Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil
Part 7
=Hazenbrook= war nahe daran Thränen zu vergießen. Er warf sich trostlos in einen Sessel, die schmerzlichen Erinnerungen, welche er wieder aufgefrischt hatte, nagten an seinem Herzen. Unten in der Schenke ertönte Musik. Sie schien ihm ein schreiender Mißlaut in seinen Kummer. Er hörte das Geräusch der Tanzenden, er vernahm einzelne jubelnde Stimmen. »Das ist dämonischer Hohn,« dachte er, »der dich neckt und deiner spottet in deiner Verzweiflung.« Um Mitternacht war es still geworden im Hause; auf den Straßen aber wisperte und regte es sich seltsam. Dieses Geräusch und Geraschel beachtete der Professor nicht, nur der nahe Lärm hatte ihn in seinen schwermüthigen Betrachtungen gestört. Er war nicht zu Bette gegangen. Noch unberührt stand sein Abendbrot auf dem Tische. Das Blut kochte in seinen Adern, sein Herz klopfte ungestüm, sein Kopf brannte fieberhaft. Er sprang auf und trat an's Fenster. Gegenüber in =van Vlietens= Hause dämmerte ein mattes Licht, wie dem Erlöschen nahe, hinter einem der Vorhänge. Er öffnete das Fenster. Seine sehnsüchtigen Blicke hingen an dem flackernden Lichte. Das wunderliche Gewisper und Rauschen in den Straßen drang vernehmlicher herauf, aber wie hätte =Eobanus= jetzt für etwas Anderes Sinn gehabt, als für seinen =Tobias=, der ohne Zweifel hinter dem matt glänzenden Vorhange weilte?
»O wer jetzt ein Rabe wäre oder ein Engelein!« seufzte =Eobanus=. »Wer sich nur so hoch zu schwingen vermöchte, wie der fabelhafte =Icarus=! Die Strahlen der Sonne könnten mir nicht schaden in dieser Stunde und =Luna= ist ja Verliebten günstig. Nur einen Blick möchte ich werfen durch die Spalte des Vorhangs, nur ein Weniges sehen von den lieblichen Knochenspitzen seines Antlitzes, von den langgereckten Gliedern seiner holdseligen Hände. Grausames Schicksal, das mich ihm nicht näher gestellt, das mich nicht zu seiner Tochter oder seiner Schwester gemacht hat! Wie wollte ich mich stets seines Anblicks erfreuen, wie ihn schützen und bewahren vor Allem, was in das Zellgewebe häßliche fette Massen werfen könnte? Und wenn ein plötzlicher, schneller Tod -- das glücklichste was nach einem Ausspruche des delphischen Gottes dem Menschen begegnen kann -- ihn träfe, wenn ein schmerzloser Schlagfluß dem kummervollen sublunaren Leben ein Ende machte, wenn ich dann in dem reizenden Cadaver den Erben des pharaonischen Königsthrones vor meinen leiblichen Augen sähe, wie wollte ich dann erst ihn lieben, wie alle Mittel der Kunst aufbieten auch die irdische Gestalt zu erhalten mir zur Erquickung und _in usum_ der Musen! Er erkennt meine Liebe nicht, er versteht nicht sie zu würdigen, er duldet sie blos gegen schnöde Vergeltung. Aber Ihr, meine wackern _famuli_, =La Paix= und =Le Vaillant=, Ihr werdet die geraubte =Helena= zurückbringen, mir verschreibt sich der Liebliche im Testamente als Legat und dann, =Tobias=, dann wird auch die glückliche Zeit nicht fern seyn, in der du mir als Eigenthum heimfällst.«
Er hatte in hoffnungsvoller Verzückung die Arme zum Fenster hinausgebreitet, das glühende Antlitz war nach dem erleuchteten Fenster im van Vlietenschen Hause aufgerichtet, seine Augen hingen mit dem Vorgefühle süßer Wonne an dem Dämmerlichte hinter dem Vorhange: da bewegte es sich lauter dicht unter ihm in der Straße, da schoß es rauschend empor und ein mächtiger Wasserstrahl, der heftig und kältend ihm gerade ins Gesicht fuhr, warf ihn mit unwiderstehlicher Gewalt auf den Boden des Zimmers nieder. Ehe er sich besinnen konnte, drang noch ein Strom von Wasser nach, durchnäßte ihn gänzlich und überschwemmte den Boden. Sein wissenschaftliches Liebesfeuer war in einem Augenblicke abgekühlt. Er sprang auf und verschloß instinktmäßig das Fenster. Aber wohin sollte er sich flüchten in dieser unerwarteten Noth? Er selbst durchnäßt, keine trockene Stelle am Boden, wohin er seinen Fuß setzen konnte! Und immer rauschte und strömte es draußen fort an den Wänden und Fenstern des Hauses, als wenn eine Sündfluth einbräche, als ob Wasserfluthen gegen ein brennendes Haus geschleudert würden, und es war doch Alles dunkel draußen und friedlich, wie in einer gewöhnlichen Nacht! Aber =Eobanus= sah schon klar den Grund seines Mißgeschicks, er erkannte, daß seine eigene Vergessenheit ihn in die unangenehme Lage gebracht hatte, in der er sich befand. War denn der vergangene Tag nicht ein Sonnabend gewesen und war es denn in den gesammten Generalstaaten nicht löblicher Gebrauch, daß in der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag die Außenseite aller Häuser, vermittelst gewöhnlicher Feuerspritzen, von oben bis unten mit Wasser gereinigt wurde? Daran hatte, von seiner Leidenschaft verblendet, =Hazenbrook= nicht gedacht, er hatte das Geräusch in den Straßen nicht vernommen und also auch nicht gedeutet, er hatte die Gefahr, in der er schwebte, erst erkannt, als sie wirklich einbrach und plötzlich seinen süßen Schwärmereien ein schmähliches Ende machte.
Er war auf einen Stuhl gesprungen. Zähneklappernd stand er hier und bemühete sich, von einem Nagel in der Wand einen alten Pelz herbeizulangen, den er als Schlafrock zu benutzen pflegte. Das Unternehmen war mißlich, er konnte einen gefährlichen Fall auf den nassen Boden thun. Aber er brachte es glücklich zu Stande, schnell kleidete er sich um und erreichte dann mit einem verwegenen Sprunge das Bett, unter dessen thurmhoher Federdecke er seine bebenden Glieder vergrub. Früher, als er gehofft hatte, fand sich der Schlummer zu ihm. Die Natur übte ihr Recht und die erschöpften Kräfte des Professors ließen, nach dem überstandenen kalten Bade, sich leicht von der Macht des Schlafes bezwingen, ohne wieder durch erregende Phantasiegebilde zu neuen Anstrengungen veranlaßt werden zu können.
Wie dieser Tag dem unglücklichen, sehnsüchtigen =Hazenbrook= langsam verstrichen war, so gingen noch mehrere vorüber. Auch die Nächte glichen jener ersten Nacht, die er in dürstender, wehmüthiger Leidenschaft am Fenster verweilt; nur war er jetzt auf acht Tage hinaus gegen jeden Angriff von unten gesichert und konnte seine Mondscheinklagen ungestört gegen den erleuchteten Fenstervorhang, die Lichthülle des Gegenstandes seiner Liebe, wie er ihn nannte, ausströmen. Er wurde von Stunde zu Stunde melancholischer. Speise und Trank, welche er sonst eben nicht verachtete, waren ihm jetzt gleichgültig. Die reizendsten Mädchen aus der Stadt und vom Lande, an denen er in früheren Zeiten so gern die Muskellehre studirt hatte, konnten jetzt dicht unter seinem Fenster vorübergehen und er würdigte sie keines Blickes. Immer nur hing sein Auge an dem geheimnißvollen Vorhange, dem Isisschleier, der sich für ihn nicht heben wollte. Nur Abends betrat er auf ein flüchtiges Stündchen die Straße, aber nicht um etwa lustzuwandeln und sich zu entschädigen für die selbst auferlegte Gefangenschaft im engen Zimmerchen; nein! er nahm dann einen Platz im Schatten eines Baumes, dicht neben der Thüre des =van Vlietenschen= Hauses ein. Hier lauschte er in ängstlicher Spannung auf jedes Geräusch, auf jeden Laut, der sich im Innern vernehmen ließ, er hoffte einen Aufschluß, eine Kunde von seinem =Tobias= zu erhorchen, aber Alles, was er vernahm, beschränkte sich auf fern her tönendes Geklapper mit Töpfen und Schüsseln aus der Küche, auf ein zärtliches Gespräch des Hausknechtes mit der Stubenjungfer hinter der Thüre. Er war untröstlich. Verließ in dieser Abendstunde einer von den Leuten des Herrn =van Vlieten= das Haus, so befand er sich mit einem mächtigen Sprunge sogleich an dessen Seite, suchte mit ungemeiner Höflichkeit eine Unterhaltung anzuspinnen und eine oder die andere Mittheilung über des Patrons Wohlbefinden und seinen Gemüthszustand herauszulocken; die Dienerschaft des dicksten Mannes war aber so wortkarg und wurde bald so grob gegen den zudringlichen Fremden, daß =Eobanus= gänzlich von diesen Entdeckungsversuchen abstand. Seine Leidenschaft quälte ihn unsäglich.
»Ich muß etwas Außerordentliches wagen;« sagte er eines Abends zu sich selbst, als er wiederum vergebens den trotzigen Hausknecht auf einem Gange über die Straße angeredet hatte. »_Aut Cesar aut nihil!_ Wie jener Römer dem Staate zu Liebe, stürze ich mich zur Ehre der Wissenschaft und des erlauchten _Lugdunum_ in den feuerigen Schlund. Wagen gewinnt. Der Lohn ist der That werth.«
Er stand zum Sprunge gerüstet auf seiner Stelle. Da kam der Diener von seinem Gange zurück, schloß arglos die Thüre auf und trat in's Haus. Ihm auf dem Fuße sprang =Hazenbrook= nach. Aber auch dieses kühne Unternehmen fiel zu seinem Unheile aus. Ehe er noch durch die Thüre gelangte, schlug der Hausknecht diese so gewaltig zu, daß des Professors Fuß entsetzlich gequetscht wurde und er selbst mit einem Wehelaute auf das Pflaster niedersank. Unter den heftigsten Schmerzen und mit der größten Anstrengung hinkte er in seine Wohnung zurück. Der Seelenqual hatte sich nun auch körperliches Leiden gesellt; er mußte mehrere Tage das Zimmer hüten.
Es war ein heiterer Morgen, als er zum erstenmale wieder die im Erdgeschoße liegende Schenkstube betrat, um hier sein Frühstück einzunehmen. Er war sehr trauerig gestimmt. Er hoffte das laute Treiben, das hier um diese Stunde herrschte, werde ihn zerstreuen. Neben seiner Hauptsorge um die Erhaltung des Herrn =van Vlieten=, bis die rechte Zeit gekommen, um dessen mögliche Hinneigung zu etwaiger Corpulenz, hatten sich nun auch Bedenklichkeiten über das Schicksal der zwei jungen Leute in ihm erhoben, die er zur Verfolgung des Herrn =Cornelius van Daalen= und der schönen =Clelia= abgesendet. Er hörte und sah nichts von ihnen. Täglich hatte er in's =Wappen von Rotterdam= geschickt und nach Briefen fragen lassen, aber immer war der Bote leer zurückgekommen. In welche tödtliche Verlegenheit brachte nicht seine unglückliche Liebe den Professor? Wo war sein frischer Lebensmuth, wo war seine Freude an der Wissenschaft, die ihm sonst in so vielfacher Gestalt willkommen gewesen, hin? Ach, Alles weilte hinter dem neidischen Vorhange des Herrn =van Vlieten=! Sein besseres geistiges Selbst war dort und er mußte, getrennt von diesem, in einer schnöden Kneipe hausen, gemeinen Wachholder trinken und mit einem Heringe seinen geschwächten Appetit zu reizen suchen. Und die jungen Leute? Waren sie nicht seiner väterlichen Aufsicht anvertraut worden von den Eltern? Hatte er sich nicht verpflichtet, sie in _literis et moribus_ zu bilden und wie hatte er dieser Verpflichtung Genüge geleistet, indem er sie von seiner Person, in deren Umgang ihnen die Wissenschaften beigebracht werden sollten, entfernt und indem er sie auf's Geradewohl zu Jungfernraub und Entführung ermuntert? Nur der Gedanke an =Tobias=, an die Zukunft, die seinen lang gehegten, so oft verfehlten Wunsch endlich erfüllen werde, konnte ihn einigermaßen erheben. Er rief den schönen Augenblick wieder in seine Erinnerung zurück, wo er zum Erstenmale den würdigen Handelsherrn am Haven von =Rotterdam= erblickt, wo er trunken vor Entzücken sogleich alle Keime einer trefflichen Mumie, die seine Kunst zur Entwicklung und Reife bringen könne, in ihm erkannt, wo das süße Feuer der jugendlichen Liebe ihn wonniglich durchströmt und er selbst sich gleich mit hoher Betheuerung gelobt: »=Den= mußt du haben, um jeden Preis, =der= muß dein =Amenophis=, dein =Sesostris= werden, =der= muß die Ehre deines Kunst- und Naturalienkabinets retten und behaupten vor aller Welt!«
Begeistert von diesem reizenden Bilde der Vergangenheit, genoß =Eobanus= etwas mehr Wachholder, als gewöhnlich. Im Stillen trank er auf das Wohl seines theueren =Tobias=, aber er war besonnen genug, diesen Wunsch nicht weiter, als bis zu der Zeit auszudehnen, wo =La Paix= und =Le Vaillant= die entflohene =Clelia= zurückgebracht haben und die Testamentsclauseln, zu denen sich der Vater anheischig gemacht, fest und unwiderruflich niedergeschrieben seyn würden. »Der Himmel schenke ihm ein langes Leben bis dahin und behüte ihn vor Fett!« setzte er vergnügt hinzu.
An den übrigen Tischen wurde indessen sehr lebhaft gesprochen. Die Gesellschaft bestand hier aus Matrosen, aus Lastträgern und andern Leuten, die in großen Handelsstädten ihren Erwerb auf freier Straße finden. Man unterhielt sich über die neuesten Kriegs- und Welthändel, über den Untergang der spanischen Silberflotte im Haven von =Vigo=, über die jüngsten Waffenthaten des Herzogs von =Marlborough=.
=Hazenbrook= hatte bis jetzt auf das Gespräch dieser Leute, das von manchem derben Schiffmannsfluche, von mancher kräftigen Bemerkung der Lastträger gewürzt wurde, nicht geachtet. Erst als der Name =Cornelius van Daalen= genannt wurde, horchte er hoch auf und näherte sich auf eine unscheinbare Weise den Lärmenden.
»Die Landratze!« fuhr einer von den Matrosen im Tone der Verwunderung auf. »Wer hätte ihr das zugetrauet? Der Bursche ging immer so steif und vornehm in seinem Tressenrock an unser einem vorüber, daß man ihn eher für eine geputzte Segelstange, als für einen kühnen Jungen, der seinen Hals einmal an ein Wagstück setzt, gehalten hätte. Und er selbst hat die Schebecke in Brand gesteckt, eigenhändig sagst du?«
»So wahr ich =Peter Trip= heiße und ihr mich frei haltet am heutigen Morgen!« erwiederte mit schwerer Zunge der Angeredete und leerte ein großes Glas. »Freilich, müßte ich nicht immer wichtiger Geschäfte halber im Haven bleiben, hätte ich können auf der =Syrene= seyn, als es drunter und drüber ging mit dem überlegenen Spagnol, so hätte es eines solchen Naseweis von Landjunker nicht bedurft, um den Feind in die Luft zu sprengen!«
»Wenn sich das mit Saufen thun ließe, so wärest du gewiß der erste gewesen!« bemerkte, unter dem schallenden Gelächter seiner Genossen, ein Anderer. »Das ist dein wichtigstes Geschäft zu Land und zur See.«
»Laßt ihn weiter erzählen!« rief der erste. »Ihr werdet ihn böse machen mit Eueren aufgewärmten Witzen und dann erfahren wir nichts. Daß =Peter Trip= gern trinkt ist eine alte Geschichte hier in =Rotterdam= und wir wollen Neues hören von Draußen herein!«
»Er möchte nur gern allen Wachholder in der Welt für sich allein haben,« sagte =Trip= mit einem giftigen Blick auf den Spötter. »Aber ich lasse mich nicht irre machen, der Ruhm des Schiffes, dem ich angehöre, soll so laut werden, wie ihn =Peters= Mund nur auszubringen vermag und ihr alle da, die ihr auf Linienschiffen und Fregatten dient, sollt Respect bekommen vor der Barke =Syrene=, Capitän =Jansen=!«
»Erzähle nur, lieber =Trip=!« bat sein Freund. »Trink erst noch einmal! Das macht die Zunge geläufig.«
Weder zu dem einen, noch zu dem andern ließ sich =Peter= lange nöthigen. Der lauschende =Hazenbrook= erfuhr nun das kriegerische Abentheuer im Biesbosch, das unsern Lesern bereits bekannt ist. Der Erzählende selbst war von dem Bootsmanne eines Schiffes, welches der =Syrene= am Tage nach dem Gefechte begegnete, davon unterrichtet worden. Aber =Eobanus= erfuhr noch mehr. Er hörte, daß eine wunderschöne Jungfer mit =Cornelius= an Bord der Barke gewesen, daß beide schon am Abende des ersten Tages die =Syrene= verlassen, um ihre Reise nach =Mastricht= zu Lande fortzusetzen, er vernahm auch von zwei jungen Leuten, die auf dem nachfolgenden =lustigen Freier von Rotterdam= sich eingeschifft hatten und, der genauen Beschreibung zu Folge keine andern seyn konnten, als die Leydener Studenten =Le Vaillant= und =La Paix=.
Er sah seine Angelegenheit in schönster Blüthe stehen, der gedeihlichen Frucht entgegenreifend. Nichts schien ihm gewisser, als daß die zwei Jünglinge die Spur der Entflohenen gefunden haben mußten, daß entweder =La Paix= durch List oder =Le Vaillant=, der ein vortrefflicher Fechter war, durch Gewalt sich in den Besitz der Jungfrau =van Vlieten= setzen würde, um sie ihm zurückzubringen, als Pfand für des Vaters testamentarische Verfügung. Er war seelenvergnügt und stimmte, ohne an den Ort zu denken, wo er sich befand, zum Erstaunen aller Anwesenden das lateinische Lied an:
_Ecce quam bonum, Bonum et jucundum etc._
Das tobende Gelächter der Matrosen riß ihn aus seiner Zerstreuung empor. Von ihren Spottreden verfolgt, floh er auf sein Zimmer, aber indem er die Treppe zu diesem hinaufrannte, kam ihm noch ein sehr glücklicher Gedanke in den Sinn. Konnte er denn die Nachrichten, die er aus dem Munde des wachholderdurstigen =Peter Trip= gesammelt, nicht zum Vorwande eines Besuchs bei Herrn =van Vlieten= benutzen? Gab ihm nicht der glücklichste Zufall Mittel und Wege an die Hand, den Isisschleier, der sich vor ihm nicht lüften wollte, zu umgehen und hinter ihn zu blicken nach demjenigen, der seiner Sinne und Gefühle Meister geworden? Er kleidete sich rasch an. Der beste Rock und die Sonntagsweste wurden hervorgeholt, ein kleiner zierlicher Stahldegen an die Seite gesteckt und das Seidenhütchen mit der rothen Besetzung, das seine akademische Würde bezeichnete, unter den Arm genommen. Er betrachtete sich, nachdem Alles zu Stande gebracht, wohlgefällig im Spiegel.
»Du siehst ja aus, wie ein Bräutigam, =Eobanus=?« schmunzelte er sich selbst an. »Und bin ich es denn etwa nicht?« erwiederte er. »Bin ich nicht ein Bräutigam der Musen und will eben hingehen, ein neues Verlöbniß mit ihnen zu feiern _per procurationem_ durch einen ihrer Stellvertreter?«
Er mußte, um das Haus zu verlassen, seinen Weg durch die Schenkstube nehmen. Hier war es indessen still geworden. Die Leute waren ihren Geschäften nachgegangen und nur die aufräumende Wirthin erblickte zu ihrer nicht geringen Verwunderung ihren Miethsmann im Glanze eines Feiertagsstaates, wie ihn in der guten Stadt =Rotterdam= nur die hochmögenden Herrn Bürgermeister bei festlichen Gelegenheiten zu tragen pflegten. =Hazenbrook= grüßte mit einem gnädigen Lächeln. Zufällig warf er einen Blick durch's Fenster nach dem gegenüberliegenden =van Vlietenschen= Hause. Eben schritt, von dem Hausknechte, dessen Derbheit =Eobanus= zum Oeftern empfunden hatte, begleitet, ein ansehnlicher, sehr wohlbeleibter Mann, den großen Klappenhut tief auf die borstigen Augenbrauen gedrückt, die starkgliederige Gestalt in einen schwarzen Talar gehüllt, auf den Eingang los. =Hazenbrook= wurde bei dem Anblicke des Mannes -- er wußte nicht warum, -- von einem unangenehmen Gefühle ergriffen.
»O weh!« rief die Wirthin, indem sie ihrer Geschäftigkeit Einhalt that. »Es muß ein gefährlicher Kranker drüben im Hause seyn. Das ist der Doctor =Mauritius=, den man gewöhnlich nur den Leichendoctor nennt, da er immer erst gerufen wird, wenn die Kranken schon dem Tode nahe sind und die meisten ihm dann wegsterben unter der Hand. Er ist der geschickteste in der Stadt, aber er ist auch so reich, wie geschickt, und geht deshalb nur zu solchen, die von den andern Doctoren schon aufgegeben worden sind. Gewißlich ist Heer =van Vlieten= selbst der Kranke, denn man hat ihn schon seit vielen Tagen nicht außer dem Hause gesehen und von Jungfer =Clötje= und =Philippintje= wird Allerlei gemunkelt, das dem Alten wohl schwer aufs Herz und in die Glieder gefallen seyn mag. Aber nun ist's vorbei mit Reichthum und Herrlichkeit -- ich gebe keine Caffeebohne dafür, daß der =Myn Heer= nicht in einer halben Stunde kalt und todt auf seinem Damastbette liegt; der Doctor =Mauritius= läßt nicht mit sich spaßen!«
»Da muß ich auch dabei seyn!« rief =Hazenbrook=, dem der kalte Angstschweiß in dicken Tropfen auf Stirn und Wange getreten war. Wie ein Pfeil, schoß er aus dem Zimmer, über die Straße hinter dem Doctor her. Er fand die Thüre nur angelehnt, man hatte in der dringenden Eile und in der Besorgniß um den Kranken, der in der That den Besuch des verrufenen Leichendoctors veranlaßt, vergessen sie zu verschließen. =Eobanus= flog, ohne einem der Hausbewohner zu begegnen, die Treppe hinauf, nach dem Zimmer, in welchem er jene merkwürdige Uebereinkunft mit Herrn =Tobias= geschlossen. Es war leer. Nur das Fratzenbild des =Schiwa= grins'te ihn grauenvoll an, und die Pagoden wackelten, wie zum Gruße, mit den widrigen Kahlköpfen. Er fuhr zurück. Er lauschte ängstlich in den Gängen, ob er nicht irgendwo ein Geräusch vernähme, das ihm den Aufenthalt des Ersehnten anzeige. Da hörte er in seiner Nähe Stimmen: eine schwache, klagende, eine andere, die sich laut und ermahnend erhob. Nur eine Thüre trennte ihn von dem Gemache, in dem gesprochen wurde. Er legte das Ohr an und horchte. Kein Zweifel! Das war Herrn =van Vlietens=, ihm so lieblich klingender, heiserer Ton und die andere Stimme konnte keinem anderen angehören, als dem Leichendoctor. =Tobias= sprach so leise, daß =Hazenbrook= sich vergeblich bemühete, die Worte zu unterscheiden. Bald aber wurde jener von dem Doctor =Mauritius= unterbrochen, der sich sehr verständlich in folgender Weise vernehmen ließ:
»Ihr selbst tragt die Schuld Eueres Uebels, =Myn Heer van Vlieten=! Das heiße Clima Indiens hat Euere besten Kräfte aufgezehrt und Ihr thut nichts, sie zu ersetzen, Euch wieder ein Wenig in's Fleisch zu werfen, das Euch, wie Figura zeigt, an allen Orten und Enden abgeht. Sehet mich an, =Myn Heer=! Ich bin gesund, weil ich wohl beleibt bin, ich bin wohlbeleibt, weil ich kräftige, nahrhafte Speisen genieße. Was soll aus Euch werden, wenn Ihr hier fortlebt in derselben Art, wie Ihr in Batavia existirt? Die scharfen Gewürze, die Liköre, das leider allgemein gewordene Theetrinken, werden Euch nach und nach ganz aufzehren von innen heraus, so daß Ihr vergeht, wie eine Lampe, der das Oel fehlt. Von dieser Stunde an müßt Ihr Euere Diät ändern oder Ihr seyd in den nächsten acht Tagen dem Schooße der Erde wiedergegeben. Ich werde zuvörderst für Euer Mittagsmahl sorgen. Ich schicke Euch Rindfleisch und Kartoffeln, eine Schöpsenkeule mit Gurken, einen Puterbraten mit Reis und einen Mehlbrei, der Euch, wenn Ihr ihn ein viertel Jahr lang täglich genossen habt, gewißlich das Zellgewebe ausfüllen soll mit schöner, spiegelblanker Corpulenz. Dazu eine Flasche alten Rheinwein, die Ihr leeren müßt bis auf den letzten Tropfen. Ladet Euch heitere theilnehmende Gäste ein. Auch ich werde zum Oeftern an Euerer Tafel erscheinen, um darauf zu sehen, daß Ihr mir tüchtig esset. Die häßliche Zimmetfarbe Eueres Antlitzes, das Gelb in Eurem Auge -- sie müssen fort, denn sie sind widerwärtige Zeichen innerlicher Destruction. Essen müßt Ihr, essen -- so viel als möglich, damit Ihr fett, das heißt gesund und glücklich werdet. Sagt es denn nicht schon die Stimme des Volks, die einen reichen, glücklichen Mann =dick= nennt, daß nur in der Corpulenz das einzige irdische Heil liegt? Und _vox populi vox Dei_: das lasse ich mir nicht wegläugnen!«
Dem lauschenden =Hazenbrook= sträubte sich das Haupthaar bei diesen entsetzlichen Rathschlägen, die seinen theuersten Hoffnungen Verderben droheten. Er konnte nicht länger ein gleichgültiger, unthätiger Zuhörer bleiben. Doch besaß er Geistesgegenwart genug, um einzusehen, daß es gerathen seyn dürfte, den innerlich kochenden Zorn unter äußere Milde und Freundlichkeit zu verbergen. Er öffnete leise die Thüre und trat ein. Das Zimmer war nicht groß, er stand gleich vor dem Lager, auf welchem der Kranke ruhete, zwischen diesem und dem Doctor =Mauritius=.