Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung
Part 24
Zu den Polyandristen des Himalayagebietes zählen vornehmlich mongolenähnliche, wenn auch in schwachem Masse hinduisierte Stämme, wie die Bhutia, welche als Hirten in Bhutan an der nördlichen Grenze von Assam umherziehen. Bei ihnen ist Polyandrie eine gesellschaftliche Einrichtung, artet aber, wozu sie überhaupt neigt, nach +Mantegazza+ in „freie Liebe“ aus.[498] Auch +Dalton+ versichert: Die Einrichtung der Ehe scheint bei den Bhutia entweder gar nicht vorhanden oder von geringem Wert zu sein, denn die Männer kümmern sich um das sittliche Verhalten ihrer Frauen gar nicht.[499] Weiterhin gegen Westen fortschreitend, begegnet man der Vielmännerei in Nepal, im Quellgebiete der Dschamna, im Bezirke von Dschaunsar (Jounsar), bei den Pahari, den Kulu und den meisten Stämmen tibetischer Rasse, soweit sie dem Buddhismus anhängen. In Dschaunsar ist, wenn der älteste Bruder heiratet, die Frau, wie auch meist anderwärts, zugleich die Gattin seiner jüngeren Brüder, obgleich die Sprösslinge höflichkeitshalber die Kinder des ältesten Bruders genannt werden. Wenn eine so grosse Altersverschiedenheit unter den Brüdern einer Familie besteht, dass z. B. bei sechs Brüdern der älteste schon herangewachsen, die jüngsten aber noch Kinder sind, so heiraten, wie +Dunlop+ berichtet, die älteren drei Brüder dann eine Frau, und haben die jüngeren das heiratsfähige Alter erreicht, so heiraten sie eine andere, beide Frauen aber werden in gleicher Weise als die Frauen aller sechs Brüder betrachtet.[500] Zu +Frasers+ Zeiten kostete eine Frau zehn bis zwölf Rupien, für den Bauer ein Betrag, den er nur schmerzlich erlegte. Mehrere Brüder kauften sich eine Frau, welche sie übrigens ohne Schwierigkeiten an Fremde vermieteten. Bei den Pahari herrscht Vielweiberei, daneben jedoch, beim ärmeren Volke, Polyandrie. Der älteste Bruder heiratet und alle seine anderen Brüder haben teil an dem Weibe; die Kinder werden gemeinschaftlich geliebt und gepflegt.[501] Von den Kindern wird bei den meisten Polyandristen am Himalaya, wie +Hermann von Schlagintweit+ mitteilt, der älteste Gatte der Mutter als Vater, die jüngeren werden als Onkel angeredet. Von den verheirateten Frauen sagt der genannte Gewährsmann, dass sie, auch wenn sie nur +einen+ Mann haben, sich nicht zur Untreue verleiten lassen; die Mädchen dagegen geben sich einem ausschweifenden Lebenswandel hin.[502] Von den polyandrisch lebenden Frauen in Kulu bemerkt +J. Calvert+, dass sie mehr durch ihre Schönheit, als durch ihre Tugend sich auszeichnen,[503] und bestätigend sagt +Karl Eugen von Ujfalvy+, dass die Reisenden von Kulu die merkwürdigsten Geschichten zu berichten wissen. Man erzählte ihm sogar, dass der englische _Assistent-Commissioner_ strengste Vorschriften hatte treffen müssen, um dem freien Leben der Kuluweiber zu steuern.[504] Die Ehegenossenschaften im Kululande, wo der Kindermord an Mädchen Sitte ist, leben übrigens in der besten Eintracht, die Kinder sprechen von einem älteren und einem jüngeren Vater, und sobald ein Gatte die Schuhe eines seiner Brüder vor dem Ehegemache erblickt, weiss er, dass er dasselbe nicht zu betreten hat. Man nennt dieses Vorhandensein der Schuhe auf der Schwelle _Dschutika tabu_.[505] Wer fühlt sich da nicht auf das lebhafteste gemahnt an das, was +Herodot+ von den alten Nasamonen berichtet! Übrigens kommen in Kulu in einem und dem nämlichen Dorfe Fälle von Polyandrie und Polygamie vor. So ist es auch in Ladakh oder Klein-Tibet, wo die Frau das Vorrecht geniesst, ausser der Brüdergenossenschaft, der sie als Eigentum verfällt, noch einen fünften oder sechsten Gatten nach ihrem Geschmack wählen zu können. Auch hier sprechen die Kinder von einem „älteren“ und von „jüngeren Vätern“, doch bleiben letztere in einer untergeordneten Stellung; die Sorge für die Kinder fällt allein dem ältesten zu. Ladakhs Frauen haben im Verhältnis zu denen Indiens grosse Freiheiten; sie gehen stets unverschleiert. In Lahul herrscht Vielmännerei, ob auch in Spiti ist wahrscheinlich, aber nicht erwiesen.
Am verbreitetsten vielleicht ist die Vielmännerei im buddhistischen Tibet, aber nur in den niederen Volksschichten. Die Frau darf jedoch mit den Männern, die ebenfalls stets Brüder sind, nicht blutsverwandt sein. Bei Staatsbeamten, sowie solchen, die nach dergleichen Ehrenstellen streben, scheint dort das Heiraten etwas Verhasstes zu sein, als eine schwere Last betrachtet und daher vermieden zu werden. +Samuel Turner+, den die Ostindische Kompanie 1783 nach Tibet sandte, meldet nämlich: „Die Häupter der Regierung, die Staatsbeamten und alle, die es zu werden streben, halten es unter ihrer Würde und nicht für ihre Pflicht, Kinder zu haben; sie glauben sich dessen überhoben und überlassen diese Mühe den Männern des Volks. Die Tibeter betrachten die Heirat als eine verdriessliche Sache und als eine störende und beschämende Last, welche die Männer einer Familie sich zu erleichtern trachten müssen, indem sie dieselbe untereinander teilen.“ Im Grunde genommen war diese Ansicht der Ehe beiläufig auch jene des Apostel Paulus.
Seltsamerweise ist in Tibet, diesem Kernlande des Buddhismus, die Eheschliessung ein rein bürgerlicher Akt, an welchem die tibetischen Priester, die die Gesellschaft der Weiber meiden, keinen Teil haben; Scheidung ist bei Zustimmung beider Teile statthaft. Der älteste Gatte ist auch hier für die Kinder der Vater, die jüngeren sind Onkel. Vor der Ehe kann das Mädchen beliebig über sich verfügen, ohne ihren Ruf zu gefährden. Mitunter geht die Polyandrie mit Geschwister-Polygamie Hand in Hand; ein junger Mann, welcher eine ältere Frau nimmt, erhält nämlich zugleich die jüngere Schwester.
Eine Heimstätte der Vielmännerei ist auch die herrliche Insel Ceylon, das alte Taprobane, dessen buddhistische Bewohner dieser Sitte früher in ausgedehntem Masse ergeben waren. Gegenwärtig kommt sie nur noch bei den singhalesischen Kandhyan vor, einer kräftigen Rasse, welche im gebirgigen Innern der Insel wohnt und bis in die jüngste Zeit sich nie mit der Bevölkerung der Ebenen vermischt hat. Sir +James Emerson Tennent+, dem wir ein umfangreiches und erschöpfendes Werk über Ceylon verdanken, zweifelt nicht, dass die Vielmännerei dort dereinst ganz allgemein gewesen und in ein ungemein hohes Alter hinaufreicht.[506] Die englische Regierung ist seit langem eifrig bemüht sie zu unterdrücken, ausgetilgt hat sie die Sitte noch nicht.[507] In der Regel sind die Gatten Verwandte, sehr häufig Brüder. Nicht selten haben ihrer zwei oder drei eine Frau gemeinschaftlich; es soll jedoch, wie +Häckel+ berichtet, auch Damen geben, die sich des Besitzes von acht bis zwölf anerkannten Männern erfreuen. Wenn nun schon die Vielmännerei im allgemeinen auf ein bedeutendes +moralisches+ Übergewicht der Frauen hindeutet, so ist die auf Ceylon übliche doppelte Art der Heirat dafür ein weiterer Beweis: Diese beiden Heiratsmethoden sind die _Diga_ und die _Bina_. Nur bei der ersteren Form verlässt die Frau das elterliche Haus, um bei ihrem Gatten zu wohnen; die Frau kann, wenn sie will, die Trennung verlangen, aber der Mann muss einwilligen, und dann werden nur die Hochzeitsgeschenke zurückgegeben. Bei der Bina-Heirat, die auch bei den indischen Kotsch üblich, wohnt dagegen der Mann im Hause seiner Schwiegereltern und kann jeden Augenblick fortgeschickt werden, wird überhaupt mit sehr wenig Rücksicht behandelt. Die Singhalesen sagen, um die Stellung eines solchen Mannes zu bezeichnen: „Der Bina braucht in die Wohnung seiner Frau nur vier Dinge mitzunehmen: ein Paar Sandalen, um seine Füsse zu schützen, ein Talipotblatt, um sich gegen die Sonnenstrahlen zu verwahren, einen Stab, um sich daran zu halten, wenn er krank ist, und eine Laterne um sich zu leuchten. Mit diesen Vorsichtsmitteln kann er jede Stunde des Tages oder der Nacht abreisen“.[508] Der matriarchale Charakter dieser Bina-Ehe ist unverkennbar. Nicht unmöglich, dass dieselbe einst auch den Chinesen bekannt gewesen, denn der Strafkodex des Himmlischen Reiches spricht von „den durch ihre Schwiegerväter aus dem Hause vertriebenen Schwiegersöhnen“, und bedroht sowohl den Schwiegervater, wie die etwa an der Austreibung sich beteiligende Frau mit hundert Rutenstreichen.[509]
Sehr wenig bekannt dürfte es sein, dass polyandrische Gepflogenheiten im Herzen Europas noch im Schwange gehen. Das Karpatenvölkchen der Bojken ist trotz Christentum und moderner Gesetzgebung heute noch der Vielmännerei ergeben. In dem Bewusstsein dieser Stammesangehörigen ist noch nicht das Gebot +unserer+ Moral erstanden, eine Frau solle bloss +einem+ Manne angehören. Im Gegenteil, die Vielmännerei herrscht dort in der Volkssitte so sehr, dass der Ehemann selbst von der Richtigkeit +dieser+ Moral überzeugt ist und er -- verachtet das Weib seiner Liebe, wenn sie nur seine Frau allein ist. „Schäme dich, dass du nur einen Mann hast“ -- diese Äusserung eines Bojken aus der Nähe von Sambor ist kennzeichnend für die Anschauungsweise des Völkchens.
Über den Einfluss der Polyandrie auf die Sitten des Volks herrschen sehr abweichende, ja geradezu widersprechende Meinungen. Nach +Turner+ wäre derselbe kein ungünstiger. In Vergleichung mit den südlichen Nachbarvölkern geniessen die Weiber in der Gesellschaft einen hohen Rang. Mit den Vorrechten einer unbeschränkten Freiheit verbinden sie den Charakter der Hausfrau und der Gefährtin der Ehemänner. Nach Aussage der meisten Reisenden leben die Ehegenossen sehr friedlich nebeneinander, in keiner Weise von Eifersucht geplagt. +Georg Bogle+ sagt, sie neigten überhaupt wenig zur Eifersucht. Hie und da allerdings entstehe ein Streit über die Kinder, aber er werde bald beigelegt durch die Vergleichung der Gesichtszüge mit jenen der Väter -- wiederum eine Erinnerung an +Herodots+ Mitteilungen über die äthiopischen Auser -- oder indem man der Mutter die Entscheidung überlässt.[510] Viel weniger günstig lautet das Urteil anderer Beobachter. Herr +von Ujfalvy+ sagt, die Polyandrie übe jedenfalls unter den Weibern einen üblen Einfluss auf Sitte und Geist aus, denn weder in Ladakh noch in Sultanpur sind sie Muster von ehelicher Treue, und ohne positiv lasterhaft oder geldgierig zu sein, sind die Frauen dieser Länder doch sehr gefallsüchtig und flatterhaft.[511] In Südindien ist die Vielmännerei, nach der Ansicht +Emil von Schlagintweits+, sogar ein grosses gesellschaftliches Übel, das zu tiefem Herzeleid, Misstrauen, Eifersucht, Streit und zu Hass bis in den Tod führt, aber von den Behörden und Missionären vergeblich bekämpft wird, da die geringe Meinung, welche der Hindu der unteren Stände vom Weibe hegt, und der Eigennutz der Priester dieser Unsitte Vorschub leistet.[512] -- Ich weiss nicht ob in diesem Gemälde die Farben nicht etwas allzu grell aufgetragen sind, zumal bei aller Würdigung der mit Vielmännerei verknüpften Nachteile gerade die Eintracht in den polyandrischen Haushaltungen, das Fehlen jeglicher Eifersucht das unverhohlene Erstaunen der europäischen Reisenden zu erregen pflegt. Ja, die Polyandrie hat in +Mantegazza+ sogar in gewissem Sinne einen Anwalt gefunden, der sich eben auf südindische Verhältnisse beruft: „Ich habe die Polyandrie bei den Toda im südlichen Indien beobachtet und habe die Frauen bei ihnen viel glücklicher gefunden als bei polygamen Völkern. Alles was selten ist, wird gesucht und geschätzt, und wenn die Gewohnheit die Schneide der Eifersucht abgestumpft hat, so trinken mehrere Männer ohne Widerwillen und Groll aus einer einzigen Schale der Liebe, während die immer begehrte Frau, die es immer versteht, den glücklich zu machen, welcher sie sucht, Liebkosungen und Liebesbeweise mit weisem Masse austeilt. Die Monogamie,“ fährt der italienische Gelehrte fort, „ist die einzige moralische Form der menschlichen Gesellschaft, aber wo sie wegen des niedrigen Niveaus einer Rasse nicht möglich ist, da hundertmal lieber eine polyandrische, als eine polygame Rasse, so sehr dies auch unsern Stolz als Männer demütigen mag“.[513]
Aus der in diesem Kapitel versuchten Schilderung der verschiedenen polyandrischen Zustände lassen sich, wie ich eingangs erwähnte, zwei Formen der Vielmännerei herausschälen: eine rohere und eine höhere. Kennzeichnend für letztere ist das verwandtschaftliche, in der Regel das Bruderverhältnis der Gatten; man kann sagen, nicht der einzelne, sondern die Familie beweibt sich, nimmt eine Frau. Hat ein Mann keine Brüder, so muss er sich mit andern Männern vergesellschaften und nur dann kann er heiraten; andernfalls bleibt er Junggeselle sein Leben lang.[514] Roher ist jedenfalls die Form, wo das Weib sich beliebige Gatten wählt. Beide Arten Vielmännerei treten aber sowohl neben endogamen, als exogamen Gewohnheiten auf, wie ja auch das die Grundlage bildende Matriarchat sich gleichfalls schon der ursprünglichen Endogamie entwunden hat und auch im Bereiche der Exogamie erscheint. Überall nun, wo die Polyandrie zur zweiten, höheren Stufe aufgestiegen, ist auch schon zumeist die agnatische Erbfolge üblich, ohne dass das Kind seinen wirklichen Vater zu bezeichnen im stande wäre. Wo dagegen die Gatten untereinander durch keine Verwandtschaftsbande verknüpft sind, wie bei den Naïr, dauert die mütterliche Erbfolge fort.[515]
In Indien will man die interessante Erfahrung gemacht haben, dass, wo Polyandrie herrscht, die männlichen, wo Polygamie dagegen, die weiblichen Geburten an Zahl grösser seien, so dass sich gewissermassen die Natur den menschlichen Satzungen anzubequemen scheine.[516] Auf Ceylon z. B. sollen auf je zehn Knaben bloss acht bis neun Mädchen zur Welt kommen. Da aber in den Haremen Siams nach +Campbell+ Knaben und Mädchen in den gleichen Zahlenverhältnissen geboren werden, wie bei monogamen Verbindungen, so hält +Peschel+ den obigen Satz für widerlegt, zumal auch die Erfahrungen der Tierzüchter dieser Vermutung nicht günstig sind.[517] Desgleichen hat Dr. +Dusing+ eine Menge Thatsachen zusammengetragen, welche seiner Aufstellung viel Wahrscheinlichkeit verleihen, dass bei anormalen Sexualverhältnissen stets mehr Wesen jenes Geschlechtes geboren werden, an denen es mangelt, so dass mit Hilfe dieser Eigenschaft das Verhältnis der Geschlechter sich von selbst regelt.[518] Dies schliesst nicht aus, dass ein Missverhältnis +künstlich+ hervorgerufen werden kann, wie dies z. B. durch systematischen Mädchenmord bei einzelnen Rassen oder Stämmen thatsächlich geschieht. Unzweifelhaft leistet aber Weibermangel der Vielmännerei Vorschub. Die aus der Koromandelküste nach Malakka, Singapur, Java u. s. w. auswandernden tamulischen Kling z. B. bringen nur wenig Frauen mit und deshalb ist auch Polyandrie bei ihnen allgemein.[519] Auf Mallicollo, einer der Neuhebriden, ist ein solcher Mangel an Weibern, dass zuweilen je zwei Männer nur eine Frau besitzen.[520]
Im übrigen wird der Ursprung der für den Europäer so befremdenden und widerwärtigen Sitte der Polyandrie von den meisten auf Sparsamkeitsrücksichten zurückgeführt. In Tibet, in Kulu u. s. w. sind die bebaubaren Bodenstrecken von sehr geringer Ausdehnung; der Besitz ist demnach ein sehr beschränkter und würde, infolge einer fortgesetzten Teilung, sich so vermindern, dass er in kürzester Zeit nicht mehr im stande wäre, den Besitzer zu ernähren. So ist also nach +Harcourt+ und +Rousselet+ die Polyandrie eine rein nationalökonomische Einrichtung. Dieser Meinung pflichten auch +Frederick Drew+, +Hermann von Schlagintweit+, +Karl von Ujfalvy+, Dr. +H. W. Bellew+ zu, welch letzterer die Vielmännerei in Kaschmir ebenfalls aus der geringen Ausdehnung des bewohnbaren Bodens erklärt,[521] und auch +Mantegazza+ sieht in ihr fast immer eine Folge von Armut; sie ist ihm zufolge dem ganz malthusischen Bedürfnisse entsprungen, die starke Vermehrung der Bevölkerung zu beschränken.[522] In vielen Fällen mag man diese Begründung gelten lassen, zu einer allgemeinen, befriedigenden Erklärung der Sitte reicht dieselbe meines Erachtens nicht aus. Ich befinde mich hier in Übereinstimmung mit +Herbert Spencer+, welcher die Vielmännerei ebenfalls nicht auf Armut zurückführen will, obgleich letztere, wie er einräumt, in gewissen Fällen Ursache ihrer Fortdauer und ihrer Ausbreitung gewesen sein mag.[523] Ceylon ist zwar auch ein armes Land und ein schlechter Ackerboden,[524] aber es sind vornehmlich die reicheren Stände, welche dort Vielmännerei üben,[525] und die Balti in Tibet haben als Muhammedaner die Polyandrie mit der Polygamie vertauscht, obschon sie dieselben ökonomischen Gründe für die erstere hätten, wie die Tibeter und Ladakhi, denn der anbaufähige Boden ist sehr beschränkt.[526] Sir +John Lubbock+ erblickt in der Polyandrie eine ausnahmsweise Einrichtung, die gewöhnlich die Beseitigung der Übelstände bezweckt, welche da entspringen, wo bei ursprünglich herrschender Monogamie ein grosser Mangel an Frauen ist.[527] Gewiss ist dies ebenfalls ein ins Gewicht fallender Gesichtspunkt, und +Mantegazza+ erkennt denselben an, wenn er sagt: Die Polyandrie kann nur in einem Lande als normale und beständige Form der menschlichen Familie herrschen, wenn sie durch den Mord der neugeborenen Mädchen unterstützt wird.[528] Diese Einschränkung schiesst allerdings über das Ziel hinaus, insofern Mädchenmord durchaus kein regelmässiger Begleiter polyandrischer Zustände sein muss. +Mantegazza+ selbst weiss nichts davon bei den polyandrischen Bhutia; in Ladakh hat +Drew+ trotz aller Nachforschungen nichts über allenfalsige Mädchenmorde erfahren können. Andrerseits wütet diese Sitte unter den Radschputen, und diese sind keine Polyandristen. Mag nun auch Armut des Boden einerseits, natürlicher Mangel an Frauen andererseits immerhin das seinige zur Entwicklung der Vielmännerei beigetragen haben, ihre wahre Grundlage ist eine tiefere; sie wurzelt in +älteren+ Verhältnissen. +Lipperts+ Verdienst ist es, als kulturgeschichtlich unrichtig aufgedeckt zu haben, dass auch innerhalb endogamischer Zustände das Prinzip der Blutsverwandtschaft ursprünglich auch dasjenige der Konnubialgrenzen begründet habe. Im Gegenteile beruhte auf der Idee der Blutsverwandtschaft diejenige der Berechtigung zum Geschlechtsverkehre in unbeschränktestem Masse. „Es sind vielmehr wiederum nur die Generationsschichten über und untereinander, deren Scheidemarken sich, wie nach vielen anderen Richtungen hin, so auch in den konnubialen Verhältnissen allmählich geltend machen, wohingegen Geschlechtsverbindungen innerhalb derselben Generationsschicht, zwischen Brüdern und Schwestern, nicht nur keine Beschränkung erleiden, sondern vielmehr als der absolut normale Zustand gelten.“[529] Und auf diesen Untergrund weist die Mehrzahl der Fälle bis heute noch als Volkseinrichtung erhaltener Polyandrie zurück. Im Grunde sagt nichts anderes auch +Herbert Spencer+, wenn er „die Polyandrie als eine der Formen von ehelichen Beziehungen betrachtet, welche sich aus den ursprünglichen ungeregelten Zuständen hervorarbeiten, und zugleich als eine Form, die sich noch da erhalten hat, wo andere mit ihr wetteifernde Formen von den Umständen nicht begünstigt wurden und sie daher noch nicht zu beseitigen vermochten.“[530]
[472] _Uxores habent deni duodenique inter se communes et maxime fratres cum fratribus parentesque cum liberis; sed si qui sunt ex his nati, eorum habentur liberi, quo primum virgo quoque deducta est._ (+Caesar+, _de bello gall._ lib. V. cap. 14.)
[473] _Iam primum uxor ejus_ (des Häuptlings) _Boudicca verberibus adfecta ed filio stupro violatae sunt_, schreibt +Tacitus+. Annales lib. XIV. cap. 31 und weiterhin, cap. 35, will +Boadicea+ „_confectum verberibus corpus, contrectatam filiarum pudicitiam ulcisci. Eo provectas Romanorum cupidines, ut non corpora, ne senectam quidem aut virginitatem inpollutam relinquant._“
[474] +Humboldts+ Reise in die Äquinoktialgegenden. Bd. I. S. 56.
[475] +Peschel+. Völkerkunde. S. 228.
[476] Globus. Bd. LII. S. 91.
[477] +Mantegazza+. Anthropologisch-kulturhistorische Studien. S. 319.
[478] +Waitz-Gerland+. Anthropologie d. Naturvölker. Bd. VI. S. 128.
[479] +Ratzel+. Völkerkunde. Bd. II. S. 276.
[480] +Langsdorff+. Bemerkungen auf einer Reise um die Welt. Bd. II. S. 63.
[481] +David Crantz+. Historie von Grönland. Barby und Leipzig 1765. Bd. I. S. 207-212.
[482] +Lubbock+. Entstehung der Zivilisation. S. 115.
[483] +Humboldts+ Reise in die Äquinoktialgegenden. Bd. IV. S. 103.
[484] G. +Fritsch+. Die Eingeborenen Südafrikas ethnographisch und anatomisch. Breslau 1873. S. 227.
[485] +Ratzel.+ Völkerkunde. Bd. I. S. 343.
[486] Globus. Bd. XLIII. S. 371.
[487] +William E. Marshall+. _A Phrenologist amongst the Todas; or the Study of a primitive tribe in South India: History, Character, Customs, Religion, Infanticide, Polyandry, Language._ London 1873.
[488] _Revue d'Anthropologie_ 1874. S. 127.
[489] _Revue d'Anthrop._ A. a. O.
[490] +Mantegazza+. Indien. Jena 1885. S. 120.
[491] +Peschel+. Völkerkunde. S. 222.
[492] +Emil von Schlagintweit.+ Indien in Wort and Bild. Leipzig 1880. Bd. I. S. 100.
[493] Zeitschrift für Ethnologie. Berlin 1874. S. 388.
[494] +Dalton.+ Beschreibende Ethnologie Bengalens. Deutsch bearbeitet von Oskar Flex. Berlin 1875. S. 37.
[495] +Dalton+. A. a. O. S. 41.
[496] A. a. O. S. 50.
[497] A. a. O. S. 22. Oberst +Dalton+ erzählt diesbezüglich folgende bezeichnende Anekdote: Ein hübsch aussehendes Daflamädchen kam eines Tages nach Lackinpur, warf sich ihm zu Füssen und flehte in höchst poetischen Ausdrücken um seinen Schutz. Sie war die Tochter eines Häuptlings und sollte die Frau eines Freundes ihres Vaters werden, der schon mehrere Frauen hatte. Sie wollte aber nicht eine von vielen sein. Ausserdem gestand sie Dalton, dass sie liebe und wieder geliebt werde und mit ihrem Anbeter geflohen sei. Dalton beruhigte das Mädchen und schickte nach ihrem Begleiter. Wie erstaunte er aber, als der Bote nicht einen, sondern +zwei+ Geliebte brachte. Das Mädchen hatte sich von zwei jungen Burschen entführen lassen.
[498] +Mantegazza+. Indien. S. 193.
[499] +Dalton+. A. a. O. S. 52.
[500] Ausland 1860. S. 840.
[501] +C. F. Gordon-Cumming+. _In the Himalayas and on the Indian Plains._ London 1884. S. 406.
[502] +Hermann von Schlagintweit+. Reisen in Indien und Hochasien. Jena 1871. Bd. II. S. 47-48.
[503] +J. Calvert+. _Kulu and the Silver Country of the Vazeers._ London 1873. S. 32.
[504] +Karl Eugen von Ujfalvy+. Aus dem westlichen Himalaya. Erlebnisse und Forschungen. Leipzig 1884. S. 37.
[505] A. a. O. S. 36.
[506] Sir +James Emerson Tennent+. _Ceylon; an account of the island, physical, historical and topographical._ London 1859. Bd. II. S. 428. 429.
[507] +Ernst Häckel+. Indische Reisebriefe. Berlin 1884. S. 240.
[508] Ausland 1851. S. 657.
[509] +A. Giraud-Teulon+. _Les origines de la famille._ Genève u. Paris 1874. S. 157.
[510] _Narrative of the Mission of George Bogle to Tibet, and of the journey of Thomas Manning to Lhasa. Edited by Clements R. Markham._ London 1876. S. 122.
[511] +Ujfalvy+. Aus dem westlichen Himalaya. S. 37.
[512] +Schlagintweit+. Indien in Wort und Bild. Bd. I. S. 100.
[513] +Mantegazza+. Anthropologisch-kulturhistor. Studien. S. 320.
[514] +Abel de Rémusat+. _Naw. Mélanges asiatiques._ Paris 1829. S. 245.
[515] +Giraud-Teulon+. A. a. O. S. 148.
[516] Ausland 1865. S. 285.
[517] +Peschel+. Völkerkunde. S. 221.
[518] Dr. +Karl Dusing+. Die Faktoren, welche die Sexualität entscheiden. Jena 1883. S. 18. 33.
[519] Globus Bd. XXV. S. 379.
[520] +M. Eckardt+. Der Archipel der Neuhebriden (Verhdl. d. Ver. f. naturwiss. Unterhaltung in Hamburg. Bd. IV. Oktob. 1879. S. 21).
[521] +H. W. Bellew+. _Kashmir and Kashgar. A Narrative of the journey of the embassy to Kashgar_ in 1873-74. London 1885. S. 118.
[522] +Mantegazza+. A. a. O. S. 318.
[523] +Herbert Spencer+. Die Prinzipien der Soziologie. Deutsch von B. Vetter. Stuttgart 1887. Bd. II. S. 246.
[524] S. W. Baker. _Eight years' Wanderings in Ceylon._ London 1855. S. 61.
[525] +Tennent+. Ceylon. Bd. II. S. 428.
[526] Dr. +Konrad Ganzenmüller+ im Globus. Bd. XXXVIII. S. 77.