Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil

Part 4

Chapter 43,630 wordsPublic domain

»Backbord und Bramsegel! Da ist unser unzertrennliches Geschwisterpaar;« empfing er sie in spöttischem Tone. »Der Held des Tages erscheint und die Heldin, denn ich wette zehn holländische Linienschiffe gegen ein Treekschujt, ohne die Schwester hätten wir uns noch mit dem Hidalgo herumbalgen können, bis mit Gotteshülfe der Kutter herbeigekommen wäre, um uns Beistand zu bringen! Kommt! Setzt Euch zu uns! =Beckje= hat einen warmen Würzwein gebraut, der sich wohl trinken läßt auf solche Arbeit und an Neuigkeiten zur Unterhaltung wird's auch nicht fehlen.«

=Clelia= war in einem so hohen Grade betroffen über den Anblick, den die hier befindliche Gesellschaft gewährte, daß sie von =Jansens= Rede wenig vernahm. =Beckje= saß recht behaglich auf der Bank neben ihrem Manne und -- rauchte ihr Pfeifchen mit dem Anstande einer Raucherin, die längst die ersten Beschwerden dieses Vergnügens überwunden und das Lehrgeld der edeln Kunst abgetragen hat, nun aber sie in ihrem ganzen Umfange, in allen ihren Feinheiten zu würdigen und zu genießen versteht. Sie dampfte mit =Jansen= und dem Bootsmanne =Herrmanneke=, der auf der anderen Seite neben ihr saß, um die Wette. So wenig Jungfrau =van Vlieten= diesen Genuß dem zarten Geschlechte angemessen hielt, so war ihr doch recht wohl bekannt, daß viele Frauen in =Holland=, die durch ihren Beruf meistens im Freien beschäftigt sind, sich so an ihr Pfeifchen gewöhnen, daß es ihnen oft werther ist, als selbst der sonst so sehr beliebte Thee. Deshalb mochte sie auch der Frau des Capitäns nicht grollen über die Uebung einer Neigung, die ihr auch gut anstand und die sie mit vieler Zierlichkeit zu treiben wußte. Aber =Clelia= traute kaum ihren Augen, als sie auch =Philippintje= in einer recht traulichen und hingebenden Stellung neben dem Bootsmanne erblickte, ein großes Glas mit dampfendem Würzwein vor sich und zwischen den ängstlich zusammengekniffenen Lippen -- ein dampfendes Stummelchen. Sie hatte das Gesicht widerwärtig verzogen, als kämpfe sie zwischen ihrem Willen und dem Uebelgeschmack der ungewohnten Sache. Sie wollte diesen aber mit Gewalt verbergen und der Zwang, den sie sich anthat, eine Behaglichkeit zu zeigen, die in diesen Augenblicken ihr ganz fremd war, gab ihr ein höchst lächerliches Ansehen. Sie schien übrigens gar nicht bestürzt, von ihrer jungen Gebieterin in dieser Beschäftigung betroffen zu werden. Sie sah sie so keck und sicher an, daß =Clelia= wohl ahnete, es müsse hinter dieser Gemüthsruhe noch etwas anderes stecken, als der bloße Weinmuth.

»Holland und England!« rief mit einem lauten Gelächter Junker =Cornelius=, indem er zu =Philippintje= trat. »Ihr raucht ja wie die spanische Schebecke, ehe sie gen Himmel fuhr! Nehmt Euch in acht! Wer das Kräutlein noch nicht kennt, soll nicht mit ihm scherzen. Die erste Bekanntschaft führt immer ihr Unangenehmes mit sich.«

»Stört mir das liebe Kind nicht!« legte sich =Beckje= eifrig dazwischen. »Sie weiß wohl, was sie thut und warum sie es thut. Auch hat sie schon treffliche Anlagen gezeigt und bis morgen -- dafür ist mir gar nicht bange -- hält sie mit =Herrmanneke= gleichen Schritt, der den ganzen Tag über an seinem Stummel kauet und den Schlaf nur deshalb nicht leiden kann, weil er sich mit dem Rauchen nicht verträgt.«

»Man muß sich an Alles gewöhnen!« sagte mit erzwungener Ruhe =Philippintje=, während eine leichte Blässe über ihre gefurchten Wangen flog. »Man weiß nicht, wo man es nöthig hat und wenn man es einmal kann, so braucht man wenigstens nicht zurückzustehen in einer guten Gesellschaft, wie die hier gegenwärtige.«

Mit einem tüchtigen Schlucke des dampfenden Getränkes suchte sie alle häßlichen Empfindungen, die sich ihr vorübergehend aufdrängten, hinabzuspülen. Der Bootsmann nickte ihr vertraulich und ermunternd zu. Es schien sich zwischen beiden ein Verständniß entsponnen zu haben, das =Clelien= neu war und das sie sich noch nicht erklären konnte.

»Du wirst dich krank machen, =Philippintje=;« sagte in gutmüthig ermahnendem Tone die Jungfrau. »Leg' die Pfeife weg! Für dich ist das Rauchen eine überflüßige Sache und im Hause meines Vaters würde dir es auf keine Weise gestattet werden.«

»Versuche es nur selbst einmal, =Clötje=!« erwiederte =Philippintje= und bot der abwehrenden Herrin die Pfeife dar. »Es ist etwas Köstliches. Es prickelt und pizgelt so angenehm auf der Zunge, daß ich es mit nichts vergleichen kann. Nur einen Zug, =Clötje=, und du wirst ganz anders sprechen.«

=Clelia= wandte sich mit Widerwillen zur Seite.

»Du magst nicht?« fuhr =Philippintje= fort. »Auch gut! Ich will dich nicht zwingen. Wenn du aber meinst, daß ich das Rauchen nicht nöthig hätte, so lebst du in einem großen Irrthume. Auch ist es ein löblicher und christlicher Gebrauch, denn unser Domine in =Rotterdam= raucht auch und noch dazu aus einer Pfeife, so groß wie eine Theekanne. Freilich würde in deines Vaters Hause der Tabaksrauch die Vorhänge schwärzen, die schöne weiße Wäsche verderben und dem hochmögenden Heern selbst wohl zur Last fallen; aber mein Haus wird in Zukunft ein anderes seyn. In freier Luft, zwischen Himmel und Wasser werde ich leben, das Steuerbord wird meine Küche, das Backbord mein Kämmerlein seyn. Ich werde keinen Caffee mehr brennen, keinen Zucker mehr stoßen, keine Rosinen mehr belesen. Alle diese Kleinigkeiten bleiben mir fern; nur die herrlichen Meereswogen werden mich umrauschen, der Sturm wird über mein Haupt hintoben -- aber das ist mir Alles nur Spaß, das gilt mir jetzt nicht mehr, wie das Gebroddel im Theekessel, wenn das Wasser kocht. Vivat das Seeleben!«

=Clelia= stand erstarrt. Die Begeisterung, zu der =Philippintje= erhoben war, konnte nichts anderes, als eine Folge des reichlichen Genusses von =Beckje's= geistigem Getränk seyn. Sie entwickelte Ansichten und eine Lebendigkeit, die bisher bei ihr geschlummert hatten. =Jansens= und seiner Frau heimliches und bedeutungsvolles Lachen ließen =Cornelius= vermuthen, daß irgend ein seltsames Geheimniß hinter der ganzen Sache verborgen sey. Nur =Herrmanneke= bewahrte seinen Gleichmuth, sah ernsthaft vor sich hin und ließ im Uebrigen seinem Glase Gerechtigkeit widerfahren.

»Rauchen muß sie, wenn ich sie heirathen soll!« begann jetzt der Bootsmann mit fester und ruhiger Stimme. »Was hilft mir aller Caffee, aller Zucker, aller Thee und selbst die Fäßlein Genever, die sie, wie sie sagt, ihrem Heern verschlampt hat, wenn sie nicht mit mir eine Pfeife rauchen kann und wenn ich sie nicht vom Dampfe verschönert sehe, der wie ein Schleier um ihr Antlitz schwebt und die Runzeln unkenntlich macht. Ja, sie muß rauchen! Hundert Dukaten jährlichen Einkommens fallen ihr einmal heim, wie sie versichert, aber an dem Gelde ist mir nichts gelegen, denn ich lebe und sterbe am Borde der =Syrene= mit dem Stummel im Munde. Mann und Weib sind ein Leib; deshalb muß sie rauchen. Ich habe ihr die Ehe versprochen und ihr einen halben Ruyter auf die Hand gegeben gegen einen silbernen Reif, den sie mir verehrt; aber Alles unter der Bedingung, daß sie Tabak raucht und gleich im Augenblicke anfängt zur Probe. Sie hat es rechtschaffen gethan und Blixen! es soll ihr gut gehen, als eines Bootsmanns Frau, wenn sie gut raucht.«

»So ist es, mein =Clötje=!« bestätigte die liebenswürdige Braut =Herrmanneke's=, indem sie von Neuem die Pfeife zu den bleichen, zuckenden Lippen führte, die sie einige Augenblicke lang hatte ruhen lassen. »Ich bin noch früher in den lieben Brautstand gekommen, als du, Kind, und das ist nicht mehr als recht und billig, da ich einige Jahre älter bin. Aber sey nicht traurig deshalb, =Clötje=! Auch dich wird die Reihe treffen und wir Beide werden dann glücklich seyn, du zu Land und ich zu Wasser. Habe ich ihm denn widerstehen können, dem Schalk von Bootsmann, wie Ihr ihn da seht? O, er besitzt Ueberredungskünste, mit denen er nur zu leicht ein unerfahrenes Mädchenherz bezwingt! Und dann -- ach, =Clötje=! Gott hat ihn gezeichnet, aber nicht zum Bösen sondern zum Guten. Er hat ihn gezeichnet mit der Gestalt, mit den Gebehrden und den Gesichtszügen meines seligen =Balthasar=! Es war mir als kehre dieser aus dem Grabe zurück und begehre die Liebe, die ich ihm gelobt. Und das Rauchen! Hat denn nicht der liebe =Balthasar= auch seine Pfeife geliebt und den amerikanischen Canaster, den ich ihm aus des Heern Gewölbe oft zugesteckt, wie sein Leben? Wer kann für sein Herz, Seelen-=Clötje=? Es ist ein schwaches und wankelmüthiges Ding, wie schon die Schrift sagt und die Schrift Lügen strafen, wäre sündlich! Habe ich nun die ersten Tage meiner Jugend als Jungfrau =Philippintje= in Ehren verlebt, so will ich nun die schönste Zeit meines Lebens als Frau Bootsmann auf der =Syrene= genießen.«

»Aber =Philippintje=,« flüsterte =Clelia=, die hinter sie getreten war, ihr in's Ohr, »denkst du denn gar nicht mehr an mich, an meine Lage, an mein Verhältniß mit Junker =Cornelius=, an dein Versprechen uns zu begleiten zu der Muhme und dort das Weitere zu erwarten?«

»Ja, ja! Ich erinnere mich wohl!« entgegnete die glückliche Braut und blies eine dicke Dampfwolke vor sich hin. »Umstände verändern die Sache. Ich hatte Unrecht, so etwas zu versprechen, denn der Mensch steht in Gottes Hand und soll nicht eigenmächtig über sich verfügen; ich würde noch größeres Unrecht haben, wenn ich ein so sündiges Versprechen halten wollte. Führe mich nicht in Versuchung, =Clötje=! Du warst sonst immer ein frommes Kind und wirst deiner Herzensfreundin nichts Schlechtes zumuthen wollen. Weißt du was, Kind? Heirathe du deinen Bruder, den Junker =Cornelius=: dann ist uns allen geholfen!«

Erglühend trat =Clelia= zurück und wandte ihr Gesicht ab, indem sie auf das Ufer mit den gastlichen Wohnungen blickte, dem sich die Barke näherte. =Beckje= und =Jansen= hatten sich bei =Philippintje's= unbedachtsamer Aeußerung bedeutungsvolle Blicke zugeworfen, als sähen sie nun bestätigt, was sie bereits geahnt.

»=Philippintje=,« sagte jetzt =Cornelius=, der =Clelias= Stelle hinter dem Sitze der schmauchenden Hausjungfer eingenommen hatte, mit erbittertem und verbissenem Tone: »Ihr kennt unsern Vertrag. Hundert Dukaten jährlich auf Lebenslang, wenn Ihr bei uns bleibt, bis alles geschlichtet ist, zwischen uns und Heern =Tobias=; keinen Deut, wenn Ihr früher uns verlaßt!«

»Was frag' ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin!« erwiederte das Mädchen und trank einmal dazu. »Behaltet Euere Dukaten und ich behalte meinen Bootsmann. =Herrmanneke= macht sich nichts aus dem Gelde, wie Ihr selbst gehört habt, und mir geht jetzt seine Liebe über Alles. Ja, das eigentliche Leben soll nun erst recht anfangen! In der Küche und in der Rauchkammer ist meines Bleibens nicht mehr, ich muß hinaus in die frohe, weite Welt. Niemand soll mich davon abhalten und gegen Gewalt wird mich mein Bootsmann schützen.«

»Das wird er!« versicherte =Herrmanneke=, indem er die geballte Rechte drohend vor sich hinstreckte und mit der Linken an das Messer in seinem Gürtel griff. »Wenn sie raucht und mich haben will, so sollen sie tausend Teufel nicht von mir losreißen. Galgen und Rad schneide ich =dem= ins Gesicht, der sich dagegen auflehnt und trüge er einen Bratspieß an der Seite, so lang wie die große Raa eines Dreideckers, und wäre er noch dazu der beste Freund meines Capitäns! Abspenstig lasse ich mir meine Braut nicht machen, notabene: wenn sie raucht.«

In diesem Augenblicke stieß die Barke an's Land. Es war völlig dämmerig geworden. Aus den Häusern am Ufer schimmerten freundliche Lichter herüber. Auch schien es ziemlich lustig dort herzugehen. In einer der Wohnungen, die am Hellsten erleuchtet war, ertönte Musik: eine Sackpfeife und eine Geige, die sich in den schreiendsten Mißlauten zu überbieten suchten. Am Strande war Niemand zu sehen. Irgend ein Ereigniß im Innern ihrer Häuser mochte den Bewohnern in diesem Augenblicke wichtiger erscheinen, als die Ankunft eines Fahrzeuges, das sie schon oft bei sich gesehen hatten und dessen Mannschaft ihnen genau bekannt war.

Jenes Haus, aus welchem die Musik herüberschallte, wurde dem fragenden =Cornelius= von =Jansen= als das bezeichnet, wo er Bewirthung und Nachtlager finden könne.

»=Beckje=, ich und meine Leute, wir bleiben an Bord,« setzte der Capitän hinzu. »Wir sind das so gewohnt und überdem müssen wir jetzt noch besonders auf unserer Hut seyn. Morgen früh um sechs Uhr werden die Anker gelichtet, die Böller geben das Zeichen und wer dann nicht an Bord ist, der bleibt am Lande: so will es die Schiffsregel. Gute Nacht, =Cornelius=.«

Dieser war schon =Clelien= nachgeeilt. Das Mädchen empfand eine besondere Sehnsucht, den festen Boden zu betreten und in der gewohnten Umgebung häuslicher Gegenstände sich von den Abentheuern des Tages zu sammeln und zu erholen. Sie stand dicht am Rande des Schiffes, der das Ufer berührte. =Cornelius= hatte sie erreicht und ergriff ihren Arm, um ihr an's Land zu helfen.

»Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!« rief da =Philippintje's= Jammerstimme. »Ist das recht und fromm von dir gehandelt, =Clötje=, daß du Diejenige, die Mutterstelle bei dir vertreten hat, zurücklassen willst, wenn du zu Musik und Freude gehest? Warte nur, Kind! Ich komme schon, ich komme.«

Sie warf dem überraschten Bootsmann die Pfeife hin und stand eilig auf. Aber das Schiff, Himmel, Wasser und Land dreheten sich um sie in wirbelnden Kreisen. Vor ihren Augen flammten Blitze auf, sie durchzuckten schmerzhaft ihr Haupt, sie verwirrten sie, so daß sie kaum wußte, wohin sie ihre Schritte richten sollte. Wie das Hohngelächter höllischer Geister tönte ihr dazwischen der Spott =Jansens= und =Beckje's= in die Ohren, die ihren Zustand erkannten und eine Lust daran fanden, die bei Leuten ihres Gewerbes wohl zu entschuldigen war. Dem entsetzlichen Schiwa gleich starrte =Herrmanneke's= Angesicht aus einer dicken Rauchwolke ihr entgegen. Taumelnd entfloh sie. Sie griff sich an dem Schiffsgeländer fort bis zu dem Junker =van Daalen= hin. Diesem, der eben =Clelien= an's Land gehoben hatte, sank sie in die Arme.

»Die nehme ich nicht!« sprach ganz ruhig der Bootsmann hinter ihr her. »Sie lernt das Rauchen nimmermehr. Der Tabak verträgt sich nicht mit ihrer Natur und eine so bejahrte Natur läßt sich nicht zwingen.«

Indessen hatte sich =Philippintje=, von tödtlicher Beängstigung ergriffen, fest an =Cornelius= geklammert. Ihr Antlitz brannte in Fiebergluth, sie zitterte an allen Gliedern.

»O nehmt mich mit, Herzensjunker!« flehete sie. »Ich bin elend, ich bin krank, der Tod sitzt mir schon auf der Zunge und ich fühle es, ich überlebe die Nacht nicht! Ihr habt mich fortgelockt aus dem Hause, wo alle Herrlichkeiten der Welt, Caffee, Zucker, Thee und Rosinen mir im Ueberflusse zu Gebote standen, Ihr müßt nun auch für mich sorgen und mir ein ruhiges Sterbestündlein bereiten, mit dem Siechentröster, und ein ehrliches Begräbniß mit dem schwarzbeflorten Ansprecher[A] und dem stattlichen Leichenkonducte. Auf einmal ist mir's an's Herz geschossen eiskalt und in den Kopf siedend heiß und ich weiß nun, daß es aus ist und ich bald Rechenschaft geben muß von jedem Stückchen Canel, von jedem Loth Zucker, von allen Dingen, die ich dem hochmögenden Heern =Tobias van Vlieten= ungetreu vertragen. Und wie wird's mir gehen, wenn die Rede kommt auf den gottlosen Schiwa, daß ich ihn alle Sonnabende gewaschen und gebürstet habe? Aber, nein! Das fällt mir nicht zur Last, das war im Herrendienste und =der= geht vor Gottesdienst.«

[A] =Aanspreeker=. Dieser ladet die Gäste zum Leichenbegängnisse ein und führt den feierlichen Zug an.

=Cornelius= sah ein, daß =Philippintje= auf dem Wege war, in einer freilich schmerzhaften und quälenden Weise, von ihrer Verirrung geheilt zu werden. Es mußte ihm viel daran gelegen seyn, sie als =Cleliens= Gesellschafterin beizubehalten. Er war überzeugt, daß sie, wenn sie wieder völlig Herrin ihrer Besinnung geworden, ihren Vortheil zu sehr in Anschlag bringen werde, um noch weiter an die tolle Heirath mit =Herrmanneke= zu denken. Rasch schwang er die Jammernde auf seinen Arm und schritt, von der unbedeutenden Last wenig gehemmt, =Clelien= nach, die indessen sich den hell erleuchteten Häusern genähert hatte.

»Sie ist krank,« sagte er in gedämpftem Tone zu der erschreckenden Geliebten: »aber es wird vorübergehen und keine schlimmen, sondern für uns die besten Folgen haben.«

»Ja, =Clötje=, mein Kind, ich bin elend zum Sterben;« wimmerte =Philippintje= von =Cornelius= Schulter herab. »Die Strafe folgt der Sünde auf dem Fuße und ich muß nun sterben an der Pfeife Tabak, die ich dem verführerischen Bootsmann zu Gefallen geraucht. Aber verlaß mich nicht in meiner letzten Stunde! Denke daran zurück, wie ich deiner gepflegt, als du im Scharlachfieber und in den Blattern lagst, wie ich Tag und Nacht bei dir hingebracht und jeder Bissen, den du genossest, jeder Trunk, der dir Kühlung brachte, durch meine Hand gegangen ist. Gehe auch mit zu meiner Leiche, Kind! Lege mir einen Kranz von weißen Blumen auf das Grab, wie er mir gebührt, als einer heimgegangenen Jungfrau.«

=Clelia=, in deren Seele sich mitleidige Theilnahme in einem hohen Grade regte, wollte die Bedrängte trösten, aber diese hörte nicht darauf. Ihre Klage verlor sich in ein unartikulirtes Weinen, das nur durch einzelne Ausrufungen ohne besondere Bedeutung gestört wurde. Sie rührte sich nicht, sie schien aller Herrschaft über ihre Glieder beraubt.

Als die Reisenden das Haus betraten, nach dem sie =Jansen= hingewiesen hatte, fanden sie den Hausflur festlich geschmückt. Es glänzte Alles von Reinlichkeit, der rothe Backsteinboden war mit farbigem Sand in allerlei zierlichen Figuren bestreut, an den Wänden hingen Kränze von künstlichen Blumen aus buntem Papier geschnitten, zwischen diesen Schildereien von unterschiedenem Werthe.

Die Musik tönte aus der Küche, die in vielen Häusern auf dem Lande auch zugleich das Prunkgemach ist, in dem man die Gäste empfängt. =Cornelius= und =Clelia= waren zu vertraut mit den Gewohnheiten ihres Vaterlandes, um nicht sogleich den Zweck der nahe an der Hausthüre aufgestellten großen Filzschuhe zu erkennen und sie über die ihrigen zu ziehen, damit der saubere Hausgang und der Porzellanboden der Küche, in der sie nun die Hausfrau aufsuchen mußten, nicht befleckt würden.

Es ging sehr lustig her in der Küche, nämlich in so weit es die holländischen Anstandsregeln erlaubten. Vor dem blankstrahlenden Heerdte thronte auf einem erhabenem Sitze die Wirthin des Hauses, eine Frau von mittlerem Alter, die mit unerschütterlicher Gemüthsruhe in die Tasse Thee blickte, die eben die eine Hand zum Munde führte, während die andere eine Butterschnitte mit geräuchertem Stockfisch hielt. Ihre Stirn wurde von einer ungeheueren Spitzenhaube beschattet, bis zum Halse steckte sie in der reichbeblumten Calamankjacke, deren mächtige Schöße weit über die Kniee hinabreichten. In ähnlicher Beschäftigung und Haltung saßen in einem Halbkreise ihre Freundinnen und Nachbarinnen ihr zur Seite. Alle sahen starr in die dampfenden Theetassen und auf den duftenden Stockfisch des Butterbrotes. Nur zeichneten sich die Gäste von der Hausfrau dadurch aus, daß sie sämmtlich die großen schwarzen Regentücher, deren Zipfel den Boden berührten, um den Kopf geschlungen hatten, welche die Holländerinnen auf dem Lande, sobald sie nur die Schwelle ihrer Wohnungen übertreten, bei Sonnenschein und Schneegestöber, bei Windstille und Sturm, nicht verlassen. Im Uebrigen schien sich die ganze Gesellschaft sehr behaglich zu fühlen. Keiner der Theetrinkenden fehlte das beliebte, sanft von unten erwärmende =Feuerstövchen= und jede hatte zu gelegentlicher Dienstleistung das zierliche =Quispeldöschen= neben sich. Es war eine Gesellschaft von Freundinnen im höchsten Grade der geselligen Freude: keine sprach ein Wort, aber alle Bedürfnisse holländischer Bequemlichkeit waren befriedigt und das blank gescheuerte, funkelnde und strahlende Messing- und Kupfergeschirr, der glänzende Reichthum des englischen Zinns, des japanischen Porzellans in den gebohnten Glasschränken erquickte noch überdem die Augen der versammelten Frauen, wenn sie diese einmal von der Theetasse und vom Stockfische aufschlugen. Je weniger aber die Gesellschaft sich laut machte, desto mehr glaubten die zwei Musikanten für eine lärmende Unterhaltung sorgen zu müssen. Der Dudelsackbläser, eine hagere bleiche Figur, schien die letzten Odemzüge aufwenden zu wollen, um durch seine melodischen Töne über die schwer zu erschütternden Herzen seiner Zuhörerinnen zu siegen. Der Geiger, noch kleiner und hagerer, rang mit ihm um den Preis des Sieges. Beide saßen in einem Winkel der Küche auf einer umgestürzten Tonne und hatten einen ungeheueren Bierkrug zwischen sich.

Wenn der Zweck, der diese muntere Gesellschaft hier vereinigt hatte, nicht durch sie selbst und ihre Aeusserungen klar wurde, so befand sich doch =ein= Gegenstand in der Küche, der jedem Eingebornen sogleich einen vollständigen Aufschluß gab. Es war nämlich =Kuh-Visite= bei der gastfreien Wirthin und die geschlachtete, ausgeweidete, zierlich mit Bändern und goldpapiernen Blumen geschmückte Dulderin, die den Bedürfnissen des nahenden Winters zum Opfer gefallen war, hing an einem eigenen Gestelle von hell polirtem Nußbaumholz der Hausfrau gerade gegenüber, so daß sie von allen Anwesenden fortwährend angeschaut und bewundert werden konnte. Sie hatte das treue Haupt nach ihrer ehemaligen Herrin hingewendet und sah diese aus den lichtlosen Augenhöhlen ebenso geistreich an, wie sie wiederum von ihr in einzelnen Augenblicken der Trennung von Thee und Stockfisch, angeblickt wurde. Es lag wirklich etwas Rührendes in dem Umtausche dieser Blicke. Beide waren gewiß Herzensfreundinnen gewesen, aber das unerbittliche Schicksal hatte geboten und die eine mußte fallen, wenn auch nicht unter der Hand der Freundin, doch unter ihren Augen und auf ihr Geheiß.

Kaum hatte =Cornelius= einen Blick in die hell erleuchtete Küche geworfen, so sah er auch gleich die Bedeutung des Festes ein und daß er dieses nicht durch einen Aufruf der Wirthin stören dürfe.

»=Janneke!=« rief er zurücktretend, und sogleich haspelte sich hinter der Tonne, auf welcher die Musikanten ihr entsetzliches Gelärm trieben, der Hausknecht hervor, der gewöhnlich in Holland bei diesem Namen gerufen wird. Dem kleinen kugelrunden Burschen fiel es schwer, sich zwischen den trinkenden Frauen hindurch zu winden, ohne eine von diesen, was ein unverzeihliches Verbrechen gewesen wäre, durch Berührung zu stören. Er begann auf verschiedenen Seiten seine Versuche, aber hier traten ihm die ungeheueren Schöße einer Calamankjacke, dort die langen Zipfel eines Regentuches in den Weg. Gerade gehend hindurchzukommen, war eine reine Unmöglichkeit, denn die Ellnbogen der Damen hielten so eng zusammen, daß bei dem taktmäßigen Theetrinken, zu dem die Hausfrau immer das Zeichen gab, eine allgemeine geräuschvolle Reibung entstand. Endlich faßte =Janneke= einen raschen Entschluß zu einer kühnen That. Er warf sich nahe an der Küchenwand glatt auf den Leib nieder und kroch nun zwischen dieser und dem eher zu berührenden Feuerstövchen, das die Füße der hier sitzenden trug, hervor, um das Verlangen des angekommenen Gastes zu vernehmen.

Er stand odemlos vor dem Reisenden und sah mit Blicken dummen Erstaunens auf =Philippintje=, die noch immer seufzend und stöhnend auf =Cornelius= Schultern ruhete und seinen Hals so ängstlich umklammert hielt, als wolle sie ihn nicht lassen ihr Lebelang. Des Junkers Gebot trieb den Hausknecht, sie in das Gastzimmer des obern Stocks zu führen, wo der Kriegsmann sich sogleich seiner süßen Last entledigte und sie auf ein Ruhebett niederließ.