Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil

Part 6

Chapter 63,605 wordsPublic domain

=Juliane=, die sie heimlich, aber sehr aufmerksam beobachtete, holte ihre Laute hervor, ließ ein Paar Griffe durch die Saiten rauschen und sang ein munteres französisches Liedchen, das zu Freude und Frohsinn aufforderte. Die Studenten hatten das Ansehen, es nicht zu hören. Die Falten von ihrer Stirn wichen nicht, der Ausdruck tiefen Grams beharrte in ihren Mienen. Da legte =Juliane= das Instrument weg und näherte sich ihnen mit theilnehmender Gebehrde. Sie glaubte den Augenblick günstig, wieder eine Art von Vertraulichkeit mit ihnen anzuknüpfen, die ihr zur Ausführung ihrer still entworfenen Plane behülflich seyn sollte. Der Schwermüthige ist nicht grob, dachte sie, er giebt im schlimmsten Falle keine Antwort und darauf hin kann ich's wagen.

»Verbannt Euern Kummer, Messieurs!« sagte sie, indem sie den Studenten in den Weg trat. »Heute mir, morgen dir! sagt das Sprüchwort, und alle Dinge in der Welt sind veränderlich, wie Ihr wißt. Was habt Ihr auch groß zu klagen? Ihr seyd hier in so guter Gesellschaft, als sich nur auf irgend einem holländischen Schiffe findet, Ihr werdet anständig behandelt, als Kriegsgefangene, und Ihr dürft nur wollen, so werde ich selbst gern mich bemühen, Euch die Zeit auf eine angenehme Weise zu verkürzen. Habt Ihr noch sonst ein Begehren? Entdeckt Euch mir. =Juliane= ist gewiß Euere Freundin und wird Alles thun, Euere Wünsche zu befriedigen. Sprecht! Fehlt Euch etwas?«

»Eine Kleinigkeit, Mademoiselle,« versetzte, nachdem er einen langen starren Blick auf sie gerichtet hatte, in dumpfem Tone =La Paix=. »Wir sind wahnwitzig: weiter nichts!«

=Juliane= bebte zurück. Die beiden jungen Leute hatten in der That Etwas in ihrem Wesen, das den Worten desjenigen, der zu ihr gesprochen hatte, Bestätigung zu verleihen schien. Sie sah sich furchtsam um, ob auch Leute in der Nähe seyen, die ihr im Falle der Noth Beistand leisten könnten. Zu ihrem Troste stand ihr Vater nicht weit und einige Matrosen, die ihr Ruf sogleich erreichen konnte, waren in der Nähe beschäftigt.

Ihre Bestürzung wurde sogleich von =La Paix= bemerkt. Er trat rasch auf sie zu, ergriff stark die Hand der sich Sträubenden und hielt sie, trotz aller Versuche von ihrer Seite, sie ihm zu entziehen, fest in der seinigen.

»Ja, Mademoiselle, wir sind wahnwitzig und ich sage dieses, nicht etwa um Euch zu täuschen, sondern im vollen Ernste,« fuhr =La Paix= in einem noch hohleren Tone, als er vorher angenommen hatte, fort. »Es ist ein Familienfehler bei meinem Freunde und mir. Wenn unser Uebel zum Ausbruche kommt, kann uns niemand widerstehen. Menschenhände sind nicht fähig uns zu greifen, Menschenkraft vermag nicht uns zu bewältigen. Wir zertrümmern Alles, wir vernichten Alles, was sich in unserer Nähe befindet. Nichts was nied- und nagelfest, ist vor uns sicher und -- ich muß das Aergste gestehen! -- wir sehen in unserer Verblendung Alle, die dem weiblichen Geschlechte angehören, für Raubthiere an, die wir von der Erde vertilgen müssen und kostete es unser eigenes Leben. So ist es, unvergleichliche =Juliane=! Einem solchen Ausbruche geht dann immer ein Zustand der Schwermuth, der Beängstigung, einer kaum zu ertragenden Niedergeschlagenheit voran, wie ungefähr Derjenige, in dem wir uns jetzt befinden. Wir sehen dann allerlei Phantome, ganz gewöhnliche Dinge und Menschen erscheinen uns wunderbar und seltsam, ganz anders, wie sie in der Wirklichkeit sich verhalten. So kommt Ihr zum Beispiel, treffliche Mademoiselle, mir in diesem Augenblicke einigermaßen wie die heidnische Zauberin =Circe= vor. Es ist mir, als hättet Ihr wie jene gewaltige Dame des Alterthums die Passion, Menschen in Thiere zu verwandeln, und es fehlte Euch nichts dazu, als die Macht. Aber meine Einbildungskraft stürmt dann, ohne daß ich sie zu zügeln vermag, immer weiter. Ihr verwandelt Euch vor meinen sichtlichen Augen. Jetzt, Mademoiselle, sehe ich Euch mit einemmale ganz anders, als vorher. Bei allen Stürmen des Hollands-Diep und des Biesbosches, Ihr seyd der Drache, der das goldene Vließ bewacht, und ich bin =Jason=, der Held der Argo, der gekommen ist, Euch zu ermorden! =Medea=, die Hexe, steht mir bei, ich vergifte Euch, ich verbrenne Euch in feueriger Lohe -- Beruhigt Euch, holdselige =Juliane=!« sprach er weiter und verwandelte den wilden schreienden Ton, durch den er sie entsetzt und fast zu dem Entschlusse, nach Hülfe zu rufen, gebracht hatte, in den Laut sanfter Schwermuth. »Seyd ohne Furcht, Allerliebenswürdigste! Dergleichen Anwandlungen sind nur vorübergehend, wie Wetterleuchten vor dem Ausbruche des Gewitters. Für heute habt Ihr nichts zu besorgen. =Le Vaillant= und ich, wir halten uns noch bis morgen. Es können noch einzelne Zufälle sich zeigen, aber die sind unschädlich. Ihr werdet uns in eine immer tiefer werdende Schwermuth versinken, vielleicht Ströme von Thränen vergießen sehen, eine seltsame Einbildung wird die andere jagen -- das darf Euch nicht kümmern, das ist nur noch der leichte unschuldige Zeitvertreib des Wahnwitzes. Aber morgen, morgen --« setzte er, mit einem tiefen Seufzer, bedeutungsvoll hinzu, »morgen erscheint der Tag des Kampfes, der Vernichtung, des blutigen Verderbens. Dann stehe ich für nichts. Dann vermögen keine Stricke, keine Banden, keine Ketten uns zu halten!«

»Ihr wollt nur scherzen!« sagte =Juliane= mit einem erzwungenen Lächeln, indem sie sich fort und fort bemühete, ihre Hand aus des jungen Mannes pressender Rechten loszuwinden. »Ihr und Euer Freund habt zwar ein betrübtes Ansehen, aber keineswegs das von tollen Leuten. Der Rosoli meines Oheims spukt Euch wohl noch im Kopfe und wenn der verflogen ist, werden auch wohl die Wahnbilder aus Eurem Gehirne entweichen.«

»O daß es so wäre!« erwiederte =La Paix= mit gedämpfter Stimme und zum Himmel gerichteten Blicken. »Aber ich kenne uns: den schrecklichen =Le Vaillant=, wenn sein Unstern über ihn aufgeht, und mich, der sich selbst in den Augenblicken der Wuth verschlingen möchte. In =Leyden=, der herrlichen Universitätsstadt, nennt man uns nur den Löwen und den Tiger; denn man hat uns gesehen in dem furchtbaren Zustande, der die Welt zu vernichten droht, man verschloß alle Thore, man ließ Regimenter gegen uns marschiren -- Alles vergebens! Die Wuth mußte sich in sich selbst verzehren. Dann waren wir wieder die besten Bursche von der Welt und tranken Brüderschaft mit den Soldaten und den Commilitonen, die wir vorher angefallen hatten wie reißende Thiere. Ihr wißt nun Alles. Ihr seyd gewarnt. Laßt jetzt ab von mir, denn ich fühle, daß meine Einbildungskraft wieder anfängt sich zu regen! Es könnten sich Gestalten zeigen, ich könnte Dinge sprechen -- Ja, ja, trefflichste =Juliane=! Es ist besser, wir brechen jetzt ab. Erwägt Alles wohl, was ich Euch entdeckt habe. Morgen, morgen wird Blut fließen in Strömen, vielleicht das Euerige, das noch heute Euere Wangen röthet, das noch heute Euer edles Herz hebt zu gefühlvollen Schlägen für die halbe Menschheit!«

=Juliane= wußte noch immer nicht, ob das was sie hörte, Scherz oder Ernst sey. Dennoch ließ ihre natürliche Furchtsamkeit, die sie auch jetzt, nach ihrer sonstigen Gewohnheit, unter muthig klingenden Worten zu verstecken strebte, sie das Schlimmste erwarten.

»O ich habe ganz andere Dinge gesehen!« versetzte sie, aber nicht in jenem muthwilligen Tone, wie sie dieselbe Redensart bei dem übereilten Zweikampfe zwischen den beiden Studenten vorgebracht hatte. »Ich fürchte mich nicht. Mein Vater ist da, der Bootsmann ist ein starker Mann und von den übrigen Leuten steht einer immer für zwei.«

=La Paix= antwortete nichts. Mit einem großen, bedauernden Blicke betrachtete er das Mädchen von oben bis unten, schüttelte traurig den Kopf und preßte aus tiefer Brust einen so klagenden Seufzer, daß er =Julianen= durch Mark und Bein ging.

»Schade um das reizende Wesen!« sprach er dann, sie mit gläsernen Augen anstarrend, dumpf in sich hinein. »Heute noch so schön und morgen -- Tod -- Blut -- Asche!«

Er wandte sich mit seinem Freunde ab und ging nach einer andern Seite. =Juliane= sah ihnen zitternd nach. Ein Frösteln zog durch ihre Glieder. Sie versuchte zu lächeln; sie mußte mit den Zähnen klappern und Thränen traten ihr in die Augen. Es war bereits dämmerig geworden. Die Düsterheit, die auf den Wellen und auf dem Schiffe lag, erhöhete das unheimliche Gefühl, von dem sie sich ergriffen fand, um Vieles.

»Es ist Alles Lüge, es ist Alles lächerlich!« sagte sie sich selbst. »Wie können denn zwei Menschen den vereinten Anstrengungen so vieler andern widerstehen, wenn diese sich ihnen entgegenwerfen im Ausbruche ihrer Tollheit, um sie zu bändigen und zu knebeln? Pah! ich glaube nichts von dem ganzen Geschwätz. Das ist Prahlerei, blauer Dunst!« Aber in ihrem Innern sprach eine Stimme, die den gewaltsam aufgebotenen Muth zu Schanden machte. Sie war in früheren Jahren einmal bei einer Verwandten in =Friesland= zu Besuch gewesen. Dort brachte es die Sitte mit sich, daß Frauen und Jungfrauen sich öfters zu Abendversammlungen zusammenfanden, in denen alte seltsame Geschichten erzählt wurden, deren Inhalt gewöhnlich die Herzen mit Schauder erfüllte, und die Gemüther zu Bangigkeit und Zagen stimmte. Dort war auch von den ehemaligen friesischen Königen erzählt worden, von gewaltigen Seehelden, die weit vom Norden herabgekommen waren und Wunder der Kraft und der Tapferkeit verrichteten. Wenn diese nun in Zorn geriethen, so waren sie in eine Wuth verfallen, deren Aeußerungen keine Gewalt, keine Uebermacht zu hemmen vermocht. Es war über sie gekommen, wie eine Krankheit. Nicht alle waren ihr unterworfen gewesen, nur einzelne, und man hatte dieses Uebel die Berserkerwuth genannt. =Juliane= dachte in ihrer Aufregung nicht daran, daß die zwei jungen Leute nichts weniger, als Nordlands-Reken seyen. Die Stimme aus ihrem Innern rief ihr nur immer zu: »=Juliane=, =Juliane=, dein letztes Stündlein ist nahe! Du hast dich des Lebens erfreuet, aber du wirst nun bald starr, blutig und kalt daliegen.« Sie konnte mit allem Aufgebote ihrer Besonnenheit diese Stimme nicht zum Schweigen bringen. In diesem Kampfe widriger Zweifel zog sie sich an das Steuerruder neben ihren Vater zurück und verfiel hier in ein tiefes Nachdenken. Von Zeit zu Zeit warf sie aber doch einen und den andern verstohlenen Blick auf die beiden Studenten, deren dunkele Gestalten sich in der Dämmerung schattenartig am Vordertheile des Fahrzeuges hin und her bewegten.

»_Cadédis!_« sagte =Le Vaillant=, als er sich mit seinem Freunde allein und unbelauscht sah, zu diesem. »Du treibst es zu weit. Einen kleinen Tick ließ ich mir schon gefallen, aber du machst uns ganz und gar zu Narren und ich will es loben, wenn man nicht hinterrücks über uns herfällt, um uns gebunden an einen sicheren Ort zu bringen.«

»Der Spaß war köstlich!« versetzte leise der Angeredete. »Er hat mich aus meiner trübseligen Stimmung herausgerissen, er hat mir meine Ruhe wiedergegeben. Wie die schöne Sünderin zitterte um das Bischen Leben, das sie so übel anwendet, wie sie ihre Hand so gern losgerungen hätte, aus der des Wahnwitzigen, wie ihre Seele gepeinigt und geprickelt wurde zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Grauen und dem lächerlichsten Wahne! =Le Vaillant=, du thust mir leid, denn bei deiner Denkart, bei deinen Gefühlen, die nur rasch und heftig, aber nicht tief und ergreifend sind, konntest du unmöglich den Genuß haben, den mir die Folterqual der listigen Gaunerin gewährte. Deine Besorgniß ist thöricht. Sie wagt nichts gegen uns, sie fürchtet den Alles vernichtenden Ausbruch unserer Wuth zu beschleunigen. Ich ahne, daß noch ganz andere Dinge sich aus meinem glücklichen Einfalle entspinnen werden. Halte dich nur immer hübsch ruhig an meiner Seite. Schlage die Arme unter, wie ich, hefte die Blicke auf den Boden, nimm einen langsamen abgemessenen Schritt an, bleibe stehen, wenn ich stehen bleibe, stöhne kläglich, wenn ich es thue, genug, folge in Allem meinem Beispiele und du wirst sehen -- es ist unser Schade nicht!«

Trotz der einbrechenden Nacht schwebte der Kutter noch immer mit ausgespannten Segeln über die Wellenfläche hin. Laternen waren ausgehängt worden, die Strahlen des Mondes zitterten auf dem bewegten Wasser und ließen nach der linken Seite hin einen dunkeln Streif sehen, der das Uferland bezeichnete. Bei der milden Luft, welche Abends der frischen Kühle des Tages gefolgt war, blieben die meisten der Leute auf dem Verdecke, wo sie sich mit Segelflicken, Netzausbessern und dergleichen beschäftigten. Nur Capitän =Jonas=, der den Abend gern ruhig in seiner Cajüte bei der Madeiraflasche zubrachte und diejenigen der Matrosen, denen die heutige Nachtwache zufiel, hatten sich zurückgezogen. =Juliane= saß noch immer in Sinnen verloren an einer Stelle, wo sie durch die arbeitenden Matrosen von den Gefahr drohenden Gefangenen geschieden war. Diese beharrten in ihrer Theilnahmlosigkeit, in ihrem düstern Hinbrüten. Mit untergeschlagenen Armen wandelten sie auf und nieder, kein Wort ging über ihre Lippen, nur tiefe, lauthallende Seufzer, die selbst bis zu der fernen =Juliane= herüberdrangen, entquollen von Zeit zu Zeit ihrer Brust.

Es mochte gegen die zehente Abendstunde seyn, als auf des Steuermanns Geheiß, der im Auftrage seines Capitäns befehligte, nicht weit vom Lande die Anker ausgeworfen wurden. Einige Matrosen lagen schon schlafend auf den Bänken des Verdeckes, andere rüsteten sich, ebenfalls zur Ruhe zu gehen. Niemand schien sich um die Kriegsgefangenen zu kümmern.

»Kannst du schwimmen, =La Paix=?« raunte diesem sein Freund zu. »Was mich betrifft, so getraue ich mich wohl, diese Handvoll Wasser zu durchschneiden, wie ein Delphin, und in zehn Minuten spätestens am Lande zu seyn. _Morgué!_ ich habe dir ganz andere Kunststücke gemacht in dieser Gattung. Die Garonne ist Zeuge meiner Thaten gewesen und man gab mir wegen meiner Schwimmfertigkeit den Namen des =Fisches=, wie jenem Sizilianer, der einen goldenen Becher aus dem Schlunde der Charybdis holte.«

»Ich kann nicht schwimmen!« gab =La Paix= trocken zur Antwort. »Es ist auch gar nicht nöthig, daß du deine Fischnatur zu besonderen Anstrengungen in diesen Gewässern aufbietest, die vielleicht nicht so freundlich seyn dürften, wie deine heimathliche Garonne. Gedulde dich nur eine ganz kurze Zeit und ich verspreche dir, man wird uns auf die höflichste Weise einladen, ein Boot zu besteigen, das uns frei und ledig an's Land bringt, die vortreffliche =Juliane= selbst wird sich alle Mühe geben, uns -- vielleicht noch mit einiger Berücksichtigung ihres zeitlichen Vortheils -- von dem =lustigen Freier von Rotterdam= wegzuschaffen und dann -- nun dann können wir ja, wenn es uns beliebt, die Barke des Sire =Jansen= erwarten und unsern Plan auf die schöne =Clelia= verfolgen.«

Früher, als =La Paix= selbst erwartet hatte, ging seine Prophezeiung in Erfüllung. Das letzte Wort war kaum seinen Lippen entschwebt, so fühlte er sich an seinem Kleide gezupft. Um nicht aus seiner Rolle zu fallen, wandte er sich mit einem schweren Seufzer um. Einer der Schiffsjungen stand vor ihm, aber mit so gerader und argloser Miene, daß der Student wohl einsah, diesem ahne nichts von den entsetzlichen Dingen, welche =Juliane= befürchtete.

»Die Schiffsjungfer läßt Euch grüßen!« sagte vertraulich und leise der Knabe, so daß es nur die beiden Jünglinge hören konnten. »Sie hat Mitleid mit Euch und sähe es nicht gern, wenn Ihr in's Unglück geriethet. Sie will suchen, einige Matrosen zu gewinnen, die Euch heimlich, während der Capitän bei'm Weine sitzt, an's Ufer bugsiren. Aber dazu braucht sie Geld oder Geldeswerth. Sie meint, der Ring, den der Junker am Finger trägt, wäre wie dazu gemacht, die Leute zu verblenden. Er soll ihr ein Zeichen seyn, daß Ihr den Vorschlag annehmt. Gebt ihn! Im Augenblicke hat ihn die Schiffsjungfer, in einer Viertelstunde seyd Ihr am Lande!«

»_Sandis!_ Wenn es nur daran liegt!« fuhr =Le Vaillant= heraus und gab ihm den Ring. »Jetzt geh, schaffe die Leute und das Boot. Ich wußte doch, daß die listige Hexe mich noch um den Ring bringen würde! Aber es geht nichts über die Freiheit und lieber frei bei einem Stücke Haferbrot und einem Glase Wasser, als gefangen bei Rehbraten und Champagnerwein.«

»Unbesonnener!« zürnte =La Paix= halblaut zu ihm hin. »Wir wären auch ohne dieses Opfer zum Ziele gekommen! Geh, mein Sohn,« wandte er sich dann in einem hohlen dumpfen Tone, der den Knaben wirklich stutzen machte, zu diesem: »sage deiner Jungfer, wir sendeten ihr den Ring, weil in unserem Zustande nichts Irdisches mehr einen Werth für uns hätte. Im Uebrigen möge sie thun was sie wolle, sie möge uns an Bord behalten oder ans Land bringen lassen: morgen breche der Tag der Schrecken an, die sie kenne, die keine Gewalt der Erde abzuwenden vermöge!«

Verblüfft schlich sich der Junge fort. Während =Le Vaillant= seinen Gefährten noch mit Vorwürfen bestürmte, daß er =Julianen= eine Antwort ertheilt, die sie leicht in ihren günstigen Gesinnungen schwankend machen könne, hörten sie plötzlich zu ihrer Seite ein Plätschern im Wasser. Ein Blick über den Schiffsrand belehrte sie, daß ein Boot schon losgemacht sey, daß mehrere Matrosen im Begriffe waren, leise hinabzusteigen, daß =Juliane= auf diese Weise ihr Wort lösen und, wie =La Paix= einsah, sich von den Gegenständen ihrer Furcht befreien wollte.

»Kommt mit mir!« flüsterte ihnen der Junge zu, der vom Steuerborde zurückgekehrt war. In wenigen Augenblicken saßen sie in dem Boote, die Ruderer rührten emsig die Arme, weder über ihre Lippen, noch über die der jungen Leute ging eine Silbe. Der dunkle Streif, der vor ihren Blicken lag, kam ihnen immer näher, die höher gehenden Wellen, die sich an den Faschinendämmen des Ufers brachen, erhielten das kleine Fahrzeug in heftiger schaukelnder Bewegung. Fern herüber leuchteten die Laternen des Kutters. In ängstlicher Spannung sahen die Studenten auf diesen. Bald schien es ihnen, als erblickten sie viele dunkle Gestalten, die sich in unruhigem Treiben vor den Lichtern hin und her bewegten, es war ihnen, als vernähmen sie verworrene Stimmen vom Schiffe herüber, sie glaubten ihre Flucht entdeckt, vielleicht von der treulosen =Juliane= selbst verrathen; dann dünkte sie es gar, der Kutter rücke von seiner Stelle, ihnen nach und seine Gestalt vergrößerte an dem Dämmerglanze des Horizonts sich zu einem furchtbaren, gigantischen Schiffsungeheuer. Aber sie erkannten leicht die Bilder des Wahns, welche die erregte Phantasie ihnen vorführte. Keine Verfolgung bedrohete sie mit neuer Gefangenschaft, kein Hinderniß trat ihnen in den Weg. Die kundigen Matrosen fanden einen Platz, welcher zum Landen geeignet war. =La Paix= und =Le Vaillant= sprangen, ohne eine Einladung hiezu abzuwarten, an's Ufer. Sie vernahmen, daß man ihnen etwas nachwarf. Es waren ihre Degen, die sie freudig aufrafften, um sich sogleich damit zu umgürten. Das Boot stieß ab. Sie standen allein an einer flachen öden Küste, in einem unbekannten Lande, ohne Freund, ohne Führer. Nirgends war ein Strauch oder ein Baum zu erblicken, kein gastliches Obdach zeigte sich, wohin sie die Augen auch richteten.

»Was nun?« sagte =La Paix=, indem er sich vergebens nach einem betretenen Pfade umsah. »In diesem verwünschten Sumpflande, zwischen den labyrinthisch verschlungenen Canälen ist es gefährlich, Nachts umherzuirren. Hier am Ufer in der Nähe des Kutters den Tag abzuwarten, möchte ich ebensowenig rathen --«

»Alberne Bedenklichkeiten!« rief sein Freund. »Vorwärts, immer vorwärts, das ist der Wahlspruch meines Hauses, seitdem einer meiner Ahnherrn die eisernen Reihen der Schweizer in der Schlacht bei Marignano durchbrach! _Cadédis!_ Wir wollen dieses Land im Sturm erobern, du und ich, und wenn es von unzählichen Morästen und Canälen geschützt wäre. Vorwärts, =La Paix=! Unser gutes Glück wird uns führen.«

»Meinetwegen!« antwortete sein Gefährte. Ihre Leitung dem Zufalle überlassend, schritten sie rasch am Ufer hin in die von Mond- und Sternenlicht sanft erhellte Nacht.

4.

Der Professor =Eobanus Hazenbrook=, den wir vielleicht schon zu lange aus den Augen verloren, hatte, nachdem er die kleine Schenke, dem =van Vlietenschen= Hause gegenüber bezogen, den ganzen Tag über, wie ein Fuchs vor dem verschlossenen Taubenschlage, hinter dem Schiebfensterchen seines Zimmers sehnsuchtsvoll geharrt, ob nicht wenigstens ein Theil von dem Gegenstande seiner wissenschaftlichen Liebe, das hoch gehaltene Antlitz des Herrn =Tobias=, sich zeigen werde. Vergebliche Hoffnung! Alle Vorhänge hinter den Fenstern waren niedergelassen, die Hausthüre öffnete sich selten und dann war es immer nur eine untergeordnete Person, eine Magd, oder ein Knecht, die schnell heraushuschte und bei der Rückkehr ebenso rasch wieder durch den Eingang verschwand. =Eobanus= befand sich in einer Unruhe, wie er sie noch nie empfunden hatte. Dem lange nachgerungenen Ziele seiner Wünsche, das ihn so oft getäuscht, stand er jetzt so nahe und dennoch -- so fern. Konnte der reiche Handelsherr, wenn er malitiös war, sich nicht in der Verzweiflung all zu stark aufs Trinken legen, vielleicht gar auf den Genuß nährenden Bieres, das dann gedeihlich auf seine Fettzellen wirkte, indem es alle schöne Hoffnungen =Hazenbrooks= untergrub? Konnte er nicht -- quälte sich der Professor weiter -- überdrüßig der gegenwärtigen Einsamkeit seines Hauses, sich in Zerstreuungen stürzen, die sonst der Holländer nur vor dem dreißigsten Jahre sich gestattet, und, wie der Beispiele ja so viele vorkamen, eben durch diese Zerstreuungen, indem sie nur unbedeutend an seinen gewaltigen Geldsäcken zehrten, jugendlich wieder aufblühen und -- was bei allen Vermuthungen, denen sich =Eobanus= überließ, ihm als das Aergste erschien -- wiederum Fett ansetzen?

»O Fett, Fett!« rief der Professor, indem er wie verzweifelt durch sein kleines, von einer Lampe nur düster beleuchtetes Gemach hinstürmte. »Du nagst an meinem Leben, du nagst an der Blüthe der Wissenschaft, die sich eben entfalten will und gedeihen zur köstlichen reifen Frucht. Deine feindselige Gegenwart droht der hieroglyphischen Vorwelt, ihrer Wiedergeburt in reizender Mumiengestalt, schmähliches Verderben. Wie oft hast du, ob ich dich gleich immer in Ehren gehalten und nicht ein elendes halbes Pfund deines Eigenthums dir für meinen Leib entwandt, nicht schon meine trefflichsten Plane, meine herrlichsten Werke, Meisterstücke, die für eine tausendjährige Dauer bestimmt waren, boshaft zerstört in einer warmen Frühlingsnacht? Ja, Schändliches, das hast du gethan und gerade in der schönen jugendlichen Zeit des Jahres, wo in dem Wurme, wie im Nilpferde, in der Kröte, wie im Crocodille, in der Rose, wie in der Camillenblume, sich frische Lebenskräfte regen, in dieser von der Natur geheiligten Zeit hast du heimtückisch gemordet, was ich mit unsäglicher Mühe und einer Kunst, die nirgends ihres Gleichen hat, in's wissenschaftliche Leben gerufen! Ich sehe sie noch vor mir, alle die Geliebten, die ich mir selbst bereitet und die ich großmüthig als Eigenthum der erlauchten Lugduner Akademie überlassen wollte. Glaubst du, ich hätte dich vergessen, schalkhafte Artemisia, mit dem Grübchen in der goldbelegten Wange, mit der sanftgewölbten Brust, im Glanze deiner dunkelbraunen Schönheit? Und du, majestätischer Memnon, einst ein stattlicher Grenadier im Leibregimente König =Wilhelms=, du, dessen Mumienhülle sieben Fuß maß und dessen Adlernase sich erhaben aufdrängte unter der sinnvollsten Hieroglyphenschrift, mußtest auch du zu einem jammervollen Nichts werden im flüchtigen Laufe eines warmen Lenzmorgens? _Vanitas Vanitatum, omnia Vanitas!_ Alles ist vergänglich auf dieser Erde!«