Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung

Part 2

Chapter 23,366 wordsPublic domain

Im allgemeinen dürfte jedoch dem Urteile nicht zu widersprechen sein, dass bei niedrigen Menschenstämmen und unter normalen sozialen Verhältnissen der erotische Antrieb, der Paarungstrieb -- wie auch in der Tierwelt -- ein beschränkterer sei, als auf höheren Staffeln der Gesittung.[15] Einen sehr verwandten Gedanken spricht +Cesare Lombroso+[16] aus, ein hervorragender Kriminalstatistiker des modernen Italien. Es dünkt mir indessen auch eine, zwar keines direkten Beweises fähige, aber sonst nicht ganz unstatthafte Vermutung, dass die sinnlichen Freuden ihrerseits einer Entwicklung, einer Steigerung fähig seien und dass unsere urgeschichtlichen Vorfahren dieselben nicht in dem gleichen Grade empfunden haben, wie spätere, feiner ausgebildete Geschlechter. Niemand wird im Ernste bestreiten wollen, dass mit wachsender Gesittung auch das menschliche Nervensystem sich verfeinere. Man blicke nur zurück auf die Zustände innerhalb der europäischen Kulturnationen noch vor wenigen Jahrhunderten; unwillkürlich drängt die Überzeugung sich auf, dass die Menschen der Gegenwart wahrscheinlich anders geartet sind als ihre Vorgänger. Es scheint wirklich, dass +der physikalische Charakter der Menschheit im Laufe der Zeit sich wesentlich verändert hat+, und es unterliegt keinem Zweifel, dass das +Blut+ und die Säfte des Menschen früher die vorherrschende Rolle spielten, während es jetzt die +Nerven+ sind, die fast ausschliesslich den Körper der Europäer, sowie der Weissen in Nordamerika beherrschen. Gröber angelegte Wesen vermögen aber Lust und Schmerz[17] nicht in gleich wirksamer Weise zu empfinden, wie die feiner organisierten. +Alexander von Humboldt+ bezeugt, dass die ungemein schmerzhaften Stiche und Bisse der Moskiten von den Indianern Südamerikas weit weniger als von den Europäern empfunden werden, denn Grad und Dauer des Schmerzes hängen von der Reizbarkeit des Nervensystems der Haut ab.[18] Leutnant +Mage+, der mit Dr. +Quintin+ mehreren mörderischen Gefechten gegen die Bambarra beiwohnte, hatte dabei Gelegenheit wiederholt zu beobachten, -- so sagt er selbst -- wie viel weniger entwickelt oder vielmehr wie viel weniger empfindlich das Nervensystem der Neger ist als das unsrige, woraus es sich erklärt, dass sie auch schwerere Operationen so leicht ertragen.[19] Freilich stehen über die Empfindung der Lust noch weit weniger Beobachtungen zu Gebote als über den Schmerz, der sich zu äussern viel mehr Gelegenheit findet. Indes hat der leider der Wissenschaft zu rasch entrissene +Paul Broca+ an den Schädeln der Pariser Katakomben den Nachweis geliefert, in welchem Masse das Volumen derselben innerhalb sechs Jahrhunderte, d. h. mit Fortschreiten der Gesittung sich vergrössert habe. Es hiesse aber aller Analogie ins Gesicht schlagen, wollte man für das Nervensystem verneinen, was für den Behälter unseres Denkvermögens sich nicht bestreiten lässt. Anthropologische Messungen haben auch ergeben, dass Grösse und Gewicht des Gehirns mit der erklommenen Kulturstufe gewissermassen Schritt halten, derart, dass die höchstgestiegenen Rassen sich auch der grössten und schwersten Gehirne erfreuen, während bei niedrigen Stämmen das Umgekehrte eintritt. Der geschätzte Anatom und Physiologe +Th. Bischoff+ hat in einem neueren Werke[20] nachgewiesen, so weit dies die noch unzulänglichen Materialien gestatten, dass: während das mittlere Hirngewicht bei allen gesitteten Nationen so ziemlich das gleiche zu sein scheint, das der niederen Negerrassen in der That nicht nur ein geringeres ist, sondern auch geringere Unterschiede in Beziehung auf die Geschlechter und die Individuen darbietet. Zu gleichen und manchen anderen überraschenden Ergebnissen gelangt auch Dr. +Gustave Le Bon+ in einer ungemein fleissigen, auf sorgfältigen Messungen beruhenden Arbeit.[21] Innerhalb der Kulturwelt haben wiederum, wie der Pariser Gelehrte ziffermässig darthut, die geistig thätigeren Klassen durchschnittlich die grössten Gehirnmassen, wie der Schädelumfang zu schliessen gestattet.[22] Wird auch das geistige Vermögen nicht ohne weiteres von der Massigkeit des Gehirns beherrscht, so bilden doch den bisherigen Befunden zufolge bei geistig hervorragenden Individuen grössere Gehirnmengen zwar keine ausnahmslose Regel, aber doch die entschiedene Mehrzahl, und da das Nervensystem mit den enkephalen Zuständen innig zusammenhängt, so ist es vielleicht nicht unerlaubt zu schliessen, dass jene Geistesriesen auch nervös feiner organisiert sind, d. h. Lust und Schmerz lebhafter empfinden als andre. Vielleicht erklärt sich dadurch, dass gerade solche Individuen, wie Napoleon oder ein Goethe, erotischen Freuden ganz besonders zugethan sind. Bekanntlich bestehen auch innerhalb eines und desselben Kulturvolkes, je nach seinen verschiedenen Schichten, starke Abstufungen der individuellen Nervenorganisation. Was nun für die einzelnen richtig ist, gilt wohl auch für die verschiedenen Stämme, Völker und Rassen.

Möge indes der Sinnengenuss einer Steigerung fähig sein oder nicht, stets ist derselbe gross genug, um allen Lebewesen als begehrenswertestes Ziel zu winken. Dabei ist es immer das Männchen, welches den Dingen entgegenstürmt, oft des erhofften Genusses wegen Gefahren des Lebens sich aussetzt, während das Weibchen sich scheu zurückzieht und dem Strome des Geschehens auszuweichen sucht. „Jeder Jäger,“ bemerkt ein bewährter Naturforscher,[23] „kennt das Sprengen bei Reh und Hirsch: das weibliche Thier flieht, das männliche verfolgt -- dasselbe Verhältnis, wie zwischen Raubtier und Beute. Mir ist kein Tier bekannt, bei welchem das weibliche Geschlecht das verfolgende, überwältigende, das männliche das verfolgte und Widerstand leistende wäre; es ist stets umgekehrt, auch in solchen Fällen, in denen, wie bei den Spinnen, das weibliche Tier das stärkere ist und nach der Begattung oft genug das Männchen auffrisst. Trotz aller Maskierung, die der Instinkt beim Menschen durch erzieherische Einflüsse erfährt, verleugnet sich dasselbe auch bei ihm nicht: die Sprödigkeit ist eine Eigenschaft des Weibes, die Zudringlichkeit kommt dem Manne zu.“ Und dieses Verhältnis gelangt, wie ich bemerken möchte, auch schon zu deutlichem Ausdruck in dem anatomischen Bau der beiden Geschlechter, welcher dem männlichen Zeugungsapparat eine bevorzugte, zum Angriff geeignete Stellung anweist, während er den weiblichen in der Tiefe des Beckens verbirgt und die Wahrung desselben gegen unerwünschte Angriffe ermöglicht. Nur mit Gewalt kann das widerstrebende Weib bezwungen werden, daher bleibt es von Natur aus der gewährende Teil, physisch wie moralisch. Alle Phänomene, welche der Vereinigung der Geschlechter vorangehen, laufen darauf hinaus, dass dem Weibe von Haus aus die Aufgabe zufiel, eine gewisse zeitlang die Angriffe des Mannes zu vereiteln, indem es einen für beide Teile schweren Strauss kämpft, welcher den Sieg desto köstlicher erscheinen lässt, je heftiger und hartnäckiger der Widerstand war. Das Weib des Wilden, vom Manne verfolgt, flüchtet und verbirgt sich, während die europäische Jungfrau mit den Waffen der Schamhaftigkeit und Züchtigkeit das glühende Verlangen des Geliebten reizt und steigert, welchem sie erst nach harten Proben sich überlässt.[24]

Der Paarungstrieb spielt in der menschlichen wie in der tierischen Gesellschaft auch um deswillen eine hochwichtige Rolle, weil seine Befriedigung bei den höher organisierten Geschöpfen ein mehr oder minder langes Zusammenleben nach sich zieht. Gewiss ist letzteres meist bloss zeitweilig; die zum Aufziehen der Jungen erforderliche Frist bestimmt im günstigsten Falle dessen Dauer. Wie kurz aber auch ein solches Zusammenleben bemessen sein möge, so zwingt dasselbe doch jedes höhere Wesen auf den oder die Gefährten Rücksicht zu nehmen, sie zu schonen, ja oft um deren Gunst zu buhlen. Aus dieser notwendigen Gemeinschaft entspringen, insbesondere wenn die beiden Geschlechter um die Pflege der Jungen sich bekümmern, Neigungsgefühle, moralische Bande und soziale Gewohnheiten.

[3] Dr. Herm. +Frerichs+. Zur Naturgeschichte des Menschen. Norden. 1886. S. 97-100.

[4] Dr. +Otto Mohnicke+ teilt einen Fall mit, wo die dem Menschen für spezifisch eigentümlich geltende Krankheit der Pocken auf einen Gibbon übertragen wurde. (Ausland 1872, S. 800-801).

[5] +Wilfred Powell.+ Unter den Kannibalen von Neubritannien. Drei Wanderjahre durch ein wildes Land. Leipzig, 1884. S. 123.

[6] +Désiré Charnay.+ _Les anciennes villes du Nouveau Monde._ Paris, 1885. S. 399.

[7] +Julius Lippert.+ Kulturgeschichte der Menschheit in ihrem organischen Aufbau. Stuttgart, 1886. Bd. I. S. 64-65.

[8] +Hugo Zöller.+ Forschungsreisen in der deutschen Kolonie Kamerun. Berlin u. Stuttgart, 1886. Bd. II. S. 85.

[9] +Joseph Hyrtl.+ Lehrbuch der Anatomie des Menschen. Fünfzehnte Aufl. Wien, 1881. S. 9.

[10] +Paul Mantegazza.+ Anthropologisch-kulturhistorische Skizzen über die Geschlechtsverhältnisse des Menschen. Aus dem Italienischen. Jena, 1886. S. 48.

[11] +Lippert.+ A. a. O. Bd. I. S. 14.

[12] +Frerichs.+ A. a. O. S. 101.

[13] +Paolo Mantegazza.+ _Fisiologia del piacere._ Mailand, 1870. S. 37.

[14] +Alexander von Humboldts Reise+ in die Äquinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. In deutscher Bearbeitung von +Hermann Hauff+. Stuttgart, 1860. Bd. III. S. 154. 156.

[15] +Julius Lippert.+ Die Geschichte der Familie. Stuttgart, 1884. S. 30.

[16] _Quanto più cresce l'intelletto e quanto più crescono i messi della vita, più si moltiplicano i desiderii e la potenza d'amore._ (Cesare Lombroso. _L'amore nel suicidio e nel delitto._ Turin, 1881. S. 38.)

[17] Vom Schmerz weiss man bestimmt, wie manche Halbwilde uns schier unerträgliche Pein und Qualen auszuhalten vermögen, ohne das leiseste Zeichen von Schmerzempfindung zu geben. Wenn auch die dabei entfaltete Willensstärke nicht gering anzuschlagen sein mag, so sprechen doch die vielfachen Martern, welche sie sich selbst auferlegen, die mannigfachen Verstümmelungen, die sie oft um einer nichtssagenden Zier willen sich zufügen, die ausgesuchten Grausamkeiten, welche sie an ihren Feinden verüben, sattsam dafür, dass leiblicher Schmerz von ihnen weniger gefühlt wird, als von den nervösen Kulturvölkern. In unseren Augen möchte wohl schon oft der hundertste Teil der auszustehenden Qualen als empörende Scheusslichkeit empfunden werden. Da nun der Mensch stets von sich auf andere schliesst, so muss der Wilde selbst schon ein beträchtliches Mass von Schmerz ertragen können, wenn er es für nötig hält, dieses Mass, um seinen Feind zu quälen, in so barbarischer Weise zu steigern. Auch die Roheiten unserer eigenen Vergangenheit wurzeln sicherlich zum Teile in dem noch geringer entwickelten Nervensystem unserer Väter im Altertum und Mittelalter.

[18] +Humboldts+ Reise in die Äquinoktial-Gegenden. Bd. III. S. 208.

[19] Globus. Bd. XIV. S. 260.

[20] Siehe Dr. Th. L. W. +Bischoff+. Das Gehirngewicht des Menschen. Eine Studie. Bonn, 1880.

[21] +Gustave Le Bon.+ _Recherches anatomiques et mathématiques sur les lois des variations du volume du cerveau et sur leurs relations avec l'intelligence._ (_Revue d'anthroprologie._ 1879. S. 27-104.)

[22] A. a. O. S. 80 teilt +Le Bon+ das Ergebnis seiner an 1200 Individuen angestellten Messungen des Schädelumfanges mit. Es ist wohl interessant genug, um hier eine Stelle zu finden. Darnach entfielen auf einen

Schädelumfang Gelehrte, Adel, Bürger

von 52-53 _cm_ 0,0 0,0 0,6 „ 53-54 „ 2,0 3,7 1,9 „ 54-55 „ 4,0 9,2 6,2 „ 55-56 „ 6,0 12,8 14,0 „ 56-57 „ 18,0 28,5 24,5 „ 57-58 „ 36,0 22,0 24,5 „ 58-59 „ 18,0 12,8 14,9 „ 59-60 „ 8,0 8,3 7,6 „ 60-61 „ 6,0 1,8 3,3 „ 61-62 „ 2,0 0,0 1,8 „ 62-62,5 „ 0,0 0,9 0,7

[23] +Gustav Jäger.+ Die Entdeckung der Seele. Leipzig, 1880. S. 31

[24] +Mantegazza.+ _Fisiologia del piacere._ S. 39. Mit Bezugnahme auf das oben über den anatomischen Bau Bemerkte, lässt sich die Frage aufwerfen, ob nicht auch in dieser Hinsicht eine Art körperlicher Anpassung an die Anforderungen des Geisteslebens stattfinde. Im Tierreiche versagt sich das Weibchen innerhalb gewisser Zeiten nur selten dem verlangenden Männchen, seine Geschlechtsorgane sind, übereinstimmend damit, ihrer Lage nach weniger verborgen oder geschützt, zugänglicher als beim Menschen, bei dem, selbst auf rohester Stufe, nebst dem Naturtrieb noch andere Momente die weibliche Hälfte in Gewähr oder Versagen ihrer Gunst beeinflussen. Wer nun viel in anthropologischen und ethnologischen Schriften sich unter den Abbildungen wilder und daher noch ungebundener lebenden Menschenspezies umgesehen hat, dem mag es aufgefallen sein, dass bei solchen, wenn anders die Zeichnungen richtig sind, das _ostium vaginae_ sichtbar erscheint in Stellungen, welche dies bei Weibern gesitteterer, nach unseren Begriffen züchtigerer Volksstämme nicht gestatten. Das Organ erscheint darnach weit mehr vorgerückt und zugänglich, viel weniger in die Leibeshöhle zurückgezogen, als z. B. bei den durch ihre Gesittung vielfach auf Versagen angewiesenen Europäerinnen. Vergleichende Messungen des weiblichen Perineums, die aber leider noch fehlen, könnten allein auf die interessante Frage Licht werfen.

III.

Werbesitten und Geschlechtsverkehr im Tierreiche.

Es ist unnötig bei der Frage zu verweilen, wieso der tyrannische Geschlechtsinstinkt, dieser Erhalter der Arten, sich zuerst gebildet habe, und woraus er noch in der Gegenwart entstehe. Vom Standpunkte der Gesellschaftslehre (Soziologie) genügt es, einfach die Thatsache seines Vorhandenseins festzustellen und die verschiedenen Formen, welche im Geschlechtsverkehre sich kundgeben, kurz zu beleuchten. Doch halte ich es für empfehlenswert, zuvörderst einen Blick in das Gebahren der Tierwelt zu thun, ehe der Mensch und sein geschlechtliches Treiben zur Erörterung gelangen. In der Tierwelt gelangt nun der Paarungstrieb sehr deutlich zunächst in den +Werbesitten+ der höheren Arten zum Ausdruck, wobei, anknüpfend an das im vorhergehenden Abschnitt Gesagte, stets das Männchen als der werbende Teil auftritt. Oft spielt darin der +Kampf um das Weibchen+ die bedeutendste Rolle.

Von den zahlreichen Beispielen aller Arten erotischer Leidenschaften sei bloss die launige Schilderung angeführt, welche Kapitän +Bryant+ von dem merkwürdigen Treiben der nach Art der türkischen Grossen sehr verliebten und in Polygamie lebenden Ohrenrobben (_Otaria jubata L._) auf der St. Paulsinsel entwirft. Gegen den 15. Juni, erzählt +Bryant+, sind alle Männchen versammelt und alle passenden Plätze vergeben. Die alten Herren erwarten jetzt offenbar die Ankunft der Weibchen. Letztere erscheinen zuerst in kleiner Anzahl, dann aber in immer zunehmenden Scharen, bis Mitte Juli alle Landungsplätze überfüllt sind. Viele der Weibchen scheinen bei ihrer Ankunft den Wunsch zu hegen, mit einem bestimmten Männchen sich zu vereinigen. Aber sie werden daran durch die „Junggesellen-Robben“ gehindert, welche längs der Küste schwimmend, die ankommenden Weibchen beobachten und sie ans Land treiben. Sobald sie dieses betreten haben, nähert sich ihnen das nächstliegende Männchen, lässt einen glucksenden Laut vernehmen und sucht, der neu angekommenen Genossin freundlich zunickend und sie auch wohl liebkosend, allmählich zwischen sie und das Wasser zu kommen, so dass sie nicht mehr zu entfliehen im stande ist. Sobald ihm dies gelungen, ändert der Haustyrann sein Betragen vollständig, denn an Stelle der Liebkosungen tritt Zwang und das Weibchen wird genötigt, einen der noch freien Plätze im Harem des gestrengen Herrn einzunehmen. In dieser Weise verfährt jeder männliche Seebär, bis alle Plätze in seinem Harem besetzt sind. Aber nun muss er den Besitz seiner Auserkorenen auch energisch verteidigen, da seine über ihm lagernden Kollegen versuchen, seine Weiber zu rauben, indem sie eines derselben mit den Zähnen packen, wie eine Katze die Maus, und in ihren eigenen Weiberzwinger schleppen. Die über ihnen lagernden Männchen verfahren in derselben Weise, und so dauert das Weiberstehlen fort, bis alle Plätze besetzt sind. Dabei giebt es denn oft sehr heftige Kämpfe der Herrn Sultane, welche schliesslich, wenn jeder Harem gefüllt ist, selbstgefällig auf und nieder wandeln, ihre Familien überblicken, die unruhigen Weibchen schelten und alle Eindringlinge wütend davontreiben.

Auch den hässlichen Amphibien schlägt ein begehrendes Gefühl im gepanzerten Busen. Der Alligator ist nach +Bartram+ bestrebt, die Gunst des Weibchens dadurch zu gewinnen, dass er in der Mitte seiner Lagune sich herumtummelt und brüllt und sich dabei benimmt „wie ein Indianerhäuptling, der seine Kriegstänze einstudiert“. Manche Tierarten wissen sogar ihr erotisches Streben mit einem -- fast möchte man sagen -- poetischen Schimmer zu verklären. +Charles Darwin+ ist der Ansicht, dass den Tieren einiger Schönheitssinn zukomme, wenigstens solchen der höchsten Klassen; dass demnach z. B. weibliche Vögel die Schönheit der vor ihnen Staat machenden Männchen bewundern, sowie sie sich an deren Gesang erfreuen. Hinsichtlich der männlichen Tiere glaubt aber +Gerlach+, dass die Entfaltung der Schmuckfedern vor den Weibchen männlicherseits keine Kenntnis des Schmuckgefieders voraussetze, sondern nur den geschlechtlichen Reiz, welcher auf diesen Teil des Sexuallebens wirke. Er führt dabei eine Stelle aus +Waitz'+ Psychologie an: „Die sämtlichen Tiere gebrauchen ihre Glieder im höchsten Grade zweckmässig, ohne dass es darum wahrscheinlich würde, dass sie davon einige Kenntnis besässen.“ Sei dem, wie ihm wolle, Thatsache ist es, dass viele Geschöpfe in der Paarungszeit ihre besten Reize zu entfalten bestrebt sind.

Ganz besonders gilt dies von der Vogelwelt, welche zahlreiche diesbezügliche Beispiele liefert. Wer hat nicht schon von den Trommelkünsten der gefiederten Werber gehört, denen der Gesang versagt ist? Der Schwarzspecht (_Picus martius L._) hängt sich an den dürren Wipfel eines hohen Baumes oder wenigstens an einen dürren Ast an und hämmert mit seinem Schnabel so heftig dagegen, dass der Ast in zitternde Bewegung gerät. Hierdurch entsteht ein wunderbares Trommeln, welches im Walde so stark widerhallt, dass man es bei trockenem Wetter wohl eine Viertelstunde weit hört. Dasselbe dient dazu, das Weibchen zu erfreuen, welches auf dieses Geräusch auch gewöhnlich sofort herbeikommt und Antwort giebt. Alle Künste der Buhlerei werden entfaltet zur Werbezeit, alle Mittel, um persönliche Schönheit und Vorzüge ins rechte Licht zu setzen, mit heissem Bemühen angewendet. Wer hörte nicht vom „Balzen“ des Auerhahns und seiner Verwandten, in deren erotischer Verzückung Tanz und Gesang sich vereinigen. Der Birkhahn (_Tetrao tetrix L._) z. B. stösst in der Balze die sonderbarsten Töne aus, macht die merkwürdigsten Gebärden, Sprünge und Bewegungen bei gesträubten Federn und erhitzt sich immer mehr, bis er zuletzt wie toll erscheint. Das Männchen des nordamerikanischen _Tetrao urophasianus_ hat beim Umwerben des Weibchens seinen nackten gelben Kopf ungeheuer aufgetrieben, stösst kratzende, hohle, tiefe Töne aus, richtet die Holle auf, breitet die Schwanzfedern aus, schleift die Flügel auf dem Boden und nimmt die sonderbarsten Stellungen an. Das Männchen des ebenfalls nordamerikanischen _Tetrao umbellus_ trommelt mit seinen gesenkten Flügeln laut auf seinem eigenen Körper, richtet den Schwanz auf und entfaltet seine Krause, worauf das in der Nähe befindliche Weibchen herbeifliegt. Der Albatros der südlichen Hemisphäre (_Diomedea exulans_) berührt mit seinem Schnabel den des Weibchens, beide schaukeln die Köpfe im Takte und sehen sich lange an. Das Schnäbeln unserer Turteltauben ist nahezu ein wahres Küssen. Von dem niedlichen, kleinen, schwarzen Webervogel (_Ploceus socius Lath._) mit gelben Schultern erzählt +David Livingstone+, dass drei bis vier derselben sich nach dem Frühstücke auf den Büschen mit Gesang erlustigen, worauf ein Spiel im Fluge folgt. Diese Spiele finden aber nur während der Paarungszeit und im Hochzeitskleide statt, nicht so lange der Vogel sein einfaches braunes Winterkleid trägt. Bei der australischen Moschusente ist der Moschusgeruch immer nur auf den Enterich beschränkt und wird in der Paarungszeit lange vorher wahrgenommen, ehe der Vogel sichtbar wird. Der Felshahn, die Paradiesvögel u. a. sammeln sich in Gruppen vor den Weibchen und machen Staat vor ihnen, welche dann die ihnen zusagendsten erwählen. Der Felshahn (_Rupicola aurantia L._), ein prachtvoller Schmuckvogel Südamerikas, errichtet an abgelegenen Orten förmliche Tanzplätze von 1¼-1½ m Durchmesser, von denen jeder Grashalm entfernt wird und auf welchen der Boden so glatt ist, als hätten ihn menschliche Hände geebnet. Auf dieser Schaubühne, um welche die übrigen Vögel still und bewundernd umherstehen oder auf niedrigen Büschen sitzen, tritt nun ein Männchen nach dem andern auf, um seine Künste zu zeigen, welche in verschiedenen Gebärden und dem Ausstossen eigentümlicher Töne bestehen. +Schomburgk+ sah auf diese Weise drei Helden nacheinander auftreten, bis ein plötzliches Geräusch die ganze Vogelgesellschaft verscheuchte. Die Indianer, welche die schönen Bälge dieser Vögel ungemein schätzen, suchen deren Vergnügungsplätze eifrig auf und verbergen sich in der Nähe mit Blasrohr und vergifteten Pfeilen. Sind die Tiere einmal mit ihrem Tanzvergnügen beschäftigt, so werden sie davon derart eingenommen, dass die Jäger mehrere hintereinander erlegen können, ehe es die übrigen merken und davon fliegen.

Auch der gewöhnliche stelzbeinige Kranich (_Grus cinerea Bech._) übt, von dem allmächtigen Triebe angefeuert, die edle Tanzkunst mit Leidenschaft, obwohl vielleicht mit weniger Geschicklichkeit aus. Die Palme in jeder Hinsicht gebührt aber sicherlich australischen Paradiesvögeln, wie _Amblyornis ornata_ und ihren Verwandten. Die australischen „Lustlauben-Verfertiger“ (Atlasvögel und Kragenvögel) bauen nämlich gar Versammlungshäuser, die nicht etwa als Niststätten, als Nester dienen, sondern lediglich als Ballsaal, worin Herren und Damen Bekanntschaft machen und in minnigen Pantomimen sich ergehen. Der merkwürdige Vogel beginnt damit, dass er einen ziemlich festen Fussboden von kleinen Zweiglein webt. In diesen Fussboden stösst er an beiden Seiten eine Anzahl langer und dünner Zweige derart ein, dass ihre Spitzen sich kreuzen und ein einfaches Gewölbe bilden. Es entsteht so eine gewölbte Laube oder ein Laubengang, bei grösseren Kragenvögeln etwa 1¼ m lang und 45 cm hoch, welcher als Versammlungssaal oder Stelldichein dient. Eine Anzahl Vögel kommen daselbst zur Minnezeit mehrere Stunden des Tages über zusammen und geben sich ihren Vergnügungen hin. Aber nicht genug damit -- die beiden Eingänge der Laube werden mit einer Menge schön gefärbter oder hellglänzender Gegenstände verziert, um sie dem Auge angenehm zu machen. Muscheln, Zähne, Knochen, bunte Steine, Scherben, Papier- oder Kattunschnitzel, auch allerhand kleine, dem Menschen entwendete Gegenstände, wie Fingerhüte u. dgl. werden herbeigetragen, um dem Schönheitssinne der gefiederten Gäste Genüge zu thun. Diese Dinge werden beständig anders geordnet und von den Vögeln in ihrem Spiel umhergeschleppt. Überdies wird, wie +Gould+ berichtet, die Laube selbst im Innern schön mit langen Grashalmen ausgefüttert, welche so angeordnet werden, dass die Spitzen sich nahezu treffen, und die Verzierungen sind ausserordentlich reich. Nach +Darwin+ benützen die Vögel runde Steine dazu, die Grasstengel an ihrem gehörigen Orte zu halten und verschiedene nach der Laube hinleitende Pfade zu bilden. Es sind dies sicherlich Verfeinerungen, welcher sehr niedrig stehende Menschenstämme, wie die Australier, die früheren Tasmanier, die Pescheräh u. a. völlig unfähig wären.