Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil
Part 14
»Meinetwegen!« versetzte =Jansen=. »Ich bin ein schlechter Reiter und wenn ich den Hals breche, hast du es auf dem Gewissen. Aber ich habe dir versprochen, dich nicht allein in der tollen Geschichte stecken zu lassen und mein Wort halte ich. Du,« rief er, schon im Fortgehen, nach =Peter Trip= hin, der sich bereits mit dem Gedanken schmeichelte, von seinem gestrengen Gebieter vergessen worden zu seyn, »du trollst dich im Augenblicke auf die =Syrene= und wenn du sie eher verlässest, als ich wiederkomme, so soll dir des Bootsmanns Ruderstange um den Kopf wirbeln, daß du deine Dukaten für Kopfstücke ansiehest und dir die Wachholderlust auf lange hin vergeht!«
Die beiden Freunde schritten eilig der nicht weit entlegenen Wohnung des Herrn =van Daalen= zu. =Peter Trip= schlug taumelnd den Weg nach der Gegend des Havens ein, wo die =Syrene= vor Anker zu liegen pflegte.
10.
»_Obiit!_ Er hat vollendet! Kein Odemzug mehr, kein Herzschlag!« sagte der Professor =Eobanus Hazenbrook= und bemühete sich, eine Thräne aus dem trockenen Auge zu pressen. Er stand in seinem kleinen Schlafzimmer an dem Lager, auf dem, seit der am frühen Morgen erfolgten Ankunft in =Leyden=, Herr =Tobias van Vlieten= in fortdauernder Bewußtlosigkeit geruhet hatte. Vergebens hatte der Professor dem Leidenden stärkende Tropfen eingeflößt, vergebens alle Mittel erschöpft, die, jedem äußeren Merkmale nach, gänzlich erschlafften Lebenskräfte zu heben. Das Aechzen des Kranken war von Stunde zu Stunde schwächer geworden, jetzt hatte es ganz aufgehört.
»Das ist das Werk des Doctor =Mauritius=!« sprach =Hazenbrook=, sich selbst über den Gewissenszweifel beruhigen wollend, daß die nächtliche Reise den Tod des Patienten veranlaßt oder beschleunigt habe. »Rindfleisch und Rheinwein! Es heißt eine Feuersbrunst mit Pech und Schwefel löschen, wenn man solche Dinge in ein schon erhitztes und erregtes Blut wirft. Da liegt er nun starr und todt -- geschlachtet von dem verrückten Leichendoctor! Aber ich will aus ihm selbst ihm ein Mausoleum bereiten, zu dem die staunende Nachwelt wallfahrten soll, wie zu einem wunderthätigen Heiligenbilde. Jetzt erst ist er mein. _Habeo Themistoclem!_«
Er schwieg und sah mit einem milden Lächeln in das Antlitz und die noch offenen Augen des Liegenden.
»Freilich,« hob er nach einer ziemlichen Pause wieder an, »könnte es Ignoranten geben, die da meinen möchten, diese Augen seyen noch nicht eigentlich gebrochen und das leise Zucken in den Wimpern verrathe eine Lebensspur. Aber haben sie die Natur in ihre geheimsten Gänge verfolgt, wie der Professor =Eobanus Hazenbrook=? Die erstarrende Ader zuckt noch, allein es ist nicht das Leben, das sie bewegt. So zappeln auch noch die Glieder der todten Schlange, der man den Kopf abgeschnitten, das Bein, das man der Spinne abgerissen hat. Es sind die letzten Regungen des zurückgebliebenen Leibes, an denen die geschiedene Seele keinen Theil hat. Meinen Scharfblick täuscht nichts, meine Erfahrung hat sich in tausend Fällen bewährt!«
Was man wünscht, das glaubt man gern. So ging es auch dem Professor. Nichts schien mehr der Erfüllung seines heißesten Wunsches entgegenzustehen. Den =Tobias= hatte er nur geliebt in der Hoffnung auf seinen Tod: was Wunder, daß er sich jetzt dem freudigen Glauben hingab, diese Hoffnung sey nun in Wirklichkeit übergegangen? Aber sein in Freude überschwellendes Gefühl war es eben, was diesesmal seinen Verstand betrog und seinen ärztlichen Blick trübte. Herr =van Vlieten= war keineswegs todt, wie =Hazenbrook= mit Sicherheit wähnte. Im Gegentheile bereitete gerade jetzt eine Crisis im Innern die schleunige fast wunderbare Genesung des Kranken vor. Er lag im Starrkrampfe. Er hatte Alles gesehen, Alles gehört, was mit ihm vorgegangen war. Er sah noch in diesem Augenblicke den Professor mit dem schmunzelnden Einbalsamirungslächeln auf dem Gesichte, er vernahm aus seinem Munde die Erklärung, daß er -- der Lebende nun gestorben sey und sich demnächst selbst, als irgend ein egyptischer Mumienkönig, zum verewigten Denkmale gesetzt werden solle. Entsetzliche Lage! Er wollte schreien, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt, die Zunge versagte ihm jeden Dienst. Er wollte sich bewegen, wüthend um sich schlagen; seine Glieder waren starr, unvermögend zu der geringsten Thätigkeit. Und immer stand der Professor vor ihm mit dem gräßlichen Lächeln, mit dem Ausdrucke innigen Wohlgefallens an der vermeinten Leiche!
Wie ward ihm aber gar, als nun =Hazenbrook= seinen vertrauten Diener rief und mit dessen Hülfe ihn eine breite Treppe hinauf in einen hochgewölbten Saal trug, wo ihn allenthalben schauerliche Sinnbilder des Todes angrins'ten! Es war das anatomische Theater. Der Professor genoß einer freien Wohnung im Universitätsgebäude und hielt es für das Rathsamste, sein Einbalsamirungsgeschäft im Zergliederungssaale, der während der Ferienzeit ihm vollkommene Verborgenheit gewährte, zu beginnen. Der starre Körper des Herrn =Tobias= war von den beiden Männern auf eine große Tafel niedergelegt worden. Jetzt sah er freilich nichts mehr von den Gerippen, die in einzelnen Nischen des Saales aufgestellt waren, von den Zergliederungs- und Amputations-Apparaten an den Wänden, die er für Marterwerkzeuge gehalten hatte. Sein starrer Blick haftete an der gewölbten Decke. Durch die Fenster in dieser schien der Mond, schimmerten die Sterne herab. Da dachte er: ich sehe noch den Himmel und seine schönen Lichter und bin dennoch gestorben, ich kann noch denken und mich sehnen nach meinem lieben Kinde, das ich durch allzu große Strenge von mir getrieben, und sie heißen mich doch schon den seligen =Tobias=! Die Wehmuth trat ihm an's Herz. Es war ihm, als müsse er weinen, wie ein Kind, aber auch die Thränen hielt der Krampf gefesselt.
Indessen durchschritt der Professor seelenvergnügt den Schauplatz seiner Heldenthaten. Er hatte den Diener fortgeschickt. Seine Blicke ruheten bald behaglich auf irgend einem wohlgelungenen Präparat, bald auf einem seltsamen Monstrum, deren mehrere gut erhalten und ausgestopft in dem Gemache standen; immer aber kehrten sie doch mit dem Ausdrucke einer vollkommenen Zufriedenheit, eines Wohlwollens, das mit jedem Augenblicke stieg, nach dem großen Secirungstische zurück, auf dem Herr =van Vlieten= die Sternlein und den lieben Mond beäugelte. Mitternacht war nahe. =Hazenbrook= ahnete nicht, daß der Glockenschlag dieser verhängnißvollen Stunde ihn mit einemmale von dem Gipfel seiner Freude, aus dem Paradiesgarten seiner, wie er wähnte, erfüllten Hoffnungen schleudern würde. --
An einem der Stadtthore von =Leyden= fand während dieser Zeit eine Scene statt, die mit den bedeutendsten Verhältnissen unserer Geschichte in einer zu innigen Beziehung steht, als daß wir ihrer nur leichthin gedenken dürften. Ein bedeckter und verschlossener Wagen fuhr langsam über die Zugbrücke und durch das geöffnete Thor. Die zwei Pferde, welche ihn zogen, schienen sehr ermüdet und mußten sowohl durch die Peitschenschläge ihres Führers, wie durch die ermunternden Zureden eines nebenreitenden Begleiters bewogen werden, ihren matten Schritt fortzusetzen. Ein anderer Begleiter hielt indessen bei der Thorwache, um deren pflichtmäßige Erkundigungen zu beantworten und ohne daß er zwei hinter ihm haltender Reiter, die im scharfen Trabe nachgekommen waren, sonderlich geachtet hätte. Er schien sehr eilig und verdrießlich über den nothgedrungenen Aufenthalt.
»Zum Professor =Hazenbrook=! _Cadédis!_ Wie oft soll ich es wiederholen!« rief er ungeduldig nach der Wache hin, indem er dem langsam fortkriechenden Fuhrwerke folgte.
»Bramsegel und Backbord!« flüsterte einer der beiden später anlangenden Reiter seinem Gefährten zu. »Wir segeln mit gutem Winde. Dieser _Cadédis_ ist einer von den zwei Spitzbuben, die ich dir auf der Syrene nachgeführt, und ich will nie wieder einen Anker auswerfen oder ein Segel hißen lassen, wenn in dem neumodischen Kasten, den sie eine Kutsche nennen, nicht Jungfer =Clötje= und =Herrmanneke's= Braut, die holdselige =Philippintje=, sitzen!«
»Bei dem Ruhme Oraniens! Ich glaube es selbst;« erwiederte =Cornelius=, der mit seinem Freunde den sechsstündigen Weg von =Rotterdam= nach =Leyden= in Sturmeseile zurückgelegt hatte. »Wir müssen die Spur verfolgen. Hier werden sich alle Räthsel lösen, hier werde ich endlich meinen seltsamen Feind, den Professor =Hazenbrook=, von Angesicht zu Angesicht kennen lernen.«
Er sprang vom Pferde; =Jansen= folgte seinem Beispiele. Die militärischen Abzeichen, welche =Cornelius= trug, machten jede weitere Erörterung mit der Wache überflüßig. Während sie zu Fuß die schneckenartig sich fortbewegende Kutsche erreichten, blieben die Pferde bei der Thorwache zurück. Das Herz des Junkers =van Daalen= pochte in stürmischer Unruhe! Seine Blicke hingen an dem Wagen, sie hätten die dünne Scheidewand, die ihn von der wahrscheinlich wiedergefundenen Geliebten trennte, durchbohren mögen. Die Schritte der beiden Freunde waren leise, jetzt waren sie dem Wagen ganz nahe, jetzt schwangen sie sich von einem gemeinsamen Gedanken ergriffen im nämlichen Augenblick auf das breite Hinterbrett der schwerfälligen Kutsche, das zum Tragen der Reisekisten bestimmt war. Niemand hatte sie bemerkt. Die Begleiter des Wagens ritten langsam vor diesem her und ahneten nicht, was sich hinter ihrem Rücken begab. =Jansen= lachte mit unterdrücktem Kichern in sich hinein, während =Cornelius= lauschte, ob er nicht etwa =Cleliens= theuere Stimme im Inneren des Wagens vernehmen könne. Seine Mühe war eitel; das Rasseln der Kutsche auf dem Steinpflaster verschlang jeden anderen Ton.
Durch viele Straßen waren sie schon gekommen und das Licht des Mondes hätte die beiden Freunde leicht verrathen können, wenn es einem von den Reitern eingefallen wäre, zurückzubleiben und die Lage der Dinge zu untersuchen. Aber sie waren ihrem Ziele zu nahe, um noch irgend eine Gefahr zu befürchten. Sie plauderten sorglos von der Ueberraschung des Professors, der einen solchen Besuch um Mitternacht gewiß nicht erwarten würde.
Endlich hielt die Kutsche vor einem großen steinernen Gebäude. Einer der Reitenden stieg ab und öffnete mit einem Schlüssel, den er bei sich führte. Mit einem dumpfen Getöse fuhr der Wagen in ein dunkeles Gewölbe. Das Thor schloß sich hinter ihm.
»Wir sind gefangen!« flüsterte =Jansen= nach =Cornelius= hin.
»Wir haben Waffen;« entgegnete leise dieser.
»Ich muß doch den Alten erst vorbereiten;« sagte in vernehmlichem Tone jetzt derjenige der zwei Begleiter, der bereits den Boden betreten hatte. =Cornelius= erkannte ihn an der Stimme. Es war der junge Mann, der damals in dem ländlichen Gehöfe zu den saumseligen Maasregeln gerathen, welche des Junkers Flucht mit den beiden Frauen begünstigten. »Er arbeitet noch oben im Saale, denn es ist Licht dort,« sprach er weiter. »Führe du indessen die Pferde zum Stalle, =Le Vaillant=! Der Wagen bleibt bis zu meiner Rückkehr ruhig an Ort und Stelle.«
Alles geschah nach der Angabe des Fortschreitenden. Er schien ermüdet. Seine langsamen Schritte dröhnten im Wiederhalle von der steinernen Treppe herab, die er hinaufging. Ringsum herrschte völlige Dunkelheit. =Cornelius= und =Jansen= schlichen vor zum Kutschenschlage. Der Führer des Wagens war auf seinem Sitze fest eingeschlafen. =Jansen= bewachte ihn; der zurückgebliebene Begleiter hatte die Pferde nach dem Hintergrunde eines geräumig scheinenden Hofes geführt.
»=Clelia!=« sprach leise, aber im Tone der innigsten Liebe, der Hoffnung und Furcht, =Cornelius= durch die Ritze der Ledervorhänge in das Innere der Kutsche.
»=Cornelius!=« antwortete eine Stimme, deren Ton ihn mit Entzücken erfüllte.
Im nächsten Augenblicke war der Schlag geöffnet. =Clelia= sank zitternd an die Brust ihres Freundes. Laute unmelodische Odemzüge verriethen die Anwesenheit =Philippintje's=, aber auch zugleich, daß sie sich in demselben Zustande befand, wie der Rosselenker auf dem Bocke.
»Hinauf, hinan!« sagte hastig =Jansen=, indem er den frei gebliebenen Arm =Cleliens= ergriff. »Immer den Schritten des Schelmen nach, die uns den Weg weisen sollen. Wir müssen dem Feind auf den Leib rücken, wir müssen an sein Bord. Ich ahne, daß wir oben eine Person finden, der unsere Gegenwart leicht noch erwünschter kommen dürfte, als der Jungfrau =Clötje=.«
Während der furchtlose Seemann sich hastig an dem Geländer der in das obere Stock führenden Treppe fortgriff, suchte =Cornelius= mit dem Freunde gleichen Schritt zu halten. =Clelia= schwebte, von den kräftigen Armen der zwei eilenden Männer unterstützt, mehr durch den dunkelen Raum aufwärts, als daß sie sich ihrer Füße zu bedienen brauchte. Man erreichte einen ebenen Boden. Ganz nahe war man jetzt den hallenden Tritten des Vorangegangenen.
=Clelia= und ihre Begleiter blieben stehen. Sie hielten den Odem an, sie lauschten. Auch derjenige, dem sie gefolgt waren, hatte seine Schritte gehemmt. Er klopfte jetzt an eine Thüre, er nannte seinen Namen: =La Paix=. =Jansen= drängte =Clelien= und seinen Freund vor, dem Sprechenden so nahe, daß sie das Rauschen seines Mantels an der Wand vernehmen konnten.
Da öffnete sich die Thüre, ein Lichtglanz strömte heraus, ein schwarz gekleideter Mann erschien in ihr und breitete die Arme dem Eintretenden entgegen, mit den Worten:
»_Salve_, Musenkindlein! Du kommst zur guten Stunde: _habeo Themistoclem_!«
Aber im nämlichen Augenblicke drang auch =Jansen= mit =Cornelius= und =Clelien= dem betroffenen Studenten nach in den hellen Saal, im nämlichen Augenblicke hob der Hammer der Glocke des Universitätsgebäudes, die sich gerade über dem anatomischen Theater befand, aus zum ersten Schlage der Mitternachtsstunde, er dröhnte schwirrend über den Häuptern der seltsam Versammelten hin, das Glockenspiel in der Uhr fing an das damals eben neu aufgekommene Lied: =Prinz Eugenius, der edle Ritter=, zu spielen und -- siehe! der Starrkrampf des Herrn =van Vlieten= war gelöst, die schlummernde Lebenskraft schien nur einer solchen Anregung von Außen geharrt zu haben, um, nach der glücklich vollendeten Crisis, wieder frei und frisch in die Wirklichkeit zu treten. Noch wandte der Professor, den fremden Besuch anstaunend, ihm den Rücken. Als aber =Hazenbrook= sich umkehrte, als die Uebrigen ihm auf dem Fuße in das Gemach folgten, da stand schon Herr =Tobias= mitten im Saale, umwallt von dem weiten Pelze, der durch seines Herrn Sprung von der Tafel in eine flatternde Bewegung gerathen war.
=Hazenbrook= verlor die Sprache und sank in einen Sessel, die beiden Freunde betrachteten mit Befremdung die wunderliche Umgebung, die Skelette und Mißgeburten, die ausgestopften Thiere und seltsamen Werkzeuge an den Wänden, deren Bedeutung ihnen unbekannt war. Nur =Clelia= hatte für nichts anderes Augen, als den schwer gekränkten, schwer beleidigten Vater. Sie ahnete nicht das Spiel des Zufalls, das sie hier mit ihm zusammenführte, sie wußte ja nicht anders, als daß sie auf seinen Befehl hierher gebracht worden sey, sie mußte glauben, daß er sie absichtlich hier erwarte. Sie warf sich ihm zu Füßen, ihre Thränen flossen und mit bebender, flehender Stimme sagte sie:
»O verzeihet mir, mein Vater, daß ich mich so arg an Euch versündigt! Ihr habt großes Recht mir zu zürnen, mich zu strafen, so hart Ihr wollt, aber schenkt mir dann auch Euere Vergebung, schenkt mir Euere Liebe wieder!«
Ein Ausdruck von Milde zeigte sich in dem Antlitze des Herrn =van Vlieten=, als er auf die Tochter niedersah. Dann fuhren seine Blicke wild im Kreise umher. Sie trafen auf =Hazenbrook=. Er schauderte zurück, als habe er einen Basilisken erblickt.
»Ich verzeihe dir,« stieß er hastig heraus, »ich verzeihe dem =Cornelius=, ich verzeihe Allen, aber =dem= verzeihe ich nicht, dem schändlichen Menschenräuber, dem satanischen Mumien-Professor! Fort von hier im Augenblicke! Die Luft hier ist vergiftet und die Gerippe starren mich an, als wollten sie mich begrüßen als ihren guten Freund und Gevattersmann. Ich ersticke hier! Ich muß ins Freie, in ein anderes Haus.«
Er schritt mit einer Eile und Festigkeit nach der Thüre, die augenscheinlich die völlige Rückkehr seiner Kräfte erwiesen. =Jansen= riß ein Licht an sich und eilte voraus. Von =Cornelius= geführt folgte =Clelia= dem versöhnten Vater. So leicht hatte sie nicht gehofft, seine Verzeihung zu erhalten, so bald hatte sie noch weniger geahnt, ihn dem jungen Manne, dem ihre Liebe gehörte, geneigt zu sehen. Wie ein schöner Traum dünkte sie Alles. Sie sah wohl ein, daß in dessen Hintergrunde ein Räthsel stehe, welchem sie die günstige Wendung ihres Schicksals verdanke, aber sie vermochte es nicht zu erklären und gab sich auch lieber der Wirklichkeit hin, die sie klar und freundlich ansprach.
=La Paix= sandte den Forteilenden einen staunenden und fragenden Blick nach, der deutlich sagte, daß er von Allem, was eben unter seinen Augen vorgegangen war, nichts begreife. Er konnte ihre Entfernung nicht verhindern, wenn er auch gewollt hätte. Der Zustand des Professors erheischte seine ganze Sorgfalt.
Jungfrau =Philippintje= hatte indessen im Innern der haltenden Kutsche ihr Schläfchen fortgesetzt. Sie erwachte erst von dem Schein der Kerze, mit der =Jansen= in den Wagen leuchtete. Ihr Blick fiel auf Herrn =van Vlieten=. Sie sah den strengen Brodherrn im wohlbekannten Schlafpelze, sie glaubte sich in der heimathlichen Wohnung zu =Rotterdam=, sie schrie laut auf und wollte sich aus dem Wagen stürzen.
»Ruhig!« gebot der Capitän und schob sie unsanft in die Kutsche zurück. Verstummend schmiegte sie sich in einen Winkel. Sie sah, wie Herr =Tobias= einstieg, ein Zittern ergriff sie, als sie die Nähe des Gebieters, der dicht neben ihr Platz nahm, fühlte. =Clelia= folgte dem Vater. Der milde Strahl des Friedens, der aus ihrem Auge und Antlitze leuchtete, drang tröstlich in =Philippintje's= Herz.
Während =Jansen= den schweren Riegel am Thore zurückschob und dieses öffnete, hatte =Cornelius= den noch immer schlafenden Kutscher erweckt und ihm in einem Tone, der keinen Widerspruch zuließ, angedeutet, den Wagen augenblicklich umzuwenden und nach dem besten Gasthause zu fahren. Der Mann war noch schlaftrunken. Er glaubte einen seiner bisherigen Herrn vor sich zu sehen und gehorchte ohne Umstände.
»_Cadédis!_ Was hat das zu bedeuten?« rief =Le Vaillant=, als er von seinem Geschäfte, das ihn in den Hintergebäuden des Hofes gehalten hatte, zurückkehrte und beim Lichte der von =Jansen= am Boden zurückgelassenen Kerze den Thorweg offen, den Wagen verschwunden sah. Er stürmte die Treppe hinauf. Er hoffte oben bei =La Paix= und dem Professor Aufschluß zu erhalten. Als er aber den Saal betrat, herrschte hier eine Stille, wie im Grabe. Er fand =Hazenbrook= bleich und kraftlos in den Armen seines Freundes =La Paix=.
* * * * *
Die schönen Hoffnungen, welche den Liebenden diese Mitternachtsstunde gebracht hatte, wurden erfüllt. In der Frühe des nächsten Tages langte auch Herr =Jan van Daalen= mit gerichtlichen Vollmachten an, die nun überflüßig geworden waren. =Cleliens= Vater erwachte erst am Abend aus einem tiefen und stärkenden Schlafe. Es bedurfte nur weniger Hin- und Herrede zwischen den beiden alten Herrn, um den bisherigen dicksten Mann von =Rotterdam= zu überzeugen, daß er, nach dem erlittenen Brandschaden, den Ruhm jenes Vorzuges mit Herrn =van Daalen= theilen müsse. Dieser Ueberzeugung folgte die Einwilligung des Herrn =Tobias= in das Glück der beiden Kinder. Alles kam nun zur Erklärung: die Leidensgeschichte =van Vlietens=, die Doppel-Entführung =Cleliens= und =Philippintje's=, die Zartheit und Ehrfurcht, mit welcher sie von den Studenten behandelt worden waren!
»Der fatale =Schiwa=! Er ist an allem Unglücke schuld;« seufzte =Tobias=.
»Gesegnet sey der =Schiwa=!« flüsterte, die blinzelnden Augen auf =Clelien= richtend, Herr =van Daalen= für sich hin.
Um jedem übelen Leumunde auszuweichen, wurde beschlossen, die Hochzeit ganz in der Stille hier in =Leyden= zu feiern. Alles sollte so schnell, als möglich abgemacht werden und bis dahin die ganze Gesellschaft, wie sie sich zusammen befand, ruhig an Ort und Stelle bleiben. Schon acht Tage später erschien für =Clelien= und =Cornelius= der glücklichste Tag ihres Lebens. Frau =Beckje= war zugegen und half ihn feiern; =Herrmanneke=, der Bootsmann, aber hatte die Einladung, die =Philippintje= heimlich an ihn ergehen lassen, ausgeschlagen, indem er sich entschuldigt: bei den vornehmen Leuten dürfe er keinen Tabak rauchen und seine Pfeife sey ihm lieber, als eine Hochzeit nebst Frau und Kindern. Von diesem Augenblicke an schwor die Hausjungfer, den Treulosen ganz und gar zu vergessen und der reichen Belohnung, die sie von =Cornelius= zu erwarten hatte, sich allein, im friedlichen Jungfrauenstande, zu erfreuen.
=Hazenbrook= erlebte diesen Tag nicht. Ein Schlagfluß hatte ihn in jener mitternächtlichen Stunde getroffen. Er starb wenige Tage darauf, in den Armen seiner Schüler, an den Folgen seiner vereitelten Hoffnungen.
=Le Vaillant= und =La Paix= vollendeten ihre Studien und kehrten in ihr Vaterland zurück. Der Zufall wollte, daß sie, als sie kaum die Grenze hinter sich hatten, unter einer Gauklerbande die schöne =Juliane=, die sie einst auf dem =lustigen Freier von Rotterdam= gekannt, wiederfanden. Das Schiff ihres Vaters war von einem französischen Fahrzeuge genommen worden, Capitän =Jonas= an den im Gefechte erhaltenen Wunden gestorben. Sie wurde als eine gute Beute mit nach Frankreich geführt und widmete sich bald einer Lebensart, die mit ihren Neigungen vollkommen übereinstimmte.
Uebrigens blieben die Abentheuer des Herrn =van Vlieten= und die Gefahr, welche er gelaufen hatte, bei lebendigem Leibe einbalsamirt zu werden, nicht verschwiegen. Bis an sein Lebensende behielt er den Beinamen der =Mumie von Rotterdam=.
In demselben Verlage sind folgende empfehlenswerthe Bücher erschienen:
Bilder aus England.
Von Adrian.
Zwei Theile mit 6 Kupfern. Geheftet Thlr. 3. 12 ggr. oder fl. 6.
Die =Hallische=, =Jenaische= und =Leipziger Literatur-Zeitungen=, das =Berliner Conversationsblatt=, die =Blätter für literarische Unterhaltung=, =Hesperus= u. A. haben sich über dieses Werk auf das Vortheilhafteste ausgesprochen. Das ausgezeichnete Darsteller-Talent, die leichte, lebendige Schilderungsgabe des Verfassers, der reizende Wechsel der Gegenstände, das Interesse, das den Leser vom Anfang bis zum Ende fesselt, und der elegante Styl sowie die Wahl der Gegenstände, die treue, stets aus dem Leben gegriffene Darstellung des anziehenden Landes, in welches uns der Verfasser einführt, in welchem er uns heimisch macht, die liebenswürdigen und wunderlichen Charaktere, mit welchen er verkehrt und die er so treffend schildert, -- alles das sind Vorzüge, welche die eben so unterhaltenden, als lehrreichen =Bilder aus England= auszeichnen und ihnen in gebildeten Kreisen einen so großen Beifall gewonnen haben.
=Inhalt des ersten Theils=: 1) Calais. 2) Das Dampfboot. 3) Dover. 4) Reise nach London. 5) Ankunft in London. 6) Wohnungen. 7) Der Morgen. 8) Der Abend. 9) Die Nacht. 10) London im Frühling und im Herbste. 11) Die Kaufläden. 12) Die Londnerinnen. 13) Spaziergang in London. 14) Vauxhall. 15) Das Gesinde. 16) Die Matrosen. 17) Franzosen und Engländer. 18) Die öffentlichen Wagen. 19) Szenen vor Gericht. 20) Nachtszenen in den Straßen von London. 21) Das Spätjahr. 22) Die Westminster Abtei. 23) Die Theater. 24) Die Londner Brücke.
=Inhalt des zweiten Theils=: 1) Der St. Valentins-Tag. 2) Der erste Mai. 3) Ein Sonntag in England. 4) Ein Nachmittag zu Hampton Court. 5) Der Greis in Dulwich College. 6) Der Alterthümler. 7) Thomas Marshal, Esq. 8) Ausflug nach Norfolk. 9) Herr North. 10) Die Dichterhalle. 11) Der geheimnißvolle Wagen. 12) Die Kunst in London. 13) Das Tunnel. 14) Ueberfahrt nach Boulogne. =Anhang=: I. Vauxhall-Gesänge. II. Valentines.
In ganz ähnlichem Geiste verfaßt, und die Resultate einer neuen Reise des Herrn Professor =Adrian= nach England, sind die unter der Presse befindlichen
Skizzen aus England,
von Adrian,