Die Moral des Hotels: Tischgespräche
Part 22
Die wirtschaftlich und moralisch verderblichen Spuren der Prohibition machen sich schon allenthalben bemerkbar. Nicht nur im Staate Maine, wo durch mehr als fünfzigjähriges Bestehen der Prohibition die Gesetze des Landes zu einer elenden, lächerlichen Farce geworden sind und von keinem Menschen heilig gehalten, sondern auf alle erdenkliche Weise heimlich und öffentlich umgangen und übertreten werden, sondern auch in den jüngeren Prohibitionsstaaten wird das Ansehen des Gesetzes und des gesetzgebenden Körpers in den Schmutz gezogen. Wie kommt es, daß die Trunkenheit in den Prohibitionsstaaten zugenommen hat, seit man den Einwohnern die Gelegenheit zum Trinken nahm? -- Die Bürger wissen sich schon ihren Trunk zu verschaffen. Daß sie dies aber wie die Diebe bei Nacht tun müssen, ist eine Schande. Es ist unglaublich, wie erfindungsreich die bedauernswerten Bürger der trockenen Staaten werden, wenn es gilt, ihren Durst zu löschen. -- Die Apotheken, welche jetzt Spirituosen als »Medizin« verkaufen, machen Bombengeschäfte, denn die »Medizin« darf in solchen Fällen nur in Literflaschen verkauft werden. Überall werden Gesöffe ausgeschänkt, die man für »alkoholfrei« erklärt, und wenn man sie näher untersucht, sind sie nichts als purer Whisky oder Bier, manchmal eine geradezu gesundheitsschädliche Mischung von allerhand scharfen Flüssigkeiten. -- Freunde und Bekannte handeln frei ohne Lizenz mit Spirituosen untereinander. Die Gesetzgebung und der Staat ist machtlos. Sie kennen doch die genialen Methoden, die vor kurzem im Staate Georgia entdeckt wurden. Wer sich eine Flasche Whisky verschaffen wollte, ging in ein Hotel und verlangte ein Zimmer. Je nach dem Preise, den er bezahlte, fand der Gast auf dem Tische in seinem Zimmer eine Flasche, welche den ersehnten Trunk -- Whisky, Wein, Bier, oder was es gerade war, enthielt. Diese Flasche steckte der Gast in sein Köfferchen, »reiste« sofort wieder ab, und das Zimmer wurde gleich darauf neu »besetzt«. So kam es vor, daß ein und dasselbe Zimmer oft hunderte Male an einem Tage »besetzt« wurde. Die Trunkenheit nahm überhand, das Gesetz wurde öffentlich verhöhnt. -- Ein eifriger, leitender Prohibitionist war hinter diese Schliche gekommen und »mietete« sich auch einmal ein Zimmer in einem Hause, wo er nicht bekannt war, zwecks Überführung des Wirtes. In der gewohnten Weise eignete sich der Fromme die verhängnisvolle Flasche an, um sie bei der Anklage als Korpusdelikti zu benutzen. Der Wirt aber strengte ganz kaltblütig eine Gegenklage wegen Diebstahls gegen den eifrigen Spirituosenfeind an, der nicht das Recht habe, Gegenstände, welche sich in Hotelzimmern befinden, daraus zu entwenden. Und unter allgemeinem Gaudium und Gegröle aus tausend feuchten Kehlen wurde der Ärmste als ein gemeiner Dieb verdonnert. -- Dem Wirte konnte nicht nachgewiesen werden, daß er Spirituosen verkaufte. Er ging frei aus.
Solche Komödien in verschiedenster Art und Weise kommen täglich vor. Es ist schon nicht mehr amüsant, es ist lächerlich. -- Man denke sich einen Soldaten ohne Bier oder Wein! -- In Amerika, wo bekanntlich alles möglich ist, ist auch solch ein undenkbarer Vaterlandsverteidiger möglich. Seit einigen Jahren hat man sämtliche Kantinen in der amerikanischen Armee abgeschafft. Das Resultat ist, daß im Februar 1909 ein Armeebefehl erlassen wurde, wonach alle Flaschen, Behälter und Gefäße in der Armee, welche denaturierten Spiritus enthalten, mit der abschreckenden Aufschrift »Gift« versehen werden müssen, da die Soldaten in vielen Fällen, um ihren Durst zu stillen, zur Spiritusflasche gegriffen hatten, in dem guten Glauben, Spiritus habe nur die wünschenswerten Eigenschaften eines starken Whiskys. Natürlich kamen viele Erkrankungen und auch Todesfälle vor.
Die Prohibitionisten haben sich auch eine unpassende Zeit zur Purifikation des Menschengeschlechtes gewählt, welche auf Kosten vieler Tausender von ehrlichen Arbeitern stattfinden soll. Gerade zu unserer heutigen Zeit, wo Arbeitsmangel und Stellenlosigkeit in allen Industrien überhand genommen hat, gilt es, alte Industrien, die seit Jahrtausenden existieren, nicht mehr zu zerstören, als bisher schon durch die unabwendbare Ebbe und Flut der Zeit geschehen ist, sondern es gilt, _neue_ Industrien ins Leben zu rufen, die den Millionen von hungernden Familien in allen zivilisierten Ländern Brot geben.
Ich glaube nicht, daß das amerikanische Volk der Arbeiter sich mit der mutwilligen Vergrößerung seines an sich schon bedenklichen Notstandes einverstanden erklären wird. Die direkten und indirekten ökonomischen Verluste, die die Prohibition mit sich bringt, sind ganz unberechenbar. Das ganze immense Kapital der Brauerei-, Destillations- und Weinbauindustrien in Amerika steht auf dem Spiel; zahllose, davon abhängige Industrien und Gewerbe sind bedroht. Was würde die Landwirtschaft allein an Hopfen, Gerste usw. jährlich verlieren! Im Staate Kentucky allein, wo man gegenwärtig auf absolute Abschaffung der Spirituosen drängt, steht ein Kapital von 192 Millionen Dollars auf dem Spiel, welches durch den Sieg der Prohibition rettungslos verloren gehen würde.
So hat die Prohibition seit mehr als einem halben Jahrhundert ihres Bestehens genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie versprach. Sie hat weder die Verbrechen vermindert, noch die korrupten Politiker vertrieben. Sie hat auch nicht die Trunkenheit abgeschafft, sondern dieselbe indirekt gefördert. Sie hat die Bürger aber zu Sklaven erniedrigt und auf die gemeinste Stufe gestellt, welche ein zivilisiertes Volk einnehmen kann. Sie hat sie zur Menschenfurcht und Heuchelei gezwungen. Sie hat den ehrlichen Bürger, der eines Glases Bier oder Wein zu seiner Erholung bedarf oder dessen nicht entbehren will, zur Überschreitung und Mißachtung der Gesetze des Landes veranlaßt.
Jawohl, Herr Bischof, die Kirchen des Landes haben viel zur Förderung der Sünden beigetragen. Aber darum will ich gerade die Stellungnahme der römisch-katholischen Kirche zum Trinkverbot lobend hervorheben. Seit ihren ersten Zeiten hat diese Kirche (von einigen einzelnen Fällen abgesehen) einen versöhnlichen Standpunkt gegen die uralte Frage eingenommen und nur Mäßigung anempfohlen. Das wirklich großzügige und weitsichtige Urteil, welches der würdige Repräsentant der katholischen Kirche in Amerika, der Kardinal Gibbons, über die wachsende Prohibition vor einigen Jahren abgab, verdient verewigt zu werden. Es hat seinerzeit dem Kardinal volle Anerkennung und Beifall der vernünftigen Welt zu beiden Seiten des Atlantiks eingebracht. -- Was aber war die Folge? -- Sieg der Dummheit der Prohibition selbst in der Diözese des Kardinals.
Die Aussichten der Anhänger des Bacchus in Amerika sind also vor der Hand sehr trübe. Blinde, Enttäuschte, Glücksritter, Neugierige, Ignoranten von europäischer Herkunft haben in unermeßlichen Schwärmen die Küsten Amerikas bestiegen und sich bald wieder abgewandt, als sie das Gold nicht auf der Straße liegen sahen. Diese Leute haben es auf dem Gewissen, daß Amerika bei uns als ein entsetzlich nüchternes Land, ohne Inspiration, ohne geistiges Leben und ohne Ideale, weil nur auf Gelderwerb bedacht, verschrien ist. -- Aber Amerika hat Ideale. Der Beweis für das Vorhandensein von Idealen in kruder Form ist die Prohibition selber. Die junge Riesennation muß ihre Kämpfe, muß ihre Zweifel und Torheiten der Jugend durchmachen. Sie hat alle Zeichen des jungen Idealisten an sich. Sie torkelt von einer Maxime in die andere. Der junge Idealist wird alles über den Haufen werfen, wenn es gilt, seine Ideale zu verfechten. Am nächsten Tage wird er die teuer erworbenen Ideale ablegen, wie man einen Rock ablegt, der zu eng geworden ist ... Der Rock mag noch schön und neu sein, aber der Jüngling freut sich über sein Wachstum und holt sich einen passenden Rock. Diese Häutungen muß jeder Mensch und folglich auch jede Nation in ihrer Jugend durchmachen.
Eine der amüsantesten amerikanischen Jugendtorheiten ist der Superlativ. Freilich, für uns Europäer etwas unangenehm, ja widerlich. Manch alter Griesgram mag im Superlativ eine gefährliche Krankheit sehen, aber wir, die wir jung bleiben wollen, wollen uns darüber köstlich freuen! Die amerikanischen Superlative sind bekannt: das reichste, das größte, das höchste, das schnellste, das längste in der Welt. So heißt es, wenn von irgend etwas die Rede ist. Der Amerikaner spricht im Superlativ, lebt, schläft, träumt darin: er besitzt ihn, sucht ihn, verlangt ihn, betet ihn an. -- Sein Land hat ihn in Ausdehnung, in Naturschönheit, in natürlichem Reichtum, ja selbst im Wetter und im Klima. So schafft sich das Volk seinen Superlativ im Verkehrswesen, im Geschäftsleben, in der Arbeit, in Gebäuden, im Reichtum und in Armut, in Religionen und Lastern, in Bigotterien und Gemütsroheiten, in Verbrechen und in öffentlichen Wohltaten.
So wenden auch die Prohibitionisten den Superlativ in der Anklage gegen Bacchus und seine Freuden an. -- Aber Bacchus, der Milde, wird dem jungen Amerika verzeihen. An der Hand der Geschichte wird er Amerika leiten und ihm zeigen, was er aus seinem Feinde gemacht hat.
Tausend Jahre vor Christi Geburt tobte ein kaiserlicher Sohn des Himmlischen Reiches der Mitte gegen die Macht des Weines. Er ließ alle Weinstöcke entwurzeln. Wo ist der Kaiser jetzt? Tot, sehr, sehr lange tot. Die Reben blühen noch immer. So sehr tot ist die armselige, bezopfte Majestät, daß man schon gar nicht mehr weiß, welcher Dynastie sie angehörte. Die Reben blühen weiter. Tausend persische Fakire und Pfaffen grölten in der Mitte des elften Jahrhunderts die verderbliche Macht des Weines an. Als Gegengabe schenkte uns Persien zur selbigen Zeit einen einzigen Omar -- Omar Chajjam. -- Das Lachen eines einzigen Omars war tausendmal wuchtiger als das Gezeter und Geheul von tausend Derwischen und Priestern zusammen. Alle tausend Schreihälse sind tot. Sehr, sehr lange tot. Man kennt ihre Namen gar nicht. Man hat sie nie gekannt. Und nie kennen wollen. -- Omar lebt weiter. Seine Rubaiyat, sein Lachen macht heute noch alles Gezeter stumm. --
Was ist aus Indien, dem uralten Lande der Wunder, der tiefsten Denker, der jungfräulich herrlichen Poesie geworden? Was ist Arabien und die anderen Länder, denen Buddha und Mohammed den Wein verbot? Unzählige Beispiele wird Bacchus bringen, wo er seine Gegner in die Lächerlichkeit zog, sie dem Spott der Welt preisgab. Er wird die Dichter und Denker aller Zeiten und aller Völker kommen lassen, um Zeugnis für ihn abzulegen. Sollte ihm dann noch die Tür gewiesen werden, so wird er sich nicht darob grämen. Dann wird er ruhig das Land verlassen und es meiden. Und wo er auszieht, da zieht orientalische Apathie, Trägheit und Lasterhaftigkeit ein und legt sich wie ein böser Traum auf das Gemüt des Volkes. -- Dann wird die Statue der Freiheit die größte Lüge und Karikatur, die jemals von den Menschen errichtet wurde. Sie wird dann zum verlockenden Aushängeschild an der Tür zum Despotismus des Pöbels, der Plutokratie, der Pfaffenwirtschaft und Heuchelei.
Ich weiß, der wirkliche Amerikaner ist mit solchen Zuständen nicht einverstanden. Was kann aber die vernünftige Minderheit gegen die blinde Mehrheit machen? Die Heiligkeit des Gesetzes darf nicht verletzt, nicht in Frage gestellt werden. Die Heiligkeit des Gesetzes hat nichts zu tun mit dem Blödsinn, den das Gesetz oft vertritt, fördert und beschützt. Wenn ein Unwürdiger die Priesterweihe erhält, so ist nicht die Weihe entehrt, sondern der Unwürdige selber. Wenn das Gesetz einen Blödsinn sanktioniert, so ist nicht das Gesetz anzugreifen, sondern der Blödsinn. Ein Untertan, geschmückt mit dem Purpur und den Regalien des Königs, darf sich höchstens in einer komischen Oper sehen lassen. Wenn er sich aber ernst nimmt, so kann man ihn mit gutem Gewissen für geistesgestört halten und ihn einsperren.
So kann man auch den Blödsinn in das würdige Gewand des Gesetzes kleiden, aber er wird immer ein Blödsinn bleiben. Daß er so in monumentalster Weise angebetet wird, daß Millionen und Abermillionen vor ihm auf die Knie sinken, ändert gleichfalls nichts an der Tatsache, daß er ein Blödsinn ist.
Mit der Autorität der Stimmenmehrheit war es von jeher, überall und zu allen Zeiten eine eigenartige Sache. In einem Schwarm von Spatzen hat eine Nachtigall nichts zu sagen. Wer unter den Wölfen ist, muß mit ihnen heulen. In Rom tut man, was die Römer tun. Und in Amerika bei der Übermacht der Prohibitionisten muß man tun, was diese Leute tun: nämlich im geheimen trinken oder Kokain nehmen und fromm drein schauen. Aber die Heiligkeit des Gesetzes ist unantastbar. -- Bevor ich mich aber hiermit einverstanden erklärte, würde ich mich betrübt von Amerika abwenden und das schöne große Land betrauern, das dem Schicksale Indiens und Arabiens entgegengehen soll. Ich würde mich nicht wohl fühlen in einem Lande, wo man sich an einem toten Sonntage Inspiration aus Gefrorenem und Limonaden mit Strohhalmen in die öden, müden Schädel einsaugt und sich einen Sodawasserenthusiasmus antrinkt, damit man wieder mutig den Stürmen des mühevollen Lebens am Montag entgegentreten kann. Nein, wenn ich an der Tafel und beim Wein sitze, dann fühle ich Erdgeborener mich den ewigen Göttern gleich und will nichts, aber auch absolut gar nichts verachten und entbehren, das die schöne Erde mir bietet, wenn ich es haben und in schöner Freude genießen kann. -- Und mein Kellner ist dann mein Ganymedes, und mag er noch so verzweifelt irdisch drein- und ausschauen. Dann will ich seine und die eigene Weltlichkeit vergessen. -- Aber vierzig Millionen Menschen ohne einen Tropfen Wein! -- Ein schallendes, anakreontisches Gelächter dafür! -- -- Nun, Herr Bischof? -- --
So!? -- Hm ... Warum ich nicht lache, warum ich plötzlich so ernst dreinschaue? -- Eingesehen? -- Nein, gar nichts habe ich eingesehen! Aber hör' mich an, alter Freund! -- Ich habe dir noch etwas zu sagen. -- Du zitterst! -- --! -- Ja -- du tust mir leid! -- -- Bitte, laß mich reden! Nur noch ein paar vernünftige Worte will ich zu dir sprechen: -- -- Bitte, laß mich reden, sag' ich! Nimm doch noch einmal deine frühere Vernunft zusammen. Und dann will ich dich hören, was du zu sagen hast. -- Also du behauptest, das Ausschänken von Spirituosen hat einen verderblichen Einfluß auf das Seelenleben des Kellners! -- Mein Kellner macht sich zum Mitschuldigen an meinen Sünden, am Untergang der Säufer und der Schlemmer! -- Das sagst du mir!? Nun höre, was ich dir zu sagen habe:
Mögen fromme Menschen, die sich um das Seelenheil anderer bemühen, ihrem lieben Herrgott danken, daß sie nicht so sind wie der Kellner, der seine Kräfte in die Dienste des entsetzlichen Dämons Alkohol stellt; mögen die frommen Leute ihm sein Brot abnehmen; mögen sie ihn in Grund und Boden verdammen, über diesen Fluch, über sein Unglück hilft die Philosophie den freundlichen Ganymed hinweg. Muß der Soldat nicht, durch die Umstände gezwungen, Menschen töten, die er niemals zuvor gesehen hat, Menschen, die ihm nicht das geringste Leid zugefügt haben? -- Und je mehr er von diesen unschuldigen Menschen abmordet, um so ein besserer Soldat ist er! -- Man wird mir doch nicht sagen wollen, daß ein Soldat mit Freude, Mut und Tapferkeit zur Schlacht auszieht! Ein solcher Soldat wäre doch eine wahre Bestie. -- Nein, es ist die Furcht und der Fluch der Notwendigkeit, welche die Kugeln aus den Läufen heraustreibt. Es ist die selbstgemachte Notwendigkeit, welche die Menschheit zu solcher Sklaverei erniedrigt, die Notwendigkeit, welche dich und mich und auch den Kellner macht. Darum, je mehr Alkohol der Kellner verkauft, um so ein besserer Kellner ist er und folglich ein um so besseres Mitglied der menschlichen Gesellschaft. -- Welch eine Jammergestalt von einem Soldaten, der in die Luft schießt aus Furcht, er könnte dem unschuldigen Menschen, den er abmurksen soll, ein Leid zufügen. Welch ein miserabler Kellner, der nicht einschenkt aus Furcht um das Seelenheil des Gastes!
Darum drauf los, ihr Jünglinge, die ihr Soldaten und Kellner spielen müßt! Laßt die Gewehre und die Pfropfen knallen, was das Zeug halten kann! Macht so viele Feindes- und Bierleichen, wie ihr könnt! Dann habt ihr eure Pflicht getan! -- Darum drauf los, ihr Schriftsteller und Theologen, ihr Künstler und Juristen, drauf los alle ihr, die ihr im Namen unserer Zivilisation lügen, betrügen, heucheln, schön tun, rauben, morden, stehlen, plündern, faulenzen, euch wegwerfen müßt! Und wer müßte es nicht unter euch zivilisierten Menschen!? -- Selbst der Unschuldigste unter euch, der Rentier, sündigt. Er faulenzt auf Kosten des Gemeinwohls. Wer unter euch frei von Schuld ist, der mag einen Stein aufheben und die Flasche in des Kellners Hand zertrümmern!
Die Sauferei und Schlemmerei verabscheuen die guten Kellner und Wirte ebensosehr wie ihre Antipoden, die Prohibitionisten. Vielleicht noch etwas mehr als diese. -- Denn sie sind es, die den Schmutz wegräumen müssen; sie sind es, die die Schlemmer in ihrer tiefsten Erniedrigung sehen. Diese sehen sich nicht selber. Sie schlafen den tiefen, traumlosen Schlaf, den die Erinnyen bewachen. -- Niemand weiß besser, was Trunkenheit ist, als der Kellner, niemand weiß besser, was der Tod ist, als die Totengräber. Wer es nicht glaubt, befrage Shakespeare.
Wenn die Menschen aus allem, was sie sehen, Lehren für sich und ihr Leben zögen, so stünde vieles besser um sie. Wenn die Kellner dies täten, so würde aus ihnen ein gewaltiges Geschlecht entstehen, wie die Welt noch keines gekannt hat, dagegen sich die größten Satyriker als armselige Kläffer verkriechen müßten. Sie würden stärker und machtvoller werden als die biblischen Propheten, die beim Anblick eines versumpften Volkes nichts als weinen oder schlechtes Wetter prophezeien konnten. Jerusalem, Babylon, Ninive, wieviel Gutes müßt ihr noch in euch geborgen haben, da man noch Lamentationen und Tränen an euch verschwendete! -- Es werden aber diejenigen kommen, die nicht predigen, nicht weinen und nicht prophezeien, sondern nur schauen, mit kalten, ruhigen Augen schauen, darinnen alles Mitleid erstarrt ist, starke Geister, die das Gift den Schwächlingen reichen und den Trunkenen zuflüstern: »Trinkt, trinkt und lebt euch tot! -- Wir wollen allein sein! Uns gehört die Erde und das Leben, uns, den Gesunden und Starken!« -- Und allmählich wird die Macht der Erde in die Hände dieser kalten, starken Menschen übergehen, sie werden die Herrscher und die Selbstbeherrscher sein. Ich nenne das soziale Chirurgie und Okulation des Baumes des Lebens.
Die Menschen haben aber noch immer nicht sehen gelernt. Und da die Kellner eben auch nicht mehr als Menschen von heute sind, so tun sie eben auch nicht mehr als andere Menschen tun und ziehen keine Lehren für sich aus dem Leben der anderen. So geht der ganze Wert des Bösen an ihnen verloren. Und er verwandelt sich, wie immer, zur bösen Macht, die sich auf alle ausnahmslos erstreckt.
Darum schmähe nicht, mein Freund! Fürchte dich, ekle dich aber auch nicht vor dem Laster. Schau ihm kalt und ruhig in das triefende Auge, wie ein Arzt die eiternde Wunde betrachtet. Und es wird scheu vor dir zurückweichen. Denn selbst das Laster hat seine Scham, wenn es sich durchschaut fühlt. Dann wird es zusammenschrumpfen wie eine leere, elende Bagatelle, der du einen Fußtritt versetzest. Das schleimige Lächeln in seinem Gesichte wird zu hoffnungsloser Traurigkeit erstarren, erfrieren; es wird nicht wagen, um Vergebung zu winseln oder dich berühren. Es wird von dir lassen, denn es hält dich für einen Gott oder einen Teufel, und keinen von beiden liebt es. Nur unter den erdgeborenen Menschen sucht es seine Opfer. Ein wildes Tier ist's, das du im Auge behalten mußt, greifst du es an, fürchtest du dich oder kehrst du ihm den Rücken, so springt es auf dich. Bedenke: Jeder Angriff, jede Abwehr ist ein Zeichen von Hochachtung.
Nicht Furcht soll dich stark machen! Keine Gottesfurcht soll dich verhärten, keine Menschenfurcht soll dich zum Feigling erniedrigen, soll dich vom Laster fernhalten. Du sollst in das Laster hineingehen, um aus ihm wieder hervorzugehen. Die Furcht vor dir selber allein soll dich reinigen und auferstehen lassen, Phönix! -- Und laß nie deine Wangen um das Heil anderer bleichen. Wo es sein muß, da schau ruhig der Vernichtung zu. Laß zugrunde gehen, was dazu bestimmt ist. Denn du verschwendest dich, wenn du einen Finger rührst, zu helfen. Es gibt große, übermenschliche Mächte, die nichts zugrunde gehen lassen. Du hast nicht das Recht, einzugreifen in fremde Seelenwelten. Laß jede Welt ihrem Frühling und ihrem Winter entgegengehen. --
Darum verdamme nicht zu schnell; es möchte dich vielleicht später reuen. Nicht nur der Kellner wird verführt und berauscht von dem wogenden Getriebe des Lebens. Es liegt in der menschlichen Natur, von der Menge und dem Geiste der Zeit mitgerissen zu werden. Niemand von uns kann sich ganz von diesen Fesseln befreien. Das einzelne Individuum ist machtlos. Nur der ganz Starke, der Seher, der die Schalheit, das Hohle des vorübergehenden Treibens erkennt und der ruhig verachtet, was sich ihm aufdrängt, weil er genug mit sich selber zu schaffen hat, wird bleiben. Alle anderen verschwinden halt- und rettungslos im großen Strudel des Daseins. Hier treiben sie hin und her, bis sie untergehen. Hier erstickt das moderne Fatzkentum, hinter dessen hohlem Lachen und Überlegenheit sich eine erschütternde Tragik verbirgt, welche die Schwester der Nacht, der Dummheit ist. Hier wanken die Trunkenbolde, nicht voll vom Weine des Lebens, sondern trunken vom billigen Fusel der Gemeinheit, grausige Flüche lallend. Hier sammeln sich die müden Veteranen, zerlumpt, krüppelig, die Geschlagenen, die Entlaufenen, die Betrogenen; krank, gebrochen, elend, dämmern sie in der Sonne dahin. Die Schlottergestalten, Skelette, Galgenvögel, faule Schwämme, Zerrbilder Gottes, Tuberkulösen, die aschigen Kinder des Rinnsteins, grauenhaften Nachtschatten der Großstadt, stotternd, zitternd, vagen Zielen zustrebend, die Bacchanten der Gosse, grauhaarige Vagranten, vibrierend nach Schmutz, sich ins eigene Elend wühlend, im Genuß der eigenen Gerüche zitternd, die grimmen Masken herzzerreißender Komödien, die nächtigen Kloakengeschöpfe einer lächerlichen Tragödie, die Halbgebildeten, die Halbwissenden, welche die Wonnen des Lebens kennen, ohne Gewalt darüber zu haben, die Ohnmächtigen, die Verzweifelten. Müde, schläfrig brechen sie zusammen, bis der Fußtritt des Polizisten sie weckt. -- Und draußen, freudig, daß es Platz gibt, schieben sich die jungen Kolonnen mit Jubelgeschrei vor in die Gefechtslinie. Immer neu werden die Lücken von den nie endenwollenden Reserven gefüllt; immer neu schlürft sie der unersättliche Rachen hinunter, immer neu speit er sie wieder aus, und geschlagen, verwundet, gebrochen, befleckt kriechen die Gestalten aus dem Feuer in die Dunkelheit. Die Parkbankgarnitur! Die Leierkastenkomödianten! Die Zierden der Stadt! Die Trophäen der Zivilisation! Preise des Lebens! Überproduzierte -- Unterentwickelte -- Lemuren -- Halbmenschen -- quoi! --