Die Osternacht. Erste Abtheilung

Part 4

Chapter 43,891 wordsPublic domain

So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als dieß Mal. Sie dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben würde, wenn er nach Hause käme. Als sie in die Stube trat, küßte sie die Kinder erst, die sich an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür -- sie waren weg! sie lief hinzu -- die Thür stand nur weit offen -- sie waren noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz hatte. Darauf zählte sie das Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon voll ward.

Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme, und sahe nun erst den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt, damit er vielleicht nicht draußen beschädigt werde, und las den vergoldeten Namen »Johannes« und »Martha« und das: Halt' fest an Gottes Wort.

Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel.

Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth.

Du lügst! sagte die Mutter, sieh', wie Du roth bist! Nun weine nur nicht, mein Kind. Wer hat denn bezahlt?

Mutter! bat Daniel.

Daniel! drohte ihm die Mutter!

Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen.

Wovon denn? fragte sie.

Du hast mir ja immer gebracht -- Du weißt schon was! sagt' er.

Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthin hat mir gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem Schüsselchen komme? -- Und Du hast keine gegessen?

Mutter! sagte Daniel.

Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse.

Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus!

Christel sprang hinaus an den Wagen.

Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das Stroh war blutig. -- Das Volk schießt auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt und im Dickicht wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! --

Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr wehmüthiger Blick fiel gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen Namen: Johannes! -- Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand.

Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen; er war schon verbunden und lag ruhig. Die gnädige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der zwar aus der Stadt war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte.

Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf seine Hand und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh' doch, da ist das Geld! sieh' doch, da ist der Leichenstein! --

-- Er schlief. --

11.

Am andern Morgen erwachte Johannes zeitig, so still auch die Kinder saßen und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort harrten, so leise auch Christel auf Socken im Stübchen umher ging, und nur die nothwendigste Arbeit verrichtete. Aber er glaubte, er träume noch, oder er sei gestorben, da er den Denkstein sah.

Bist _Du_ denn hier? Christel, fragte er.

Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt? Ja, das ist ja ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden, vielleicht aufstehen, und fühlte dadurch erst seine Schmerzen.

Ja so! -- jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich vergaß mich nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer geschossen hätte?

Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach Christel weich und besorgt.

Daniel hat mir ja gestern gelesen, was auf dem Steine steht: Halt' fest an Gottes Wort! --

Da brachte sie ihm das Geld auf das Bett, und Daniel lachte ihn an.

Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich besinnend: Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen?

Das ist ja nun einerlei, lächelte sie. _Wir_ haben gewonnen! Nun kann ich Dich pflegen! --

Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du es weist, und ich denke, wie ich es weiß. _Welches_ hat denn gewonnen?

Je nun, die 96! lächelte Christel.

Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir sagen, ob das mit dem schwarzen Kreuze -- so Gott will, wenn er gewollt hat, oder das reine? Sieh doch einmal hin!

Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür stehend, lauter: ist No. 15,000.

Nun das ist unser! sagte Johannes.

Und das andre, 96, das reine, hat eben gewonnen! bemerkte ihm Christel. So sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die Listen. Es ist roth unterstrichen.

Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange.

Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! -- Freilich Du bist krank! setzte Christel zu ihrer Frage bedenkend hinzu.

Er nahm sie bei der Hand und sagte: sieh', meine Christel, das Loos, die 96 ist unser.

Nun so ist ja Alles gut! unterbrach sie ihn.

Recht gut! sagt' er. Aber das Geld ist nicht unser.

Du bist ein Kind! lachte sie. Da ist es ja! --

_Schicke_ es nur der Dorothee! sagte er, da sie uns ganz vergessen hat und keinen Fuß zu uns armen Leuten setzt, die ihr Schande machen.

Der Dorothee? das Geld? fragte sie ihn betroffen, etwas blässer und gespannt. --

Siehst Du, liebe Christel, das Loos habe ich in _Gedanken_ auf die Dorothee genommen. Sie hat es auch gezogen, und auf das unsere hab' ich zum Zeichen und Unterschied für mich ein schwarzes Kreuz aus Daniel's Tintenfasse gemacht.

Das ist freilich etwas Anderes, seufzte Christel. Konntest Du nicht das schwarze Kreuz auf das andre machen? Das war recht thöricht!

Du seufzest, Du siehst böse aus; ich will doch nicht hoffen, Christel, meine gute ehrliche Frau! Verspricht man denn mit Worten? oder mit Herz und Gedanken?

Freilich mit Herz und Gedanken, meinte Christel.

Nun siehst Du, so muß man auch die Gedanken halten. »Gedacht ist gethan!« sagte meine Mutter immer. Und Du, meine gute junge Mutter, laß das Gewinnloos aussägen, wir setzen ein Glasscheibchen in die Oeffnung und haben zu unserm Lohn und Angedenken ein Fensterchen ins Haus. Geh, schicke die Wirthin und den Daniel. Das Mädchen hat ja gar Nichts! Nun kann sie vom Schlosse, wenn sie will. -- Daniel fiel der Mutter um den Hals, sprang eilig davon und brachte die alte Frau Redemehr.

Was hattest Du denn? Daniel! frug ihn die Mutter. Dauert Dich das Geld um uns, Du guter Junge!

Ach Mutter, nun will ich Dir's sagen! sprach Daniel froh.

Nun was denn? mein Daniel; frug ihn Christel.

Aber Du wirst böse sein auf Dich, und danach auf mich! sprach Daniel leiser und wollte nicht reden.

Ich weiß schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr. Ich habe einmal 6 Gulden gewonnen und war froh! und als ich das Geld sah und in die Hand nahm, überfiel mich ein Schreck und ein Zittern, als hätt' ich's entwendet. Wem? -- wußte ich nicht mit Namen. Aber ich hatte nur 10 Kreuzer gegeben! und nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mühe und Arbeit! Und wenn ich einen ganzen Tag auf die Arbeit gehe, bekomme ich nur 10 Kreuzer. Woher war nun das Geld? von armen Leuten, von unzufriedenen unglücklichen Leuten, die sich selber darum betrogen, und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als hätt' ich es sauer verdient! Ich that die erste Nacht kein Auge zu, und die andern Nächte wachte ich auf aus schweren Träumen, worin die Kobolde mich vor den König Salomo führten, als eine heimliche Diebin und unehrliche Frau, die anderer Leute Gut besitzt. Die Armen und Betrogenen weinten, verwünschten und verklagten mich! und Salomo sahe mich starr an und sprach, daß sie mein Geld hätten gewinnen wollen, das machte meinen Gewinn nicht gerechter »Frau Redemehr« -- sprach er -- »Euer Sinn ist schlecht! Ihr wollt dem lieben Gott das Leben abstehlen!« und spuckte vor mir aus. Und so geschahe mir alle Nächte, bis ich das Geld in die Kirche schenkte, zu einem neuen heiligen Geiste über die Kanzel. Da hatte ich Ruhe! Denn _gewonnenes_ Geld bringt Niemandem Segen. Fragt nur im Lande! Wie gewonnen, so zerronnen. Und noch ein schlechtes schweres Herz sich gemacht. Verdientes aber -- das hab' ich _verdient_, mit meiner Müdigkeit und meinem Tage, den mir der liebe Gott gegeben. -- Nun das hab' ich dem Daniel gestern erzählt, als Ihr das Geld gewonnen, und es hat ihm bald das Herz abgedrückt, daß seine Mutter und sein Vater nun sollten unverdientes und ungesegnetes Geld besitzen und Nachts vor dem Könige Salomo erscheinen. Darum freut er sich so, nun Ihr das Geld fortschickt, meine liebe Christel!

Christel ward feuerroth bei der Rede der alten Frau Redemehr, gab ihr das Geld für die Dorothee, und sagte nur: Es war ja so nicht unser! Und als sie fort waren, setzte sie sich zu Johannes aufs Bett, und wand ihre Arme unter seinem Kopfe durch, neigte sich zu ihm und weinte.

Jetzt hätten wir können arm werden! meinte Johannes. --

Freilich _ganz anders_ arm! Wenn ich mich nur nicht gefreut hätte! das kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht stürbest! -- Nun wirst Du mir traurig! versteh' mich nicht unrecht, Johannes, mir ist es nur um Dich! Nur um die Kinder!

So mein ich's auch; seufzte Johannes.

Nein! ich nicht so. Daß sie _Dich_ nicht sollen haben! das thut mir leid! und Du _mich_ nicht! --

Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe! oder Du stirbst dann auch -- ich und Du.

Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen, daß das viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater nicht genutzt, daß er die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und daß sie es durchgebracht haben! Was hilft also Reichthum _ohne_ Gottes Segen? Nichts! denn der Herr kann nehmen, wie und wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen, Alle wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit Ehren gefunden, und wieder Weib und Kinder haben, und Jedes doch ein Häuschen und ein Gärtchen, so viel ihrer sind! Was schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? -- Nichts! Er nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß und _gesegnete_ Ernten und _gute_ Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs, Krieg und Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt, wer fleißig und klug ist! Siehe, Adam verließ seinen Kindern auch nichts, als die ganze leere Welt, und siehe, wir, seine tausendsten Enkel, leben auch noch.

Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes.

Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz? Und gar erst, -- Du solltest doch denken, _wessen_ Namen Du trägst, Johannes; ach, Du hast Ihm nicht an der Brust gelegen, klagte Christel fast mit Thränen und Vorwurf.

Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen sein, als sie auf Erden pilgerten und bloß vom _Säen_ lebten! sagte mitleidig Johannes.

Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht ließ an Noth und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe uns nur gut, weil wir arm sind, weil ich arm bin, und verachte Dich selber nicht, weil Du uns nur so viel geben kannst, womit wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die Kinder nicht alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem Herrgott für die empfangene Wohlthat? --

Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und siehst mich nicht an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich nicht sehe, wie die Kinder so bescheiden aussehen! wie Du immer sprichst: Ich bin satt! da, meine Kinder! wie Du dich grämst um sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich auf einmal in ihr Gebet mit einfalle und _laut_ Gott danke für Alles, was wir empfangen haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich dann strafst: Johannes! das ist kein Dank! -- Wohl dem, der seinen Kindern geben kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß sie freudig sind! Wohl dem, und wohl ihnen, daß sie nicht gleich die Erde betrachten wie ein Armenhaus, worin nichts ist für sie, als was sie durch Mildthat empfangen, wo die Kirschbäume _ihnen_ keine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der Weinstock keine Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachenden Körbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe nicht _umsonst_ gegeben wird, sich wundern, daß man sie mit einem Kreuzer _bezahlen_ kann, dann die Hände auf den Rücken legen und traurig fortgehen, daß sie den Kreuzer nicht haben! Und vollends _jetzt! jetzt!_ meine Christel. Es ist gut! sagte er, und kehrte sich von ihr weg, mit dem Gesichte an die Wand.

Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater im Sarge gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte sein Gesicht! Und doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an seinem Sterbebette gekniet und geweint, und doch entschlief er ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat er nun nicht gewußt, daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat es gewußt. Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihm _kein Mensch_ helfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er im _Herzen empfunden_, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater im Himmel. So ist sein Zutrauen _zu sich_ verschwunden mit der Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in die er versunken war. So sah er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an, zog uns Alle noch ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu weinen; aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz schwebte die _Gleichgültigkeit_ der Todten gegen Alles, was Welt heißt -- und die stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die feste Zuversicht, ihn zu finden! Ach, wir waren ihm nicht _geringer_ geworden, als etwas so Vergängliches, wie Menschen sind. Nein! -- Gott war ihm als sein Vater und unser Vater erschienen, in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er war auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch nicht mehr nur seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Das bedeutete sein letzter Blick zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung auf seinem Gesicht im Sarge, sein stummes Scheiden aus dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh' nur hin, es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück für den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen. Und wir, die wir es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie still dahin ziehen, wir sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit offenen Augen, mit klopfendem Herzen wenigstens nicht nachempfinden, was ein Sterbender einzig und allein nur sieht? Ach, wir Gesunden, wir Lebenden sehen _zu viel!_ uns verwirrt die Arbeit und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn wir das reife Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des Tages, und legen uns, müde von Arbeit, zu schlafen, und denken, morgen einzualtern, oder an das Mahlen und Backen und das liebe Brot, das wir bedürfen.

Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten! sagte Johannes.

Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr, als daß wir _das Unsere_ gethan, wenn wir für unsere Kinder sorgen. Aber wie weit reichen wir! Denn siehe doch an: Wer sorgt denn nur einst für die Kinder von unsern Kindern? Sind die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen wir diese nicht schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn nicht auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unsere _gethan_, wenn es auch nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die Kinder nicht lieb? Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns Allen nicht ewige gute Tage? Antworte doch: Nein! Du verwunderst Dich! -- Du wirst schon besser werden, besonders wenn Du _besser_ wirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du bist der Hasenfuß -- nicht der kleine Junge!

Johannes lächelte -- Christel lachte vor Freuden, und die mühsam verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, -- wie es noch regnet, wenn vom seitwärts klar gewordenen Himmel die Sonne schon wieder scheint. Und so blieben sie Beide, zufrieden neben einander ruhend, lange Zeit.

12.

Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie. Christel erwartete in Gedanken, daß sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte --

Christel lächelte und hob das Papier auf.

Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher.

Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel.

Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee.

Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich das etwa beklemmt.

Aber noch Eins, eh' Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers. Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine Ursachen dazu.

Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die Worte: Selig sind, die reines Herzens sind -- aber sie seufzte unmerklich, dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.

Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel.

Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt! So holte sie es, wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee erröthend. Nun so nimm es Deinem gnädigen Herrn mit! Dem gehört es.

_Meinem?_ erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu sehen, ob und was sie meine.

Nun ja: Deinem, versetzte Christel.

Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee.

Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh' nur mit Gott! -- Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß sie das Goldstück dagelassen.

_Das_ Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes.

Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn' es zu sagen; um Deinetwillen muß ich besser werden!

13.

Christel that es nur leid, daß sie den vortrefflichen Kometen-Most allein trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schädlich und vom Lizentiat verboten. Sie setzte sich aber jedes Mal aufs Bett zu ihm, wenn sie davon trank, sahe ihn dabei an, und so bildete sie sich ein, _er_ genieße seine Süßigkeit mit. Die alte Wirthin ward nicht vergessen, und auch der alte Schulmeister Wecker bekam, so viel er wollte. Denn der gute Mann hatte sich seine Suspension zu Gemüthe gezogen, besonders das Wort des Gerichtshalters: daß es ihm leid thue, daß suspendiren nicht »aufhängen« bedeute. So war er denn übergeschnappt, zuletzt sogar und dieß Mal nicht ohne Grund -- da er Alles verkehrt gelehrt und an den Kindern seinen Verdruß über den Tanz mit den Buchstaben alle Morgen aufs Neue unbarmherzig vermerken lassen, und zwar an der ganzen Schule durch die Bank, um die Schuldigen unfehlbar mit zu treffen -- wirklich abgesetzt, dispensirt worden, und der arme, irre Mann übersetzte das Wort nun: _zweimal gehangen_, weil durch einen Schreibfehler des Amtscopisten _bispensirt_ in seiner Entlassung stand, die er immer zu seiner Legitimation als abgesetzter Schulmeister bei sich trug. Das Schulhaus war, wie gewöhnlich, nicht sein, er lebte nun von seinen verkauften armseligen Sachen, die allgemach von ihm Abschied nahmen; und als er das erste Mal zu Christel eintrat, frug er, wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das Butterfaß auf dem Kopfe? --

Christel aber sahe mit feuchten Augen, daß er eine neue Wintermütze auf dem Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. --

Sehr schön! Herr Wecker; antwortete sie ihm. --

Nun das wollt ich nur wissen! versetzt' er. Nur der alte Seiger mit dem Kuckuck auf den Füßen ist mir zu enge! Das ist der Kuckuck! sagte er. --

Auch neue Schuhe! erstaunte Christel.

Das wollt' ich nur wissen! sagt' er. Ich komme eigentlich, versetzt' er, um zu beweisen, daß ich auf Euren Johannes nicht böse bin, daß er mich um mein Amt buchstabirt hat. Das kommt aber daher, daß ihn seine lieben Aeltern nicht das heilige A. B. C. haben lehren lassen. Und ich bin der Mann, die Scharte auszuwetzen! Aber tüchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich habe eine tüchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder W! -- es kommt auf sein Genie an. Ja! seht mich nur an, sagt' er! Ich bin der Mann! Denn wie mein Halstuch ein Brotschrank ist, so bin ich das leibhaftige Schulhaus nebst allem Zubehör, und was darum und daran hängt, wie an meinem alten Rocke. Unser Herrgott ist auch nicht die Welt, sondern ganz separat, und wenn er die Sonne ausbläst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht im Finstern. Heut zu Tage ist Alles ambulant! ja sogar fliegend! selber das Lazareth! Ich aber schleiche ja nur ganz sacht auf meinem Kuckuck, als die sichtbare und wahre Schule. So wollen Wir denn in Gottes Namen anfangen!

Darauf erhob er seine Stimme, ging in der Stube mit halb zugemachten Augen auf und ab und sang, wie er immer vor Anfang der Schule gewohnt war, den Vers:

Erhalt' uns in der Wahrheit! Gieb ewigliche Freiheit, Zu preisen deinen Namen Durch Jesum Christum. Amen!

Nun wie weit waren wir denn in der letzten Stunde? fragte er und setzte sich an das Bett, langte das A. B. C. Buch aus der Tasche und legte die Ruthe neben sich hin.

Und so mußte denn Johannes das A. B. C. lernen, welches er ihm zu Gefallen that, um dem armen Mann seine Freude zu lassen. Dann ging er in andre Häuser lehren, und man hörte sein: »Erhalt' uns in der Wahrheit.« Manche behielten den als A. B. C. Lehrer immer noch brauchbaren Mann zum Danke zum Essen, oder steckten ihm Brot in seinen ambulanten und fliegenden Brotschrank, die großen Taschen, das er ruhig geschehen ließ, als wenn er nichts merkte, und während dessen die Kinder ermahnte, oder noch den Vers zum Schlusse der Schule sang und dann mit schlauem Blicke sich für das reichliche, wohlgebackene _Schulgeld_ bedankte. Er schlief des Nachts, wo es ihm gefiel, auf der Ofenbank, oder bei wem er gerade des Abends zuletzt war. Er hatte Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein großer Friedrich und bei durchziehenden Soldaten Tambour geworden. Da aber der alte Mann Wecker hieß, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister nannten: so hatte er einen Haß gegen die Hähne bekommen und führte Krieg mit ihnen, wo er einen sah und krähen hörte, und sagte ihm: Mein Freund, _Ich_ bin Wecker! und so fing er an, früh die Menschen selber zu wecken ohne Unterschied, am liebsten jedoch mit inniger Freude die evangelischen Geistlichen in der Gegend nach der Reihe, ja er krähte zuletzt dabei auf einem Grashalm. Wie eigens nur dazu bestallte Männer in dem Pallaste der Könige von England krähten, zur Warnung: nicht den Herrn zu verrathen, wie -- Petrus.