen und essen wollen, zum Botenlohn, und süß und immer süßer eingeschlafen war, und das der unerbittliche Tod, der auch des Nachts überall umherschleicht, der weder Vater noch Mutter, Brüder und Schwestern hat, auch hier gefunden und ohne Herz und Mitleid nicht verschont. -- Das dachte Johannes im Weitereilen und sprach vor sich: Ich möchte doch der Tod nicht sein! Das ist das schrecklichste Amt in der Welt. Wie gern doch bin ich dagegen der arme Johannes! Und doch muß ich das sehen und dulden! Das Kind ist glücklich. Wie konnt' ich besser sehen, wie gut es ist, wie glücklich ich war, _als so!_ -- Heut' in der heiligen Osternacht hab' ich's gesehen und erfahren: Kein Mensch ist so unglücklich, daß er nicht noch weit unglücklicher werden kann! Ach, du lebendiger Vater im Himmel, sei doch auch Keiner so elend, der nicht wieder glücklich werden könnte. -- Gewiß, der Gute kann immer wieder glücklich werden! -- sprach eine innere Stimme in ihm. Gott ist nicht todt. -- Du _warst_ ein Thor und bist vielleicht noch einer. -- Wer das wüßte! seufzt' er. Wer weiß, wo Wecker sitzt! --

Er beeilte nun seinen Vatergang. Die Mühle stand. Die Räder waren eingefroren und wunderlich anzusehen. Aber die Müllerin ließ die Kindelfrau nicht fort, und sie selbst versprach sich keinen Lohn und tröstete ihn mit Gott und Gottes Hülfe.

Das Wort trieb ihn beruhigt fort. Aber Wecker hatte in der Mühle geschlafen, war schon munter, hatte vom Schlaf auf dem Stroh keine Federn in Haaren, wie er vergnügt bemerkte, fragte nach Daniel, der sich nicht halten lassen, und ging mit Johannes, dem jetzt die Angst entnommen war: er könne auch den alten Mann so finden wie den Knaben.

Wecker trug eine große Fackel brennend in einer Hand, und eine zum Vorrath in der andern. Johannes schritt vom Wege ab, in den Steinbruch, und als Wecker das starre Kind sah, fehlte nicht viel, er hätte die Fackel fallen lassen. Aber er zitterte nur, daß in den flackernden Lichtern und den bewegten Schatten das Kind lebendig zu werden schien. --

Der Mann bin ich! sprach er wie ein Sündenbekenntniß, das Johannes wohl verstand, aber schweigend den Knaben sich auflud und mit ihm fortschritt, während Wecker heut' im erregten Wahnsinn wunderliche Reden führte, während er vorn leuchtete.

Das wollt' ich nur noch wissen! sagt' er zuletzt; nun kann ich sterben; die andre Noth hab' ich alle gelernt, bis auf den Tod. Ich sollte dem kleinen Betteltäschchen die Freude nicht machen! -- Wecker, du solltest mit heim gehen! das heißt, wo er zu Hause ist, oder auch heim! wo du heim bist! Johannes sollte lieber »das alte Schulhaus« schleppen, wie die Engel das Haus nach Loretto; dann schrie der Kuckuck nicht im Schnee, dann müßte der Pastor einmal umsonst begraben. Der sollte sich ärgern! -- Aber an einer oben brennenden Fackel kann man sich unten die Hände erfrieren, Johannes! Merkt Euch das.

Gott wird der Christel den Schaden ersetzen, sagte Johannes. -- Da will ich die Wiege sein, die Euch fehlt; der Mann bin ich! freute sich Wecker. --

Aus den Dörfern umher schallte schon Ostergesang und hallte freudig im Walde nach, wie ein Echo vom Himmel, oder wie sanfte Stimmen unsichtbarer Engel, die an dem heiligen Morgen um die Menschen wandelten auf Erden. Alles war angeklungen von dem geweihten Gesang. Der Himmel und vor ihnen der blinkende große Morgenstern schien nicht _sein eigen_, die Erde nicht ihr eigen, nicht Wald und Flur, Hütten und Weinberge nicht, auch die Menschenherzen nicht, sondern der Name: _Christus_, gesungen aus der Brust der Mädchen, umfing und befing Alles mit sanftem Schall und eignete _Ihm_ es zu; und die Welt war Gottes des Vaters in dieser heiligen Morgenstunde.

Hört ihr die Jungfrau'n, Johannes? wie das erbaulich klingt! sprach Wecker. Sie haben's heut kalt. Aber sonst wär's auch keine Kunst, zu singen! So Etwas ist ewig, und verlangt sein Recht zu aller Zeit. Ich mußte auch lauten, und wenn das Gewitter dicht über mir stand; es hat mich auch einmal so halb und halb, das heißt aber nicht etwa _ganz_ versengt, so nur angesengt! Dafür hab' ich auch keine Wetterscheu mehr! denn ein rechtes Unglück trifft Niemanden zwei Mal, wie das große Loos! Das könnt Ihr Euch merken! --

Johannes merkte sich das mit Stöhnen. Er blieb ein Weilchen stehen, um auszuruhen und Athem zu schöpfen, aber er setzte seinen guten Daniel unterdessen nicht in den Schnee.

Hört nur, fuhr Wecker fort, dort singen sie drüben das Lied:

Der Tod ist todt, Das Leben lebet, Das Grab ist selbst begraben! --

Das wäre gut für den Daniel! und gut für den Todtengräber, die Erde ist jetzt steinhart!

Darauf gingen sie wieder. Als sie aber zum Dorfe kamen, vernahmen sie die Melodie, ja selbst die Worte:

Auf, auf, mein Herz mit Freuden, Nimm wahr, was heut geschieht! Wie kommt nach großen Leiden Doch ein so großes Licht!

Johannes stand gerührt.

Nun da kann ich die Fackel auslöschen! meinte Wecker und stieß sie vor dem Hause in den Schnee.

Der Vater aber trug den Knaben leise ins Haus und hörte mit Freudenthränen eine zarte Kinderstimme in dem Stübchen, stand und sah durch das kleine Fenster in der Thür, wie die Alte es schon im Bettchen auf den Armen trug. So legt' er den Daniel hastig in den Schuppen, damit ihn die Mutter nicht sähe. Er dachte kaum, daß dieser kein Strohdach hatte, daß es schon tief hinein geschneit, daß es immerfort noch häufig hinein schneie -- ihm schadete ja das Alles nichts! Da ruhe in Gottes Namen, mein Kind! sagt' er; nahm ihm das Täschchen ab und zog sich aus eigner Wehmuth selbst wieder den alten Sonntagsrock an, sahe noch einmal zurück, ob es gleich noch düster war, und ging erleichtert hinein zu Christel. Er blieb an der Thür stehen. Die Alte hatte das Kind der Mutter zum ersten Mal auf die Arme gegeben, und er hörte, daß Christel leise sprach: Segne dich Gott! mein liebes Kind! Lebe gesund und werde alt, bis Dir die Tage nicht mehr gefallen! Halte fest an Gottes Wort. -- Du bist zu _uns_ gekommen -- fuhr sie mit weicher Stimme fort -- anstatt in eines Reichen Haus? Wir haben Dich! -- und an _Liebe_ soll Dir's nicht fehlen, und an nichts, was ich habe, und was Du noch brauchst. Sei nur zufrieden und weine mir nicht. Du bist bei mir. --

Nun ward es still. Eine Herzstärkung thät ihr nun wohl! meinte leise die Alte. Und so öffnete Johannes das Täschchen, legte erst ein rothes Osterei daraus auf den Tisch und brockte das Brot in das kochende Wasser. Dann ging er und setzte sich zu Christel auf's Bett.

Sie aß. Er hatte die Augen zu. -- Was weinst Du denn? Vor Freuden? ja wohl! mein Johannes, sprach sie, siehe nur her! -- Er aber sagte: Weißt Du auch, was Du issest? -- Ich habe ja meine Besinnung, antwortete sie: Brotsuppe! die ist mir jetzt am besten und dienlicher als von rüdesheimer Hinterhäuser.

Aber von was für Brot! meine Christel, nickt' er. -- Bettelbrot von Daniel? sagte sie heiter; sei doch ruhig, Johannes, das Kind hat es gern gethan. Alles ist von Gott, auch das Brot, und von dem nehm' ich es an, und von dem guten Kinde noch einmal so lieb. -- Wo ist denn der Daniel? ruf ihn doch her. -- Er schläft; sagte Johannes; er war sehr müde, die Augen fielen ihm immer zu. -- Nun so laß ihn schlafen, lächelte Christel; er hat ein gutes Werk gethan. -- Der Vater aber ging von ihr, besah das Osterei, brachte heraus, was darauf gekritzelt war: »Friede sei mit Euch,« schnitt einen Eierkorb und hing es über dem Eßtisch auf, zu des Kindes Angedenken.

21.

Da erklang ein Posthorn und rufte wie drüben vom zugefrornen und verschneiten Teiche her. Es ward still; dann ging die Hausthür auf, derbe Tritte stampften den Schnee von den Füßen, und das kleine, vom Kaminfeuer erleuchtete Fensterchen in der Thür lockte den Fremden herein.

Bin ich noch weit von Breitenthal? fragt' er; guten Morgen auch! Man sieht im Schneegeflocke die Hand nicht vor den Augen.

Wir wohnen im letzten Hause von Breitenthal, oder im ersten, wenn man kommt; sagte Johannes.

An der Stimme, und näher getreten nun auch im Scheine des Feuers, erkannte der Fremde jetzt Johannes, reicht' ihm die Hand und sagte: Kennt Ihr mich noch!

Ihr seid wohl der Herr vom Kirchthurm, meinte Johannes.

Nicht allein der Herr vom Kirchthurm, sondern auch jetzt der Herr von Breitenthal! versetzte der Fremde lächelnd. Ich bin noch in Eurer großen Schuld! aber ich habe an Euch gedacht; ein kleines Schiff mit Sachen liegt für Euch schon befrachtet in Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der Fluß wieder aufgeht, kommt es für Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer. Nehmt damit vor Willen; das macht Paschalis nicht ärmer.

Ihr habt ja gehört -- ich bin nur nach _Dorothee_ gefahren! Ihr sollt mir ja nicht danken, hat sie gesagt; das ist nicht nöthig; wiederholte Johannes.

Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedürfniß, und, seh' ich recht, auch Euch.

Da möcht' es nur _bald_ aufthauen! sagte Frau Redemehr.

Aber wo habt Ihr die Dorothee? fragte Paschalis.

Bester Herr, ließ Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen sie nicht nach _der!_ Sie hat uns großes Herzeleid angethan. Weihnachten hat sie mir ein Kind beschert, das Gottliebchen, und niemand anders als eben auch sie hat es zu meinem Kummer mir wieder geraubt. Ich habe gehört, die gnädige Frau hat an ihrem Sterbebette Allen vergeben, auch dem gnädigen Gottlieb, und Dorothee hat vor Thränen sich nicht fassen können! Nun ist sie verschwunden, und wer weiß, wo wir Mutter und Kind noch finden, wenn der Schnee und das Eis vergangen.

Sie hat Dir ein Kind gebracht? fragte Johannes seine Christel verwundert.

Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mädchen; sagte Paschalis. Wie man sich irren kann! Ich glaubte mich schon klug genug, beim ersten Anblick eines Menschen ihm sein Schicksal aus dem Gesicht zu lesen; wie er war, und wie er sein kann! Aber seid nicht in Sorgen um sie.

Er wollte zur Thür hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm. Da erblickte Paschalis das steinerne weiße Denkmal, und der vergoldete Namen »Martha« schimmerte still ihn an.

Martha! sagt' er für sich. Martha? und auch der alte Johannes! Kinder, fragte er betroffen, wie kommt ihr zu dem Stein?

Er ist für meinen Vater und meine Schwester, antwortete Christel. Der Kirchhof drunten ist noch nicht in Ordnung.

Deine Schwester, die arme Martha! sagt' er weich. Ich steh' als ein großer Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich nicht. Ich war aus Leidenschaft fähig, ein Unrecht zu begehen, aber es gut zu machen -- zu schwach, zu stolz, zu verblendet und fortgerissen von derselben Leidenschaft, die Liebe heißt und Verderben ist und es bringt! und als mein Vater gestorben war, als ich aus fremden Städten heim kam -- als ich weiser war -- da war sie todt. Arme Martha!

Wenn Ihr Euch zu Martha bekennt, sagte Christel niedergeschlagen, so kann ich Euch noch ein trauriges Geschenk zum heiligen Ostertage machen! Dorothee ist Martha's Tochter. -- Geh' doch in die große Bibel, Johannes, und gieb dem Herrn den Brief! Er ist vom alten Pastor an unsern Vater, und auch den andern, den noch versiegelten! der ist gewiß nun von Euch. Ihr armer Mann!

Johannes brachte die ganzen Papiere und auch die Schuldverschreibung von Borromäus, selbst die Letzte an Dorothee.

Paschalis that kaum einen Blick hinein und sprach dann zu Johannes: Geht und holt doch Dorotheen aus dem Wagen und schickt ihn dann auf das Schloß. Der allzu gnädige Gottlieb droht' er. --

_Ihr_ bringt uns Dorotheen? fragte ihn Christel mit Freud' und Schmerz wunderlich gemischt im Klang ihrer Stimme.

-- Ich überholte sie einige Stunden von hier, im Schnee watend, um nach Hause zu kehren, nahm sie ein und erkannte sie als dasselbe Mädchen, das ich bei Euch gesehen. --

War sie allein? und hatte kein Kind? fragte Christel hastig.

Allein! kein Kind! versetzte Paschalis.

Mir schauert! äußerte Christel und schwieg, das Gesicht in den Händen verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher und blieb dann gedankenvoll vor der Inschrift stehen.

Dorothee trat ein.

Wo hast Du Dein Kind? redete streng sie Paschalis an.

Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit düstern Augen ihn messend.

Dein Vater! antwortete Paschalis noch strenger und ergriff sie bei der Hand.

Wer ist denn hier mein Vater? versetzte Dorothee.

Der sich jetzt schämt, es zu sein! erwiederte Paschalis und kehrte sich von ihr.

Daran thut er jetzt klug! sagte ihm Dorothee; aber noch klüger hätt' er gethan: sich erst zu schämen, eh' ich seine Tochter ward -- und so sich von Martha zu kehren, wie jetzt von Dorothee. Aber die Kunst ist nicht groß -- ich kann es auch. Und nun kehrte sie ihm den Rücken, ganz erhitzt im Gesicht, und doch blaß und schneller und hörbar athmend.