Die Moral des Hotels: Tischgespräche
Part 2
Ganymedes. Ganz richtig. Aber der zählt eigentlich zu den antiken himmlischen Heerscharen, während der Kellner eine verzweifelt irdische, menschliche Gestalt ist. Wer der erste Kellner war, wo er lebte, wie er hieß und wie er aussah, läßt sich nicht sagen. Es fehlen jegliche Urkunden oder Traditionen. Obgleich des Gastwirts Gewerbe eigentlich so uralt ist wie unsere Zivilisation, obgleich die Geschichtschreiber aller Zeiten, ganz wie alle anderen Bürger, jederzeit und überall dem Gasthause sehr gewogen waren, die Gestalt des Kellners blieb obskur. Nur hie und da wird er erwähnt und dann in das ungünstigste Licht gestellt. So in der schönen Geschichte von dem historischen Gasthause zu Askalon, dem »Schwarzen Walfisch«. Es wird dort erzählt, wie die Kellner die Rechnung präsentierten, ein gewichtiges, in Keilschrift auf Ziegelsteinen geschriebenes Dokument. Nun da Sie, Herr Professor, den Namen des Ganymedes scherzhaft erwähnt haben, komme ich darauf zurück. Es erzählt allerdings eine einzige, aber wunderbare Geschichte aus dem grauen Altertum uns von dem ganz außerordentlichen Kellner, der Ganymedes hieß. Er war schön an Körper und Geist, dieser Jüngling, der schönste seiner Zeit. Und man kennt sogar seine Familienverhältnisse. Er war der eheliche Sohn des Tros und der Kallirrhoe und tummelte sich mit seinen Brüdern Assarakos und Ilos auf den sonnigen Höhen des Idagebirges herum, das eine gute Reise im Luxuszug weit gegen Sonnenaufgang sich zum tiefblauen Himmel emporstreckt. -- Ja, ja, gnädiges Fräulein, ich versichere Ihnen, Ganymedes war so schön, daß die bösen Nachbarn die Vaterschaft des braven Tros in Frage stellten und allerhand davon munkelten, daß der Jüngling einen der ewigen Götter zum Papa haben müsse. -- Sehr richtig, gnädige Frau, stimme Ihnen vollkommen bei! Obgleich Zeus als oberster der Götter in dieser Hinsicht tatsächlich manches geleistet hat, was man heutzutage ganz recht mit gestrengen Blicken betrachtet und ihm sehr übel anrechnet und er infolgedessen wirklich der heimliche Schrecken manch eines jungen Ehemanns war, so wollen wir aber derartige Gerüchte bezüglich der Abstammung des Ganymedes als unbegründet aufs entschiedenste ablehnen. Denn es fehlt jeder authentische Beleg dafür. Tatsache jedoch ist, daß Zeus unendliches Wohlgefallen an dem Jüngling hatte, und die Sage geht, daß er seinen großen Adler aussandte, der den Ganymedes erfaßte und hinauf in den Himmel trug oder in das Elysium -- wie Sie wollen.
In diesen Gefilden der Götter und der Seligen brauchte Zeus zu den vielen festlichen Gelegenheiten einen anständigen Kellner, und er ließ sich, da er viel auf gutes Service hielt, also den schönsten und besten der erdgeborenen Jünglinge kommen, um sich von diesem den Nektar und Ambrosia, die damalige Table d'hote der Götter servieren zu lassen. Und Ganymed muß mit seiner Stellung sehr zufrieden gewesen sein, denn er ist niemals mehr zur Erde zurückgekehrt. Sehr bedauerlich für die Irdischen. Von dem schlanken Götterkellner, der später selbst zu dem Rang eines Halbgottes avancierte, hätte sogar unser moderner Kellner hier ohne Zweifel manches lernen können. Was Wunder daher, daß die alten Künstler ein solches Exemplar von Schönheit und Gewandtheit verschiedentlich verherrlicht und sein Bild in Bronze und Marmor darzustellen versucht haben. Einiges davon hat sich sogar bis auf unsere Tage erhalten, damit jeder Kellner, der nach Rom kommt, sich sein Prototyp ansehen kann. -- Sie erinnern sich, Herr Doktor? -- Ach ja, natürlich! Sie als Kunstkritiker. Das ist ja Ihr Fach. -- Nicht wahr? Es ist der Mühe wert, sich den Ganymed anzusehen; und es kostet nichts ... Wie meinen Sie? Ei, richtig! Welches Gedächtnis Sie haben! Montags, Dienstags, Donnerstags und Freitags wird ein Lire Eintritt erhoben, der nebst anderem in die Kasse des Heiligen Vaters fließt. Na, jedenfalls aber bekommt man an den anderen Tagen beim Eingang einen Zettel, der sagt:
»~Permesso personale per visitare i Musei del Palazzo Apostolico Vaticano.~«
Und unten drunter steht groß und großmütig:
»Gratis.«
Das weiß ich noch ganz genau, denn ... hm, verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, Sie wollten etwas sagen. -- Ganz recht! In Wien hängt auch ein Bild. Ein wunderbarer Corregio. -- In Dresden, gnädige Frau? -- Gleichfalls richtig. Ja, in Dresden auch. Rembrandt, wenn ich nicht irre. So 'n pausbäckiger, kräftiger Bengel, der mächtig schreit, als ihn der Adler erfaßt. Auch etwas jung nach unseren Begriffen. -- Indes, diese Bilder sind archäologisch unzureichend. Der Kellner profitiert nicht viel davon. Er kann höchstens das eine von seinem klassischen Kollegen lernen: nämlich, daß er ihm an Schönheit des Geistes und auch des Leibes soviel wie möglich nachstreben soll. Aber es haben sich seit dem klassischen Altertum die Verhältnisse so sehr verändert, alles hat ein so ganz anderes Gesicht angenommen, so daß wir den modernen Kellner nicht allzu sehr schmähen dürfen, wenn er dem Ganymedes wenig oder gar nicht ähnlich sieht. Außerdem haben wir auch gesellschaftliche Skandale und Mesalliancen sowieso gerade genug.
Dennoch oder gerade darum, so wie er heute ist, bleibt der Kellner aber ein ganz interessantes Thema. Und während wir hier auf den unsrigen warten, wollen wir nicht gleich schimpfen, wenn unsere Geduld etwas auf die Probe gestellt wird, sondern wir wollen einmal betrachten, was seine Arbeit ist und warum er uns oft so lange warten läßt. Das ist tatsächlich ein großes Gebiet. Zuviel für einen Tag. Vor allem müßten wir uns mit der Gastwirtsindustrie bekannt machen. Zu diesem Zwecke müßten wir, wie gesagt, sehr weit in die Geschichte zurückgreifen. Denn die Geschichte unserer Väter und Vorväter steht an den Wänden der Gaststuben geschrieben. Oft viel besser als in dicken Büchern. Wenn Sie mir folgen wollen, so werden Sie sehen, wie wenig sich die Menschheit eigentlich seit ihren frühesten Dokumenten bis auf unsere Tage innerlich verändert hat. Die äußeren Umstände sind freilich andere geworden. Sie werden sehen, wie sich aus der schönen, vielgepriesenen alten Gastfreundschaft eine Industrie großartigsten Stils entwickelte, die notwendige Folge des wachsenden Verkehrs der Völker untereinander.
Gastfreundschaft. Was ist, oder besser, was war Gastfreundschaft eigentlich? Einem Wanderer in alter Zeit, der ermattet, bestaubt von fernher kam und beim Sonnenuntergang an eine fremde Haustür anklopfte, wurde aufgetan. Man empfing ihn freundlich, nahm ihn ins Haus auf, wusch ihm die Füße, salbte sie, brachte ihm Salz und Brot, lud ihn zu Tisch, bereitete das beste Bett für den Müden. Das war Gastfreundschaft. Diese Sitte ist heutzutage fast nur noch dem Namen nach bekannt, ausgenommen bei einigen patriarchalisch lebenden Völkern des Orients. Daher wird sie auch allenthalben als eine große Tugend gepriesen. Wir sind aber immer zu leicht verführt, etwas schön und freundlich Aussehendes zu hoch zu schätzen. Wenn die Menschen sich gegenseitig etwas Gutes antun, so treibt sie gewöhnlich kleines persönliches Profitchen dazu an. Ganz leer will der Wohltäter nie ausgehen. Welchen Zweck verfolgen die Menschen, wenn sie sich in den Haaren liegen, sich gegenseitig bekämpfen? -- Nur derjenige, der sich gar nicht mit den Menschen abgibt, ist der ganz Selbstlose. Sind wir moderne Menschen, die wir einem armen einlaßbegehrenden Wandersmann höflich aber kühl die Türe vor die Nase schlagen, etwa weniger tugendhaft als die Braven vor Jahrtausenden, die sich gegenseitig mit dem größten Vergnügen bewirteten? Ich hoffe nicht. Die Zeiten haben sich nur geändert. Wir besitzen statt der Gastfreundschaft eben eine andere »Tugend«, ein Äquivalent. Die Geschichte beweist dies. Zu früheren Zeiten wanderte man nicht so viel wie heutzutage. Es war beschwerlich und gefahrvoll. Die Menschen waren selten. Drum kam auch nur selten ein Wandersmann an die Haustür und begehrte Unterkunft. Man freute sich jedesmal von ganzem Herzen, einen Fremdling zu sehen und aufnehmen zu können. Dies Gefühl hat sich bis auf unsere Tage erhalten. Denn wenn man mit jemand gut Freund bleiben will, so darf man sich nicht zu häufig bei ihm blicken lassen. Dies scheint auch das Geheimnis der meisten Ehemiseren zu sein. Man darf daher die alten Völker ihrer edlen Gastfreundschaft wegen nicht allzu hoch preisen. Der fremde Gast war wirklich einmal eine angenehme Abwechslung in der stillen Eintönigkeit ihres Lebens. Besonders wenn er wohlhabend aussah. Er wurde staunend von oben bis unten betrachtet. Sein Felleisen war der Gegenstand stiller, aber allgemeiner Bewunderung. Man war auf die Geschenke gespannt. Selbst dem weniger selbstsüchtigen Gastgeber hatte der Wandersmann allerhand zu bieten. Er konnte die spannendsten Geschichten, die schönsten Abenteuer, die letzten Neuigkeiten aus fernen Landen erzählen. Zu einer Zeit, da es noch keine Zeitungen gab, war ein solcher Mensch daher jedem willkommen. So baut sich also die sogenannte Tugend der Gastfreundschaft auf der sogenannten Untugend der Neugier auf. Die Neugier hieß damals den Wandersmann willkommen. Man profitierte von ihm, wie man heute von ihm Nutzen zieht. Darum begleitete der freundliche, stolze Hausvater seinen Fremdling am nächsten Morgen beim Sonnenaufgang und zeigte ihm seinen Weg. Wenn der Reisende sicher war, daß er die richtige Fährte gefunden und das Ziel des Tages nicht mehr verfehlen konnte, so schüttelten beide die Hände, dankten einander für das Vergnügen und gingen, -- der Hausvater zurück, der Wandersmann voraus.
Heutzutage, namentlich in den großen Städten, können die reisenden Fremdlinge keinen Reiz mehr auf die Hausväter ausüben, wenn diese nicht gerade an den vom Fremdenverkehr abhängigen Unternehmungen beteiligt sind. Man liest alle Neuigkeiten aus der ganzen Welt in der Zeitung, man hat Menschen genug um sich herum. Die Haustüren bleiben daher dem Wanderer verschlossen. Seine Gegenwart, seine Übernachtung würde in einer gewöhnlichen modernen Haushaltung höchst unerwünscht und peinlich sein. Sind wir deshalb aber zu schmähen? Oder ist die heutige Welt nicht mehr neugierig? Was ist das Äquivalent für die alte Gastfreundschaft? -- Die moderne Gastfreundschaft hat sich auf das seelische Gebiet begeben. So wenig Menschen es noch vor einigen Jahrtausenden gab, so viel gibt es heute. Wie damals der Menschenmangel als Einsamkeit, als Wüste empfunden wurde, so leidet heute das einzelne Individuum unter dem Eindruck der Menschenfülle. Und je größer, je stärker diese wird, um so hoffnungsloser erscheint sie dem einzelnen. Der Grund hierfür scheint in der Verschlossenheit und Unzugänglichkeit des inneren Menschen zu liegen. Und folglich in seiner Selbstsucht. Trotzdem haben die Menschen ein Bedürfnis, in Herden zu leben. Gesellschaft nennen sie dies. Ein wirklicher, normaler Mensch wird, wie gesagt, niemals selbstsüchtig und folglich niemals sich einsam fühlen. Doch darüber läßt sich viel sagen. Ich weiß, daß ich nicht ganz mit Ihnen darin übereinstimme. Ich würde keine Seele finden, die das täte. Das muß man mit sich selber ausmachen. -- Also, wenn wir uns daher in der großen Menschenwüste sehr einsam fühlen und nun plötzlich einen Menschen antreffen, der uns gefällt, so nehmen wir ihn genau so freundlich auf, wie die einsamen alten Völker die einsamen alten Wanderer empfingen. Wir suchen die Seele des Gefundenen zu erkennen, denn diese hat uns vielleicht etwas Neues aus fremden Regionen zu berichten, etwas Neues, das nicht in der Zeitung steht. Wir betrachten den Fremdling mit ebenso großer Neugier und suchen ihm ebenso aufrichtig alles Gute anzutun, das in unseren Kräften steht. Es ist aber schwierig, die verwandte, freundliche, einsam wandernde Seele anzutreffen, die wir suchen. Nahe sucht man sie oft nicht, in der Ferne findet man sie gewöhnlich nicht. Es scheint alles Glückssache zu sein. Und bevor man regelrecht vorgestellt ist, bereitet eine Annäherung große Schwierigkeiten. Die moderne Seeleneinsamkeit scheint daher oft so groß und so unerträglich zu sein, daß sich viele praktische Menschen sogar in der Zeitung nach einem seelisch verwandten Wanderer umsehen, da sie gewissermaßen absolut jemand haben müssen, an dem sie ihre Gastlichkeit ausüben können.
Durch die uralte Sitte und Tradition wurde die Gastfreundschaft natürlich im Laufe der Zeit eine Art Gesetz und wurde als solches heilig gehalten. Damit waren dann ebenso natürlich allerhand Rechte, Gebräuche und Zeremonien verbunden, die teils den Gast, teils den Gastgeber verpflichteten. Als der Verkehr zunahm, sah man sich jedoch genötigt, vielfach vom alten Rechte und den alten Gebräuchen abweichen zu müssen. An den Hauptstraßen wuchsen kleine Häuser empor, die sich die Beherbergung der Fremden zum Geschäft machten. Die ersten Gasthäuser! Der Kommerzialismus erschien. Das Wandern und Reisen wurde bald so unsicher, die Gastfreundschaft unzuverlässig, daß sich entfernte Familien und Völker veranlaßt sahen, Verträge miteinander abzuschließen. Einzelne Staaten sandten Männer in fremde Länder, welche unter dem Schutze des betreffenden Volkes standen und sich um das Wohl ihrer reisenden Landsleute bekümmerten. Die alten Griechen nannten diese Männer Proxenoi, und wir haben sie heute noch und nennen sie Konsuln.
Die Reisenden schienen es allmählich für am bequemsten und besten zu halten, in den Gasthäusern an der Landstraße abzusteigen. Dieser Brauch wurde nach und nach allgemein. Die Römer, zur ersten christlichen Zeit auf dem Höhepunkte ihrer Macht und ihres Glanzes, waren natürlich die Hautevolee des damaligen Reisepublikums, die antiken Globetrotters. Als solche machten sie sich das Reisen so angenehm und sicher als möglich. An allen Landstraßen errichteten sie Stationen zum Pferdewechseln, mit welchen gleichzeitig ein Nachtquartier verbunden war. An Weinschenken und Gasthöfen in den Städten und Dörfern des Altertums war wirklich kein Mangel. Auf Reinlichkeit ihrer Lokale schienen die antiken Wirte jedoch im allgemeinen wenig Wert gelegt zu haben. Oder Horaz war ein großer Kostverächter. Denn der alte Dichter drückt sich sehr verächtlich über die Tavernen und Wirtshäuser seiner Zeit aus. Es ist auch möglich, daß er als Poet nicht immer bei Kassa war und die damals schon existierenden erstklassigen Lokale daher nicht frequentieren konnte. Vornehme Reisende, welche keine Freunde in der fremden Stadt hatten, stiegen gerne in den besseren Deversorien ab, weil sie dort gut aufgehoben waren. Zur Unterkunft der Dienerschaft und der Gespanne der Reisenden dienten die gewöhnlich etwas abseits liegenden Dependancen des vornehmen Gasthofes.
Wie von der ganzen antiken Zivilisation, so gewinnt man auch von den Hotel- und Restaurantverhältnissen der römischen Blütezeit ein wunderbar lebendiges Bild bei einem aufmerksamen Spaziergang durch die toten Straßen Pompejis. Als der Vesuv an dem verhängnisvollen Augusttage des Jahres 79 die schrecklichen Verheerungen in seinem Umkreis anrichtete und das blühende Leben rings um sich her zerstörte, da dachte niemand der Unglücklichen daran, welchen Dienst dieser polternde, feuerspeiende Bergriese den kommenden Geschlechtern erweisen würde. Er gab den leichtherzigen Bewohnern der Städte gerade noch Zeit genug, ihre kostbaren Siebensachen und Barschaft zusammenzuraffen und sich dann wörtlich aus dem Staube zu machen. Die fröhlichen Städte aber wurden samt allem, das nicht fliehen konnte, mit dicken Schichten von Asche, Bimsstein und Lava bedeckt. Sie wurden den späteren Zeiten aufbewahrt. War es die Vorsehung, welche mit prophetischen Augen die wütenden, verheerenden Scharen bärtiger, struppiger Barbaren aus dem Norden heranziehen sah, um Rom zu vernichten? -- Wer kann sagen, was die schrecklichen Werkzeuge der Vernichtung des Schönen in der Faust des dunklen Schicksals der Völker bedeuten? -- Wir, die Nachkommen, freuen uns, daß Pompeji gerade zu seiner Glanzzeit bedeckt und uns aufbewahrt wurde. Als man vor etwa hundertundfünfzig Jahren anfing, die Decke von der toten, vergessenen Stadt zu lüften, war man sehr erstaunt. Man fand Dinge, worauf man sich als neueste Errungenschaft etwas einbildete, man fand, daß die toten Bürger der toten Stadt sie besser verstanden hatten.
Und je weiter man vordrang, vorsichtig, Schritt für Schritt, Zoll für Zoll, um so herrlicher und wunderbarer und lebendiger rollte sich das Bild ab. Nun sehen wir sie alle vor uns! Unbewußt, ahnungslos, daß sie beobachtet werden, schalten und walten sie weiter. Und besser als irgendwo anders erkennen wir das lustige Völklein von Pompeji in seinen Gasthöfen, Weinschenken und Speisewirtschaften. Wir sehen sie essen und trinken, lachen und zürnen, all die würdigen Senatoren, die edlen Frauen, die Bankiers, die strammen Zenturionen, die flotten Maler und Bildhauer, die düsteren und fröhlichen und lausigen Dichter, die leichtherzigen Komödianten, die sanften Flötenspieler, die großsprecherischen Gladiatoren, die Handwerker, die Krämer, die Wirte, die Soldaten, die Bauern, die Sklaven, die Priester, die Priesterinnen, die Kellnerinnen, die Köche, die Sklavinnen, die leichtsinnigen Dämchen.
Natürlich hat das antike Gastwirtsgewerbe mit der Entwicklung des anderen Lebens Schritt gehalten. Bis heute hat man ein schönes, mäßig großes antikes Gasthaus in Pompeji bloßgelegt. Dieses befindet sich an der Gräberstraße. Eigentlich ist es nichts mehr als ein dürftiger Trümmerhaufen, aber die Fundamente und Säulenstumpfe deuten darauf hin, daß die Hauptzierde des Gebäudes eine schöne Säulenhalle war. Im Erdgeschoß unter den Säulen befanden sich allerhand Kaufläden; im ersten Stock wohnten die Gäste, welche von dort eine prachtvolle Aussicht auf das blaue mittelländische Meer genossen. Dienerschaft und Pferde wurden in neben dem Hause liegenden Ställen untergebracht. Man weiß nicht, ob die Gäste ihre Mahlzeiten in diesem Hotel einnahmen oder die vielen Speise- und Weinwirtschaften der Stadt aufsuchten. Auch ist es möglich, daß sie sich die Speisen von einer solchen in ihr Quartier bringen ließen, denn das Gasthaus selbst weist keine Einrichtungen für die Zubereitung von Speisen auf. An Speise- und Weinwirtschaften jeden Ranges war zur damaligen Zeit in Pompeji kein Mangel. Eines der renommiertesten Häuser war das nahe beim herkulaner Tor gelegene Gasthaus des Albinus, der in würdiger, stolzer Einfachheit seinem Etablissement gleichfalls die Firma »Albinus« gab. Das Gasthaus »Fortunata« hatte eine sehr günstige Lage im Mittelpunkt der Stadt an einer belebten Straßenecke und war gleichfalls sehr beliebt. Vor seiner Tür steht ein garstiger Brunnen, worauf ein Raubvogel abgebildet ist, der einen Hasen davonträgt. Wir müssen den hochentwickelten Geschäftssinn der damaligen Wirte bewundern. Den großen Wert einer guten Lage kannten sie ganz genau. Fast jedes Eckhaus war daher als Schenke oder Gastwirtschaft eingerichtet. Andererseits ist mir jedoch die stumme aber bedeutungsvolle Gegenwart eines Trinkbrunnens an vielen Straßenkreuzungen, also vor der Tür der meisten Gasthäuser geradezu rätselhaft. Über das Verhältnis der hohen städtischen Behörde oder der Polizei von Pompeji zum zeitgenössischen Gastwirtsgewerbe ist leider nichts bekannt. Ob die antiken Stadtväter mit den Ausbeutereien der antiken Wirte weniger Erfolg hatten wie ihre modernen Amtsbrüder bei ihren Zeitgenossen, und ob sie aus solch niedrigen Motiven daher als Maßregelung der streitbaren Wirte die rätselhaften Trinkwasserbrunnen vor die Türen der Tavernen pflanzten, ist ein noch unerforschtes Geheimnis. Da ich in den meisten Fällen sehr realistisch denke, so habe ich die Überzeugung, daß die Wirte an der Existenz der besagten Brunnen unschuldig sind, und ich werde in dieser Annahme bestärkt, je mehr ich mir das Leben und Treiben der pompejanischen Wirte und ihrer Habitués betrachte. Eine große, höhnische, heimtückische Macht verschanzt sich hinter diesen Brunnen. Ich glaube wirklich allen Ernstes, daß eine damalige, uns unbekannte große Temperanzbewegung unter den nüchternen Bürgern und Bürgerinnen der sonnigen Stadt am Meerbusen von Neapel es zustande gebracht hat, mit Hilfe öffentlicher Subskription jedes neu entstehende Gasthaus mit einem nassen, nüchternen Brunnen zu beantworten. Obgleich das Wasser darin heute nicht mehr fließt, so sprechen die Brunnen selber auch für diese Behauptung. Sie können ihre Herkunft wirklich nicht verleugnen. Sie sehen ganz nach einem temperänzlerischen Ursprung aus. Durchweg prosaisch und geschmacklos wie sie sind, stehen sie in scharfem Kontraste zu dem ästhetischen Bedürfnis der Alten. Vergleicht man sie mit Brunnen in einem pompejanischen Atrium oder Peristil, so sehen sie wirklich nur steinernen Trögen ähnlich, darinnen das liebe Vieh seinen Durst stillt. Da ich aber kein Historiker bin und auch weder Zeit noch Lust habe, das Wirken dieser antiken Temperänzler schärfer zu beleuchten, so werden moderne Mäßigkeitsgesellschaften, die die Früchte ihres Eifers als ein erst in ihnen gezeitigtes Verdienst beanspruchen, meine Mutmaßung mit ungläubigen und zweiflerischen Augen betrachten und die Existenz von antiken seelenverwandten Bruder- und Schwesterschaften leugnen, statt mir für die wichtige Entdeckung zu danken.