Die Moral des Hotels: Tischgespräche
Part 20
Wie zu jedem Leben, so gehört eine gewisse, nicht zu unterschätzende Philosophie zum Leben des Kellners, die natürlich nicht jedem gegeben ist, die sich aber mit einigem Willen, Fleiß und Studium mehr oder weniger aneignen und bemeistern läßt. Wenn Sie mir aufmerksam zugehört haben, so werden Sie auch gesehen haben, wie ich mich bemühte, die notwendige Philosophie an den einzelnen kritischen Punkten zur Geltung kommen zu lassen. Ein feiner Zug von Selbstironie ist auch oft in dem Leben dieser Leute zu finden und bildet einen beträchtlichen Lehrsatz in ihrer Lebensweisheit, deren Basis natürlich auf den großen Grundregeln des Umgangs mit Menschen beruht. Ohne vielleicht jemals mit den Weisheiten der großen Klassiker des Altertums bekannt geworden zu sein, lebt der wirkliche gute Kellner doch ganz nach diesen herrlichen Vorbildern. In seinem Leben bestätigt sich auf die wundervollste Weise die reine, einfache Wahrheit der alten Lehren, was um so erstaunlicher ist, je mehr die in einer ganz einfachen, von Dampfkraft und Elektrizität ungestörten Zeit entstandene Wahrheit in unserer komplizierten Zivilisation Anwendung findet und sich mit ihrer süßen, mahnenden, sanft drängenden Gewalt immer und immer wieder Recht verschafft.
Ja, meine Freunde, welche Leidensgeschichte habe ich Ihnen da erzählt! Nichts Großes, nichts Blutiges, nichts Erhaben-Schreckliches, aber immerhin Leiden. Und nur Leiden! -- Glauben Sie jedoch, das Leben sei so grausam, daß es einen Menschen nur peinigt und ihm nichts, gar nichts als Entgelt für seine Leiden bietet? Niemals! -- Es ist gerecht, es tröstet die Schmerzensreichen. Es gewährt ihnen hohe Freuden, die den unwissenden Glücklichen nicht bekannt sind. Das Leben stärkt auch seinen Kämpfer. Es stellt keinen Schwachen an die gefährliche Stelle, ohne ihm die Mittel in die Hand zu geben, mit denen er sich decken kann. Es hängt ganz vom Menschen ab, ob er sie weise benutzt oder übersieht.
Wie sich dies überall und auch hier bewahrheitet, will ich Ihnen noch kurz beweisen. Ein altes Volkslied beginnt mit den Worten: »Wem Gott will eine rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt ...« Alte Volkslieder sind oft nicht nur schön, sie sind auch wahr, ja berauschend wie alter Wein. Und je älter sie werden, um so würziger, wahrer werden sie. -- Freilich, in unserer alles umwälzenden und umwertenden Zeit, wo auch ein gottverlassenes Benzinfatzkentum mit neugierigen Nüstern an alten Wahrheiten herumschnüffelt und sie als wunderliche Kuriositäten bemäckert, da verblaßt vieles -- da werden oft die zarten Geister einstiger Freude verscheucht, und sie schleichen sich mit herzbrechendem Schluchzen von dannen, verkriechen sich wimmernd in das dunkle Innere der Vergangenheit. Sie prostituieren sich nicht. Sie lassen sich auch nicht begaffen. Sie hassen aber dennoch die Gegenwart nicht, denn sie sind unsterblich. Und wer sie aus ihrem Versteck hervorlocken will, der muß mit gutem Willen und reinem Herzen kommen und darf nicht nach Benzin stinken. Dann wagen sie sich heraus und umarmen ihren Liebling. Scherzend verbinden sie ihm die Augen und führen ihn kichernd und wichtig tuend bei der Hand durch weite, unendliche Irrgänge, wo die Luft mit süßer, jugendlicher Ungeduld angefüllt ist, bis vor die zarten Schleier, mit denen ihre Geheimnisse behangen sind. Endlich reißen sie ihm jubelnd die Binde von den Augen, der Vorhang fällt, -- das erstaunte Menschenkind findet sich lächelnd in einer fremden, niegeschauten blühenden Märchenflur. Wuchtige, silberweiße Wolken hängen an dem klaren Azur, farbenreiche Gebirge mit würdigen Schneehäuptern wälzen sich am Horizont entlang hinab bis in das ewige, purpurblaue Meer. Und alles schenken die guten, freigiebigen Geister ihrem Liebling, alles. Sie lachen dabei, krönen ihn mit Blumen und tanzen Reigen um ihn.
Die Jünglinge, die als Kellner in die Welt hinausziehen, stinken noch nicht nach Benzin. Sie kommen mit dem reinen, unverdorbenen, durstigen Herzen der Jugend. Ihnen gilt daher noch der ganze Wert des alten Liedes; ihnen schenkt Gott daher noch seine ganze Gunst, legt vor ihren großen Augen seine Wunderwelten dar. Sie sind zwar arm an Gütern, die Jünglinge, aber ihr Beruf führt sie überall hin. Er gibt ihnen einen freien Passepartout zu allen Wundern der Erde, den andere teuer erkaufen müssen, ja, der den meisten unerschwinglich teuer ist. Was andere unbemittelte Menschen in einsamen Nächten sehnsüchtig aus mangelhaften, unvollständigen, von Menschen verfertigten Büchern und Bildern schlürfen, das legt die Gunst Gottes dem jungen Kellner in Natur, in Wirklichkeit, in königlicher, erhabener Größe vor seine jugendfrischen Augen. Was ist ein Abdruck gegen das Originalbild! Was ein Bild erst gegen den Glanz der Wirklichkeit! -- Wie viele Menschen würden unseren Ganymed als den Glücklichsten der Sterblichen beneiden, wenn sie wüßten, welche Genüsse das große Leben ihm, seinem Günstling, lächelnd reicht.
Fragen Sie, meine Freunde, nur unseren jungen Mann hier. Vielleicht kann er es Ihnen sagen. Heute ist er hier, aber mit den Zugvögeln zieht er schon wieder im Spätherbst nach dem Süden, nach Italien, der Riviera, nach Ägypten, nach Algier. Wir finden ihn im Winter vielleicht in Indien oder auf den Kanarischen Inseln, in Florida oder auf Honolulu, in Athen oder Konstantinopel oder Monte Carlo. Den Frühling begrüßt er in den Bergen, den Alpen, Karpathen, in den Pyrenäen oder im Taunus am Rhein, im schottischen Hochland oder im amerikanischen Felsengebirge. Im heißen Hochsommer promeniert er vielleicht am Strand in Ostende, Scheveningen, Boulogne, Biarritz, Atlantic City oder Santa Cruz. -- Überall ist er. Gefällt ihm heute Berlin nicht mehr, so sitzt er morgen im Expreß nach Paris. Wenn er will, vertauscht er London mit Rom, New York mit San Francisco, Buenos Aires mit Sydney, Yokohama mit Calcutta. Überall findet er Arbeit, überall ist er willkommen, überall zu Hause. Verordnet sein Arzt ihm Karlsbad, so zögert er nicht lange und packt seinen Koffer. Ist Aachen oder Nauheim seiner Gesundheit zuträglicher, so besinnt er sich nicht lange, sondern studiert den Fahrplan für diese Richtung. Zur Kur wählt er Wiesbaden oder Saratoga, Baden-Baden oder Aix-les-Bains, Virginia Hot Springs oder Marienbad -- je nach Bedarf. Entfernungen spielen keine Rolle, Finanzen sind Nebensache, Nationalitäten gibt's keine -- er ist der Weltbürger ~par excellence~.
Mit einem wehmütigen Stolze blickt dieser Wanderer auf sein unstetes Leben zurück. Alle Himmelsrichtungen kennt er. Fällt ihm ein Buch in die Hand, das Beschreibungen von fernen Ländern oder Orten bringt, so greift er es auf und freut sich herzlich, wie wenn er einen lieben alten Bekannten sehe.
Wenn doch auch nur die anderen Menschen die gleiche Gelegenheit zum Wandern hätten, oder wenn sie nicht zu faul wären und nicht in ihren muffigen Nestern hocken blieben, so würde viel Engherzigkeit verschwinden, die Nationen würden dichter und inniger aneinander kommen und sich besser kennen lernen. Denn sie wissen trotz aller unendlicher Schreiberei, trotz aller Eisenbahnen und Dampfschiffe, trotz aller Kabel und drahtlosen Telegraphie, trotz aller Luftschiffe noch herzlich wenig oder so viel wie gar nichts voneinander. Wenigstens keine Wahrheiten. Und das Resultat ist, daß sie sich gegenseitig beständig scheel belauern, anknurren und womöglich sich die Köpfe blutig schlagen, wo sie sich nur begegnen. --
In seinen Reisen liegt die eine einzige, aber große Freude, die das Leben dem Kellner bietet. Hier liegt auch das Geheimnis seiner Friedfertigkeit, seiner Geschmeidigkeit und Duldsamkeit verborgen, welche sein Beruf erfordert. Und wie nur wenige andere Erdbewohner hat er Gelegenheit, in die Tiefen der Menschheit zu schauen. Er kann die edelste Beschäftigung, das interessanteste Studium betreiben: Menschen studieren. Er sieht sie. Alle Nationen, alle Rassen, alle Klassen kommen zu ihm. Könige, Fürsten, Edle, Geistes- und Geldgrößen und deren Frauen kommen als Gäste; die mittleren und armen Schichten arbeiten mit ihm als Kollegen und Helfer. Er sieht sie alle. Er sieht sie besser, als andere sie sehen können. Mitten in das glänzendste, summende Gewimmel, das unaufhörliche Getriebe und Gewühl der verschiedensten Charaktere, in das unendliche, willkürliche, unverantwortliche, rücksichtslose Treiben einer verwirrten Zivilisation wird er gedrängt. Und er sieht noch mehr, viel Wertvolleres: er sieht die verwundbarsten Stellen der Menschen -- ihre Schwächen.
Manch ernstes Bild, manche unerwartete Überraschung, manchen grauenvollen Schrecken stellt das Leben vor seine Augen, indem es ihm offen sein tiefstes Geheimnis, den Menschen zeigt. Tagtäglich predigt es dem Kellner seine erhabenen, stumm mahnenden Predigten auf die mannigfaltigste Weise. Es führt ihn ernst lächelnd hinter den leeren Glanz des Reichtums, mit unerbittlicher Miene an die abscheulichen Tiefen der Armut heran. So kann das rätselhafte Gesicht des Lebens nur flüstern, stumm, aber es gibt keine eindringlichere Sprache. So spricht es zum Kellner. So legt es ihm einen immensen Reichtum an Gesehenem und Geschehenem zum Gebrauch fürs eigene Dasein vor die Füße. Und unerbittlich verlangt es Verwaltung und weise Verwertung dieser Schätze.
Doch wer verwertet sie wirklich? -- Wer läuft nicht unachtsam, gedankenlos daran vorüber? -- Ach, sie schauen nur, aber sie sehen nicht! Sie denken nur, aber sie wägen nicht! -- Man kann zwar nicht erwarten, daß jeder Mensch ein großer Philosoph sei, aber man darf von jedem erwarten, daß er Schlüsse aus _dem_ Leben ziehe, das ihn umgibt. Doch es braucht Gewalt, dies zu tun; und die Gewalt kann nur durch Übung erlangt werden.
Das Leben aber verzeiht weder dem Unwissenden noch dem Schwachen. Es versagt ihm seinen höchsten Genuß, sein schönstes Glück; und die Stimme des Gewissens, das Bedauern, die Reue über ein verschuldetes, verfehltes Dasein wird ihn bis zum Tode verfolgen.
Erst aus dem Kern der hehren Gewalt, aus der großen Selbstzucht entspringt das süße, überwältigende Bewußtsein der Kraft, und die einzige, die wahre dionysische Freude am Erdendasein loht daraus auf, sich zum Gottesdienste erhabensten Stils entfaltend.
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Ei, gnädige Frau, auf diese Frage habe ich lange gewartet! -- Woher ich mit dem Schicksal der Kellner so vertraut bin? -- Hm -- ich habe so viel -- ja, natürlich als Gast in den großen internationalen Hotelpalästen -- aber ich habe noch mehr getan: nämlich selber einmal als Kellner gearbeitet. Und nicht nur gearbeitet, sondern noch mehr: ich habe mich für das Leben dieser Menschen _interessiert_! Es gibt Tausende, die hier arbeiten, ohne aber zu wissen, was sie tun, ohne Anteil an dem eigenen oder an fremdem Leben zu nehmen. -- Aber Sie sind ja ganz sprachlos, meine Gnädige! -- Hat mein Bekenntnis Sie so entsetzt? -- Wie? -- Ob das Schreckliche wahr ist? -- Ei, selbstverständlich! -- Woher sollten wohl sonst alle meine fabelhaften Kenntnisse über dieses Leben stammen!? -- -- Nur Studien halber? -- Hm, meistenteils ja! -- Ich will aufrichtig sein ... Wie ungläubig Sie lachen, meine Freunde! -- Warum? -- Weil ich solch eine verzweifelt ehrliche Natur bin? -- Oh, das sind alle normale Menschen. Und ich halte mich für einen solchen. Aber es gibt doch sehr wenig normale Menschen auf der Welt. Und meine Ehrlichkeit besteht hauptsächlich darin, daß ich nichts Überflüssiges sage. Es sei denn, ich werde danach gefragt, wie in diesem Falle.
Da so vieles, das ich Ihnen erzählte, auf eigener Erfahrung und Anschauung beruht, so kann ich Ihnen auch ohne Bedenken verraten, wie ich Kellner wurde und gleichzeitig ein Anekdötchen zur Illustration beigeben, wie man in meiner früheren Gesellschaft darüber -- also folglich auch über den Wirt und seine Angestellten -- denkt. Es ist eine ganz harmlose Geschichte, sie mag langweilig sein, aber sie ist wahr.
Nichts ist amüsanter als Maskerade. Sie wird aber auch zu hinterlistigen Zwecken benutzt. Der Wilde versucht in allerhand Verkleidung als Strauß, als Hirsch usw. seinem Jagdopfer beizukommen. Auch für den wirklichen, zivilisierten Jäger, den Sportsmann, für den Naturforscher gibt es kein größeres Vergnügen, als unter irgendeinem Schutze die Tiere des Feldes und des Waldes zu belauschen, wenn diese sich unbeobachtet glauben und den Menschen nicht wittern. Aber das ist gar nichts! Ich habe die perfide Angewohnheit, den _Menschen_ auf alle möglichen Arten beizukommen und ihnen in die Karten zu gucken. Ich muß gestehen, kein Mittel ist mir zu schlecht, keine Maskerade zu verächtlich, um meinen Zweck zu erreichen. Ich kann wirklich nicht umhin und muß bekennen, daß mir das Beobachten der Menschen trotz aller ihrer Schlechtigkeit hundertmal mehr Genuß bereitet hat, wie meine schönsten Jagderfahrungen in den Bergen, auf den weiten Prärien oder in den Urwäldern. Und die Menschen, denen ich begegnet bin, waren so offenherzig gegen mich, daß ich viele Masken lächelnd beiseite legen konnte und ohne dieselben hinter ihre Schliche kam. -- Ja, Gnädige, das sieht beinahe wie Vertrauensbruch aus. Aber es ist nicht so. Danke! -- Ich habe auch nie durch Schlüssellöcher geguckt oder sonstige Dienstbotenmethoden angewandt. -- Wie gesagt, es war unnötig. -- Die Offenherzigkeit war nicht die schöne Tugend, das edle Vertrauen, welches jeder dem anderen entgegenbringen sollte, nein, es war gerade das Gegenteil davon. Es war eine unverzeihliche Bequemlichkeit, eine Gemütsfaulheit, eine Dummheit, beleidigend, wie nur sie sein kann; es war eine verletzende verallgemeinernde Stupidität, die die Menschen an anderen voraussetzten, weil sie selber damit behaftet waren. Darum soll man nie jemand mit dem eigenen Maßstabe messen, ebensowenig, wie man eine fremde Sprache sprechen soll, während man in der Muttersprache denkt.
Mit einer geradezu ekelhaften, widerwärtigen Frechheit und Voraussetzung, einen ihresgleichen oder weniger vor sich zu haben, sind die Menschen mir begegnet und haben mich demgemäß behandelt. Solche rücksichtslose, beleidigende Behandlung verdiente so grausam bestraft zu werden, wie ich es tat. -- Worin die Strafe bestand? -- Nun, die größte ist doch, wenn man alles lächelnd über sich ergehen läßt und mit scharfem Auge unter den Wimpern hervor den Ahnungslosen beobachtet. Solche Blicke sind wie die Pfeile des wilden Jägers. Sie durchdringen das tiefste Innere des Opfers und erkennen es. -- Was ich erkannt habe, besitze ich, gehört mir. Es ist mir untertan wie der Körper des erlegten Wildes.
Ich bin überall. Ich speise in erstklassigen Hotels, ich frequentiere die gefährlichsten Spelunken. Künstler- und Dienstmädchenbälle besuche ich gleich gern. Hintertreppen-, Kammerdiener- und Staatsgeheimnissen schenke ich das gleiche willige Ohr. Ich produziere mich in den verschiedensten Berufen und Stellungen mit größtem Geschick und größtem Vergnügen. Als Automobilist in den Garagen und auf den Landstraßen. Als Cowboy auf weiten Prärien unter ruppigen Desperados. Als Privatsekretär in den Familien der Multimillionäre, als Maler in Kunstreichen, in Minen unter Goldsuchern, als Literat auf journalistischen und literarischen Gefilden, als Handlungsreisender, Maschinenschmierer, Zeichner, Koch, und in noch verschiedenen anderen Stellungen habe ich konditioniert.
Die Welt ist klein. Und wer in so vielen Kapazitäten und überall auftritt, hat das Vergnügen, häufig alte Bekannte anzutreffen. Dann entstehen meistens köstliche Situationen, namentlich wenn man -- wie ich -- ehrlich genug ist, immer unter dem eignen Namen aufzutreten. So kam ich auch einmal auf den kühnen Gedanken, als Kellner Material für einen monumentalen Roman der höchsten internationalen Hautevolée zu sammeln. Ich hatte damals einen genußreichen Sommer im amerikanischen Felsengebirge verbracht, mein Freund ging nach Europa zurück, ich aber blieb in New York, um meinen Plan auszuführen. Durch Empfehlung gelang es mir, bald eine Stellung als Kellner in einem großen Hotel zu erlangen, und ich stürzte mich mit Wonne in das Getriebe. Ja, ich avancierte sehr bald.
In dieser Stellung sahen mich eines Tages ein paar Herrschaften schalten und walten, mit denen ich auf einer Mittelmeerreise, von Ägypten kommend, flüchtig bekannt geworden war und die ich zufällig während des vergangenen Sommers in Colorado wiedergetroffen hatte, wo sie die Ehre gehabt hatten, einige angenehme Tage mit mir zu verbringen. -- Nein, gnädige Frau, ich habe mich nicht im geringsten geniert, denn im Eifer meiner Tätigkeit bemerkte ich die Herrschaften nicht gleich. -- Mit Staunen und Schrecken aber erkundigte sich die liebenswürdige, junge Dame bei ihrem Kellner nach meinem Namen. Allmächtiger! -- Ihr entsetzlicher Verdacht bestätigte sich! -- Ich war wahrhaftig der geniale, reizende Mensch, den sie unter dem Azur des Mittelmeers kennen gelernt und in Colorado wiedergetroffen hatten! -- Ganz verwirrt und erstaunt konnten sie eine ganze Weile lang nichts sagen. Dann zogen sie den Kellner wieder zu Rate und vertrauten dem Milden, Vielgeplagten ihre Kalamität an. »Aber wie ist denn das möglich, Kellner,« flüsterte die Mutter, »in Luxor hat er doch archäologische Studien betrieben, sagte er!« -- »Diesen Sommer erst noch haben wir mit ihm in seinem Automobil gefahren und bei ihm zu Abend gespeist!« seufzte der Sohn. »Und mit ihm Golf gespielt!« jammerte das reizende Töchterchen. »Weißt du noch, Mama, hinter dem Hotel auf dem prachtvollen Rasen!« -- Mama wußte noch. -- »Traf er nicht auch alle Vorbereitungen zu einer Jagd auf Grizzlybären in den kanadischen Bergen?« erinnerte sich der Sohn. Und das Töchterchen antwortete: »Was ist denn aus seinem reizenden Freund geworden? Ist der _auch_ Kellner?« -- Die arme Mutter war am schwersten getroffen: »Ach, konnten wir denn ahnen, daß er so was ist! -- -- Wir haben ihn doch als anständigen Menschen kennen gelernt! -- Und hier ...!? -- Uh!«
Das war zu viel für den braven Kellner, und er antwortete ruhig: »Madame, ich habe noch nicht gesehen, daß er sich hier unanständig benommen hat!« Und er wandte sich ab, um mich heimlich aufmerksam zu machen und mir die ganze Geschichte hastig zu erzählen. -- Meine Freunde aber fühlten sich plötzlich so unbehaglich, daß sie den Saal verlassen mußten. Sie gingen, ohne mit mir zu sprechen. -- Nein, ich sprach auch nicht mit ihnen. Zum Dank für die schönen Erinnerungen an kühle Autofahrten, an herrliche Kunstgenüsse und an schöne, unschuldige Spiele auf grünem Rasen versuchten sie, mich aus der Sklaverei des flatternden Kellnerfrackes zu befreien, indem sie meine Entlassung bewirken wollten. Was ihnen aber nicht gelang, da ich ein zu guter Kellner bin, um ohne Grund an die Luft gesetzt zu werden ...
Wie? -- Sie wollen sich schon so früh zurückziehen, gnädige Frau!? -- Wir gedachten doch noch ein wenig der Musik zu lauschen. -- Hm -- Fatige -- Ich springe schnell zum Apotheker im Hause -- -- -- die Kapseln -- zwei Stück auf ein Glas Wasser -- ... hm ... nicht ...« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Wer ist denn das!? -- Kellner, sehen Sie dort unter der Palme im Fauteuil den jungen, eleganten Herrn? -- Ja, den schwarzgekleideten, mit dem Buche; er dreht uns den Rücken zu -- ich glaube -- -- Was? Ein Geistlicher! Unmöglich! -- Wahrhaftig! -- Aber er ist's! -- Er ist's! -- Sagen Sie ihm, bitte, ich wünsche ihn einen Moment zu stören. -- Er wird sich freuen, wenn Sie ihm meinen Namen nennen. -- --
Mein geliebter amerikanischer Freund George Washington Abraham Lincoln Shoultse! Welch eine Überraschung! Das wird aber lustig werden! -- Besonders nach diesem Schluß. ... Aber wie kommt er hierher? -- Was tut er im Rock eines Priesters? --
Well, well, altes Haus! Das ist doch einfach großartig! Freue mich ganz barbarisch, dich wiederzusehen. -- Ich staune -- hätte dich kaum wiedererkannt -- -- so verändert. ... Wie lange ist's her, seit wir uns als Studenten zum letztenmal umarmten?! -- Vierzehn, fünfzehn Jahre. -- Ja, wie die Zeit vergeht! -- Und, ach, die herrlichen Heidelberger Tage! Wo sind sie hin? -- An dich habe ich aber immer gedacht! Das kannst du mir glauben! -- Denn du warst doch der fidelste Kerl, der mir jemals ... hm -- -- Na, aber wie geht's denn? -- Was treibst du jetzt? -- Ich dachte immer, du wolltest dich ganz auf die Philologie verlegen. -- Was? -- der Teufel! -- hm -- Pardon! -- Bischof bist du -- hm Pardon! -- Sind Sie -- --? Seit wann denn? -- Ich bin starr! -- Pardon! Donnerwetter, da gratulier' ich! -- -- -- So, so! In Kalamazoo City im Staate Oklahoma! Wirklich! Da gratulier' ich nochmals! -- -- -- Wer hätte das gedacht! Bischof der konsolidierten, reformierten episkopal-lutherisch-methodistisch-unitarisch-baptistischen Kirche! -- Ja, aber zum ... Pardon, sag mal -- -- verzeihen Sie -- -- ist denn da -- hm -- so viel -- hm -- Geld -- äh, ich meine, Genugtuung und Inspiration drin, daß du alle deine großen Pläne ... hm -- na, jedenfalls gratulier' ich! -- Ja, drüben in Amerika avanciert man schnell! Junge, tüchtige Leute werden dort gesucht. -- Aber da müssen wir doch eins drauf trinken. -- Wie? -- Ein solch unerwartetes Wiedersehen, das muß begossen werden -- was? -- Na, wenn Sie jetzt auch Bischof und Right Reverend und alles das sind, so können Sie doch ein Gläschen Wein mit mir ... wie? ... nicht ein wenig die alten Erinnerungen auffrischen!? -- Waaas? -- keinen Wein ...? -- -- Hör 'mal, du bist wohl verrückt geworden ... oh, oh, Pardon! -- Ich kann es gar nicht fassen -- ich staune -- Sie trinken keinen Wein mehr!? -- -- Sie waren doch früher -- hm -- -- -- Oh, oh! -- Wie sich die Zeiten ändern! -- Sie haben sich aber großartig gemacht, Mr. Shoultse! Sie sehen vorzüglich aus! -- Wie meinen Sie? Ob ich noch immer trinke? Ja, leider, ich hab's mir noch nicht abgewöhnen können. Es ist schrecklich! -- Oh, oh -- --!
Ob ich weiß, was die amerikanische Prohibition ist? -- O ja, ich hab mal was davon gehört. Wissen Sie's auch, Herr Bischof? -- Was? Sie sind einer der Hauptkämpfer für die Prohibition geworden?! Das ist ja interessant! Und sagen Sie mal, wie bezahlt sich die Sache denn? -- So, Sie verfolgen nur den idealen Zweck der guten Sache? Das ist löblich. -- Aber ist denn das wahr, was ich in den Zeitungen gelesen habe, daß bereits an die vierzig Millionen Menschen in den freien Vereinigten Staaten von Amerika keine geistigen Getränke mehr zu sich nehmen dürfen? So, so, das ist also Tatsache! Unglaublich, wie Sie gekämpft haben müssen, Mr. Shoultse. Na, dafür können Sie sich jetzt auch ein wenig ausruhen! Das ist recht! Vierzig Millionen Menschen müssen Durst leiden! Das ist ja einfach fabelhaft! Ja, in Amerika wird alles im großen Stil betrieben. -- Aber was fangen denn die armen Durstigen an? Wird denn jeder eingesperrt, wenn er ein Glas Bier oder Wein trinkt? Vergeht er sich gegen das Gesetz, wenn er dies tut? -- Nicht? -- Aber wie hängt denn das zusammen? -- Das _Trinken_ ist gestattet und wird nicht bestraft! Man verbietet nur den Verkauf, den Transport und das Fabrizieren von geistigen Getränken! Das sind ja geradezu diabolische Gesetze! -- -- Tantalusqualen! Man darf trinken, aber das edle Naß wird einem vorenthalten! Einfach ungeheuerlich! --