Die Moral des Hotels: Tischgespräche

Part 15

Chapter 153,435 wordsPublic domain

Wir wollen dem Hotelier in die Konzessionen und Vorteile, die er diesem oder jenem Kunden einräumt, nicht dreinreden. Seine Geschäftsmethoden muß er mit seinem Debet- und Kreditkonto vereinbaren. Sofern aber diese die Wohlfahrt und das menschenwürdige Dasein der Angestellten beeinträchtigen, sollte man sich dagegen wehren. Jede Geschäftsführung, jeder Zustand, jede Notwendigkeit, die den Angestellten leiblich oder seelisch gefährdet, die sein Leben, auf das er Berechtigung hat, zu einem Schattendasein, einem Jammer gestalten, muß man in Grund und Boden verdammen. Ungezähltes und unaussprechliches Elend seufzt in den dunkeln, stinkenden Ecken der Großstädte und reckt unter gräßlich gestotterten Flüchen und Verwünschungen die mageren Fäuste gegen die blendenden Lichter der Hauptstraßen. Der verwundete Mensch wie das verwundete Tier zieht sich in Höhlen zurück, um dort in Dunkelheit einsam zu verenden. Er schämt sich seiner Wunden, die das Leben ihm schlug. Denn sie zeugen von seinen Schwächen. -- Darum fordern wir im Interesse der Menschheit, daß auch der Hotelier und seine Angestellten, vor allem aber die Gäste mitarbeiten, der großen Krankheit unserer Zeit zu wehren, daß jeder sein Steinchen in den Weg der Menschheit füge, um ihn zu glätten, und daß jeder ihn rein halte. -- Die aber, die ihn mit Trümmern und Leichen besäen, sind nicht wert, verachtet zu werden.

Aber die Wirte und Kellner müssen endlich einmal aufwachen! -- Bücklinge geziemen sich für trockene Hofschranzen, aber nicht für einen gesunden Geschäftsmann. Wir leben im Reiche des Geschäftes. Der Aristokrat darin ist der Kaufmann, der Bürger. Die Welt von heute hat eine grenzenlose Verachtung für alle Menschen, die keine persönlichen Werte aufzuweisen haben, sei er nun König oder Bettler. Man läßt sie links liegen. -- Also keine Bücklinge mehr vor der sogenannten Gesellschaft, vor dem ausgetrockneten Tagedieb, vor dem runzeligen, welken Faulenzer, mag er nun der deutsche Freiherr von und zu Immern-Pumpp, der österreichische Graf Woswosyi, der englische Lord of Down and Out oder Lady Buttertoast, der russische Fürst Knutischeff, ein italienischer Conte oder ein französischer Marquis sein. Die Bevorzugung solcher Menschen ist eine Beleidigung für uns, die bürgerlichen Reisenden und Kaufleute, die den weitaus größten Teil der internationalen Hotelkundschaft bilden.

Faulenzer und Tagediebe sowie Müßiggänger, gleichviel, welchen Rang und Lebensstellung sie einnehmen, wissen nicht, was Arbeit ist; sie wissen nicht, was es heißt, sich mit den Händen zu ernähren, wie es die Angestellten in den großen Hotels tun müssen. Sie können einen arbeitenden Menschen mit ihrem Firlefanz und ihrer Stupidität bis aufs Blut peinigen. Und die Wirte, statt zu helfen, diese Sorte von Menschen auszurotten, züchten sie, ernähren und mästen sie durch ihre elende Angst vor dem leeren Glanze und durch ihre sklavische Dienerei. Und je mehr die Clique gemästet wird, um so mehr schindet sie diejenigen, die dieses Mästgeschäft besorgen, und macht ihnen das Leben zu einer inhaltsleeren, unerträglichen, endlosen Komödie.

Ich kann wirklich nicht verstehen, warum die Oberkellner und Wirte geradezu gezwungen werden, weitgehendsten Kredit zu gewähren. Das ist doch in keinem anderen Geschäfte der Fall. Und zu Nahrungsmitteln und Unterkunft müssen sie manchem edlen Haupte sogar noch Barmittel in Mengen geben. -- Bitte, fragen Sie nur einmal den bleichen Buchhalter, der nächtelang über den dickleibigen Geschäftsbüchern sitzt und endlose Kolonnen von Ziffern addiert, die von der Saumseligkeit und dem Leichtsinn so vieler Hoch- und Hochwohlgeborenen ein schreckliches Zeugnis ablegen. Er kann sie hinter die Kulissen des Glanzes führen. Und je mehr man den Menschen borgt, um so schlimmer und extravaganter werden sie in ihrem Lebenswandel und um so saumseliger in der Begleichung ihrer Schulden. -- Manche Wirte scheinen sich wirklich mit der großen Ehre zu begnügen, diese hohen und höchsten Herrschaften im Hause zu haben, damit der Name der Firma schön mit diesen zweifelhaften Aristokraten garniert werde. Die Wirte bezahlen aber schwer für solche Reklamen. Und die Hotelindustrie ist kein Paradies für den Kapitalisten. Sie ist weit davon entfernt, wirklich profitabel zu sein, wenn sie nicht von einem ökonomischen Genie geleitet wird. Man hört von den schwindelnden Summen, die da eingehen, wer aber die Bilanzen vieler großer Hotels sieht, wird sich enttäuscht hinterm Ohr kratzen. Wer Geld in solchen Unternehmen hat, wird auch seine Sorgen darum haben. -- Und warum? Nur weil die meisten Wirte und ihre Angestellten es noch nicht verstanden haben, geschäftlich aufzutreten. Alle Hochachtung vor ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer Zuvorkommenheit! -- Aber es gibt Grenzen, wo es heißt:

»~Business is Business.~«

Man sehe sich nur die großen Dampferlinien mit ihren schwimmenden Hotelpalästen an! Da wird doch nicht gepumpt! Da macht der Wirt auch keine besonderen Komplimente. Da darf ein Gast sich nicht einmal mucksen und in unvernünftiger Weise den Mund aufmachen! Und keiner wird es von selber wagen. -- Wer es versucht, gratis zu leben, wird per Schub zurückexpediert und muß seine Fahrt abarbeiten. -- Das ist ~Business~! So sollte es auch in den Hotels auf dem Lande sein! -- Die Wirte sollten ein Gesetz haben, welches ihnen das Recht gibt, jeden saumseligen Genußmenschen, ob Aristokrat oder Bürger, in seinem Hotel beschäftigen zu können, bis die Schuld abgetragen ist. -- Wo? -- Na, da kommt doch nur die Aufwaschküche in Betracht, wo der Schuldner Teller waschen und Kasserollen scheuern müßte. Denn zu höheren Leistungen besitzen solche Epikureer gewöhnlich nicht die Fähigkeiten. Ein hochgeborenes Aufwaschküchenpersonal wäre in der Tat viel mehr Reklame und Nutzen für ein Hotel, als die Gegenwart solcher zweifelhaften Gäste. Leute mit einer brennenden Genußsucht im Herzen und minus den nötigen Mitteln im Beutel würden sich dann in andere Gefilde begeben als in das Schlaraffenland des Wirtes, welches, wie sie glauben, keine großartige, gigantische Wohltätigkeitsanstalt, sondern in Wirklichkeit ein Geschäftshaus ist.

VI.

Die Sklaven verlieren in ihren Ketten alles, selbst endlich den Wunsch, ihrer los zu sein.

_Rousseau._

Sie haben sicher schon einmal in Ihrem Garten zur schönen Frühsommerzeit einen blühenden Rosenstock betrachtet -- ich meine natürlich nicht mit den Augen eines Schwärmers oder eines Verliebten, sondern als ein Gärtner oder vielleicht gar als Naturforscher. Ihnen wird dann auch gewiß mitunter eine geschäftige Schar von Ameisen aufgefallen sein, die behende an dem Stamm und den Stielchen auf und ab liefen. -- Alsdann wurden Sie noch aufmerksamer, schauten noch schärfer zu, und Sie entdeckten an den zarten Knospen und unter den saftigen Blättern versteckt ganze Herden von Blattläusen, die in ungestörter Ruhe sich am Safte des Bäumchens gütlich taten. Und mit großem Interesse sahen Sie weiter, wie die fleißigen, schlauen Ameisen eine nach der anderen zu den Blattlauskolonien pilgerten und sich dortselbst allerhand zu schaffen machten. -- Aha! Sie wissen, was ich meine! -- Ganz richtig! -- Die Ameisen statten den Blattläusen einen Besuch ab. Sie tänzeln und scharwenzeln und krabbeln da herum, bis sie ganz dicht an die faulen Kreaturen herankommen. Dann machen sie ihr Kompliment und beginnen mit ihren Fühlern die feisten Rücken ihrer Freunde zu streicheln und zu kitzeln. Diese fühlen sich natürlich sehr geschmeichelt und geben als Dank einen »süßen, blinkenden Stoff« von sich, den die Ameisen sehr hoch schätzen. Denn darum kommen sie ja doch, die Schlauberger! Nur um die Blattläuse zu melken. Und haben sie genug, so verschwinden sie in ihrem Bau. -- Man wird natürlich einige Zeitlang mit großer Freude den flinken Tierchen zuschauen. Das Leben und Treiben der Ameisen ist doch so interessant und lehrreich -- man kann gar nicht genug davon sehen. -- Aber man haßt die Blattläuse, das faule Gesindel, denn sie verderben auf die Dauer den schönen Rosenstock. Darum nimmt man die Spritze zur Hand und schüttelt das Stämmchen, damit die Ameisen abfallen. Die gewandten Geschöpfchen landen irgendwo sicher auf ihren Füßen, aber die Blattläuse sind zähe und bleiben hängen. Darum müssen sie mit dem scharfen Zeug abgespritzt und getötet werden. Denn sonst kann der Rosenstock nicht weiterleben --

Wie ich auf einmal auf die Naturgeschichte zu sprechen komme? -- Oh, ich dachte nur eben daran, daß die Ameisen die Kellner und Wirte ~par excellence~ im Reiche der Insekten seien. Beherbergen sie nicht auch viele Gäste in ihren Bauen! Werden diese nicht gut gefüttert und gestreichelt! -- Natürlich des »blinkenden Stoffes« wegen. -- Der einzige Unterschied ist, daß nicht die Gäste, sondern die Wirte dabei betrunken werden. Auch sind die Ameisen ~businesslike~ genug, den Gast, der für die gute Behandlung nicht bezahlen will, einfach aufzufressen. -- So können wir uns auch die geschäftigen Armeen von Kellnern vorstellen, die der sogenannten »Gesellschaft« -- diesen Nichtstuern, diesen Blattläusen am Rosenbaume des Lebens -- den süßen Mammon abstreicheln und abschmeicheln müssen. Diese Blattläuse saugen sich an den Knospen des grünen Lebensbaumes so fest, daß es bis jetzt noch keinem Gärtner gelungen, sie abzuspritzen. Schon viele Tausende tapferer Männer haben Millionen und Millionen Flaschen giftiger Tinte verspritzt. Es hat nichts genutzt! Noch immer sitzen die faulen Geschöpfe da und saugen dem Leben den Saft aus.

Die Ameisen sind ganz schlau! -- Sie wissen, welche Arbeit sie haben würden, das Gesindel auszurotten. Darum nehmen sie nur so viel, wie sie auf einigermaßen angenehmem Wege erlangen können. -- Gewiß, gewiß! Viele brave Menschen, besonders diejenigen, die aus Mangel an Gelegenheit und Fähigkeit dem Ameisenbeispiel nicht folgen können, halten solche diplomatische Lebensweise für ganz und gar verwerflich und verächtlich. Die Ameisen denken anders darüber. -- Weise, gelehrte Männer bemühen sich unausgesetzt um die Ameisen und suchen die Lebensweise und die Einrichtungen dieser Geschöpfe zu erforschen. Ja, manche versteigen sich sogar zu der Behauptung, die Menschheit könne noch riesig viel von den fleißigen Insekten lernen. Namentlich in bezug auf Liebes- und Eheleben, Kindererziehung, Arbeitsweise, innere und auswärtige Politik. Dem mag sein, wie es will. Wir wollen das den gelehrten Leuten überlassen. Da aber die Kellner keine anderen Lebewesen sind als wie wir, so wollen wir uns der Kritik anschließen, welche die Art und Weise, wie die Ameisen die fetten Blattläuse behandeln und von ihnen leben, als eine für menschliche Tiere ungebührliche und verächtliche verdammt. Dies braucht unsere Achtung vor dem Fleiß und der Schlauheit der Ameisen nicht zu beeinträchtigen. Man sollte aber doch sagen, daß solch intelligente Wesen sich auch auf andere Art ihr täglich Brot erwerben könnten! -- Und sie können es! --

Hierin liegt die Lösung der Trinkgeldfrage, -- ein Kobold, der heutzutage die ganze zivilisierte Welt vexiert. -- Im Hotel hat sich dieser Quälgeist ganz natürlicherweise eingenistet. Und so fest, daß ihm schwer beizukommen ist. Er begibt sich aber auch auf andere Gebiete.

Es ist unmöglich, in einigen Worten zu sagen, wieviel Für und Wider das Trinkgeld in sich birgt. Seine Daseinsberechtigung im Hotelwesen jedoch ist in wenigen Sätzen auszudrücken. Warum bekommt der Kellner Trinkgeld? -- Weil er darauf angewiesen ist. -- Warum ist er darauf angewiesen? -- Weil er zu schlecht bezahlt ist, um ohne Trinkgeld leben zu können. -- Warum ist der Kellner schlecht bezahlt? -- Weil er Trinkgeld bekommt! -- Das ist die ganze Situation. Aber so einfach sie erscheint, so schwierig ist sie. Um überhaupt nur an sie herantreten zu können, müßten wir uns zunächst klar machen, was ein Trinkgeld ist. Ich glaube, Sie, Herr Kommerzienrat, als Finanzier sind eher imstande, diese Frage zu beantworten als ich. -- Soll es das sein, was der Name sagt -- ein Geld zum Vertrinken? -- Schwerlich! -- Doch ich bin auch ein wenig Philologe, und durch die Etymologie können wir vielleicht etwas Aufklärung erhalten. -- Sehen Sie, der Franzose zum Beispiel nennt das Trinkgeld »~Pourboire~« -- im Schwedischen heißt es »~Drickspengar~« -- beides gleichbedeutend mit dem »Geld zum Vertrinken«. -- Der Italiener dagegen gebraucht die Ausdrücke »~Buona mano~« und »~Mancia~«. Hier hat das Geld etwas mit »Hand« zu tun. -- Der Spanier wendet das Wort »~Propina~« auf »Trinkgeld« an, und es hat sonst keine andere Bedeutung. Im Englischen sagt man »~fee~« oder meistens »~tip~«. »~Fee~« ist ganz einfach »Bezahlung«, »~Tip~« dagegen hat eine mannigfaltige Bedeutung. Das Wort hängt mit dem deutschen »Tüpfchen« und »Zipfel« zusammen und heißt eigentlich »Spitze«. Dann gebraucht man es aber auch in der Bedeutung »Wink«. -- Ja, nicht wahr, Herr Kommerzienrat! -- An der Börse! -- Richtig, auf dem Rennplatz auch! Ein guter »~Tip~«. Schließlich in dem Sinne auch in bezug auf die Polizei. Aber das hilft uns nicht weiter. -- Die einzige Erklärung in unserem Falle kann man erhalten, wenn man »~tip~« etymologisch von dem mundartlichen »~dibs~« -- süßer Sirup -- herleitet, was im Volksmunde aber auch mitunter für »Geld« angewandt wird. Ich habe mich ziemlich eingehend dafür interessiert, aber die dickleibigsten englischen Wörterbücher schweigen sich über den Ursprung des Wortes »~tip~« in der Bedeutung »Trinkgeld« hinweg. Das Trinkgeld scheint ihnen eine sehr verächtliche Sache zu sein. -- Unsere philologische Weisheit bringt uns also doch nicht viel weiter. -- Zwar gebraucht man im Umgang auch noch Worte wie »Obolus« oder »Diobolus«, was sich schrecklich anhört, aber doch nur eine harmlose griechische Bezeichnung für eine gewisse kleine Münze ist. Auch das französische »~douceur~« wird mitunter für »Trinkgeld« angewandt. Doch man kann es höchstens als »Freundlichkeit« oder »Süßigkeit« verstehen. Das persische »~Bakschisch~« und noch verschiedene andere Worte, die das Trinkgeld charakterisieren sollen, sind aber auch alle nur gleichbedeutend mit »Geld«, »Geschenk«, »freiwillige Gabe« usw. Gewöhnlich aber ist das Trinkgeld eine sehr unfreiwillige Gabe, eine dringende Notwendigkeit, zu der man sich in gewissen Lagen verpflichtet fühlt und wodurch gewöhnlich höchst peinliche Situationen entstehen. Doch nirgendwo auf der Welt scheint man ihr aus dem Wege gehen zu wollen, oder besser: überall wird man hineingedrängt. In der Türkei, in China, wo wenig alkoholische Getränke genossen werden, gibt es eben »Kaffeegelder«, »Teegelder« und allerhand sonstige »Gelder«.

Ich halte des Trinkgeldgeben und -nehmen für eine echt orientalische Krankheit mit allen für den Orient charakteristischen Ansteckungsgefahren, Symptomen und Folgen. Man kann wirklich die Länder und Völker am Trinkgeld erkennen; man kann den ganzen Wert und die soziale Stellung der Nation danach bemessen ... Wo diese Form von Bezahlung für geleistete Dienste vorherrscht, da ist es faul im Staate. -- Der Orient -- klassisch für Korruption -- mit seiner teilweise noch bestehenden Sklaverei, ist auch klassisch für das Trinkgeld. Es ist nur noch mit Beulenpest oder asiatischer Cholera zu vergleichen. -- Solche unhygienische Finanzen grassieren natürlich auch in Europa sehr stark. -- Rußland steht bekanntlich wie in politischer und sozialer Malpropretät so auch in finanzieller Unreinlichkeit an der Spitze der europäischen Nationen. Dort besitzt man sogar die charakteristische Roheit, das Trinkgeld »Schnapsgeld« zu bezeichnen. -- Doch die anderen Staaten Europas sind nicht minder von der orientalischen Krankheit verseucht. In den Vereinigten Staaten von Amerika wird noch am wenigsten Trinkgeld gegeben, weil im großen ganzen die Arbeitslöhne gut und geregelt sind. Allein in den letzten Jahrzehnten hat mit der zunehmenden europäischen Kultur und Sitten auch das Trinkgeldwesen sehr zugenommen. Die Trusts sorgen eifrig dafür, daß es den Lohnarbeitern und kleinen Leutchen nicht allzu gut gehe, und sie schrauben demgemäß die Preise für Lebensbedürfnisse in die Höhe in einem Tempo, worin die Lohnsätze nicht folgen können. -- So ist dem freien Durchschnittsamerikaner auch schon eine gewaltige Hochachtung vor dem Trinkgelde beigebracht worden.

Wie lange die Menschheit schon von der Trinkgeldkrankheit behaftet ist, läßt sich gar nicht sagen. Jedenfalls ist sie so alt wie die Gastwirtschaftsindustrie, in der sie sich noch am stärksten erhalten hat. Ganz hitzige Köpfe in unseren Tagen beheben häufig, das Trinkgeld als eine gelinde Form von Bestechung zu bezeichnen. Trifft diese Bezeichnung zu, so ist das Trinkgeld sehr, sehr alt; denn die Bestechung in jeder Form ist eine erbliche Angewohnheit der Menschen. Schon im grauen Altertum gab es keine Festung, die nicht ein mit Gold beladener Esel hätte einnehmen können. Das Mittelalter mit seinen schlechten sozialen Verhältnissen und sonstigen unhygienischen Zuständen war natürlich die Blütezeit des Trinkgeldes. Vom Hofmarschall herab bis zum geringsten Kanzleischreiber, vom Meister bis zum Lehrling, hoch und gering, -- alle waren sie die Ritter von der hohlen Hand. -- Die trotzigen Meister der Zünfte schämten sich nicht, für sich und ihre Gehilfen ein Trinkgeld zu verlangen, wenn der Patron, der sie mit einem Auftrage betraut hatte, befriedigt vor dem fertigen Meisterwerke stand. Albrecht Dürer, ein wackerer deutscher Mann, ein unerreichter Meister des Pinsels und des Stichels, heute noch und für alle Zeiten der Stolz der ganzen deutschen Nation, war auch von der unheilvollen Krankheit behaftet, Trinkgelder zu verlangen. Er hat dies sogar schriftlich gegeben, damit es niemand später abstreiten könne. -- Aber selbst schon damals gab es Männer, die die Verderblichkeit dieser niederen Angewohnheit erkannt hatten. Die ehrlichen, braven, gestrengen Räte und Landesväter, die die bayrische Landesordnung vom Jahre 1553 verfaßten, haben sich gegen solche Übelstände gesträubt.

Ich kann mich wirklich nicht mit dem Worte »Trinkgeld« zurechtfinden. Da es aber der gebräuchlichste Ausdruck für freiwillige Belohnung geleisteter Dienste ist, von Diensten, die der Empfänger nach eigenem Gutdünken selber abschätzt und ein dementsprechendes, xbeliebiges Stück Geld dafür hinwirft, und wo derjenige, der den Dienst geleistet hat, geduldig und demütig harrend dastehen muß, bis ihm das xbeliebige Geldstück hingeworfen wird und dabei gar nichts über das Gewicht und die Dicke des Geldstückes zu sagen hat, ja nicht einmal mucksen darf, wenn er überhaupt nichts bekommt, so will ich ihn -- den Ausdruck »Trinkgeld« -- seiner Gebräuchlichkeit wegen beibehalten und anwenden, wo ich seiner bedarf. -- Unter die Kategorie der Trinkgelder fallen demnach auch die milden Gaben, die eine dankbare Nation ihren großen Leuten gibt, wenn diese alt geworden sind und zufällig nicht genug zu essen haben. Das sind die Gaben, die zum Beispiel alte Dichter bekommen, weißhaarige Sänger, die in ihrem Leben so lange gehungert haben, bis das Volk auf einmal einsieht, daß es dem alten Herrn etwas schuldig ist. Ein jeder Bürger -- diese Behauptung ist zwar etwas optimistisch -- greift dann in seinen Säckel und rechnet an den Fingern ab, wie groß die Dienste des alten Herrn Dichters sind und wieviel Trinkgeld er, der Herr Bürger und Empfänger der besagten Dienste, geben kann. Ein dritter Herr im schwarzen Gehrock und Zylinderhut sammelt das Geld ein, schreibt es gewissenhaft auf, und der Herr Bürger kann am nächsten Morgen seinen Namen in der Zeitung sehen. Wenn es darauf nichts mehr zu sammeln gibt, schenkt der Herr im Zylinder das Sümmchen Trinkgeld dem lieben alten, verdienstvollen Sänger. -- Es gehen viele solcher schwarzen Herren herum und sammeln Trinkgeld für geleistete Dienste. Trotzdem die pekuniäre Störung im Momente der Inspiration ganz besonders empfunden wird, wie Busch sagt, so wandert dennoch der Klingelbeutel mit Trinkgeldabsichten umher und stört die braven Gläubigen in der Andacht. Wenn der Herr Pfarrer besonders schön und erbaulich gepredigt hat, gibt man gewöhnlich gern ein besonders fettes Trinkgeld. Ja, hartgesottene Sünder lassen sich oft erweichen, statt des billigen, bequemen blanken Hosenknopfes zwei Pfennig für eine erbauliche Andacht zu geben.

So schätzte das deutsche Volk die Dienste seines Eisernen Kanzlers ab und überreichte ihm auf Friedrichsruh in einem Eichenkranz mit Schleifen und der Aufschrift: »Für treue Dienste« das wohlverdiente Trinkgeld. So würdigt die gesamte gläubige Welt die Dienste des Heiligen Vaters, und so bekommt der Nachfolger Petri sein Trinkgeld oder seinen Peterspfennig, wie man es bescheiden nennt.

Wenn das Volk nun einmal mit den Diensten solcher hochgestellten Trinkgeldempfänger wenig zufrieden ist und wenn infolgedessen das Ehrengehalt, Opfergabe, Spende, Peterspfennig oder wie man sonst noch das Trinkgeld taufen mag, etwas mager ausfällt, so können die betreffenden Herren Empfänger auch nichts anderes machen als das, was irgendein ganz plebejischer Bakschischheischer in einem Falle von wenig generöser Abschätzung seiner Dienste machen kann, d. i. heimlich schimpfen. Laut und hörbar zu schimpfen spricht von einer überaus großen Gemütsroheit und Undankbarkeit. Indessen tritt diese leider sehr häufig auf. Oft wird sie ganz unverblümt von der Kanzel heruntergedonnert.

Bei einem ansehnlichen Trinkgelde, oder wenn es sich gar um fette Ziffern handelt, erfindet gewöhnlich der respektvolle Mensch allerhand wohlklingende Namen. Mit dem Namen und der Summe, die das Trinkgeld repräsentiert, steigt dann auch natürlicherweise die Achtbarkeit desselben, so daß jeder dann ungeniert seine Hochachtung vor dem Trinkgelde ausdrücken darf. -- Ganz wie beim Menschen selber. Daher ist es auch erklärlich, daß selbst die höchsten Persönlichkeiten Trinkgelder annehmen können und sie dankend quittieren.

Ein sehr düsteres Bild von der Notwendigkeit und der Wirksamkeit des Trinkgeldes entfaltete sich anfangs 1909 in New York, wo sich zu den bevorstehenden Wahlen des Bürgermeisters und der städtischen Verwaltungsbeamten eine neue Partei gebildet hatte, die beantragte, daß der neue Bürgermeister außer seinem Gehalt, welches höher ist als das des Präsidenten der Vereinigten Staaten, nach Ablauf seiner Amtstätigkeit einen »~Bonus~« von fünfhunderttausend Dollars erhalten solle. Dieser »~Bonus~«, Gratifikation, Geschenk, Trinkgeld -- was es nun gerade ist -- sollte durch Subskription unter Privatleuten beschafft werden, damit die politische Unabhängigkeit, die Unparteilichkeit des neuen Würdenträgers und zugleich die Wohlfahrt der Stadt gesichert sei. Die Urheber dieses Gedankens behaupteten, daß es auf eine andere Weise unmöglich sei, einen Mann für den Posten zu erhalten, der seine Pflicht auf ehrliche Weise ausführen würde. -- Die Partei klagte weiter, daß diese radikalen Maßnahmen -- nämlich der »~Bonus~« -- durch die bisherige Verwaltung der Stadt, -- die schlechteste in irgendeiner Großstadt -- notwendig geworden seien. Entblößt, beraubt, betrogen, so gut wie bankerott stehe die herrliche Stadt nun da und bedürfe eines »ehrlichen und kompetenten« Verwalters. Selbst die dümmste und ungebildetste Bevölkerung der Stadt habe nun einen dämmerigen Begriff bekommen, was eine derartige Mißwirtschaft der öffentlichen Angelegenheiten -- das Wort sei nur ein beschönigender Ausdruck für Diebstahl und Schwelgerei auf Kosten der Stadt -- bedeute. -- -- Man will also durch eine Trinkgeldversprechung die neue Stadtverwaltung bewegen, ehrlich und haushälterisch, unbestechlich und unparteiisch zu arbeiten. -- Welche Abgründe werden da vor unseren Augen geöffnet! --