Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil

Part 12

Chapter 123,627 wordsPublic domain

»=Clelia!=« rief er laut, ehe sie noch um den Pfeiler getreten waren, der die Stelle verbarg. Sein Ruf verhallte in dem Gewölbe, es kam keine Antwort. Beunruhigt schritt er vor. Da standen sie an dem Orte, den er suchte, er sah das Tropfsteingebild, von dem noch sein Faden herabhing, er erkannte die Sitze in der Wand, aber =Clelia= und ihre Gefährtin waren verschwunden.

»=Clelia, Clelia!=« wiederholte er schreiend. Alles blieb stumm. Mit tödtlichem Schreck ergriff ihn der Gedanke, sie habe in der Besorgniß um ihn, in der Ungeduld des Erwartens sich entfernt, um ihn aufzusuchen, und irre jetzt umher, wie er früher gethan. Die Männer sahen sich bedenklich an. Da bemerkte einer von Ihnen den Zettel, den =La Paix= dem Mädchen übergeben und den sie, ihrer Schwäche erliegend, zur Erde hatte fallen lassen. Er hob ihn auf und reichte ihn dem Junker.

=Cornelius= kannte die Hand. Sein Inhalt, der Name =Hazenbrook= machte ihm Alles klar. Seine entsetzliche Furcht war gewichen, aber das bittere Gefühl, überlistet und der Geliebten beraubt worden zu seyn, nahm ihre Stelle ein.

»Sie ist gerettet!« sagte er mit zusammengekniffenen Lippen zu seinen Begleitern. »Andere haben sie befreit und ins Leben zurückgeführt. Es ist nun gut so. Ich habe nur noch eine Bitte an Euch. Führt mich so schnell aus dem Berge, wie möglich, daß ich ihnen folge und sie auch von der Furcht um meinetwillen befreie.«

Er knitterte das Papier zusammen und steckte es zu sich. Es war ihm klar, daß =Clelia= mit Gewalt müsse fortgebracht worden seyn, denn, wenn sie auch als ein folgsames Kind sich dem Willen ihres Vaters unterworfen hätte, so würde sie sicher darauf gedrungen haben, seine Rückkehr zu erwarten, damit auch er an der Rettung Theil nähme. Schweigend ging er mit den Männern. Diese Wendung seines abentheuerlichen Unternehmens brachte ihn in seine gewöhnliche Gemüthsstimmung zurück. Es galt nun neues Handeln, neues Ringen nach dem Besitz der Geliebten. Der unbekannte =Hazenbrook=, dem Herr =van Vlieten= seine väterliche Gewalt über =Clelien= übertragen und der diese wieder durch andere üben lassen, konnte, wie er glaubte, nur ein vom Vater begünstigter Nebenbuhler seyn. Es schien ihm einleuchtend, daß der Knoten, zu dem sich sein Schicksal verschlungen hatte, jetzt nur in =Rotterdam= gelös't werden könne. An =Cleliens= Treue zweifelte er keinen Augenblick. In dem Vertrauen auf diese sah er immer noch, wenn auch wie durch Nebel, einer glücklichen Zukunft, seiner Vereinigung mit dem theueren Mädchen entgegen.

Sie hatten den Ausgang erreicht: nicht jene enge Höhlenöffnung, durch welche =Cornelius= am Abende zuvor mit seinen Reisegefährtinnen das Labyrinth des Petersberges zum erstenmale betreten, nein! sie standen unter einem hohen, weiten Schwibbogen, unter einem mächtigen Portal, dessen Seitenwände entfernt genug von einander waren, um einem bespannten Wagen Einlaß zu gestatten. So sehr auch =Cornelius= sich zur Eile bewogen fühlte, so mußte er doch einige Augenblicke verweilen und der Scene, die sich vor ihm eröffnete, seine Aufmerksamkeit schenken. Da lag =Mastricht= mit seinen weißen Häusern und glänzenden Thürmen. Glocken und Glockenspiele ließen sich von diesen vernehmen, das Te Deum rauschte im heiligen Gesange aus den Kirchen zum Himmel auf, und die Sonne lächelte so mild vom sanft blauen Gewölke hernieder, daß es ihm war, als müsse sie selbst ihre Freude an der Dankbarkeit der Sterblichen haben, die diese im frommen Gesange zum Himmel trugen. Eine laue Luft wehete, wie Frühlingsodem. Die weiße Hülle, die noch gestern die Erde bedeckte, war verschwunden und von den Hügeln jenseits der =Maas= grüßte ein verspätetes Grün, wie ein verhallender, letzter Abschiedsruf des schon geschiedenen Sommers. Drüben am anderen Ufer des Flußes sah man umgestürzte Kanonen, zerbrochene Pulverkarren und ähnliche Werkzeuge, welche die Wahlstatt eines Gefechtes, nach seinem Ausgange, bezeichnen. Viele Leute waren um diese Gegenstände versammelt. Ganz und gar aber hatte sich das Land zwischen der Stadt und dem Petersberge in seiner äußeren Gestalt verändert. Hier stand Alles unter Wasser. Jener Hohlweg, in welchem unter dem Schutze der Dunkelheit, die Feinde gegen die Petersschanze gezogen waren, der niedere Grund, durch den =Cornelius= und die Frauen ihre Flucht nach der aufsteigenden Anhöhe und der düsteren Vertiefung gerichtet hatten, sie lagen unter einem Wasserspiegel, der noch immer zu steigen schien und dessen Wellchen nicht weit von =Cornelius= Füßen den Berg bespülten. Viele Boote und Kähne, alle mit den Orangewimpeln lustig prangend, fuhren hin und her. Man vernahm den munteren Zuruf der Schiffenden, wo vor einigen Stunden der Donner des Geschützes, das Getöse der Kämpfenden, das Wimmern der Verwundeten und Sterbenden in wilder Verwirrung die Lüfte durchdrungen hatte. Einzelne Kähne hielten an verschiedenen Stellen und die darin Befindlichen hatten große Netze und Haken ausgeworfen, um nach verlorenen Waffen und anderen Beutestücken zu suchen.

Die Männer, welche den Junker =van Daalen= begleiteten, ließen ihre Freude über diesen Anblick laut werden. Einer von ihnen sagte lachend:

»Das wird ihnen eine gute Lehre seyn und sie werden so bald nicht wieder versuchen, die feste Stadt =Mastricht= zu nehmen, wie ein offenes Dorf, das weder Wälle noch Kanonen hat. Aber der =Jeker= hat doch auch diesesmal das Beste gethan! Das Wasser hat dem Feuer geholfen und als die in der Stadt die Schleußen geöffnet, ist der =Jeker= über die Feinde gekommen, wie die Sündfluth über die bösen Menschen, die von der Erde vertilgt werden sollten.«

Auf sein näheres Befragen erfuhr =Cornelius=, daß der =Jeker= ein nicht unbedeutender Fluß sey, der sich innerhalb der Stadt in die größere =Maas= ergieße und durch Schleußen auf das flache Land nächst dem Petersberge geleitet werden könne, was bei früheren Belagerungen der Stadt schon zum größten Vortheile gereicht sey. Jetzt erkannte er deutlich in der nothgedrungenen Flucht in die Irrgänge des Berges die Leitung einer höheren Macht, die ihm und =Clelien= wohlwollte. Wäre es ihnen auch geglückt, einen Versteck in den Niederungen am Fuße des Berges zu finden: jetzt würden sie wahrscheinlich, mit so vielen anderen Verunglückten, =ein= Grab unter den immer höher andrängenden Wogen gefunden haben!

Die Männer verließen ihn, um sich zu den zurückgebliebenen Ihrigen in den Berg zurückzubegeben. Er belohnte sie reichlich. Dann ging er am Rande des Wassers hin, um einen Nachen aufzusuchen, der ihn zur Stadt brächte. In einem anliegenden Boote sah er einen Mann stehen, der ihm den Rücken zukehrte. Auf seinen Ruf wandte sich dieser um. Eine Wolke von Rauch, die aus seinem Munde strömte, zertheilte sich und ein bekanntes Gesicht, von einem Ende bis zum anderen von einer mächtigen Schmarre durchzogen, grinsete ihn an.

»=Herrmanneke=, du?« rief =Cornelius= im lebhaften Erstaunen. »=Nassau und Oranien!= Wie kommst du hierher? Wo ist dein Herr, wo die =Syrene=?«

Der Bootsmann lachte dumpf aus dem dichten Rauch, der aufs Neue sein Antlitz verbarg, bot seinem alten Gefährten bei dem Angriffe auf die Schebecke, treuherzig die Hand und erwiederte:

»In =Antwerpen= war unseres Bleibens nicht lange. Wir bekamen schon am ersten Tage Fracht nach =Mastricht=, lichteten und hatten kaum den Anker geworfen und ausgeladen, als der Spaß mit den Franzmännern losging. Die =Syrene= liegt unten, mitten im Fluße, und hat die Nachtgäste nach beiden Seiten hin gut bedient mit eisernen Pillen, die manchem von ihnen Kopfweh gemacht haben mögen. Was den Capitän angeht, so hat der seine Fahrt auf die Schanze dort oben gerichtet und bringt Munition ein. Harrt nur einen Augenblick, Junker =Cornelius=! Er muß gleich zurückkommen. Dann geht's auf die Barke und bei dem guten Winde werden noch in dieser Stunde die Anker gehoben zur lustigen Fahrt nach =Rotterdam=.«

»Nach =Rotterdam=?« rief =Cornelius= froh überrascht. »Beim Waffenruhme =Marlborough's=! das heißt Glück im Unglück. Ich fahre mit Euch. Wir wollen es noch einmal zu Wasser mit einander versuchen, alter Camerad!«

=Herrmanneke= ließ die Hand mit der Pfeife aus dem Munde sinken. Er blickte schüchtern umher, dann sah er bedenklich den Junker an.

»Wo ist denn Euer Frauenvolk?« sagte er mit einem Ausdrucke von Unruhe und Besorgniß in seinen Zügen, der diesen bisher fremd gewesen war. »Die Junge meine ich nicht, sondern die Alte, mit der ich nicht gern wieder auf einem Ankerplatze zusammenkommen möchte, da sie den Tabak doch nimmermehr vertragen lernt.«

=Cornelius= konnte sich eines Lächelns über die Furcht, welche der Bootsmann vor dem allzugroßen Eindrucke von =Philippintje's= Reizen auf sein empfängliches Herz zu hegen schien, nicht erwehren.

»Sey unbesorgt, =Herrmanneke=!« antwortete er in launigem Tone. »Ich bin ganz allein und diejenige, deren Anblick dein Liebesfeuer wieder anzuschüren vermöchte, wandelt jetzt auf Pfaden, wo wir ihr schwerlich begegnen. Ueberdem hat sie dir auch das Goldstück zurückgeschickt, das du ihr auf die Treue gegeben, und das ist der deutlichste Beweis, daß sie ihr Herz ganz und gar von dir abgewendet hat und als Jungfrau leben und sterben will.«

Der Bootsmann erwiederte nichts, aber indem er die süßen Erinnerungen an =Philippintje= zu bekämpfen suchte, dampfte er stärker, als bisher. =Jansen= kam jetzt den Berg herab und rief schon aus der Ferne dem Freunde ein herzliches Willkommen zu. Er war nicht sehr erstaunt, ihn hier zu finden, da er ja aus seinem Munde wußte, daß =Mastricht= das Ziel seiner Reise sey. Während =Herrmanneke= die beiden Freunde nach der Stelle hinruderte, wo die =Syrene= vor Anker lag, erfuhr =Jansen= von =Cornelius= Alles, was diesem seit ihrer Trennung begegnet war. Er sah seine Vermuthung über die nur vorgebliche Verwandtschaft =Cleliens= mit dem Junker bestätigt. Als dieser von den beiden Studenten sprach und ihre Personen beschrieb, rief =Jansen= wild aus:

»Bramsegel und Backbord! Die beiden Schelme habe ich auf der =Syrene= gehabt und dir selbst sie nachgeführt bis =Antwerpen=. Hätte ich damals gewußt, was ich jetzt weiß, wie hätte ich sie anführen und abführen wollen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Laß uns nur erst wieder in =Rotterdam= seyn! Da stehe ich dir bei als ein dankbarer Freund, und die Jungfrau =Clelia= muß dafür Frau =van Daalen= werden, daß du den Spagnol, wie einen feuerigen Drachen, zum Himmel fahren machtest. Ein Dienst ist des andern werth. Eine Frau für einen Drachen -- umgekehrt findet sich das oft in der Welt!«

Sie langten bei der Barke an. Frau =Beckje= empfing den Freund ihres Mannes mit ihren gewöhnlichen Neckereien. In der nächsten Viertelstunde schon wurden die Anker aufgewunden und, von günstigen Winden fortbewegt, schwebte die =Syrene=, zwischen den Häuserreihen der Stadt =Mastricht= und der Vorstadt =Wyk=, die =Maas= hinab ihrer Heimath zu.

8.

Niemand verlebte indessen eine trostlosere Zeit, als der Professor =Eobanus Hazenbrook=. Täglich mußte er aus dem Fenster der unbequemen Wohnung, in die er sich der Wissenschaft zu Liebe einquartirt hatte, die köstlichen Gerichte vorübertragen sehen, welche der Doctor =Mauritius= seinem Patienten schickte. Dieser aber selbst blieb ihm unsichtbar und schien für ihn ein Gegenstand unerreichbarer Wünsche geworden zu seyn. Hoffen und Harren macht Manchen zum Narren! Dieser Spruch lag ihm immer im Kopfe und ob es ihm auch dünkte, daß er nahe daran sey, den Verstand zu verlieren, so konnte er doch nicht ablassen, nach dem verhängten Fenster sehnsüchtig hinaufzuäugeln und eine Zukunft zu ahnen, die ihm alle Entbehrungen, alle Leiden des Körpers und des Geistes reichlich vergelten würde.

=Eobanus= hatte das Bedürfniß oft in Gesellschaft zu seyn. Vor der Mumienangelegenheit aber mußte alles Andere zurückstehen. Er beschloß, sich in die Umstände zu schicken und nur eine Morgenstunde unter den Leuten, die sich in der Schenkstube des Hauses um diese Zeit versammelten, hinzubringen. Freilich fand er Anfangs die Unterhaltung der Matrosen und Lastträger nicht ganz nach seinem Geschmacke, als er aber erfuhr, daß =Peter Trip=, dessen sich der gütige Leser wohl noch als eines immerdurstigen Untergebenen des Capitän =Jansen= erinnert, in früheren Jahren in =Alexandrien= gewesen sey und von da mit einem gelehrten Reisenden eine Wanderung in das Innere =Egyptens= unternommen habe, rechnete er diese Stunden zu den köstlichsten seines Lebens. Er nahm nun seinen Platz immer neben =Peter= ein, der sehr in seiner Achtung gestiegen war, bewirthete ihn täglich und notirte, was dieser zum schuldigen Danke über die Pyramiden und ihre Katakomben berichtete, sorgfältig in sein Gedächtnißbuch. So geschah es, daß beide herzinnige Freunde wurden: der Professor aus Begeisterung für das Land, das der Nil bewässert, =Peter Trip= aus reiner Liebe zum Wachholder.

Am Meisten kränkte es den Professor, seinen wohlbeleibten Gegner, den Doctor =Mauritius=, immer mit einer Miene aus dem Hause des Herrn =Tobias= zurückkehren zu sehen, in der sich Vergnügen und Selbstzufriedenheit malten. Was konnte diese anders erzeugen, als das Gelingen, der glückliche Fortgang seiner entsetzlichen Cur? In den triumphirenden Blicken, in dem breiten Lächeln, das auf den vollen Wangen des Leichendoctors lag, glaubte =Eobanus= das Vernichtungsurtheil seiner letzten, ohnehin nur schwachen Hoffnung zu lesen. Gewiß war Herr =van Vlieten= schon auf dem besten Wege, ebenso corpulent, ebenso fett und nutzlos für die Kunst der leiblichen Verewigung zu werden, wie =Mauritius= selbst. Des Professors Phantasie, die sich freilich nur für einen Gegenstand, aber für diesen grenzenlos entflammte, malte dann in's Große. =Tobias= trat auf ihn zu in dem allbekannten zimmetfarbenen Ueberrocke, aber er war ihm an allen Ecken und Enden zu eng geworden. Mit großer Mühe schien der Rock über dem gerundeten Bauch zusammengeknöpft und mit einemmale sprangen mit lautem Geräusche die Knöpfe und der Rundbauch in der schwarzen Sammetweste trat weit über die zurückfahrenden Schöße des kaneelfarbigen Kleides hervor. Ansehnliche Waden strotzten unter dem Kniebande gleichsam höhnisch nach =Hazenbrook= hin, die Farbe der Wangen war weiß und glänzend geworden, die sonst nadelfeine Spitznase hatte sich zwischen den herausquellenden Pausbacken in ein angenehmes Stumpfnäschen verwandelt und das Stumpfnäschen rümpfte sich, als das abscheuliche Bild lebenslustige Blicke auf =Eobanus= warf, als der schwellende Mund sich zu einem malitiösen Lächeln verzog, und die Mißgeburt seiner Phantasie nun in jenem dicken, gedämpften Tone, der auch den Fettansatz in Brust und Hals verrieth, zu sprechen begann: »So du lange lebest auf Erden, so du vergnügt bist! Der =Heer Eobanus Hazenbrook=, Professor vielberühmter Lugduner Academie, wie auch Custos _theatri anatomici_, ist in einen tiefen Irrthum versunken, wenn er sich schmeichelt, mich einzuschlachten für seine egyptische Vorzeit. Jetzt erst fängt mir's an, recht wohl zu werden auf der lieben Welt, ich will mir Gutes thun und gedeihen, und ich hoffe unter dem Beistande des würdigen Doctor =Mauritius=, der die rechte Behandlungsart getroffen, meine hundert Jährchen herauszubringen. Ja, =Myn Heer Professor=, es ist mir selbst gar nicht bange dafür, die Nachricht von Euerem zeitlichen Hintritt noch lange vor dem meinigen zu vernehmen und zum Danke für Euere guten Absichten mit mir sinne ich schon darauf, einen Bleikeller, gleich =dem= in der guten Stadt =Bremen= erbauen zu lassen, in welchem dann Euer Balg verwahrt werden soll, bis zum Stündlein des jüngsten Gerichtes!« -- So ungefähr redete =Hazenbrook= sich selbst im Namen des Herrn =van Vlieten= an. Nichts aber war dem Professor verhaßter, als jene Bleimumien, die sich in dem gedachten Keller und in einigen Kirchengewölben finden. Sie existirten weder für, noch durch die Wissenschaft. Sie äfften das Leben nach, aber nur das gegenwärtige bedeutungslose, nicht ein altvergangenes, klassisches, das geheimnißvoll durch Jahrtausende gehegt worden war und, wenn man ihm nachspürte, schon in seinen Nebendingen eine Quelle von Bereicherungen für die Wissenschaft ward. Er rief =Trip=, den er über die Straße gehen sah, herauf, um sich von ihm die häßlichen Bilder ausreden zu lassen. =Trip= kam gern und bald befand sich =Hazenbrook= durch seine Erzählungen wieder seelenfroh an die Ufer des Nils versetzt. Er lauschte und lächelte. Er war ganz Ohr: warum besaß er nicht das Wünschhütlein des =Fortunatus=, um im nächsten Augenblicke im Innern einer der wunderbaren Pyramiden von =Sakhara= oder =Ghizeh= zu sitzen und in den Grabmälern längst entschlafener Könige, als ein wissenschaftlicher Leichenwurm, herumzustöbern? --

Uebrigens befand sich Herr =van Vlieten= keinesweges in einem so behaglichen und gedeihlichen Zustande, wie =Eobanus= fürchtete. Die veränderte Lebensweise wirkte nachtheilig, statt günstig auf ihn. Die reichlichen, nahrhaften Mahlzeiten erschöpften seine Kräfte, indem sie diese für Augenblicke erhoben, denen dann wieder Stunden der tiefsten Abspannung folgten. =Mauritius= versicherte zwar täglich, es gehe besser, der Puls sey lebenskräftiger und frischer geworden und es unterliege keinem Zweifel, daß, wenn Herr =Tobias= fortfahre, Rindfleisch und Kartoffeln zu speisen, die vollständige Genesung bald erfolgen werde; allein der Patient selbst empfand eine fortschreitende Abnahme der Kräfte, Kopfschmerz und Fieber plagten ihn unaufhörlich, keine Nacht wollte ihm den ersehnten Schlaf bringen. Wenn er das dem Doctor klagte, so lachte dieser und sprach: »Habt auch Ihr den thörigten Glauben, daß der Schlaf das Zeichen einer gesunden Natur sey? Thorheit! Unsinn! der kraftlose, erschlaffte Körper unterwirft sich diesem sklavischen Zwange; der starke, genesende weiset ihn zurück. Es ist lächerlich, wenn man von einem alten Menschen behauptet, er habe siebenzig oder achtzig Jahre gelebt, da er, wenn er sich dem gewöhnlichen Mißbrauche des Schlafes hingegeben, doch nur fünfunddreißig oder vierzig Jahre gelebt, indem er die übrige Zeit verträumt und verschlafen hat. Schlaft =nicht= und seyd gesund, das ist besser, als wenn Ihr, wie ein Murmelthier in seine Höhle, Euch in das Federbett verkriecht, um jedesmal, wann es Nacht wird, bis zum andern Morgen einen todten Menschen vorzustellen.«

So wußte der Doctor =Mauritius= Alles zum Besten zu erklären und =Tobias= glaubte ihm gern, wenn er's auch anders fühlte. Der Doctor mußte es ja besser verstehen, als er, dafür hatte er studirt, strich zu Neujahr sein gutes Honorar ein und der Kranke dachte schon mit Grauen an die ungeheuere Rechnung, die jener für gelieferte Rindsbraten, Kapaunen, Welsche und Rheinweine aufstellen würde! Er war sehr vergnügt über die Besserung, die, nach =Mauritius= Aussage, von Stunde zu Stunde selbstständiger und offenkundiger wurde. Der Druck im Kopfe schmerzte ihn sehr, Hitze wechselte mit Frost, aber er lachte unter Zähneklappern und sagte seinem alten Geschäftsführer, der ihn täglich zu Abend besuchte, die Mittel des Doctors schlügen trefflich an, er fühle schon, daß er bald anfangen werde, sich wie ein Fisch im Wasser zu befinden und der Frost, der sich von Zeit zu Zeit melde, sey ein erfreuliches Vorzeichen dazu. Der alte treue Diener des Hauses sah ihn bedenklich an. Es wollte ihm vorkommen, als belebe eine ungewöhnliche Aufregung seinen wohlmögenden Patron, der nicht aufhören konnte, von den angenehmen Gefühlen des Frostes und der Hitze, von dem Nutzen der Schlaflosigkeit, von den vortrefflichen Heilkräften im Rindsbraten und in den Kartoffeln zu sprechen.

»Er liegt im Fieber, er phantasirt!« war das Resultat der Betrachtungen, die der Geschäftsführer über Herrn =Tobias= anstellte. »Sein Stündlein kann kommen, ehe er es selbst erwartet, und ich als ein christlicher Handlungsdiener muß dafür sorgen, daß er nicht hinfährt in seinen Sünden an den Ort der ewigen Fieberschauer, des Heulens und des Zähneklapperns. Ich will den Domine rufen. Er muß ihn vorbereiten, er muß die Seele reinigen vom sündigen Profit, den er an Caffee und Zucker, an Tabak und Indigo genommen.«

Der alte Mann schlich, während Herr =van Vlieten= noch im besten Zuge war, die Curmethode des Doctors =Mauritius= zu preisen, unbemerkt und leise zur Thüre hinaus. Der Patient bemerkte seine Abwesenheit nicht. Er sah den Schlafrock, der über einer Stuhllehne hing, für den Geschäftsführer an. Bei dem düsteren Lichte, das die sehr verdeckte Lampe verbreitete, konnte dieses um so leichter geschehen, da es in der Weise des Dieners lag, bei solchen Reden des wohlmögenden Patrons, die nicht bestimmte Fragen über Handlungsgegenstände enthielten, in ehrerbietiger Stille zu verharren. Nach einiger Zeit aber mußte =Tobias= verstummen. Der Reiz des Fiebers begann nachzulassen, er fühlte sich schwach, er griff nach der Weinflasche, die ihm, als ein vorzügliches Mittel die Kräfte wiederzubeleben, der Doctor vor das Bett gestellt hatte. Eben war er im Begriff, einen tüchtigen Schluck den übrigen, die diesem schon vorangegangen waren, folgen zu lassen, als die Thüre sich langsam öffnete und mit feierlichen Schritten der Domine hereintrat.

Ohne ein Wort zu sprechen, schritt er auf das Lager des Kranken los und nahm den Sessel ein, der zu dessen Füßen stand. Jetzt erst erblickte Herr =Tobias= die ganz schwarz gekleidete Gestalt. Er erkannte den Domine und verbarg die halb geleerte Flasche schnell unter sein Kopfkissen.

Die Nachrichten und Familienurkunden, welche uns zur Quelle unserer, will's Gott! dem Leser wohlgefälligen Erzählung dienen, enthalten keine nähere Mittheilung über die Unterredung des Domine mit Herrn =van Vlieten=. So viel aber ist gewiß, daß der Geistliche weit vergnügter fortging, als er gekommen war, daß er dem Geschäftsführer, der ihn draußen erwartete, die Versicherung gab, er habe den Leidenden in der allerchristlichsten Gemüthsstimmung verlassen und, daß gleich darauf die Schelle im Krankenzimmer den Hausknecht beschied, welchem Herr =van Vlieten= mit schwacher, aber ruhiger Stimme anempfahl, dem Doctor =Mauritius= fernerhin unter keinerlei Vorwand den Eintritt zu gestatten und noch in dieser Stunde das gotteslästerliche Bild des =Schiwa= den Flammen zu übergeben. Dann ließ er den alten Diener wieder eintreten. Er redete ihn sehr sanft, fast wehmüthig an. Er bat den hoch Erstaunten, ihm einige Capitel aus einem Erbauungsbuche vorzulesen. Nachdem dieses geschehen war, beurlaubte er ihn und fiel zum erstenmale, seit langer Zeit, in einen ruhigen, fieberlosen Schlummer.

=Hazenbrook= hatte das Kommen und Gehen des Domine wohl erlauert. Er ahnete die Wahrheit, es schien ihm auch ganz natürlich, daß Herr =Tobias= durch die unsinnige Cur des Doctor =Mauritius= hingeopfert werde vor der Zeit, wenn nicht etwa schlummernde Kräfte in seinem Körper zum siegreichen Widerstande erwachten, alle Angriffe der nahrhaften Speisen und geistigen Getränke zurück und in ihre entfernteste Zufluchtsstätte, in das Zellgewebe, verwiesen, damit sie dort unseliges, verabscheuungswürdiges Fett ansetzten. Das Letztere sollte nun freilich nicht erfolgen. Aber war =Eobanus= deshalb besser daran? Fett oder todt =vor= dem ausgesetzten Selbstlegate, das war für ihn die nämliche Sache: das eine wie das andere raubte ihm die hoffnungsvolle Aussicht, seinem Schooß- und Herzenskinde, dem Leydenschen Naturalienkabinet, mit einem jungen Egyptier, dem seine zwei, bis dreitausend Jährchen recht wohl anstanden, ein Geschenk zu machen.

Er lag noch spät im Fenster seiner Wohnung. Die Glockenspiele von den Thürmen kündigten eben die eilfte Stunde Abends an, als er einen letzten Seufzer zu dem dämmerigen Fenster des Herrn =van Vlieten= hinaufschickte und sich nun in sein Zimmer zurückziehen wollte. Da wurden seine Blicke von einer dunkeln Wolke, die gerade hinter der gegenüberliegenden Häuserreihe aufstieg, angezogen. Die Wolke breitete sich rasch aus, sie drängte sich unglückdeutend über dem Hause des reichsten Mannes von =Rotterdam= empor, rothe züngelnde Flammen folgten ihr in wenigen Augenblicken.