Die Moral des Hotels: Tischgespräche
Part 9
Wir müssen die Schwierigkeiten des Kellnerberufes berücksichtigen, wie wir persönliche ekelhafte Manieren verdammen müssen. Wir dürfen den Kellner nicht bei einem unglücklichen Zufall schmähen: wir dürfen keine Dienerei von ihm verlangen. Denn für das Service, wie auch für alles gibt es schließlich eine Grenze. Manche Menschen würden allerdings sich am allerliebsten wie Säuglinge füttern lassen, sich ihr Essen von ihrem Kellner vorkauen lassen, wenn dies halbwegs zum guten Ton gehörte. Selbst am königlich preußischen Hofe scheint in bezug auf Service manches mangelhaft zu sein. Was? Sie glauben das nicht? -- Freilich, ich habe noch nicht die Ehre gehabt, zur königlichen Tafel geladen gewesen zu sein, aber wenn ich etwas behaupte, so habe ich meistens glaubwürdige Belege dafür. -- Sie erinnern sich doch, Herr Doktor, des berühmten Bildes von Menzel, das die Hofballszene oder so etwas Ähnliches darstellt. -- Nun wohl. -- Nicht nur vom künstlerischen Standpunkt aus ist das Bild interessant, sondern auch vom allgemein menschlichen. Wer sich dieses Ballsouper -- sagen wir -- mit den Augen eines Kellners betrachtet, wird allerhand für das Service höchst bemerkenswerte Dinge entdecken. In den lichtstrahlenden Sälen des Schlosses wimmelt es von hohen und höchsten Herrschaften. Es ist Tanzpause, und jeder holt sich seine Ration von dem Büfett im Hintergrunde. Dasselbe ist nicht sichtbar, so sehr ist es von Menschen umlagert. Die hohen Herrschaften müssen sich alle selber bedienen. Man sieht es an ihren Haltungen und Gesichtern. Jawohl, gnädige Frau, auch eine ganze Menge hoher Damen in prachtvollen Kleidern, deren Mannigfaltigkeit und Farbenfeinheit das Herz eines jeden Damenschneiders entzücken sollte. Denken Sie sich! Und jede hat einen Teller mit Speisen auf ihrem Schoß! Und nicht einmal eine Serviette bei der Hand! Ist das nicht shocking!? -- Die herrlichen Toiletten laufen große Gefahr, befleckt zu werden. -- Was meinen Sie? Vergessen? Nein, ich glaube nicht, daß Adolf Menzel so leicht etwas vergißt. -- Die Kavaliere selbst müssen Kellner spielen und sich um ihre Damen bemühen, ihnen Wein und Speisen reichen und die gebrauchten Teller abnehmen. Im Vordergrunde links, wenn ich mich gut erinnere, steht eine Gruppe von drei Herren, ein Hofprediger, ein General und ein Diplomat. Der Diplomat nimmt eine höchst komische Stellung ein. Er hat seinen Hut zwischen die Knie geklemmt und ißt von einem Teller, den er höchst umständlich und unbequem in der Luft halten muß. Auf dem Rande des Tellers balanciert sogar ein Weinglas. Der Herr Prediger befindet sich in nicht minder unbequemer Lage. Mit der Linken hält er seinen Teller in der Luft und versucht mit der Rechten, etwas darauf zu zerschneiden. Das ist ja fast unausführbar. -- Die Seitentische und Kamingesimse sind mit Bergen von schmutzigem Geschirr beladen. Es herrscht die größte Unordnung. Auf dem Kamin allein kann man sieben geleerte Champagner- und Rotweingläser zählen. Ich wette, im Ballsaal unseres Hotels würde dergleichen nicht geduldet. -- Auf einem herrlichen goldenen Stuhle mit rotem Plüschsitz liegen gebrauchte Teller, Gläser und Bestecke. Ein galanter Ulanenoffizier, der sich eben zu einer Dame in Rot niederbeugt, dreht den Sachen auf dem Stuhl die Kehrseite zu und wird sich im nächsten Augenblick in Gegenwart seiner Angebeteten in die Sauce hineinsetzen, wenn er nicht aufpaßt. Aber wer paßt denn in Gegenwart von schönen Damen auf Sauce auf!? -- Ein wohlbeleibter Admiral hat eben seine Portion gegessen und versucht, sein Geschirr auf den schon voll geladenen Seitentisch niederzustellen. Er schneidet dabei ein sehr verdrießliches Gesicht, was wir ihm bei einem solchen Service auch nicht verdenken können. -- Wie gesagt, überall in dem bunten Gewühl müht man sich mit Speisen und Getränken ab. Im Hintergrunde reckt sich verzweifelt ein Arm hoch über die Häupter der Gäste hinaus. Die Hand hält krampfhaft einen vollbeladenen Teller fest, der sich sehr verdächtig nach vorne neigt. Es sieht ganz aus, als ob der Träger den vor ihm stehenden würdigen Glatzkopf mit der Sauce taufen wollte. -- Sehen Sie, meine Freunde, das würde ich nicht als gutes »Service« bezeichnen. -- O ja, ich glaube ganz bestimmt, daß der Maler Menzel das Service am königlichen Hofe sehr gut gekannt hat. Menzel hatte wunderbar gute Augen. Er interessierte sich für alles, was um ihn herum vorging. Und er war häufig zur Hoftafel geladen. Ich habe ihn aber trotzdem oder gerade darum stark im Verdacht, daß er zugunsten seines köstlichen Humors den Mangel an gutem Service in der Ballszene ein wenig übertrieben hat. --
Um seiner internationalen Kundschaft entgegenkommen zu können, werden von unserem Kellner gute Sprachkenntnisse als eine Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Überall verlangt man, daß er wenigstens der drei Hauptsprachen mächtig ist. Beherrscht er diese, so gehört die ganze Welt ihm. Wohin er auch kommen mag, überall wird er Stellung finden. Ein guter Kellner begnügt sich nicht damit, wenn er in fremden Sprachen etwas radebrechen oder sich mit einigen Phrasen verständlich machen kann. Die meisten können sich daher mit ihren Gästen aus fremden Ländern sehr geläufig unterhalten, einzelne beherrschen verschiedene Sprachen durch viele Übung in ganz ausgezeichneter Weise. Der junge Kellner, nachdem er ausgelernt hat, versäumt keine Zeit, ins Ausland zu gehen und sich die nötigen Sprachkenntnisse zu erwerben. Das ist natürlich meistens die einzige, aber auch die beste Methode, die ihm zu Gebote steht. Einige grammatikalische Vorkenntnisse wirken allerdings gewöhnlich Wunder. Aber man erlernt die Sprache auch ohne Lehrer, wenn man muß. Karl Schurz, der große Deutsch-Amerikaner, erzählt in seinen Memoiren sehr lehrreich, wie er, der Flüchtling mit Familie, arm, ohne Freunde, ohne ein Wort Englisch zu können, in Amerika landete, seinen Lebensunterhalt erwerben mußte und sich ohne Lehrer seine erstaunliche Meisterschaft der englischen Sprache aneignete. Er brachte es damit bis zum General und Staatsmann und war einer der besten und beliebtesten Redner in der englischen Sprache. Das ganze Geheimnis der Schurzschen Methode war, daß er eifrig Zeitungen las und kein einziges Wort entwischen ließ, dessen Sinn ihm unbekannt war. Er schlug beharrlich in seinem Wörterbuch nach, bis er es gefunden und verstanden hatte.
Wenn wir von dem sprechen, das unser Kellner kennen und wissen muß, so darf ich Sitten und Gebräuche nicht vergessen. Für einen Menschen, der mit den Herren aller Länder und deren Untertanen zusammenkommt, gleichviel, in welcher Stellung oder Lebenslage, ist es wertvoll, ja oft unbedingt notwendig, daß er die betreffenden Sitten und Gebräuche dieser Menschen kennt, wenn er mit ihnen erfolgreich geschäftlich oder gesellschaftlich verkehren will. -- Was ist Heimweh? Nur die Wirkung einer Veränderung der Sitten. Was ist das Geheimnis des Erfolges oder des Unterganges so vieler Menschen in der Fremde, im Auslande? Doch nur die Fähigkeit oder Unfähigkeit, die betreffende Sprache möglichst geläufig zu handhaben und vor allem sich in das Wesen der neuen Umgebung hineinzuarbeiten und es zu studieren. Sprache, Ausdrücke, Phrasen, Manieren, Sitten, die in Berlin vielleicht als Etikette und Eleganz bewundert werden, sind zum Beispiel in Paris unverstanden, wirkungslos, ja oft geradezu verhaßt und beleidigend. Was man in London tut, denkt, spricht, ißt, für ~smart~ hält, gilt vielleicht in Rom nicht. Wenn ich als Deutscher zum Beispiel eine höfliche Phrase, ein Kompliment in englisch oder französisch ausdrückte, wie ich es mir in Deutsch denke, so würde ich Gefahr laufen, mich unsterblich zu blamieren. Daher wundert sich mancher, daß er im Auslande kein Glück hat und verhaßt ist oder belächelt wird. In Europa erkundige ich mich höflich beim Herrn Gemahl nach dem Befinden der gnädigen Frau. Ein vornehmer Orientale, der noch Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte, wollte mich einmal für eine derartige Frechheit schinden lassen. In Deutschland esse ich zum Frühstück gekochte Eier aus der Schale, in Amerika lasse ich mir die Eier vom Kellner aufbrechen und in einem Wasserglase zubereiten. Sowohl in Europa wie auch in Amerika halte ich sehr viel darauf, daß die Eier, die mir vorgesetzt werden, möglichst jung sind. Als ich China bereiste und Gast eines hohen Würdenträgers war, mußte ich Eier, die schon zwei Jahre alt waren, zu den größten Delikatessen rechnen, um nicht meinen Gastgeber zu beleidigen! -- Wenn ich die Ehre habe, gnädiges Fräulein, Sie auf einer deutschen Großstadtstraße zu begleiten, so lasse ich Sie nicht gerne zu meiner Linken gehen. Würden wir dagegen zusammen auf der Fünften Avenue in New York promenieren, so würde ich stets an der Außenseite des Trottoirs auf dem Rinnstein hin und her balancieren müssen, um Sie mit meinem Körper gegen den Schmutz und die Gefahren des Verkehrs zu decken. So gibt es in allen Ländern zahllose ungeschriebene Gesetze der Lebensweise und des Umgangs mit Menschen. Die Unkenntnis derselben schützt -- wie bei den geschriebenen -- nicht vor Strafe. Ein kleiner Verstoß dagegen kann oft viele direkte oder indirekte böse Folgen nach sich ziehen. Denn es ist unglaublich, wie feinfühlig selbst oder gerade die dickhäutigsten Menschen in bezug auf ihre Sitten und Gebräuche sind und wie leicht sie sich darin kränken lassen. Unser Kellner weiß Bescheid. Er bringt dem Amerikaner einen Teelöffel mit der Orange, ohne aufgefordert zu werden. Er schenkt ihm das frostige Eiswasser ein, das er mir nicht anzubieten wagt. -- Er weiß, daß ich Trauben, Äpfel, Ananas, Nüsse und andere köstliche Früchte gerne genieße, wie sie gewachsen sind. Seinem Gaste aus dem Yankeelande mischt er stillschweigend diese Dinge mit Essig und Öl und Pfeffer und Salz an. Er findet nichts komisch, nichts fremd, nichts lächerlich. Er ist geschmeidig, und nach der einfachen Regel der Höflichkeit paßt er sich den Dingen an, wie sie sind. -- Unser Kellner redet seine Gäste mit dem ihnen gebührenden Titel an. Er weiß meistens sehr genau, die richtige Anrede zu gebrauchen. Von exotischen und zivilisierten Majestäten und Hoheiten herab bis zu den ganz gewöhnlichen Baronen und Exzellenzen und Räten. Der Gothaer Almanach und die Rangliste sind ihm ein Vademekum und Handpostille. -- Natürlich, das ist sein Geschäft! -- Er tituliert seine Leute, wie ein Stiefelwichser Schuhe schmiert. Je mehr, je besser.
Unser Kellner ist auch mit allen Tagesereignissen auf dem laufenden. Er ist ein eifriger Zeitungsleser, er kennt die Schönheiten und Sehenswürdigkeiten seiner Stadt, die Vergnügungen und Theater usw., und kann in dieser Hinsicht seinen Gästen jede gewünschte Auskunft erteilen. Ja, meine Freunde, könnte ich Sie nur davon überzeugen, daß ein guter Kellner ungefähr alles wissen muß. Seine Gäste verlangen es. Je mehr Fragen er beantworten kann, um so besser ist's für ihn. Er wird niemals auf eine Frage sagen »ich weiß es nicht«: er wird niemals eine Bitte abschlagen, sondern sich vorher erst erkundigen. -- Wie, Sie glauben nicht, daß unser Kellner auch musikalisch ist? -- Ich möchte wetten, daß er etwas von Musik versteht, denn das gehört auch zu seinem Geschäft, zu seiner universellen Ausbildung. Denn wie er alles kennt, was das Geschäft, also er, der Verkäufer, feilbietet, so ist er auch mit den Dingen vertraut, die zwar nicht unmittelbar in den Bereich seiner Tätigkeit fallen, die aber immerhin enge damit verknüpft sind und sich ihm ungerufen aufdrängen. -- Bitte, sehen Sie sich doch nur unseren Tisch an, meine Herrschaften. Winkt nicht hier ganz dicht neben dem kulinarischen Programm auch noch ein anderes zierliches Kärtchen, das musikalische Menü?! -- Ist es nicht zugleich das schönste Dokument für die Genußfähigkeit des zwanzigsten Jahrhunderts? Ja, diese ist wunderbar stark entwickelt. Ich als wohlerzogener Sohn meiner Zeit muß offen gestehen, daß ich das kunstvollste Diner, den besten Wein und Wagner-, Strauß- oder Debussy-Musik gleichzeitig einnehmen kann, ohne daß -- wie Sie sehen -- unsere geistreichen Gespräche über das Verhältnis der Gastronomie zu den bildenden Künsten, über ein kompliziertes Kellnerdasein oder irgendein beliebiges Thema und selbst in Gegenwart unserer Damen nachteilig beeinträchtigt würden. Das sind Leistungen, wenn man auf frühere Zeiten zurückblickt. Früher begnügte man sich mit einem oder zwei dieser vielen guten Dinge. -- Ein gewandter und tüchtiger Börsianer bringt sogar bei Austern und Vintage-Champagner und unter den Klängen des Pilgermarsches aus »Tannhäuser« noch obendrein ein äußerst profitables Geschäftchen ins Geleise. Namentlich, wenn die Musik so rührend ist, daß sie den Zuhörer aller Weltlichkeiten entrückt, wenn der Wein sehr gut ist und wenn der Kellner den Auftrag hat, die entstandene Leere im Glase des Gastes so zartfühlend als beharrlich auszugleichen. Gewöhnlich ist der Vertrag beim Braten dann schon ziemlich sicher, beim Dessert besiegelt. In der Tat, das ist eine vielseitige Genußfähigkeit, deren sich ein antiker Genußmensch nicht hätte rühmen können. --
Sehen Sie, meine Freunde, wenn nun das Orchester auf Wunsch irgendeines musikverständigen Gastes oder aus irgendeinem anderen Grunde irgend etwas intoniert, das auf dem zierlichen Kärtchen nicht verzeichnet ist, so werden vielleicht viele Gäste, die gerade die nächste Nummer als ihr Leib- und Magenstück sehnsüchtig erwartet hatten, plötzlich bei ihrem Hummer oder was sie sonst gerade vor sich haben, anhalten, die Ohren spitzen, enttäuscht aufschauen, sich den Mund mit der Serviette wischen und sich fragend oder indigniert umschauen. Und wenn sich ein Gast auf diese Weise umschaut, so wird sein Kellner sofort und mit verbindlichem Lächeln herantreten und sich nach der Ursache der plötzlichen Störung erkundigen. -- Denken wir uns nur in eine solche Lage hinein. Die Situation ist kritisch. Ich hatte Ihnen vielleicht erst kurz zuvor alle Feinheiten des erwarteten Stückes erläutert, es war vielleicht zufällig das Bravourstück unseres vorzüglichen Kapellmeisters, wir waren alle gespannt und auf den Genuß vorbereitet -- da sieht man sich plötzlich durch die Hinterlist der Umstände im Stich gelassen. -- Noch schlimmer wird es, wenn zufällig niemand von uns das unerwartete Stück kennt, wenn jeder in hellster Verzweiflung auf der Suche nach dem Titel beim besten Willen »gerade nicht darauf kommen« kann. Was ja hin und wieder vorkommt, obgleich jeder wohlerzogene Mensch so viel Konzerte und Opern besucht haben muß, daß er nötigenfalls die Hauptarien wenigstens mit den Lippen zu flöten imstande ist. -- In einem solchen Dilemma, wo mich mein Gedächtnis hintergeht, würde ich im Interesse der Kunst keinen Augenblick zögern, die Kenntnisse und Dienste des hilfsbereiten Kellners in Anspruch zu nehmen. Und der allwissende und allriechende junge Mann wird mir sofort bescheiden, unauffällig und diskret mitteilen können, was ich wissen will. -- -- Sie glauben, er müßte sich wohl zuerst beim Kapellmeister erkundigen? -- O nein! Ich wollte wirklich, ich könnte unseren Kellner nur einmal auf die Probe stellen. Denn, sehen Sie, er hat nicht immer Zeit, sich seinen Weg durch das himmlische Gedränge entschuldigend, schlängelnd zu bahnen und den Kapellmeister oben auf dem Balkon zu konsultieren. Und wehe, wenn er die gewünschte Auskunft aus Unwissenheit ablehnen müßte! Der Oberkellner würde sehr bald zu hören bekommen, daß seine Leute ungebildete, rohe Menschen seien. -- Ich wette, daß unser Kellner sogar die allerneuesten Schlager kennt. -- Das tut jeder, meinen Sie? -- Ich glaube dagegen, daß nur die allerwenigsten Menschen diese Produkte kennen. -- Denn wenn ich sage »kennt«, dann meine ich, daß er sie durch und durch kennt, daß er aus dem »Schlager« heraus hört, wie die Missa eines Palestrinas verstümmelt und zerhackt wird, daß er aus dem Geschmetter und Gezirpe vernimmt, wie das Tempo eines Largos bis zur Unkenntlichkeit beschleunigt und mit Benzinnervosität durchsetzt wurde, damit daraus all die bewundernswerten Dinge entstehen, die sich so großer Beliebtheit erfreuen, die jeder überall summt, pfeift und brummt, wenn er nicht gerade an Verdauungsstörungen leidet und sich so dank diesen Störungen ein stillschweigendes Verdienst um die Menschheit erwirbt.
Da große und kleine Oper, alte und moderne Musik, »Schlager« und »Gebete von Jungfrauen«, »Ave Marien« und »Lustige Witwen« wie ein buntes Schallragout in tönender Fülle das Arbeitslokal des Kellners durchwogen, so ist eine Fähigkeit zur Unterscheidung von guten und schlechten Schallwellen im Interesse seiner Selbsterhaltung und geistiger Gesundheit erforderlich. Und dafür sorgt der Kellner, wenn er existieren will. -- -- Ah, das kommt ja wie gerufen! -- Sehen Sie, hier auf dem Programm ist ein Adagio in F-moll von Schumann angesagt! -- Was spielt aber das Orchester soeben? -- Ich werde den Kellner fragen -- er weiß es! --
Kellner, können Sie mir sagen, was da eben gespielt wird? -- Aha, ganz richtig. Aus Peléas und Mélisande. Ich danke Ihnen.
Haben Sie gehört? Was sagte ich?! Der Mensch ist ein wandelndes Konversationslexikon! ...
IV.
Sie haben also auf Ihrer Amerikareise beobachtet, wie die verschiedensten Nationen der Erde politisch und sozial verhältnismäßig einträchtig zusammen leben können. Man braucht aber doch gar nicht so weit zu laufen, um diese internationale Harmonie zwischen vernünftigen, friedlichen Menschen betrachten zu können. Sehen Sie sich hier nur um. Welch ein sonderbares Gemisch von Menschen. Wie solidarisch arbeiten diese internationalen Kellner nebeneinander! Da gibt es keine Reibereien wegen der Nationalität oder Politik. Rassenfragen kommen hier nicht in Betracht. -- Haben Sie schon jemals die Schar der internationalen Jünglinge auf ihre Nationalität hin geprüft? Nicht? -- Dem ruhigen, aufmerksamen Beobachter müßten dabei doch allerhand ernste Gedanken aufkommen. -- Ich habe oft darüber nachgeforscht und gefunden, daß Deutschland bei weitem das größte Kontingent an Jünglingen stellt, die als Kellner in die Welt hinauswandern und schließlich ihre Heimat ganz und gar in der lauwarmen, farblosen, kosmopolitischen Pürée verlieren und vergessen. Dann folgen vielleicht Österreich, Italien, Frankreich und Skandinavien mit entsprechender Anzahl. Es ist bemerkenswert, daß man den stolzen Briten sehr selten als Kellner antrifft. Selbst in seiner Heimat nicht. Sein Nachbar, der Ire, tritt in der Rolle als Ganymed schon etwas häufiger auf, aber diesen Inselbewohnern geht jedes besondere Talent für die gewandte Kunst der Kellnerei ab. Ein geborener Amerikaner, ein waschechter, vollblütiger, freier Yankee ist als Kellner im großen ganzen einfach undenkbar. -- Was geht nun daraus hervor? -- Können Sie nicht ganz charakteristische Züge der einzelnen Nationen daraus erkennen? -- Sie beliebten einmal zu sagen, daß die Kellner alle servile Naturen wären oder sein müßten. -- Hm, das wäre für die Germanensöhne, die so zahlreich im Kellnerfrack auftauchen, und für die ganze deutsche Nation nicht besonders schmeichelhaft. -- Ich suche jedoch den Grund, wie gesagt, in anderen Umständen. -- Nein, der Kellner soll und muß keine servile Natur sein, um seinen Beruf auszuüben. Die weitgehende Toleranz der Deutschen gegen Ausländer, ihre bekannte Vorliebe für das Fremde, ihre Wanderlust, das alles bewegt den jungen Deutschen mehr als die Söhne anderer Nationen, sich dem Kellnerstande zu widmen. Außerdem befähigt ihn noch ein ethnologisch und politisch genugsam bekannter Umstand ganz außerordentlich zu diesem Berufe: ich meine die große Dosis von Gemütlichkeit und himmlischer Geduld, die der deutsche Michel noch immer besitzt. Gemütlichkeit ist deutsch. Es ist ein deutsches Wort. Es läßt sich nicht übersetzen; man kann es in einer anderen Sprache nur ganz umständlich umschreiben. Gemütlichkeit ist aber das große Geheimnis, das ein Hotel, ein Gasthaus, ein Restaurant oder irgendeinen menschlichen Bau überhaupt anziehend macht. Außerdem spricht noch ein anderer wichtiger Faktor im Werdegang des Kellners mit: die Fähigkeit, Sprachen zu erlernen. Diese Fähigkeit besitzt der Deutsche in etwas größerem Maße als sein französischer oder englischer Nachbar, obgleich der Deutsche sich immer wieder durch einen abscheulichen Akzent und seine urdeutsche Denkweise verrät. Unter den Romanen erlernen die Italiener fremde Sprachen verhältnismäßig leicht. Das Übergewicht dieser Nationen im Kellnerstande ist zweifellos in diesen Umständen zu suchen. So hat jede Nation ihre Eigenheiten. Anglosachsen machen dank ihres Pferdeverstandes ganz ausgezeichnete Stallknechte, Jockeys, Grooms, Lakaien, Butlers, dank ihrer Suprematie in Herrenmoden ganz vorzügliche Valets -- Gebiete, auf denen ihnen der Deutsche und jeder Kontinentale überhaupt sehr weit nachsteht.
Ob ich noch mehr von dem Kellner zu erzählen weiß? -- Aber ich habe ja kaum erst angefangen! -- Das Wichtigste habe ich mit echtem dramatischen Instinkt noch gar nicht hervortreten lassen. Und das wäre? -- Oh, nur zu wissen, was für ein Mensch sich aus ihm durch seine eigenartige Tätigkeit entwickelt. Zu sehen, wie sein Inneres beschaffen ist, wie es darin aussieht, was wir daraus lernen können oder was interessant für uns ist. Das Dasein bedenkt unsern jungen Freund mit sehr wenig guten Gaben, aber dafür schenkt es ihm eine seiner besten: Welt- und Menschenkenntnis. »Es schenkt« ist etwas optimistisch. Ich sollte sagen: das Dasein prügelt ihm diese Kenntnis ein. Immer und immer wieder wird das Leben dem Unwissenden mit schweren Streichen diejenige Weisheit einbleuen, die es von ihm verlangt. Aber am Ende ist es doch ein wunderbares Geschenk! Ob der Mensch nun weise dadurch geworden ist, oder ob er sich als ein Vernichteter, als ein töricht Grollender, als ein Ankläger des Lebens in die Dunkelheit zurückziehen muß, ist einerlei. Das schöne Geschenk bleibt.
So ist ein guter Kellner schon in jungen Jahren oft ein vollendeter Menschenkenner. Er ist das Feingefühl und die Diskretion selber. Denn das große Leben führt ihn unter die Menschen. Er hat sie zu behandeln wie der Knecht seine Viehherden, wie der Schmied sein Eisen; er hat sich mit den Menschen abzufinden wie der Bergmann mit giftigen Gasen und schlagenden Wettern, wie der Soldat mit pfeifenden Kugeln. Die sorgende Natur rüstet ihre Geschöpfe je nach den Verhältnissen aus. Raubtiere und Raubvögel haben gelernt, selbst bei Nacht ihre Augen zu gebrauchen. Tiefseetiere in ewiger Meeresdunkelheit sind mit natürlichen Laternen ausgerüstet. Das Wild, zum Schutz gegen den Jäger, hat einen wunderbaren Spürsinn erworben. Früher war das anders. Als die Menschen noch nicht so zahlreich waren und dem Wilde mit weittragenden Waffen nachstellten, waren die Tiere dumm, zahm, vertraulich. Die alten Leute im Westen von Amerika können davon noch manches Stücklein erzählen. Die Tiere der Prärie fürchteten anfangs die unbekannten Menschen nicht, die in ihre friedliche Heimat eindrangen, bis sie merkten, daß die bösen Eindringlinge Schießgewehre hatten. Die Indianer, die den Kolumbus begrüßten, waren freundlich, bis sie die Herren Spanier kennen lernten. Als die Indianer in der Gegend von Boston vor drei Jahrhunderten den ersten Besuch aus Europa erhielten, traten sie bereitwilligst ihr Land an die Eindringlinge ab, da sie glaubten, daß die Hütten und Felder, die sich die Puritaner bauten, Eigentum eines jeden Menschen und der ganzen Gemeinde seien. Sie konnten daher gar nicht begreifen, daß die frommen Bleichgesichter die fraglichen Häuser und Grundstücke ganz für sich allein in Anspruch nahmen. So mußten die schlichten, biederen Rothäute mit ihren unvergleichlich schönen kommunistischen Ideen die Erkenntnis von der Habgier und den Rechtsbegriffen der bleichen Puritaner erst löffelweise hinunterschlucken und endlich gar im Namen der Zivilisation langsam, Mann für Mann, vor den frommen Leuten mit den dicken Bibeln und Flinten zurückweichen, wobei es natürlich Mordbrennen, Blut und zerschundene Köpfe die Menge gab.