Die Moral des Hotels: Tischgespräche
Part 18
Wie wahr das Wort Rousseaus ist und immer sein wird, geht aus der amerikanischen Geschichte deutlich hervor, wo die Negersklaven zuerst kaum die Freiheit annehmen wollten, die ihnen von den Nordstaaten geschenkt wurde. Niemand unter den bedrückten Schwarzen war sehr über das so teuer erkaufte Geschenk der Freiheit entzückt. Ja, die alten Neger behaupten heute noch, daß es ihnen zur Zeit der Knechtschaft besser ergangen wäre wie zur Zeit der Freiheit. Dies ist auch das beliebte Gejammer der ehemaligen Sklavenhälter der Südstaaten, die durch das Machtwort Lincolns Beträchtliches eingebüßt hatten. Die große Macht der Gewohnheit hat auch hier wieder gesprochen. Die Menschheit, die jahrtausendelang in Irrtum und Lüge gelebt hat, kann sich nicht so schnell an die Wahrheit gewöhnen. Ein Mensch, der aus der Dunkelheit tritt, wird durch das Licht geblendet.
Die ehemaligen Sklavenhälter, denen im Bürgerkriege die Freiheit ihrer Unterdrückten blutig abgenommen werden mußte, hegen statt der alten eigennützigen Liebe für die ehemaligen Sklaven nun einen wilden Haß gegen die Befreiten und suchen selbst heute noch, nach beinahe einem halben Jahrhundert, die Lebenswege derselben auf alle erdenkliche Weise zu erschweren. Im günstigsten Falle besteht zwischen dem ehemaligen Hälter und dem befreiten Sklaven ein frostiges, unerquickliches Verhältnis, eine arktische Indifferenz, eine starre Kälte, die kein grünes Hoffnungshälmchen aufsprießen läßt. Die ehemaligen Sklaven sind sich und ihrem Schicksal überlassen, und in ihrer Not, in ihrer elenden Freiheit wünschen sie sich die fetten Tage der Unterdrückung zurück.
Ähnlich würde es dem Kellner nach der Aufhebung des Trinkgeldsystems von seiten derjenigen Menschen ergehen, die heute das Trinkgeldsystem zu ihrem eigenen Vorteile ausnützen, nämlich viele Gäste und Prinzipale, die ihren Zorn über das Verschwinden der guten alten Zeiten an dem Kellner auslassen wollen. Andererseits werden selbst auch viele Kellner sich das alte Trinkgeldsystem wieder zurückwünschen. Ja, sie werden gegen die Aufhebung desselben auftreten, wie viele Neger sich teils direkt, teils indirekt gegen die Aufhebung der Sklaverei gewehrt haben. Die meisten bestellten und hüteten die Häuser ihrer Hälter treu, als diese, Vater und Söhne, alle im Pulverrauch standen, um die Schwarzen in der Sklaverei zu erhalten. Es waren meistens nur entflohene Sklaven, die ihren Befreiern ernstlich beigestanden haben, teils aus Rachsucht, teils aus Furcht vor einer Niederlage ihrer Beschützer. Ein solches Ereignis wäre auch für sie, die Entflohenen, verhängnisvoll geworden. Wieder andere Kellner werden sich durch die Aufhebung des Trinkgeldes aller besonderen Pflichten dem Gaste und dem Hause gegenüber enthoben fühlen, zu deren Ausführung das Trinkgeld heute ein wahrer Sporn ist, -- Pflichten, die nur die Wunderkraft eines fetten Trinkgeldes auszuführen vermag. Beobachten Sie nur, wie die befreiten Sklaven von einem Extrem ins andere fielen! Manche glaubten nach der erhaltenen Freiheit so fest an ihre Persönlichkeit, daß sie es für ihrer unwürdig hielten, die Pflicht als Angestellte zu tun, ja überhaupt irgendeine körperliche Arbeit zu verrichten. Sie hatten also nicht ihre frühere schmachvolle Lage erkannt, sondern hielten die _Arbeit_ an sich für schmachvoll. Dadurch entstand vielfach der heutige Jammer der Befreiten. Sie dachten sich vom Gesetze vor der _Arbeit_ geschützt und zum Dolcefarniente geboren. -- Ähnliche oder die gleichen Schwierigkeiten würden auch nach der Entfernung des Trinkgeldes auftreten.
Wird unsere Theorie und Moral aber sklavische Verhältnisse dulden, die im praktischen Leben ganz annehmbar und unter Umständen sogar sehr nutzbringend sind und deren Aufhebung voraussichtlich großen Tumult und Schaden für alle Beteiligten anrichten würde? -- Es hieße sich doch nur vor den Schmerzen einer Operation fürchten, welche aber durch ein verhärtetes Geschwür an unserem gesellschaftlichen Körper notwendig gemacht wird. So sollten wir auch dem Trinkgeldungeheuer furchtlos zu Leibe rücken, denn wir haben die ganze Verwerflichkeit desselben eingesehen. Die Operation ist unumgänglich notwendig geworden, wenn der Körper gesund bleiben soll.
Vom moralischen und theoretischen Standpunkt aus kann das Trinkgeldsystem unter keinen Umständen mehr in unserer Mitte geduldet werden, selbst nicht, wenn die Hotelangestellten, die Prinzipale und gar eine gewisse Sorte von Gästen durch die Aufhebung des Trinkgeldes finanziell benachteiligt werden, was aber in Wirklichkeit nicht der Fall ist. Die Operation wird sich am Ende als heilsam und wohltuend erweisen. -- Die amerikanischen Nordstaaten kämpften eigentlich nicht direkt für die Besserung der materiellen Lage der Negersklaven, sondern sie verfochten ein hohes Prinzip, welches sie sich gebildet hatten. -- Dieses Prinzip -- oder Erkenntnis war, daß die Sklaverei eine für zivilisierte Völker unwürdige Einrichtung sei. Ob und wann durch die Durchsetzung des Prinzips eine materielle Besserung oder gar Verschlechterung eintreten wird, sind andere Fragen, die uns nicht beschäftigen sollten, wenn wir eine Glaubenssache, ein Ideal im Auge haben.
Ganz genau derselbe Statusquo herrscht auch bei der Bekämpfung des Trinkgeldes. Dadurch, daß wir im Trinkgeld einen formidablen Gegner haben, erkennen wir erst, was es ist. Aber die Opposition wird immer den Kämpfer reizen. Denn sonst wäre seine Handlung ja kein Kampf, sondern nur eine Arbeit. Ein träger, widerstandsloser Misthaufen läßt sich mit einiger Überwindung entfernen. Das lebendige Böse aber läßt, wenn es einen festen Fuß gefaßt hat, nicht ohne Widerstand los von den beherrschten Gebieten. Und seine Hartnäckigkeit bietet die Garantie zu einem regelrechten heißen Ringen. Erst diese Aussichten sticheln den Kämpfer zum Angriff an.
Der Feldzugsplan gegen das Trinkgeld? -- Ich kann nur die allereinfachsten, natürlichsten Vorschläge machen, die jedermann weiß, die jedermann fühlt, die notwendig sind, um den Kampf erfolgreich durchzuführen. Diese sind, indem die Kellner ein ihren Fähigkeiten, Kenntnissen, Arbeit und Arbeitsstunden angemessenes Gehalt bekommen, das ihnen die Achtung der Kundschaft und ihrer Mitarbeiter erzwingt. Demzufolge würde er an die Seite eines jeden anderen Angestellten auf der ganzen Welt treten. -- Die Prinzipale können sehr gut ohne das Trinkgeld existieren, indem sie die durch die Gehaltserhöhungen in ihrer Kasse entstandenen Lücken durch entsprechende Preiserhöhungen ihrer Waren ausgleichen. Eine ganz geringe Erhöhung von vielleicht zehn Pfennig pro Platte würde schon das Gehalt des Kellners bestreiten können. Man soll nicht zur Entschuldigung des Trinkgelds sagen, daß der Kellner nur mit Aussichten auf ein fettes Geldstück seine Pflicht tun wird. Ein gut bezahlter Mann wird sich immer anstrengen, seine Pflicht zu tun und seinen Posten zu halten. Man könnte das Interesse der Angestellten am Geschäfte noch steigern, indem man den Kellner mit einem gewissen Prozentsatz an seinem täglichen Verkaufe teilnehmen läßt. Ohne sehr hohe Gehälter zahlen zu müssen, würde dann der Wirt den Umsatz seiner Ware fördern und den Verkäufer seinen Fähigkeiten angemessen entlohnen. Es wäre auch nicht richtig, allen Kellnern ein gleich hohes Gehalt zu zahlen, denn die Dienste des einen mögen für ein Haus unschätzbar sein, während der andere weniger Talent zu diesem eigenartigen Berufe hat. Man müßte jedoch einen gewissen Lohnsatz festsetzen, den die Prinzipale in den einzelnen Fällen nach Belieben und Gutdünken steigern könnten, um sich Ausnahmekräfte für ihr Geschäft zu sichern.
Der freigiebige Gast, der nicht mit seinem Trinkgeld kargt, wird nichts gegen die Preiserhöhung der Waren zugunsten seines Kellners einzuwenden haben. Im Gegenteil, er wird erleichtert aufatmen, ja in den meisten Fällen noch dabei profitieren. Denn sein Trinkgeld ist gewöhnlich größer als die Preiserhöhung ausmachen würde. Denjenigen Gästen aber, die mit Schrecken an die Erhöhung der Preise denken, weil sie gerne auf Kosten der armen Angestellten bedient sein wollen, können wir raten, sich dorthin zu begeben, wo sie etwas für nichts bekommen. Aber sie sollen mit solchen Hoffnungen ein Geschäftshaus verschonen. Und den Blattläusen am Rosenstock des Lebens raten wir, sich durch keinerlei Streicheleien mehr bewegen zu lassen, irgendwelchen »süßen, blinkenden Stoff« auszuschwitzen.
Sie sehen also, mit einigen »antiseptischen« Mitteln wäre das grausame Ungeheuer des Trinkgeldes, die orientalische Pest, auf immer ausgerottet. Damit wird auch die große Wendung zum Bessern im Leben von vielen Tausenden eintreten. Das betrügerische und bakschischheischende Element unter ihnen wird sich alsdann andere Gefilde für sein Dasein suchen. Das ist der Tag der großen Reinigung. Der Augiasstall ist vollständig ausgemistet. Die Prinzipale, die Angestellten und die Kunden können einander freundlich die Hände reichen und sich gegenseitig beglückwünschen.
Sollte diese Wendung zum Besseren nicht eintreten, dann haben die drei beteiligten Parteien das Urteil über sich selber ausgesprochen. Selbst wenn sie dazu schweigen, sprechen sie es aus. Die Trinkgeldnehmer wollen dann heute und für alle Zeiten alles verlieren, selbst endlich den Wunsch, von ihren Ketten befreit zu sein. Dann sind die Prinzipale heute und für alle Zeiten einverstanden mit den menschenunwürdigen Zuständen, die unter ihren Dächern herrschen, dann wollen sie sich heute und für alle Zeiten auf unsaubere Weise bereichern, und dann wollen die Blattläuse heute und für alle Zeiten Blattläuse bleiben, bis der große Gärtner mit der großen Spritze kommt. --
Aber das hoffen wir nicht! Wir haben noch etwas Glauben an die Menschheit ...
VII.
Ach, gnädige Frau, das ist doch wirklich eine traurige Geschichte! -- Ja, ein Stiefkind in der Familie sollte man besonders schonend behandeln. Stiefkinder sind äußerst zartfühlend und mißtrauisch. Die Unsicherheit ihrer Stellung, ihr Verhältnis zur Familie, das Gefühl der Nichtzugehörigkeit bestimmen ihren Charakter. Die geringste Kleinigkeit kann sie bitter kränken. Gewöhnlich aber ist immer jemand in der Familie, der dem Stiefkind gram ist. Vielleicht ist's ein hartherziger Stiefvater oder eine keifende, zänkische Stiefmutter; die Geschwister sind auch nicht immer liebevoll. Das Stiefkind muß es eben leiden; es ist nicht vollwertig.
Sprechen Sie daher niemals zum Kellner wegen des Trinkgeldes. Sie können ihn tödlich verletzen, denn der Kellner ist das Stiefkind unserer Zivilisation. Sehen Sie nur, wie schwierig es ihm gemacht wird, auf ehrliche, menschenwürdige Weise ein Stück Brot zu verdienen. Warum müssen ihm denn noch andere Schwierigkeiten und Nachteile in den Lebensweg gelegt werden, die ihm sein Dasein vollends versauern!?
Die geschäftlichen Nachteile, woran der Kellner sein Leben lang zu schleppen hat, stehen natürlich im Vordergrunde. Es ist kaum möglich, einen anderen Beruf anzugeben, der mehr geschäftliche Unannehmlichkeiten aufzuweisen hat. Die obligatorische Einquartierung und Verpflegung im Hause, die langen Geschäftsstunden, die vielen Reisen, das alles schließt ein gesittetes Familienleben aus und verdammt den Kellner zum Zölibat, während ein Heim und geliebtes Weib den jungen Menschen vor Verschwendung, Unstetigkeit, ja Verderben retten und die Beschwerden des Berufes ihm erleichtern könnte. Wir alle kennen die langen Sitzungen, die sich bis in den frühen Morgen hinein ausdehnen. Wir kennen die Festlichkeiten, Banketts und Bälle. Für uns heißen sie Vergnügen, für den Kellner Verlängerung seiner Arbeitszeit und Verlust seiner Ruhe. Zur grauen Morgenstunde, wenn die letzten Nachzügler über die verlassenen Straßen wanken und sich über die Heimatlosen lallend lustig machen, die auf den Rosten über warm dünstenden Kellerlöchern zusammengekauert dem neuen Tag entgegendämmern, dann kramt auch verschlafen der Kellner seine Siebensachen zusammen, zählt sein Trinkgeld, flucht ein wenig und schleicht sich in sein Lager.
Ich habe einmal gesagt, daß der Kellner keinen Sonn- und Feiertag kenne. Das ist unrichtig. Er kennt die Tage sehr genau. Denn dann hat er gewöhnlich doppelte Arbeit. Der Anblick der schön geputzten, fest- und sonntäglich gestimmten Menge macht keinen erhebenden, freudigen Eindruck auf sein schwarzes Gemüt. Die Sonntagsmenschen sehen ihn nicht. Sie leben in einem schönen Traum und schwatzen, schwatzen, lachen, lachen, schauen, schauen. Der Sonntag ist das Ereignis. Der gute Rock tritt in seine Rechte. Die Barschaft erlaubt, daß man wenigstens einmal in der Woche über die Stränge schlagen darf, daß man seinen Neigungen zur Verschwendung wenigstens einmal Raum läßt. Die Sonntagsmenschen sind sehr gemischt. Sie wissen es aber nicht. Sie lachen und schwatzen. Nur der Kellner weiß es und fühlt es.
Wenn der erste leichte Morgenreif gefallen ist und das dürre, bunte Laub an den Bäumen zittert, wenn die frische, klare Luft vom Schrei der südwärts ziehenden Zugvögel durchbebt wird, dann schnürt auch der Kellner sein Bündel und rüstet sich wieder einmal zur Wanderschaft. Der Wirt hat sein Etablissement geschlossen oder die Zahl der Angestellten vermindert, denn die bunten, wimmelnden Sommermenschen, die schönen Frauen mit den dünnen Blusen, lachenden Augen und fliegenden Haaren, die smarten Herren mit den Negligéhemden, weißen Flanellhosen, seidenen Strümpfen und farbigen Schuhen, mit dem malerischen Panamahut, der feinen Stummelpfeife und dem Tennisracket, alle die geschmückten, glücklichen Kinder des Sommers, alle sind sie verschwunden. Wohin? -- Das weiß man nicht. Sie sind fort. Das ist alles. Aber darum gähnen auch die Hotelzimmer in öder Langweiligkeit, und man erklärt die Saison wieder einmal für tot. In den schwarzen Bahnhofshallen der Großstädte aber stehen Berge von Koffern und Gepäck. Die frohen Sommermenschen schauen schon wieder winterlich aus. Hin und wieder hat ein ankommender Kellner auch das Vergnügen, für einen Sommermenschen gehalten zu werden, und der Dienstmann berechnet ihm etwas mehr als Taxe für das Kofferschleppen. Der Kellner zahlt es gern: er gibt noch ein Trinkgeld obendrein. Dann aber wird's bald anders. Es heißt nun Stelle suchen. Manchmal glückt's gleich, manchmal nicht. Schnee fällt, und die Barschaft auch. Der Kellner macht Offerten, geht von Geschäft zu Geschäft. Immer begegnet ihm das gleiche indifferente Achselzucken. Alles besetzt! Die Trottoirs, die Eingänge vor den schmutzigen, verrauchten Kneipen der Plazierungsbureaus sind bereits in aller Frühe von bleichen, fröstelnden jungen Männern belagert. Endlich gegen zehn, elf Uhr kommt ein dicker Herr im Pelz. Man macht ehrfurchtsvoll Platz. Schnaufend setzt sich der Gewaltige an seinen Schreibtisch in der elenden, stinkenden Bude. Er öffnet die Lade, und die fetten Finger, mit Brillanten geschmückt, nehmen die lange Liste heraus. Der erste, blasse Jüngling, der am längsten gewartet hat, tritt heran. Die listigen Schweinsaugen des dicken Herrn gleiten halb an ihm auf und ab, prüfen das Bleichgesicht auf eine Möglichkeit hin, die nicht möglich ist, während eine große, dicke Havanna mit feinem Bändchen zwischen den saftigen Mundwinkeln hin und her wandert. Ein Augenblick Totenstille, dann stummes Verneinen, Kopfschütteln, ein zager Einwand seitens des Bleichen, eine gebieterische Handbewegung, die Brillanten blitzen: adieu! -- Der Nächste. -- Diese Pantomime wiederholt sich hundertmal mit tödlicher Präzision, bis die Sonne von dem grauen Bilde sich langsam abwendet. --
Der hungrige Kellner pumpt nun schon bei seinen arbeitenden Kollegen. Die jungen Leute sind untereinander von einem wunderbaren Gefühl von Zugehörigkeit und Freundschaft beseelt. Ein Kellner gibt für den anderen das letzte Hemd her, teilt mit ihm den letzten Groschen. Aus Mitleid wird er für den stellenlosen Kameraden gern ein halbes Dutzend Hühnerbeinchen oder Hammelkoteletts »abservieren« und die Beute des Abends aus dem Geschäft herausschmuggeln, um den Hungrigen damit zu füttern. Vielleicht hat der stellenlose Kellner während des Winters einige Banketts mitgemacht und sich ... Wie? -- Nein, nicht als Gast, sondern als Aushilfskellner selbstverständlich. Ein Bankett in der Woche kann ihn über Wasser halten. Er kann sich dort von den Überresten jedesmal so anfressen, daß er für die nächstfolgenden Tage nicht zu sorgen braucht. Der Hungrige hat auch verschiedentlich Gelegenheit, zu sehen, wie die reichen Leute tanzen und Hochzeit machen und wie alle die Wohltätigkeitsbasare zugunsten der Stellenlosen abgehalten werden. Er sieht, wie die mildtätigen Herren den reizenden, dekolletierten Damen Goldstücke für Küßchen geben und wie diese Goldstückchen überall hingesteckt werden, nur dort nicht, wohin sie gehören. Was Wunder daher, wenn das Gold oft so versteckt ist, daß man es nicht wiederfinden kann und die Stellenlosen infolgedessen noch immer den ganzen Winter hungrig umherlaufen, bis der Frühling wiederkommt.
Das alles, geschäftliche Unannehmlichkeiten, Sonntagsarbeit, Nachtarbeit, Stellenlosigkeit, Zölibat, Plazierungsunwesen, Ausbeutungen, die Gefahren, die dem Stande durch »Überläufer« drohen, das alles drückt die soziale Stellung des Kellners in unseren Augen sehr herunter; die Unkenntnis der Menschen von seiner Lage, seine Popularität in der Karikatur, die Gedankenlosigkeit und Ungerechtigkeit des Publikums machen ihn zum Stiefkind der Zivilisation, lassen seinen Stand, sein Leben, sein Los mit dem anderer Berufe und Geschäfte als minderwertig, verächtlich erscheinen. Der Kellner darf es nicht wagen, sich mit dem geringsten Arbeiter auf gleiche Höhe zu stellen. Warum? Hat er nicht genug geschäftliche Schwierigkeiten zu überwinden? Muß man ihn auch noch bei seiner Ehre als Arbeiter angreifen und ihn als die minderwertigste aller Kreaturen hinstellen?
Früher, als die Zeiten einfacher waren, hatte jeder seine Werkzeuge, arbeitete bei sich und für sich in seiner Werkstatt und verkaufte seine Produkte. Dieser kleine, fleißige Mann von damals ist heute fast ganz ausgerottet worden. Nur in kleinen, abgelegenen Städtchen taucht er noch vereinzelt auf und fristet ein kümmerliches Dasein. -- Die zahllosen Massen verkaufen heutzutage ihre Körper- und Geisteskräfte an die Fabriken, die die Produkte im großen hervorbringen und auf den Markt tragen. Die Fabriken stellen dem Handwerker die Aufgaben und zur Ausführung derselben Werkstatt, Werkzeuge und Maschinen. Gleichzeitig beanspruchen sie natürlicherweise die besten Stunden des Tages und die besten Lebensjahre des Arbeiters. Eine Arbeiterfamilie braucht weder dem lieben Herrgott noch dem lieben Fabrikherrn zu danken, wenn ihr Ernährer Arbeit und Verdienst hat. Der Arbeiter glaubt auch nicht, daß seine Arbeitgeber ihn anstellen und bezahlen, damit er und seine Familie etwas zu essen und eine Schlafstätte habe. Er kennt seine Lage genau. Der Arbeitgeber stellt seine Leute an, weil er in den Kräften derselben einen Nutzen für sich selber erblickt. Er kann dem Arbeiter nicht so viel zahlen, als wie dessen Körper- und Geisteskräfte für ihn, den Arbeitgeber, wert sind. Und wenn der Arbeiter noch so guten Lohn erhält, -- seine Kräfte sind dem Fabrikherrn mehr wert.
Diese Wahrheit muß natürlich auch der Kellner in seiner Arbeit erfahren. Denn auch er gehört zu den großen, unermeßlichen Kolonnen, die mit Sonnenaufgang zur Fabrik pilgern und sie mit Sonnenuntergang verlassen. Ja, er tut noch mehr. Er arbeitet noch lange nach Sonnenuntergang weiter, er arbeitet fast ununterbrochen.
Für den alten, trotzigen, stolzen Handwerksmeister der vergangenen Jahrhunderte muß die Arbeit eine unendliche Freude gewesen sein, eine Quelle der Wonne und der Stärke. Ich kann nicht glauben, daß die strammen Gesellen, die flinken Lehrlinge, die bärtigen, ernsten Meister jemals müde geworden sind. Aus ihrer Werkstatt heraus drang schmetternder Gesang lebensfroher Menschen, und die Bürger draußen hielten am Fenster an, die werdenden Meisterwerke zu bewundern. --
Anders ist es heute. Die Maschinen surren, die Motoren heulen: wilde, gebändigte, unterirdische Geister seufzen darin vor Wut und wollen sich von dem Joche der Menschen befreien, die es vermochten, die geheimen Mächte des Erdinnern zu bändigen und ihrem Willen untertänig zu machen, ohne sie auch nur im entferntesten zu kennen. Doch die Geister sind wild und bleiben es. Und sie haben sich an der Menschheit gerächt, haben ihr Hammer und Säge aus der Hand genommen und schmieden nun Maschinenwerke mit der Schärfe und Genauigkeit, die der Schöpfer sie aus dem Wandel der Sterne gelehrt hat. -- Die Werke der Maschinen sind nicht mehr die Werke der Menschen. Ihnen fehlt die schöne Spur der menschlichen Hand, das Tasten und Suchen des Meisters, der die Vorbilder der Schöpfung nachzuahmen versucht. Die gefesselten Elemente haben sich gerächt, das Leben der Maschinen hat die Menschen, welche sie bedienen, selber zu Maschinenmenschen gemacht.
Das ist die Rache der furchtbaren Elemente. Die Maschinenmenschen des zwanzigsten Jahrhunderts haben das Herz des Schöpfers nicht mehr in sich. Aber dafür sind sie ganz mit der dämonischen Kraft gefesselter Elemente erfüllt. Sie wühlen und arbeiten mit heißer, fiebernder Wut, fauchen und keuchen wie die Maschinen, fluchen und stoßen unheilige Worte aus. Der Gesang der Werkstatt tönt nicht mehr. Er ist auf immer verstummt. Die unersättlichen, selbsttätigen Maschinenmenschen aber hasten stumpfsinnig, betäubt und rasten nicht, bis sie eines Tages die innere Kraft verläßt. Die Feder bricht, sie fallen zusammen, werden auf den Schutthaufen geworfen und später umgeschmolzen. Schauderhaft groß ist dieser menschliche Schutthaufen unseres Jahrhunderts. Und stumm ziehen daran vorüber die Armeen des Morgens und die Armeen des Abends, stumm, gefühllos, apathisch, ohne einen Gott im Herzen. Was nützt es, daß der eine oder der andere frivol und zynisch auflacht, wenn er einsieht, daß auch er bald zum Schutthaufen gehört? Wer gedenkt derer, die schweigend den Kampf aufgeben und in der stummen Finsternis verschwinden? -- Wer steht jenen bei, die sich wild gegen die unterdrückenden Kräfte aufbäumen und am Rande des Weges ihr Blut verröcheln? -- Die großen Armeen marschieren weiter, schnell werden die Lücken der unterbrochenen Linien von hinten ausgefüllt.
Wir leben im Zeitalter des industriellen Faustrechts. Ungestraft darf der starke Maschinenmensch über die Trümmerhaufen, über die Leichen hinweghasten. Wenn er mit größerer Kraft erfüllt ist als seine schwächeren Brüder, so preist man ihn, man jubelt ihm zu, wenn er niedertritt, was schwächer und zarter ist. Da sich aber die menschliche Natur nicht mit dem Faustrechte verständigt, da sie ihm flucht, so nennt man die rohe Kraft, welche Tausende und Abertausende verdrängen und niedermetzeln darf, »Energie«. Wiederum nur einer der vielen schönen Namen, die sich die Menschheit erfindet, um ihre größten Laster und Sünden zu verdecken. Ich habe Ihnen bereits gesagt, welch schöne Namen man dem Trinkgelde gegeben hat. Ich habe Ihnen auch gesagt, daß das meiste Unglück auf der Welt durch die Tatsache hervorgerufen wird, daß der einzelne Mensch seiner eigenen Persönlichkeit viel zu viel Wichtigkeit zuschreibt. Dies war zu allen Zeiten der Fall. Napoleon zum Beispiel war so von der Wichtigkeit seiner eigenen Person überzeugt, daß er sich gar nicht lange bedachte, seine Pläne durchzusetzen, selbst wenn es galt, Gewalt zu gebrauchen und wenn sie Hunderttausende von Menschenleben kosteten, wenn Hunderttausende von friedlichen Menschenhäusern dabei in Flammen und Asche aufgehen mußten. Aber er wurde gepriesen. Er war »energisch«. Man ahmt ihm nach. Indes, was ist aus ihm und seinem Reiche geworden? -- Was ist aus den Reichen aller großen Menschenschlachter geworden? -- Das Reich eines Christus wird weiterbestehen. Zum bleichen, dornengekrönten Haupte auf Golgatha wird die Welt immer die Blicke in Ehrfurcht erheben müssen.