Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil
Part 13
»Feuer! Feuer!« wollte der Professor schreien, aber das Wort erstarb ihm auf der Zunge. Er stand bewegungslos, stumm und starr, als schon das Getöse in den Straßen sich wild heranwälzte zu der Brandstätte, als die Melodieen der Glockenspiele in schaueriges Sturmgeläute übergegangen waren, als zahllose Menschen nach den Hintergebäuden des =van Vlietenschen= Hauses strömten, wo das Feuer ausgebrochen war. Die rothe Gluth am nächtlichen Himmel wirkte auf ihn, wie der Blick der Klapperschlange auf Thiere, die sie sich zum Opfer erkoren hat. Er konnte seine Augen nicht abwenden von den aufzischenden Flammen, er war nicht Herr seiner Bewegungen, seiner Sprache, er stand wie gebannt, obgleich ihm ein dunkeles Gefühl sagte: du mußt hinüber, aus diesem Brande kann dein Glück, wie der Phönix aus der Asche, erstehen, du mußt handeln und retten, du rettest dein besseres Selbst, du gewinnst der wissenschaftlichen Idee, für die du kämpfest und ringest, endlich ein Leben! --
=Schiwa's= Rache lag schrecklich auf den Gewölben und Speichern des Handelsherrn. Er war es, der noch im Untergange einen Triumph feierte, der im Sterben das befreundete Element, das so manches ihm einst dargebrachte Opfer verherrlichte, das nun zu seiner Vernichtung gebraucht wurde, aufgerufen hatte, seine Rache zu übernehmen. Noch einmal erschien seine alte Macht. Sie strebte in Gluthen zum Himmel und schien gegen diesen zu wüthen, daß er nicht hier die Tempel des Götzen dulde, wie in dem schöneren Hindostan. Darum also hatte man ihn gehegt und gepflegt viele Jahre hindurch im Prunkzimmer des =van Vlietenschen= Hauses, um seine geheiligten Glieder unter der Axt des Hausknechtes zu brechen, um sie in schnöde, unscheinbare Asche zu verwandeln, die vom Winde verwehet würde? Zündet nur! Brennt nur! In knisternden Funken flog der tückische Geist des Götzen empor in das Sparrwerk des weiten Waarenhauses, in dessen Nähe man ihm den Untergang in den Flammen bereitete, er nistete sich dort still ein und erst als die Nacht gekommen war, als der Friede sich in Sternenglanz und Himmelsdunkel zu der Erde neigte, da brach die verhaltene Wuth des Ergrimmten los und warf sich zerstörend auf die Schätze seines Vaterlandes, die hier die Gewinnsucht aufgespeichert hatte.
Des Professors Bezauberung war noch nicht gelös't. Die Gebäude, die zu dem Hause des Herrn =Tobias= gehörten, besaßen einen ansehnlichen Umfang, sie nahmen fast ein ganzes Stadtviertel ein. Der Brand wüthete jenseits, noch war es in der Straße, nach welcher die Vorderseite des Wohnhauses ging, still geblieben. Als aber auch hier jetzt mehrere Leute heranstürmten, die verschlossene Thüre gewaltsam erbrachen und in das Innere drangen, fühlte =Hazenbrook= plötzlich seine Besinnung und seine Kraft zurückkehren. In unruhiger Hast flog er die Treppe hinab, aus dem Hause, über die Straße, jenen Leuten nach. Er sah sie im Hintergrunde des Hausganges, nach den vom Scheine des Feuers erhellten Höfen verschwinden. Das war sein Weg nicht. Er stieg die wohlbekannte Treppe hinauf. Hier war es still und dunkel. Tastend suchte er nach der Thüre, die in das Krankenzimmer führte. Er fand lange die rechte nicht, die Eingänge, auf die er traf, waren verschlossen. Da blieb er stehen und lauschte mit zurückgehaltenem Odem. Das Geschrei der Löschenden, der Klang der Sturmglocke drang dumpf zu seinen Ohren, aber dazwischen auch ein matter Seufzer, ein Geräusch, wie es die Bemühungen eines Kraftlosen hervorbringen können, der sich liegend auf dem Boden fortzubewegen sucht. Jetzt flammete ein neuer Feuerstrahl empor und sandte seinen rothen Schein durch ein Fenster, das bisher in Dunkelheit verborgen gewesen. Der Gang war erhellt, wie am Tage. =Hazenbrook= erkannte die Umgebungen. In einem Winkel, weit von ihm ab, lag die Thüre, die er suchte. Ebenso rasch, wie der Feuerstrahl aufgeschossen war, erlosch er wieder und die alte Finsterniß trat auf's Neue ein; aber =Eobanus= kannte nun einmal die Richtung, die er zu nehmen hatte, ging eilig vorwärts und stieß die nur angelehnte Thüre, hinter der noch einmal jenes Aechzen erklang, mit einer hastigen Bewegung auf.
Welcher Anblick bot sich ihm hier in dem durch die Nachtlampe nur spärlich erleuchteten Gemach! Der Kranke war allein, man hatte ihn wahrscheinlich, da die in den entlegenen Gebäuden wüthende Feuersbrunst die Thätigkeit Aller erheischte, vergessen. Diese Ueberzeugung schien sich ihm selbst mit der Furcht, hier verlassen und hülflos zuletzt ein Opfer des weiter um sich greifenden Brandes zu werden, aufgedrängt zu haben. Das Geschrei in den Straßen hatte sein Ohr erreicht, es hatte ihm das Unglück verkündet, das sein Eigenthum, seine ost- und westindischen Vorräthe getroffen. Der erste Schreck wirkte wie ein Blitzstrahl auf ihn. Es war ihm, als sey er mit einer unzerreißbaren Kette an sein Lager gefesselt. Dann aber gab ihm der entsetzliche Gedanke, bei lebendigem Leibe zu verbrennen, der mächtige Drang nach Selbsterhaltung einige Kräfte zurück. Er versuchte aufzustehen, er ergriff die nächsten Kleidungsstücke, in die er sich mühesam hüllte, er warf den dicken pohlnischen Schlafpelz um sich. Jetzt versuchte er sich der Thüre zu nähern, allein dieser Anstrengung war seine Kraft nicht gewachsen. Er sank zu Boden, er bewegte sich kriechend noch ein Wenig vorwärts, dann konnte er nicht mehr, er wurde ohnmächtig und ein schwaches Aechzen war das einzige Lebenszeichen, das er noch von sich gab.
So fand ihn der Professor. Die wissenschaftlichen Absichten, welche dieser mit =Tobias= hatte, wichen in den ersten Augenblicken den Gefühlen der Menschlichkeit, aber ganz konnte er doch eine angenehme Empfindung darüber nicht unterdrücken, daß er Herrn =van Vlietens= Angesicht und Gestalt wo möglich noch hagerer und ausgedörrter wieder fand, als damals, da er ihn zum erstenmale am Haven erblickt. Er beugte sich zu ihm nieder, er rief ihn laut bei Namen. Keine Antwort! Nur ein brechender Blick heftete sich auf ihn. Er fühlte nach dem Herzen. Es schlug noch, aber sehr schwach; ebenso der Puls. Das Geschrei von Außen ertönte lärmender und näher. Die Glocken stürmten heftiger. Da ergriff ein großer Gedanke den Professor.
»Ich will ihn dem Leben wiedergeben oder er soll, dem =Mauritius= und sich selbst zum Trotz, doch mein seyn im Tode. _Aut Cesar, aut nihil._ Ueber den Rubicon führt nur Kühnheit.«
So rief er pathetisch und sein Entschluß war gefaßt. =Eobanus= war ein großer Mann von gewaltigem Knochenbau und besaß eine ungewöhnliche Stärke. Wie eine Feder schwang er den leichten =Tobias= auf seinen Arm, wie eine Geliebte drückte er ihn an seine Brust. Ein süßes Gefühl kam über ihn. Endlich hatte er ihn, nach dem er so lange vergebens geschmachtet, endlich ruhete er an seinem Herzen. Er glaubte schon die köstlichste Mumie zu halten, mit geheimnißvollen Hieroglyphen bedeckt, die Sphinx, die in Zukunft allen Besuchern seines Museums ein unauflösliches Räthsel, zu dem er nur allein den Schlüßel besaß, bieten würde. Dennoch stand der Vorsatz fest in ihm, kein Mittel der Kunst unversucht zu lassen, das Leben des Hülflosen zu erhalten. Ganz im Hintergrunde seiner Seele keimte auch wohl die Hoffnung, daß in diesem Falle Dankbarkeit thun würde, was er im entgegengesetzten von seiner Geistesgegenwart und Verwegenheit zu erwarten hatte. Aber nur unter der Hülle des tiefsten Geheimnisses konnte er einen, wie den anderen Plan ausführen, kein =Mauritius=, kein Freund oder Bekannter des Herrn =van Vlieten= durfte ihn nur ahnen.
Ohne noch über die Art der Ausführung seines kühnen Anschlages mit sich einig zu seyn, verließ =Hazenbrook= das Gemach. Er trug seine theuere Last sehr vorsichtig, er nahm sich in Acht, mit ihr irgendwo anzustoßen. Plötzlich war die Furcht über ihn gekommen, man könne ihn überraschen und ernstlichen Einspruch thun. Jeder Augenblick längeren Verweilens schien ihm gefährlich, er betrat eilig den dunkelen Gang. Das Dämmerlicht, das aus dem Krankenzimmer hinter ihm herleuchtete, fiel auf eine offene Thüre gerade gegenüber. Ein kühler Luftzug strömte durch diese ein. Vielleicht bot sich ihm hier ein Ausgang, abgelegen und verborgen, wo er nicht fürchten durfte, Menschen zu begegnen. In der That führte hier eine schmale Treppe abwärts, dieselbe, über welche einst =Clelia= und =Cornelius= ihre Flucht bewerkstelligt hatten. Auf gutes Glück stieg =Eobanus= hinab. Nur schwach und selten ließen sich noch die Seufzer des Kranken vernehmen, desto lauter tobte draußen die Menschenmenge und die Sturmglocke.
Odemlos stand er endlich am Fuße der Treppe. Seine Rechte griff untersuchend an der Thüre hin und her, die ihm hier den Weg versperrte. Sie war nur durch einen Riegel von Innen verschlossen. Leicht schob er diesen zurück. Die schwere Pforte wich und er sah sich unter freiem Himmel, in einer Nebenstraße, nahe bei einem Canal, der diese durchschnitt. Aber dieser tröstliche Anblick war es nicht allein, der sich ihm bot. Zu seinem Entsetzen bemerkte er dicht vor sich zwei dunkele Mannsgestalten, die, wie es ihm schien, eben bemüht gewesen, die Thüre, durch welche er trat, von Außen zu öffnen.
»Wer da?« rief er mit der ängstlichen Heftigkeit eines trotzigen Sünders, der sich auf der That ertappt sieht.
»=Peter Trip!=« war die Antwort, die ihm wie Musik klang.
»=Trip= -- du!« entgegnete freudig =Hazenbrook=. »Dich führt mein guter Genius, mein Spiritus familiaris, her. Sprich! Was schaffst du, was treibst du hier?«
»Nun,« erwiederte =Peter= mit verlegener Stimme, »mein Camerad und ich, wir stehen hier und mein Boot liegt dicht an im Canale. Wir sind da, um zu retten, Geld und Gut, Kostbarkeiten und Geräth --«
»Ich verstehe!« unterbrach ihn, den Stand der Sache überschauend, schmunzelnd =Eobanus=. »Ihr wollt in Euere Säcke retten, was hier in der entfernteren Wohnung die Flamme nicht erreichen kann. Aber ich weiß Euch einen sicherern und dabei ehrlichern Verdienst. Euer Boot ist da. Getrauet Ihr Euch wohl, mich mit dem Kranken, den ich hier in meinen Armen halte -- einen meiner jungen Leute, welcher bei Herrn =van Vlieten= Tisch und Wohnung gehabt -- unbemerkt und still zu Wasser aus der Stadt fort und dann weiter nach meinem Aufenthaltsorte =Leyden= zu schaffen? Ich habe meine Ursachen, daß Alles verborgen und heimlich betrieben wird. Zehn Dukaten für jeden, wenn wir an Ort und Stelle sind! Was sagt Ihr dazu?«
=Peter= zögerte einige Augenblicke, ehe er eine Antwort gab. Dann sagte er in bedenklichem Tone:
»Ein großes Kunststück wäre es nicht, Euch unbemerkt fort zu boogsiren! Wir haben das zu Nacht hundertmal getrieben, um das Havengeld zu sparen. Aber es ist so eine Sache -- geradeheraus, Euere Ladung kommt mir verdächtig vor.«
»Dummes Zeug!« versetzte mit erzwungenem Lachen =Hazenbrook=. Zugleich schritt er ohne Weiteres mit dem Ohnmächtigen, dem er die Nachtmütze tief in's Gesicht gezogen hatte, rasch nach dem Boote hin. Während er dieses betrat und seine Last sanft auf die Bank niederließ, rief er nach den langsam folgenden Männern zurück: »Vorwärts, Ihr Leute! Sparet Euere unnützen Bedenklichkeiten! Außer der versprochenen Belohnung erhält noch jeder freien Brandtwein auf ein ganzes Jahr.«
»Freien Brandtwein auf ein ganzes Jahr!« wiederholte =Trip= in seligem Staunen. »Topp! Wir sind die Eueren mit Leib und Seele, mögt Ihr nun ein Schelmenstück oder ein ehrliches Werk vorhaben! das habt Ihr zu verantworten.«
Sie sprangen in das Fahrzeug und ihre kräftigen Arme brachten es rasch aus der Nähe des =van Vlietenschen= Hauses. Geräuschlos zog es über die schmale Wasserfläche der Canäle, zwischen den hohen Häuserreihen hin. Bald befand er sich in einer entlegenen Gegend der Stadt, wo man nur wenig mehr von dem Feuerlärm vernahm. Der röthliche Schein am Himmel wurde schwächer. Besorgt hatte =Eobanus= den kraftlos ächzenden Kranken in seinen Pelz gehüllt. Er lauschte auf seine Odemzüge, er hatte die Rechte auf sein Herz gelegt. Ihm selbst gingen tausend verwirrte Gedanken im Kopfe herum. Zunächst aber stand der Vorsatz in ihm fest, so bald sie glücklich die Stadt verlassen haben und sich im Canale von =Leyden= befinden würden, aus dem ersten Hause ein Bett herbeizuschaffen, um die Lage des Leidenden zu verbessern. Er war noch von ängstlichen Zweifeln über das Gelingen seines Unternehmens beunruhigt. Er blickte argwöhnisch nach den beiden Ruderern. Diesen aber schien es ganz gleichgültig zu seyn, welche Ladung ihr Fahrzeug enthielt. Ihre Gedanken schwelgten schon im Vorgenusse der reizenden Zukunft, die ihnen das Versprechen =Hazenbrooks= eröffnet hatte.
9.
Gegen die Abenddämmerung des folgenden Tages standen an der Brandstätte des =van Vlietenschen= Waarenhauses drei ansehnliche Männer von verschiedenem Alter, in denen wir Herrn =Jan van Daalen=, seinen Sohn =Cornelius= und dessen Freund, den Schiffscapitän =Jansen=, wiederfinden. Ihre Blicke waren auf den mächtigen Schutthaufen gerichtet. Hier und da stand noch ein einzelnes Mauerstück, eine schwarze trauerige Ruine. Die starken Seitenwände des Gebäudes hatten der Wuth des Feuers nicht widerstehen können und waren unter ihrem Andrange zusammengestürzt. Viele Arbeiter waren beschäftigt, die zu Kohlen gebrannten, noch rauchenden Balken hinwegzuschaffen, andere gruben und suchten in dem Schutte nach Gegenständen, die vielleicht der Zufall unbeschädigt erhalten hatte. Nur dieses einzelne Waarengebäude war von den Flammen gänzlich vernichtet worden, nebst seinem kostbaren Inhalte an Gewürzen, edeln Spezereien und andern werthvollen Handelsartikeln. Das Wohnhaus stand unversehrt, ebenso waren andere, in dem Umkreise der =van Vlietenschen= Besitzungen befindliche Waarenbehälter von dem Brande verschont geblieben. Man schlug den Schaden hoch an, aber keinesweges so bedeutend, daß er dem dicksten Manne von =Rotterdam= empfindlich hätte seyn können. Aber dieser dickste Mann selbst? Was war aus ihm geworden, welch wunderbare Macht hatte ihn aus der Mitte seiner Mitbürger entrückt, ohne daß nur eine Spur von ihm geblieben wäre?
»Es ist unbegreiflich!« sagte Herr =Jan=, indem die nichtssagenden grauen Augen in den Schutt starrten und der Kopf mit der ungeheueren Lockenperücke sich zur Bekräftigung des Gesagten einige Augenblicke lang wackelnd hin- und herbewegte. Er deutete mit dem Porcellanknopfe seines spanischen Rohres nach dem im Hintergrunde sichtbaren Wohnhause und fuhr fort. »Dort war er noch gestern Abends spät, dort hat ihn der Domine nicht lange vor dem Ausbruche des Feuers verlassen und jetzt -- wie von der Erde weggeblasen, wie nie da gewesen, wie in eine erbärmliche Null, die =vor= der Eins steht, aufgelös't!«
»Nassau und Oranien!« hob mit einem verdrießlichen Gesichte =Cornelius=, der erst vor einer Stunde auf =Jansens= Barke angelangt war, an. »Das ist eine wunderliche Geschichte. Vater und Tochter fort -- spurlos verschwunden! Das Haus mit seinem Reichthume, mit dem großen Handelsgeschäfte verödet, verwais't. Das ist noch das tollste von allen tollen Ereignissen, die ich im Laufe weniger Tage erlebt habe.«
»Es ist fatal!« brummte Herr =Jan= vor sich hin. »Jetzt wäre die beste Gelegenheit, den alten Handel wegen =Clötje= und =Cornelius= richtig zu machen, denn, nachdem ihm das Waarenhaus niedergebrannt, ist Alles ausgeglichen und ich bin wenigstens ebenso dick, wie =van Vlieten=. Dumme Streiche! Will man mit dem Alten handeln, so ist er nicht auf dem Platze; will man nach der Tochter greifen, so faßt man die leere Luft.«
»Er war sehr krank und schwach?« forschte der Sohn weiter. »Es ist nicht zu denken, daß er ohne Unterstützung, ohne anderen Beistand sich entfernt habe.«
»Wer kann das wissen?« wandte der alte =van Daalen= ein. »Der Domine sagt, er habe ihn sehr elend und ermattet gefunden; der Doctor =Mauritius= behauptet, das sey nicht möglich, denn Mittags noch habe er eine gebratene Gans mit gutem Appetit allein verzehrt und eine Flasche Rheinwein dazu ausgestochen. Dem =Tobias= waren immer die Schwarzröcke ein Dorn im Auge. Ich meinerseits glaube, er hat sich in der Weinlaune nur einen Spaß mit dem Domine gemacht. Er hat ihm eine Nase gedreht mit der Mattigkeit und der Todesfurcht. Laßt uns nur das Ende erwarten! Vielleicht ist er bei der Bemühung, irgend Etwas aus dem Feuer zu retten, umgekommen und seine Gebeine werden noch unter dem Schutte gefunden.«
Indessen verfolgten die scharfen Blicke des Barkencapitäns einen Menschen, der sich taumelnd und dem Anscheine nach betrunken, zwischen dem Haufen der hier zahlreich versammelten neugierigen Bewohner von =Rotterdam= umhertrieb. Er war noch zu weit entfernt von ihm, er verlor sich zu oft hinter den einzelnen Gruppen der Zuschauer, als daß =Jansen= ihn mit Bestimmtheit hätte erkennen können. Aber eine dunkele Vermuthung fesselte seine Blicke an den Mann. Jetzt kam dieser näher, jetzt wandte er sein Angesicht, jetzt sah auch er den Capitän und war nun ängstlich bemüht, sich wieder unter der Menge zu verbergen. =Jansen= hatte ihn erkannt! Sein Donnerruf: »=Peter Trip!=« brachte ihn zum Stehen und führte ihn bald darauf, freilich in einigen Schlangenlinien, die er vergebens strebte in eine gerade Richtung zu verwandeln, vor den Capitän.
=Jansen= hatte ihm, während er langsam näher kam, finstere durchbohrende Blicke zugesandt, deren Bedeutung er aber, bei der schon eintretenden Dämmerung und in der Befangenheit des Rausches schwerlich erkannte.
»Wo kommst du her, =Peter=? Warum warst du nicht auf deinem Posten, als ich ankam?« fragte in einem rauhen, strengen Tone der Schiffsherr. =Trip= zögerte mit der Antwort. »Bramsegel und Backbord!« fuhr =Jansen= heftiger auf ihn ein und hob die gewaltige Faust. »Soll ich dir Rede machen, soll ich dich deine Schuldigkeit lehren?«
»Capitän,« antwortete mit halb lallender, halb zitternder Stimme =Peter=: »seyd nicht böse, verzeiht einem armen Teufel, daß er eine Fahrt auf eigene Rechnung gemacht. Aber seht -- der Verdienst lohnte auch die Mühe: zehn blanke Dukaten und überdem noch freier Wachholder auf ein ganzes Jahr!«
»Was soll das heißen?« sagte =Jansen= erstaunt zu =Cornelius=. »Des Burschen Hand, in der man sonst nur das Ruder oder das Brandweinglas erblickt, ist mit Gold bedeckt, er faselt noch von andern Dingen, die meinen Argwohn erregen -- Kerl!« wandte er sich drohend zu =Trip= zurück: »hast du schlechte Streiche getrieben, so nimm dich in Acht! Ich könnte dir den hanfenen Zwieback zu schmecken geben und, Sturm und Wetter! wenn du gar gestohlen hättest, so müßtest du baumeln ohne Gnade und Barmherzigkeit. Heraus mit der Sprache! Was hast du gethan, wo kommt das Geld her?«
»Ehrlich erworbenes Geld, ehrlich erworbener Wachholder!« erwiederte =Peter=, der jetzt seinen Entschluß genommen hatte, mit größerer Ruhe. »Ich habe geschworen, von der Sache nichts auszuplaudern, aber wenn Ihr sie zu wissen begehrt, so muß ich sie sagen, denn Ihr seyd mein Herr und Herrendienst geht vor Gottesdienst. Kurz und gut, ich habe einen Kranken nach =Leyden= gefahren in dieser Nacht! =Clas Rycke= war auch dabei und sein Boot mußte über den Spiegel gleiten, wie die fliegenden Fische über das Meer von =Java=. Der kranke junge Mensch war so zufrieden damit, daß er sich nicht rührte und regte und der Professor, der uns gedungen, lobte uns sehr und lachte immer vergnügt in sich hinein.«
»Was für ein Professor?« forschte =Jansen= weiter. »Wie nannte er sich?«
»Wie er sich nannte?« versetzte, seine Mütze verlegen hin und her rückend, =Peter=. »Genau weiß ich's nicht mehr. =Hasenfuß= oder =Hasenkopf=: eins von Beiden!«
»=Hazenbrook!=« fiel ungeduldig =Cornelius= ein.
»Wahrhaftig!« sagte im dummen Erstaunen der Matrose. »Ihr wißt's besser, als ich, und waret doch nicht dabei!«
»=Hazenbrook!=« wiederholte Herr =Jan=. »So wahr ich lebe, das ist derselbe Professor, der, als ich mit Heern =van Vlieten= das Letztemal am Haven spazieren ging, ihn durchaus überreden wollte, er solle sich nach seinem Tode als eine egyptische Mumie einsalzen lassen.«
»=Cleliens= Räuber!« rief in heftiger Bewegung =Cornelius=.
»Nur still, nur ruhig!« ermahnte der Capitän. »Wir werden bald Land sehen. Ihr müßt mir nur durch Euer Gerede und Gelärm den Burschen nicht verblüffen. Sprich weiter, =Trip=!« kehrte er sich wieder zu diesem. »Wie sah der kranke junge Mensch aus? War er zart und schmächtig?«
=Peter= sann ein Weilchen nach. Dann antwortete er in treuherzigem Tone:
»Wahrhaftig, Capitän, das kann ich Euch nicht so genau sagen! Die Nachtmütze saß ihm tief auf die Nase herab und der Pelz hüllte ihn bis über's Kinn ein. Der Professor lehnte sich auch immer so über ihn hin, daß man wenig von ihm sehen konnte. Aber als wir mit Tagesanbruch in =Leyden= hielten, kam mir die Nase spitz und roth vor und ein stachlichter Bart trat über den Pelz heraus.«
»So war es =Clelia= nicht!« sagte der Junker, der sich in der Hoffnung, eine Spur der Geliebten zu finden, unangenehm getäuscht sah.
»Ein junger Mensch mit einer rothen Nase und einem stachelichten Barte?« hob im Tone des Argwohns und der Erwägung =Jansen= auf's Neue an. »Wo habt Ihr sie denn eingenommen, Eueren jungen Menschen und Eueren Professor?«
Das war eine Frage, deren Beantwortung =Peter Trip= gern vermieden hätte. Sie konnte weiter führen und den Capitän mit seinen Rettungsversuchen während des Brandes, die =Hazenbrook= ganz richtig als Bemühungen für den eigenen Seckel bezeichnet hatte, bekannt machen. Aber er fürchtete die Strenge seines Herrn und hatte nicht den Muth ihn zu belügen.
»Ei, dort!« erwiederte er mit gedämpfter Stimme und zeigte nach dem =van Vlietenschen= Wohnhause. »An einer Hinterthüre. Der Professor brachte den ohnmächtigen Kranken herab. Er hatte recht seine Last mit ihm. Wir mußten versprechen, nichts zu verrathen, so ging's fort und wir schmuggelten die Passagiere glücklich an der Havenwache vorbei.«
»Während des Brandes?« fragte hastig =Jansen=.
»Gleich zu Anfang,« lautete die Antwort. »Es war Alles still dort. Niemand hat uns gesehen.«
»Blixen, mir geht ein Licht auf!« fuhr Herr =Jan= mit einemmale aus seiner gewöhnlichen Ruhe empor. »Der Kranke war kein anderer als Myn Heer =van Vlieten= und der verdammte Professor hat ihn entführt, um ihn auf egyptische Art einzumachen. Aber das soll ihm übel bekommen, dem Menschendieb! Ich laufe zum Bürgermeister, ich lasse mir gerichtliche Vollmacht geben, ich will sehen, ob ein dicker und angesehener Bewindhebber von =Rotterdam= von einem solchen egyptischen Seeräuber ungestraft aus seiner eigenen Stube gestohlen werden darf!«
Was er gehört hatte, war hinreichend seinen Zorn zu entflammen. Er drängte sich rasch durch die versammelten Neugierigen und richtete seine Schritte nach dem Hause des Bürgermeisters. In der Person des Herrn =Tobias= schien ihm der ganze Handelsstand von =Rotterdam= schwer beleidigt. Er selbst wollte noch an diesem Abende die Reise nach =Leyden= antreten, um dort unter gerichtlichem Beistande den alten Freund, mit dem er doch manche Schaale Thee im Prinzen-Collegium getrunken, wenn es noch möglich sey, von dem schmählichen Schicksale des »Einmachens« zu retten. Dieses war ein großer Entschluß für einen Mann, der so sehr an ein ruhiges, gemächliches Leben gewöhnt war, wie Herr =van Daalen=: aber welche mächtige Hebel hatten auch mit einemmale seine Seele ergriffen? Es war die =Rache=, die er früher noch nie gekannt, die -- Hoffnung, die ihn neu belebte!
»Fort, fort!« rief auch =Cornelius=, als der Alte kaum den Rücken gewandt hatte. »Beim Degen des großen =Marlborough=, dieser =Hazenbrook= ist ein entsetzlicher Mensch! Er läßt die Tochter entführen, während er selbst den Vater raubt. Welche schrecklichen Absichten lauern unter der Hülle dieses Geheimnisses? Ich will sie zerreißen, zerhauen mit dem Degen, wenn es seyn muß. Komm mit, =Jansen=! Meine Pferde sind gesattelt. In drei Stunden sind wir in =Leyden=. Nassau und Oranien! Ich will den Professor und der Professor soll mich kennen lernen.«