Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, II. Band Von Galilei bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts

Part 1

Chapter 13,204 wordsPublic domain

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Eine Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des Buchs.

DIE NATURWISSENSCHAFTEN

IN IHRER ENTWICKLUNG UND IN IHREM ZUSAMMENHANGE

DARGESTELLT VON

FRIEDRICH DANNEMANN

ZWEITE AUFLAGE

II. BAND:

VON GALILEI BIS ZUR MITTE DES XVIII. JAHRHUNDERTS

MIT 132 ABBILDUNGEN IM TEXT UND MIT EINEM BILDNIS VON *GALILEI*

Leipzig Verlag von Wilhelm Engelmann 1921

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.

Copyright 1921 by Wilhelm Engelmann, Leipzig.

Druck von *Breitkopf & Härtel* in Leipzig.

HERRN PROF. DR.

EDMUND O. VON LIPPMANN

AUS DANKBARKEIT FÜR SEINE MITWIRKUNG BEI DER HERAUSGABE DER NEUEN AUFLAGE

GEWIDMET

Vorwort.

Der zweite Band befaßt sich in der Hauptsache mit den im 17. Jahrhundert entstandenen Grundlagen der neueren Naturwissenschaft. Es sind die Schöpfungen eines *Galilei*, *Newton*, *Huygens* und zahlreicher anderer Forscher ersten Ranges, die wir in diesem Zeitraum der Entwicklung der Wissenschaften entstehen sehen. Die grundlegenden Arbeiten jener Männer sind durch »*Ostwalds* Klassiker der exakten Wissenschaften« heute weiteren Kreisen in erläuterten Ausgaben und, wo es erforderlich war, in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht. Der zweite Band nimmt, wie es auch die folgenden tun werden, auf diese Ausgaben oft Bezug, so daß die Absicht des Verfassers, in seinem Werke gewissermaßen einen Rahmen für »*Ostwalds* Klassiker« zu schaffen, mehr als im ersten Bande zum Ausdruck kommt.

Bezüglich der übrigen Gesichtspunkte, die bei der Abfassung des Werkes in Betracht kamen, muß auf das Vorwort zum ersten Bande hingewiesen werden. Der Verfasser hofft, daß es ihm gelungen ist, auch in dem zweiten Bande die Geschichte der Wissenschaften im Rahmen der Gesamtentwicklung darzustellen und ein Buch zu schaffen, mit dem nicht nur dem Historiker, sondern auch dem Arzte, dem Techniker, dem Lehrenden und Studierenden, kurz jedem, der an den Naturwissenschaften lebhafteren Anteil nimmt, gedient ist. War es doch sein Bestreben, die Entwicklung der Naturwissenschaften in ihren noch heute wertvollen Grundlagen, sowie in ihren Beziehungen zu den übrigen Wissenschaften, insbesondere zur Philosophie, zur Mathematik, zur Heilkunde und zur Technik darzustellen.

An der Überwachung des Satzes haben sich wieder die Herren Geh. Hofrat Prof. Dr. *E. Wiedemann* (Erlangen), Prof. Dr. *E. O. v. Lippmann* (Halle a. S.), dem der vorliegende Band gewidmet ist, und Prof. Dr. *J. Würschmidt* (Erlangen) beteiligt. Ich bin ihnen für zahlreiche Verbesserungen und Zusätze zum größten Dank verpflichtet. Auch sonst gingen mir manche Anregungen teils in Besprechungen, teils persönlich zu, die ich hier dankbar anerkenne.

*München*, im Frühjahr 1921.

Friedrich Dannemann.

Inhalt.

1. Altertum und Neuzeit.

(S. 1-10.)

1. Einleitendes. -- 2. Rückblick. -- 3. Einfluß der alten Literatur. -- 4. Mittelalterliche und neuere Denkweise. -- 5. Allgemeingeschichtliches. -- 7. Neugestaltung des wissenschaftlichen Lebens. -- 8. Reformation und Humanismus. -- 10. Erweiterung des Weltbildes.

2. Neuzeitliche Forschungsmittel.

(S. 11-19.)

11. Das Mikroskop. -- 13. Das Fernrohr. -- 16. Keplers Teleobjektiv. -- 17. Verbesserungen der Fernrohre. -- 18. Auge und Vorgang des Sehens.

3. Galileis grundlegende Schöpfungen.

(S. 20-80.)

20. Allgemeingeschichtliches. -- 21. Leben und Entwicklungsgang Galileis. -- 24. Galileis astronomische Entdeckungen. -- 27. Wissenschaft und Kirche. -- 30. Galileis Eintreten für die koppernikanische Lehre. -- 38. Galileis Inquisitionsprozeß. -- 41. Galileis letzte Lebensjahre. -- 43. Galileis Untersuchungen über die Kohäsion und über das Gewicht der Luft. -- 46. Die Fallbewegung. -- 54. Die Pendelbewegung. -- 58. Der Wurf. -- 62. Das Prinzip der virtuellen Geschwindigkeiten. -- 65. Mängel der Galilei'schen Mechanik. -- 67. Galilei untersucht die Festigkeit der Körper. -- 70. Die Mechanik der Flüssigkeiten und der Gase. -- 74. Galileis Untersuchungen über den Schall. -- 76. Galileis optische und magnetische Untersuchungen. -- 78. Galileis Persönlichkeit und Schriften.

4. Die Ausbreitung der induktiven Forschungsweise.

(S. 81-112.)

81. Die Versuche der Florentiner Akademie. -- 92. Grundlegende optische Untersuchungen. -- 96. Die Erforschung der Elektrizität und des Magnetismus. -- 105. Die Begründung einer Philosophie der Erfahrung. -- 110. Die Denkweise des 17. Jahrhunderts.

5. Die Astronomie im Zeitalter Keplers.

(S. 113-152.)

113. Keplers Entwicklungsgang. -- 117. Keplers Konstruktion der Planetensphären. -- 119. Fortschritte der Beobachtungskunst. -- 127. Die Entdeckung der Keplerschen Gesetze. -- 133. Keplers weitere astronomische Leistungen. -- 139. Keplers Verdienste um die Optik. -- 150. Keplers Nachfolger auf dem Gebiete der Astronomie.

6. Die Förderung der Naturwissenschaften durch die Fortschritte der Mathematik.

(S. 153-173.)

153. Fortschritte der Rechenkunst. -- 156. Die Lehre von den Gleichungen. -- 157. Die Begründung der analytischen Geometrie. -- 160. Maxima- und Minimaaufgaben. -- 162. Das Prinzip der kleinsten Wirkung. -- 165. Die Anfänge der Infinitesimalrechnung. -- 167. Quadraturen und Kubaturen. -- 169. Cavalieris Satz und Guldins Regel. -- 171. Die Arithmetik des Unendlichen. -- 172. Differential- und Integralrechnung. -- 173. Die Methode der Fluxionen.

7. Die Beziehungen der Naturwissenschaft zur neueren Philosophie.

(S. 174-188.)

174. Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft. -- 177. Atome und Korpuskeln. -- 179. Kraft und Stoff. -- 181. Die cartesianische Physik. -- 182. Hobbes und Spinoza. -- 183. Newtons Prinzipien. -- 185. Cartesianer und Newtonianer. -- 187. Descartes und Leibniz.

8. Der Ausbau der Physik der flüssigen und der gasförmigen Körper.

(S. 189-214.)

189. Die Begründung der Hydrostatik. -- 192. Anfänge einer Dynamik der Flüssigkeiten. -- 194. Die Erfindung des Quecksilberbarometers. -- 196. Pascals Versuche. -- 200. Die Erfindung der Luftpumpe. -- 206. Das Wasserbarometer. -- 209. Wägung der Luft und Versuche im Vakuum. -- 211. Die Entdeckung des Boyle-Mariotte'schen Gesetzes.

9. Die weitere Entwicklung der Iatrochemie und die Begründung der wissenschaftlichen Chemie durch Boyle.

(S. 215-230.)

215. Neue Ziele der Chemie. -- 217. Die Entdeckungen der Alchemisten. -- 219. Das erste Lehrbuch der Chemie. -- 221. Der Einfluß der Chemie auf die Gewerbe. -- 225. Die Begründung der Chemie als Wissenschaft. -- 227. Die Anfänge der antiphlogistischen Lehre.

10. Der Ausbau der Botanik und der Zoologie nach dem Wiederaufleben der Wissenschaften.

(S. 231-242.)

231. Fortschritte der Botanik. -- 234. Anfänge der natürlichen und der künstlichen Systematik. -- 236. Die Begründung einer Morphologie der Pflanzen. -- 240. Fortschritte der Zoologie.

11. Die Begründung der großen wissenschaftlichen Akademien.

(S. 243-253.)

243. Allgemeines. -- 245. Die Royal Society. -- 247. Die Pariser Akademie der Wissenschaften. -- 249. Die Preußische Akademie der Wissenschaften. -- 252. Preisaufgaben, Akademieschriften.

12. Newton.

(S. 254-285.)

254. Newtons Werdegang. -- 255. Fortschritte der praktischen Optik. -- 258. Die Untersuchung des Sonnenspektrums. -- 261. Newtons Farbentheorie. -- 266. Emissions- und Wellentheorie. -- 273. Die Entdeckung des Gravitationsgesetzes. -- 277. Newtons »Prinzipien«. -- 281. Newtons Weltanschauung.

13. Huygens und die übrigen Zeitgenossen Newtons.

(S. 286-345.)

286. Huygens' Werdegang. -- 288. Der Ausbau der Wellentheorie des Lichtes. -- 293. Das Huygens'sche Prinzip. -- 296. Doppelbrechung und Polarisation. -- 302. Die Erfindung der Pendeluhr. -- 309. Förderung der Theorie des Pendels. -- 313. Untersuchungen über die Zentrifugalkraft. -- 316. Die Abplattung der Erde. -- 318. Die Begründung einer Theorie des Stoßes. -- 320. Lebendige Kraft und Erhaltung der Kraft. -- 323. Weiteres Schicksal der Lehre von der Erhaltung der Kraft. -- 326. Mariottes Entdeckungen. -- 330. Halleys astronomische und physikalische Forschungen. -- 337. Die Entdeckungen Cassinis. -- 340. Deutschland während der Newton-Huygens-Periode.

14. Unter dem Einfluß der chemischen und der physikalischen Forschung entstehen die Grundlagen der neueren Mineralogie und Geologie.

(S. 346-362.)

346. Allgemeines. -- 347. Stenos kristallographische und geologische Untersuchungen. -- 351. Die Entwicklung der Ansichten über das Erdinnere. -- 353. Anfänge der Paläontologie. -- 355. Weitere geologische und mineralogische Fortschritte. -- 357. Die Chemie im Zeitalter der Phlogistontheorie.

15. Das Emporblühen der Anatomie und der Physiologie.

(S. 363-372.)

363. Die Lehre vom Kreislauf des Blutes. -- 368. Tieferes Eindringen in den Bau der Organe. -- 369. Anatomie und Mechanik.

16. Die ersten Ergebnisse der mikroskopischen Erforschung der niederen Tiere.

(S. 373-390.)

373. Der Bau und die Entwicklung der Insekten. -- 378. Urzeugung und Entwicklung. -- 383. Anfänge der Embryologie. -- 386. Die Entdeckung mikroskopisch kleiner Organismen. -- 388. Mikroskopie und Anatomie.

17. Die Begründung der Pflanzenanatomie und der Lehre von der Sexualität der Pflanzen.

(S. 391-404.)

391. Einleitendes. -- 393. Grews Anatomie der Pflanzen. -- 395. Anatomie und Physiologie. -- 399. Die Sexualität der Pflanzen.

18. Der weitere Ausbau der Mechanik, Optik und Akustik.

(S. 404-443.)

404. Naturwissenschaft und Mathematik. -- 408. Die Begründung der mathematischen Physik. -- 415. Mathematik und Astronomie. -- 419. Eulers Äthertheorie. -- 422. Die Begründung der analytischen Mechanik. -- 427. Fortschritte der Mathematik. -- 429. Die Grundformeln der analytischen Mechanik. -- 432. Die Begründung der Photometrie. -- 438. Fortschritte der Akustik.

19. Die Astronomie nach der Begründung der Gravitationsmechanik.

(S. 444-464.)

444. Die Abplattung der Erde. -- 447. Die Grundlagen des metrischen Systems. -- 452. Sonnenparallaxe, Erddichte und Aberration. -- 458. Weitere Fortschritte der Astronomie. -- 460. Astronomie und Kartographie.

20. Mineralogie und Geologie im 18. Jahrhundert.

(S. 465-488.)

465. Die Begründung der Mineralchemie. -- 467. Die Aufstellung eines Systems der Mineralien. -- 470. Die Unterscheidung der Gebirgsglieder. -- 474. Die Aufstellung von Perioden der Erdgeschichte. -- 476. Weitere Fortschritte der Geologie. -- 483. Neptunismus und Vulkanismus. -- 486. Die Begründung der Paläontologie.

21. Die Naturwissenschaften und das Zeitalter der Aufklärung.

(S. 489-493.)

*Verzeichnis der im II. Bande enthaltenen Abbildungen* S. 494

*Namen- und Sachverzeichnis* S. 501

*Ergänzungen, Zusätze und Berichtigungen* S. 507

*Aus den Besprechungen der ersten Auflage* S. 509

1. Altertum und Neuzeit.

Ein Ereignis, das gewöhnlich als ein Wendepunkt in der Geschichte der Wissenschaften betrachtet wird, und mit dem auch wir den ersten Abschnitt unserer Darstellung abschlossen, ist die Aufstellung des heliozentrischen Weltsystems durch *Koppernikus*. Man darf jedoch nicht außer Acht lassen, daß der Umschwung allmählich erfolgte, und daß man auf allen Wissensgebieten zunächst an das Vorhandene anknüpfte. Auch ging für die einzelnen Zweige die Befreiung aus den Formen des mittelalterlichen Denkens durchaus nicht gleichzeitig vor sich. Zuerst war es die Astronomie, die einen erhöhten Standpunkt gewann. Ihr folgten die Physik seit dem 17. und die Chemie seit dem 18. Jahrhundert, während die Biologie erst im Laufe des 19. Jahrhunderts auf den Rang einer exakten Wissenschaft erhoben wurde.

Eine große Zahl von Aufgaben, deren Bewältigung man mit dem Beginn der Neuzeit in Angriff nahm, hatte sich schon das Altertum gestellt. Während des Mittelalters verlor man sie fast sämtlich aus den Augen. Die Neuzeit nahm sie nahezu dort, wo das Altertum stehen geblieben, wieder auf. Zum Teil führte sie diese Aufgaben ihrer Lösung entgegen, sie knüpfte aber auch an die gelösten und an die schwebenden neue Probleme an, die noch unsere Zeit vollauf beschäftigen, so daß letztere das Gefühl beseelt, daß sich ein Ende in der Kette der Entdeckungen und Erfindungen nirgends absehen läßt.

Ein kurzer Rückblick soll uns zunächst das Erbe vergegenwärtigen, das die neuere Zeit vom Altertum übernommen hat. Die Elemente der Mathematik waren in der Hauptsache entwickelt und am vollständigsten durch *Euklid* zusammengefaßt worden. Hieran schlossen sich die Untersuchungen des *Archimedes* und des *Apollonios*, die insbesondere die wichtige Lehre von den Kegelschnitten begründeten. Das »Almagest« genannte Hauptwerk des *Ptolemäos* enthielt die Grundzüge der ebenen und der sphärischen Trigonometrie. Das heutige Ziffernsystem und die Anfänge der Algebra verdankte man, als Schöpfungen einer späteren Zeit, vorzugsweise den Indern und den Arabern.

Die Alten hatten ferner gezeigt, in welcher Weise sich die Mathematik auf astronomische und mechanische Probleme anwenden läßt. Das Werk des *Ptolemäos* und vor allem die Schriften des *Archimedes* bieten zahlreiche Beispiele dafür. Über den Lauf der Gestirne hatte man eine große Summe von Beobachtungen gesammelt; ferner lagen für eine richtige astronomische Theorie Ansätze vor, die nur der weiteren Entwicklung harrten. Die Methoden und die Instrumente waren im wesentlichen noch dieselben, deren sich die Griechen bedient hatten. Auch gab es im Beginn der neueren Zeit für die Astronomie keine Aufgabe, die sich nicht schon die Alten gestellt hätten. Die Bestimmung des Umfangs der Erdkugel, ihr Verhältnis zu den übrigen Himmelskörpern, eine genaue Topographie des Fixsternhimmels, genaue Zeit- und Ortsbestimmung, die Vorhersage astronomischer Ereignisse, wie der Finsternisse, alles das waren Gegenstände, mit denen sich schon das Altertum, insbesondere die alexandrinische Periode, eingehend beschäftigt hatte, und von denen die neuere Zeit vorzugsweise durch das Hauptwerk des *Ptolemäos* Kenntnis erhielt.

Die auf uns gekommenen Berichte über Jahrtausende zurückliegende Finsternisse haben einen doppelten Wert. Einmal sind sie geeignet, einen Prüfstein für die neueren, einen weit kürzeren Zeitraum umfassenden Berechnungen zu bieten. Ferner geben sie ein Mittel an die Hand, um weit zurückliegende geschichtliche Ereignisse chronologisch zu ordnen[1]. Mitunter hat es sich in den alten Berichten offenbar nur um Verfinsterungen gehandelt, die durch plötzlich auftretende Gewitterwolken veranlaßt waren. Im ganzen haben aber die Berechnungen von Mond- und Sonnenfinsternissen, die bis zum Jahre 900 v. Chr. zurückreichen, für die Geschichte des Altertums und für die astronomische Wissenschaft gleich wertvolle Ergebnisse geliefert[2].

Auch die Statik und die Optik, Gebiete, die sich für die den Alten am meisten zusagende deduktive Behandlung besonders eigneten, empfing die Neuzeit in einer, bis zu einem gewissen Grade wissenschaftlich durchgebildeten Form, während bezüglich der übrigen Teile der Physik nur die Kenntnis von mehr oder minder wertvollen Einzelbeobachtungen übermittelt wurde, deren richtige Deutung und weiterer Verfolg der neueren Periode vorbehalten blieb. Es gilt dies namentlich von den magnetischen und den elektrischen Erscheinungen, sowie von dem Verhalten der Gase und Dämpfe, über deren Studium wir *Heron* von Alexandrien ausführliche Mitteilungen verdanken.

Auch die Chemie ist in ihren Anfängen auf das Altertum zurückzuführen. Ist es auch häufig nicht mehr möglich, im einzelnen zu entscheiden, welche Kenntnisse das Mittelalter den späteren Alexandrinern verdankte und welche es selbständig erwarb, so muß doch anerkannt werden, daß die Chemie im Mittelalter ganz besonders gepflegt und auch in mancher Hinsicht durch neue Entdeckungen bereichert wurde. Die Chemie in ihrer ersten, unvollkommenen Gestalt war so sehr eine Wissenschaft des Mittelalters, daß sie weit über den Beginn der neueren Zeit hinaus sich nach den in jener Periode gesteckten Zielen bewegte und sich erst spät den Denkformen der neueren Zeit anpaßte.

Auf dem Gebiete der beschreibenden Naturwissenschaften knüpfte man gleichfalls dort an, wo das Altertum aufgehört hatte. Nachdem das Studium der alten Schriftsteller die erste Anregung gegeben, wandte man sich aber in steigendem Maße der eigenen, auf keine Autorität zurückgreifenden Beobachtung zu, der sich durch die Erweiterung des gesamten Gesichtskreises und infolge der Entwicklung der exakten Wissenschaften ein überreiches, den Alten verschlossen gebliebenes Feld eröffnete.

Die im Altertum geschaffenen Ansätze waren im Mittelalter nicht etwa gänzlich verschollen. Man muß vielmehr annehmen, daß im Orient überhaupt keine völlige Unterbrechung stattfand. Die Wissenschaft der Alten empfing der Orient vorzugsweise aus den Händen der dort ansässig gewordenen Griechen. Man verstand es, dieses Erbe nicht nur zu erhalten, sondern es auch auszubauen und es durch Zuführung neuer Elemente, z. B. aus Indien, zu vermehren. Mit dem 9. und 10. Jahrhundert begannen die arabisch schreibenden Gelehrten des Orients auf den Gebieten der Naturwissenschaften und der Heilkunde selbständig zu werden, während sie sich vorher auf die Aneignung der älteren Werke beschränkt hatten. Ihre Blütezeit erlebte die arabische Literatur im 11. Jahrhundert. Den christlichen Völkern des Mittelalters flossen die Kenntnisse der Alten zuerst aus spärlicher und trüber, dann aber aus immer reinerer Quelle. Was ihre Entfaltung zunächst hinderte, war einmal die jähe Unterbrechung, welche die Kulturentwicklung Europas durch die Völkerwanderung und den Sturz des römischen Kaiserreiches erlitten, ferner aber der eigentümliche, auf das Kirchlich-Dogmatische und Mystische gerichtete, der Natur abholde Geist, der das christliche Mittelalter kennzeichnete. Unter seiner Herrschaft konnte nur ganz allmählich eine die Dogmen beiseite schiebende und die Dinge selbst ins Auge fassende Forschung aufkommen.

Die Welterklärung des Mittelalters drehte sich im wesentlichen um den Streit, ob die Begriffe bloße Namen seien (Nominalisten), oder ob sie als etwas wirklich Vorhandenes, als Wesenheiten, den Dingen und Vorgängen zugrunde lägen (Realisten). Die Realisten, in denen die Philosophie *Platons* ihre Fortsetzung fand, haben der Naturauffassung des eigentlichen Mittelalters den Stempel aufgeprägt. Die als wirkliche Wesen betrachteten Begriffe (»universalia ante res«) spielten damals etwa die Rolle unserer heutigen Naturgesetze. Sie sind es, denen wir noch während der Übergangszeit in dem Archeus des *Paracelsus* und in der Erd- und Weltseele *Keplers* begegnen. Als der Realismus[3] herrschte, waren die Sterne, die Pflanzen, ja selbst die Steine, kurz jeder Körper, der Schauplatz für das Treiben einer Unzahl von Geistern. Dies rührte daher, daß man der substantiellen Form, ein Wort, das etwa die Bedeutung der platonischen Idee besitzt, reale Existenz beilegte, anstatt in ihr eine Schöpfung des eigenen Verstandes zu erblicken. Das Nächste war dann, daß eine ungezügelte Phantasie diesen wesenhaft gewordenen Begriffen die Attribute der Persönlichkeit beilegte und einen Mystizismus erzeugte, der eine Forschung nach den natürlichen Ursachen unter Anerkennung des Kausalitätsgesetzes gar nicht aufkommen ließ. Die Umwälzung, welche die Überwindung des mittelalterlichen Geistes und die Begründung der neueren Philosophie und Naturforschung bedeutet, bestand darin, daß an Stelle jener substantiellen Formen und ihrer mystischen Auswüchse die bloße Regel, das Naturgesetz, trat. Die Regel mußte aus der Beobachtung vieler Einzelfälle entnommen werden, daher rührte die Forderung, induktiv zu verfahren, eine Forderung, die an der Schwelle des neuen Zeitraumes von vielen Seiten und nicht etwa bloß von *Francis Bacon* erhoben wurde. Die Regel ließ sich ferner mathematisch fassen. So entstand eine enge Verbindung der Mathematik mit der Naturwissenschaft, durch welche die neuere Zeit sich gleichfalls von den früheren Perioden abhebt. In der Philosophie war es *Bacon*, in der Naturwissenschaft vor allem *Galilei*, welche die substantiellen Formen der Scholastiker beseitigten und an ihre Stelle das immaterielle Naturgesetz stellten.

Die Entwicklung der Wissenschaft war während des Mittelalters fast noch mehr als im Altertum auch dadurch sehr gehindert, daß zwischen ihr und der Technik eine nur geringe Berührung stattfand. Der weltfremde Gelehrte des Mittelalters beschränkte sich im wesentlichen darauf, daß er die alten Schriftsteller und ihre Kommentatoren studierte und in maßloser Überschätzung des Wortwissens etymologischen Betrachtungen nachging, ohne auf die eigene Beobachtung Wert zu legen. Auf diese Weise erwuchsen aus der vorhandenen Literatur zwar neue Schriften, es fehlte ihnen aber an neuem Inhalt. Der mitten im Leben stehende Gewerbetreibende dagegen beobachtete und erfand, aber er schrieb nicht. Seine Kenntnisse pflanzten sich vorwiegend durch mündliche Überlieferung fort. So begann, um einen Zweig der Technik herauszugreifen, schon in früher Zeit ein reger Bergbau in Böhmen. Von dort aus breitete er sich über Schlesien aus. Im 11. Jahrhundert begann man in Ungarn, im Harz und im Mansfeldischen Bergwerke einzurichten. Gleichzeitig entstanden Hütten- und Salinenwerke. Dasjenige von *Wieliczka* z. B. wird seit dem 13. Jahrhundert betrieben. Welchen Nutzen hätte die Naturwissenschaft aus diesen Unternehmungen ziehen können! Und welch befruchtenden Einfluß hätte sie wiederum auf die Technik auszuüben vermocht! Diese Wechselwirkung blieb solange aus, bis der Buchdruck aufkam. Von diesem Zeitpunkt an sehen wir auch den Techniker schriftstellerisch wirken. Er stellte seiner ganzen Eigenart gemäß die eigene Beobachtung und Erfindung in den Vordergrund und beschränkte sich hinsichtlich der literarischen Überlieferungen darauf, sie als Hilfsmittel für seine eigene Arbeit und nicht, wie der Gelehrte, als Mittelpunkt zu betrachten.

Von großem Einfluß auf die Umgestaltung der gesamten europäischen Verhältnisse war auch die Verwendung des schon im 13. Jahrhundert bekannt gewordenen Pulvers zu kriegerischen Zwecken. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sein Gebrauch zum Fortschleudern von Geschossen von einem Mönch namens *Berthold* (um 1300) herrührt[4]. Jedenfalls erfolgte die Verbreitung der Feuerwaffen von Deutschland aus, wo vermutlich schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts die ersten Pulverfabriken eingerichtet wurden.

Für die Richtung, welche die Entwicklung der Wissenschaft und der gesamten Kultur in der Neuzeit nahm, ist endlich noch ein allgemeingeschichtliches Moment hervorzuheben. Der Sitz der politischen Macht und der geistigen Bildung wanderte nämlich von ihren alten Stätten, dem Orient und den Mittelmeerländern nach dem Nordwesten und der Mitte Europas, nach England, Frankreich und Deutschland. Dieser Zug von Osten nach Westen ist indessen kein blindes Walten des Schicksals. Er wird dadurch hervorgerufen, daß sich dem Westen Europas gegenüber ein neuer Weltteil erschließt, während der Osten dem Andrängen aus Asien hervorbrechender Stämme (Mongolen und Türken) erliegt.