Die Moral des Hotels: Tischgespräche

Part 7

Chapter 73,564 wordsPublic domain

Das alles bietet uns das große Hotel. Und noch mehr. Es zeigt uns auch jene, gesunden Menschen so heilsamen, amüsanten Fälle von modernen Delirien, die einer unersättlichen Sucht nach sensationellen Neuheiten und nach gesellschaftlichem Despotismus entsprungen, nur noch durch die extremsten Mittel gekitzelt und aufgestachelt sein wollen und so Mißgeburten der menschlichen Phantasie erzeugen. Exzentrische Damen, die sehr viel Geld und sehr wenig Geschmack besitzen, Leute, die nicht wissen, was sie mit ihren Geldmitteln anfangen sollen, überbieten sich einander in stupidester Protzenhaftigkeit und Geschmacklosigkeiten.

So können wir alles haben -- gegen einen Preis. Alles. Selbst eine Imitation der dionysischen Freude. Mit einigem guten Willen kann der Fremde in Berlin schon für zweihundert Mark, in Paris für fünfhundert Franken, in London für zehn Pfund Sterling und in New York für fünfzig Dollars und aufwärts schon ganz leidlich »dionysieren« -- vorausgesetzt, er hat die Mittel. ~This is the Empire of Business.~ -- Ja, die Zeiten sind anders geworden. Wir beklagen sie nicht. Viele Menschen haben es vor uns getan. Mit Unrecht. Doch ich frage mich ganz leise, ob an dem grauenvollen Tage, der über die lebensfrohe Stadt hereinbrach, die schöne, reiche Mutter den Untergang der antiken Freude ahnte, da sie plötzlich mit Staunen und Schrecken die graue, blitzende Wolke über dem Haupte des Vesuvs schweben sah und ängstlich dem Sohne zuflüsterte:

»Weh, Plinius, mein Sohn, sieh! Die Sonne verfinstert sich!«

Doch nun steht vor unseren Blicken das große, moderne Riesenhotel, -- eine kleine konzentrierte Stadt, -- ein herrliches Dokument unserer Zeit, wie es Pompeji das der antiken ist. Entstanden aus dem geräuschvollen Chaos der Zeiten, gewachsen und fortgeschritten mit den menschlichen Erfindungen, ist es uns modernen Menschen eine Selbstverständlichkeit geworden, so daß wir, wie wir bereits sahen, ihm bisher wenig oder gar keine eingehende Beachtung geschenkt haben. Allen, die damit in Berührung kommen, teilt sich dieselbe Farbe modernen Menschentums mit, welche allen anderen Geschäften und menschlichen Tätigkeiten mehr oder weniger fehlt, ja oft direkt versagt wird.

In diesem menschlichen Gehalt, Herr Doktor, in diesem Reichtum von menschlichen Interessen, den die Industrie des Wirtes birgt, schlummert tief auf dem Grunde ein Geheimnis, das uns den Schlüssel vorenthält zum Rätsel unserer Sphinx, zu den Pforten jener Märchenreiche, wo statt unserer heutigen sozialen Mißwirtschaften und Elend eitel Glück und Sonnenschein walten soll, wo ein junges, frohes Volk, unbekümmert um die Sorgen des Alltags, frei von der gemeinsten aller Qualen, die sich die modernen Menschen noch immer auferlegen, der starken, frohen Arbeit seines Tages nachgeht. Wo ist das Märchenland? wo die Millionen von intelligenten Termiten, die eifrig in den riesigen Bauten umherwimmeln, frei, ohne Despotismus, jedes Geschöpf sich seiner Mission bewußt, für sich selber verantwortlich, an sich arbeitend, um so für das Gemeinwohl zu wirken? Sollte der Bau menschlicher Ameisen, genannt »Hotel«, dessen Entwicklung wir nun gesehen haben, vielleicht der Vorläufer zu neuen sozialen Grundlagen und Ordnungen sein, die eben erst in der Knospe »Hotel« das Licht der Welt erblickt haben? -- Jahrtausende mögen darüber vergehen, wie Jahrtausende verflossen, wo der Wanderer an fremder Türe Einlaß und Schutz begehrte, bis zur Zeit, wo er dem schnaufenden Auto entsteigt und über Marmorstufen in das Riesenhotel eintritt, wo er Herr ist, wo er gebietet -- für einen Preis.

Eingeengt von den Stübchen unserer kleinen Vaterhäuser, belastet von den niedrigen Dächern, verwöhnt und verhätschelt von der liebenden Sorgfalt der keuchenden Mutter, die wir uns nur zwischen fettigen Geschirren und schwarzen Pfannen am glühenden Herde als unsere Mutter denken können, schrecken wir Menschen des Fortschritts vor dem Gedanken noch entsetzt zurück, in den riesigen Häusern der Zukunft geboren zu werden, dort leben und sterben zu müssen. Fremd und neu ist uns noch das Surren der Maschinen, halb zögernd, halb mißtrauisch und verwundert betrachten wir noch das elektrisch gebratene Beefsteak, mit halbverschlossenen, vorsichtigen Nasen beschnüffeln wir noch die Konserven, von deren Ursprung wir nichts wissen. Wir glauben noch nicht an die Wirkung des Diners in der Nußschale, an die Ration im Fingerhut. Aber unsere Tage schreiten schon schneller. Darum haben sie auch doppelten Wert. Wir können es uns nicht erlauben, sie durch Engherzigkeit zu vergeuden. Wir bedürfen der Konzentration, der Extrakte, der Essenzen in Zeit, Wohnung, Lebensweise, in geistiger und körperlicher Nahrung. Man ist schon auf dem Wege. -- --

Unter uns, Herr Professor, Sie als Soziologe werden mich verstehen. Daß aber um Gottes willen Ihre Frau Gemahlin nichts davon erfährt: Apropos der Tatsache, daß die Frauen so entsetzlich hilflos und deplaziert in der Küche sind, möchte ich vorschlagen, daß man dem weiblichen Geschlecht den ungeliebten und unverstandenen Beruf der Köchin und Haushälterin so bald wie möglich abnehmen sollte. Wie meinen Sie? -- Ha, ha, ganz richtig! -- Die Frauen sollten dann zum Zeitvertreib die Regierungsgeschäfte besorgen. Derartige Kleinigkeiten sagen dem weiblichen Gemüte viel besser zu. Und auf die Diplomatie verstehen sich die Weiber ohnehin bedeutend besser als wir ehrlichen, maskulinischen Naturen. Herrschsucht und Firlefanz ist ihr Element. Warum haben denn die Bienen und Ameisen »Königinnen«? -- Aber rationelle, wissenschaftliche Ernährung des Körpers, Kochen und Kindererziehung sind wichtige menschliche Funktionen, die den Händen von vernünftig denkenden, künstlerisch fühlenden Männern anvertraut sein müssen, von Männern, die sich nicht als gubernatoriale Possenreißer und Hanswurste produzieren sollten. Dann würde vieles anders werden in der Welt. -- Wie? -- Ja, leider, leider! Ich weiß es wohl. Es wird noch lange dauern. Wir erleben den Tag nicht mehr. Und -- um uns nicht lächerlich zu machen! -- es bleibt einstweilen noch unser strengstes Geheimnis!

III.

Es mag kommen, was will, Herr Professor! Die größten Ereignisse, die ungeahntesten Erfindungen, die wichtigsten Entdeckungen, sie führen uns nicht weiter. -- Die edelste Beschäftigung des Menschen ist der Mensch. Das hat Lessing behauptet. Und dies große Wort sollte im täglichen Leben eines jeden Menschen Anwendung finden. Dann würden all die lächerlichen »Fragen« und »Probleme«, mit denen wir uns heutzutage abschinden, in nichts zerfallen. Und wir brauchen gar nicht weit zu greifen, um Bestätigung dafür zu finden. Überall, in jeder kleinen Handlung zwischen Menschen, in jedem Verkehr, jedem Worte, jedem Blick harrt das ganze Geheimnis mit all seiner bittern Süßigkeit und wartet auf den Mann, der es sucht und erkennt.

Drum wollen wir die erste beste Gelegenheit beim Schopfe fassen und die Probe ziehen. Ich habe Ihnen ganz überflüssigerweise gesagt -- denn Sie wissen es so gut wie ich --, daß unser gutes Essen oft durch schlechte Bedienung verdorben wird. Aber warum? -- Natürlich geben wir dem Kellner schuld. Aber in vielen, ja in den meisten Fällen ist es unsere eigene Schuld, wenn wir schlecht bedient werden, wenn unser Appetit verdorben wird, wenn unser Diner einen jammervollen, bedauerlichen Ausgang nimmt. -- Wieso? -- Ich finde Ihre Frage verständlich, doch muß ich sie mit einer Gegenfrage beantworten. Können Sie mir genau definieren, was der junge Mann ist, der uns bedient? -- Ich meine, welche Stellung er uns gegenüber einnimmt? -- Selbstverständlich, er bedient uns. Aber das ist nicht alles. Ja, ja, sehen Sie, welche vage Ideen wir von dem haben, was wir von anderen verlangen können und wozu wir berechtigt sind! Und wie weit denkt das liebe Publikum erst! Natürlich weiß oft auch der Kellner seine Pflicht nicht. In beiden Fällen ist das Resultat ein ganz schreckliches. Es ist unglaublich, wie empfindsam, wie ungeduldig wir an der Tafel sind. Und erst wie gespannt und gereizt die Nerven der Leute sind, die uns bedienen! Die geringste Kleinigkeit kann die so vorbereiteten Gemüter in einen Sturm von Aufregung versetzen. Nach einem solchen Renkontre ist's mit unserm Appetit selbstverständlich aus. Desgleichen mit dem guten Willen dessen, der mit uns zu tun hat. Wenn wir gut und ungestört essen wollen, ist es daher für uns absolut notwendig, zu wissen, was ein Kellner ist. Da wir nun einmal auf die Bedienung angewiesen sind, wollen wir nun doch nicht unser gutes Geld an schlechten Diners verschwenden. -- Ich sehe, Sie lachen wieder! -- Wie, ich nehme die Sache zu gründlich, zu ernst? -- O nein, ich bin ein großer Egoist. Ich vermeide nur jede Gelegenheit zum Ärger: ich versuche nur jeder Dummheit, also jeder Ungerechtigkeit und Unhöflichkeit aus dem Wege zu gehen. -- Außerdem sollte unser Schamgefühl es nicht zulassen, daß wir einen Menschen, der mit uns in so nahe Berührung tritt, ganz außer acht lassen, ihn wirklich ganz und gar ignorieren. Es ist weder ratsam noch weise. Für eine derartige Unterlassungssünde müssen wir oft schwer büßen. Daher habe ich den Oberkellner gebeten, mir während meines Aufenthaltes in diesem Hotel immer den gleichen Kellner zu überlassen, da ich an ihn gewöhnt bin und ihn ziemlich gut kennen gelernt habe.

Goethe sagte einmal: »In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.« -- Bei meinem Kellner ist dies sehr zutreffend. Ich halte unsern jungen Mann zum Beispiel für ein eigenartiges Talent. Die Art und Weise, wie er uns behandelt, ist bewundernswert. -- Das ist sein Geschäft? -- Natürlich! Aber Sie haben jedenfalls noch nicht die Schwierigkeiten betrachtet, mit denen er zu kämpfen hat. Wenn Sie sein eigenartiges Geschick, welches uns so vorteilhaft zustatten kommt, ein »Geschäft« nennen, so verstehen eigentlich wirklich herzlich wenig Kellner ihr »Geschäft«. Und wir werden sehen, woran dies liegt. Jede unserer modernen Industrien hat nämlich ihre Sklaven, ihre Opfer und ihre Unterdrückten. Mit einer gerechten, wilden Wut wehrt sich die Arbeiterschaft dagegen, tut sich zusammen, agitiert und streikt. Denn das menschliche Gefühl sträubt sich gegen Sklaverei, Opfer und Unterdrückung. So war es zu allen Zeiten. Jedes Tier wehrt sich dagegen. Aber die Arbeiter finden es schwer, gegen die Hochburgen der Finanz anzukommen. Es erfordert Zeit, Schulung, Taktik, Organisation, Geldmittel und Ausdauer, sie zu nehmen. Dies alles fehlt. Das haben die Plebejer im alten Rom blutig erfahren müssen. An diesen Widerständen rannten sich die Leibeigenen und Bauern des Mittelalters die ehrlichen, dummen, von Blut, Freiheitswahn und Plünderlust berauschten Schädel ein. Aber es fielen dennoch die Festen der römischen Patrizier, und die Trümmer der mittelalterlichen Raubritterburgen reden heute stumm, aber deutlich. So werden auch die Kämpfe des modernen Arbeiters nicht fruchtlos sein. Doch je weiser, taktischer, ruhiger er sie führt, um so besser ist es für ihn selber. Die festen Mauern der Finanz werden am sichersten durch die Insassen selber zerstört. Die gerechte Zeit duldet keine Festungen. Sie rüttelt und schüttelt, korrumpiert und untergräbt sie. Das lehrt die Geschichte aller Zeiten. Die Belagerer sollten nicht blindlings ihre Kräfte an Steinen verschwenden, die noch nicht morsch genug sind, zu fallen. Sie sollten nur wachsam sein und beobachten, die schwächsten Seiten der Feinde angreifen, vor allem aber das eigne Lager frisch und stark erhalten.

Ich kann mit Recht behaupten, daß der Kellner in gewissem Sinne der Sklave oder der Unterdrückte der modernen Hotelindustrie ist. Bei einiger Beobachtung wird dies selbst dem Uneingeweihten auffallen. Doch ich will mich bemühen, Ihnen die Lage ruhig und klar zu definieren, damit Sie, Herr Professor als Soziologe, einen neuen Menschen in einer neuen Industrie kennen lernen. Ich habe Ihnen bereits die Entwicklung dieser neuen Industrie flüchtig vor Augen gestellt. Wir haben gesehen, daß dieselbe wirklich erst ein Vierteljahrhundert alt ist.

Einerseits ist es daher verständlich, daß die Verhältnisse noch ungeordnet und schlecht organisiert sind. Die Stellung des Kellners in dieser Industrie sieht nun ganz danach aus, als ob man sie in aller Eile mit dem so plötzlich ins Ungeheure wachsenden Hotelbetriebe zusammengenagelt habe. Und so behilft man sich schlecht und unrecht weiter. Ein solches provisorisches Gebäude aber kann bei einem leichten Windstoße einfallen. Und ein stabiles, schönes Haus läßt sich über Nacht nicht errichten. Darum muß der Kellner Geduld haben, und er darf das Lattenhaus seiner Existenz nicht eher abbrechen, als bis ein besseres Obdach für ihn dasteht. Aber es ist an der Zeit, daß er den Grundstein dazu legt.

Es ist auch sehr fraglich, ob sich die Hotelbesitzer an diesem wichtigen Werke beteiligen werden. In der Hast und Eile der schnellen Entwicklung des Hotelwesens haben die Besitzer natürlicherweise alles für ihren Betrieb, für ihr Haus und wenig oder gar nichts für die Menschen getan, die es führen, darin arbeiten und ihr Brot verdienen sollen. Die ebenso schnell aufspringende Konkurrenz hat wichtigere Fragen an die Unternehmer in der Hotelindustrie gestellt als die des leiblichen und geistigen Wohls der Angestellten. Über die Lösung dieser Vorzugsfragen werden bekanntlich in _allen_ Industrien die Angestellten vergessen. Wer sich aber die Lage der gesamten Angestellten der Hotelindustrie genau betrachtet, wird nur im Lose des Kellners einen tief einschneidenden Unterschied von dem der mitwirkenden Angestellten oder der Arbeiter aller anderen Industrien überhaupt entdecken. Der kaufmännische Angestellte des Hotels ist nichts mehr noch weniger als sein Kollege irgendeiner anderen »Branche«. Die Stellung des Koches als technischer Angestellter im Hotel kann ebensowenig mit der des Kellners verglichen werden, wie die des männlichen und weiblichen Hauspersonals. Der Kellner ist weder Kaufmann noch Koch noch zum Hauspersonal gehörig, und doch muß er die Grundkenntnisse von allen Zweigen besitzen. Er ist Kellner. Seine Stellung im Hotel als Vermittler zwischen der Kundschaft und dem produzierenden Teil des Hauses kann nicht einmal richtig mit der eines Verkäufers in einem anderen großen Geschäftshaus verglichen werden. Er ist _mehr_ als ein Verkäufer. Seine Pflichten, seine Kenntnisse, sein Arbeitskreis sind größer, die Anforderungen, die an ihn gestellt werden, sind weit mehr als die, die ein gewöhnlicher Verkäufer zu erfüllen geneigt wäre. Der Kellner wird noch immer vielfach von einfältigen Menschen zur dienenden Klasse gerechnet. Nichts ist falscher als dies. Ohne ein Diener, ohne ein Faktotum zu sein, tut er dennoch alles Mögliche, wird alles Mögliche von ihm verlangt, das, streng genommen, nicht im Bereiche seiner Pflicht liegen sollte. Seine Stellung ist einzig. Ein ähnliches Beispiel in einer anderen Industrie könnte ich nicht angeben.

Vor dem Gesetze ist der Wirt ein Kaufmann. Der Kellner ist aber juristisch kein Handlungsgehilfe, sondern ein Gewerbegehilfe. Gewiß. -- Aber ein gewiegter Jurist würde dennoch Schwierigkeiten haben, die Stellung des Kellners genau zu definieren. Natürlich, es ist sehr einfach, ihn in eine gewisse Kategorie von Angestellten hineinzustecken, aber die für diese geltenden Gesetze kann man nicht auf den Kellner anwenden, ohne ihn zu schädigen oder zu bevorzugen. Seit die Luftschiffahrt aufgekommen ist, streiten die Leute sich über ihre Rechte in den Lüften. Aber keiner hat recht, denn es gibt noch keine Gesetze der Lüfte, noch keinen Äro-Kodex. Die Luftschiffahrt ist noch neu. Und da der Kellner ein »ganz neuer Mensch« ist, so stehen wir auch ratlos vor seinen juristischen Rechten. -- Ich will mir darüber nicht den Kopf zerbrechen. Das überlasse ich anderen. Aber ich will von den menschlichen Rechten des Kellners sprechen, die Ihnen, Herr Professor, ebenso wie mir und der ganzen Welt (einschließlich der Wirte) bekannt sind, die aber jämmerlich vernachlässigt werden. Die Menschen sind entsetzliche, gedankenlose Pedanten. Warum werden die menschlichen Rechte des Kellners nicht geachtet? Weil er keine juristischen hat? Weil sie nicht schwarz auf weiß stehen? Und darum ist der arme Ganymed auch der Stiefsohn des mildtätigen Bonifaz.

Gerade dieser Mensch, an den so viele gerechte und ungerechte Anforderungen gestellt werden, der allwissend, allriechend, allfühlend sein soll, der vierundzwanzig Stunden im Tage jung, gesund, frisch, munter, höflich, gewandt, freundlich, lächelnd, sprungbereit, stets bei der Hand sein soll, -- gerade dieser Mensch, der die wichtigste Person im Geschäfte ist, er wird vernachlässigt, verachtet, umhergestoßen, beschimpft, verhöhnt, gekränkt, in Unwissenheit, im Stich, ohne Recht gelassen, wo und wie man nur eben kann. Jeder und alle trampeln auf ihm herum. Die Gäste, die Vorgesetzten, das kaufmännische Personal, die Köche, die Detektive, die Kontrolleure, die Stewards, ja selbst die Silber- und Schüsselwascher. Vom ersten Direktor bis zur zänkischen Linnenmamsell unter dem Dache und der »kalten« Mamsell in den untersten Regionen, alle wollen sie über den geplagten Kellner »etwas zu sagen« haben. Alle wollen sie ihn kommandieren. Und er, der aalglatte, gewandte Jüngling, schlüpft und hüpft, schlängelt und drängelt sich überall hindurch, nimmt alles Unrecht schweigend in sich auf. --

Die Arbeit des Kellners ist hart. Seine Arbeitsstunden sind lang. Der Kellner kennt keinen Sonntag, keinen Feiertag. Er arbeitet tief bis in die Nacht hinein. Und an allen Tagen des Jahres. Wir kennen, Herr Professor, die nächtlichen Sitzungen, die sich so furchtbar in die Länge ziehen. Der Kellner wacht. Das Geschäft zwingt ihn, je nach Bedarf seine Arbeitsstunden bis in den grauen Morgen hinein zu verlängern. Er wird nicht vom Posten abgelöst. Er bekommt keine Extravergütung für die Überstunden, kein Äquivalent für den verlorenen Schlaf, für die untergrabene Gesundheit. Die Ironie des Schicksals will, daß er gerade dann, wenn andere Menschen sich freuen und lustig sind, an Sonn- und Feiertagen und festlichen Gelegenheiten, am härtesten und am längsten arbeiten muß.

Das Geschäft zwingt den Kellner, im Hause zu essen. -- Wie meinen Sie? Bequem? -- Gewiß, für -- das Geschäft. Es braucht seinem Angestellten deshalb keine freie Stunde zur Mahlzeit zu gewähren. Drei Mahlzeiten im Tage, das sind drei Stunden Verlust für das Haus. -- Außerdem hat das Haus den Angestellten jederzeit in erreichbarer Nähe, er ist nötigenfalls sofort bei der Hand, er kann immer bei der Mahlzeit gestört werden. Das ist wirklich sehr bequem -- für das Haus.

Was? -- Diese Mahlzeiten sind frei? -- Sie kosten den Angestellten nichts? -- Ja, so sieht's beinahe aus. -- Nein, Herr Professor, Sie dürfen nicht glauben, daß die Mahlzeiten, welche der Kellner im Hause genießt, eine Art von Geschenk oder Gnadenbrot seien. Er muß schwer dafür bezahlen. Das werde ich Ihnen sehr bald ausrechnen. Es ist sehr einfach. -- Der Kellner wird also gezwungen, eine unverlangte Kost zu genießen und dafür zu bezahlen, eine Kost, die selten, sehr selten gut genannt werden kann, die in den meisten Fällen schlecht, sehr schlecht, manchmal gar direkt ungenießbar ist und tief unter dem Niveau des berüchtigten Kasernenmenüs steht. Es ist ganz natürlich. Die Häupter der Häuser bekümmern sich nicht um das Essen des Personals, die Summe -- wenn eine dafür veranschlagt wird -- verschwindet oft ganz oder teilweise in unergründlichen, mysteriösen Tiefen, und gewissenlose Köche bereiten von den Speiseresten der Gäste das Mahl für die Angestellten. Den Rest können Sie sich denken. Für die Angestellten und namentlich für den geduldigen Kellner ist bekanntlich alles gut genug.

In den meisten Fällen zwingt das Geschäft auch den Kellner, im Hause zu wohnen. Hier sind natürlich die gleichen Gründe geltend wie die zur obligatorischen Verpflegung. Und die gleichen Vorteile -- für das Haus. Man hat den Angestellten immer unter Kontrolle, er ist stets da. Jeden Augenblick ist er zur Verfügung. Und für diesen liebenswürdigen Dienst, den der Kellner dem Hause damit tut, indem er stets und immerwährend, vierundzwanzig Stunden lang im Tag, vorhanden ist, darf er das Haus gleichfalls gut bezahlen. Daß er bei dieser obligatorischen Einquartierung nicht auf der Beletage des Hauses untergebracht wird, ist auch selbstverständlich. Wieviel der Kellner für diese Quartiere bezahlt und welchen Einfluß sie auf die körperliche und geistige Gesundheit und Moral der Insassen haben, werden wir auch noch sehen.

Dies ist -- kurz zusammengefaßt -- die Stellung des Kellners in der Hotelindustrie. Was ist aber die Bezahlung für die Wunderwerke der Geduld und technischen Könnens, die man von ihm verlangt? -- Wir wissen's alle, und die ganze Welt weiß es. Der moderne Kellner ist, wie gesagt, für die Legislaturen der verschiedenen Länder eine neue Erscheinung. Er ist auch noch nicht offiziell mit ganz entschiedenen Forderungen an die gesetzgebenden Körper herangetreten. Der moderne Kellner vegetiert in allen zivilisierten Ländern der Erde. Mit den Herren Legislatoren dieser Länder ist er unoffiziell sehr gut bekannt und sogar bei ihnen beliebt. Seine Rechte als Mensch jedoch, das Dasein, welches er fristet, haben die Herren Abgeordneten, M. P.s, Deputierten, Senatoren und wie sie alle heißen, bei der guten Flasche vor und nach der Sitzung des Hauses und über den guten Braten hinweg niemals bemerkt oder immer und immer wieder vergessen. Nur hie und da erinnerte man sich des Kellners, namentlich in dem gewissenhaften Deutschland, wo bekanntlich nichts unbeachtet bleibt und wo nichts und niemand ist, von dem oder worüber noch kein Buch geschrieben worden wäre.*) Aber auch in Deutschland wurde nicht viel erreicht, und die Zustände im Berufe des Kellners sind auf der ganzen Welt ungefähr die gleichen.

*) Mit Ausnahme des vorliegenden Buches. (Nachträgl. Anm. d. Verf.)

Können Sie mir, Herr Professor, einen Beruf, ein Gewerbe, einen Stand auf der ganzen weiten Erde nennen, der so sehr an Sklaverei erinnert wie das Dasein des Kellners?

Nein, Sie können es nicht, sehen Sie! -- Das ist die Stellung des Kellners in der Hotelindustrie. Das ist die menschenunwürdige Sklaverei; das ist die Unterdrückung. Das ist der Augiasstall, der gereinigt werden muß und der nur vom Kellner selbst gereinigt werden kann. Das ist das Bretterhaus des Kellners. Und dieser jammervolle Notbehelf wirft natürlich seine dunklen Schatten auf das Leben und auf das junge Gemüt des Kellners selbst und gestaltet seine Lebensanschauungen, seinen Charakter und folglich sein ganzes Leben in den allermeisten Fällen zu etwas Fragmentarischem, etwas Provisorischem. Es ist eben nur ein Lattenhaus. Der Kellner kennt keine Heimat, kein Heim, keinen Sonntag, keinen Feiertag, keinen Feierabend. In seinem Lattenhause lebt er von heute auf morgen. Er hofft von heute auf morgen. Er arbeitet von heute auf morgen. Er verdient von heute auf morgen. Er ist ganz auf sich selbst angewiesen. Und hat kein Vorbild, keinen Halt. Für seine Arbeit gibt es keine Regeln. Seine Arbeit ist eine große Kunst. Sie ist die große Kunst des Lebens und der Anpassung. Als Kind wird er in dies Chaos gesteckt, versagt er in seiner Kunst, so ist es sein jämmerlicher Untergang. Bittet er um Unterricht in dieser Kunst, so zuckt man mit den Achseln und bedauert. Er muß sie »von selber« verstehen. Das große Leben paukt sie ihm ein. Eine solche Spannung hat ihre Rückwirkung. Wird der junge Mann für einige Stunden aus seiner Sklaverei befreit oder läßt die Spannung während einer freiwilligen oder unfreiwilligen Stellenlosigkeit nach, so bricht in ihm -- jung, wie er ist und immer sein soll -- das verborgene gefährliche Element hervor, das ihn einem zu frühen geschäftlichen, körperlichen, gesellschaftlichen und geistigen Tode entgegenreißt.