Die Moral des Hotels: Tischgespräche
Part 11
Sie fragen nun, warum diese unbarmherzigen Menschen fast alle »Dienerseelen« seien oder Ignoranz und Unterwürfigkeit heuchelten? -- Wenn das der Fall wäre, so müßte der mildtätige Bonifaz und seine freundliche Familie das verächtlichste Geschlecht auf Erden sein. Aber dem ist nicht so. Sie sind auch nur Menschen wie wir. Die außerordentlichen Schwierigkeiten des Services, die Ansprüche, die wir stellen, die Geräuschlosigkeit, mit der alles hergehen soll, die Vorsicht, mit der man zu Werke gehen muß, das alles wirkt sehr auf das Wesen ein, das alles macht ihn schüchtern, zurückhaltend, das alles gibt seiner Person den Anschein eines Zauderers, verwandelt ihn in den Mann der Unentschlossenheit, ein Bild, das jeder verachten muß, der es nicht kennt. Alle diese vielen kleinen äußeren Umstände machen den Menschen zu einem feinfühligen Wesen. Nicht nur als solches fürchtet der Kellner einen Fauxpas oder eine Blamage über alles, sondern ein kleines Unglück kann ihm auch oft seine Stelle kosten. Es ist wunderbar, zu beobachten, wie die Wirte oft die Existenz eines Angestellten opfern, um eine kleine, gemeine Laune eines Gastes zu befriedigen. Sollten Sie nicht ängstlich werden, wenn Ihr Dasein durch jede kleine Kleinigkeit gefährdet ist? Wer wird wohl den kürzeren ziehen bei einem jämmerlichen, lächerlichen Disput zwischen Gast und Kellner? Die meisten Kellner und Wirte haben noch nicht gelernt, den Forderungen ihrer Kundschaft entgegenzukommen und entgegenzutreten. Daher ist es Tatsache, daß eine Dienerseele als Kellner ziemlich erfolgreich sein kann, während ein halbwegs selbstbewußter junger Mann die größten Qualen auszustehen hat. Eine Dienerseele schnüffelt sich auf ganz bewundernswerte Weise instinktiv seine verwandten Kreaturen aus der großen Menge heraus. Sie wittern ein schleimiges Verhältnis und sind zu haben. Sie sagen mit Freuden ja. Wir sollen von unserem Kellner keine Dienerei verlangen. Wir erniedrigen uns dadurch selber. Ein wirklicher Mensch duldet keine Herrschaft, keine Autorität über sich und keine Dienerei unter sich. -- Hier wird die Lebenskunst unseres jungen Mannes besonders erprobt. Und wenn der selbstbewußte Kellner -- wie es sich für jeden Menschen schickt -- sein Rößlein ein wenig im Zaum hält und den Stolz nicht mit der Vernunft durchgehen läßt, so übertrifft er an geschäftlichen Leistungen, an Tüchtigkeit und Erfolg jede Dienerseele bei weitem.
Das meiste Unglück auf der Welt wird bekanntlich durch die Tatsache angerichtet, daß jeder Mensch seiner eigenen Person viel zu viel Wichtigkeit zuschreibt, wie bescheiden er selbst sein mag. Bescheidenheit ist nichts als eine vornehme Art von Wichtigtuerei. Mit etwas Selbstverachtung aber und Hochachtung vor anderen kommt man erstaunlich weit. -- Das weiß der gute Kellner besser wie wir alle.
Ja, meine Freunde, Sie glauben nicht, wie mitleidig und feinfühlig ein guter Kellner ist. Auf den ersten Bück merkt er, wie Sie aufgelegt sind, und empfiehlt Ihnen je nach Ihrer Gemütserregung die nötigen Speisen, den erforderlichen Trost in Form eines Getränkes. Er besitzt das Auge eines Arztes. Ja, noch mehr tut er. Er nimmt Anteil an Ihrem Leide, an Ihrer Freude, ohne daß dieses Mitgefühl direkt auf seine Trinkgeldabsichten zurückzuführen ist. Es ist der gute Geist der alten Gastfreundschaft, der in den Leuten weiterlebt. Es ist des Kellners Natur, sich dem Gaste anzupassen, wie sich der Dichter dem Volke anpassen muß, wenn er zu ihm sprechen will. -- Einem Börsenmakler sieht der freundliche, lächelnde Ganymed die Haussen und Baissen an der Nase ab. Nach einigem Zögern versucht er dann vorsichtig darauf anzuspielen und nötigenfalls zu gratulieren oder seinen Schmerz auszudrücken. Ein Kellner vermag den größten Mutzkopf und Brummbär zu trösten, wenn dieser nicht gerade ein unheilbarer Hypochonder ist, in dem das letzte Fünkchen Liebe für die schöne Erde und für Humor erloschen ist. Als Belohnung für eine solche Wohltat gibt der Börsianer häufig seinem liebenswürdigen Ganymed einen »Tip«, einen guten Rat in bezug auf die Börsengeheimnisse, woraufhin der Kellner nicht selten mit einer kleinen Einlage gut abschneidet.
Dem Kellner ist es ein wahres Vergnügen, einem freundlichen, wohlgesinnten Gaste aufzuwarten, und wer als solcher eine Unterhaltung wünscht oder sucht, wird im Kellner einen interessanten Causeur finden, wenn es die Zeit gestattet. Ein guter Kellner wird nie die Unterhaltung aus eigener Initiative suchen. Sein Taktgefühl und die einfachsten Regeln der Höflichkeit sagen ihm auch genau, wie weit eine Konversation gehen kann. Höflichkeit ist gerade das Gegenteil von Dienerei. Wer einem unbekannten Menschen höflich begegnet, hat demselben gegenüber immer etwas voraus. Schmierige Vertraulichkeit mit unbekannten oder wenig bekannten Menschen ist ungefähr das Widerlichste, was sich ein feinfühliger Mensch denken kann, und sie entstammt nur einer tierischen Borniertheit. Wer solchen Passionen nachhängt, muß oft sehr erniedrigende Erfahrungen machen. -- Das alles sieht und weiß der Kellner besser wie wir alle, denn er lernt es unter dem großen Gewühl der Menschen.
In einzelnen Fällen wächst das Verhältnis zwischen Gast und Kellner auch zu einer schönen Familiarität und Freundschaft heran. Reiche, vornehme Leute, vielleicht alt und kinderlos, gewinnen oft ein wirkliches Vertrauen zu einem jungen, frischen Menschen, besonders wenn sich dieser in freier, schöner Weise ihrer annimmt und im Interesse des Hauses und seinem eigenen den Aufenthalt der Gäste genußreich zu gestalten versucht. Mag das Leben und die Lage der Gäste noch so beneidenswert aussehen, es hat immer seine großen und kleinen Häkchen, die das Dasein versauern. Und gerade solche Leute empfinden etwas ihnen Zugefügtes, das sie, streng genommen, nicht fordern können und worauf sie keinen Anspruch haben, als eine angenehme Überraschung und wissen es zu würdigen. Warum sollte unter solchen Umständen nicht ein wirklich kordiales Verhältnis zwischen Hoch und Gering aufkeimen können?
Aber unser modernes Leben, unsere geschäftlichen Ansichten ersticken doch in den meisten Fällen jede schönere Regung in den Herzen der Menschen. Und das größte Merkmal im Verkehr der Menschen untereinander ist nicht das Wohlwollen, die Güte und die Liebe, es ist auch nicht die Gemeinheit, die Sklaverei, der Haß oder die Sucht, sich gegenseitig zu schädigen, nein, es ist nur eines: die Gleichgültigkeit, die Indifferenz. Sie ist wirklich aus dem Trubel unseres modernen Erwerbslebens geboren und ist die niederste Stufe aller menschlichen Herzensregungen. Jeder wurschtelt für sich selber und bekümmert sich nicht um den anderen. Einer solch niederen Gesinnungsart sind nicht einmal die wildesten Völker der Erde fähig. Der Fremde, der zu ihnen kommt, wird entweder als Gast in den Hütten aufgenommen, mit allen Mitteln wie ein Heiliger geschützt und gepflegt, oder er wird totgeschlagen und aufgefressen. Beides sind Zeichen der Hochachtung. Ein Barbar wird niemals gleichgültig an einem anderen vorübergehen.
Ein Mann, der so zwischen den Feuern steht wie unser junger Freund, muß eine himmlische Geduld und Nachsicht mit den Schwächen und Fehlern der Menschheit haben. Der Gemeinheit gegenüber verhält er sich am besten ruhig, vornehm, ablehnend und schweigend. In den meisten Fällen wird er damit seinen rüpelhaften Gegner entwaffnen und zu Tode schweigen. Er muß bedenken, daß er Grobheit und Gemeinheit niemals besser als mit unendlicher schweigsamer Verachtung strafen kann. Er schont damit seine wertvolle Gesundheit und steht im Verhältnis zu seinem Angreifer wie der Mond zum Hunde, der ihn anheult. Und da die Gemeinheit der Menschen mit dem Geschäfte des Kellners verbunden ist wie der Geruch mit der Leimsiederei, so können Sie sich, meine Freunde, leicht vorstellen, was für ein vornehmer Mensch unser Kellner ist.
Ich erkläre mich aber wirklich nicht damit einverstanden, daß der Kellner geschäftlich ein vornehmer, schüchterner Märtyrer menschlicher Gemeinheit sei. Er sollte auftreten, wie es unser Inneres verlangt. Er sollte nicht jede Gemeinheit, jede Beleidigung, jede Frechheit dankend einstecken. Nein, bewahre! Er sollte sich wehren, als Mensch, als moderner Mensch wehren. Wir haben kein Verständnis für Heilige. Wir lachen darüber. Demgemäß sollte auch der Kellner auftreten. Das würde seiner Gesundheit sehr förderlich sein, deren er dringend für seine langen Arbeitsstunden bedarf. Bei unvermeidlichen Konflikten sollte sich der Kellner sein Gegenüber ansehen und keine Rücksicht auf gemanikürte Hände oder Monokel nehmen. Er sollte es abschätzen. Hält er es für genügend zurechnungsfähig, daß eine derbe Lektion nicht ganz wirkungs- und spurlos an dem leeren Gehirn vorüberstreift, so soll er die notwendige Lektion gründlich erteilen. Wenige, aber kräftige Worte und nur Wahrheit, das genügt schon. Bei einem derartigen Renkontre sollte jeder Prinzipal, der nur ein klein wenig auf sich, sein Haus und seine Leute hält, den Angestellten unterstützen. Er wird dabei die Meinung eines jeden rechtlich denkenden Mannes auf seiner Seite haben. Wird dem Angestellten Unterstützung verweigert, so ist es Pflicht seiner Kollegen, solidarisch aufzutreten. Universelle Organisation und tatkräftiger Rechtsbeistand kämen dann sehr zur Geltung. Dies bezieht sich natürlich auf Fälle, wo die Person oder die Ehre des Kellners beleidigt wird. Bei gewöhnlichen geschäftlichen Differenzen zwischen Gast und Kellner entledigt sich der letztere der Sache am einfachsten, indem er sie dem Vorgesetzten übergibt und nicht eigenmächtig handelt.
Man sollte daher sagen, meine Freunde, daß, wenn ein Kellner oder irgendein anderer Mensch irgendeines Berufes ein Menschenkenner, ein tüchtiger Fachmann, ein bescheidener, höflicher Mann der Welt, ein angenehmer Gesellschafter ist, und wenn er das Gefühl der Pflicht, der Verantwortlichkeit und Zugehörigkeit zur menschlichen Gesellschaft in seiner Brust trägt, so würde er sich damit selbst die Hochachtung der gemeinsten seiner Mitmenschen erzwingen. Aber unserm Kellner wird dies schwer, sehr, sehr schwer gemacht. -- Und so sehen Sie ein, daß ein Mann in einer derartigen Stellung einer wirklich großen Philosophie bedarf, um stark zu bleiben, sich aufrecht zu erhalten und nicht unterzugehen. Wem aber ist die Philosophie gegeben? -- In jedem neuen Menschen, der uns entgegentritt, begegnen wir einer neuen kleinen Welt, auf welche unsere vorherigen Erfahrungen nur wenig, oft gar keine Anwendung findet. Zur Erkenntnis solcher Wahrheiten, die uns über alles Unheil der Erde hinwegzutragen vermögen, gehört ein gutes, geübtes Auge, das frei von den Kleinlichkeiten der Umgebung weit hinausschaut. Dieses Auge besitzen nur wenige. Indessen die meisten werden von der Notwendigkeit hinweggeschwemmt und lassen sich tragen. Doch das Leben versagt ihnen nie seine Hilfe ganz. So werden sie vorsichtig, feinfühlig, gewitzigt, forschen, strecken die Fühler aus ins Dunkle und sind auf der Hut. Die Verirrungen und Verwirrungen unserer Zivilisation verlangen dies. Sie bilden uns zu Diplomaten und Politikern heran. Diplomaten sind Leute, die in den schwierigsten Stellungen des Geistes und des Körpers Dinge verrichten können, die jeder aufrecht stehende Mensch in natürlicher Lage ebensogut und noch besser ausführen kann. Das Menschengeschlecht hat wirklich noch nicht die Kunststückchen seiner Vorfahren in den Lianen des Urwaldes verlernt. Ja, es scheint, daß, je mehr die Zivilisation fortschreitet, um so mehr wir deren wieder bedürfen, d. h. daß wir zurückschreiten. Der beste Beweis dafür ist die Entwicklung des modernen Kellners. Ist es nicht geradezu bewundernswürdig, wie er sich durch die Schlinggewächse unserer Zivilisation hindurchschlängelt? Als pure Naturerscheinung genommen, für den Forscher freilich hat es wenig Reiz, weil verständlich. Wie alles andere, wenn man mit den Gesetzen der Entwicklung vertraut ist.
Es ist bemerkenswert, daß der Kellner -- ein sehr moderner Arbeiter -- trotz seiner Stellung zum Kapitalismus eher zum ganz achtbaren Philosophen und sozialen Trapezkünstler als zum Sozialdemokraten heranwächst. Bedenkt er, daß die glücklichen, fremden Menschen, denen er so nahe tritt, an seinem Unglück nicht direkt schuld sind? Läßt er es ihnen aus diesem Grunde nicht fühlen? Nimmt er darum keine drohende Haltung an? Welch formidablen Feind hätte die Gesellschaft nicht in ihm?! -- Doch sein Wesen ist stets -- ohne gefährliche Hintergedanken -- gleich freundlich. Seine Züge versteinern sich so allmählich zu einem stereotypen Lächeln, einem traurigen Gemisch von Entsagung, geschickter Verstellungskunst, verhohlenem Leid und obligatorischer Heuchelei -- ein Ausdruck, von der Zeit ins Antlitz des Großstadtmenschen gegraben, der ihm mit in den Tod folgt. --
Apropos, Herr Doktor, ich glaube auch nicht, daß der Kellner ein großer Theaterschwärmer ist. -- Wieso? Nun, nach all dem, was er tagtäglich und nachtnächtlich zu sehen bekommt und anhören muß, dürften die Handlungen auf den Brettern, die die Welt bedeuten, meistens doch recht fade und verlogen erscheinen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Kellner, ich nehme meinen Kaffee im Palmengarten. -- Nein, nur für mich allein; meine Gäste haben sich empfohlen. -- Wer ist dort? Ein Herr, der mich eben begrüßen will! -- Seine Karte! Zeigen Sie her. Wohnt der Herr auch im Hotel? Ah, heute angekommen. -- Natürlich! Sagen Sie ihm, ich sei mit dem größten Vergnügen bereit. --
»Marcus Tottenham Wootslebury, 15 Regent Street.« -- Mein Schneider aus London! Was mag er im Schilde führen! Ich bin ihm doch nichts mehr schuldig! --
Ah! ~How do you do, Mr. Wootslebury?!~ -- So, Sie haben mich im Speisesaal gesehen und bis zum Schluß des Diners gewartet, um mir guten Tag zu sagen? Das ist aber liebenswürdig von Ihnen! -- Stören? Bewahre! Meine Gäste hatten's eilig. Sie wollten noch ins Theater. Ganz unzeremonielles Abendessen, wissen Sie. -- Nehmen Sie auch Kaffee? Wie, keine Fine Champagne? -- Aber doch eine Perfecto? -- Ja, danke, mit der letzten Garderobe bin ich sehr zufrieden. Alles sitzt wunderbar. -- Und was gibt's sonst Neues zu sehen auf Regent Street und Bond Street? -- So, einige revolutionäre Abänderungen am Morning Coat! -- Das ist ja ungeheuer wichtig! Ja, ja, aber sagen Sie mir! Ist denn das wirklich wahr? Seit vorvorgestern trägt man die Falten der Beinkleider an der Seite! Ich konnte es nicht für möglich halten, als ich das Kabeltelegramm erhielt! -- Hier ist es noch nicht eingeführt. Die Leute sind hinter der Zeit zurück. -- Welch ein Glück, daß ich Sie treffe, mein lieber Mr. Wootslebury! Da muß ich doch gleich meinen Valet instruieren. -- Hm, ja, herrlicher Abend heute. -- Schönes Wetter überhaupt die ganze Zeit. --
Müde? Ja, ich bin etwas müde. Ich habe einen anstrengenden Tag gehabt. Schon um elf Uhr früh aufgestanden, Bad genommen, anziehen lassen, Lunch im Klub, zur Rezeption bei der Mrs. Van der Gold Augustus Crackerjack anziehen lassen, zum Polo anziehen lassen und zum Diner anziehen lassen. -- Nein, für heute ist's genug! -- Ich habe alles abgesagt. --
Und sagen Sie mal, lieber Mr. Wootslebury, finden Sie nicht auch, daß diese Kellner hier eigentlich verdammt schick in Kluft sind! -- Ja, ich verstehe wohl, was Sie meinen. Aber das will ich Ihnen erklären. Wenn diese Kerle genau so aussehen würden wie unsereins, wo sollte denn das hinaus!? Darum müssen sich die Leute schon etwas einschränken. Das sind geschäftliche Vorschriften. Aber das Exterieur ist für den Kellner genau so wichtig wie für uns. Denn es gilt als eine von der Menschheit seit urdenklichen Zeiten festgesetzte Regel, seinen äußerlichen Menschen in möglichst gutem Licht zu zeigen. Man mag darüber denken wie man will, es bleibt Tatsache, daß derjenige, der aus Weltverachtung, Exzentrizität, Nachlässigkeit oder Dummheit gegen diese erste Regel der Gesellschaft verstößt, allerhand unangenehme Folgen zu tragen hat. Ja, die Regel vom schönen Außenmenschen gilt vor allem auch für die Kellner. Die Leute, die gut essen und trinken und hohe Preise dafür bezahlen können, wollen sich nicht durch allerhand Jammergestalten den Appetit verderben lassen. Und sie haben recht! -- Warum sollten sie! -- Nicht wahr, das finden Sie auch. -- Denken Sie sich, ich hörte einmal einen Gast am Tisch nebenan sich über das Aussehen des Kellners beschweren. Er ließ den Oberkellner rufen und sagte ihm in Gegenwart des Kellners:
»Geben Sie mir einen anderen Kellner. Ich kann das Gesicht des Menschen nicht leiden!«
Und er bekam einen anderen. -- Der erste entfernte sich schweigend. -- Das nenne ich Geschmack und Energie! -- Die Wirte und ihre Angestellten müssen sich das täglich bieten lassen, bis sie gelernt haben, wie ein Mensch ausschauen soll. Ein gutes Diner, wie jeder andere Sinnengenuß, ist eine Befriedigung, eine Betäubung eines gewissen Bedürfnisses, eine Art Illusion, ein schönes Selbstbelügen, eine angenehme Narkose, ein süßer Traum, wobei -- ihn möglichst vollkommen zu gestalten -- alle äußeren Umstände mitwirken müssen. Das luxuriöse Milieu eines modernen Speisesaals, die kostbare Ausstattung, Gobelins, orientalische Teppiche, Blumen, Palmen, Marmor, Musik, Lichter, anständige, feine Kellner, das alles muß dazu beitragen.
Man braucht aber doch wirklich gar kein sensitiver Sinnenmensch zu sein, um sich von dem zweifelhaften Äußern eines in unsere Nähe kommenden Menschen abgestoßen zu fühlen. Ja, nicht wahr! Jedes irgendwie verdächtig aussehende Individuum erweckt eine gewisse Unruhe und Unbehaglichkeit in der Brust seiner Mitmenschen. Dies unangenehme Gefühl kann je nach dem Grade der Empfindlichkeit einerseits und den Umständen und nach der Beschaffenheit des Äußern andererseits bis zur Unerträglichkeit gesteigert werden. Einen solchen Fall hatte ich zweifellos vor mir. Der betreffende Gast konnte sich nicht einmal mit dem Gesichte seines Kellners abfinden. Gegen seine Kleidung hätte kein Mensch etwas anhaben können, denn ich verkehre in keinen Häusern, wo etwas Derartiges stattfinden könnte. Sie sehen, für den Gast war das Aussehen des Mannes nur eine Augenblicksfrage, für den Kellner eine Lebensfrage. Aber in einem Speisesaal gehört ein derartig gespanntes Verhältnis zwischen zwei Menschen in verschiedenen Lebensstellungen tatsächlich nicht zu den Freuden des Daseins. Daher wurde der Kellner entlassen. Denn gerade hier, wenn das Verhältnis nicht makellos harmonisch ist, d. h. wenn der Gast den Kellner nicht gerne sieht, so kann es von verderblicher Wirkung sein. Der Gast verliert gewöhnlich seinen Hunger, das Haus Einkünfte und der unangenehme Kellner seine Stellung.
Ja, Mr. Wootslebury, es ist etwas Eigenartiges, daß die Gäste von möglichst distinguiert aussehenden Leuten aufgewartet sein wollen. Warum? Ich denke mir die Sache folgendermaßen: Je besser und intelligenter ein Mensch ist, der uns vollständig zur Verfügung steht, um so besser und intelligenter müssen wir uns doch wohl selber fühlen. Nicht wahr? -- Hähäh! -- Ganz richtig! -- Man entdeckt auf einmal Werte in sich, die uns selber bis dato unbekannt waren. Das sind höchst angenehme Gefühle. Und als Gratiszugaben zu einem guten Essen sind sie höchst willkommen, der Verdauung äußerst förderlich. -- Nein, das haben wir nicht erst herausgefunden. Das wußte man schon zu den ältesten Zeiten. Warum mußten denn bei den großen Essen im Mittelalter die Herren Reichsfürsten die Majestät höchst eigenhändig servieren? -- Vom Lakai auf dem Bock schließt man doch erst auf den Herrn in dem Wagen. An der Uniform erkennt man doch erst den Geschmack der Leute, nicht wahr? -- Und auf dem geistigen Gebiete ist's genau so. Die meisten Herrscher zogen doch nur ihre zeitgenössischen Geistes- und andere Größen an ihre Höfe heran, um sich selber mit den Blüten der Nation zu garnieren, da sie die Leere ihres eigenen Daseins dumpf empfanden. In ganz vereinzelten Fällen, wo keine Selbstverherrlichung das Motiv ist, sich mit großen Geistern zu umgeben, wuchsen die Beziehungen zwischen Fürst und Protegé zu inniger Freundschaft aus. Sonst aber ist das Verhältnis ein unerquickliches. Protzentum, Heuchelei, Kriecherei und sonstige Unannehmlichkeiten. Haben Sie jemals das Leben des Herrn Geheimrats Goethe gelesen, Mr. Wootslebury? --