Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung

Part 6

Chapter 63,160 wordsPublic domain

Wir nehmen nun die Bibel zur Hand, die einzige Quelle alles Wissens der Gläubigen über die Urzeit. Es ist wohl unnötig zu betonen, dass wer nicht mit vorgefassten Meinungen an dieses Buch herantritt, in demselben eine der denkwürdigsten Geschichtsurkunden der Welt zu verehren hat. Mehr kann man darin nicht erblicken, seitdem Bibelforschung und Textkritik die verschiedenen Quellen aufgedeckt haben, aus welchen die Verfasser schöpften, und erwiesen ist, dass, was den hier allein in Betracht kommenden Pentateuch, d. h. die fünf Bücher Mosis anbelangt, die Schlussredaktion erst zur Zeit des Esra geschehen und der Redaktor nur in dem Kreise der in Babylonien lebenden Schriftgelehrten gesucht werden kann, zu welchen auch Esra als einer der berühmtesten, wenn nicht der berühmteste zählte.[47] Es liegt mir natürlich ferne, diese Ergebnisse strengster Forschung des weiteren hier zu verfolgen. Unerlässlich däucht mir aber der Hinweis, dass schon in Kapitel 1 und 2 der Genesis zwei völlig verschiedene und mit einander nicht zu vereinbarende Schöpfungsberichte vorliegen, von welchen das erste Kapitel, dem der sogenannte Priesterkodex zu Grunde liegt, eine kosmogonische Theorie geben will,[48] während die jahwistische Erzählung im zweiten und auch dritten Kapitel durch Abwesenheit jeglichen rationellen Erklärungsstrebens, durch die Verachtung jeglicher kosmologischer Spekulation glänzt.[49] Ich lege indes auf diese Widersprüche hier kein Gewicht; es genügt vollständig festzustellen, dass aus der biblischen Erzählung über den Urzustand des Menschen sich so gut wie gar nichts herauslesen lässt. Wir erfahren bloss, dass der Mensch im Garten Eden lebte, die Sprache besass und nackend war, wessen er sich nicht schämte. Nichts hören wir davon, dass er ein Obdach oder ein Werkzeug besessen; in seiner Nahrung war er auf die Früchte der Bäume angewiesen. Von Gottesverehrung, Religion, keine Spur; nur Scham lernen wir als erste Empfindung des Menschen kennen, als er vom Baum des Erkenntnisses gegessen, dann Furcht, als er sich entdeckt sieht. So weit ist also der biblische Urmensch von jenem der wissenschaftlichen Vermutung nicht entfernt. Der fernere Verlauf der biblischen Erzählung ist eben so arm an bestimmten Angaben. Nirgends steht von einer ursprünglichen Vollkommenheit geschrieben, höchstens tierische Glückseligkeit lässt im Paradiese sich vermuten, im Gegensatze zu dem Lose, welches den Menschen nach seiner Vertreibung trifft. Auch ist mit Gut und Böse, wie es in Genesis 2 und 3 gemeint ist, keine +Entgegensetzung der Handlungen+ nach ihren sittlichen Unterschieden beabsichtigt, sondern eine +Zusammenfassung der Dinge+ nach ihren zwei polaren Eigenschaften, wonach sie den Menschen interessieren, ihm nützen oder schaden; denn nicht was die Dinge metaphysisch sind, sondern wozu sie gut sind, will er wissen. Neben dem ausführlichen Ausdruck kommt übrigens, wie +Wellhausen+ hervorhebt, auch der einfache, Erkenntnis schlechthin, vor, und zu beachten ist noch das, dass es nicht heisst: erkennen +das+ Gute und +das+ Böse, sondern: Gutes und Böses.[50] Ohne es irgendwie zu beabsichtigen, hat der jahwistische Darsteller im „Sündenfalle“ einen wichtigen Markstein in der Gesittungsentwicklung seines Urmenschen geschaffen, den auch die moderne Anschauung gelten lassen muss, freilich ohne eines „Sündenfalles“ zu bedürfen. Tief unter der untersten Grenze geschichtlichen Menschentums bewegt sich aber auch nach dem Verlassen des Paradieses der solchergestalt fortgeschrittene Urmensch. Nur die Kleidung trägt er daraus mit, keinen ersichtlichen höheren Gedanken. Auch an ein Leben +nach+ dem Tode kein Gedanke. Unsterblichkeitsglaube existiert für ihn so wenig wie Religion, und wenn die Eiferer sich heftig auflehnen gegen eine religionslose Urzeit, weil +heutzutage+ -- und, füge ich hinzu, wohl auch geschichtlich -- der religionslose Naturmensch ebenso ins Reich der Fabel gehört, wie der sprachlose Urmensch,[51] so steht doch der modernen Anschauung die Bibel +nicht+ im Wege. Auch wir sind der entschiedenen Ansicht, dass der Name „Religion“ selbst noch auf solche Vorstellungen und Gebräuche anzuwenden sei, die allerdings von unserem höheren Standpunkte als düsterer Aberglaube zu bezeichnen sind. Allein es handelt sich nicht darum, wie +Roskoff+ sehr treffend bemerkt, ob religiöse Vorstellungen dem Europäer als Aberglaube erscheinen, sondern ob jene einem Volksstamme als Religion gelten,[52] und in diesem Sinne darf man wohl sagen, dass jedes Volk eine gewisse Religion besitze. Um dies zuzugestehen, müssen wir indes unsere Genügsamkeit in vielen Fällen auf das äusserste Mass herabsetzen, und es ist nur logisch, zu schliessen, dass den urgeschichtlichen Vorgängern dieser Religionsarmen selbst dieses geringste Mass nicht eigen war. Auf die gesellschaftlichen Zustände der ausgetriebenen Ureltern fällt aber gar der schwärzeste Schatten, denn nach Genesis 4 bleibt nichts übrig, als den ersten Menschen und ihre Nachkommen der +Blutschande,+ und zwar begangen mit der eigenen Mutter, zu beschuldigen.[53] Im übrigen leuchtet auch aus der biblischen Erzählung hervor, wie die einzelnen Künste des Lebens erst nach einander erwuchsen in dem langen Zeitraume, der bis zur Sündflut verfloss. Soweit die mosaische Überlieferung, denn nur solche und nicht beglaubigte Geschichte ist es, welche im Pentateuch und den übrigen Schriften bis herab zum Königsbuch redaktionellen Ausdruck gefunden. Unbefangener Prüfung gegenüber hält die Wahrscheinlichkeit dieser Überlieferung, verglichen mit jener der neueren Annahmen über die Urzeit, nicht im entferntesten Stand. Immerhin schien mir der Hinweis von Belang, dass die spärlichen Angaben der Genesis keinen ernsten Widerspruch gegen jene begründen. Nicht zur allergeringsten materiellen oder geistigen Lebenskunst hat der Paradiesesmensch sich erhoben; in nichts, in rein gar nichts äussert sich die göttliche Belehrung oder ausserordentliche Führung, und nichts, auch nicht das Geringste nimmt der Verstossene mit sich, als den Fluch der erzürnten Gottheit. Kurz, der vertriebene Adam der mosaischen Schöpfungssage steht genau an dem nämlichen Punkte wie unser Urmensch, dem kein Paradies geglänzt hat. Was Adam und sein Geschlecht ersonnen und an Kulturschätzen erreicht, es geschah ohne die Erleuchtung des feindseligen Gottes, der erst wieder eingreift, um durch die Sündflut die verderbte Menschheit hinwegzutilgen. So kehrt sich denn genau nicht mehr und auch nicht minder gegen den biblischen Urvater und die Seinen der wohlfeile Spott, welcher „den Urmenschen, dem es einfiel, die Kunst des Feuerzündens und des Kochens, der Tierzähmung und des Ackerbaues zu erfinden, als ein Universal- und Säkulargenie“[54] angesehen wissen will.

[31] +Hellwald.+ Kulturgeschichte in ihrer natürlichen Entwicklung bis zur Gegenwart. Dritte Aufl. Augsburg, 1883. Bd. I. S. 11.

[32] +Lippert.+ Kulturgeschichte. Bd. I. S. 43.

[33] Dr. +Wilhelm Schneider+. Die Naturvölker. Missverständnisse, Missdeutungen und Misshandlungen. Paderborn u. Münster, 1885-86, 2 Bde. Das Buch zeugt von grosser Belesenheit und vielem Sammelfleiss. Auch kann ich nicht umhin einzuräumen, dass der Verfasser meine eigenen Schriften mit augenscheinlicher Bevorzugung gelesen und zu Rate gezogen hat, da ich ganze Stellen aus denselben wiedererkenne und auch meine Quellenangaben reichlich benützt finde. Sind letztere in dem +Schneider+schen Werke also vielfach auch nur aus zweiter Hand geschöpft, so verficht doch der Verfasser, wohl ein katholischer Theologe, seinen Standpunkt mit Energie und in einzelnen Punkten auch nicht ohne Glück. In manchem ist ihm unbedingt beizustimmen, so in fast allem, was die Misshandlungen der Naturvölker betrifft. In anderem wirkt er berichtigend, so dass sein Buch jedenfalls ein belehrendes bleibt und auch von Denkern anderer Färbung als dankenswerte Leistung anerkannt zu werden verdient.

[34] A. a. O. Bd. I. S. 63.

[35] A. a. O. Bd. I. S. 61.

[36] Zeitschrift für Ethnologie. Berlin, 1884. S. 39-41.

[37] Mit Bezug auf den auch auf religionswissenschaftlichem Gebiete vorgeschützten „Rückschritt“ der Menschen von vollkommneren religiösen Vorstellungen, sagt sehr treffend Prof. +Bernhard Stade+ in seiner „Geschichte des Volkes Israel“. Berlin, 1887. Bd. I. S. 405: „Es ist dies wohl ein rudimentärer Rest jener Theorieen früherer Zeiten über die Uroffenbarung, welche heutzutage allenfalls noch ein Parlamentarier in einer unglücklichen Stunde aufwärmt, welche aber die Theologen aufgegeben haben, da sie eine genügende Würdigung der Offenbarung Gottes in Christo ausschliessen. In Kreisen, welche von den wissenschaftlichen Hypothesen vergangener Zeiten zehren, hält sich diese Theorie noch....“

[38] +Rudolf Virchow.+ Die Urbevölkerung Europas. Berlin, 1874. S. 4.

[39] +Schneider.+ Die Naturvölker. Bd. II. S. 413-414.

[40] +Schneider.+ A. a. O. Bd. I. S. 5.

[41] Ebd. Bd. I. S. 61.

[42] A. a. O. S. 4.

[43] +B. Carneri.+ Sittlichkeit und Darwinismus. Wien, 1871. S. 28.

[44] +Charles Darwin.+ Die Abstammung des Menschen. Bd. I. S. 210.

[45] +Schneider.+ Die Naturvölker. Bd. I. S. 66.

[46] +Frerichs.+ Zur Naturgeschichte des Menschen. S. 106.

[47] Dr. +Bernhard Stade+. Geschichte des Volkes Israel. S. 64.

[48] +J. Wellhausen.+ Geschichte Israels. Berlin, 1878. Bd. I. S. 341.

[49] A. a. O. S. 347.

[50] A. a. O. S. 345-346.

[51] +Schneider.+ Die Naturvölker. Bd. II. S. 348.

[52] +Gustav Roskoff.+ Das Religionswesen der rohesten Naturvölker. Leipzig, 1880. S. 13.

[53] +Fr. Müller.+ Allgemeine Ethnographie. Zweite Aufl. Wien, 1879. S. 50.

[54] +Schneider.+ Die Naturvölker. Bd. I. S. 66.

VI.

Das Schamgefühl und dessen Äusserungen.

Unbeirrt von dogmatischen Einwänden habe ich den Nachweis zu führen versucht, wie die menschlichen Gefühle in wenn auch sehr rudimentärem Zustande schon im Tierreiche sich vorfinden. Unter diesen ist indes eines, welches dem Anscheine nach eine unüberbrückbare Kluft zwischen Mensch und Tier herstellt und das wegen seiner engen Beziehungen zum Geschlechtsleben vor allen eine genauere Betrachtung erheischt. Ich meine die +Schamhaftigkeit+, womit der Mensch alle natürlichen Leibesverrichtungen zu umgeben gewohnt ist. Bei stark materialistisch zugeschliffenem Verstande mag man es zwar ziemlich lächerlich finden, sich Handlungen oder Dingen zu schämen, die ganz natürlich sind, ja die gradezu sein müssen, und doch kann der zur Selbsterkenntnis gekommene Kulturmensch dieses Gefühl nicht loswerden. Noch mehr, dieses Gefühl ist so stark, dass es sogar einen besonderen physischen Ausdruck besitzt: das +Erröten+, von dem manche meinen, es sei dem Geschöpfe vom Schöpfer als eine Art Talisman, als ein Hemmnis seine Gebote zu überschreiten, eingepflanzt. Indes zeigt diese von den Dichtern gepriesene Blüte edelster Menschlichkeit, diese Verräterin des Gewissens und der leisesten Regungen des Gefühls, gewisse Eigentümlichkeiten, welche beweisen, dass die Möglichkeit der Entfaltung dieser psychischen Vorgänge schon im Tierreiche gegeben war, und das Vermögen die Farbe zu wechseln, ist kein Vorzug des Menschen vor den übrigen Geschöpfen. „Medizinische Beobachtungen der neueren Zeit,“ sagt +Carus Sterne+, „hatten nämlich ergeben, dass die Einzelheiten, aus denen sich diese Erscheinung zusammensetzt, die Beschleunigung des Herzschlages, die geistige Verwirrung und die Röte, welche sich gleichzeitig über Antlitz und Brust ergiesst, auch sehr schnell beim Einatmen von Amylnitrit eintreten, einer zu medizinischen Zwecken benützten Ätherart. +Darwin+ hatte schon vor Jahren auf die Ähnlichkeit dieser künstlichen Scham mit der natürlichen die Aufmerksamkeit gelenkt, und +W. Filehne+ zeigte vor kurzem, dass beide gleichmässig dadurch entstehen, dass eine Gehirnpartie, welche die Blutgefäss-, Atmungs- und Herznerven gleichzeitig beeinflusst, ihre regelnde Thätigkeit vorübergehend einstellt. Es wurde ferner nachgewiesen, dass die meisten Säugetiere in denselben Zustand versetzt werden konnten, dass also die +Anlage+, unter Herzklopfen zu erröten und in Verwirrung zu geraten, schon bei den Tieren vorhanden ist, wenn diese Erscheinungen auch für gewöhnlich nicht eintreten, weil von der minder feinfühlig entwickelten Psyche kein Antrieb zur Abspielung dieses interessanten Vorganges gegeben wird. Diese Nachweisungen scheinen aber, wie ihr Urheber mit Recht hervorhob, ein Verständnis dafür anzubahnen, wie sich beim Menschen im Verlaufe seiner Veredlung jener eigentümliche Verräter seiner inneren Empfindung mit all seinen Begleiterscheinungen hat ausbilden können.“[55]

Das Erröten ist mithin keineswegs ein ausschliessliches menschliches Vorrecht. Weder besitzen wir es allein, noch besitzen es die Menschen alle im nämlichen Grade. +Charles Darwin+ gelangt allerdings zu dem Schlusse, dass das Erröten „den meisten und wahrscheinlich allen Menschenrassen gemeinsam zukommt;“[56] allein aus den von ihm gesammelten Zeugnissen erhellt deutlich, dass dieses Vermögen doch hauptsächlich den geistig entwickeltsten Stämmen eignet. Was er von den Negern, den Kaffern und Australiern sagt, gestattet zwar auf das Vorhandensein eines Schamgefühles zu schliessen, welches indes keinen oder nur einen ungemein schwachen physischen Ausdruck findet. Und dies ist auch recht erklärlich, denn um zu erröten, muss der Geist erregt werden. Wo derselbe, wie bei rohen Völkern, seiner geringen Ausbildung halber, nur selten und wenig erregbar ist, kann auch die Fähigkeit des Errötens nicht besonders entwickelt sein. Selbst in unseren gebildeten Kreisen erröten zartbesaitete Gemüter öfter und leichter als rohere Naturen, denn es hängt die Empfindlichkeit des Schamgefühls von dem Grade der angebornen oder anerzogenen Feinfühligkeit ab.[57] Diese wächst aber mit steigender Geistesbildung und letztere ist ein Erzeugnis der Gesittung. An einen etwaigen übersinnlichen Ursprung der Schamröte zu glauben, muss uns schon der Umstand in Zweifel setzen, dass eine und dieselbe Erscheinung, wie es das Erröten ist, bald den Abglanz der Unschuld, bald das Kainszeichen der Schuld vorstellen soll. Beim Kulturmenschen tritt als letzter Grund des Errötens die Rücksichtnahme auf die Beurteilung durch andere auf; es zeigt sich daher fast unausweichlich, wenn er in Gegenwart dritter eine die Schamhaftigkeit verletzende Handlung begehen soll, eine solche sieht oder auch nur davon hört. Es ist ein Gedicht, welches die Tugend mit rosenfarbener Tinte auf die Wangen schreibt.

So wenig wie das Erröten kann auf ihrer untersten Stufe die Menschheit die Schamhaftigkeit besessen haben. Unterscheidet man mit +Julius Lippert+ ursprüngliche, ältere (primäre) Instinkte, d. h. solche, welche allen Menschen von Haus aus unbedingt gemeinsam sind, und jüngere (sekundäre), welche später und nicht von allen, auch nicht von allen gleichmässig im Laufe ihrer Entwicklung erworben wurden, so ist die Schamhaftigkeit unzweifelhaft ein solcher Instinkt jüngerer, gesellschaftlicher Art. „Auf der ersten Stufe,“ so führt +Lippert+ überzeugend aus, „wird die möglichste Verstärkung des Geschlechtssinnes von wohlthätigen Folgen für die Erhaltung der Art. Je feiner die Sinne für die Wahrnehmung geschärft werden, je intensiver und unmittelbarer auf die Sinnesempfindung der Antrieb folgt, desto weniger besorgt braucht Mutter Natur um die Arterhaltung ihrer Geschöpfe zu sein. Die Intensität dieses Instinktes ist in der That bei allen Geschöpfen ausserordentlich gross; sie führt sie mit Ausserachtlassung der grössten Gefahren für das Individuum dem Ziele zu. Seiner Intensität nach nimmt dieser Instinkt auf höheren Entwicklungsstufen +nicht ab+, je nach der Anzahl seiner Impulse +verstärkt er sich noch+. Zu den Sinneseindrücken, welche im Tiere sowohl, als auch im Urmenschen die entsprechenden Reflexerscheinungen, wie wir sie wenigstens einer Analogie nach nennen können, auslösen, gesellt sich auf einer höheren Stufe die willkürliche und unwillkürliche Reproduktion des Gedächtnisses und der Einfluss einer entwickelteren Vorstellungskraft. Um so notwendiger erscheint, sobald die Menschen zu erweiterter Fürsorge auf der Basis der Gesellschaft fortschreiten, ein zügelnder Instinkt.“[58] Dieser hat aber ursprünglich so wenig bestanden, wie gegenwärtig auch beim Tiere; erinnert doch noch die biblische Überlieferung an einen Urzustand, in welchem die Menschen das Gefühl geschlechtlicher Scham nicht besassen. Der Standpunkt der Schamhaftigkeit, auf dem wir heutigen Tages in Europa stehen, ist also nicht etwas von Hause aus Gegebenes und ein- für allemal Unwandelbares, sondern vielmehr ein sehr wandelbares Erzeugnis jener Kultur, welche sich hauptsächlich in der Entwicklung allgemein menschlicher und auch bei den Naturvölkern zu findenden Anlagen offenbart.[59] Der Neger z. B. besitzt die gleiche Anlage zur Schamhaftigkeit wie wir, aber auf den allerverschiedensten Stufen der Ausbildung. Thatsache ist, dass es noch heute eine grosse Menge von Völkern giebt, bei welchen eine +Schamhaftigkeit in unserem Sinne gar nicht vorhanden ist+. Brauch und Sitte entscheiden eben allein über Verstattetes und Anstössiges, und erst nachdem sich eine Ansicht befestigt hat, wird irgend ein Verstoss zu einer verwerflichen Handlung.[60] Allerdings ist bei barbarischen Stämmen vieles des Charakters des Herausfordernden entkleidet, das einen solchen erst einem geübteren Verknüpfungs- (Kombinations-) und Vorstellungsvermögen gegenüber gewonnen hat. So ist auf dem Standpunkte der Bibel vieles als Thatsache längst unter das abwehrende Gesetz der Scham gestellt, aber noch nicht das nackte, unverblümte +Wort+ dafür und der nackte Bericht. Seither ist das Schamgefühl fortgeschritten, indem es auch das Wort verbietet, welches die Vorstellung mit konkreter Bestimmtheit oder gerade nach der Richtung hin hervorruft, in welcher sich jener Instinkt bewegt. Dieser Fortschritt vollzieht sich noch in unserer Zeit, und es ist noch nicht allzulange her, dass er angebahnt wurde.[61]

So schämt der Kulturmensch sich jeder Handlung, wenigstens vor andern, die aus Notwendigkeit hervorgeht, selbst der zur Erhaltung des Organismus unbedingt unerlässlichen. Während er aber anstandlos isst, trinkt, raucht, schnupft, dünken ihm alle Ausscheidungen gleichsam unverdiente Erniedrigungen, die der Haushalt des tierischen Leibes ihm auferlegt. Über sie vor allem trachtet das Schamgefühl einen dichten Schleier zu werfen, um vor andern zu erscheinen, als seien wir so rein und sehenswürdig, wie die Lilien in der Sprache der Evangelien. An dieses unser Naturleben wollen wir nicht gemahnt sein und verhüllen daher ängstlich die Organe und Körperteile, welche diesem ausschliesslichen Zwecke dienen. In der gesitteten Gesellschaft mit ihrer hochgradigen Scheu vor der Nacktheit existiert diese Seite unseres Naturlebens scheinbar gar nicht, und in der Rede geschieht von deren Vorhandensein keinerlei Erwähnung. Vollends aber wird das Schamgefühl durch jede, auch die leiseste Anspielung auf das Erotische empfindlichst beleidigt, freilich bei Völkern, wie bei Individuen nicht immer im gleichen Grade. Und das kleine Kind des Kulturmenschen kennt die Scham ebensowenig wie das Tier. Dieses kommt nie dazu, weil es nicht zum Bewusstsein des Geistes gelangt, das Kind aber erst dann, wenn es in sich den qualitativen Gegensatz zwischen Geist und Körper zu fühlen beginnt. Ganz rohe Stämme, die auf dem Standpunkte des Tieres oder richtiger auf jenem kleiner Kinder stehen, wissen deshalb auch nichts von unserer Schamhaftigkeit. Ohne alle Scheu vollziehen sie Verrichtungen, welche der Kulturmensch sorgfältig fremden Blicken entzieht, und es ist nur zu beklagen, dass die meisten Reisenden, welche uns mit fernen Völkern vertraut machen, über Dinge, die ihrer Aufmerksamkeit unmöglich entgehen konnten, eine zwar erklärliche, aber wissenschaftlich recht anfechtbare Zurückhaltung beobachten zu müssen glauben. So sagt z. B. +Alfred Lortsch+ in einer sonst verdienstvollen Studie über Neukaledonien: „Die Tracht der Neukaledonier ist eine sehr sonderbare und keineswegs geeignet, hier speziell beschrieben zu werden.“[62] Mit solcher Zurückhaltung wird der Wissenschaft herzlich schlecht gedient. Hunderte von Reisewerken wird man deshalb enttäuscht aus der Hand legen, ehe man auf eine jener Mitteilungen stösst, welche einen direkten Schluss auf das Schamgefühl der beschriebenen Völker gestatten würden.

In der Beurteilung der Frage, ob einem Volke der Sinn für Schamhaftigkeit abgehe oder bis zu welchem Grade derselbe etwa vorhanden sei, werden häufig, ja sogar gewöhnlich ganz verschiedene Regungen vermengt und insbesondere Sittsamkeit oder Anstandsgefühl und Keuschheit mit Schamhaftigkeit verwechselt. Keuschheit (_Castitas_) oder, was das Nämliche ist, Züchtigkeit erheischt zunächst strenge Eindämmung der geschlechtlichen Verrichtungen innerhalb der von der Sittenlehre vorgeschriebenen Schranken. Sie paart sich mit der Sittsamkeit, dem äusseren Anstande, welcher seinerseits jeglichen Hinweis auf das Geschlechtsleben, sei es in Wort oder Gebärde, verbietet. Auf der obersten Stufe steht die geschlechtliche Scham (_Pudor_), welche vor der leisesten Andeutung dieser Prozesse zurückbebt und daher vor allem die tierische Seite des menschlichen Körpers fremden Blicken zu entziehen beflissen ist. Zwischen ihr und der Sittsamkeit walten feine psychologische Unterschiede, die nur selten die gebührende Beachtung finden. Mit der Keuschheit im obigen Sinne hängt das Schamgefühl dagegen nur lose zusammen. Die Keuschheit betrifft das verborgene, die Schamhaftigkeit das augenscheinliche Thun und Lassen. Niemand schämt sich vor sich selbst, stets nur vor dritten; die Keuschheit wird bewahrt oder verletzt auch ohne Zeugen. Daraus ergiebt sich, wie sehr wohl Unkeuschheit mit Schamgefühl, Schamlosigkeit mit Keuschheit vereinbar ist. Die feinen Lebemänner unserer Grossstädte, wie die eleganten Damen der sogenannten Halbwelt lassen sich kaum einen Verstoss gegen die Sittsamkeit zu Schulden kommen, während die Unzüchtigkeit ihres Wandels keinem Zweifel unterliegt und wahres Schamgefühl höchstens in Gegenwart unberufener Dritter sich ihrer wohl bemächtigen würde. Umgekehrt fehlt es nicht an geschlechtlicher Zurückhaltung, an Keuschheit, bei einzelnen, wie bei ganzen Völkern, die im Punkte der Schamhaftigkeit, wie wir sie auffassen, unendlich viel, fast alles zu wünschen übrig lassen.