Die Osternacht. Erste Abtheilung

Part 6

Chapter 63,528 wordsPublic domain

Viele schwere Wintertage überwand nun Christel mit Hoffnung, Liebe und herzinniger Zufriedenheit. So nahte der März schon heran, und an einem heitern Nachmittage war Clementine, von Dorothee begleitet, vor das Dorf und an Frau Redemehr's Häuschen vorüber gegangen, der wärmenden Sonne entgegen. Auf dem Heimwege wollte Dorothee sie vorüber führen; aber die arme junge Frau war krank, ihre Kräfte dahin, und sie wünschte zu ruhen. Das traf sich eben vor Christel's Fenster. So ging sie denn hinaus, und bat sie freundlich, einzukehren! Clementine lächelte und nahm es an. Dorothee folgte stumm. In dem freundlichen Stübchen saß Clementine lange still, sah sich Alles mit wehmüthigem Lächeln an, was es enthielt, und war dann lange ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschläfchen halten sah, so sprach sie endlich leise zu Christel und hielt sie an der Hand: Hätt' ich hier in dem kleinen Stübchen gelebt, so lebt' ich noch!

Christel verwunderte sich über das Wort. Aber sie sagte freundlich: Ich lebe nicht mehr -- ich sterbe nur, so langsam, wie ich gehe. Die Lerche wird mich nicht mehr finden. Wie gern hätt' ich mit Dir getauscht, mein Kind!

Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gnädige Frau, sagte Christel ihr zum Troste; von früh bis Abend wird man gar nicht fertig! ich lege mich so müde hin, zu schlafen, daß mich das arme Kind kaum weckt.

Glückliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure Kinder.

Und so kam auch die Reihe zuletzt an das Kleine, das Gottliebchen. Clementine schien zu wissen, daß es ihr eigen nicht sei, oder sah' es ja deutlich an Christel vor Augen, daß sie vor den wenigen Wochen des Kindes seine Mutter nicht könne gewesen sein. Sie wiegte es still auf ihren Knieen, war abwesend mit den Gedanken, und die Augen, die auf ihm geruht, waren ihr zuletzt vergangen und gaben der blassen schönen Frau mit ihrem sanften lächelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn so lieblich saß sie da, so innerer Würde und Reinheit voll, daß Christel kaum sich getraute, Athem zu holen, oder das Kind nun wieder von ihr zu nehmen.

Dann lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen Thränen vergoß, es nicht sah, wie Jene lächelte, und nur den schwachen Druck an ihrer Hand fühlte, die sie ihr zuckend entzog.

Der Gang schien nicht vorbereitet zu sein; denn sie beschenkte die Kinder Alle, auch das Kleine in seinem Bettchen, aber mit so Wenigem, daß ihre Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich habe nicht viel! und brauche nicht mehr viel. Zu meinem Begräbnis wird es langen.

Wecker erwachte jetzt, richtete sich auf, blieb eine Zeit lang ganz im Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann plötzlich auf und machte der fremden vornehmen Frau alle seine besten Diener.

Das ist ja unsere liebe gnädige Frau! sagte ihm Christel. -- Da besann sich Wecker, setzte seine weiße Nachtmütze wieder auf, erkannte auch Dorotheen und ging erbittert hinaus.

Das verdien' ich nicht! lächelte Clementine; an allen solchen Thaten bin ich unschuldig, aber wer braucht das noch auf der Welt zu wissen? Gott weiß es ja.

Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken über sie gewiß zu werden. Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und -- sie nahm es und wiegte es, zwar mit Verdruß; sie nahm es ihr ab, und sie gab es -- ohne Verdruß.

Und während Clementine wie eingeschlummert da saß und Sophiechen neben sich im Arme hielt, die sich an sie geschmiegt, nahm Christel auch den Brief vom alten Prediger an ihren Vater und gab ihr ihn zu lesen.

Dorothee weinte nicht; sie fiel ihr nicht um den Hals, als wenn sie ihr eine Schuld abbitten wollte! und dennoch, als Wecker draußen ein kleines Strohkränzchen geflochten und den Daniel hereingeschickt, vor Dorotheen es hinzulegen, gab sie dem armen unwissenden Boten eine derbe Ohrfeige, setzte es sich auf, besah sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann unaufhörlich, aber still.

Jetzt schien ihr das Herz getroffen und erweicht; Christel tröstete sie. Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie: Christel! meiner Mutter Schwester! schont die arme junge Frau dort! Pflegt das Kindchen wohl! Das wird Euch Gott vergelten. -- Gebt Ihr das Goldstück nicht! --

Christel war böse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen geschwind aufstehen und sich die Thränen trocknen sah; das wollt' ich nur wissen! und behielt seine Mütze auf.

Clementine erhob sich und nahm von Christel Abschied. Wenn Euch Gott lieb hat, sagte sie weich, so läßt er Euch arm. Der Arme, oder der Geringe, den die Welt nicht kümmert, der hat die besten Güter, mit welchen sich Reichthum gar nicht, oder doch nicht lange verträgt und zuletzt sie heimlich aufhebt und zu Grabe trägt -- und sei's des Reichen eigne, reiche, unglücksel'ge Frau! --

Liebe gnädige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche nicht, nur der Schlimme. Wir halten auch auf die paar Kreuzer!

Nun also, fuhr Clementine fort, wenn es nicht der Reiche thut -- so wird der _Fromme_ die Armuth vorziehen, gern ertragen, segnen -- oder, ohne es zu wissen, unschuldig mit ihr glücklich sein, wie Ihr, mein gutes Kind. --

Das heißt ja nur: halt' fest an Gottes Wort! weiter nichts.

Weiter nichts! wiederholte Jene und nickte freundlich und schied von ihr.

Wecker aber sagte: Die lob' ich mir! sie ist nicht stolz; doch wenn der gnädige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern ließ in die kalte Zugluft, ruckt' er und stieß er mit seinem in Händen habenden Stöckchen, wegen ermangelnden Respekts, so lange an meiner Mütze, bis ich mit bloßem Kopfe da stand! Aber ich schämte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu sein, dem der Kopf durch die Haare wächst! Jetzt nehm' ich meine Mütze _tief_ vor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schäme mich nicht mehr vor ihm, sondern er vor mir. Der Mann bin ich!

18.

Bis jetzt war Christel ruhig gewesen. Als es aber gegen Ostern kam, und die Zeit schon Wochen vorüber war, in welcher ihr Johannes zurück sein konnte, da ward ihr bang und bänger um ihn, und Kummer um sein Außenbleiben übermannte sie manchmal, daß sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen? getraute sie sich dann kaum sich selber zu fragen; wenn er wie Dorothee ist, die von uns schied, als sie glaubte, uns zur Last zu sein! Dann schämte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die Kinder und empfand, daß es ja gar nicht möglich sei, die lieben Gottesgeschenke bei klarem Verstande nur kurze Zeit freiwillig je zu verlassen, geschweige für immer. An sich selber dachte sie kaum.

Einst begegnete ihr Niklas, als sie Garn zum Weber trug zum Verkauf von ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rührung, als sie ihn sah: denn sie getraute sich nicht über den Steg zu gehen, so verdunkelten Thränen ihre Augen.

Beruhigt Euch! Frau Christel; sagt' er ihr mit trockenen Worten: Euer Mann ist in gutem Gewahrsam, es stiehlt ihn Euch Niemand -- er sitzt nur den Hasen ab, den er erschlagen, und sitzt nun schon auf der Blume! Er ist bald drüber hinweg. Seid nur ruhig.

So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon vorüber war. Sie ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun erst hatte sie keine Ruhe, nun verstand sie Johannes Reden, seinen stillen Unmuth; und die Worte, die sie ihm alle zum Abschied gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz.

Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß sie, den Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung in der Hand. Denn der Gerichtshalter wohnte in der Stadt, und so weit konnte sie sich nicht mehr entfernen.

Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit dem seligen Herrn zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme, der Breitenthal auf Schuld übernehme, ein reicher Kauf- und Handelsherr aus Frankfurt. Alle »exigibilen« Reste wären im »Transsubstantiations« Verkauf mit angenommen; die »inexigibilen« aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu einem Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf den Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel, sagte er; ein Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders wenn der Gerichtshalter die Schwuracten nicht aufgehoben haben -- sollte! Wer hat danach zu fragen? -- Das sahe Christel ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so verständig als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine Freistelle in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf und der arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen, singen und Schule halten; das Wecken besonders hatte der immer gern, aber Morgens am süßesten schlafende Pastor sehr übel genommen; desgleichen hatten es die anderen Herren Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer wandern, sein tägliches -- Schulgeld holen, das er mit Thränen aß, und dabei Christel mit Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht zu verstoßen in der Kälte.

Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate gewesen, ihrem Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel -- so stürmisch und kalt winterte es jetzt gegen Ostern nach, als wenn der Himmel den Menschen seine mährchenhaften Einfälle: von langsam rauchendem Dampf wie heimlich brennende Flüsse -- hoch beschneite Berge -- lange Eiszapfen an den Weinstöcken statt der Trauben -- wie mit weißen Blüthen beschüttete Bäume im Walde -- eingefrorene Fische -- weißbereifte Bärte und Blumen an den Fensterscheiben zum ersten Male in aller Pracht und Schönheit zeigen und recht lange den Wintergarten sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt daran sähen und wieder einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei. Denn alle Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe, als wäre das große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge reichte, erschien nur _eine_ weiße flimmernde Decke, und _ein_ blauer feiernder Himmel, mit seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur Einem Herrn gehöre.

Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen Leid. Denn die alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie selbst es vor andern _kleinen_ Arbeiten konnte, und ihre Umstände es erlaubten, von Spinnen lebte, hatte ihr die letzten Monate her nach und nach drei Thaler geliehen. Nun aber wurden die »inexigibilen« Reste eingetrieben, wo freilich kein Ansehen der Person mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren schon begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten, und das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der Christel, die zur Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn Christel mußte statt der geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben, die Ziege mußte nun fort _auf das Schloß_ geführt und geschlachtet werden, und dennoch langte das dafür _gelöschte_ Geld nur hin, daß _Christel_ die große Schuld abzahlte, wenn auch die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der alten Frau nach, die ihrer kaum Herr ward.

Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen Braten von der jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was sie aßen, Christel war in der That nicht wohl, schob den Teller hin, stand auf und Wecker ließ sich den »alten Rest von den Besen« schmecken. Von der _Ziege_ äße ich auch nicht, sagt' er; aber welcher große Herr weiß denn immer, _was_ er ißt? Was würden da manchmal, d. h. so manches _liebes_ Mal und Mahl für Dinge auf dem Tische stehen! _was_ für Getränke würde man auf den Inhaltszetteln an den _Wein_flaschen lesen! Von _was_ würden die Braten und Torten sein, wenn Alles in rerum natura zu sehen wäre! -- Hu! Phantasmata! daß mir die Haut schauert -- wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? -- und er lachte mit nassen Augen, als sie sagten: Ja! Herr Wecker -- -- und sein: »Das wollt' ich nur wissen,« konnte er das _Mal_ vor Jammer nicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat einmal einen uralten Weltweisen gegeben, -- als welche auch Unterschiedliches gegessen haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne Unterschied, was nur vom Himmel gehangen, -- _der_ hat in seinem unchristlichen Gedicht den Magen ein _Unthier_ genannt. Das ist so wahr wie das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so gut gekannt als ich. Das will viel sagen, Kinder! Ein wirklich armer, wirklicher Schulmeister muß sich das von mir erst sagen lassen, der Gelbschnabel!

Die Kinder standen nun auf. Da Wecker aber noch nicht satt war, fing er statt des Dankgebetes mit lauter Stimme noch ein Mal sein Gebet um Speise, das: »Herr Gott, himmlischer Vater« an, schämte sich wie ein Nachtwächter, der, wenn er den Tag abrufen und singen soll: Der Tag vertreibt die finstre Nacht -- aber noch einmal abruft: Ruhet in dem Herrn! -- legte sich hin und _schlief_ sich wenigstens _satt_, wie ein armer Tagelöhner in der Mittagsstunde. Aber er schlief nicht so ruhig wie dieser im Schatten der Bäume, sondern er träumte; und so hörte Christel mit Furcht die Worte: »Blutbesudeltes Fleisch nun schmausten sie« -- -- und wieder: »die Sonnenrinder brüllten an den Spießen -- -- und die Häute krochen umher« -- -- -- -- -- und mir -- mir meckert die Ziege im Leibe -- -- sie will mir das Herz abstoßen, mein ehrliches Herz? Oder stößt sie nur mein Unthier, den Magen, der sie mitgegessen hat, ja, fast allein. Fort! hebe dich weg! -- Hilf mir doch, hilf, Friedrich, mein Sohn! Friedrich, mein Sohn!

Er setzte sich vor Furcht im Schlafe auf. Auch die Kinder fürchteten sich und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er schwatzt ja nur aus der Schule! und hat nur den Schlucken! ach im Traume gedenkt er seines Sohnes, der unter den Soldaten ist, wie mein armer Bruder _Stephan_. Ach! -- Sie rief ihn erst leise, dann laut und lauter bei seinem Namen: Wecker! -- Wecker! -- Wecker! -- wacht doch auf! Ihr träumt zum Fürchten und wißt es nicht! --

19.

Christel war in der Dämmerung im Dorfe gewesen, um die junge, arme, liebe, schöne, gnädige Frau noch ein Mal -- auf ihrem Castrum doloris zu sehen und sich satt zu weinen, und kam jetzt heim. Die Stube war kalt, die Nacht war lang, die Kinder fror. Aber sie hatte das letzte Holz heut' angelegt und verbraten, und dennoch ging sie hinaus, noch Etwas zu suchen. Es war Mondschein, und sie erblickte eine Menge schon kleingespaltenes Holz vor der Thür liegen. Das war nicht ihres. Aber sie bedurfte sein. Banden die Jünger den Esel nicht los? sprach sie bei sich; aß David nicht die Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz! und dennoch ging sie erst an der Stube der alten Frau Redemehr horchen. Alles still, doch die Kinder weinten! Sie eilte, sie drückte die Augen fest zu und ladete schnell einen Arm sich voll. Aber das trockene Fichtenholz klang doch, wenn sie Scheit auf Scheit legte, wie eine Strohfiedel; denn in der Angst zitterte sie, und es fiel ihr aus der wie brennenden Hand. Als sie die Augen aufschlug, hinein zu eilen ungesehen, erblickte sie die Alte, die zu ihr sagte: Wollt' Ihr nicht lieber gleich Alles hinein tragen! Man ist doch niemals vor Dieben sicher in der Kälte! Ich will Euch helfen! --

So ertappt als Diebin erreichte sie nur mit Mühe und Noth die Stubenthür; aber niedergedrückt von der ersten Schuld in ihrem Leben und von der ängstlichen Last, sank sie zu Boden und hätte noch lange gelegen, wenn ihr nicht Daniel beigestanden.

Das ist brav! sagte Wecker und legte ohne Weiteres an von dem Holze.

Christel aber saß auf dem Bett wie erstarrt, und noch ganz erstaunt über sich selbst, und darüber, daß das Holz brannte! die Flamme sie anschien und wärmte! -- Johannes hat Recht! sagte sie für sich. Aber es wird den Kindern wohlthun und dem alten Manne! und daß mich die Alte gesehen, das ist meine Strafe auf Lebenszeit. Sie wollte in der Bibel lesen; aber es ging nicht.

Da trat die Alte ein und sagte ihr: Laßt das Holz doch nicht liegen! ich helfe Euch, oder trag' es mit Weckern ins Haus. Die liebe gnädige Frau hat es Euch geschickt; sie hat noch an alle Armen gedacht, selbst auf dem letzten Lager. Ihr waret nicht da. Meins ist schon verwahrt. -- So ging sie, Wecker und Daniel.

Aber Christel war darum nicht erheitert. Ihr war die Last nicht vom Herzen. Desto schlimmer! seufzte sie. Wer oft nur einen Augenblick warten, nur etwas Geringes entbehren will -- dem giebt der Herr ja Alles mit Freuden zu seiner Freude. Außerdem aber zu seiner Qual! Doch ich will mich mit meinem Gott versöhnen, daß ich das Kind nicht verwahrlose, es ist ja so die letzte Zeit, und gut für jedes Weib, das, wie ich, mit einem Fuße im Grabe steht.

So war sie noch fleißig bis zum Charfreitag früh. Dann wickelte sie das Goldstück, um auch das los zu werden, zum Beichtpfennig für den Prediger ein und ging in die Kirche. Zuvor bat sie Weckern, der Alten und den Kindern ab, wenn sie sie ja mit Worten oder Werken beleidigt, und im Geiste bat sie es auch ihrem Johannes ab, den sie ordentlich vor sich stehen sah, wie sonst an solchen Tagen, und hörte, wie sonst, wenn er ihr sagte: Du hast mich nicht beleidigt, meine Christel, vergieb nur mir! Und das that sie nun von Herzen.

In der Halle der Kirche hörte sie schon den Tremulanten, der heute zum Todestage des Herrn gezogen war, und seine dumpfen Schläge schlugen an ihre Brust, und sie bebte mit, wie die Töne bebten, daß sie hinknien mußte, vor eigenem Elend, weit übertroffen von dem schönsten aber schmählichsten Tode. Die Orgel führte die Melodie des wunderlichen alten Kirchenliedes: O Traurigkeit! o Herzeleid! -- Der erste Vers war geendet, die langsam schwebenden Töne klangen allein, und nun fiel die ganze Gemeinde dumpf, und doch durch die Menge der Stimmen mit erschütternder Macht in die Worte ein:

O große Noth: Gott selbst ist todt! --

Sie wußte nicht mehr, wo sie war, sie betete nur, und auch das nicht mehr; so ergriffen, ja entsetzt war sie von diesen Worten, die ihr so wahr, so traurig und fürchterlich erklangen. Und nun erst, als das Beben und Brausen schwieg, zitterte ihr Herz nicht mehr so ängstlich über das furchtbare Bild, das sie durch die Worte wie durch ein Feuer gehört und gesehen, aber es klang ihr selbst am Altar noch immer vor den Ohren, ihr war, als raunte eine tiefe Stimme zu ihrem Herzen:

O große Noth: Gott selbst ist todt! --

Und wie das arme verlassene Weib durch die Noth aller dieser Tage zuletzt selbst in ihrem Muthe gebeugt war, wie ihr das große Wasser und Dorothee, der Leinweber und Wecker einfiel, die gnädige Frau, ja selbst die Ziege, und jene Reden im Traum, wie sie die Kinder vor Augen sah, Johannes vor Augen sah und bedachte, welche neue Angst ihr bevorstehe, die sie vielleicht den Kindern raube und in das Grab stürze; so brach ihr das Herz; und nun wiederholte sie selbst mit Grausen die Worte in ihrem verworrenen Geiste: Gott selbst ist todt.

Dann opferte sie das Gold, wartete den Segen ab und ging ganz unter den Letzten aus dem Gotteshause.

Wie aber die Geistlichen während des Opfers auf dem Altare stehen, ohne noch zu fungiren, und wie dabei doch auch von dem Würdigsten zu Zeiten ein Blick zur Seite nach dem Gelde fällt: so war besonders das Goldstück dem Herrn Prediger in die Augen geblinkt, und er hatte die Geberin gemerkt, sich sagen lassen, wer sie sei, und von dem neuen Schulmeister -- des alten wegen -- nichts eben Besonderes erfahren, auch daß ihr Mann im Stockhause sitze, und daß sie leben, ohne Jemand zur Last zu fallen. So winkte er ihr dann auf dem Nachhausegange. Sie beantwortete seine Frage, wie sie zu dem Golde komme, nicht unbefangen, noch wahrhaft; aber sie hörte kaum mehr, als er sagte: vielleicht ist es nicht wohlverdient, wohl gar entwandt! und es reut Euch, weil Ihr es opfert? Oder liegen da mehr wo Eins liegt? -- Sie lispelte nur »o große Noth!« und als er fortfuhr, ihr das Herz zu zerreißen und sprach: Man wird Euch streng beobachten! Daß Ihr nicht etwa entlauft! -- pfui schämt Euch, eine Frau, die mit einem Fuße im Grabe steht! nach den Feiertagen will ich die Sache untersuchen -- -- da weinte sie sogar nicht, sondern sie war todtenblaß, schlich dahin, im Finstern, denn sie sah die helle Mittagssonne nicht, und sie bebte und hörte wieder das bange Wort: Gott selbst ist todt. --

Daß das kleine Kind, ihr Liebchen, wie sie aus Gottliebchen mit mütterlicher Zärtlichkeit gebildet, nämlich das Weihnachtskind indessen verschwunden war, daß weder die Alte und Wecker, die auch in der Kirche gewesen, noch die Kinder, die Verstecken gespielt, deßgleichen nichts davon wußten, das rührte sie kaum. Sie glühte, sie war krank über Nachmittag; sie sah sich die untergehende Sonne noch einmal an, empfahl sich Gott und ging dann, als es Dunkel geworden, zu Bette, und sahe noch, mit Thränen in ihr Stübchen blickend, wie Fackeln vorüber zogen, wie Clementine, die gestorben war, nach ihres Vaters Gut, nach ihrem Willen, nicht in Breitenthal zu ruhen, mit schwarz behangenen Pferden langsam fortgeführt ward; hörte, wie die Glocken ihr nachriefen, ängstlich, ängstlich! und der Mond in den Fackelglanz schien -- bis Alles verschwand, bis sie die Augen schloß.