Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung

Part 7

Chapter 73,388 wordsPublic domain

Aus dem Gesagten erhellt, dass wenn man vielleicht mit „Schamlosigkeit“ den Mangel an Keuschheit, Sittsamkeit und Schamgefühl zusammenfassend bezeichnen darf, doch nur für letzteres, nicht auch für Anstand und Züchtigkeit, +in der grösseren oder geringeren Entblössung des Körpers ein Massstab+ zu suchen ist. Nur die Vermengung dieser verschiedenen Begriffe verleiht dem Schamgefühl eine viel grössere Ausdehnung, als ihm thatsächlich zukommt. Auf verschiedenen Stufen und unter verschiedenen Gestalten ist das Schamgefühl fast unter allen Wilden zu finden, sagt +A. de Quatrefages+.[63] Und erst unlängst verkündete auch ein deutscher Gelehrter wieder: „Das Schamgefühl ist allgemein in der heutigen Menschheit; wo es aber zu fehlen scheint, ist sein Mangel ein zufälliger oder vorübergehender Zustand.“[64] Das ist nun freilich ein weiter Sack, in den man bequem die ganze Unzahl von Beispielen des Gegenteiles stecken kann. Man sollte aber nicht als wissenschaftliches Ergebnis einführen, was bloss persönliche Ansicht sein kann; denn der Zeugnisse moderner Beobachter für einen völligen Mangel des Schamgefühls, der weder zufällig noch vorübergehend ist, sind zu viele, um sie so kurz von der Hand weisen zu dürfen. Weder für die Zufälligkeit, noch für den bloss vorübergehenden Charakter dieses Mangels ist auch nur der entfernteste Beweis zu erbringen, und so muss es denn wohl bis auf weiteres unerschüttert stehen bleiben, dass es wirklich schamlose Völker giebt, Völker, bei welchen keine Spur von Schamhaftigkeit vorhanden ist. Der grosse italienische Anthropologe +Paul Mantegazza+ hat daher, diesen Thatsachen Rechnung tragend, den sehr vernünftigen Vorschlag gemacht, die Völker -- stillschweigend will ich hinzudenken: die Menschen aller Völker -- in +schamlose+, +halbschamhafte+ und +schamhafte+ einzuteilen, um damit in groben Umrissen eine aufsteigende Stufenfolge von Null bis zu einem äusserst hohen Grade schamhafter Anforderungen zu bezeichnen[65] -- zweifelsohne ein weit wissenschaftlicheres Vorgehen, als die oben besprochene Verallgemeinerung.

Die Entblössung zum Massstabe nehmend, verweist man wohl mit Recht in die unterste Klasse der Schamlosen alle jene Stämme, welche im Zustande +völliger Nacktheit+ lebten oder noch leben. Auf diese Liste gehören die Guantschen, d. h. die ausgestorbenen, angeblich halbgesitteten Bewohner der Kanarischen Inseln, desgleichen, nach den Beschreibungen der ersten spanischen Entdecker, die dahingeschwundenen Bewohner der Bahamainseln, der Kleinen Antillen, sowie eine Anzahl von Küstenstämmen des heutigen Venezuela und Guyana.[66] In letzterem Lande fand noch +Alexander von Humboldt+ die meisten Völkerschaften, selbst solche mit schon ziemlich entwickelten Geisteskräften, so nackt, so arm, so schmucklos, wie die Neuholländer. Bei der ungeheuren Hitze, beim starken Schweiss, der den Körper den ganzen Tag über und zum Teil auch bei der Nacht bedeckt, ist jede Bekleidung unerträglich. Die Putzsachen, namentlich die Federbüsche, werden nur bei Tanz und Festlichkeiten gebraucht.[67] Vor hundert Jahren beobachtete +G. T. Marlier+ die brasilischen Puri in völliger Nacktheit, und in solcher ergehen sich heute noch die Trumai und Suya am Schingu, welche Dr. +Karl von den Steinen+ erst 1884 besucht hat.[68] Desgleichen die Engeräckmung oder Botokuden sowie die Pescheräh auf Feuerland. Zu +Cooks+ Zeiten gingen bei vielen Australierstämmen beide Geschlechter ganz nackt, und einige sind auch heute noch kaum weiter gekommen. So nach +John Forrest+ die Westaustralier, die doch von der Witterung viel zu leiden haben.[69] Am Kap York in Nordaustralien gehen nach +Frank Jardine+ wenigstens die Männer völlig entblösst, die Frauen mit einem blossen Laubgürtel, in den sie vorn ein paar Palmblätter einfügen.[70] Dr. +Adolf Bernhard Meyer+ fand bei seiner Bereisung Neuguineas an der Geelvinksbai ebenfalls Stämme, die Tarungareh, welche „ganz und gar nackt gehen, ohne jede, auch die geringste Bekleidung“.[71] +Cañamaque+ sprach den philippinischen Tagalen alles Schamgefühl ab: „Männer wie Weiber, besonders in der Provinz, lassen sich splitternackt erblicken, ohne die geringste Verlegenheit zu zeigen.“[72] Ganz ähnlich benehmen sich die Mincopies auf den Andamanen.[73] Afrika ist nicht minder reich an solchen Beispielen. Splitternackt sind nicht bloss die Buschmänner im Süden des schwarzen Erdteils, sondern auch die sanftmütigen Adiye oder Bubi auf der Insel Fernando Po. +David Livingstone+ fand die Bawe am Sambesi, Sir +Samuel White Baker+ etliche Stämme am Weissen Nil, wie die Latuka, ganz nackt, und das nämliche bestätigt +Georg Schweinfurth+ für die Schilluk, Nuer und Dinka, +John Petherik+ für die Dschangar. Von den ostafrikanischen Wataweta, die erst jetzt bekannt werden, sagt einer ihrer Erforscher, +H. H. Johnston+: „Beide Geschlechter entbehren jedes Begriffs und jeder Vorstellung von Scham. Die Männer besonders sind sich völlig unbewusst, dass Nacktheit unschicklich sei.“[74] Auch den Wadschagga schreibt dieser Forscher „fast tierische Unbewusstheit des Schamgefühls“ zu.[75] Ja, die Neukaledonierinnen gehen soweit, dass sie Abortus treiben, geradezu aus Buhlkunst, nämlich um das Welken von Reizen zu verhüten, welche die Schamhaftigkeit der Europäerinnen sorgfältig verbirgt, sie aber der Öffentlichkeit preisgeben.[76] Bei allen diesen Menschen ist die Nacktheit +buchstäblich+ zu nehmen.

In die Klasse von +Mantegazzas+ halbschamhaften Völkern darf man vielleicht die grosse Reihe jener einstellen, bei welchen der aufkeimende Instinkt des Schamgefühls das vormannbare Alter noch nicht einschliesst. Viele Menschenstämme legen nämlich die Bedeckung erst mit der Altersreife an, lassen also die Kinder, Knaben wie Mädchen, bis zur Pubertät noch völlig nackt. Diese Sitte findet sich bei den Aschira in Westafrika, den Gamergu im mittleren Sudan, den Chaymas in Mittelamerika, den Neuhebrideninsulanern und vielen andern. Als ich in den sechziger Jahren die ungarische Tiefebene durchritt, war der Anblick völlig nackter Zigeunerkinder, darunter selbst halbwüchsiger Mädchen mit bronzefarbener Haut, durchaus keine Seltenheit. Ägyptische Bildwerke, die Häuslichkeit der Pharaonen darstellend, zeigen selbst die Prinzessinnen im Königshause bis zu jenem Lebensalter noch gänzlich unbekleidet. Diese Sitte reicht, Knaben und Mädchen umfassend, sehr allgemein noch in ziemlich hohe Epochen herauf. Viele Stämme lassen endlich die Mädchen unbekleidet, und zwar bis zur Verheiratung, andere dagegen bloss die verheirateten Frauen, die Mädchen nicht. Letzterer Fall ist allerdings der weit seltenere, doch huldigen einige Afrikaner auch diesem Gebrauche. Bei manchen Völkerschaften geht nur eines der Geschlechter, ohne Rücksicht auf Alter und Stand, bekleidet, das andere gar nicht. Die Männer der Dinka z. B. sind geradezu stolz auf ihre Nacktheit; sie erachten Kleidung für entehrend und als eine ausschliessliche Sache der Weiber, daher sie den Reisenden +Georg Schweinfurth+ ironisch bloss „das Weib der Türken“ nannten.[77] Ich möchte es dahingestellt sein lassen, ob diese Völker überhaupt schon zu den Halbschamhaften gerechnet zu werden verdienen.

Die Halbschamhaftigkeit reicht übrigens bis zu ganz ansehnlicher Kulturhöhe hinauf. Bildhauereien auf alten indischen Tempeln beweisen deutlich, dass ein Volk bis zu einer bedeutenden Gesittungsstufe sich erheben und deshalb füglich nicht mehr zu den Schamlosen gezählt werden kann, ohne dabei die leiseste Notwendigkeit einer Bekleidung einzusehen. Dies ist aber der Fall bei den Frauen, die dem predigenden Buddha lauschen, und selbst Buddhas Weib, sowie seine Mutter, Maya, werden in der Regel nackt dargestellt. +Fergusson+ behauptet sogar, dass bis zur muhammedanischen Eroberung in Indien Nacktheit durchaus nicht das Anstandsgefühl verletzt habe.[78] Jedenfalls duldet dasselbe auch heute noch in Benares, gelegentlich auch sonst in Hindustan bis nach Assam, den Anblick der scheusslichen Aghori oder Aghorpunts, einer Sekte, deren Mitglieder, splitternackte Zweifüssler, den cynischen Ausdruck des menschlichen Pessimismus darstellen.[79]

Es ist vielleicht hier der Hinweis am Platze, dass auch die längst gut bekleideten klassischen Alten in ihren Bildwerken eine auffallende Schaustellung des Nackten übten, was gewiss nicht sein könnte, hätte nicht wirklich das Nackte noch in ihre Gesittung hineingeragt, wäre ihr Schamgefühl so ausgebildet gewesen als das unserige. Ich rede nicht von so archaistischen Darstellungen wie jene der behelmten, sonst aber ganz nackten Äginatenkrieger, denn sie stammen aus einer Zeit, in welcher man trotz der schon erreichten Kunsthöhe die hellenische Gesittung noch als keine beträchtliche sich denken darf. Ich rede auch nicht davon, dass viele, ja die meisten Götterstandbilder der Griechen und auch der Römer in geringerem oder grösserem Masse der Bekleidung entbehren;[80] denn diese Bildnisse knüpfen an uralte, barbarische Vorstellungen an, welche der Kult für lange Zeiten befestigt hat, wie ja auch das christliche Kruzifix uns heute noch den entblössten Leib des Erlösers zeigt, ohne Anstoss zu erregen.[81] Ungemein kennzeichnend ist dagegen die augenscheinliche Freude am Nackten, welche die weit fortgeschrittenere und uns viel näher gerückte römische Kaiserzeit in Dingen bekundet, wo unser heutiges Schamgefühl das Nackte geradezu ausschliesst. Wie wäre ohne geringere Feinfühligkeit in dieser Hinsicht es sonst zu erklären, dass die auf uns gekommenen Standbilder so vieler hervorragender Persönlichkeiten dieselben gewandlos zeigen? Die nackten Kaiser+büsten+ mag man allenfalls hingehen lassen, es am Ende auch noch begreiflich finden, wenn unter die Götter versetzte Imperatoren in +dieser+ Eigenschaft nackt erscheinen.[82] Zahlreiche Standbilder gefallen sich aber in halben oder ganzen Entblössungen ohne jeglichen für unser heutiges Empfinden ersichtlichen Grund. Germanikus ging zu seinen Lebzeiten gewiss nicht so halbnackt einher, wie ihn sowohl die zu Frascati, als die 1792 in den Ruinen der Basilika von Gabii ausgegrabene Statue (jetzt im Louvre) zeigt; auch Augustus, Claudius und Nero nicht, wie sie, zum Teil in sitzender Stellung, in den Museen von Neapel, des Louvre und des Vatikans zu schauen sind. In ähnlicher, unbegründeter Halbnacktheit sitzt der ehrwürdige Kaiser Nerva und steht der mit Eichenlaub bekränzte Antoninus im Vatikan. Allein nicht genug daran, auch im „heroischen Kostüm“ wurden die Herrscher verewigt. Dieses heroische Kostüm bestand darin, gar keines zu sein. Ein solches „trägt“ z. B. der zu Otricoli gefundene Caligula, welchen eine andere Statue (im Palast Farnese zu Rom) ebenfalls nackt, bloss einen nichts verhüllenden Mantel über die Achsel geworfen, gar aufs Pferd setzt! Im Palaste Grimaldi zu Venedig befindet sich eine ähnliche „heroische“ Statue des Agrippa, und auf dem Kapitol zu Rom sieht man das zu Ceprano aufgefundene Standbild des Kaisers Hadrian, bloss mit Helm und kurzem Armschild bekleidet, weiter nichts. Sein Adoptivsohn L. Aelius Verus steht im Louvremuseum in fröhlicher Nacktheit, und noch geringere Ansprüche verrät der die Viktoria tragende Lucius Verus der Jüngere im _Braccio nuovo_ des Vatikans. Was er etwa an Gewandung besass, hat er sorgsam zur Seite gelegt und buchstäblich splitternackt trägt Marc Aurels Schwiegersohn die -- ein seltsamer Kontrast -- von wallenden Gewändern umflossene Viktoria. Am drastischsten wirkt aber wohl das Standbild des Königs Ptolemäos auf dem Kapitol, welches diesen Herrscher im vollkommensten Naturzustande vorführt. Diese Beispiele könnte ich noch sehr beträchtlich vermehren. Die mitgeteilte Blumenlese genügt indes, den Geist der damaligen Zeit zu kennzeichnen. Erwägt man, dass alle diese Standbilder der Öffentlichkeit preisgegeben waren, so muss man annehmen, dass deren Anblick das Schamgefühl der in Toga und Tunika einherschreitenden Römer und Römerinnen nicht sonderlich verletzt habe. Die Römer der Kaiserzeit waren nun gewiss ein schon hohes Kulturvolk; dass aber neben den vielen Bildsäulen der Imperatoren, welche diese im vollen Schmucke ihrer Amtstracht zeigen, so zahlreiche Abbildungen sie auch in einem Zustande verherrlichen konnten, der dem sittlichen Geschmacke einer schon sehr bald darauf folgenden Epoche nicht mehr entsprach, berechtigt uns gewiss, sie trotz ihrer Gesittungshöhe nur zu den Halbschamhaften zu zählen.

Zu den letzteren gehören auch eine Menge von Stämmen, um welche die europäische Gesittung der Gegenwart wirbt und die ihr erst zum Teil gewonnen sind. Auf mehreren Südseeinseln haben die christlichen Missionäre den Frauen und Mädchen ein kurzes, bis zum Nabel reichendes Busenhemdchen, „Pinnafore“, aufgenötigt; doch machen diese meist nur in der Kirche damit Staat, sonst tragen sie diese Hemdchen fast immer, aus den lästigen Ärmeln geschlüpft, über die Schultern zurückgeworfen. Selbst auf Hawaii, wo doch schon europäische Kleidung üblich ist, wird auch bei den Vornehmen zu Hause schnell alles ausgezogen, um frei und nackt sich es so viel wie möglich bequem zu machen und von dem erlittenen Zwange gehörig auszuschnaufen. Die dortigen Damen aber, die Kanakinnen, obwohl sie mit den europäischen Kulturformen schon vertraut sind, legen sogar von ihren in der That staunenswerten Schwimmkünsten den Vorübergehenden alltäglich die bereitwilligsten Proben ab, wobei diese bronzenen Aphroditen, völlig nackt, um die Preisgebung ihrer Reize sich wenig besorgt zeigen -- wie +Max Buchner+ berichtet, bei dem man eine gelungene Schilderung dieser in unseren Augen wenig schicklichen Schwimmvergnügungen nachlesen kann.[83] Selbst einem so hochgestiegenen Volke wie die Japaner ist das gemeinsame Baden beider Geschlechter[84] in geschlossenem Raume sowie im Freien erst neuerlich von den Behörden untersagt worden. Das Gleiche beobachtet man bei den spanisch-indianischen Mischlingen, welche dermalen den Grundstock der zivilisierten Bevölkerung in den Freistaaten Südamerikas ausmachen. Bezüglich der Cholos in Ekuador wurde der moderne Reisende +Hugo Zöller+ mehrfach darauf aufmerksam gemacht, „wie sich Männer und Weiber gemeinschaftlich mit einer Unverfrorenheit im Flusse herumtummelten, die selbst den naiven Südseeinsulanern fremd ist.“[85] Von den schon im Alltagsleben nach europäischen Begriffen nicht sehr züchtig gekleideten Paraguitinnen erzählt ein Berichterstatter aus der Zeit des grossen Krieges von 1864-1870: „Die Weiber wuschen die wenigen Kleidungsstücke, welche sie noch besassen, häufig. Viele hatten nur noch einen Anzug, und während sie diesen auf dem Grase zum Trocknen ausbreiteten, standen sie selbst in adamitischem Kostüme dabei und rauchten ihre Zigarren.“[86] Und +Mantegazza+ erzählt bestätigend: „Auf meiner Reise in Paraguay habe ich in den Strassen der Hauptstadt Kinder beiderlei Geschlechts nackend gesehen, und in einem Dorfe sah ich ein schon mannbares Mädchen nackt wie Eva, die, ohne sich im geringsten zu schämen, einem meiner Begleiter Feuer gab, um seine Zigarre anzuzünden.“[87] In der argentinischen Stadt Mendoza baden die spanischen Damen jeden Morgen und Abend völlig nackt und gemeinsam mit den Herren in einem Bache, welcher der „Alameda“, dem öffentlichen Spaziergange, entlang fliesst. Dazu kann ich Seitenstücke sogar aus Europa anführen. Ausserhalb der Stadt Jassy tummeln sich in den Fluten des Bahlu neben Pferden und Ochsen jüdische Knäblein und Mägdlein, weiterhin Männer und Weiber Israels, alle in unverfälschtem Adamskostüm und nicht die geringste Notiz von dem verblüfft dastehenden Fremden nehmend.[88] Auch in Russland, längs den Flüssen, in den Städten und Dörfern am Don und an der Wolga ist es nichts Seltenes, namentlich am Samstag, Mädchen oder Frauen ohne jegliche Bekleidung sich scharenweise an wenig abgelegenen Orten, mitunter sogar unter den begangensten Brücken, baden zu sehen.[89] Ebensowenig lässt das Innere einer finnischen „Badstube“ im entferntesten eine schamhafte Scheu der beiden Geschlechter erkennen,[90] ja selbst vor der Badstube, im Freien, sitzen, wie die photographischen Aufnahmen beweisen, die streng protestantischen Leute in starker Entblössung. Auch ein rein germanischer Stamm, die christliche, des Lesens durchweg kundige Bevölkerung Islands, ist noch nicht bis zu der Erkenntnis gelangt, welche die biblischen Eltern des Menschengeschlechts schon in Eden sich erwarben, denn sie ziehen sich vor dem Schlafengehen, um die Kleider zu ersparen, splitternackt aus.[91]

Bei den ganz schamhaften Völkern, obenan bei den gesitteten Nationen Europas, hat sich die Schamhaftigkeit vornehmlich in der Kleidung befestigt, welche in den gebildeten Ständen den Körper bis auf Antlitz und Hände vollkommen verbirgt, während die nackten Füsse der Gassenjungen oder mancher ländlichen Bevölkerung schon an die Grenze des Geduldeten streifen. Jede weitere Entblössung des Körpers verbietet unser Schamgefühl, völlige Nacktheit aber fällt unter das Strafgesetz.[92] Da die Weissen Europas auch die klimatisch weniger begünstigten Erdräume innehaben, so hat bei ihnen das Schutzbedürfnis die Bekleidung naturgemäss gefördert, und die in unserem Erdteile nachweislich seit der sogenannten „Rentierzeit“ andauernde und zunehmende Entwöhnung an den Anblick des Nackten hat sehr wahrscheinlich unendlich viel zur Ausbildung dieser schamhaften Scheu vor ungewohnter Entblössung beigetragen. „Nackte oder kaum bekleidete Menschen zu sehen,“ sagt der vielgewanderte Dr. +Otto Kuntze+, „fällt ja einem Weltreisenden nicht besonders auf, aber es ist mit solchen Erscheinungen stets der Eindruck eines rohen Naturzustandes oder von Hässlichkeit verbunden.“[93] Gleichwohl bleibt es wahr, dass selbst europäische Augen von der Nacktheit dunkelfarbiger Völker nicht beleidigt werden, während sie bei Weissen meist anstössig erscheint. „Sie sind so schwarz, man bemerkt es ja kaum, dass sie nackt sind,“ sagte eine Dame zu +Hugo Zöller+ von den Negern in Dakar.[94]

Gewiss ist es nun von hohem Interesse, den ersten Regungen des eine so grosse Stufenleiter durchlaufenden Schamgefühles nachzuspüren. +Peschel+ warnt aus diesem Anlasse vor der Annahme, dass sich dasselbe früher beim weiblichen Geschlecht rege, als beim männlichen, weil die Zahl solcher Menschenstämme, bei denen die Männer allein sich bekleiden, keine unbeträchtliche sei.[95] In der That lassen sich dafür viele Beispiele anführen. Am Orinoko klagten die Missionäre unserm +Alexander von Humboldt+, dass Scham und Gefühl für das Anständige bei den jungen Mädchen nicht viel entwickelter seien, als bei den Männern,[96] und +Cristobal Colon+ fand bei seiner Ankunft auf Trinidad die dortigen Frauen in völliger Nacktheit, während die Männer den „Guayuco“, eine Art schmalen Lendenstreifens, trugen. Bei den Obbonegern, nordöstlich vom Ausflusse des Nil aus dem Albertsee, besteht die Bedeckung der Frauen in einem Laubbüschel, während die Männer einen Fellschurz tragen. Die völlige Nacktheit der im schönsten Ebenmasse gebauten Longofrauen bei Foweira am oberen Nil bezeugt Dr. +R. W. Felkin+.[97] In Rohl darf ausser den arabischen Frauen kein Weib irgend ein Kleidungsstück anlegen.[98] In dem merkwürdigen Staate der Monbuttu am Uelle bedecken sich die Männer mit einem Gewande aus Baumrinde, das von der Brust bis auf die Knie reicht, ihre Frauen dagegen befestigen bloss ein handgrosses Stück Bananenlaub an der Lendenschnur. Ausserordentliche Strenge in Bezug auf sittsame Kleidung fand +Speke+ am Hofe Mtesas,[99] des Königs von Uganda, welcher mit dem Tode jeden Mann bestrafte, der in seiner Gegenwart auch nur auf Zollbreite sein Bein unbedeckt liess, während doch gleichzeitig völlig nackte Frauen Kammerdienste verrichten mussten. Der arabische Reisende +Ibn Batuta+ versichert, dass dem Könige des Mandingoreiches von Melli Frauen, selbst Prinzessinnen, nur unbekleidet nahen durften. Dies war freilich in der Zeit unseres Mittelalters, aber auch in unseren Tagen empfing die Königin der südafrikanischen Balonda den Missionär +Livingstone+ im Zustande völliger Nacktheit, und nicht anders erschienen die Frauen der benachbarten Kissama bei Festlichkeiten.[100] In der centralafrikanischen Stadt Lari gehen nach +Denham+ und +Clapperton+ die Weiber gleichfalls splitternackt, obwohl die Bewohner eher Barbaren als Wilde sind. Bei den Heidenstämmen im Süden von Bagirmi sind die Männer mit dem einfachen Felle einer Ziege oder Gazelle um die Hüften bekleidet, die Weiber eigentlich gar nicht.[101] Die Männer der Tschumbuka und Tscheva im südlichen Afrika tragen einen aus Bast selbstverfertigten Schurz, die sonst sehr keuschen Frauen aber gehen meist völlig nackt und nehmen jeden Vorwurf darüber wie eine Beleidigung auf.[102]

Auch bei den Apingi Westafrikas gehört Schamhaftigkeit zu den geringsten Schwächen des schönen Geschlechts, denn als die Königin, ein noch junges Weib, dem Reisenden +Duchaillu+ einen Besuch machte und er ihr aus Erbarmen über ihre dürftige Bedeckung -- zwei an den Hüften herabhängende Stückchen Zeug von Sacktuchformat -- ein Stück Kaliko schenkte, war sie so vergnügt über diese Gabe, dass sie in seiner Gegenwart auch das wenige noch ablegte, was sie besass, um ihre Garderobe zu wechseln.[103] Die Weiber der Maravaneger in Mittelafrika befestigen eine vier Finger breite Schürze vorn am Gürtel nebst zwei kleinen Läppchen an den Hüften, und auch diese luftige Gewandung entfernen sie, so oft sie sich gegen Ungeziefer wehren, mag sich dabei befinden, wer da will.[104] Der britische Reisende +Joseph Thomson+ sah sich bei den Wakawirondo in Ostafrika von einer Schar unbekleideter Dämchen umgeben, deren einzige Tracht und Schmuck lediglich in einer Perlenschnur bestand.[105] Der französische Reisende +Mage+ traf zu Kita im Innern Senegambiens einen Marabut aus Wallata. Seine Tochter, ein grosses schönes Mädchen von siebzehn Jahren, ging völlig unbekleidet, denn einen drei Finger breiten Streifen von Baumwolle kann man doch eben so wenig als Kleidung bezeichnen, wie einen Gürtel von Glasperlen. „Als ich dem Marabut einige Bemerkungen darüber machte,“ erzählt +Mage+, „entgegnete er, das sei bei ihm zu Lande so der Brauch und altes Herkommen. Und in der That erinnerte ich mich, dass ich die Tochter Bakaos, des Königs der Duaïsch-Mauren, in ähnlicher Evakleidung gesehen hatte; nur war sie noch mehr Eva als die Tochter des Marabut, und eben so wenig wie diese verlegen.“[106]

Die Südseeinsulanerinnen entkleiden sich ohne jede Ziererei und schwimmen den ankommenden Schiffen in vollkommen paradiesischem Zustande entgegen.[107] „Es ist beinahe keine unanständige Stellung zu denken,“ sagt +G. H. von Langsdorff+, „die sie uns nicht zum besten gegeben hätten.“[108] Auf Tahiti machten noch nach der Christianisierung der Insel die Damen ihre geheimste Toilette am seichten Meeresstrande und mit Vorliebe an solchen Plätzen, wo zahlreiche Fremde vorübergingen.[109] In früheren Zeiten war es noch schlimmer. Die Frauen entblössten sich vom Gürtel abwärts aus reiner Höflichkeit, wie +Cook+ versichert, welcher auch berichtet, wie eine junge tahitische Prinzessin verlangte, sich durch den Augenschein zu überzeugen, ob die Europäer eben so gebaut seien, wie die Männer ihres Landes. Das Nämliche geschah dem französischen Reisenden +Joseph Halevy+ in der südarabischen Stadt Scheub, wo die Weiber ganz ernstlich sein Geschlecht untersuchten,[110] und von allen Dingen, die einem in Westafrika zugemutet werden, klagt +Hugo Zöller+, sind ihm wenige so schwer geworden, als sich vom Kopf bis zum Fusse umkleiden zu müssen vor den Augen einiger Dutzend unverschämter und unzüchtiger Weiber und Mädchen, die gerade darauf zu lauern pflegten.[111]