Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil
Part 8
»Der Herr Collega verzeihen,« redete er mit sanfter einschmeichelnder Stimme, die sich aber bald in den Ton der gereizten Leidenschaftlichkeit verwandelte, den Doctor an, »aber ich kann unmöglich, was die Diät des Patienten betrifft, der gleichen Meinung seyn, die ich zufällig vor der Thüre vernommen! Was ist Gesundheit? Körperliches Wohlbefinden: der Körper mag nun dick oder dünn seyn! Im Gegentheil ist eine edle Hagerkeit, welche die ursprünglichen Formen der menschlichen Leibesgestalt rein hervortreten läßt, weit vorzuziehen jener schwammigen Beleibtheit, die allenthalben, statt schöner, wohl und weise von dem Schöpfer berechneter Form, nur monströse Auswüchse, häßliche Balggeschwulste zeigt. Nichts ist auch dem irdischen Leben nachtheiliger, als wenn die besten Kräfte sich im unseligen Fette, dieser Schmachgeburt der Schlemmerei und Völlerei, verlieren. Wie kann das Blut belebend die Adern durchströmen, wenn immer der Schwamm des Zellgewebes an ihm saugt? Wohin kann die Spannkraft der Nerven noch wirken, wenn Alles erschlafft ist unter gemeinen sinnlichen Reizen? Habt Ihr je vernommen, bester Heer Collega, daß =Methusalem= Corpulenz besessen habe? Ist nicht Fettleibigkeit der sichere Vorbote der Schlag- und Steckflüsse, der Gicht und Wassersucht? Hinweg mit ihr! Hager, fettlos muß die Welt werden, um sich einer dauerhaften Gesundheit zu erfreuen.«
Herr =Tobias= sah ängstlich zu dem Doctor hinauf. Er bemerkte, daß sich auf dessen Stirn eine dunkele Wolke zusammenzog, er wollte sie durch einige entschuldigende Worte zerstreuen, aber ehe er zum Sprechen kommen konnte, brach das drohende Wetter schon los.
»Wer sagt das, wer wagt mir zu opponiren?« donnerte =Mauritius= im Tone der höchsten Erbitterung, den der Angriff auf seine eigene Persönlichkeit mit sich brachte, den Professor an. »Ich habe noch nie eine _Disputationem_ über die Kunst des Hypocrates und Galenus ausgeschlagen, aber, ehe ich mich darauf einlasse, muß ich erst wissen, ob ich mit einem Manne vom Fache oder einem Ignoranten zu thun habe, als welchen Euch Euere bisher ausgesprochenen Grundsätze darstellen. Sagt Euern Namen, ich bin der Doctor =Mauritius=, wohlbekannt in den gesammten Generalstaaten!«
»Und ich bin =Eobanus Hazenbrook=,« erwiederte mit Würde der Aufgeforderte, »Professor ordinarius der weltberühmten Lugduner Academie, Custos _theatri anatomici_ daselbst und ein Freund und College des großen =Boerhaave=.«
»Des großen =Boerhaave=!« spottete =Mauritius=. »O, ich habe ihn noch sehr klein gesehen, diesen großen =Boerhaave=, ehe er das theologische Barett gegen den medicinischen Doctorhut vertauscht. Damals schrieb er Predigten statt Recepte und es wäre gut, wenn er dabei geblieben wäre, denn seine tolle Neuerungssucht wird die edle Kunst bald in einen blauen Dunst verwandeln. Ihr also, =Myn Heer=,« fuhr der Doctor mit grinsendem Hohne fort, »seyd der Professor =Hazenbrook=, von dem ich schon so vieles Merkwürdige gehört? Nun es ist mir in Wahrheit eine unerwartete Annehmlichkeit, ein so seltsames Exemplar wissenschaftlicher Monstruosität, wie Ihr dem Rufe nach seyn sollt, in dieser Stunde kennen zu lernen.«
»Ein seltsames Exemplar -- eine wissenschaftliche Monstruosität?« fragte erstaunt =Eobanus=. »Was wollt Ihr damit sagen?«
»Also den berüchtigten Mumienprofessor sehe ich vor mir, in wahrhafter leiblicher Gestalt!« sprach, ohne sich stören zu lassen, mit beißendem Spott der Doctor weiter. »Da wundert's mich freilich nicht, daß Ihr die Hagerkeit in Schutz nehmt, denn Ihr möchtet gern die gesamte Menschheit zu =einem= Stockfische ausdörren und sie dann einbalsamiren für Euere Naturalienkammer. Der edelste, höchste Zweck der ärztlichen Wissenschaft, Menschenwohl zu erhalten und zu befördern, ist Euch fremd geblieben, da er keinen Werth für Euch hat und Ihr den Menschen erst anfangt hoch zu achten, wenn er im Begriff ist, seinen letzten Seufzer auszuhauchen. O, ich kenne Euch wohl und Euer Treiben! Man weiß, welche Versuche Ihr daheim angestellt, man weiß aber auch, wie sie Euch vereitelt worden sind durch die Natur selbst, der Ihr Gewalt anthun wolltet. Mit Euch consultire ich nicht! Einer von uns beiden ist zu viel hier,« wandte er sich jetzt zu =Tobias=, dem das ruhige Lager indessen zum glühenden Laurentiusroste geworden war: »soll =er= gehen oder =ich=?«
»Um Gotteswillen,« stöhnte =van Vlieten=, während =Hazenbrook= bei der unerwarteten Entdeckung seiner, wie er wähnte, im tiefsten Geheimnisse betriebenen Einbalsamirungs-Versuche, stumm und starr seinem Feinde gegenüber stand: »ich will ja gern Rindfleisch essen und Brei schlucken und fett werden, wenn es nur anschlägt! Aber verlaßt mich nicht, Myn Heer Doctor! Auf Euch setze ich meine einzige Hoffnung und in dieser Stunde schwöre ich den Gewürzen, dem Liköre und dem Thee ab. Schickt mir für heute Etwas aus Euerer vortrefflichen Küche, morgen will ich schon selbst sorgen und es soll braten, sieden und broddeln in meinem Hause, wohin man nur blickt.«
»So ist es recht!« sagte belobend =Mauritius= und trat auf die eine Seite des Bettes, um dem Kranken nochmals den Puls zu fühlen.
In seiner Verzweiflung stürzte =Hazenbrook= auf die andere und raunte dem Patienten in die Ohren:
»Gedenkt unseres Vertrags! Ich habe schon Nachricht von der Tochter. Sie hat den Weg nach =Mastricht= genommen, meine Leute setzen ihr nach.«
»Laßt mich in Frieden!« entgegnete unwillig =Tobias=. »Was habe ich von der =Clötje= und was hat sie von mir, wenn ich todt bin? Erst muß ich gesund werden, fett muß ich werden, um Vaterfreuden zu genießen, dann mag sie wieder kommen und dann mögt auch Ihr Euch wieder einfinden zu weiterer Besprechung. Bis dahin Gott befohlen!«
»Ihr habt es vernommen!« sagte =Mauritius= gebieterisch, indem er in triumphirender Haltung vor den Professor trat. »Euere Gegenwart ist dem Patienten lästig, sie kann ihm sogar zu großem Nachtheile gereichen. Wollt Ihr hartnäckig erwarten, daß man Euch mit Gewalt entferne? Wollt Ihr es auf Euer Gewissen laden, daß Ihr meinem Kranken durch Euern Trotz den Appetit verderbt und er dann weder Mehlbrei noch Puterbraten, noch Rheinwein zu sich nehmen mag, die ihn allein erretten können vom nahen Tode? Fort mit Euch, Heer Mumienprofessor, oder ich rufe das Hausgesinde!«
»Alles ist verloren!« jammerte aus dem Zimmer stürzend =Eobanus=. »Er wird fett oder er stirbt vor der Zeit. Ich bin geprellt, ich bin schändlich betrogen!«
Erst in der stillen Umgebung seines Zimmers fand er die verlorene Besinnung wieder, aber sein Leben schien ihm öde und werthlos. Er wünschte, er hoffte nichts mehr.
5.
Gegen den Mittag eines ziemlich kalten Novembertages hielt vor einem einsamen Bauernhofe, nur etwa eine halbe Tagereise von =Mastricht= entfernt, ein ländliches Fuhrwerk, wie es, sobald es die kalte Jahreszeit erlaubt, in jenen Gegenden gebräuchlich ist. Es hatte die Nacht gefroren, Kanäle und Teiche waren mit einer festen Eishülle bedeckt, nur die größeren Flüsse hatten der Gewalt des früh einfallenden Frostes nicht unterlegen. Das Fuhrwerk, dessen wir gedachten, bestand aus dem oberen Theile eines Leiterwagens, das auf einer Schleife befestigt war und mit dieser einen leicht über die Schneeflur und den Eisspiegel hingleitenden Schlitten bildete. Die beeis'te Leinwandhülle über den Wagen ließ nicht entdecken, ob jemand sich im Innern desselben befand. Den zwei magern Pferden, welche ihn zogen, sah man die Ermüdung und das Bedürfniß, bei gutem Futter im warmen Stalle die verlorenen Kräfte wiederzuersetzen, an. Ihre Glieder zitterten, ihre Köpfe waren tief zur Erde herabgesenkt. Demungeachtet schien der Führer, der in diesem Augenblicke von seinem hölzernen Sitze herabsprang, keinen längeren Aufenthalt an diesem Orte zu beabsichtigen. Er rief einen Knaben aus dem Hause und nachdem er diesem bedeutet, den Thieren Brot und Wasser zu geben, trat er zu dem Fuhrwerke, lös'te die obere Decke und unterstützte zwei heraussteigende Frauen mit einer Leichtigkeit und einem Anstande, die mit dem groben Kittel, der ihn verhüllte, im Widerspruche waren. Die Frauen schienen, wie er selbst, der Umgegend anzugehören. Ihre Kleidung war ländlich, wohl verwahrend gegen die Kälte, und sie hatten sich so sehr in das weite schwarze Regentuch verhüllt, daß man Gestalt und Antlitz nicht zu erkennen vermochte. Die eine nahm, während sie dem Hause zuschritt, den Arm des Mannes, die andere folgte langsamer nach, indem sie einen Pack trug, dessen äußere Hülle aus der feinsten holländischen Leinwand bestand.
Im Kamine der Küche glühete ein freundliches Torffeuer. An diesem nahmen sogleich die Frauen Platz, ohne jedoch noch ein Wort gegen den Landmann gesprochen zu haben, der ihnen mit freundlicher Einladung bis zur Hausthüre entgegen gekommen war.
Indessen schritt ihr Begleiter unruhig in der Küche auf und nieder. Er trat bald an's Fenster, an das die immer dichter fallenden Schneeflocken schlugen, und trommelte an den Scheiben; bald that er einige hastige Schritte nach dem Hauseigenthümer hin, als wollte er eine Frage an diesen richten, die ihm sehr wichtig sey, aber ehe er sie noch vorbrachte, schien er sich eines anderen zu besinnen, und kehrte wieder zum Fenster zurück.
Der Besitzer des Hofes hatte sich, nachdem er eine Zeitlang vergebens auf die Anrede seiner Gäste gewartet, behaglich in einen weiten Lehnsessel niedergelassen. Von hier aus beobachtete er ruhig die Bewegungen und das Benehmen der schweigenden Gesellschaft. Endlich zeigte sich ein Lächeln auf seinem Angesichte, er stand auf, ging zu dem Manne hin und sagte mit gutmüthiger Freundlichkeit:
»Ich errathe, was Euch im Kopfe herumgeht! Ihr seyd ein guter Niederländer und möchtet nicht gern mit dem Franzosengesindel, das hier in der Gegend schwärmt, zusammenkommen. Ich kann Euch das nicht verdenken, es ist auch nicht meine Liebhaberei. Warum wollt Ihr aber Euch nicht einem Landsmanne vertrauen? In den ganzen Generalitätslanden ist keiner, der einen wackeren Oranier an den Feind verriethe!«
»Holland und England!« rief der andere, in welchem wir nun den Junker =van Daalen=, so wie in seinen Gesellschafterinnen =Clelien= und =Philippintje= erkennen, in einem Tone, als wälze sich eine Last von seiner Brust: »Du hast recht! Kein rechtschaffener Niederländer verräth den andern. Die Künste und Schliche, die ich in den letzten Tagen anwenden mußte, um den Streifpartheien zu entgehen, haben mir den Kopf ganz verwirrt. Dann verließ uns auch, wo die Gefahr am dringendsten war, der feige Bursche, der uns zum Führer diente, mit Wagen und Pferden, ich mußte die elenden Thiere mit dem zerbrechlichen Fuhrwerke kaufen und, da ich die Wege nicht kannte, oft auf's Geradewohl umherirren.«
»Sprecht nicht so laut!« ermahnte mit warnender Gebehrde der Landmann. »Vor mir seyd Ihr sicher, aber nicht vor anderen, die sich mit halber Gewalt in mein Haus gedrängt haben.«
»O, ich bin bewaffnet und habe wohl schon eher die Herren Franzosen meinen Degen empfinden lassen!« antwortete =Cornelius=, indem er seinen Kittel aufschlug, unter dem sich Pistolen und ein kurzes Schwerdt zeigten. »Sagt schnell, wer ist es und wie viele sind ihrer?«
In dem ersten Schrecken über die Entdeckung, welche sie aus dem Munde ihres gutmüthigen Wirthes vernahmen, hatte eine der Frauen sich rasch umgewendet und das Regentuch, das beinahe zur Hälfte ihr Gesicht verhüllte, war auf die Schulter niedergefallen. Der für weibliche Schönheit keinesweges unempfindliche Landmann sah mit Bewunderung in =Cleliens= reizendes, durch die freie Luft, der sie einige Tage lang sich ausgesetzt hatte, in blühender Frische glänzendes Angesicht. Tief erröthend bemerkte sie es und zog langsam wieder das Tuch hinauf.
»Auch ohne die Waffen hättet Ihr den Kriegsmann nicht verleugnen können!« sagte der ehrliche Niederländer, nachdem er seine freundlichen Blicke zur Genüge auf =Clelien= hatte ruhen lassen, wieder zu =Cornelius= gewandt, »Euer ganzes Wesen verräth Euch. Schon als Ihr ankamet und Euere Pferde halten machtet, sah ich Euch an, daß Ihr nicht gewohnt seyd, die Handthierung eines Fuhrmanns zu treiben. Ihr hieltet die Peitsche, wie einen Degen, Ihr schwanget sie, als wolltet Ihr auf den Feind einhauen. Als Ihr an den Wagen tratet, um die Frauen herabzuheben, standet Ihr kerzengrade und sahet so kühn um Euch, wie ein Feldhauptmann an der Spitze seines Häufleins. Die Jungfer da,« fuhr er auf =Clelien= deutend fort, »ist auch nicht bei uns auf dem Lande gewachsen und ich wette, es ist dieselbe, der von den wilden Gesellen, vor denen ich Euch warnte, nachgespürt wird.«
»Nachgespürt -- =ihr=?« fuhr der Junker, von Zorn und Befremden ergriffen auf, während die zwei Frauen ängstliche Blicke auf den Hausbesitzer richteten. »Es ist nicht möglich, niemand kann wissen --«
»Ihr könnt Euch darauf verlassen!« unterbrach ihn mit leiser, behutsamer Stimme der Landmann. »Ihr seyd Herr =Cornelius van Daalen= und das ist Jungfrau =Clelia van Vlieten=. Man kennt Euch, man hat Euch genannt und ich bin überzeugt, daß diejenigen, welche Euch nachsetzen, nichts Gutes gegen Euch im Schilde führen.«
Die drei Reisenden waren im höchsten Grade betreten über diese Entdeckung. Jeder Gedanke an einen Irrthum mußte verschwinden, als ihr wohlmeinender Wirth die Namen der zwei Hauptpersonen aussprach. Aber wer konnten diese Verfolger seyn, die eine so genaue Kenntniß des Weges besaßen, den das flüchtige Paar eingeschlagen hatte? Sie mußten, so dachte =Cornelius=, nothwendig im Auftrage des Herrn =van Vlieten= handeln, sie waren, wie es ihm bald nicht mehr zu bezweifeln schien, abgesandte Gerichtspersonen von =Rotterdam=, die sich wenigstens der Geliebten bemächtigen wollten, um sie in das väterliche Haus zurückzuführen.
»Die Wege der Vorsehung sind wunderlich!« jammerte indessen =Philippintje=. »Um ein gottgefälliges Werk zu thun, dem entsetzlichen =Schiwa= auszuweichen und der noch entsetzlicheren Nonnenschaft, sind wir ausgezogen, gleich dem Volke Israels aus dem Lande Egypten, aber auch uns verfolgt der grimmige Pharao und ich sehe noch kein rothes Meer, das uns den Gefallen thun will, ihn zu verschlingen!«
»Still!« gebot, durch den Drang der Umstände beunruhigt und gereizt, =Cornelius= nach ihr hin. »Seyd so gut,« wandte er sich dann zu dem Hausbesitzer, »und gebt mir eine nähere Kunde von den Leuten, die Ihr meint. Beschreibt mir ihre Personen, nennt mir ihre Anzahl und sagt mir, ob Ihr sie für Niederländer oder für Fremde haltet?«
»Einen Augenblick!« erwiederte der Landmann, ging hierauf zur Thüre und fuhr, nachdem er diese sorgfältig verschlossen und verriegelt, in jenem gedämpften Tone, den er bisher beobachtet hatte, fort. »Es sind ihrer vier. Aber nur zwei von ihnen scheinen eigentlich Absichten auf Euch und Euere Reisegefährtin zu haben. Die anderen beiden kommen mir vor, wie ein Paar verlaufene Gesellen, die sich gegen Bezahlung zu jedem Streiche hergeben und wenn ich nicht irre, so habe ich ihre Galgengesichter schon am Haven von =Antwerpen= gesehen, wenn ich Viktualien zum Verkaufe dorthin gebracht. Sie mengen sich auch wenig in das Gespräch jener zwei, unterhalten sich meist in flämischer Mundart und von niedrigen, nichtswürdigen Dingen. Jene aber sind ein Paar junge Leute von hübschem, munterem Ansehen. Sie sagen, sie wären Studenten von =Leyden=, aber ich halte sie für verkappte Franzosen, denn, wenn sie auch mit mir holländisch reden, so sprechen sie doch unter sich in französischer Zunge, von der ich bei dem Getreidehandel über die Grenze Manches verstehen gelernt habe.«
»Und diese sollten uns nachforschen, uns verfolgen?« fiel der Junker im Tone des Unglaubens und Zweifels ein. »Unmöglich!« setzte er versichernd zu. »Ich kenne diese Leute nicht, ihr Unternehmen ist gewiß gegen einen anderen gerichtet!«
»Nein, nein!« versetzte der redliche Warner ärgerlich und kopfschüttelnd. »Ihr seyd es und noch mehr die liebliche Jungfrau da, auf welche sie einen Streich abgesehen haben. Meinen Augen und Ohren kann ich trauen und woher sollte ich denn Euch, die ich in dieser Stunde zum erstenmale sehe, bei Namen zu nennen wissen, wenn ich diese Namen nicht von andern erfahren hätte, welchen an den Personen ungemein viel gelegen ist? Genug! Es war in der Dämmerung des heutigen Morgens, als mit einemmale Pferdegestampf die Straße herab klang, die Reiter vor meiner Wohnung hielten und mit heftigem Klopfen und unter wilden Drohungen Einlaß verlangten. Ich überzeugte mich bald, daß ich mit meinem fünfzehnjährigen Knaben den Stürmenden einen vergeblichen Widerstand leisten würde. Ich öffnete also freiwillig und fragte ruhig nach ihrem Begehren. Sie aber eilten an mir vorüber, gleich die Treppe hinauf in die besten Zimmer. Hier empfingen mich, der wohl ein ziemlich saueres Gesicht zeigen mochte, die jungen Leute lachend, versicherten, ich könne ganz ruhig seyn bei ihrem Besuche, sie stünden für Alles und würden, was ihnen an Speise und Trank nöthig sey, bei Gulden und Stüber bezahlen. Zur Bekräftigung ihrer Worte händigten sie mir ein Stück Geld ein. Dann aber fingen sie sogleich an, sich sehr genau nach einem Manne und zwei Frauen zu erkundigen, die am gestrigen Tage hier vorübergekommen seyn möchten. Sie beschrieben Euch und Euere Reisegefährtinnen auf das Deutlichste, sie nannten, indem sie in dem Wahne, ich verstehe sie nicht, französisch mit einander sprachen, Euere Namen und einer von ihnen schwur, er müsse Euch die Tochter des Herrn =van Vlieten= abjagen und solle er Euch bis an's Ende der Welt verfolgen! Sie sagten, wenn Ihr noch nicht vorübergezogen wäret, so müßtet Ihr heute durchaus ankommen, sie hätten die sichere Spur. Jetzt habt Ihr Alles vernommen, was ich weiß. Ihr seyd ein guter Holländer, deswegen halte ich zu Euch. Wären nur noch ein Paar Männer, wie wir im Hause, so wollten wir schon fertig werden mit den fremden Schelmen -- und doch, wenn ich's bedenke --« setzte er unruhig die Mütze rückend hinzu -- »ich könnte Euch nicht öffentlich beistehen, denn hier an dem abgelegenen Orte muß ich jeder Parthei Freund scheinen. Aber Ihr selbst werdet jetzt am Besten wissen, was Ihr zu thun habt, um in Frieden Alles auszugleichen, denn gewißlich sind Euch die Leute bekannt und Ihr durchschaut den Grund Ihres Betragens.«
»Ich will ein Franzose werden, wenn ich sie kenne und mehr von ihnen weiß, als was Ihr mir gesagt habt!« betheuerte =Cornelius= und ging bewegt im Zimmer auf und nieder. »O ich fürchte sie nicht,« fuhr er zu sich selbst sprechend fort, »und wollte ihnen wohl den Weg zeigen, aber -- =Clelia=! Nein, nein! Sie darf keine Gefahr mehr laufen. Der Mann hat Recht. Wir müssen dem seltsamen Handel auf friedlichem Wege auszuweichen suchen!«
In diesem Augenblicke rief ihn das geliebte Mädchen mit sanfter Stimme zu sich heran.
»Ich weiß, Ihr seyd kühn und muthig, Junker =Cornelius=,« sagte sie, »aber bezwingt diesesmal jede Aufwallung, die uns Allen Nachtheil und mir vielleicht um Euretwillen schweren Kummer bringen dürfte. Ja, =Cornelius=, Ihr seyd mir theuer und jede Gefahr, die Euerem Leben droht, jeder Tropfe Eueres Blutes, der in einem solchen Streite vergossen werden könnte, würde mich unglücklich und elend machen. Laßt uns still wieder den Wagen besteigen und unseren Weg fortsetzen. So gelingt es uns vielleicht, diesen unbekannten, räthselhaften Verfolgern zu entgehen.«
»=Clötje=, du sprichst wie ein Buch!« stimmte ängstlich =Philippintje= ein. »Ja! Wir wollen wieder in den Wagen, wir wollen fort.«
Der Landmann aber trat kopfschüttelnd zu ihnen heran und sagte:
»Ihr irrt, wenn Ihr glaubt, daß Ihr nicht bemerkt und erkannt worden seyd! Die zwei jungen Leute haben Falkenaugen und seit dem frühen Morgen liegen sie schon hinter den Fenstern, um zu spioniren. Kein Hofknecht im schlechten Kittel, kein Butterweib im Regentuche ist vorübergegangen, ohne daß nicht einer von ihnen herabgeschossen wäre, wie der Blitz, um sie näher zu untersuchen. Bei Euch verhalten sie sich still. Das kommt daher, weil sie ihrer Sache gewiß sind. Aber sie schmieden gewiß einen Anschlag, wie sie Euch am Sichersten angreifen, wenn Ihr an nichts denkt. Laßt mich einmal hinauf! Ich will in dem dunkeln Kämmerchen, das an ihr Zimmer stößt, einmal lauern und lauschen. Da ist jedes Wort zu vernehmen, da kann ich durch eine Spalte in der Bretterwand selbst jede ihrer Bewegungen beobachten.«
»Unbegreiflich!« sprach der Junker, der sich einem vergeblichen Nachsinnen über die wunderliche Angelegenheit hingegeben hatte. »Aber, wißt Ihr was? Nehmt mich mit! Nichts soll meine Gegenwart verrathen, das gelobe ich Euch. Vielleicht klärt sich, wenn ich die unbekannten Gegner sehe, in einem Augenblicke Alles auf, ein unschädlicher Irrthum enträthselt sich und wir können in aller Sicherheit einige Stunden der Ruhe bei Euch zubringen, deren die Frauen so sehr benöthigt sind.«
Nach einem kurzen Bedenken willigte der Hausbesitzer ein. Während =Philippintje=, am Feuer sitzen bleibend, trüben Gedanken nachhing und =Clelia= durch das Fenster auf die weiten Schneegefilde blickte, begaben sich die zwei Männer, durch eine Hinterthüre der Küche ein schmales, düsteres Treppchen hinauf, zu dem Orte, der ihren Absichten in jeder Beziehung entsprach. In dem finsteren Kämmerchen hörten sie jedes Wort, das in dem benachbarten Zimmer laut wurde, durch die Wandritze sah =Cornelius= ganz deutlich diejenigen, die aus einer unerklärlichen Ursache die Geliebte ihm entreißen wollten.
Seine Blicke verweilten nicht lange bei den unbedeutenden Gestalten der zwei schmutzigen Bursche, die in einem Winkel saßen und in dummer Erwartung vor sich hinsahen. Sie richteten sich sogleich auf die wohlgekleideten Jünglinge, die in unruhiger Bewegung auf und niederschritten und in einem Wortstreite begriffen schienen. =Cornelius= hatte sie schon gesehen. Ein augenblickliches Nachdenken belehrte ihn, daß dieses am Bord des =lustigen Freiers von Rotterdam= geschehen sey, er ahnete zugleich, daß sie damals schon in dem Unternehmen begriffen gewesen, das sie jetzt wiederum in seinen Weg führte.
»_Cadédis!_« rief der eine von ihnen mit Heftigkeit. »Die Gelegenheit ist da, so gut wir sie nur wünschen können. In fünf Minuten ist Alles abgethan. Wir rücken dem Sire =Cornelius= mit dem Degen auf den Leib, er muß das Mädchen herausgeben und wir führen sie auf demselben Wagen, der sie hierher gebracht, im Triumphe zurück nach =Rotterdam= zum Professor =Hazenbrook=. Er harrt unserer gewiß noch im Gasthofe und finden wir ihn da nicht mehr, so muß die Schöne mit nach =Leyden= wandern, wo dann der Professor das Weitere verfügen wird.«
»Es ist nicht möglich, dich zu Ruhe und Besonnenheit zu bringen!« versetzte mit einer Sanftmuth, die sehr gegen die Heftigkeit seines Gefährten abstach, der andere. »Es würde an Tolldreistigkeit grenzen, wenn wir hier, wo der Wirth es sicherlich mit ihm hielte, wo in den Ställen und Scheunen ein Anzahl Knechte versteckt seyn kann, die auf den ersten Wink gegen uns stünde, einen Angriff auf den muthigen Kriegsmann wagen wollten, der gewiß gut mit Waffen versehen ist und sie auch zu gebrauchen versteht. Nein, =Le Vaillant=, das ist nichts! Wir bleiben hübsch ruhig und still hier oben. Wir beobachten mit Luchsaugen Alles, was bei dem Wagen vorgeht. Ungehindert lassen wir sie einsteigen und abfahren. Sind sie aber ein Paar hundert Schritte entfernt von diesem Hause, dann auf unsere Pferde, ihnen nach in gestrecktem Gallopp, dem Junker =Cornelius= die Pistole unter die Nase, ehe er sich dessen versieht, er herunter vom Bocke, wir hinauf, unsere vier Pferde noch vorgespannt -- und querfeldein fort über Stock und Stein!«
Der Erstere machte keine weitere Einwendung. Er schien sich schweigend der besseren Ansicht seines Cameraden zu unterwerfen.