Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung
Part 9
Nur aus der sekundären Natur dieses Instinktes erklären sich endlich die erstaunlichen Rösselsprünge, welche das mehr oder weniger entwickelte Schamgefühl macht. Bei den sehr wenig bekleideten Mortlockinsulanern geht die Wahrung des äusseren Anstandes so weit, dass man in Gegenwart einer Frau, deren Stammesgenosse zugegen ist, sich nicht erlauben darf, irgend welche freien Redensarten zu führen, ja man darf dann nicht einmal das Wort Nabel, Bauch, den Namen des Gürtels, „Kinsak“, oder des die Hüften deckenden „Arvar“ nennen. Ein Europäer, durch das geschickte Muster des letzteren oder die gelungene Ausführung des Kinsak zu einem Ausdruck der Bewunderung verleitet, würde argen Anstoss erregen; die beiden Stammesgenossen würden sich schamrot abwenden und den unschuldigen Fremdling verachten. Würden die Gegenstände seines Lobes sich aber nicht an dem Leibe der Frau befunden, sondern etwa auf der Erde gelegen haben, so würde deren Nennung kein Vergehen gegen den Anstand gewesen sein.[152] Auf den Markesas schämt man sich durchaus nicht nackt zu gehen, aber es gilt für äusserst unanständig, das Praeputium nicht zuzubinden; ebenso auch auf Neuseeland und auf vielen andern Inseln der Südsee, wo die sonst ganz nackten Männer es schamlos fänden, sich ohne den Bambubehälter, das zusammengerollte Blatt, den Kürbis oder die Muschel (_Bulla ovum_) zu zeigen, in denen sie das Geschlechtswerkzeug verstecken. Dasselbe gilt von den sonst ausschweifenden Patagonen. Die Tubariweiber in Mittelafrika gehen ganz nackt bis auf einen schmalen Leibriemen, an welchem ein nur nach hinten herabhängender Zweig befestigt ist, bei dessen Verlust sie in Gesellschaft von der äussersten Scham ergriffen werden.[153] Die sehr mässig bekleideten Hottentottinnen tragen stets ein Tuch als Haube auf dem Kopfe und manche lassen sich durch nichts bewegen, es zu entfernen; umgekehrt erachten es die Palauinsulanerinnen für unanständig, einen Hut aufzusetzen. Der Schamhaftigkeit mancher Malayenvölker ist Genüge geleistet, wenn nur der Nabel bedeckt ist. Für eine grosse Frechheit wird es in dem alten Kulturlande China angesehen, wenn eine Frau einem Manne ihren künstlich verkümmerten Fuss zeigt; ja es ist sogar unschicklich von ihm zu sprechen und auf züchtigen Gemälden bleibt er immer unter dem Kleide versteckt. Die Frauen der germanischen Langobarden hielten sich ebenfalls für tötlich beschimpft, wenn Männer ihre Füsse bis zu den Knieen sahen; feine Europäerinnen denken heute über diesen Punkt viel weniger strenge.
Was aber einer grossen Reihe von Völkern am allermeisten der Verhüllung bedürftig erscheint, das ist das Antlitz der Frau! In Maskat sieht nicht einmal mehr die Mutter nach dem zwölften Jahre ihre Tochter mit unbedecktem Gesichte, dagegen lassen die durchsichtigen Gewänder Leib und Glieder deutlich erkennen.[154] Auch die häusliche Tracht der Perserinnen lässt den Busen vollständig durchscheinen, den Bauch und die Beine aber ganz frei und unbedeckt;[155] dagegen darf sich das Weib nur vor ihrem Manne und einigen nächsten Anverwandten unverschleiert sehen lassen; selbst dem Arzte ist das allerletzte, was ihm die Kranke zeigt, ihr Gesicht, sie glaubt sich dadurch zu prostituieren. Freilich weiss die wahre Tochter Evas auch dafür ein Auskunftsmittel; sie hat zuerst an den Zähnen etwas zu verbessern und hebt den Schleier bis zur Nase; dann findet sich ein Fleck auf der Stirn und sie senkt die obere Hälfte des Schleiers, so dass der Arzt nur zu addieren braucht, um die Totalsumme zu erhalten.[156] Muhammedanerinnen zu Basra, ja selbst zu Konstantinopel, die im Bade von Männern überrascht werden, verhüllen gleichfalls nur das Gesicht. Ebenso entblössen sich in Ägypten die Frauen der Fellahin vor Männern ohne Scheu, wenn nur das Antlitz verhüllt bleibt. Die Araberin, sagt +Ebers+, wird Fuss, Bein und Busen ohne Verlegenheit sehen lassen, dagegen gilt die Entblössung des Hinterhauptes für noch unanständiger als die des Gesichtes, welches letztere jede ehrbare Frau sorgsam verbirgt. Beleidigt der enganschliessende Anzug europäischer Frauen das Anstandsgefühl des Chinesen, dem jene als nackt erscheinen, so würde ein frommer Moslim aus Ferghana, wenn er auf unseren Bällen die Entblössungen unserer Frauen und Töchter, die halben Umarmungen bei unseren Rundtänzen wahrnähme, im Stillen nur die Langmut Allahs bewundern, der nicht schon längst über dieses sündhafte und schamlose Geschlecht Schwefelgluten habe herabregnen lassen. In der That liegt keinerlei Logik darin, wenn dieselbe Dame, die Herrn So und So vormittags nicht empfangen zu können meinte, da sie noch nicht -- angekleidet sei, ihm abends im hellerleuchteten Ballsaale oder in der Opernloge ohne ein Zucken der Verlegenheit weit weniger bekleidet als sie es morgens war, entgegentritt. Auch die sehr koketten Französinnen stellen an öffentlichen Orten ihre allerdings anmutig geformten Schultern und Arme, ihre feinen Knöchel und noch etwas darüber bloss. Freilich, wollte man sich in ihrem Hause erlauben, auch nur die Spitze ihres Ellbogens zu bewundern, Entrüstung würde ihnen das Blut in die Wangen jagen.[157] Sie finden es ganz natürlich, ihre Reize der Gesamtheit preiszugeben, um sie sodann jedem einzelnen zu versagen. Gefallsucht und Buhlkunst veranlassen eben überall manchen Verzicht auf die Schamhaftigkeit. Aus einem Beweggrunde, den man bei uns Koketterie nennen würde, legen z. B. die schwarzen Mädchen von Quitta in Westafrika an Stelle der sonst üblichen breiten, den grössten Teil des Körpers bedeckenden Hüftentücher, lieber unverhältnismässig schmale an.[158] Ein ganz ähnlicher sinnlicher Gedankengang schlummert aber am Urgrunde der vorhin besprochenen Sitte, welche im Kreise der schamhaften Kulturnationen widerspruchsvoll verlangt, dass eine Dame, um salonfähig zu erscheinen, Arme und Büste entblösst tragen müsse -- eine beklagenswerte Versündigung gegen den guten Geschmack und den ästhetischen Sinn, da nur in Ausnahmefällen die Schaustellung dem Salon zur Zierde und den Beschauern zum Vergnügen gereicht!
Aus den Beispielen, welche ich hier angehäuft habe, ersieht man wohl sattsam, dass das Schamgefühl an gar vielen Stellen des Körpers haften kann, befestigt durch Sitte und Gewohnheit. Bei allem Schwanken desselben in einzelnem darf man aber immerhin ein doppeltes behaupten: +Das Erwachen des geschlechtlichen Schamgefühls bedeutet eine Erhebung bei jeder Völkerschaft+;[159] und ferner: +Das Schamgefühl hält gleichen Schritt mit der Kulturentwicklung der Menschheit+.
[55] +Carus Sterne.+ Werden und Vergehen. Eine Entwicklungsgeschichte des Naturganzen in gemeinverständlicher Fassung. Zweite Aufl. Berlin, 1880. S. 483.
[56] +Charles Darwin.+ Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren. Stuttgart, 1887. S. 293.
[57] +Carus Sterne.+ Die Krone der Schöpfung. Wien u. Teschen, o. J. S. 79.
[58] +Lippert.+ Kulturgeschichte. Bd. I. S. 16.
[59] +Hugo Zöller.+ Forschungsreisen in Kamerun. Bd. II. S. 86.
[60] +Oskar Peschel.+ Völkerkunde. Fünfte Aufl. Leipzig, 1881. S. 173.
[61] +Lippert.+ Kulturgeschichte. Bd. I. S. 17.
[62] +Globus.+ Bd. XLIV. S. 106.
[63] _Revue d'anthropologie._ 1872. S. 209.
[64] Prof. Dr. +Friedrich Ratzel+. Völkerkunde. Leipzig, 1885. Bd. I. Grundzüge der Völkerkunde. S. 63.
[65] +Mantegazza.+ Anthropologisch-kulturhistorische Studien. S. 28.
[66] +Peschel.+ Völkerkunde. S. 173.
[67] +Alex. von Humboldts+ Reise in die Äquinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. III. S. 96.
[68] +Karl von den Steinen.+ Durch Centralbrasilien. Expedition zur Erforschung des Schingu im Jahre 1884. Leipzig, 1886. S. 192. 195.
[69] +Globus.+ Bd. XXIX. S. 207.
[70] Ausland 1867. S. 892.
[71] +Globus.+ Bd. XXV. S. 165.
[72] +Ferdinand Blumentritt.+ Versuch einer Ethnographie der Philippinen. Gotha, 1882. S. 15.
[73] +Frederic J. Mouat.+ _Adventures and researches among the Andaman Islanders._ London, 1863. S. 122.
[74] +H. H. Johnston.+ Der Kilima-Ndscharo. Forschungsreise im östlichen Äquatorialafrika. Leipzig, 1886. S. 409.
[75] A. a. O. S. 412.
[76] +Victor de Rochas.+ _La Nouvelle Calédonie et ses habitants._ Paris, 1862. S. 237.
[77] +Georg Schweinfurth.+ Im Herzen von Afrika. Reisen und Entdeckungen im äquatorialen Centralafrika. Leipzig, 1874. Bd. I. S. 163.
[78] +Sir John Lubbock.+ _Pre-historic Times as illustrated by ancient remains and the manners and customs of modern Savages._ London, 1869. S. 533.
[79] +Paul Mantegazza.+ Indien. Aus dem Italienischen von +H. Meister+. Jena, 1885. S. 207.
[80] Merkwürdigerweise werden hauptsächlich +männliche+ Gottheiten ganz nackt dargestellt, oder die Gewandung erscheint, wie beim Apoll vom Belvedere, dort, wo sie nach unseren Begriffen überflüssig wäre. Ganz ähnlich verhalten sich, um nur einige Beispiele zu nennen, die Sylvanusstatue in der +Blundell+schen Sammlung, die Bronzestatue von Herculaneum, der Eros im Pariser Louvre, der vatikanische Apoll (im _Museo Pio-Clementino_) und das Marmorstandbild des erst spät aufgekommenen Gottes Atys in der +Landsdowne+schen Sammlung. Letzterer hat nicht die allergeringste Spur von Bekleidung, nur den das Geschlechtswerkzeug verdeckenden üblichen Blätterschmuck, welcher an sich schon ein Beweis ist, dass das Schamgefühl sich dessen bewusst geworden, was der Verhüllung bedürftig. Der im Hause des Augustus gefundene Apollo Sauroktonos verzichtet aber sogar darauf und prangt als splitternacktes Menschenkind mit dem völlig unverhüllten Wahrzeichen seiner Männlichkeit. Seltener sind ganz nackte Göttinnen. Ausser Venus in ihren mannigfachen Gestalten und den Grazien erscheinen die übrigen Göttinnen nicht leicht ohne irgend eine Gewandung. Liegt in dieser auffallenden Bevorzugung des männlichen Körpers in der Darstellung des Nackten durch die antike Kunst nicht etwa ein Fingerzeig, dass die Alten das menschliche Schönheitsideal in der männlichen und nicht in der weiblichen Gestalt erblickten?
[81] Ich will indess nicht unbemerkt lassen, dass die alten byzantinischen Kruzifixe, wie z. B. jenes, welches im Dom zu Braunschweig aufbewahrt wird, Christus in eine lange Kutte gekleidet darstellen.
[82] So z. B. der Hermes-Augustus im Museum zu Rennes, die Kolossalstatue aus Bronze, welche Augustus als Jupiter darstellt (Museum zu Neapel), Britannikus als Bacchus, gefunden zu Tivoli. Ganz nackt ist ein Mars Ultor, eine Marmorstatue, welche aber eher einen Römer des ersten Jahrhunderts als Mars Ultor vorstellen dürfte, denn gerade die Gottheit an sich.
[83] +Max Buchner.+ Reise durch den Stillen Ozean. Breslau, 1878. S. 352-354.
[84] +Georges Bousquet.+ _Le Japon de nos jours et les échelles de l'extrème Orient._ Paris, 1877. Bd. I. S. 87.
[85] +Hugo Zöller.+ Pampas und Anden. Sitten- und Kulturschilderungen aus dem spanisch redenden Südamerika mit besonderer Berücksichtigung des Deutschtums. Stuttgart u. Berlin, 1884, S. 364.
[86] Ausland, 1870. S. 294.
[87] +Mantegazza.+ Anthropologisch-kulturgesch. Studien. S. 36-37.
[88] +Rudolf Bergner.+ Rumänien. Eine Darstellung des Landes und der Leute. Breslau, 1887. S. 61.
[89] +Anatole Leroy-Beaulien.+ _L'empire des Tsars et les Russes._ Paris, 1881. Bd. I. S. 132.
[90] +Gustaf Retzius.+ Finska kranier jämte några Natur- och Literatur-Studier inom andra områden af finsk antropologie. Stockholm, 1878. S. 119.
[91] +G. G. Winkler.+ Island, seine Bewohner, Landesbildung und vulkanische Natur. Braunschweig, 1861. S. 107-111.
[92] Dies hindert freilich nicht, dass die Künstler, Maler wie Bildhauer, sich mit Vorliebe das Nackte und insbesondere das nackte Weib zum Vorwurfe ihrer Darstellungen wählen und dass solche Kunstleistungen von Herren und Damen gemeinsam besichtigt und ohne Erröten bewundert und besprochen werden, wie denn auch die Kunstläden Nuditäten der Schaulust ausstellen, welche alt und jung mit Behagen betrachten. Jedenfalls auch ein Widerspruch, den selbst das „Göttliche in der Kunst“ nicht zu erklären vermag.
[93] Dr. +Otto Kuntze.+ Um die Erde. Reiseberichte eines Naturforschers. Leipzig, 1881. S. 487.
[94] +Zöller.+ Pampas und Anden. S. 64. Treffend fügt der Verfasser hinzu: „Es ist in der That seltsam, wie viel weniger die Nacktheit eines Farbigen unserem Auge auffällt, als diejenige eines Europäers. Erzählt man einem Mitreisenden, der noch niemals wilde oder halbwilde Länder besucht hat, von der Nacktheit der sogenannten Naturkinder, deutet man namentlich dem weiblichen Teil der Passagiere dergleichen an, so denken sie sich darunter etwas Fürchterliches. Naht der betreffende Augenblick, so ist es höchst interessant, jenen eigentümlichen Kampf zwischen Zurückhaltung, Furcht, Übermut und Neugierde zu beobachten, der stets mit dem Siege der letzteren endet. Und lebt man nun gar in Ländern, wo die Mehrzahl der eingeborenen Bevölkerung den grössten Teil des Körpers unbedeckt lässt, so gewöhnt man sich so schnell daran, dass man schon nach wenigen Tagen die Sache weit weniger komisch findet, als das gemeinsame Baden der Geschlechter in belgischen, französischen und italienischen Seeplätzen. Ich habe auf Timor, in den Bergen von Java, in Hinterindien u. s. w. junge Damen so ungeniert und augenscheinlich so unschuldig und arglos einem Dutzend nackter Eingeborener ihre Befehle erteilen sehen, als ob es europäische Wäscherinnen oder Dienstmädchen gewesen wären.“
[95] +Peschel.+ Völkerkunde. S. 173.
[96] +Humboldts+ Reise nach den Äquinoktialgegenden des neuen Kontinents. Bd. II. S. 19.
[97] +Wilson+ u. +Felkin+. Uganda und der ägyptische Sudan. Stuttgart, 1883. Bd. II. S. 33.
[98] A. a. O. S. 75.
[99] Gestorben am 10. Oktober 1884.
[100] +Peschel.+ A. a. O.
[101] Dr. +Gustav Nachtigal+. Sahara und Sudan. Ergebnisse sechsjähriger Reisen in Afrika. Berlin, 1881. Bd. II. S. 574.
[102] Ausland 1858. S. 261.
[103] +Paul Duchaillu.+ _Explorations and adventures in equatorial Africa._ S. 444.
[104] Ausland. A. o. O.
[105] +Joseph Thomson.+ Durch Massailand. Erforschungsreisen in Ostafrika. Leipzig, 1885. S. 422.
[106] +Globus.+ Bd. XIV. S. 38.
[107] +Fenton Aylmer.+ _A cruise in the Pacific._ London, 1860. Bd. I. S. 209.
[108] +G. H. von Langsdorff.+ Bemerkungen auf einer Reise um die Welt. Frankfurt, 1813. Bd. I. S. 125.
[109] +Moerenhout.+ _Voyage aux îles du grand océan._ Paris, 1837. Bd. I. S. 219.
[110] _Bulletin de la Société de géographie de Paris._ 1873. Bd. II. S. 252.
[111] +Zöller.+ Forschungsreisen in Kamerun. Bd. I. S. 133.
[112] +Lippert.+ Kulturgeschichte. Bd. I. S. 433.
[113] +Mantegazza.+ Anthropologisch-kulturhistorische Studien. S. 30.
[114] Dr. +Charles Letourneau+. _La Sociologie d'après l'éthnographie._ Paris, 1880. S. 48.
[115] +Zöller.+ Forschungsreisen in Kamerun. Bd. I. S. 79. 185.
[116] +Langsdorff.+ Bemerkungen auf einer Reise um die Welt. Bd. I. S. 127.
[117] Zeitschrift für Ethnologie. Berlin, 1880. S. 318.
[118] +Buchner.+ Reise durch den Stillen Ozean. S. 129.
[119] +Letourneau.+ Sociologie. S. 59.
[120] +Lippert.+ Kulturgeschichte. Bd. I. S. 18.
[121] A. a. O. Bd. I. S. 19.
[122] A. a. O. S. 407.
[123] +Lippert.+ A. a. O. S. 18.
[124] +Karl Semper.+ Die Palauinseln im Stillen Ozean. Reiseerlebnisse. Leipzig, 1873. S. 35.
[125] +Globus.+ Bd. XLIV. S. 106.
[126] +Lippert.+ A. a. O. S. 408.
[127] +Peschel.+ Völkerkunde. S. 176.
[128] +Johnston.+ Der Kilima-Ndscharo. S. 389.
[129] Vgl. die Abbildung bei: Dr. +Karl von den Steinen+. Durch Centralbrasilien. S. 195. Im Text bemerkt der Verfasser, dass diese Indianer sich in sehr primitiver Weise gegen eindringende Insekten schützen: _praeputium filo gossypii rubro ante glandem farciminis instar constringunt_, was nicht nötig wäre, wenn eine Verhüllung die Stelle schützte.
[130] +Lippert.+ A. a. O. S. 410.
[131] +Humboldts+ Reise in die Äquinoktialgegenden. Bd. III. S. 92.
[132] +Lippert.+ Kulturgesch. Bd. I. S. 432-433.
[133] Ausland 1872. S. 802-803.
[134] +Theodor Waitz.+ Anthropologie der Naturvölker. Zweite Aufl. von Dr. +G. Gerland+. Leipzig, 1877. Bd. I. S. 356.
[135] +Emil Bessels.+ Die amerikanische Nordpolexpedition. Leipzig, 1879. S. 358.
[136] Verhandlungen d. Berl. Gesellsch. f. Anthropologie. 1880. S. 62.
[137] So die Herren +Houzé+ und +Jacques+, welchen wir umständliche Mitteilungen über dieselben verdanken im _Bulletin de la Société d'anthropologie de Bruxelles_ 1885. S. 53-156, ganz besonders auf S. 124.
[138] +Johnston.+ Der Kilima-Ndscharo. S. 409.
[139] +Zöller.+ Forschungsreisen in Kamerun. Bd. II. S. 86-87.
[140] Ausland 1858. S. 261.
[141] +Mouat.+ _Adventures and researches among the Andaman islanders._ S. 284.
[142] Charakteristisch, ja typisch und ungemein drollig ist die Geschichte seines Rückfalles ins Negertum, wie Dr. +Max Buchner+ sie erzählt: „Als er noch nicht zwanzig Jahre alt, von Bristol zurückkam, hatte er auf dem Kopf einen schwarzen Cylinderhut, am Halse zwei Vatermörder und eine schwarze Kravatte, auf dem Leibe aber einen strenggläubigen schwarzen Anzug, an den Füssen gewichste Stiefel. Selbst ein Veloziped soll er damals besessen und hie und da kunstgerecht getummelt haben. Sogleich auch liess er sich von den Missionären ein eheliches Weib, eine untadelhafte Negerlady, kirchlich antrauen. Es dauerte nicht lange, da spotteten seine Kameraden, dass ein so hoher Jüngling wie Manga doch unmöglich mit einer einzigen Gattin auskommen könne, und siehe, er nahm eine zweite. Kirchlich konnte er sich diese allerdings nicht mehr antrauen lassen, er nahm sie aber doch, und zugleich zog er für immer die Stiefel aus. Bald folgte eine dritte, und die Vatermörder nebst der schwarzen Halsbinde schwanden dahin. Eine vierte kam und mit ihr gingen Frack und Hose. Heute hat Manga Bell ungefähr zwanzig Weiber und geht wieder ebenso nackt oder halbnackt wie sein Vater.“ (M. +Buchner+. Kamerun. Skizzen und Betrachtungen. Leipzig, 1887. S. 49).
[143] +Peschel.+ Völkerkunde. S. 176.
[144] +Thomson.+ Durch Massailand. S. 435.
[145] Verhdlgen. d. Berl. Gesellsch. f. Anthropologie. 1880. S. 88.
[146] Lib. II Samuelis. Cap. 16. V. 22.
[147] Dr. H. +Ploss+. Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. Anthropologische Studien. Leipzig, 1885. Bd. I. S. 224.
[148] +G. A. Wilken.+ _Over de Verwantschap en het Huwelijks-en Erfrecht by de volken van den indischen Archipel._ Leiden, 1883. S. 7.
[149] +Mouat.+ _Adventures and researches among the Andaman Islanders._ S. 294.
[150] +Carus Sterne.+ Die Krone der Schöpfung. S. 101.
[151] _Ludwig Büchner._ Thatsachen und Theorieen aus dem naturwissenschaftlichen Leben der Gegenwart. Berlin, 1887. S. 216-217.
[152] +J. Kubary.+ Die Bewohner der Mortlock-Inseln, in den Mitteil. der geographischen Gesellschaft in Hamburg. 1878-79. S. 252.
[153] +Petermanns.+ Geographische Mitteilungen. 1857. S. 138.
[154] +Gräfin Pauline Nostitz.+ Reisen in Vorderasien und Indien. Leipzig, 1873. Bd. II. S. 13.
[155] Dr. +Jak. Ed. Polak+. Persien. Das Land und seine Bewohner. Leipzig, 1865. Bd. I. S. 160.
[156] A. a. O. S. 224.
[157] _Quelle femme du monde ne rougirait, si elle était surprise +chez elle+ décolletée comme elle se montre au bal?_ sagt +A. de Quatrefages+ in der _Revue d'anthropologie_. 1872. S. 209.
[158] +Zöller.+ Forschungsreisen in Kamerun. Bd. I. S. 16.
[159] +Peschel.+ Völkerkunde. S. 176.
VII.
Kuss und Liebe.
Es ist ganz unerlässlich für den Gang der späteren Auseinandersetzungen, zuvor noch einige Punkte zu erörtern, die wie die Schamhaftigkeit mit dem Geschlechtsleben der Völker und dem Gegenstande unserer Untersuchungen in augenscheinlichem Zusammenhange stehen. Der vornehmste dieser Punkte betrifft jenes Gefühl, welches der europäische Kulturmensch als +Liebe+ empfindet. Über dieses müssen wir uns zunächst verständigen. Forscht man vom ethischen Standpunkte nach dem wirklichen Wesen der Liebe, so trifft man schon bei +Aristoteles+ die Auslegung: „Lieben ist, dass wir für jemand das wollen, was er für gut hält und zwar seinetwegen, nicht unsertwegen.“[160] Der uns bedeutend näher gerückte +Leibniz+ erklärt die Liebe als „die Empfänglichkeit für die eigene Freude an der Vollkommenheit, dem Wohl oder Glück des geliebten Gegenstandes.“[161] Den in diesen Sätzen verkappten Egoismus, der darin besteht, dass jene fremde Lust doch schliesslich nur Ziel und Ursache unserer eigenen Lust ist, bringt +Spinoza+ sehr richtig, aber nur nicht scharf genug zum Ausdruck, indem er die Liebe „als eigene Lust, begleitet von der Vorstellung der diese Lust bewirkenden Ursache“ betrachtet. Dies gilt wohl von allen Arten von Liebe, der Freundes-, Kinder-, Eltern- und Geschlechtsliebe. Letztere, die uns hier allein angeht, darf man insbesondere, alles in allem genommen, wohl mit +Karl Bleibtreu+ bezeichnen als: „das Gefühl, die Sinnlichkeit bis zur Aufopferung derselben auf ein Einzelwesen zu übertragen.“[162] Aber Liebe ist nicht bloss Sache des Gefühls, sondern sie wohnt auch auf dem tiefsten Grunde des Willens. Liebe heisst: nicht sich selbst wollen. Liebe ist Selbstverleugnung und dadurch der gerade Gegensatz der Selbstsucht, vom Lebensprinzip des Egoismus aus betrachtet, auf welchem doch schliesslich alles menschliche Thun und Lassen beruht, also ein +anormaler Zustand+, freilich nur scheinbar; denn obwohl diese Liebe sich dem andern völlig unterordnet, weshalb auch Mitleid und Bewunderung so mächtige Nährgefühle derselben sind; obwohl sie sich völlig vergisst über dem Du und auch nicht zerstört wird durch das Leid, das etwa der Liebende vom Geliebten erfährt; obwohl sie nicht der Rausch der Sinne, sondern die ruhige Entschlossenheit der Seele ist, woran der Geist einen sehr hervorragenden Anteil hat: so ist die Liebe, unbestreitbar die höchste menschliche Leidenschaft, welche der Ansporn zu allem Schönen und Hässlichen im moralischen Sinne des Wortes werden kann, doch sich augenscheinlich Selbstzweck und Selbstlust und erwägt den Fortpflanzungstrieb erst in zweiter Linie, welcher, wie schon früher betont, mit der fleischlichen Begierde und gar +mit der Liebe+ gar nichts zu thun haben braucht; denn es unterliegt keinem Zweifel, dass es einer solchen psychischen Regung wenigstens seitens des weiblichen Teiles für die Fortpflanzung des Geschlechtes gar nicht bedarf.[163] So sehr indes sinnliche Begierde und Liebe an sich auseinander zu halten sind, so haben sie doch einen gemeinsamen Berührungspunkt darin, dass +ohne sinnliche Beimischung Liebe durchschnittlich kaum denkbar ist+. Wie krystallhell die Quelle, wie rein ihr Wesen auch sei, immer strebt doch die Liebe nach dem nämlichen groben Endzweck.[164] Jedes Wesen fühlt wohl das Lieben als eine Notdurft der Natur, aber erst durch Beimischung des sinnlichen Elements erhält das Liebebedürfnis jene bittere Schärfe, welche den ganzen Organismus durchzittert. Die Sinnlichkeit selbst und insbesondere +der Gattungstrieb ist aber darum weder Liebe, noch hat er bestimmenden Einfluss darauf+. Er ist bloss, wie schon +Hyrtl+ vor mehr denn dreissig Jahren bemerkte, veredelbar durch die Dazwischenkunft des Geistigen, und das ist die Liebe. Sehr richtig sagt ein scharfsinniger Schilderer menschlicher Leidenschaften, +Leopold von Sacher-Masoch+: „Von der Sinnlichkeit geht jede noch so tiefe Neigung aus, ohne sie giebt es keine Liebe, kein Glück, -- +aber es darf nicht dabei bleiben+.“[165]