Die Moral des Hotels: Tischgespräche
Part 17
Mit dem Lohnsatze des Kellners aber gibt sich kein Handlanger zufrieden. Mit dem Gehalt von fünfunddreißig Mark pro Monat plus den illusorischen fünfzig Mark in Naturalverpflegung kann auch kein Kellner zufrieden sein. Es ist kein Äquivalent für seine Leistungen. Nein, es deckt nicht einmal die monatlichen Auslagen des Kellners. Der Prinzipal verlangt von seinen Leuten, daß sie nicht nur reinlich und anständig erscheinen, denn dies darf jeder Prinzipal verlangen -- nein, sie sollen womöglich nobel, hochnobel auftreten. -- Dies ist zwar ein sehr dehnbarer Begriff, aber um ihm nur halbwegs gerecht zu werden, braucht man schon einen ansehnlichen Posten Geld. Die Wäsche verschlingt einen großen Teil davon. Kragen, Manschetten, Hemden sind wegen der anstrengenden Tätigkeit des Kellners nach einmaligem Gebrauche gewöhnlich zu erneuern. In den Sommermonaten wächst es ins Ungeheure. Die absurde Mode, den Vielgeplagten selbst in der größten Hitze mit steifem Kragen, weißem Panzerhemd und engem, schwarzem Frack zu quälen, verschlingt eine Menge Geld. Die gute Kleidung des Kellners wird durch den häufigen Kontakt mit fettigen Schüsseln und Gegenständen in der Küche gleichfalls sehr bald ruiniert. Ein neuer Frack in jedem Quartal ist die Regel des anständigen Kellners. Mit dem Schuhzeuge geht es gleichfalls nicht besser. Gute, leichte Schuhe, die für den Kellner nur in Betracht kommen, halten einen täglichen Sturmschritt von zehn, zwanzig, oft dreißig Kilometern treppauf und treppab über Teppiche, Marmor- und Steinfliesen nicht lange aus. Nach einem Monat ist das Leben eines Paares Schuhe, das zwanzig Mark gekostet hat, im Hoteldienste erloschen.
So kommen wir zu dem erschreckenden Resultat, daß die Einkünfte, die der Kellner vom Hause bezieht, nicht einmal seine notwendigsten geschäftlichen Auslagen decken. Wie muß er sich nun mit den anderen geschäftlichen Verlusten abfinden, die ihm aus seiner Tätigkeit erwachsen? -- Wie bezahlt er das Bruchgeld, die Verluste durch die Gäste oder seine Unaufmerksamkeit, die Abgaben an seinen Pikkolo, die Strafen, die ihm von den Vorgesetzten auferlegt werden, das Schürzengeld und wie sonst noch alle die Anzapfereien heißen? -- Wie bestreitet er alle diese Kosten? Wie verschafft er sich die Mittel für seine fortwährenden ausgedehnten, kostspieligen Reisen? -- Wie lebt er zur Zeit seiner oft entsetzlich langen Stellenlosigkeit? -- Was verbleibt ihm für sein Alter, welches mit seinem fünfunddreißigsten bis vierzigsten Lebensjahre beginnt und ihn unbarmherzig z. D. oder a. D. stellt? -- Selbstverständlich! Das Trinkgeld muß es machen! --
Ich habe Ihnen aber klargemacht, was das Trinkgeld ist. Es ist kein Einkommen, es ist nur ein Auskommen. -- Würde der Kellner nicht lieber ein _sicheres_ Einkommen seinem unsicheren Auskommen vorziehen? Ich kann es nicht sagen! Der Kellner -- wie ein Jongleur -- liebt das Waghalsige.
Wie ihm ein sicheres Einkommen verschafft werden könnte? Nichts einfacher als dies! Und vielleicht nichts schwieriger. -- Selbstverständlich gibt es unter dem Publikum viele Gegner des Trinkgeldes. Und mit Recht. Manche darunter sind aber doch recht sonderbare Käuze. Sie agitieren gegen das Trinkgeld an der unrichtigen Stelle. -- Wieso? -- Nun, indem sie dem Kellner _kein_ Trinkgeld geben und in ihrer heiligen Entrüstung nicht bedenken, daß, solange dieser Mensch schlecht bezahlt ist, er quasi ein Anrecht auf das Trinkgeld hat, und daß der Gast moralisch verpflichtet ist, eine angemessene Belohnung für die erhaltenen Dienste zu geben. Denn wenn die Löhne der Angestellten erhöht werden, so müssen auch folgerichtig die Preise der Waren erhöht werden, sonst kann der Wirt unmöglich auf seine Kosten kommen. Der Gast hat also auf jeden Fall die bittere Pille des Zahlens zu schlucken.
Unter den gegenwärtigen Verhältnissen profitiert natürlich ein »Gegner des Trinkgeldes« ganz erheblich auf Kosten des armen Kellners. Der Gast, welcher kein Trinkgeld gibt, schindet es dem Kellner ab. Er bereichert sich auf Kosten eines armen, arbeitenden Menschen. Der Kellner steht machtlos da, aber er merkt sich gewöhnlich seine Kunden. Bei seinem häufigeren Erscheinen wird einem solchen Gaste nicht das Interesse entgegengebracht, welches er sich wohl wünschen möchte. Auf die Dauer entstehen Spannungen zwischen ihm und dem Kellner, die wirklich unerträglich, oft gar gesundheitsschädlich für beide Parteien werden können. Dennoch ist der bedauernswerte Nichttrinkgeldgeber aus Prinzip eigentlich noch der achtbarste unter denen, deren Hand verschlossen bleibt. Geldverlegenheit ist zu entschuldigen, aber der Geizige im Speisesaal ist die verächtlichste Kreatur, die ich mir denken kann. Sie machen auch gewöhnlich immer die größten Ansprüche, und ihr Erscheinen ist das Zeichen eines hereinbrechenden Strafgerichtes Gottes für den Hotelier und seine Angestellten. Aber scharenweise treten sie auf. Sie wollen gewöhnlich nie »etwas Extras« haben, sondern nur das, wozu sie »berechtigt sind«. Sie sind gräßlich, wenn wütend gemacht durch die indifferente Ruhe, mit welcher ihnen gewöhnlich der Kellner begegnet, sobald er sie erkannt hat. In derartigen Gemütserregungen verringert sich meistens der Wortschatz dieser Leute auf die primitivsten Formen, und in willkürlichen, ungewählten Ausdrücken ergießen sich die schönen Seelen. Ich kann nicht verstehen, warum die Hoteliers nicht in eine Versicherung gegen solche Gäste gehen und überall, wo sie diesem Typus begegnen, sich seiner ohne viel Zeremonien entledigen. Die einzige Erklärung für die Unterlassung der Maßregeln ist der Umstand, daß meistens nicht _sie_, sondern die Angestellten unter der Pest zu leiden haben.
Andere prinzipielle Feinde des Trinkgeldes sind die Herden von Reisegesellschaften, die unter der Führung eines Leithammels mit Sprachrohr und Baedeker ganz Europa überschwemmen. Man kann sie sehen, die großen Fuhren der Reiseviehtransporte. Zusammengepfercht rasseln sie im Galopp durch die Straßen und recken die Gummihälse. Ihnen ist jedoch zu verdanken, daß unsere Museen noch einigermaßen bevölkert sind. Diese Leute und auch die vereinzelt und doch nicht minder zahlreich auftretenden nomadisierenden, ästhetischen Jungfern, die ein gemischtes Parfüm von Museumsluft und welken Rosen mit sich bringen, sind durch gewohnheitsmäßige, kompulsorische Arithmetik ausgesprochene Gegnerinnen des Trinkgeldgebens. Sänger, Schauspieler, Theaterdichter, Konzertkünstler verbinden oft mit dem Trinkgeld einen guten Zweck. Sie geben dasselbe reichlich, jedoch in der weniger liquidierbaren Form von Billetten zu ihren respektiven Vorstellungen. Sie haben dabei oft wenig Ahnung, welch kritisches Füllsel sie sich für gähnende Leeren im Parkett des Hauses auserwählt haben.
Ich kann wirklich nicht einsehen, warum die Wirte von ihren Gästen den wohlverdienten Lohn ihres Personals nicht selber einkassieren! Es ist mir rätselhaft, warum sie dies Geschäft -- ihre Pflicht -- auf eine so umständliche, unangenehme, ungerechte, erniedrigende, ja oft gemeine Weise von den an und für sich schon mit Arbeit überladenen Angestellten besorgen lassen, ohne ihnen jedoch die Vollmacht zu geben, dies so dringend notwendige Geschäft nötigenfalls energisch zu betreiben und durchsetzen zu können. -- Es ist eine ganz verdammenswerte Zauderpolitik, die kaum ihresgleichen kennt.
Leute, die möglichst gut und möglichst billig leben wollen, veranlassen oft ihren Kellner, ihnen allerhand Privilegien zu verschaffen, zu denen sie nicht berechtigt sind. Der Arme, auf sein Trinkgeld angewiesen, wird sein Möglichstes tun, den Wünschen seiner Leute selbst auf Kosten des Hauses nachzukommen. Schließlich erheben sich die Gäste, bedanken und verabschieden sich freundlichst und lassen das lange Gesicht des Kellners hinter sich zurück und suchen es zu vergessen. Der Arme befindet sich in einer bedauerlichen Lage. Er, der zu kleinlichen Unterschleifen verführt wurde, ist selber der Betrogene. Und warum? Weil er seine Augen auf das verheißene Trinkgeld gerichtet hatte. Ein Mann, der dies nicht zu tun braucht, kann die häufig vorkommenden, oft unverschämten und unredlichen Anforderungen solcher Leute höflich aber kühl abwimmeln und dazu lächeln.
So wundert sich daher das liebe Publikum, regt sich auf, ist entrüstet, beleidigt, schmäht und schimpft, wenn es bei seiner Abreise aus einem Hotel verschiedene lauernde, bleiche Gesichter ängstlich und unruhig umherspuken sieht ... Ja, diese bleichen, unheimlichen Gesichter haben es auf den Herrn Gast abgesehen. Sie wollen ihn abfangen. Er darf nicht entwischen. Denn seine Rechnung ist noch nicht ganz beglichen. Ob es entsetzlich erniedrigend ist, so auf der Lauer liegen zu müssen, das geht den lieben Herrn Gast gar nichts an. Er darf sich deshalb nicht entrüsten. Er braucht nur zu zahlen und dann zu gehen. Das ist alles. Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert. Es ist aber sicher entsetzlich erniedrigend für einen reichen Gast, einen armen Angestellten prellen zu wollen. Und darum wird der Kellner geschmäht und verachtet, weil sich seine Gäste so entsetzlich erniedrigend, so hündisch benehmen?! Es ist sonderbar, wie die Rechte verdreht werden! -- Wir können es doch wohl kaum einem Menschen verdenken, daß er zu allen möglichen erlaubten, ja verzweifelten Mitteln greift, seinen verdienten Lohn einzukassieren. Was tun die Menschen nicht alles, um unverdientes Geld zu erwerben!? --
Es rentiert sich wirklich, dem Kellner das verdiente Trinkgeld zu geben. Ein schwerer Druck lastet auf dem Gemüte der Gäste, die ihm den schuldigen Lohn verweigern. Sie wissen wohl, welches Unrecht sie begehen, und beschämt suchen sie sich so schnell wie möglich zu entfernen. Ja, ihr Auszug gleicht dem eines Diebes bei der Nacht. Und ihnen folgen keine Segenswünsche. Ihnen folgt die Wut und der gerechte Zorn des Betrogenen. Wer von diesen moralischen Beweggründen unberührt bleibt, mag vielleicht den materiellen Schaden, der seiner Ungerechtigkeit nicht selten folgt, um so mehr empfinden. Wir wollen uns nicht die Augen verbinden, um von dem Anblick verschont zu sein, den unser Gepäck in den Fäusten eines rachsüchtigen Hausknechts darbietet, wenn dieser weiß, daß er leer ausgehen wird. Mit Handschuhen wird er es nicht behandeln. Er wird seinen Racheakt so geschickt ausführen, daß man ihm nicht einmal etwas anhaben kann. Es ist zwar eine Dummheit, aber immerhin die typische Kundgebung der kochenden Volksseele. Die gebildeten, vielgereisten Gäste sollten damit vertraut sein. Die Kenntnis derartiger Kleinigkeiten ist nicht zu unterschätzen. Dem Geizhalse im Saal ergeht es kaum besser. Sein Diner wird gewiß nicht zum Genuß. Er muß geduldig, wenn auch innerlich kochend, zusehen, wie sein freigiebiger Mitgast den ganzen Balsam einer guten, erstklassigen Behandlung und Hochachtung erhält. Dies allein kann einem Knicker unter Umständen schon genügend Gelbsucht einbringen, daß die Doktorrechnungen sich weit höher belaufen als das Kellnertrinkgeld. Denn er darf als Gast des Hauses doch auch die größtmögliche Aufmerksamkeit beanspruchen. Diese läßt sich jedoch nicht energisch beitreiben. Sie will gelockt sein. Energie im Speisesaal wird begrinst; sie ist absolut machtlos.
Es folgt nun noch ein anderer Typus von Trinkgeldgebern. Das ist der verschwenderische, der protzenhafte. -- Es ist leicht, sich in die Seele des Geizhalses hineinzudenken. Der Protz aber und der Verschwender sind ganz andere, viel schwierigere Fälle. Der Grundzug im Charakter des Geizhalses ist List und Egoismus, beim Protzen hochmütige Dummheit und beim Verschwender Leichtsinn. Nichts entblößt sich mehr als List und Egoismus. Ein ehrlicher Mensch kann sie lächelnd durchschauen, wenn er seine Augen aufhält. Die Dummheit aber zu durchschauen hat noch niemand vermocht. Sie ist hoffnungslos dunkel. Und der Leichtsinn ist wie ein Sumpf, unergründlich tief. Der wirkliche Leichtsinn hat keinen Boden. Er ist bodenlos. So schön und so edel die milde, diskrete Freigiebigkeit ist, so ekelhaft ist die Art des Protzen, zu geben, und so verwerflich die des leichtsinnigen Verschwenders. Und doch! Warum können wir der Dummheit und dem Leichtsinn nie wirklich ganz von Herzen gram sein wie dem Geize? -- Weil wir die beiden ersteren und ihre Schrecken nicht völlig erkennen können? Eine verschwenderische und protzenhafte Handhabung des Geldes verleitet naturgemäß auch den Empfänger zu solchem Tun. Was man fortwirft, kann nicht viel Wert haben. So wird der Wert des Geldes durch den Protzen und den Verschwender entehrt. Und so wird die keimende Lebensanschauung des jungen Kellners vergiftet. Wenn sein Gemüt nicht ganz stark ist, so wird er das auf solche Weise erhaltene Geld auch wieder auf solche Weise verlieren.
Hier will ich Sie auch gleichzeitig auf die eine, vielleicht die größte Gefahr des Trinkgeldes aufmerksam machen, der sein Empfänger ausgesetzt ist und der er schwer widerstehen kann. Der Kellner arbeitet nicht wie die meisten anderen Lohn- oder Gehaltarbeiter von Woche zu Woche oder von Monat zu Monat. Nein, als Trinkgeldempfänger arbeitet er von Tag zu Tag oder noch richtiger von Minute zu Minute. -- Diese Art und Weise, den Lohn zu beziehen, hat einen ganz verderblichen Einfluß auf das Leben und den Charakter des Mannes. Derjenige, der ein monatliches Gehalt bezieht, ist gezwungen, mit den Früchten seiner Arbeit haushälterisch umzugehen, damit dieselben bis zum nächsten Zahltage ausreichen. Er lernt also rechnen. Ohne diese Kunst wird er an den letzten Tagen vor dem Empfang des neuen Gehaltes hungern müssen. Anders der Kellner. Er kann heute abend seine ganze Barschaft verjubeln, morgen früh fließt das Geld wieder herein. Er kann seinen morgigen Tagelohn am Abend des Tags verjubeln, -- übermorgen zu Frühstück hat er wieder ein wenig im Sack. Und so weiter. Er kommt niemals in Geldverlegenheit, der glückliche Mensch! Darum ist er auch scheinbar so sorglos und lebt von heute auf morgen. Darum kommt er nie in Not, denn er hat immer Geld, und er hat niemals Geld, weil es immer geht, wie es kommt. Folglich tötet das Trinkgeld auch im Innern des Empfängers die Stimme ab, welche ihn warnt, daß er nicht immer jung sein wird, daß er aufspeichern muß für magere Jahre. Es bestärkt ihn im Leichtsinn, den er durch die verderblichen Beispiele aus seiner Umgebung gelernt hat.
Der legitime Anspruch, den der Kellner in seiner gegenwärtigen Lage auf Trinkgeld hat, artet oft in vielen Fällen in eine Sucht nach Trinkgeld aus, die namentlich besonders auftritt, wenn der eben erwähnte Leichtsinn Oberhand gewonnen hat. Die Trinkgeldfrage ist wirklich eine moderne Hydra. Schneidet man einen Kopf des Ungeheuers ab, so wachsen drei andere sofort nach. Unerbittlich fordert und verschlingt sie ihre Opfer. Auf die eine oder die andere Weise. Nur die wenigsten können ihr entgehen. Setzt der Kellner seinen Anspruch auf Trinkgeld energisch durch, so zieht er sich die Verachtung der Menschen zu, gefährdet seine Stellung und macht sich Feinde unter seinen Kollegen. Verzichtet er generös und resigniert, so arbeitet er umsonst und reibt seine Gesundheit auf für nichts.
Auch ein Zankapfel unter den Kollegen selbst ist das böse Trinkgeld. Es ist eine unerschöpfliche Quelle von großen und kleinen Streitereien, Ungerechtigkeiten, ja selbst Unredlichkeiten. Zu den vielen Sorgen des Oberkellners tritt noch die eine große hinzu: wie muß er einen »guten« Gast »verteilen«, damit keine Aufruhre in seinem Bezirk entstehen? Sie haben keine Ahnung, mein Freund, welche Spekulationsobjekte wir sind, mit welchen Hoffnungen wir abgemessen werden, mit welchen Möglichkeiten in uns man rechnet. -- Wenn manche wohlwollende Gäste wüßten, welchen Vulkan von Schmutz und Schlamm menschlicher Niedrigkeit ihre Freigiebigkeit hinter der Szene oftmals in Aktivität setzt, so würde ihnen der Appetit vergehen, und sie würden den schönen Ort mit Schrecken fliehen. Selbstverständlich gibt es auch Leute unter den Kellnern, die in sehr primitiver Rechtsanschauung ein Trinkgeld, worauf sie kein Anrecht haben, oft einfach für sich behalten. Daß dies Unterschlagung ist, wird in den meisten Fällen nicht bedacht. Eine derartige Handlung braucht nicht unbedingt aus unehrlichen Motiven zu entspringen, sondern in Fällen, wo sich der Mann dazu berechtigt glaubt, wenn er seinem vielleicht bedrängten Kollegen bei der Arbeit geholfen hat, kann dies eine Streitfrage werden.
Ich könnte Ihnen noch gar vieles vom Trinkgeld erzählen. Aber das würde langweilig werden. Um es ganz genau zu bezeichnen, kann man es nur mit einer ekelhaften orientalischen Krankheit oder mit einem Meisterwerk Satans vergleichen, das, mit allen Raffinessen satanischen Esprits ausgestattet, alle Schwächen der menschlichen Seele durch und durch kennt und darin herumwühlt. -- Wir fassen daher unsere Anklage gegen das Trinkgeldsystem noch einmal in kurzen Worten zusammen und schleifen es vor das Tribunal vernünftig denkender Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts und des Fortschrittes: Das Trinkgeldsystem ist ein aus urdenklichen Zeiten hergebrachter Brauch, eine Dienstleistung nach eigenem Ermessen zu belohnen, ohne daß dabei derjenige, der die Dienste geleistet hat, etwas zu seinem Vorteil sagen darf. Es ist eine schäbige Reliquie aus der Sklavenzeit, der Zeit der tiefsten Erniedrigung der Menschheit, und hat sich mit großer Zähigkeit bis auf unsere Tage erhalten. Es steht im schroffen Widerspruch zu unseren modernen Ansichten von der Unabhängigkeit selbst des geringsten Arbeiters und verletzt die Würde einer modernen Geschäftsführung. Kein Mittel ist ihm zu gemein und zu niedrig, seine fluchwürdige Existenz zu erhalten, und es hat sich folgender Verbrechen gegen die Menschheit schuldig gemacht, die wir durch unumstößliche Dokumente und die Zeugnisse von Hunderttausenden ruinierter Leben, zertrümmerter Jugendhoffnungen beweisen und bei einem Meer von Tränen eidlich bekräftigen können:
1. Degradation unschuldiger Menschen. 2. Demoralisation unschuldiger Seelen. 3. Verführung zum Leichtsinn und Förderung desselben. 4. Vernichtung des Selbstbewußtseins des Empfängers. 5. Verleitung zur Verschwendung. 6. Verleitung zur Unehrlichkeit. 7. Stiften von Unfrieden zwischen Kollegen. 8. Schüren der Leidenschaften des Neides und der Gemeinheit. 9. Untergrabung des Ansehens bei den Mitmenschen. 10. Foltern des guten Gebers. 11. Schädigung des Nichtgebers in moralischer und materieller Hinsicht. 12. Verleiten der Wirte zur Bequemlichkeit und Faulheit. 13. Tausende von indirekten schädlichen Folgen besagter Verbrechen und verdächtig vieler ihm nicht direkt nachweisbarer Verbrechen.
Ist das nicht ein stattliches Schuldkonto!? Könnten Sie mir etwas angeben, das zur Entlastung des Angeklagten beiträgt?! -- Das seine Existenz irgendwie berechtigt? -- Nein, nichts, gar nichts! Unser Urteil ist daher fertig. Es heißt, »Schuldig«. Schuldig, unwürdig der Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft des zwanzigsten Jahrhunderts. -- Nach dem Kodex des Lebens steht darauf Ausstoßung aus dem Verbande der Menschheit, lebenslängliche Verbannung und Verlust sämtlicher bürgerlichen Ehrenrechte und Existenzrechte. --
Aber durch diese Aburteilung wird die Hydra noch lange nicht getötet. Der erste Kopf ist nur abgeschlagen. Es wachsen sogleich drei andere nach, wenn die Wunde nicht ausgebrannt wird. Das offene Geschwür muß behandelt und verbunden werden, die Wunde muß sich schließen und heilen. Es soll womöglich keine Narbe bleiben. Anfangs mag sie den Körper noch sehr peinigen, doch der Schmerz wird sich bei richtiger Behandlung bald legen. Die Zeit wird heilen.
Wer, meinen Sie wohl, würde am schlimmsten durch eine derartige Operation an unserem Geschäftskörper betroffen werden? -- Nun, jedenfalls doch diejenigen Leute, die aus dem Trinkgelde Nutzen für sich selber zu ziehen suchen. Und diese sind, wie wir sahen: die Kellner, die Prinzipale und die Gäste. Eine Flut von erzürnten, erstaunten, wütenden, ängstlichen, feigen, dummen Fragen würde plötzlich mit einem Male brausend aufspringen. Das Wort Rousseaus wird sich wieder bewahrheiten:
»Die Sklaven verlieren in ihren Ketten alles, selbst endlich den Wunsch, ihrer los zu sein.«
Die Kellner würden fragen: ›Was wollen wir ohne Trinkgeld anfangen!?‹ -- Sie würden besorgt auf den Prinzipal schauen und ungeduldig dessen Bewegungen abwarten. Der Prinzipal würde genau dieselbe Frage stellen, besorgt auf seine Angestellten schauen und ungeduldig abwarten, was diese machen. Die armen Gäste sind dann sogar in drei Lager geteilt. Die beiden ersteren Lager werden sich genau dieselbe bange Frage stellen, jedoch mit verschiedenen Hintergedanken. Lager Nr. 1 denkt mit Schrecken an die Preiserhöhung der guten Dinge; Nr. 2 ist in Verzweiflung, denn es weiß nicht, was es machen soll, wenn es kein Trinkgeld mehr geben kann. Das dritte Lager aber wird sich gar nichts fragen und auch nicht besorgt den Kopf hängen lassen, sondern es wird sich freuen, daß alles endlich ein Ende nahm. Und dieses Lager ist das weitaus größte.
Ah, Sie glauben also wirklich an die Unbesiegbarkeit des Trinkgeldes, an seinen endgültigen Triumph?! -- Ich bewundere die Schärfe und Feinheit Ihres Gedankens, vor Ihrer Menschenkenntnis graut mir beinahe! -- Ja, ich muß mein Haupt im Schmerz beugen und zugestehen: das Trinkgeld ist das Zauberwort, der große, wunderwirkende Sesam, vor dem die stärksten Tore in Staub zerfallen. Ein Trinkgeld verwirklicht das Unwirkliche, es ermöglicht das Unmögliche, es buchstabiert das Unaussprechliche. -- -- Wie ich mich selber zu betrügen versuche! Ich weiß ja genau, daß unser Almosen doch gerade das Gegenteil von dem ist, was es sein soll. Es wird doch niemand die Frechheit besitzen, zu behaupten, daß er mit der elenden Münze, die er dem schlotternden Bettel hinwirft, denselben aus seinem Jammer helfen will. Man gibt sie doch nur, um seines unliebsamen Anblicks oder seines Gedudels los zu werden. -- Außerdem ist Geben seliger denn Nehmen. --
Ein Trinkgeld mag oft mehr sein, viel, viel mehr sein als eine vom Arbeiter verlangte Bezahlung für seine Leistung, aber es wird sich doch immer erhalten, denn die schmierige Vertraulichkeit im Verkehr untereinander, zu der es Berechtigung gibt, -- welche es sanktioniert, scheint vielen Menschen zu behagen. Es ist die fette, lauwarme, schmierige Vertraulichkeit zwischen dem Gebieter und dem Sklaven und dem Sklaven mit dem Gebieter. Das moderne Trinkgeldsystem weist tatsächlich alle Symptome einer regelrechten Sklaverei auf. Durch die Aufhebung des Trinkgeldes würde jedenfalls der gleiche heillose Wirrwarr entstehen, der durch die Emanzipation der Negersklaven über Nordamerika hereinbrach. -- Materialistisch genommen ist die Negerfrage und die Lage der Neger in Amerika selbst heute noch schlimmer, als sie vor dem Bürgerkriege, also vor der Aufhebung der Sklaverei war. Die wirtschaftliche Lage der Befreiten hat sich bisher in keiner Weise gebessert. Von vielen einzelnen Ausnahmefällen freilich abgesehen. Diese bergen allerdings schon die schöne, große Hoffnung auf _allgemeine_ Besserung des Schicksals der befreiten Sklaven in sich. Das Verhältnis zwischen dem Sklavenhälter und dem Sklaven ist -- oder besser war -- in vielen Fällen ein durchaus kordiales, oft sogar sehr intimes. Das hing natürlich vom Charakter des Sklaven ab. Der Hälter war im völligen Besitz des Leibes und der Seele des mit Geld gekauften oder in seinem Besitze geborenen Menschen. Ungefähr so wie man ein wertvolles Stück Vieh besitzt. Und man behandelt sein Besitztum gewöhnlich gut, namentlich, wenn es sich um leicht verderbliches und sterbliches Menschen- oder Tiermaterial handelt.