Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil
Part 11
Sie erhielt keine Antwort, aber, indem sie sich völlig ermunterte, vernahm sie das Flüstern mehrerer Menschen untereinander, sie hörte ihren Namen nennen von Stimmen, die ihr unbekannt waren. Endlich konnte sie den Glanz des Lichtes ertragen. Sie blickte auf, sie sah sich und =Philippintje= von mehreren fremden Männern umgeben, die sie mit dem Ausdrucke freudiger Ueberraschung in ihren Mienen betrachteten. Sie konnte sich nicht gleich fassen. Erst, als sie bei dem Glanze der brennenden Fackeln, mit denen einige von den Männern versehen waren, das weite, weiße Gewölbe über ihrem Haupte, die hochaufstrebenden Steinpfeiler zu beiden Seiten erkannte, kehrte die Erinnerung der vergangenen Ereignisse zurück. Jetzt nahm sie die Fremden näher in's Auge. Zwei von diesen, junge wohlgekleidete Leute, traten ihr mit ehrerbietigem Anstande näher. Die übrigen blieben in einiger Entfernung stehen und schienen den Jünglingen untergeben.
»Ihr kennt uns nicht,« nahm einer von diesen mit sanfter, fast mädchenhafter Stimme das Wort: »aber wir kennen Euch wohl. Das wunderlichste Verhängniß führt uns in diesen unterirdischen Irrgängen zusammen und gewährt mir und meinem Freunde das Glück, Euch vielleicht einen Dienst zu leisten, indem wir zugleich eine Pflicht erfüllen, die uns gegen Eueren Vater, Heern =Tobias van Vlieten=, obliegt.«
»Ihr kommt von Heern =Tobias=?« rief =Philippintje= in halber Verwirrung. »Er schickt Euch, uns aus diesem höllischen Abgrunde zu erlösen? Der brave Mann! Das wird ihm nicht unvergolten bleiben in seinem Liebsten: im Handel und Wandel.«
=Clelia= war aufgestanden. Sie fühlte sich sehr ermattet, ihre Glieder zitterten. Mit Erstaunen vernahm sie die Worte des fremden Jünglings. Der Glanz weiblicher Würde, der ihr ganzes Wesen umgab, machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf die jungen Männer. Wäre sie eine Königin gewesen, so hätte sie ihnen keine tiefere Ehrerbietung einflösen können. Die zwei Leydener Studenten -- wer von unsern Lesern hätte sie nicht schon erkannt? -- waren mit dem Vorsatze den Flüchtlingen gefolgt, ihr Unternehmen, wenn sich die Gelegenheit böte, mit jener Leichtigkeit und jenem Uebermuthe auszuführen, zu dem sie sich durch den leichtsinnigen Schritt, der =Clelien= aus dem väterlichen Hause entfernt, berechtigt glaubten. Vielleicht hatte der entzündliche =La Paix= sogar eine leise Hoffnung gehegt, dem bevorstehenden Abentheuer noch einen süßern Lohn abzugewinnen! Als sie aber jetzt das schöne bleiche Mädchen vor sich sahen, mit der Hoheit der Unschuld in Blick und Miene, waren ihre Gesinnungen plötzlich umgewandelt. Beide nahmen sich, ohne ein Wort darüber zu wechseln, vor, dem Versprechen, das sie dem Professor gegeben, zwar getreu zu bleiben, =Clelien= aber in der aufmerksamsten und achtungsvollsten Weise zurückzubegleiten.
Diese hatte indessen, während sie sich leicht auf =Philippintje's= Schulter stützte, über die Erscheinung der Fremden nachgedacht. Die Begebenheit in dem einsam gelegenen Gehöf kam ihr in den Sinn und eine Ahnung der Wahrheit, daß sie dieselben Verfolger vor sich sehe, denen sie damals glücklich entgangen, drang sich ihr auf. Ihr Kopf schmerzte sie sehr. Der zartgebaute Körper empfand die Folgen der Anstrengungen und Entbehrungen, der Schrecken und Besorgnisse, welche der vergangene Tag und der noch stürmischere Abend im Geleite gehabt hatten.
»Mein Vater?« hob sie nach einer Pause mit schwacher Stimme an: »Er sollte Euch senden? Ihr hättet Pflichten gegen ihn? Unbegreiflich!« fuhr sie kopfschüttelnd fort. »Ich sah Euch noch nie. Unter den Freunden und Bekannten meines Vaters, welche unser Haus besuchten, erinnere ich mich nicht, jemals Euch begegnet zu haben.«
»_Cadédis!_« erwiederte =Le Vaillant= in einem minder lauten Tone, als gewöhnlich. »Wir sind auch nicht von den ordinären guten Freunden, die immer da sind, wo es einen Löffel Suppe oder eine Schale Thee giebt. Wir sind von der besten Sorte: Freunde in der Noth, und ich glaube, daß Ihr, edle Jungfrau, in diesem Augenblicke Gelegenheit hättet, dieses zu bemerken, wenn Ihr nur bedenken wolltet, daß ohne unsere Ankunft die Zeit Euch noch unendlich lang hätte werden können in diesem labyrinthischen Souterain, in das wir uns nur mit dem Beistande kundiger Führer gewagt.«
»Verzeihet, Jungfrau =van Vlieten=!« unterbrach =La Paix= seinen Gefährten, der noch weiter sprechen wollte: »mein Freund meint es sehr gut, aber er fehlt oft in der Wahl der Ausdrücke und es könnte dann scheinen, als vergesse er der Achtung, die er Euch schuldig ist. Hört mich an! Ich will Euch Alles aufrichtig und unumwunden erzählen, wie es sich verhält. Wir haben Euerem Vater versprochen, Euch zurückzubringen, wir verfolgten Euch auf dem Kutter, der bei der Barke eintraf, als gerade das spanische Schiff in die Luft flog, wir verfehlten Euch dann immer, bis wir gestern Nachmittags Euch in jener ländlichen Wohnung anlangen sahen, aus der ihr uns wiederum auf eine fast unerklärliche Weise entkamet. Wir mußten auf's Neue unsere Verfolgung beginnen. Vor dem =Petersberge= langten wir gerade an, um einige Minuten lang in die allgemeine Flucht der zurückgeschlagenen Stürmenden fortgerissen zu werden. Als es uns gelungen war, uns dem Gedränge zu entziehen, ließ uns ein glücklicher Zufall Euer Gepäck, Kleidungsstücke, die mit Euerem Namen bezeichnet waren, finden. Indem wir bei'm Scheine der Leuchtkugeln beschäftigt waren, es näher zu untersuchen, sprangen einige französische Marodeurs auf uns ein, behaupteten, diese Beute gehöre mit Recht ihnen, da sie die beiden Frauen nebst ihrem Begleiter, der das Gepäck abgeworfen, bis zu dem kleineren Eingange des =Petersberges= verfolgt, sich aber aus Vorsicht nicht in diesen, den Flüchtlingen nach, gewagt hätten. Ihr mußtet gerade hier angekommen seyn, als der erste Angriff statt gefunden hatte. Nichts dünkte uns wahrscheinlicher, als daß Ihr, abgedrängt von der Stadt, verfolgt von den habgierigen Marodeurs, Schutz in diesen unterirdischen Gängen, deren Gefahren Euch unbekannt waren, gesucht haben möchtet! Ich gestehe es Euch, edle Jungfrau, daß wir von der tödlichsten Besorgniß um Euer Schicksal ergriffen wurden. Erst als es ein wenig ruhiger geworden war in den Umgebungen des Berges, als der Tag anfing zu grauen, glückte es uns Leute zu finden, die mit den unzählichen Höhlenwindungen dieses unterirdischen Gebietes vertraut sind. Früher, als wir es hofften, hat uns ein günstiger Zufall in Euere Nähe geführt und es bleibt uns nur die Bitte übrig, daß Euch gefallen möge, Euch sogleich mit uns auf den Weg in Euere Heimath zu begeben. So ist es nicht allein mein Wunsch, so ist es der Wille Eueres Vaters, wie ihn diese Zeilen aussprechen.«
»O fort, fort!« rief =Philippintje=, die noch immer von Grauen erfüllt wurde, sobald sie in den dunkeln Hintergrund der Gänge blickte. »Fort aus der Hölle in's Paradies, aus diesem öden Grabe zu den Fleischtöpfen des Heern =van Vlieten=! Laßt uns nicht zaudern, die Fackeln brennen herab und wenn noch einmal die entsetzliche Dunkelheit einbricht, so ist es um mein Leben geschehen!«
=Cleliens= Schwäche hatte unter der Rede des Studenten zugenommen. Sie vernahm seine Worte nur halb laut, sie begriff nur weniges von dem, was er sagte. Ein unerträglicher Druck lag ihr im Kopfe. Sie hielt den Zettel, den er ihr überreicht hatte, fast besinnungslos in der Rechten. Mit einer letzten, äußersten Anstrengung führte sie ihn vor die Augen. Sie erkannte die Hand ihres Vaters, sie verstand in einem flüchtigen Aufglimmen ihrer geistigen Kräfte seinen Inhalt, dann ließ sie ihn matt zur Erde fallen und sank selbst ohnmächtig zurück auf den Steinsitz.
=Philippintje= schrie laut auf, aber =La Paix=, der in der That bemerkt, daß das Niederbrennen der Fackeln jeden längeren Aufenthalt gefährlich machte, bemächtigte sich, ohne weiteres Besinnen, der schönen Ohnmächtigen und trug sie in seinen Armen nach =der= Richtung fort, die dem von =Cornelius= eingeschlagenen Wege entgegengesetzt war. Die Führer eilten mit flüchtigen Schritten voraus. Zum erstenmale dachte =Philippintje= jetzt an den Junker, der während ihres Schlafes abhanden gekommen war. Ihr Mitleid erwachte. Sollte =er= denn Hungers sterben in der grauenvollen Dunkelheit, während sie und =Clelia= gerettet der Heimath zueilten? Sie fing an laut zu jammern, sie rief seinen Namen; da aber gebot ihr =Le Vaillant= in einem so herrischen Tone zu schweigen, daß sie eingeschüchtert verstummte. Keuchend folgte sie den voraneilenden Männern. Bald war es still geworden an der Stelle, wo noch =Cornelius= Faden an dem Tropfsteingebild hing. Nur der fallende Tropfen wiederholte eintönig und abgemessen seinen tausendjährigen Klang.
7.
Herr =Cornelius van Daalen= war in heftiger Unruhe fortgeschritten, als er die Frauen verließ, um einen Ausgang oder Beistand zu suchen. Der Drang, recht bald wieder zu =Clelien= zurückzukehren, spornte ihn zur Eile. In dieser vergaß er oft der nöthigen Vorsicht, stieß an die Ecken der Wände, strauchelte über kleine Unebenheiten im Boden und war manchmal nahe daran, den wichtigen Faden seiner Hand entschlüpfen zu lassen. Noch nie hatte er eine so stürmische Bewegung seines Inneren empfunden, wie jetzt. Ein inneres Feuer drohete ihn zu verzehren. Seine Stirn war glühend, seine Zunge brannte am Gaumen. Oft kam es ihm vor, als blickten häßliche Larven mit teuflischem Grinsen aus der Finsterniß hervor, lächelten ihn höhnisch an und die tollen Bilder wurden sprechend und riefen ihm ihr entsetzliches Willkommen zu und sagten: fliehe nur immerhin, du entgehst uns doch nicht, du nicht und die schöne =Clelia=! Wir sind die Dämonen des Hungers und werden bald nagen an der Gestalt des lieblichen Mädchens und wie wir uns ihrer reizenden Glieder bemächtigen, so zerstören wir sie auch, denn in der Vernichtung besteht unser Daseyn. Und du hast sie uns zugeführt, du bist unser Genosse, aber wir zerstören auch dich, wir reißen auch dich in die martervolle Vernichtung, denn wir kennen keine Dankbarkeit. Wandere hin, wandere her! du bleibst uns verfallen. Unser Reich ist groß, aber es ist ein Kerker, aus dem kein Entrinnen!
Dennoch sah er ein, daß diese Gestalten, die er außen zu sehen und zu hören wähnte, nur in seinem Inneren lebten. Er preßte die Hand an die brennende Stirne:
»Mein Kopf, mein Kopf!« ächzte er. »O Himmel, erhalte mir =noch= meinen Verstand!«
Er ward über den Klang seiner eigenen Worte betroffen. Einige Augenblicke schwebte er in der Täuschung, ein anderer habe gesprochen. Er blieb stehen, hielt den Odem an und horchte, aber er vernahm nichts, als das Hammern der Pulse in seinem Haupte, als das Klopfen seines Herzens. Er stürmte weiter. Die teuflischen Larven erschienen wieder in den finsteren Räumen, manchmal schien es den gereizten Augen, als zeige sich dazwischen ein ferner Lichtschimmer, er sandte einen Freudeblick in die Seele des Jünglings, der aber gleich wieder durch die Erkenntniß der Täuschung in herben Schmerz überging. Die höhnenden Bilder waren es nicht allein, die aus dem Gewirre der rastlos arbeitenden, ungezügelten Phantasie aufstiegen. Es gab Augenblicke, in denen schöne Erinnerungen, in einem schneidenden Gegensatze zu der Wirklichkeit, hervorbrachen. Er stand wieder am Bord der =Syrene= und sah in den blauen, heiteren Himmel und in die grünlichen Wogen. =Clelia= befand sich an seiner Seite, sie hatte seine Hand ergriffen, sie sprach süße Worte von Vergebung und künftigem Glücke. Die Schebecke fuhr heran, der kühnste Gedanke, von Vaterlands- und Frauenliebe erzeugt, keimte in seiner Seele, er warf Feuer in das feindliche Schiff, dem Vaterlande zum Ruhme, der Geliebten zum Schutze. Tollheit, nutzlose Verwegenheit! höhneten dann die Teufelslarven, selbst Wahnbilder, diese Täuschung hinweg. Wir haben sie doch, sie und dich! Gegen uns hilft kein Muth, nicht Schwerdt, nicht Geschütz, uns unterliegt der Held, wie das schwache Weib. »Nein, nein!« schrie von entsetzlicher Qual ergriffen, =Cornelius= laut in die Nacht hinaus. »Sie ist nicht Euer. Ihr seyd die Geister der Lüge! Ihr habt keinen Theil an ihr!«
Seine Erschöpfung nöthigte ihn zu einer kurzen Rast. Er lehnte sich an die Wand des Gewölbes, er preßte den heißen Kopf an den kühlenden Stein. Er suchte sich zu sammeln. Er bemühete sich seine Gedanken zu ordnen und die Ueberzeugung recht stark in sich werden zu lassen, daß nur Ruhe und Besonnenheit helfen könne, wenn Hülfe möglich sey. Die körperliche Ruhe that ihm wohl. Indem er das erkannte, theilte sie sich unbemerkt, freilich nur in einem geringen Grade dem Gemüthe mit. Unwillkürlich richteten sich seine Gedanken nun ernster und milder auf den Gegenstand, der bisher seine Phantasie zu den peinigendsten Vorstellungen fortgerissen hatte: auf =Clelien=. Ihr blühendes, lebensfrisches Wesen, der Friede, der in diesem waltete, trat vor seine Seele. Welcher Liebe, welcher Verehrung war sie nicht würdig, würdig =geworden= im Laufe weniger erfahrungsreicher Tage? Sie steht unter einem höheren Schutze, als dem deinigen! sprach es überzeugungsvoll in seinem Inneren. Zur Rettung dieses Engels kannst du nur ein schwaches Werkzeug seyn, wenn du überhaupt dazu erkoren bist!
Er ging weiter, nicht mehr in jener wilden Hast, die bisher seine Schritte beflügelt hatte, rasch zwar, aber auch aufmerksam und besonnen. Er hemmte jetzt von Zeit zu Zeit seinen Schritt und lauschte, ob irgend ein ferner Ton, ein Hoffnung erregendes Geräusch sich vernehmen lasse, er achtete sehr auf den Faden, den seine Finger hielten, auf das einzige Mittel, das ihn zu =Clelien= zurückführen konnte. Aber wie sich das Schicksal oft darin zu gefallen scheint, aller Vorsicht der Sterblichen gerade dann zu trotzen, wenn diese sich am Sichersten mit ihr geschirmt zu haben glauben, so geschah es auch hier. Eben wollte =Cornelius= um eine Windung des Ganges biegen, als er plötzlich über einen am Boden liegenden Stein strauchelte und fiel. Der Faden entglitt seiner Hand, sie haschte ängstlich in das Leere, Entsetzen ergriff ihn und durchströmte in eisigen Schauern sein ganzes Wesen.
Er warf sich lang hin auf den Boden. Seine bebenden Finger gruben sich in den Sand, sie durchwühlten diesen, so weit er reichen konnte. Vergebens! Der Faden war nicht zu finden. Er kroch auf der Erde fort und suchte weiter. Angstschweiß bedeckte seine Stirn. Das entsetzliche Hammern im Kopfe, das beklemmende Pochen des Herzens begann auf's Neue. Die teuflischen Larven grins'ten ihn wieder an, er hörte ihre höhnenden Stimmen, aber die Phantasie hatte ihre Gewalt vor der schrecklichern Wirklichkeit verloren. »Der Faden, der Faden!« Er dachte nichts anderes, über seine Lippen bebte unaufhörlich dieses Wort. Die Unbesonnenheit, den Leichtsinn, der ihn zu =Cleliens= Entführer gemacht, büßte er im Uebermaße. Er fühlte, daß nicht viel fehle, ihn zum Wahnsinne zu bringen. Schon wurde seine Besinnung schwächer, er wühlte lange an einer und derselben Stelle nur mechanisch im Staube, immer ferner und unklarer wurde ihm der Gegenstand, nach dem er suchte. Stundenlang kroch er im Kreise umher und tastete und forschte und fand nichts. Die Qualen, die er empfand, vermag keine Feder zu schildern. Bitter, aber dennoch beruhigend drang sich ihm endlich die Ueberzeugung auf, daß jede fernere Bemühung eitel sey.
In dieser Wahrnehmung nöthigte ihn ein seltsames Gefühl, laut auf zu lachen. Die weiten Gänge nahmen den wunderlichen Schall vervielfältigend auf und gaben ihn so zurück. Er erbebte. Was er gethan hatte, kam ihm wie ein Frevel vor. Er lag jetzt unbeweglich an der Erde, den Kopf in die Hand gestützt. Seine Stimmung war weich geworden.
»Wir wären zusammen gestorben, wenn ich bei ihr geblieben wäre!« sagte er zu sich selbst. »Jetzt ist es anders. Ich werde nicht den Schmerz haben, ihren letzten Odemzug zu hören oder ihr ist es erspart, neben meiner Leiche zu sterben.«
In den entsetzlichsten Lagen, die das Geschick dem Menschen bereiten kann, führt der Gedanke an den Tod immer etwas Beruhigendes und Tröstliches mit sich. Er ist der letzte Freund, nach dem wir reichen, aber auch der sicherste, der die gewünschte Erlösung bringt. =Cornelius= erfuhr das in diesen Stunden. Er fand eine solche Wonne in der Hoffnung auf den Tod, daß er bald ganz sich der schönen Aussicht auf die Wiedervereinigung mit =Clelien=, wenn sie gestorben seyn würden, hingab. Er dachte nicht an Krankheit, Schmerz und Qualen, die dazwischen lagen. Ein himmlischer Glanz umgab ihn und in dem Himmelsglanze standen er und =Clelia= und waren nun verbunden, schöner und besser, als sie es je auf Erden werden konnten. Aber seltsam war es dennoch, daß in diesen herrlichen Traum sich immer eine bittere Empfindung drängte, weil er sie nun nicht mehr auf Erden sehen, nie mehr einen Laut von ihren Lippen vernehmen werde. Auch diese Empfindung verstummte, als nun ein Zustand geistiger und körperlicher Abspannung eintrat, als Alles vor seinen Augen in =ein= Lichtmeer verschwamm und er halb wachend, halb schlafend, nur Seligkeit und Himmelswonne dachte. So hätte er hinüberschlummern mögen in das Jenseits, das schon seine Pforten ihm aufgethan hatte.
Welche wunderbare Töne rauschten da mit einemmale zu ihm her aus nicht großer Entfernung, durch die weiten Hallen, mächtig, feierlich, wie Kirchengesang? Waren es die Stimmen der Engel, die ihn und =Clelien= im Voraus willkommen heißen wollten? Er erhob sich, er lauschte. Das reizende Traumbild verschwand in die öde Finsterniß, aber die Töne blieben, sie rauschten gewaltiger; die Mauerwand, an der er sich hielt, schien von ihnen zu erbeben. Er verließ seine Stelle, langsam, horchend ging er dem Gesange nach. Er tönte oft näher, oft ferner. Selbst von ihm geleitet, konnte =Cornelius= nicht vermeiden, manchmal vom Wege abzuirren. Endlich war er so nahe, daß er einzelne Worte des Gesanges unterscheiden konnte.
Es waren Stellen aus einem geistlichen Liede zum Lobe und Preise Gottes, das erquickenden Balsam in seine Brust goß. Er blieb stehen und schöpfte tiefer Odem. »Menschen, Menschen!« jubelte es in seiner Seele. Er hätte aber noch nicht sprechen können, wenn er jetzt schon unter ihnen gestanden hätte. Die Freude wirkte erlahmender auf ihn, wie das Entsetzen. Er vermochte nur mit Mühe sich fortzubewegen. Er schwankte, wie ein Kind bei den ersten Versuchen zu gehen.
Da stand er plötzlich am Eingange eines hohen Domes. Zahllose Lichter flammten vor ihm auf, viele Menschen zeigten sich seinem Blicke, zu Andacht, zur Ehre des Allmächtigen vereinigt. Er mußte die geblendeten Augen wieder schließen. Aber entzückend ergriff der Gedanke, daß nun =Clelia= gerettet, daß der Ort, wo er sie verlassen, leicht zu bezeichnen und von kundigen Führern zu finden sey, sein ganzes Wesen. Von einem seit lange nicht empfundenen Gefühle bewältigt, stimmte er leise, ohne das Dunkel, das ihn noch verbarg, zu verlassen, in die letzten Worte des Liedes, das eben zu Ende ging, ein. Indem er auf diese Weise Theil an der andächtigen Handlung nahm, fühlte er sich wunderbar gestärkt.
Er trat vor. Einige Frauen flohen bei seinem Anblicke laut schreiend und zitternd hinter die Männer zurück. Er sah Degen gezückt, Musketen gehoben. Als man aber nur den einzigen Fremdling gewahrte, dessen Antlitz Leichenblässe bedeckte, als man beim Lichte der näher herbeigebrachten Fackeln unter dem zerrissenen Kittel die Farbe Oraniens erkannte, da kamen viele der Versammelten theilnehmend und neugierig näher. Bald sah er sich als den Mittelpunkt einer Menschenmenge, die mit Fragen auf ihn einstürmte. Er mußte schweigen, er mußte sich erst noch sammeln, um zusammenhängend zu antworten. Aus den Reden der Leute um ihn, erfuhr er, daß sie Einwohner von =Mastricht= seyen, die aus Furcht vor dem erwarteten Angriffe mit den Ihrigen und ihrer besten Habe in den Petersberg geflüchtet waren, wie das in kriegerischen Zeiten oft geschah. Vertrauete Männer hatten ihnen jetzt von Außen die Nachricht gebracht, daß das Unternehmen der Feinde vereitelt worden, und sie wollten eben, nachdem sie dem Höchsten ihren Dank dargebracht, ihren Zufluchtsort verlassen, um zu dem verwais'ten Heerdte zurückzukehren, als =Cornelius= unter ihnen erschien.
Endlich vermochte er zu reden. Seine Stimme war schwach, heiser und erschöpft. Die mitleidigen Menschen, die seinen Zustand erkannten, reichten ihm eine Erquickung. Er genoß sie, ohne zu wissen, was er that. Aber er konnte doch nun verständlicher sprechen, er konnte erzählen, wie er durch die verfolgenden Feinde mit seinen Begleiterinnen in den Berg gedrängt worden sey, er konnte den Ort beschreiben, wo er diese verlassen hatte.
»Das ist bei dem versteinerten Baume!« riefen sogleich mehrere Stimmen. Einige Männer traten vor und erboten sich, ihn dahin zu begleiten. Sie schienen ihm Boten des Himmels. Die anwesenden Frauen beklagten laut das arme Mädchen, das sie nicht kannten und das, den schrecklichsten Zweifeln überlassen, zurückgeblieben war. Sie gaben den Männern Lebensmittel und Arzneien mit auf den Weg; sie empfahlen ihnen Eile, aber bei dieser auch Vorsicht, damit sie den nächsten Weg nicht verfehlen möchten.
Von Hoffnung belebt, vermochte =Cornelius= mit den Führern gleichen Schritt zu halten. Alles was er ertragen hatte, war vergessen. Nur der Gedanke, =Clelien= in kurzer Zeit wiederzusehen, sie dem Leben zurückzugeben, erfüllte seine ganze Seele. Die mächtigen Gewölbe, die ihm wie eine ungeheuere Todtengruft vorgekommen waren, dünkten ihm jetzt ein Tempel des allgegenwärtigen Wesens, das sich da am Mächtigsten zeigt, wo die Noth am Größten ist. Wenn er seitwärts in die weiteinlaufenden, sich nach allen Richtungen durchschneidenden Gänge blickte, dann konnte er kaum begreifen, daß gerade =er= glücklich genug seyn mußte, nicht abzuirren in entlegenere Schluchten, wo ein gewisser Tod sein Loos gewesen wäre. Die Männer, die ihn begleiteten, deuteten auf einzelne schwarze Kreuze, welche die glatte, weiße Oberfläche der Steinwand zeigte. Es waren Denkmale von Todten, die hier, jedes Trostes und Beistandes von Ihresgleichen entbehrend, das Loos der Sterblichen ereilt hatte. Sie gingen nachdenklich daran vorüber. =Cornelius= verbannte die trübe Erinnerung aus seiner Seele. Er sah nur Leben und Freude vor sich, warum sollte er sich die reizende Aussicht verderben lassen? Er hatte nun auch Sinn und Gefühl für das collossale Wunderwerk, das seit einem Jahrtausende vielleicht der Ameisenfleiß des Menschen in den Berg hineingebaut. Welche mächtige Bogen, deren Decke der Glanz der Fackeln nicht erreichte, welche unzähliche Menge von Gängen deren einer, nach Versicherung der Führer, mehrere Stunden weit in gerader Richtung unter der Erde fortlief! Was war aus den Menschen geworden, die hier, dem Bedürfniß anderer fröhnend, der Natur den Reichthum abgerungen, den sie ewig wiedergebährt? Wer wußte noch ihre Namen, während ihr Werk ihr einstiges Daseyn verkündigte? Was galten die Namen anderer, die Neugierde und nicht Thatkraft hergetrieben, die zur lächerlichen Verewigung ihrer flüchtigen Anwesenheit sich, die Stunde und den Tag, wo sie, von erfahrenen Führern begleitet, den Besuch des Petersberges gewagt, an die Wände der riesigen Bergsäulen geschrieben hatten? Der Odem der Zeit verweht sie und den Laut, mit dem man sie nannte. Die Natur steht, wie eine immer lächelnde Riesin, über dem Grabe alles dessen, was einst lebte! --
»Hört Ihr den fallenden Tropfen?« unterbrach einer der Männer das herrschende Schweigen, indem alle einige Augenblicke stehen blieben und lauschten. »Gleich sind wir da. Es ist eine wunderliche Sache um diesen einzigen Ton in den sonst stillen und todten Gewölben. Ich habe oft lange, wenn ich von der schweren Steinhauerarbeit ausruhte, an dieser Stelle gesessen und konnte nicht müde werden, dem lieblichen Klange zuzuhören.«
=Cornelius= beschleunigte seine Schritte. Auch jetzt klopfte sein Herz, aber vor freudiger Hoffnung.