Die Osternacht. Erste Abtheilung

Part 5

Chapter 53,763 wordsPublic domain

Das war seine ganze Verrücktheit und sein ganzes Unglück. Uebrigens war er glücklich, besonders wenn er des Sonntags Orgel spielen durfte, worauf der neue Schulmeister kein _Schneider_ war und nicht exschellirte, wie er sagte. Am liebsten war Wecker bei Johannes und hatte sich zuletzt fast eingenistet bei ihnen, ob es gleich mit dem reichlichen, wohlgebackenen lieben -- Schulgelde nicht immer ganz richtig aussah. Johannes, oft auf die Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen saß, machte oft grobe Fehler, die Wecker sonst mit Knien, Handschmissen oder dergleichen bestraft hatte. Da nun der kranke Johannes jetzt nicht die Strafe abthun konnte: so legte Wecker ein Schuldregister mit Kreide an der Kammerthür an, und es standen nach und nach mehr als ein alt Schock Sünden angeschrieben, jede nach ihrer Art mit besondern Zeichen, und Daniel kniete manchmal heimlich und löschte dann einen Sündenbock an der Thür hinweg. Denn er selber ließ sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater heimlich ein, oder überhörte ihn.

Der Most nun langte zwar zu den Gesundheiten, die Wecker auf Johannes Herstellung trank und sich alle Mühe gab, ihm durch einen guten Zug zu beweisen, wie redlich er es meine; aber er langte bei Weitem nicht bis zu seiner Wiederherstellung selbst, die erst nach mehreren Wochen erfolgte. Der Lizentiat, ein geschickter Arzt, hatte sich alle Mühe bei ihm gegeben, _um der gnädigen Frau gefällig zu sein_, von der er wahrscheinlich schon die Curkosten bezahlt erhalten. Denn als er einst vom Edelhofe mit der Frau Lizentiatin im Wagen nach Hause fuhr, hielt er vor Johannes Thür, ließ ihn heraus kommen, und -- gab ihm eine sehr billige Rechnung.

Der Apotheker ist auch dabei! den vertret' ich! bemerkte er ihm.

Christel sagte aufrichtig: Beste Frau Lizentiatin, wir haben nur Nichts an Gelde!

Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin lächelnd.

Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit.

Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer verdrießlichen Miene.

Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch' ich für die Kinder!

Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz.

Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der Mutter Schürze hervor.

So? mein Kind! -- Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt uns doch sehen! sagte die Frau Lizentiatin.

So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühten sich, es in Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes Essefleisch! freilich nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen, man muß _von_ Euch nehmen, was Ihr habt! Es thut mir recht leid.

Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie, Du bist ja wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder leben auch ohne Wurst.

Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind! Wurstgift -- das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat, eine Prise nehmend, und dachte: Du hast das Memento Doctoris hier vergessen: »Nimm! _wann_ es schmerzt« -- so nimm nur noch jetzt: _wenn_ es auch schmerzt! Das kleine Verbindungswörtchen »auch« ist ja keine Grausamkeit! -- Nur aufgeladen und festgebunden auf den Bedientensitz!

Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig, daß es wieder abgebunden werden mußte. Die Gans im Wagen schrie auch.

Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß, zu gehen und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie vor. Ihr werdet fühlen, daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht aus der dumpfen Stube gekommen -- die Stadt ist nicht weit -- Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg mit dem kleinen guten Dinge.

Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu beschäftigen und ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn Schulmeister ein, und sie fuhren erst fort, als Johannes schon längst einen tüchtigen Stock genommen und schon weit mit dem guten Essefleisch voraus auf der Straße war.

Christel und Wecker sahen nach.

Die Liquidation schrie wie schon dem Tode nah'! sprach er.

Das Schweinchen? sprach Christel.

Wessen ist denn nun das Schweinchen? frug Wecker.

Ihr seht ja: des Doctors! erwiederte Christel.

Aber wessen ist das Himmelreich! fragte der Schulmeister.

Ich denke: der Armen; erwiederte Christel. --

Das wollt' ich nur wissen! lächelte Wecker.

14.

Johannes kam Abends im Mondenschein nach Hause, ging und zerhackte erboßt den Treibestock, legte dann einen blanken Zehnkreuzer, sein empfangenes Trinkgeld, auf den Tisch und warf sich auf's Bett.

Ist Dir der Gang nicht wohl bekommen, mein Johannes? fragte ihn Christel.

Recht schlecht! sagt' er.

Bist Du müde? bist Du krank? forschte sie mitleidig.

Nein! sagt' er; aber erbittert!

Es war auch ein schwerer Gang! seufzte sie; ich will Dir es glauben. So drang sie nicht weiter in ihn.

Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglück, das aus dem alten entstanden war, von der Hasenjagd. Denn als er schon nach Sonnenuntergang auf dem Rückwege von dem Lizentiat an das Feldgärtchen der alten Frau, seiner Wirthin, gekommen war, sah er einen Hasen, der ein Loch durch den Zaun gefunden und sich der Kohlstauden bediente, welche noch standen, um zu frieren, mürbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken. Er sprang über den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun klemmte sich ein, indem er hinaus strebte, und Johannes erreichte ihn mit dem unbarmherzigen Stocke, mit dem er gleichsam meinte, in dem Hasen sein ganzes erduldetes Unheil, bis auf das heutige mit dem Essefleisch, todt zu schlagen. Dann zog er den Hasen hervor und warf ihn über den Zaun ins Feld. Als er aber, durch den Fall wieder zu sich gebracht, noch kläglich quäkte wie ein Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn völlig todt.

In diesem Augenblicke kam der gnädige Gottlieb geritten, von einem Fremden und Niklas begleitet.

So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewiß auch die Rebhühner und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein Faden Schwefel ist nicht theuer, und wovon lebt Ihr denn sonst, Ihr Ungeziefer!

Johannes erzählte den Fall.

Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden. Hier liegt der Hase, hier habt ihr ihn erschlagen, hier stehen die Zeugen!

Johannes mochte nicht bitten.

Der _einzige_ Fall ist auch genug! sagte der junge Herr. Es soll so einmal ein Exempel statuirt werden; es ist mir lieb, daß es Euch trifft. Die Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei Dank! scharf und in Ehren, weil sie _vornehmer_ und reicher Leute Rechte schützen. Auf den Sonnabend ist Gerichtstag! der Gerichtshalter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen und Euch zu _beweisen_, daß Ihr Hasen todt schlagen könnt. Stellt Euch also nur dann zu rechter früher Tageszeit von selber ein. Die Vorladungskosten will ich Euch sparen aus Gnaden.

So war die Gesellschaft lachend von dannen geritten.

Johannes ging in der Stille an dem bestimmten Tage, unter dem Vorwande, wo anders hin zu gehen, und empfing seinen Bescheid und sein Urtheil, das auf dreimonatliche Gefängnißstrafe lautete, da er kein Geld habe. Er hörte das ruhig an und bat nur, daß er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche, weil jetzt noch Verdienst sei, aber im völligen Winter nur wenig. Und er hatte große Freude, daß ihm das zugestanden ward, in der Kälte gefangen zu sitzen. -- Eingeheizt wird Euch nicht! lächelte der Herr Gerichtshalter. Dann bat Johannes nur noch, daß seine Strafe verschwiegen bliebe, bis er wieder entlassen sei. -- Das ist wider die Lehre von der Besserung durch das Beispiel! erhielt er zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen über die Angst seiner Christel und ließ nicht ab, bis er auch das erlangte.

Versprechen ist ja nicht Halten! bemerkte der Gerichtshalter leiser zum gnädigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen, es erinnert mich immer unangenehm an den Menschen in mir, und ich bin nur der leibhaftige Justinia-si-nus! Denn unsere Last ist schwer! schon die treuherzige Miene zu machen, die Rolle durchzuführen und immer gleichgültig -- grau auszusehen und uns sicher zu stellen, daß man _uns_ nicht auf das Pergament klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir können das Sackspiel! und besser! _Ruhig_ sie -- hängen lassen, so spielen es die Meister. -- Nun können Sie die Schule mit ihr anfangen!

Mit _ihr_ ist nichts! das Volk hält gar nichts mehr auf angethane Ehre! ich habe nun andere Sorgen! bemerkte der Herr.

Bedauere! -- _Ich_ habe meine Schuldigkeit gethan! neigte sich der Justini--anus.

Johannes aber ging und sprach in Zeiten von einer Reise zu einem entfernten Anverwandten, der ihnen helfen solle. Er war fleißig bis zum Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder zur Noth zu versorgen, denn ihre Zahl sollte gegen Ostern noch um Eins vermehrt werden, wenn nicht durch Zwei, wie Gott nun segnete.

15.

So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der -- Abreise saß Johannes in trüben Gedanken und Kummer, die Seinen zu verlassen. Ach, sprach er bei sich -- die Strafe hab' ich verdient, die Welt ist einmal so, und was die Großen verbieten oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden oder thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine Erlösung auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint mir doch zweierlei, die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden, wie der Apotheker und der Lizentiat, -- der Schulmeister hat mir das wohl erklärt -- und einen armen Mann wie mich zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest steht im Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker Bettelmann, dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt. Aber davon wissen die Gesetze nichts, und _die_ nichts, die sie unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die wahren Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt; und ein Gerichtshalter ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle seine stummen Gesetzbücher, die ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt! pro firma, wie Wecker sagt; ja, dieser Herr Amtsschreiber schon ist mehr als selber der Landesherr! ein wahrer Pilatus, der züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die Sache dem Principal vorträgt -- um ein Paar Eier. Gut, daß mir das Beispiel einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein ganz andrer Johannes ganz Anderes litt!

Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es selber für rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wir einmal aus der Noth kommen! Ich kann Dich nicht länger so sehen, Du grämst Dich mir ordentlich ab, und die Jacke ist Dir so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten.

Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen schon durch, seufzte Johannes.

Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht klug, siehst Du noch immer nicht, was wir haben, und wie mich die Kinder erfreuen werden, wenn Du weg bist. Ich -- ich stelle mir tagtäglich vor: _das_ ist ein großes Glück, zu besitzen, was ein großes Unglück wäre zu verlieren. Da hast Du's! Sag' einmal, würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder _nicht_ haben wollen? Oder uns haben wollen -- und arm sein, wie wir sind, und doch nicht sind! --

Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann man denn nicht die Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder dazu? sprach Johannes. --

Also bist Du mit mir und den Kindern nicht _ganz_ zufrieden? erschrak fast Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es jetzt eine Zeit lang besser haben als wir, Du wirst Dein gutes Essen haben, die Beine unter anderleuts Tisch stecken, ich will Dir's ja nicht beneiden -- komme nur wieder! wenn Du auch lange bleibst, und laß einmal schreiben! --

Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf auf den Tisch. Der Vater aber sahe durch das Fenster, wie der erste Schnee herabtaumelte, wie er aus dem ganz gesenkten flirrenden Himmel sich hinab in den Teich stürzte, und wie aus dem Spiegel des Teiches zugleich die stürmenden Flocken aus der Tiefe herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten sich auf der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden, verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie die Kinder barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle wälzten, auf einander setzten, einen Stock durchsteckten und die Arme mit Schnee bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe in die Hand gaben und ihm Augen und Nase und Mund von Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie dann umher tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur Kleider auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht in den dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen, stand dabei und fror, und doch _warm_ angezogen, und den einzigen großen Hut im Hause auf dem Kopfe, der ihm bis auf die Achseln ging, daß er kaum hervorsehen konnte; er fror, und doch freute er sich und zitterte, weil er noch nicht mitspielen konnte.

Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach bei sich: -- und sie nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß ihnen doch lieb sein! und Christel nennt mich: lieber Mann! ich muß ihr doch lieb sein, -- ich muß ihr doch gut sein, und wenn mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen könnte -- lieber Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte!

Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem Siebe gefangen, und es war Jubel im Hause, daß die Mutter Ruhe gebieten mußte, weil die alte Frau Redemehr, die Wirthin, schlief und krank war.

Ich mache ein Hirtenhäuschen auf den heiligen Christ! vertraute ihm Wecker, ein ganzes Wachslicht von vor Jahre Weihnachten vom Orgelpult hab' ich noch. Man wird wieder ein Narr mit den Kindern! sagt' er, die Hände reibend.

Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes.

Das wollt' ich nur wissen! versetzte der Alte.

Damit hatten sie ihren, im Scheiden nach dem feuchten finstern, kalten Stockhause begriffenen Johannes an den Weihnachtsheiligenabend erinnert -- er dachte, wie die Kinder in der dunklen Stube sitzen und sich fürchten und freuen, daß das Christkind doch im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum Troste sagen würde: zu Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen früge: ob ein Jahr lange sei? Dann dacht' er, daß Daniel ihm schon beschert -- den Leichenstein, und so ging er am andern Tage schon fort. Die Kinder baten ihn, was mitzubringen vom Vetter, und Christel hatte ihn mit einem kleinen Päcktchen beschwert; aber er mußte es nehmen, die Kinder und sie darum berauben, um sie glauben zu lassen, er gehe einen freien, guten Gang. Das Herz pochte ihm laut, und seine Thränen entschuldigte der Abschied. Und er mochte wohl oder übel, so mußte er auch vom Schulmeister die Wintermütze -- sein verwandeltes Butterfaß, sich auf den Kopf drücken lassen und hören, wie Christel ihm nachrief: Sorge nur nicht um uns! der Herr ist ja bei uns! -- und Wecker ihr sagte: das wollt' ich nur wissen!

16.

Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen, still in der finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter auf ihrem Schooße, weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung schwarzen Gesicht nicht kannte; denn die Sterne am Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl herein, aber ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr selber rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes.

Da macht' es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem Flur, dann ging sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr drüben kam Wecker mit dem Hirtenhäuschen, das hell schimmerte wie eine große Laterne. Christel war ihm aufmachen gegangen, auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt angezündet, hatte noch die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß Wecker an einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird wohl Euer sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die unschuldige Freude gemacht!

Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte es auf den Tisch, das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker war fast böse, daß seine Freude nicht die einzige sein sollte, denn die Kinder umstanden den Tisch, und die Mutter fragte sie, was darin sein sollte? was Jedes am liebsten hätte? Daniel rieth ein Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf Aepfel und Nüsse und einen Zappelmann.

Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen Bilder aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen, von der Hitze des Lichtes darin im Kreise getrieben, und Jäger und Hunde und Hirsche sich einander friedlich verfolgten, ohne sich je zu erreichen.

»Ein Pischkind!« schrie Sophiechen; das ist mein, Mutter gieb es mir her!

Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre, sagte die Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die Wickelschnuren! nur geradezu Alles! Was doch die Menschen jetzt Alles machen! Nein Dergleichen!

Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkind schlug die Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum Weinen, flog über sein Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat dann näher und hielt ihm den kleinen Finger an den Mund.

Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber -- _Euch_ das zu bringen, das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan hat, der muß Euch nicht kennen! Ich setzt' es einem Reichen hin!

Wecker aber sagte: Höchstens geben _die_ das Körbchen wieder auf die Ziehe! und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht alle Weiber Christel, meine Frau Redemehr! Ich dächte, Sie redete nicht mehr! Das heilige Christkind wird Christel schon gekannt haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt' Ihr es haben? --

-- Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So eine heilige Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich danke meinem Gott für das gnädige Zutrauen zu uns Armen!

Das wollt' ich nur wissen! sagt' Wecker.

Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr?

Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist sicherlich nicht getauft! das macht wieder Kosten!

Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der Pastor nicht will. Die Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das Kind in Noth ist, geschweige die Aeltern. Noth ist Noth, das weiß Ich! --

Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel froh, daß sie eine herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was Gutes zu kosten und den Kindern geben zu können.

Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh' ich Gevatter.

Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind? ein Gottlob oder ein Annaröschen?

Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit Verwunderung indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm ihre Brille ab und sagte Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges Gottlobchen. Die Kinder kramten im Grunde des Körbchens und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und mehrere Silbergulden.

Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht nicht, die Kinder kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht im Hirtenhäuschen brannte, lieblichen Dämmer und eine stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum Morgen.

Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten, _zum Kuchenbacken_, wie er fröhlich sagte: -- _den_ Kuchen zu backen, der uns schmecken soll! Kein Grammaticus kann sich unterstehen zu sagen: ich wecke zu »_den_ Kuchen backen!« ergo heißt _Einen_ Kuchen backen auch »Kuchenbacken.« Und dazu gehört ein ganzer Backofen, so gut wie zum »Schulmeisterabsetzen« _ein ganzer Schulmeister_, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das ganze Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte namenlose _Anonyma_. Der Mann bin ich. --

Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen Papier unter den guten großen Kindtaufenkuchen; denn Christel versprach sich selber, die wenigen Gulden auch in der größten eigenen Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für das Kind zu verwenden, damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom Deckel der großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt war, und Christel kam nach dem Papier. Aber was ist denn das? fragte Wecker, die Papiere hier? und der versiegelte Brief? Christel nahm das Eine nach dem Andern und fand mit bangem Erschrecken die Schuldverschreibung vom seligen Herrn, die in der Bibel verborgen gewesen.

Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur Borromäus was hätte! Der ist nicht der Mann!

Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel. Nun soll mich mein Gott bewahren, ihm das anzuthun.

Er verdient' es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin der Mann! ich geh' mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium -- oder kurzen geraden Wegs zum seligen Herrn, da werd' ich wieder eingesetzt, und wenn ich noch so närrisch soll sein -- was kümmern ihn die lieben Kinder!

Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns die Armuth vergelten.

Das wollt' ich nur wissen! sagt' er gerührt. Aber der alte Mann weinte zum ersten Male, ja er schlief nach und nach ein, mit dem Kopf auf die Bibel gelehnt, und die Sonne schimmerte in seine weißen Haare und sah ihn mild und lächelnd an; und als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes Stück vor ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache.

Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das Körbchen beschert. Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen. Wer hatte so weiße feine Leinwand? Wer konnte das Alles so sauber machen, wenn nicht des Predigers Töchter, die aber die liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und dort nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon geweint über das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als daß sie es liebte, weil ihm der Vater gut gewesen war.

Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen Pastor an ihren Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak sie nun erst, als sie las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun ihm das Kind anvertraute, da Jahre lang niemand nach ihm gefragt. Er habe sonst immer das Geld für die Pflege der Dorothee richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn' er, nun er scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und da es die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater zu, sich das Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem Briefe, schrieb er, werden Sie den Namen des Vaters der Dorothee finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus Frankfurt, der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in Ihrem Hause aufgehalten.

Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem Großvater zugesandt, der Brief war an den Pastor überschrieben, der Großvater hatte ihn nicht aufgemacht, sie getraute sich es noch weniger, zu thun, und was half auch der Name nun ihr? was Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so beweinte Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, sie _freute_ sich jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das Knäbchen noch lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig, ob es gleich _Gottliebchen_ hieß, als wahrhaftes Derivativum und richtiggebildetes Diminutivum von -- Gottlieb, wie Wecker es nannte.

17.