Die Moral des Hotels: Tischgespräche

Part 6

Chapter 63,405 wordsPublic domain

Der Triumph der Pflanze ist die Blüte. Die Blütezeit ist ihr Sinnenrausch. Dann duftet sie sich aus in Glück und Daseinsfreude. Es gibt Insekten, deren höchster und schönster Lebensaugenblick der Sinnenrausch ihrer Liebesszenen ist. Nach diesem Taumel müssen sie zugrunde gehen und Platz machen für andere Generationen. Wenn Nationen nun ihre Blütezeit, ihre inspirierte Epoche erreicht haben, müssen sie langsam absterben. Dies kann im Leben einer Nation natürlich jahrhundertelang währen. Die ganz feine Kochkunst fördert gewiß den Sinnenrausch der Menschen. Sie tut fast nichts als dies. Es ist ihr Beruf. Zaghafte Menschen und Moralisten werden daher in dem auserlesenen Essen und im Luxus überhaupt, ja sogar in der »Lebensfreude« den zeitigen oder unzeitigen Ruin ihrer Nation erblicken. Sehr richtig. Nur nicht richtig in ihrer Auffassung. -- Es fragt sich, was ein Ruin ist. Das Erdgeborene muß wachsen. Je schöner, um so besser. Wenn es eine gewisse Höhe erreicht hat und nicht mehr weiter kann, muß es niedergehen. Es kann nicht stille stehen. --

So, sehen Sie, meine Freunde, haben sich die Zeiten verändert. Dem müden Wanderer öffnet sich keine Haustüre mehr, kein freundlicher Hausvater begrüßt ihn mehr. Die Pferde der Postkutsche scharren nicht mehr ungeduldig vor dem Tor des kleinen Gasthofes an der einsamen Landstraße. Kein Postillion stößt mehr lustig in sein Horn, keine Peitsche knallt mehr. Kein rundes Wirtlein mit Schürze und Käppchen tritt mehr hastig an den verstaubten Wagenschlag heran, die hohen Fremden ehrerbietigst zu empfangen. Endlose Reihen von Equipagen und Lakaien mit roten Gesichtern, gepudertem Haar und sehr traurigen Augen, Hunderte von rauchenden und fauchenden Automobilen mit zottigen, protzigen, brutalen Chauffeuren halten nun an den Portalen der Paläste, welche den müden Wanderer beherbergen. Groß sind die Paläste, riesengroß. Fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig und dreißig Stockwerke hoch. Raum haben sie reichlich für Tausende von müden Wanderern. Ihr Inneres glänzt von Lichtern, die sich in Marmor und Golde widerspiegeln. Palmen zieren die hohen Hallen, Teppiche aus dem Morgenlande dämpfen die Schritte. Blumen und feine Parfüms versüßen die Luft, schmeichelnde Musik mischt sich dazwischen. Und ein buntes Gemisch von feinen Menschen schlängelt sich umher, lachend, scherzend, schwatzend und tänzelnd. Alle Nischen und Bögen hallen wider vom Geschwirr der feinen Stimmen, vom Schall des fröhlichen Gelächters. Wie sie schauen, wie sie grüßen! -- Jeder Herr ist ein König, jede Frau die schönste Prinzessin im ganzen Lande. Perlen und Rosen winden sich durch die duftigen Haare; kostbare, edle Steine funkeln in wollüstiger Freude, daß sie an den herrlichen, weißen, warmen Busen ruhen dürfen. Seidene Gewänder rascheln und knistern, während die göttlichen Körper, die sie umschlingen, sich im Takte der sanften Töne wiegen. Die wundervollsten Augen lachen. Sie glänzen und flimmern und kennen nichts vom Leide der Erde. Wenigstens zeigen sie's nicht. Perlene Zähne schimmern in opalenem Glanze unter den Purpurlippen hervor, wenn sich der weiche, süße Mund lächelnd öffnet, ein schelmisches Wort zu flüstern. Scharfäugige Detektive bewachen die Menge, verfolgen die Bewegungen jedes einzelnen, der nichts ahnend sich in den großen, bunten Strudel stürzt und fröhlich oder nervös darin herumschwimmt.

Diener und Lakaien stehen umher, regungslos mit starren Gesichtern, in glänzenden Uniformen, auf den Herrn oder die Herrin wartend. Boten und Läufer rennen hin und her, Beamte geben Befehle. Geschäftige Scharen von jungen Menschen bringen die köstlichsten Speisen, die saftigsten Früchte, die edelsten Weine. Und tief unter den prunkenden Sälen und Hallen sind endlose labyrinthische Räume, gefüllt mit einer wimmelnden Menge von Arbeitstieren, die für die lachenden, glücklichen Menschen über ihren Häuptern schwitzen und umherrennen. Ein ohrenbetäubender Lärm erfüllt die endlosen weißen Regionen. Tausend menschliche Stimmen, schreiend, befehlend, rufend, schrilles Gerassel von silbernen Geschirren und hartes, abgerissenes Klirren von porzellanen, irdenen und kristallenen Schüsseln, dumpfes Dröhnen kupferner Kasserollen, Klappern eiserner Pfannen, Zischen des Dampfes, Knistern und Sprühen und Prasseln der glühenden Herdfeuer, das laute Kreischen der Braten, das Brodeln der Tiegel, das Surren der elektrischen Motore, das Knirschen der Schneide- und Quetschmaschinen, alles mischt sich zusammen zu einem nervenzerreißenden Getöse. Eine rauschende Fabrik! Hier hantiert ein Regiment weißer Köche herum und kämpft eine wilde Schlacht mit den kalten und heißen Elementen. Ruhig und kühl steht inmitten all des Gewühls die schneeige Majestät des obersten Chefs, ein Träger vieler Ehren und Sorgen. Und um ihn herum scharen sich treu ergeben die Saucenästhetiker und Zuckerbildhauer. Ihn suchen die bangen Augen der weißen, kampfbegierigen, schweißwischenden Männer mit langen Messern und Dolchen ungeduldig der Befehle des Großen harrend. Die Adjutanten rennen hin und her, brüllen die Kommandos durch das Toben des Kampfes in die hinteren und niederen Regionen hinein, wo eine schreckenerregende bewaffnete Schar von niederen Helfershelfern haust, die die Befehle mit schauerlichem Gebrüll beantwortet und ausführt. Dort hinten wimmelt es von wildblickenden Kurden, Lemuren und Unterteufeln, schwarze, südliche, glutäugige, diabolische Gestalten sind es, von unbestimmbarer Nationalität, feistnackig, schmerbäuchig, fetttriefend, mit blutbefleckten Tatzen und stählernen Muskeln, erhitzt vom Feuer, grausam vom Anblick des rohen Fleisches, lüstern vom beständigen Blutgeruch. Dort hinten sind die großen, starren Regionen des Eises, die großen Kühlkammern, gefüllt mit Fleisch und köstlichsten Früchten. Dort können Sie alle Naturwunder Indiens, alle Spezereien Arabiens sehen. Orangen und Grapefruit aus Florida, Pfirsiche aus Südafrika, Melonen aus Mexiko, alle delikaten Produkte der westindischen Inseln, alle zarten, jungen Gemüse von nah und fern, welche die Jahreszeit oder das Treibhaus bietet. Alles liegt bereit und wartet auf unser Machtwort. Wie herrlich! Wir sind die Herren der Welt! Welch gottvolle Rechte haben wir nicht!

Denken Sie sich nur, wie interessant, gnädiges Fräulein, da Sie soeben noch Hummer ~à l'americaine~ gegessen haben! Vor einer halben Stunde kroch Ihr Hummer noch behäbig zwischen seinen hundert Brüdern in der kühlen Packung umher, hie und da einen anderen gutmütig mit den schweren Zangen zwickend. Da kam Ihr Machtwort, gnädiges Fräulein, welches unser Kellner dem Chef überbracht hatte. Mit kritischen Blicken wählte der Koch zwischen den hartschaligen, trägen Bewohnern der Tiefsee und suchte ihnen den lebendigsten aus! Denn unser freundlicher Kellner sagte, daß er für Sie bestimmt sei. Das Opfer wurde erfaßt -- es sträubte sich energisch und klapperte wütend mit dem starken Schwanze. Aber da hilft kein Klappern: das unbarmherzige Schlachtmesser saust ein paarmal nieder, und die noch lebenden, zuckenden Stücke des gevierteilten Hummers färben sich langsam in der heißen, kreischenden, gewürzten Butter zu appetitlichem Rot. Eine halbe Flasche aromatischen Wein dazu, zugedeckt und gar dämpfen lassen, dann schnell serviert. -- Ihre blaue Forelle, Herr Doktor, schnellte noch vor kurzer Zeit behende im Fischbassin umher und suchte hastig und nervös den Maschen des Netzes zu entschlüpfen. Denn sie ahnte die Absichten des Fischers und das grausige Schicksal, das schon so viele ihrer flinken Schwestern weggeholt hatte. Aber da half kein Zappeln: sie wurde erhascht, vorsichtig ausgenommen und behutsam, daß der natürliche Schleim nicht abgewischt werde, in das dampfende, würzige Wasser gelegt. -- Holländische Sauce oder einfach frische Butter dazu: Ah -- tip-top!

Morde werden dort begangen in den eisigen Regionen von den eisigen Herren der Schöpfung, Morde, wobei uns das Wasser im Munde zusammenläuft, wenn wir daran denken! -- Die liebliche Riesenschildkröte, deren Liebenswürdigkeit ich meine herrliche Suppe verdanke, fristete noch vor einigen Tagen ihr stupides, ganz überflüssiges, inhaltsloses Dasein. Als sie sich einmal plötzlich an den Hinterbeinen erfaßt und aufgehängt fühlte, entschied sie sich zögernd, den dummen Kopf aus den schützenden Schalen herauszustrecken, um sich zu erkundigen, was denn eigentlich los sei. Auf diesen Augenblick hatte der hinterlistige Chef gewartet. Sein scharfer Säbel sauste, drang in den grauen, runzeligen Nacken des Ungeheuers und trennte dort die festen Verbindungen, so daß zwischen Kopf und Rumpf eine unnatürliche Entfernung entstand. Die langsame Schildkröte hatte nicht einmal mehr Zeit, ihre Verwunderung oder ihr Entsetzen darüber auszudrücken, denn durch die entstandenen Öffnungen entschlüpfte ihre Seele schnell ins Unendliche.

Fest halten die lieblichen, weichherzigen Austern die Türe ihrer Gehäuse zu, wenn sie merken, daß ein Einbrecher mit bösen Absichten und einem starken Brecheisen draußen sich zu schaffen macht. Aber was hilft das? Wir sind die Stärkeren. Und die winzig kleinen Krabben, die oft mit den Austern in friedlicher Gütergemeinschaft zusammenwohnen, müssen dann einen stummen Abschied von ihren schlüpfrigen Freundinnen nehmen, denn auch sie sollen verspeist werden. Wehrlos strampeln sie noch einmal mit den dünnen, schwachen Spinnenbeinchen, -- dann ist's aus. Den Menschen freut nur ihr Widerstand und ihre Lebendigkeit. Sie erhöht seine Gier. -- Sehen Sie dort die riesigen, protzigroten Langusten auf dem Büfett? Sie mußten im siedenden Wasser ihr Leben lassen, entrüstet gegen den plötzlichen Temperaturwechsel mit dem gewaltigen Schwanze protestierend, da sie nur an das kühle, grüne, träumende Wasser des tiefen Meeres gewöhnt sind. Und alle sterben sie uns zuliebe. Ist es nicht eine Wonne, dies anzusehen?!

So liegen tausend Leichen von lieben Feld-, Wald- und Wasserbewohnern in den festen Eiskammern sorgfältig und säuberlich aufgespeichert und warten, bis sie in die Krematorien der Bratöfen geworfen werden, wo sie unter Wimmern, Schmurgeln und Zischen braten müssen. Wenn sie schön knusprig und gar genug sind, bekleidet sie der sinnige Koch mit einer lieblichen, raffinierten Sauce und legt zärtliche Gemüse an ihre Seite. Schwarze Menschen stehen ungeduldig bereit, sie auf silbernen Schüsseln stolz schnüffelnd in den glänzenden Saal zu tragen. Kritisch betrachtet der große Oberbefehlshaber noch einmal die armen Tierchen, bevor sie für immer verschwinden, und wenn sie seine Zufriedenheit erregen, gibt er seinen Segen zu ihrem pompösen Leichenzug in den Speisesaal. Se. Exzellenz der Herr Finanzminister selbst würde den Mund aufsperren, nicht nur um die guten Dinge in Empfang zu nehmen, nein, auch schon, wenn ihm zu Ohren käme, wieviel man dem großen, ruhigen Chef des Küchendragonergeneralstabes für seinen Segen bezahlt. -- Dieser Segen -- wie alle feierlichen Zeremonien -- ist meistens von sehr charakteristischen, südlichen Gesten begleitet. Eine der beliebtesten ist, die Spitzen der fünf Finger zusammenzudrücken, an die Lippen zu führen und wieder zu entfernen, wobei die Finger lebhaft ausgespreizt und wieder zusammengeführt werden. Bei ganz wichtigen Gelegenheiten treten beide Hände in Aktion. -- --

Immer tiefer steigen wir, vorbei an den kühlen, imposanten Gewölben, die viele Tausende von feurigen Flaschen und alte, ehrwürdige, bestaubte Fässer vor Frevlerhänden beschützen. Und hinab führt unser Weg in die Herzkammern des Riesenkörpers, in die Maschinenräume. Tobte in der Küche ein höllischer Lärm, hier herrscht der Friede einer Kathedrale. Lautlos drehen sich die großen Schwungräder und Riemscheiben um ihre Achsen, angenehme Luft fächelnd. Unheimliche Riesenbäuche liegen dort, die Öffnungen fest verschlossen, nur ein unterdrücktes Zischen, ein dumpfes Zittern tief unten verrät die gewaltige Glut, die ihr Inneres birgt. Schneckenhäuser von gewaltigem Umfang stehen dort, wovon armdicke Kabel ausgehen und sich als die Nerven des Riesenkörpers bis in die kleinste Spitze des Hauses verzweigen. Gleichmäßig, stumm arbeiten die Ungeheuer, den Befehlen der Menschen gehorchend. Ab und zu sprüht ein bleichbläulicher Funke knisternd aus dem Innern hervor. Er will sich vom Zwange der Menschen befreien und Zeugnis geben von der rätselhaften Macht, aus welcher er stammt. Gedämpftes Keuchen und tiefes, unterirdisches Stampfen wie schweres Atmen einer Riesenbrust verrät den Unwillen der gefesselten Mächte, die der Mensch sich hier dienstbar macht. Hie und da seufzt wohl eine große Maschine auf, wenn ihre Bürde zu schwer wird, aber dann geht ein kleiner, magerer Mann im blauen Kittel mit eingefallenen Wangen und rußigem Gesicht hinzu, lauscht aufmerksam, dreht an einem kleinen Rädchen, und alles ist wieder in Ruhe und Ordnung wie zuvor. Wir vernehmen gutmütiges Brummen der Riesenventilatoren, der Lungen des Hauses, die von der Höhe des Daches frische Luft einsaugen und sie gereinigt in allen Räumen verteilen. -- Mit einiger Angst blicken wir von ferne in die weiße Glut des großen Krematoriums, das allen Unrat und Abfall des Hauses aufnimmt und bald zu dürrer Asche verwandelt. Hie und da begegnen wir einem ruhigen, schmächtigen Maschinisten, der seine Ungetüme bewacht wie ein Kinderfräulein seine Pflegebefohlenen. Ingenieure und Elektriker machen sich an großen, marmornen Schaltbrettern zu schaffen, wo tausend kleine und große Hebel in kupfernen Klammern stecken. Hin und wieder ertönt ein leises Glockenzeichen, ein rotes oder grünes Signallicht erscheint wie eine gespensterhafte Warnung oder Botschaft. Der kleine Mann wird aufmerksam, er berührt seinen Hebel, ein bleicher Blitz zischt auf, und die Ruhe ist wieder hergestellt. Wir hören das schwere Keuchen der Pumpen, die ganze Reihen hydraulischer Fahrstühle durch die hohen Schäfte bis in die obersten Stockwerke drücken müssen. Einzelne Wassertropfen fallen von den langen Kolben wie Schweißtropfen an den Armen eines Riesen herab. Wir sehen die großen Eismaschinen und Kühlanlagen, riesige Behälter, von denen gewaltige Rohre ausgehen, sich durch den Boden und die Wände bohren und sich wie Adern durch das ganze Haus verteilen. Tausend andere kleine Motoren und Maschinen arbeiten rastlos Tag und Nacht, sich automatisch ernährend, sich automatisch regulierend. Jede dient einem besonderen Zwecke, und alle haben nur einen Zweck: des Dienstes der Menschheit. Ein Blick auf einen Zeiger des Manometers, auf ein Schaltbrett, auf eine Uhr genügt dem erfinderischen Menschen, sich von der Kraft und dem Willen seiner stählernen Sklaven zu vergewissern.

Weiter gehen wir und treten in die Wäschereien. Da zischt es, dampft es und kocht es in den Zylindern. Von gewaltigen Armen wird das weiße, feine Linnen erfaßt und durch den kochenden Seifenschaum gezogen. Große, heiße Walzen drehen sich unaufhörlich, trocknen und glätten die nasse, faltige Wäsche. Hunderte von weißen, mageren, eingeschrumpften Mädchenhänden schichten die gereinigten Linnen zu hohen, warmen Bergen auf, die erst vor einer Stunde noch zerknüllt, schmutzig, fettig und befleckt in die Wäsche kamen.

Ihr Boudoir, gnädige Frau, liegt fern von dem Lärm, dem Gewühl, dem Schweiß und dem üblen Geruche der Arbeit. Die Luft, die ihr Appartement füllt, wird in großen, hohen Kammern filtriert und nach Gesundheitsvorschriften sorgfältig temperiert, bevor es ihr gestattet ist, von den Lungen der Gäste eingeatmet zu werden. Das Wasser, welches Sie zum Trunk an die Lippen führen, gnädiges Fräulein, wird destilliert und ist reiner und gesunder als das in den silbernen Gebirgsbächen. Die Geschirre, von denen wir essen, alle Provisionen, die für unseren Genuß bestimmt sind, werden in staubsicheren Arbeitsräumen aufbewahrt. Das kühle, feine Linnen der Betten, die Tücher, deren Sie zur Toilette und an der Tafel bedürfen, die Decken, auf denen Sie ruhen, alle werden vor dem Gebrauche chemisch sterilisiert. Jedes Staubatom wird täglich aus dem seidenen Teppich gesogen, den Ihr Fuß betritt. Die komprimierte Luft holt jedes Körnchen Schmutz aus dem Plüsch des Diwans, der Ihren Körper tragen darf. Es ist bis ins Kleinste hinein für Ihre kostbare Gesundheit gesorgt: alles, was sie gefährdet, wird verfolgt und vernichtet. Ihr Zimmer ist stets behaglich. Sie heizen kein Feuer, dennoch ist der Raum beständig gleichmäßig temperiert. Es geschieht automatisch. Sie sind geschützt vor tückischer Feuersgefahr. Wenn Sie sich zur Ruhe begeben haben und es entsteht auf irgendeine Weise Feuer in Ihrem Zimmer, so wird die Feuerwehr schon an Ihre Türe klopfen, bevor Sie vielleicht aufwachen und die Gefahr sehen. Denn wenn die Temperatur in Ihrem Zimmer eine unnatürliche, unregelmäßige, verdächtige Höhe erreicht, so warnt der wachsame automatische Feuermelder den Wächter auf Ihrer Etage und die Feuerwehr im Maschinenraum, und die wohltrainierten Leute stürzen zu Ihrer Hilfe herbei.

Sie denken daher nicht an das Heer der hastenden, brüllenden Köche, nicht an die flinken, geduldigen Kellner, nicht an die mageren, rußigen Heizer und Maschinisten, nicht an die kleinen, bleichen, schweißtriefenden Wäscherinnen mit den geröteten Augen. Sie sitzen in Ihren gesunden, sicheren, luxuriösen Gemächern und genießen die schöne Aussicht. Ein Druck auf den Knopf genügt, um Ihnen alles herbeizuschaffen, was Menschen produzieren können, was Geld kaufen kann. Sie heben am Schreibtisch oder im Bette den Hörer an Ihr Ohr und sprechen mit Ihren Freunden, die tausend Meilen von Ihnen entfernt sind. Ein Wink dem Diener, und das warme Wasser im marmornen Bade nebenan duftet Ihnen entgegen. Ein gewandter, angenehmer junger Mann, der in allen Zungen redet, steht jeden Augenblick bereit, sich nach allen Ihren Wünschen zu erkundigen. Sorgfältig schreibt er sie auf, steckt den Befehl in eine Kapsel und sendet ihn durch die pneumatische Rohrpost blitzschnell in den betreffenden Teil des Hauses, wo Ihr Befehl ausgeführt werden soll. Ein elektrischer Zeitstempel, der unerbittlich die fliehende Zeit registriert, zeigt genau den Augenblick an, wann der Befehl gegeben und ausgeführt wurde. Und das Gewünschte wird mit elektrischen Aufzügen in kürzester Zeit an den Bestimmungsort befördert. Seine Briefe kann der Gast vom obersten Stockwerke aus bequem und rasch hinunter in den Postkasten gleiten lassen. Er braucht sich nicht persönlich hinunter zu bemühen oder die Dienste eines anderen in Anspruch zu nehmen. Mühsame Treppen braucht der Gast nicht zu steigen. Glänzende Fahrstühle an allen Enden des Hauses gleiten lautlos hinauf und hinab. Hoch oben über dem Dache des großen Hauses zittern schwere Drähte im Winde, die unsichtbare, magische Funken auffangen, von denen die Luft schwirrt. Und vom Telegraphenbureau im Hotel aus erfährt der König, der Diplomat, der Industriefürst, der Geschäftsmann, der Privatmann, die Dame im Boudoir wichtige Nachrichten, frohe oder traurige Botschaften, welche ihnen Menschen, die weit entfernt sind, mitzuteilen haben. Im Souterrain des großen Hotels ist der Bahnhof der Untergrundbahn, und auf dem höchsten Giebel ist die Luftschiffstation.

Wirklich, die Zeiten haben sich verändert! Sie sind anders geworden, seit der einsame Wanderer an die fremde Türe pochte, als er sah, daß das Gestirn des Tags sich neigte und die Nacht anbrach. Die Tage sind nicht mehr, wo der behäbige, lächelnde Albinus stolz an die Wand seines Häuschens schrieb: »~Hospitium hic locatur ...~«, wo er am herkulaner Tor mit einem »~Salve amice!~« das bestaubte Pferd des Fremdlings anhielt, dem Sklaven die Zügel zuwerfend. Die Zeiten sind nicht mehr, wo die weisen Männer mit Lorbeerkränzen in den grauen Locken ihre frohen Mähler gaben und mit den Mänaden und den bekränzten Knaben um das träumerische Marmorbild des Dionysos wirbelten.

~This is the empire of business.~ Wir haben keinen Dionysos mehr. Er ist kalt gestellt im Museum. Wir haben keine Flötenspieler mehr. Wir haben Debussys und Sträuße. Wir haben keine hochgeschürzten, lachenden Knaben mehr, die uns den Wein reichen. Unser ~Ganymed~, der Kellner, ist gewöhnlich keine bestrickende, inspirierende Erscheinung. Die Hotelbesitzer sind nicht mehr die runden, schmunzelnden Leutchen von ehedem. Es sind große Herren, diese Herren Aktionäre. Sie gehören zu den ersten Familien des Landes. Man sieht sie fast gar nicht. Und dann höchstens im Gehrock und weißer Weste. Wir haben keine Mänaden mehr. Wir haben Varietégrößen. Wir haben keine Sängerinnen mehr; wir haben Chansonetten.

Aber wir wollen den Wandel der Zeiten nicht beklagen. Unsere Zeit hat auch ihre Rechte und auch ihre Verdienste. Das moderne Gasthaus bietet seinem Gaste mehr als das von gestern. Sicherheit, Reinlichkeit, Hygiene, alle Bequemlichkeiten, Auskünfte jeder Art, gutes Essen und unter Umständen sogar weitgehenden Kredit. Schwere Stahlkammern nehmen den Schmuck und die Wertsachen des Gastes auf; er braucht nichts zu fürchten. Eine Schar Barbiere erwartet höflich den struppigen Fremdling, die liebliche Manikuristin pflegt seine vernachlässigten Hände, ein Spezialist im Stiefelputzen poliert die Stiefeletten ohne Zeitverlust.

Wenn Sie ins Theater gehen wollen, gnädiges Fräulein, wartet Ihnen der freundliche Haarkünstler auf. Der sinnige Blumenhändler bringt Ihnen seine schönste Spende -- für einen Preis. Der Postbeamte befördert schnell und sicher Ihre wertvollsten und wichtigsten Briefe; der Telegraphenbeamte wartet, das schnelle Wort bis in die fernsten Winkel der Erde zu jagen. Der Makler, der Bankier und Geldwechsler hat seinen Stand aufgeschlagen und harrt der Befehle des Geldfürsten. Gegen einen Preis natürlich. Der Doktor, der Pharmaceut im Hotel hat seine Rezepte und Mittel gegen Nervosität, Migräne und Indigestion zur Hand -- ebenfalls gegen einen Preis. Man macht großartige Geschäfte. Der Zahnarzt repariert die verdorbenen Zähne -- gleichfalls nicht allein aus Mitleid mit den schönen Patientinnen. Die Miete ist hoch. Der Buchhändler hält die schönsten Romane und die neuesten Zeitungen feil, der Zigarrenhändler die besten, frischesten Havannas. Der Stenograph und Maschinenschreiber, der Dolmetsch und Fremdenführer -- alle harren sie unter einem einzigen Dache auf den einen Mann, der aus der Fremde kommt. Alles steht dem müden Wanderer zur Verfügung, wenn er dieser Leute und Dinge bedarf. Er braucht sich nicht zu bemühen, nichts zu besorgen, keinen Schritt zu tun.

In den glänzenden Fest- und Konzertsälen des großen Hotels können wir den erlesensten Konzerten, den intimsten Theatervorstellungen, den gelehrtesten wissenschaftlichen Vorträgen beiwohnen, reiche Kunstausstellungen bewundern. Bälle, Empfänge, Festessen werden dort veranstaltet, die an Glanz mit denen des königlichen Hofes wetteifern. Orchideen und Rosen verbreiten ihre Düfte, Palmen und andere exotische Gewächse, tausend zarte Lichter verwandeln die Säle dann in ein Märchenland. -- In warmen, sternenklaren Sommernächten ertönt liebliche Musik auf dem Dache des Riesenhauses. Was mögen die hängenden Gärten der alten bösen Zauberin im Morgenlande gegen einen solchen Dachgarten gewesen sein! Bunte Lampions schimmern zu Tausenden, blühende Bäume und Büsche flüstern, Gläser klingen, glückliche Menschen lachen. Rings umher aus der Ferne schauen Millionen Lichter der Großstadt wie flimmernde Augen eines dunklen Ungeheuers auf die Pracht, und von tief unten herauf schlägt das geschwächte Brausen des Straßenlärmes an die Zinnen des Riesengebäudes wie ein ohnmächtiges Zürnen gegen uns, die wir ihn fliehen und alles genießen, was Menschen bereiten können.