Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil
Part 2
Der =lustige Freier von Rotterdam= segelte so schnell, daß sie bald den Haven und die weißen, glänzenden Häuser von =Dortrecht= zur Seite hatten. =La Paix= stand neben =Julianen= und schien bereits in ein sehr vertrauliches Gespräch mit dem Mädchen verflochten, das ihm offenbar eine große Freundlichkeit und Gefälligkeit zeigte. Sein nicht so glücklicher Freund lag auf eine Bank hingestreckt und bemühete sich, seine Aufmerksamkeit dem vierten Buche der Aeneide zu widmen, die er zu seiner Unterhaltung auf die Reise mitgenommen hatte. Aber weder =Aeneas= noch =Dido= wollten ihn heute ansprechen. Statt mit beiden in die verhängnißvolle Höhle zu wandern und sie dort zu belauschen, flogen seine Blicke oft neidisch nach dem kosenden Paare hin und als sich dieses endlich gar von dem Verdecke in das Innere des Schiffes zurückzog, warf er das Buch unwillig zur Seite und trat an das Hinterdeck, um hier seine heiße Brust durch die anströmende scharfe Herbstluft kühlen zu lassen.
»Kommt mit in meine Cajüte!« sagte =Juliane=, indem sie den entzückten =La Paix= die dunkele Treppe hinabzog. »=Die= hat der Vater für mich besonders einrichten lassen und wir sind da ungestörter und traulicher, als in dem großen Zimmer, wo bald den Bootsmann, bald den Vater, bald einen anderen irgend ein Geschäft hinführt. Ihr sollt sehen, wie hübsch und glänzend Alles bei mir aufgeputzt ist. Das ist so recht ein Staatszimmerchen für einen jungen Mann von nobler Herkunft, wie Ihr zu seyn scheint, Myn Heer!«
In der That schimmerten und blinkten auch die Mahagoniwände des artigen Kabinets, wie venetianische Spiegel. Allenthalben sah dem Jünglinge, neben dem seinigen, das anmuthige, schalkhafte Gesicht seiner freundlichen Begleiterin entgegen. Er hatte noch nie ein weibliches Wesen gefunden, das, nach einer so kurzen Bekanntschaft, sich ihm so zuvorkommend genähert hätte, und gewiß war unter diesen Umständen der Gedanke, daß er, wie =Cäsar= gekommen sey, um zu sehen und zu siegen, bei einem jungen, leicht anregbaren Franzosen sehr verzeihlich.
Eine Laute lag auf dem Seidenpolster, das längs der einen Seitenwand hinlief. =Juliane= schob das Instrument bei Seite und, nachdem sie schäkernd den jungen Mann zum Sitzen genöthigt, öffnete sie ein Schränkchen und holte ein versiegeltes Fläschchen und einen Teller mit köstlich duftenden Zimmetschnitten hervor.
»Wir wollen frühstücken!« sagte sie, indem sie Beides auf das Tischchen vor dem Polster stellte und sich neben =La Paix= niederließ. »Hier ist köstlicher =Rosoli=, den mir mein Oheim aus =Schidam= verehrt, und diese Zimmetschnitten habe ich selbst gebacken. Laßt Euch Beides munden! Wir haben noch einige Stunden, bis wir die =Syrene= erreichen, und die müssen wir so gut, als möglich auszufüllen suchen.«
=La Paix= war überselig. Er ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen. Sie aber entwand sie ihm lachend, um von einem nahe befindlichen Gestelle ein Paar zierliche silberne Becher herbeizureichen, die sie mit dem süßen geistigen Getränk bis zum Rande füllte.
»Auf gut Glück in unserm Vorhaben!« sagte sie und stieß mit einem Feuerblicke, der dem Leydener Studenten tief in die Seele drang, an den Becher, den dieser ergriffen hatte. Er wurde doch ein wenig betroffen, als er =Julianen= den nicht gar kleinen Pokal auf einen Zug leeren sah; folgte aber, um nicht zurück zu bleiben, ihrem Beispiele und verstieß so, von seiner Verliebtheit irre geführt, schon zum erstenmale gegen seine Gewohnheit, von gebrannten Wassern nur zu nippen. Das Getränk war sehr stark. Dem zarten =La Paix= drängte es Thränen in die Augen, während =Juliane= nicht anders that, als habe sie ein Glas Wasser getrunken. Sie lachte ihn aus und schenkte von Neuem ein.
»Ihr seyd ein Student und könnt nicht trinken?« spottete sie. »Ihr sollt es von mir lernen, daß Ihr Euch nicht wieder vor einem holländischen Mädchen zu schämen braucht! Freilich sind sie nicht alle, wie ich, auf den Schiffen groß gewachsen, wo die Seeluft eine kräftige Nahrung und ein starkes Getränk erheischt; aber eine Stadtjungfer aus =Amsterdam= oder dem =Haag= verschmäht doch auch ein Gläschen =Rosoli= nicht, denn es reinigt die Haut und belebt das Blut. Trinkt noch einmal! Ihr sollt eine gute Lehrmeisterin an mir finden. Stoßt an! Auf das Wohl derer, die Ihr liebt!«
=La Paix= sah voraus, daß der Uebergenuß des ungewohnten Getränks ihm einen Rausch zuziehen würde; aber er konnte diese Gesundheit nicht ausschlagen.
»Auf Euer Wohl!« entgegnete er und zwang sich noch einmal den Becher zu leeren.
Während =Juliane= rasch den Inhalt des ihrigen hinabstürzte, warf sie einen forschenden Blick auf ihren Gesellschafter. Sie sah ein, daß sie ihm, zu Erreichung ihrer Absicht, nicht weiter mit Trinken zusetzen dürfe. Sie schob lachend die Gläser bei Seite, drang ihm einige Schnitte des Zimmetgebäckes auf und sagte:
»Ich wette, Euer Freund _Cadédis_ ist mehr vertraut mit der Rosoliflasche, als Ihr! An den Ufern der Garonne gebraucht man nicht blos den Zwiebelsaft zur Stärkung der Kräfte, man kennt auch recht gut die hülfreichen Geisterchen, die in einer solchen Phiole verstöpselt und verborgen stecken.«
Diese Anspielung auf sein früheres Gespräch mit =Le Vaillant=, verrieth dem Studenten, daß =Juliane= sie belauscht hatte, daß sie ihre Sprache verstehe und, was noch schlimmer war, ohne Zweifel sie auch als Franzosen erkenne. Dennoch besaß er noch Herrschaft genug über sich, um sich nicht weiter zu verrathen. Wie hätte er auch in einem solchen Augenblicke mehr an andere Dinge denken können, als an das reizende Wesen an seiner Seite? Sie hatte ihm jetzt ihre Hand überlassen, er durfte diese an seine Lippen drücken. Sein ganzes Innere war erregt, sein Herz klopfte ungestüm, er sah mit schmachtenden Blicken die holde =Juliane= an, ohne den spöttischen Zug, der bei aller Freundlichkeit in ihrer Miene lag, zu bemerken.
»Himmlische =Juliane=!« rief er im Tone der Begeisterung. »Ihr macht mich zum Glücklichsten aller Sterblichen, indem Ihr mir erlaubt, diese schönste Stunde meines Lebens an Euerer Seite hinzubringen. O, wer immer so fort schiffen könnte, immer fort -- bis an der Welt Ende!«
»Das würde sehr langweilig seyn!« lachte das Mädchen hell auf. »Hört lieber zu! Ich will Euch ein französisches Liedchen singen. Ihr liebt ja die französische Sprache!« setzte sie scharf betonend hinzu, »und vielleicht behagt Euch mein Lied besser, als mein Rosoli, und meine Zimmetschnitten.«
Sie ergriff die Laute und stimmte ein leichtsinniges Lied an. Ihre liebliche Stimme steigerte das Entzücken des schwärmerischen Jünglings zu einem hohen Grade; seine Augen hafteten an den zierlichen Fingern, die leicht und gewandt über die Saiten flogen. Aus ihren Blicken sprüheten Blitze auf ihn, die Worte des Liedes sagten noch mehr: um keine Schätze der Welt hätte =La Paix= diese Augenblicke hingegeben!
Das Lied war erst zur Hälfte, als =Juliane= plötzlich die Laute auf's Polster warf, ihr hübsches Gesichtchen in verdrießliche Falten legte und mit dem Ausdrucke der Ungeduld ausrief:
»Mein Himmel, auch der Gesang langweilt mich! Wir müssen etwas Anderes vornehmen. Wir sind noch nicht im =Biesbosch=,« fuhr sie fort, indem sie durch's Fenster sah, »wir müssen Alles aufbieten, die langweilige Fahrt erträglich zu machen. Da habt Ihr ein Andenken an diese Stunde, lieber Junker! Es ist ein Riechfläschlein mit köstlichem Balsam, das mir wiederum der gute Oheim in =Schidam= verehrt. Denkt dabei manchmal an die fröhliche =Juliane=, die es so gar gut mit Euch gemeint!«
Bei diesen Worten zog sie ein Schublädchen aus dem Tischchen und nahm, während =La Paix= mit wonnetrunkener Miene das süße Aroma des Büchschens in sich sog, Würfel und Karten hervor. Der Student achtete nicht darauf. Er war, nachdem er das Geschenk in der Nähe des Herzens wohl verwahrt hatte, beschäftigt, ein goldenes Kettchen von seinem Halse loszumachen, an dem sich eine werthvolle Schaumünze von demselben Metall befand. Beides hatte er in der Abschiedsstunde von seiner Mutter erhalten, und er achtete es über Alles hoch. Aber der Sinnentaumel riß ihn fort. Was er in einem Zustande ruhiger Besonnenheit um keinen Preis hingegeben haben würde, fiel jetzt der listigen =Juliane= als eine willkommene Beute zu.
Sie hielt die glänzende Gabe ans Licht, betrachtete sie mit lüsternen Blicken und fragte endlich im Tone des Zweifels:
»Ist's gut Gold, lieber Junker? Man muß doch wissen, was man trägt von so werther Hand.«
»Gewiß!« betheuerte =La Paix=. »Aecht Peruanisches! Mein Großvater hat es selbst aus Amerika mitgebracht. O, glaubt mir, himmlische =Juliane=, so lauter und stark, wie dieses Metall, ist die Liebe, die ich zu Euch im Herzen trage!«
»Charmant!« versetzte die himmlische =Juliane=, indem sie die schöne Kette mit dem Schaustück behaglich in ihr Mieder schob. »Aber laßt uns Eins würfeln, Herzensjunker! Blos zum Scherz, einen Gulden den Einsatz und wer zuletzt gewonnen hat, der lacht den andern aus! Ich würfle für mein Leben gern. Die Stunden verfliegen, wie Minuten, und das Spiel versetzt in eine so angenehme Spannung, die ich mit Nichts in der Welt vergleichen kann. Kommt her! Da ist mein Satz. Die Sache wird bald abgethan seyn, denn viel darf ich nicht wagen, weil mich der Vater sehr knapp hält im Gelde.«
Sie schüttete ihr kleines Börs'chen auf dem Tische aus. Was hätte =La Paix= in dem Zustande der Liebe und halber Trunkenheit, in dem er sich befand, dem verführerischen Mädchen abschlagen können? Er setzte und verlor rasch hintereinander. Sie neckte ihn mit seinem Verluste und meinte, er sey nicht stärker im Spielen, wie im Trinken. Diese Neckerei reizte den jungen Mann, der ganz aus seinem gewöhnlichen Geleis gekommen war, immer mehr. Die Sätze wurden verdoppelt, das Glück blieb =Julianen= getreu. Während des Spiels unterhielt sie ihn mit kurzweiligen Reden, nannte ihn bald ihren Herzensjunker, bald ihr liebstes Studentchen, und ihre freundlichen Blicke verwirrten ihn noch überdem so sehr, daß er gar nicht bemerkte, wie ihr kleiner Finger oft auf den Tisch huschte, einen ihr ungünstigen Wurf in einen günstigen verwandelnd, und wie sie zuletzt sogar ganz andere Würfel unter dem Tischchen hervorbrachte und mit diesen gegen ihn und die schon vorhandenen spielte. Es war noch keine halbe Stunde vergangen, als der letzte Gulden aus des Studenten Börse zu ihr hinüberflog und dieser den leeren Beutel verlegen vor sich hinhielt.
Aber das laute Gelächter, das =Juliane=, indem sie aufstand, erschallen ließ, brachte ihn einigermaßen zur Besinnung. Der dumme Streich, den er gemacht hatte, wurde ihm klar; allein noch ließ ihn die Liebe nicht aus ihren Schlingen.
»Herrliches Mädchen!« rief er aus und schritt ihr mit geöffneten Armen nach: »Alles was ich besitze gehört Euch, aber nehmt auch mein Herz an und laßt unsere Lippen diesen süßen Bund besiegeln!«
Da veränderte sich mit einemmale =Julianens= ganzes Wesen. Ihre Blicke wurden finster, ihre Züge streng und ernst, sie sah den Jüngling von oben bis unten mit einer geringschätzigen Miene an und sagte wegwerfend:
»Was fällt Euch ein, Junker? Ihr müßt wohl wenig mit ehrsamen Jungfrauen umgegangen seyn, daß Ihr eine Freundlichkeit, wie sie das gesellige Leben mit sich bringt, für eine Aufmunterung zu unanständiger Aufdringlichkeit nehmt. Ich habe Euch Höflichkeit erwiesen und dafür gebt Ihr mir Schimpf zurück. Ich dürfte das meinem Vater entdecken und er würde diese Beleidigung auf eine Weise bestrafen, die Euer unerlaubtes Liebesfeuer wohl abkühlen sollte! Doch ich will großmüthig seyn. Ich verzeihe Euch, Euere große Jugend mag Euch entschuldigen! Wenn Ihr einmal aus den Knabenjahren heraus seyd, dann wird ein tugendhaftes Mädchen wohl eher, ohne Gefahr für ihre Ehre, bei Euch verweilen können.«
Die himmlische =Juliane= warf noch einen durchbohrenden Blick auf den betretenen =La Paix=. Dann rauschte sie schnellen Schrittes aus dem Closett, die Treppe hinauf nach dem Verdeck hin. Der Student sah ihr dumm nach. Endlich erst begriff er -- zu spät -- die ganze Größe seiner Albernheit. Er sah ein, daß er in das Netz einer listigen Betrügerin gefallen sey, daß er, der sonst so weise und besonnene =La Paix= -- einen Gimpelstreich begangen habe, vor dem sich selbst der so oft getadelte =Le Vaillant= zu hüten gewußt haben würde. Er hatte Alles verspielt bis auf den letzten Heller, das immer so treu bewahrte Angedenken seiner Mutter war auch dahin und -- was hatte er dafür? Ein hölzernes Büchschen, das stark nach Moschus und Wachholder roch. Ingrimmig riß er es hervor, schleuderte es zu Boden und zertrat es.
»Mußte ich darum Latein und Griechisch lernen, Philologie und Physiologie studiren, Anatomie und Medecin treiben, um mich auf eine so bejammernswürdige Weise anführen zu lassen?« rief er gegen sich selbst erbittert aus. »Wenn =Le Vaillant= die Sache merkt, wie wird er triumphiren! Doch Ruhe, =La Paix=, Fassung, Frieden! Es ist nicht das erstemal, daß dir die Moneten ausgingen. Ein braver Bursch verzagt nicht!«
Der Rausch von Liebe und Rosoli war verflogen. Er ging gefaßt auf das Verdeck. Sein Antlitz zeigte Ruhe und Heiterkeit. Er warf nur einen Seitenblick auf =Juliane=, die jetzt neben =Le Vaillant= am Vordertheile des Schiffes stand und diesen ebenso freundlich anlockend beäugelte und besprach, wie sie es früher ihm selbst gemacht hatte. =Le Vaillant= aber blickte noch immer verdrießlich und gab ihr kurze Antworten.
»=Den= will sie auch kirren!« sagte =La Paix= zu sich selbst. »Ich werde ihr aber den Spaß verderben. Französisch versteht die Schlange, aber jetzt soll mir mein Latein helfen, wenn es mir auch gegen ihre Künste nichts genützt hat.«
Der =lustige Freier von Rotterdam= befand sich jetzt zwischen den Inseln des =Biesbosches= und Capitän =Jonas= hatte mit dem Auswerfen des Senkbleies, mit mancherlei Wendungen des Schiffes, um den Untiefen zu entgehen, so Viel zu thun, daß er nicht auf das Töchterlein achten konnte, wenn er es überhaupt auch für Noth gehalten hätte.
Mit freiem Anstande und ungetrübter Stirn trat =La Paix= zu seinem Freunde, der eben anfing durch =Julianens= fortgesetzte Freundlichkeit erwärmt zu werden und seine auf dem Geländer ruhende Hand dicht neben die ihrige gerückt hatte. Die listige Gaunerin schien betroffen über seine Gegenwart und sein unbefangenes Wesen. Nach einem Augenblicke aber lächelte sie zu ihm hin, als wenn nichts vorgefallen wäre. Die goldene Kette prangte an ihrem Halse und =La Paix= mußte einen Seufzer über seine Thorheit, dieses Kleinod an eine Unwürdige verschleudert zu haben, unterdrücken. Mit wenigen Worten hatte er dem staunenden =Le Vaillant= seine Abentheuer berichtet. Dieser verschluckte ein _Cadédis_, das ihm auf der Zunge schwebte. Dann besann er sich einen Moment, sah bedeutungsvoll nach seinem Cameraden und wandte sich nun mit einer sehr höflichen Gebehrde zu =Julianen=, die vergebens bemüht gewesen, etwas von der französisch klingenden Mittheilung zu verstehen.
»Prangende Schönheit, deren Reize des Aeußern noch weit übertroffen werden von denen des Innern,« begann er in einem ernsten und ehrerbietigen Tone, hinter dem sich aber der Spott schlecht versteckte: »wie ich so eben vernehme, so liebt Ihr ein kurzweiliges Spiel und seyd auch nebenbei dem Rosoli nicht abhold! _Sandis!_ Das sind auch eben meine Passionen und ich habe bis jetzt vergebens versucht, sie auch meinem Freunde da werth und theuer zu machen. Der Rosoli bringt ihn herunter, aber er nicht jenen. Das Spiel kann ihn nur ergötzen, wenn er verliert, weil er so gar mildthätig ist und lieber gibt, denn nimmt. Ihr seht, wie ihm die Freude über seinen Verlust die Wange geröthet hat, wie er noch einmal so heiter in die Welt blickt, als früher, da er noch nicht verloren hatte! Ihr habt ihn glücklich gemacht, aber mich unglücklich! Nach jenem Kettlein mit der Schaumünze, die nur eine schlechte Zierde Euerer vortrefflichen Person ist, stand schon lange mein Gelüst. _Cadédis!_ Ich habe ihm Geld, ich habe Alles geboten für dieses Kleinod. Jetzt besitzt Ihr es. Aber hört noch, Dame sonder Gleichen! Seht diesen Diamant an meinem Finger! Ich setze ihn gegen die Kette mit dem Schaustück, wir spielen d'rum und wem Fortuna wohl will, dem wird Beides!«
Die Blicke der Dame sonder Gleichen ruheten mit großer Begehrlichkeit auf dem köstlichen Ringe. Die Strahlen des Diamants drangen bis in ihr Herz: er hatte gewiß den vierfachen Werth der Kette und des Schaustücks. Wie herrlich mußte er sich nicht an =Julianens= zarter Hand ausnehmen? Ein solches Kleinod besaß sie noch gar nicht. Sie konnte dem lockenden Vorschlag nicht widerstehen.
»Gern, edler Junker!« erwiederte sie. »Harret nur einen Augenblick, bis ich die Würfel heraufhole!«
»Was Würfel!« entgegnete =Le Vaillant=, sie zurückhaltend. »Wir thun es kürzer ab. Hier ist mein Ring, Ihr legt das Kettlein daneben. Diesen Reichsthaler werf ich in die Höhe: _rex_ oder Schrift! Auf was haltet Ihr?«
Die Begierde, den schönen Ring zu besitzen, überwog bei der edeln =Juliane= jede Bedenklichkeit.
»_Rex!_« rief sie, die diese Spielweise recht wohl verstand, mit zitternder Stimme und glühenden Blicken. Der Thaler flog in die Höhe und wieder zur Erde. Schon glaubte sie gewonnen zu haben, schon streckte sie die Hand nach beiden Kleinoden aus. --
»=Schrift!=« sagte da stark und kaltblütig =Le Vaillant=, indem er auf das liegende Silberstück wies. Die Kette war sein, er gab sie mit einem triumphirenden Lächeln seinem Freunde zurück.
»Ihr müßt weiter mit mir spielen!« eiferte die treffliche Jungfrau. Ihre Wangen färbten sich dunkelroth, ihre Augen blitzten. »Ihr müßt mir Revange geben,« fuhr sie fort, »Ihr müßt mir einen Satz halten im Würfelspiele, das auch weit unterhaltender ist, als Euer erbärmlicher _Rex_, mit dem ich nichts zu thun haben mag!«
»Ein andresmal, hochedle Jungfrau!« versetzte mit einer tiefen Verbeugung der Gascogner: »wenn wir uns einmal wieder treffen in der Welt!«
Bei diesen Worten nahm er =La Paix= unter den Arm und zog ihn nach einem anderen Theile des Schiffes.
»Das vergesse ich dir nicht, =Le Vaillant=!« sagte dieser, indem er dem Freunde herzlich die Hand drückte. »Du hast nun viel zu gut bei mir: einige Grobheiten und einen unbezahlbaren Freundschaftsdienst.«
=Juliane= aber sah den zwei jungen Männern mit boshaften Blicken nach. Sie bedachte sich ein Wenig. Dann wurde ihre Miene wieder heiter und lachend und singend hüpfte sie nach dem Vater zum Steuerruder hin. Sie sprach mit diesem eifrig und bedeutungsvoll, das eine Auge des Alten richtete sich oft nach den Studenten, er lächelte hämisch und gab der Tochter eine kurze Antwort, die diese jedoch ganz zufrieden zu stellen schien.
Noch immer schwebte der Kutter in den Gewässern des =Biesbosches=. Bald aber mußten sie ins Offene kommen und die =Syrene=, die unmöglich einen großen Vorsprung haben konnte, mußte sich ihnen zeigen. Da rollte es mit einemmale, wie Kanonendonner über die Wellen heran, die durch einen Wind, der sich erhoben hatte, bewegt wurden, da folgten dem ersten Schuße in geringer Entfernung mehrere andere, ein dunkler Rauch stieg hinter einer Insel, dem Kutter zur Rechten, auf, der Himmel hatte sich verdunkelt und eine schwarze Wolke hing drohend herab.
»Alle Segel auf!« befahl des Capitäns Stimme. »Das ist ein Tanz zwischen Geusen und Spaniern oder Franzosen. Wir müssen auch dabei seyn. Frisch, ihr Jungen! Das kann gute Beute geben, wenn wir noch bei Zeiten anlangen!«
Schreiend flog =Juliane=, die nur Muth hinter'm Würfelbecher besaß, in die Cajüte hinab. In wenigen Minuten hatte sich eine stolze Wucht von Segeln über dem Kutter entfaltet. Er schoß wie ein Pfeil über die Wogen hin. Schuß folgte jetzt auf Schuß, das Gefecht konnte keine halbe Meile entfernt seyn.
»_Morgué._« sagte =Le Vaillant= zu =La Paix=, indem er seinen Degen in der Scheide lüpfte. »Es wird etwas Warmes setzen! Sind es Spanier, so mache ich gemeinschaftliche Sache mit dem =lustigen Freier von Rotterdam=; sind es aber Landsleute, so falle ich ihm in den Rücken.«
Man kam dem Orte des Gefechtes immer näher. Jetzt schwieg das Feuer des groben Geschützes, aber deutlich wurden die Schüße der Hakenbüchsen, das Geschrei der Kämpfenden vernommen.
»Leewärts!« commandirte =Jonas= nach dem Steuermanne hin. Die Bewegung wurde vollzogen, das Fahrzeug schoß nur noch einige Schiffslängen weit vor sich hin, die Spitze der Insel war erreicht, der überraschten Mannschaft des Kutters zeigte sich die spanische Schebecke in Flammen und =Jansen's= wohlbekannte Barke, die in einer Stellung, welche sie als Siegerin verkündete, dem brennenden Fahrzeug gegenüber hielt.
»Victoria!« jubelten Alle und die zwei lebhaften Jünglinge von =Leyden= konnten sich nicht enthalten miteinzustimmen.
Da erblickte =Le Vaillant=, der ein sehr scharfes Auge besaß und mit großer Aufmerksamkeit das ihm neue Schauspiel betrachtete, durch den heranziehenden Rauch hindurch einen kleinen Nachen, der gerade auf den Kutter zuruderte. Er kam näher. Er schwankte hin und her auf den Wellen, er schien beschädigt und dem Untersinken nahe. Der Gascogner unterschied fünf Menschen in dem kleinen Fahrzeuge, von denen zwei emsig die Ruder bearbeiteten, die andern drei ebenso eifrig den Nachen von dem Wasser zu entleeren suchten, das durch alle Fugen eindrang.
»_Sandis!_« rief er dem Capitän zu, indem er ihn auf die Gefahr der Menschen im Nachen aufmerksam machte. »=Die= gehen unter, wenn ihnen nicht bald geholfen wird.«
Der Kutter war dem Nachen jetzt so nahe, daß man die herbeirudernden Leute erkennen konnte. Einer von ihnen schwang ein weißes Tuch nach dem =lustigen Freier von Rotterdam= hin.
»Ich will mit dem Spagnol in die Luft fahren,« brach =Jonas= in wilder Heftigkeit aus, »wenn das nicht =Herrmanneke= von =Jansens= Barke ist und neben ihm -- wahrhaftig -- das ist mein alter Freund, Heer =Cornelius van Daalen=, des dicksten Mannes Sohn in =Rotterdam=! Wie kommt der Landläufer in das Seehundsgebiet, was hat er zu fischen im =Biesbosch=?«
Die Jölle lag am Kutter, aber sie war auch im Begriff unterzugehen. Taue und Leitern flogen nach den befreundeten Männern herab. Sie kletterten an Bord, während ihr Fahrzeug versank. Die Gesichter von Pulverdampf geschwärzt, die Kleider halb verbrannt, von Wasser triefend, standen sie, munter um sich blickend, vor dem staunenden Capitän des Kutters. Auch =Le Vaillant= und =La Paix= hatten sich herbeigedrängt. Mit Blicken der Neugierde sahen sie auf =Cornelius=, der sich durch seinen Anstand und seine Kleidung vor den übrigen auszeichnete. Sie erblickten ihren Feind in ihm, den Gegner, dem sie eine kostbare Beute abnehmen wollten; aber sie konnten zugleich nicht umhin, seine kriegerische Haltung, den Muth, den er eben bei einem wahrscheinlich sehr gefährlichen Unternehmen bewiesen, zu bewundern.
=Herrmanneke= war der erste an Bord Gekommene, welcher die Stille unterbrach.
»Gebt mir ein Glas Brandwein!« sagte er. »Wir haben es wohl verdient. Aber dem Heern =Cornelius= gebt zwei, denn er hat mehr gethan, als wir andern alle.«
Er erhielt was er verlangte. Zu =Cornelius= war schon Capitän =Jonas= getreten. Er wollte eben sprechen, da flog die Schebecke in die Luft, und in starrem Verstummen stand Alles auf dem Kutter. Das Wasser wogte ungestüm. Aus der verdunkelten Luft flogen einzelne Trümmer der zerschmetterten =Schebecke= herab. Den zwei Studenten von =Leyden=, die dergleichen noch nie gesehen, trat das Blut zum Herzen.
»Das haben =wir= gethan!« hob mit stolzem Selbstbewußtseyn der Bootsmann der =Syrene= an. »Oder,« setzte er verdrießlich hinzu, »Junker =Cornelius= hat eigentlich dem Don den rothen Hahn aufgesteckt und wir haben nur die Jölle unter seinem Spiegel gehalten, damit der verwegenste Streich, der je in diesen Gewässern erlebt worden, ausgeführt werden konnte!«