Die Moral des Hotels: Tischgespräche

Part 23

Chapter 233,460 wordsPublic domain

Und die Tragikomödie des Kellnerlebens besteht in diesem einen Gedanken: Es ist nichts Großes, Gewaltiges, das den Kellner bedroht und oft zermalmt. Kein Grubenunglück, keine Dampfkesselexplosionen, keine tobende See, kein brüllendes Feuer. Das Lächerliche, Oberflächliche, die Bagatelle, die Halbeleganz, die Halbbildung, das alles bemächtigt sich seiner Gestalt, sucht sich darin zu verkörpern, darin zu leben. Die Mühle der Kleinigkeit reibt ihn langsam auf, die Mühle unseres modernen Lebens. Sie zerkleinert die hehren Schmerzen der Menschenbrust langsam, damit das, was wir anfangs für einen heiligen Funken göttlicher Gewalt hielten, morgen zu einem lächerlichen Quark wird. Dies, dünkt mich, ist schlimmer und gefährlicher, als in Kohlenbergwerken sich die Lungen mit Staub anzufüllen oder in Bleifabriken giftige Gase einzuatmen. Was bedeutet es, wenn die Arbeiter der Bergwerke, der Bahnen, Schiffe, der Stahlwerke und Hochöfen zu Tausenden verunglücken?! -- Diese Männer sterben auf ihrem Posten einen Heldentod. Harte Arbeit und beständige Lebensgefahr mögen ihre Körper bedrohen und beugen, ihre Seelen aber werden stark dabei, bleiben aufrecht und trotzig. -- Mag der Lungendurchschnitt eines Bergarbeiters schwarz sein, sein Geistesdurchschnitt ist rein und gesund. Und bricht ein Unglück über sie herein, so scheiden sie aus dieser Welt als Männer, als Kämpfer, als gefallene Soldaten auf den großen Schlachtfeldern unserer Industrien. -- Ein schöner Tod! Wie anders ist aber das Leben unseres Kellners! Und wieviel schrecklicher ist sein Los! Welche Kräfte muß er aufbieten, um aus dem Wuste unserer Zivilisation einen rechten Lebensweg zu finden! Fehlen diese Kräfte, so wird sein junges Gemüt langsam, sehr langsam zermahlen und vergiftet, angesteckt von unheilbaren Leiden.

Wenn der Kellner nicht solch wundervolle Gelegenheit hätte, das große Leben, die herrliche Natur, die Wunder der Schöpfung zu sehen, dann müßte er wirklich verzweifeln. Aber die kaleidoskopische Abwechslung von göttlichen Bildern erhält ihn unbewußt aufrecht. Unwillkürlich läßt er alles auf sich einwirken. Willenlos läßt er sich tragen. Denn Kokotten, Kurtisanen, geschminkte Weiber sein Lebtag lang sehen müssen, immer und ewig dieselben, abgestandenen Phrasen anhören müssen, immer wieder dasselbe, freche, müde, stinkende Lächeln, die schnüffelnde Lüsternheit, die sogenannte Lebensfreude ansehen zu müssen, das muß in seiner Art auf die Dauer noch langweiliger werden als eine Anstellung bei der Regierung. Man muß ein eingefleischter Satan oder eine stupide Zuhälternatur sein, um ein solches Los ertragen zu können. -- --

Aber das Leben hat den Kellner geschützt. Es liebt ihn. Es lächelt ihm, lockt ihn hinaus, wenn Gefahr droht. Darum wandert er auch so viel. Darum treibt's ihn von Ort zu Ort, von Land zu Land. Eine Hoffnung ersetzt die andere. Keine erfüllt sich vielleicht. Aber sein Herz bleibt wunderbar jung. Heute sieht er Laster, wird verführt, stürzt sich hinein, um Ekel vor sich selber und seinem Leben daraus zu schöpfen, morgen hält ihn wieder eine blühende Landschaft, eine neue Hoffnung, die Freude an einer neuen Reise, vor der Selbstverachtung und Selbstvernichtung zurück. Er kann nicht verzweifeln; er bleibt jung. Mögen auch die Musik, die parfümierte Atmosphäre, der Glanz, der Geruch und die Hitze der Küche, das Strahlen der Lichter, die körperlichen Anstrengungen, der Ärger, der Haß gegen den Reichtum, die Dienerei, die Verachtung seiner Person, das Trinkgeld, mag alles auf ihn einstürmen und sich wild in seinem Herzen festkrallen und es aussaugen, -- der Kellner bleibt jung.

So entwickelt sich aus ihm der heimatlose, unstete Wanderer, der gott- und freundlose, gut- und blutarme Mensch, der er heute ist. -- Die schönsten Kräfte seiner Jugend gibt er dahin, ohne an sich zu denken. Wem gibt er sie? Sich selber? -- Nein! Den anderen Menschen? Nein! -- Sie werden zersplittert, entkräftigt, zermalmt in der großen unmenschlichen Mühle unserer Zivilisation. Es gibt das berühmte Düngermehl für künftige Kulturen.

Bei einem solchen Anblick sollte selbst das Gesicht eines Gottes zu Marmor erstarren. Aber das Gesicht des Lebens mit seiner ganzen Inkonsequenz lacht, lacht, während seine Tatzen die Herzen zerreißen. Die großen, entsetzlichen Kontraste, das grausam, willkürlich zusammengewürfelte Gemisch von Schwarz und Weiß, Gelb und Rot, ungeordnet, verwahrlost, verwitternd, reizt nur den Künstler, den Fleißigen. Der Mensch aber, der darin nicht umkommt, ist ein Künstler. Er fühlt sich glücklich in dem großen Haufen von Sand und Mörtel, bunten Steinchen, Gläsern, Scherben und Splittern, die in allen Farben leuchten vom reinsten Golde bis zum giftigsten Grün. Wo aber ist der Meister, der diese Stückchen, die Fragmente zu einem herrlichen Mosaik, zu einem gewaltigen Gedichte zusammensetzt? -- Er ist noch nicht geboren. -- Aber darf man sich nicht schon glücklich schätzen, wenn man aus der Ferne, mit den Augen eines Schöpfers verschwommene Konturen einer erhabenen Komposition erkennen kann, die aus dem Material entstehen könnte und entstehen muß? -- -- -- --

Aber die Lasterhaftigkeit bleibt doch so ziemlich das Zuverlässigste in der menschlichen Natur. In den allerschlimmsten Fällen kann man fast immer mit ihr rechnen. Ja, leider! So ist's! Was nützen die schönen Exkursionen ins Blaue! -- Und ich habe mir auch sagen lassen, daß Bibelgesellschaften in Amerika sogar versuchen, Freiexemplare der Heiligen Schrift in den Hotelzimmern aufzulegen, um damit auf das Seelenheil der Gäste einen wohltätigen Einfluß auszuüben. Schön! Indessen glaube ich nicht, mein Freund, daß sich trugsinnende Makler dadurch von ihrem bösen Vorhaben abhalten oder in ihren Kalkulationen beirren lassen. -- Nein, das Selbstbewußtsein unseres inneren Menschen ist unsere einzige Rettung. -- -- Ich bezweifle auch sehr, daß etwaige entlaufene, legitim vielleicht nicht zusammengehörige Pärchen, die, nachdem sie es auf oft ganz wunderbare Weise zustande gebracht haben, den spähenden Augen des gestrengen Detektivkorps eines großen Hotels zu entschlüpfen, unter der schützenden Flagge des heiligen Ehestandes den sicheren Hafen eines molligen Appartements erreicht haben, sich durch den plötzlichen unerwarteten Anblick der ernsten Bibel zu einer schleunigen Umkehr und Buße mit Reue und Leid veranlaßt fühlen oder sich gar nur zu einem flüchtigen Stoßgebet ermahnen lassen, bevor sie sich in die Versuchung begeben, wirklich Mann und Frau zu sein. -- Mein Freund, ich bezweifle es. Aber du wirst jedenfalls auch hier wieder den Wirt verantwortlich machen wollen für anderer Leute Sünden, wie du eine Eisenbahn oder eine Schiffahrtsgesellschaft verdammen wirst, weil sie den Halunken und Verbrechern Mittel bieten, sich der Gerechtigkeit zu entziehen. -- Oh, all der bittere Hohn, mit dem uns das böse Leben überschüttet! -- Wenn wir doch nur das Geld sparen könnten, das wir durch unsere Dummheiten verschwenden! -- Die Qualen der blutenden Herzen, ja selbst die Lächerlichkeiten, denen wir uns aussetzen, ließen sich dann leicht ertragen. --

Wenn ihn also eine feine Dame beauftragt, Whisky oder Cocktail in einem zierlichen Teetöpfchen und dünnen, unschuldigen, goldumränderten Porzellanschälchen zu servieren, so mag ein unbeholfener Kellner wohl heimlich grinsen und sich darüber lustig machen, ein wirklicher, tüchtiger Kellner aber wird den Auftrag ausführen, ohne mit einer Wimper zu zucken. Es wird nur eine grenzenlose, stille, tiefe Verachtung in seinem Herzen aufkeimen für die Feigheit und die Heuchelei der Menschen, welche Furcht vor sich und ihresgleichen haben, die Menschenfurcht, die gemeinste, die hündischste aller Furchtgefühle. Und es wird eine ganz stille, tiefe, heilige Verachtung sein, die es gar nicht mehr liebt, sich zu zeigen. Sie wird nicht mehr versuchen wollen zu spotten, denn der Spötter verdirbt doch viel, statt zu bessern, und sein ohnmächtiges Gelächter kehrt unverrichteter Sache an sein eigenes Ohr zurück. Und das tut weh. -- Selbst das Gelächter der Götter über die Torheiten der Sterblichen ist nicht das Höchste. Die Ewigen können auch Blitze schleudern oder tief, ganz tief wie das spiegelglatte, unergründliche Meer schweigen.

Ein Mensch, der dies empfindet, steht hoch über allem Schmutze, mit dem ihn das Leben umgibt, und er selber wird keiner schmutzigen Tat fähig sein. Ja, der Schmutz, den seine Hand berührt, wird verklärt. -- Gelehrte und gewissenhafte Menschen mögen ihm vorwerfen, daß man unter keinen Umständen eine Tat begehen darf, die er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren könnte. Aber was ist denn das Gewissen? -- Wachse ich nicht? Wechsele ich mich nicht wie das Licht des Tages? -- Wer sagt mir, daß mir morgen noch gelten wird, was ich heute denke? -- Und eine Notwendigkeit, die bis zur Neige auszutrinken uns das Leben zwingt, ist ein mächtigerer Befehl als das heutige Gewissen. Nein, Freund, nur das Bewußtsein unseres inneren Menschen ist unsere einzige Rettung! Das robuste, gesunde Selbstbewußtsein mit der Verantwortlichkeit für sich selbst. Ein solches Gewissen wünsche ich jedem meiner Zeitgenossen, den unser heutiges Leben in einen wilden Kampf um ein Stück Butterbrot oder noch weniger stößt, den es zwingt, nach seiner Flöte den Totentanz zu tanzen, bis die Kräfte versagen. -- Den Zeitgenossen wünsche ich dies. Denen, die da kommen werden, brauchen wir es nicht zu wünschen, denn dann werden Männer mit starken Seelen Reiche des Friedens geschaffen haben, darüber der junge Tag jedesmal mit einem Jauchzeschrei aufgehen wird. Totenfeier und Glockenklang wird uns dann gelten, reine Tränen werden für uns, die toten, schuldigen Kämpfer fließen. Denn wir waren es, die ihnen die Pfade mit mühsamen Schritten geglättet haben. --

Nun, Freund, rede! -- Ich will dir gerne lauschen. -- Freund meiner Jugend! -- ich flehe dich an, rede! -- -- Nun? -- Hm -- hast du -- -- haben Sie nichts mehr zu sagen?! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Gute Nacht, Herr Bischof -- -- angenehme Ruhe ...

VIII.

Kellner, meine Gäste lassen heute aber lange auf sich warten. -- So, Sie sahen den Herrn Doktor ausgehen? -- Hm, dachte mir schon, daß er nicht kommen würde. Und die anderen Herrschaften? -- Abgereist? -- Wer? -- Der Herr Bischof? Davon hat er mir doch gar nichts gesagt! -- Na, und der Herr Professor läßt sich entschuldigen! -- Der Herr Kommerzienrat hat plötzlich wichtige Geschäfte zu erledigen! -- Die Damen sind unwohl! Hurra! Die Musik spielt heute auch nicht hier. Der Saal ist schwach besetzt! -- Großartig! -- Ein wahrer Glückstag. --

Na, Kellner, dann bringen Sie mir aber mal was Gutes zum Essen. Heute werde ich meine Mahlzeit mit Andacht einnehmen können; heute werde ich doch verstehen können, was ich esse. -- Was? -- Canapé de Caviar à la Romanoff?! -- Nein, danke, heute nicht. -- Als Horsd'œuvre einen eingemachten Hering. Ich habe 'nen Katzenjammer. Darauf einen Teller gute Fleischbrühe, einen saftigen Rostbraten mit hausgemachten Nudeln. Die Nudeln mit ein klein wenig Muskatblüte und recht viel geriebenen Käse. Und eine Flasche Bier. Ah, das wird munden! -- --

Übrigens muß ich Ihnen mein Kompliment machen, junger Mann. Sie verstehen Ihr Geschäft. Und das ist keine Kleinigkeit! Sie haben mich und meine Gäste während meines Aufenthalts ausgezeichnet gut bedient. Meine Diners waren fehlerlos, ein Gegenstand des Neides für meine Rivalen. Ich habe nicht zu warten, mich kein einziges Mal umzusehen brauchen. Alles kam von selber. Alles war einfach perfekt. -- Hier, darf ich Ihnen daher diese Kleinigkeit für Ihre Mühen und ...? -- Wie? Sie nehmen kein Trinkgeld!? -- Oder wollen Sie mich gar beleidigen? -- Sind zwanzig Mark für acht Diners nicht genug? -- Wie? Überreichlich, und doch wollen Sie es nicht annehmen! Dann halten Sie mich also für einen Kollegen? -- Auch nicht? -- Sonderbar! Von _mir_ nehmen Sie kein Trinkgeld --?! -- Warum gerade von _mir_ nicht und doch von den anderen Gästen? -- Mein Geld ist doch genau so gut wie das der anderen und vielleicht weniger »befleckt« ... nun, was ist es denn! So sprechen Sie sich doch aus! -- -- -- Ja, ja, gewiß, ich nehme Anteil an Ihrem Lose, ich nehme Anteil an jedem menschlichen Lose. -- Aber woher wissen Sie denn das? -- Aha! Sie haben auf meine Reden mit meinen Gästen gehorcht! -- Welch ein Wunder! Der Mensch horcht und bedient gut zur gleichen Zeit! -- Aber ein Kellner soll nicht horchen. -- Ein guter Kellner tut das überhaupt nicht! Das wissen Sie so genau wie ich. -- Wirklich, ich habe mich in Ihnen getäuscht! Ich hätte Sie für einen besseren Mann gehalten! -- Was? Sie konnten beim besten Willen nicht widerstehen? -- Na, diesmal soll Ihnen noch verziehen werden! -- -- Aber das ist interessant! Ich soll etwas für Sie tun?! -- Ja, mein lieber, junger Freund, Trinkgeld nehmen Sie nicht von mir an! -- Was soll ich denn sonst noch für Sie tun? -- Ich habe Ihnen doch bereits ein gutes Zeugnis ausgestellt. -- Wollen Sie Ihr Lob noch einmal vor dem Prinzipal ausposaunt hören? -- Nicht? -- Dann könnte ich Sie höchstens noch als meinen Haushofmeister engagieren; aber mein Château ist erst im Bau begriffen, und es wird noch lange, sehr lange dauern, bis es fertig ... Na, jedenfalls geben Sie mir Ihre Adresse ... ich will sehen, was ... Wie? -- Nicht für Sie persönlich, sagen Sie! Aber für wen denn sonst? -- Den Stand? -- Ich soll etwas für den Kellnerstand im allgemeinen tun! -- Sie meinen, seine soziale Lage verbessern, das Ansehen heben ...? Aber wie kommen Sie denn auf eine solche Idee? Wie soll ich denn das anfangen!? -- Bücher darüber schreiben! -- Bah, welchen Zweck sollten solche Bücher haben!? -- Bei der heutigen Flut von Büchern ... haben Sie eine Ahnung? -- Niemand würde Bücher über die Kellner lesen. Die Kellner selber würden sie nicht einmal beachten! -- Wenn die freie Zeit haben, liegen sie auf dem Turf. Wenn ohne Stellung, treiben sie sich in den dumpfen Schnapslokalen der Stellenvermittler herum. Sie haben keine Zeit, Bücher zu lesen und sich um ihr Los zu kümmern. -- Nein, mein junger Freund. Die Kellner allein haben ihr Schicksal in der Hand! Sie und niemand anders auf der Welt kann es bessern, kann ihnen helfen! -- Sehen Sie denn nicht, niemand bekümmert sich um Ihr Los! -- Der Bischof, gegen den ich gestern Ihren Stand verteidigt habe, reist heute ab. Der Soziologe, dem ich die Ohren voll gepredigt habe, läßt sich entschuldigen. Der Herr Doktor strahlt durch Abwesenheit. Der Großindustrielle ist jedenfalls so von der Verwerflichkeit des Trinkgeldes überzeugt worden, daß er in Zukunft keins mehr geben wird. -- Die Damen, oh -- Ihre schlimmsten Plagegeister -- -- Sie sehen ja selber, wie es mir ergeht! Ich bin in argen Mißkredit geraten! -- -- Nein, mein Freund, Ihr Schicksal müssen Sie selber ausfechten. Die Zeit wird kommen, wo die Kellner gut organisiert und menschenwürdig für ihre Arbeit bezahlt sind. Dann wird Ihr Stand von selber angesehen sein. Wenn alle Vorurteile beseitigt, alle Übelstände und Schäden Ihres Standes im Laufe der Zeit kuriert sein werden, wenn die Zustände, die heute noch als primitiv und engherzig Ihr Leben unerträglich machen, verbessert worden sind, dann fallen die meisten Möglichkeiten zu Konflikten in Ihrem Geschäfte wie im geistigen Leben in sich selber zusammen. Das Dasein des Kellners wird sich dann als ein menschenwürdiges und glückliches erweisen, wie es deren trotz allen Elends in den modernen Industrien noch zu Millionen unter den Menschen gibt. Es wird dann eine Freude sein, in Ihrer Stellung arbeiten zu können. Dann werden Sie auch die Freude der Arbeit empfinden -- ihr eigentlicher Lohn, der Ihnen bis jetzt noch versagt ist.

Ob ich wirklich einmal als Kellner gearbeitet habe? -- Selbstverständlich, mein Freund! Und als solcher habe ich einen unvergeßlichen Augenblick erlebt. Dies war, als ich einen jungen Koch am Herdfeuer stehen sah, einen sauberen, kleinen, lebhaften Franzosen mit schwarzen, funkelnden Augen. Meine stumme Bewunderung schien ihn mit Stolz zu erfüllen; meine Wenigkeit machte ihn keck. Er klapperte ungeduldig mit seiner Pfanne und stieß plötzlich aus:

»~Mon Dieu, que j'ai envie de travailler!~«

Dabei schwenkte er die Pfanne mit einer flinken Bewegung und warf eine »Crêpe« in die Luft, wo sie dreimal Saltomortale schlug und geschickt wieder aufgefangen wurde. -- Dazu dann die berühmte, unnachahmliche südliche Geste ... -- gottvoll! Das Bild dieses jungen Arbeiters, ganz mit dem Stolz auf seine Kunst erfüllt und mit der großen Liebe für seine Arbeit -- es ist eine meiner liebsten Erinnerungen!

Auch Sie, mein Freund, sind auf die Freude der Arbeit berechtigt und nicht auf ihren klingenden Lohn allein. Und darum raffen Sie sich auf! Nichts ist herrlicher als »~struggle for life~«, als der Kampf ums Leben. Er ist das Leben selber. Denn während wir kämpfen, hoffen wir. Die Entscheidung des Kampfes ist erschütternd, wenn nicht noch mehr: langweilig. Der Sieger ruht gern auf seinen Lorbeeren aus, wird fett, behäbig, unwachsam. Der Besiegte wird zermalmt, vernichtet. Der Kämpfer allein steigt und bewegt sich. Darum ist das Leben ein beständiges Ringen und dies die Freude der Lebenden, der Gesunden ... Und der Mann, der einmal aus einem seelischen oder körperlichen Ringen als Sieger hervorging, darf auch nicht glauben, daß er nun gegen die Angriffe geheimer Mächte oder gegen die Tücke des Nachbarn auf immer gefeit sei. Nein, neu und immer neu stürmen die Widersacher und die Versuchungen auf ihn ein. Neu und immer neu bedrängen sie ihn. Er muß wachen, muß bereit sein. Die Versuchungen sind das Leben der Seele. Je heftiger und häufiger diese Angriffe sind, um so schöner wird sich die Seele des Kämpfenden gestalten. Und wie jeder einzelne Mensch sich seine Existenz erkämpfen muß, so müssen es auch die Familien, die Stämme, die Völker, die Nationen, die Welten. So entstehen Ackerbau, Künste, Industrien, Wissenschaften, Kulturen, Gewerbe, Kriege, Revolutionen, Aufruhre. Wer kann sagen, daß Erdbeben, Fluten, Feuersbrünste, alle Aufruhre der Elemente Unglück sei? Verschlingt nicht eine Woge die andere? Bleibt nicht alles zusammen in der großen Gemeinschaft des Meeres?

Wir Menschen können einander wenig oder gar nicht helfen. Aber einer unserer größten Denker, Kant, sagt, daß der Mensch so viel tun soll, als in seinen Kräften steht, um ein besserer Mensch zu werden. Unter dieser Voraussetzung -- aber dann auch gewiß -- könne er hoffen, was nicht in seinem Vermögen stehe, werde ihm durch höhere Veranstaltung zuteil werden ...

NACHWORT.

Ich hatte also meinen Zweck erreicht! Ich stand allein mit meinem Kellner. Meine internationalen Freunde hatten sich entschuldigt, sich zerstreut -- mich gemieden. Sie hatten genug. Ganz sanft hatte ich sie tot gelangweilt, respektvoll und auf praktische, ehrliche Weise hinweggeekelt. Der Kellner ist gut zur Bedienung. Sehr gut sogar mitunter. Unzureichend aber ist er als Gegenstand amüsanter Betrachtung am Tische, den er bedient. -- Darum schließt man die Augen lieber. -- Die Spannung bleibt allerdings.

Ich hatte also meinen Zweck erreicht. Aber wie! Mit welchen Mitteln! Mit welchen Opfern! -- Nicht, daß ich den Verlust der Freunde beklage! Beileibe nicht. -- Aber durch die hartnäckige Verfolgung des Fadens wurde ich in Tiefen geleitet, die ich anfangs selber nicht ahnte. Ich hatte einen neuen Menschen kennen gelernt. Ich fühle aber nun, daß die schöne Zeit der sorglosen, fröhlichen Mähler auf immer dahin ist. Denn seit ich unseren Ganymed, den Kellner, ganz kennen gelernt habe, seit ich die Leiden, das Schicksal dieses Menschen weiß, seit diesem Tag kann ich keine Mahlzeit, kein Glas Wein mehr so froh wie ehedem genießen, und mag's mir noch so freundlich gereicht werden -- oder gerade dann noch viel weniger. Ich fühle mich nicht mehr als Gott. Alles rings um mich ist menschlich. Sehr menschlich.

Meine Freunde ahnten dies Unheil dumpf. Sie hatten zwar keine bestimmte Vorstellung davon, aber darum gerade blieben sie weg. Sie entfernten sich. Sie fühlten etwas wie ein kalter Hauch einer unsichtbaren, neidischen Geisterhand über ihren Freuden schweben, sie hörten einen Tropfen Wermut in ihren Becher sickern. Sie sahen bleiche Gesichter, Tränen -- sie sahen Gespenster -- was weiß ich! -- Kurz, sie schlossen die Augen, sie wollten nichts sehen, sie dankten, zitterten, flohen ...

Halb erleichtert, halb bedrückt atmete ich auf. Dann ging ich hinaus in die frische Luft. Doch noch lange lag die brütende Schwüle des werdenden Menschenschicksals drückend auf meiner Stirn.

Wir atmen nicht nur ein, wir atmen auch aus. Und der keimende Gedanke wirkt in uns, bis er zum Ereignis wird. Das Ereignis ist die stumme Nacht -- die Frucht -- das Letzte ...

Und das Wesentliche an dem Vergangenen ist nicht, daß es ging, sondern daß es nicht mehr wiederkehrt.

Ende

L. DIDION & CO., VERLAG

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Mit dem vorliegenden Werke »Die Moral des Hotels« von Paul Vehling glauben wir den Grundstein zu einer Sammlung von Büchern gelegt zu haben, die für die Entwicklung und den Fortgang der Hotelindustrie von großer Wichtigkeit werden soll. Mit dem Weltverkehr, der in den letzten Jahrzehnten einen so ungeahnten Aufschwung genommen hat, und die Unterschiede zwischen den Völkern der Erde immer mehr und mehr ausgleicht, hat sich auch die Hotelindustrie zu einer großartigen menschlichen Arbeit entwickelt, die viele andere moderne Kulturarbeiten an Wichtigkeit bei weitem übertrifft. Das moderne Gasthaus, welches dem Reisenden Luxus, Komfort und Sicherheit bietet, hat neben der Dampfkraft zum großen Teil dazu beigetragen, daß der Werdegang der Menschheit _den_ Lauf genommen hat, den er nehmen _muß_, nämlich zu einer Vereinigung der Völker, zum Weltfrieden.

Während die Technik mit ihren gigantischen Maschinen, die unentwegt auf dies hohe Ziel hinarbeiten, mit einer wahren Flut von Literatur sowie mit der größten Pflege und Studium bedacht wird, steht die Hotelindustrie ziemlich vernachlässigt da. Jeder daran beteiligte Arbeiter und Arbeitgeber weiß, welch große Anforderungen an die Kenntnisse und Kräfte der in den großen Hotels arbeitenden Menschen gestellt werden, damit ihr Werk der Erfolg kröne. Die Hotelindustrie mit ihrer unendlichen Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit ist zu einer Wissenschaft herangewachsen, welche sich nicht mehr durch einfache praktische Arbeit erwerben oder beherrschen läßt. Diese Tatsache ist oft und bitter empfunden worden, und man hat bereits Versuche gemacht, durch Errichtung von Fachschulen, Lehrkursen usw. dem Übelstande Abhilfe zu schaffen. Man hat das Bedürfnis für eine theoretisch-praktische Erziehung des Hotelarbeiters also erkannt. Es scheint aber noch immer an den nötigen Lehrkräften gefehlt zu haben. Am meisten aber hat man die Notwendigkeit einer gediegenen Fachliteratur empfunden, die vor allem den menschlichen Gehalt, der in der Hotelindustrie der wesentlichste von allen ist, behandelt. Hier helfen keine Anstandsbücher und Umgangsphrasen mit Menschen. Hier muß die Psychologie, das tiefinnerste Ergreifen der menschlichen Natur, die Kunst, die Dinge in ihrer Art zu sehen, zu erkennen und zu nehmen, einschreiten und muß erzieherisch wirken.