Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung
Part 16
Gegen diese Deutung, die er eine „verwegene“ nennt, wendet sich der jüngste, glaubensstarke Anwalt der Naturvölker, Dr. +Schneider+, und es verlohnt der Mühe, den Bocksprüngen eines von vorne herein in der Entartungslehre befangenen Geistes zuzusehen. „Wir selbst,“ sagt unser Kämpe, „gebrauchen die Bezeichnungen Onkel und Tante, Vetter und Cousine, Neffe und Nichte ohne Rücksicht auf die Blutnähe, nennen Schwager sowohl den Bruder der Frau, als den Mann der Schwester der Frau, und Schwägerin die Frau des Bruders, wie die des Bruders der Frau, und dennoch verbinden wir mit diesen Worten stets ein bestimmtes Verwandtschaftsverhältnis. Aus dem Umstande, dass das leibliche Band zwischen Eltern und Kindern durch die Sprache nicht bezeichnet wird, folgt keineswegs, dass dasselbe überhaupt nicht erkannt oder anerkannt wird.“[339] Bis dahin kann man dem Autor folgen, da sich in der That aus dem Mangel sprachlicher Ausdrücke nicht mit Sicherheit auf die gänzliche Abwesenheit der entsprechenden Begriffe schliessen lässt. Kein vorurteilslos denkender Forscher vermag ihm aber zuzustimmen, wenn er sagt: „Statt der empörenden Annahme beizupflichten, welche darin einen Rückstand urzeitlicher Gemeinschaftsehe verteidigt, würden wir lieber auf jede Erklärung verzichten.“[340] Dass dieses Zurschautragen sittlicher Entrüstung nicht die Sprache wissenschaftlicher Denkweise sein kann, bedarf keiner Erörterung. Die Wissenschaft kennt keine „empörenden“ Annahmen, wird durch nichts empört, durch nichts begeistert; sie sucht nach Wahrheit, gleichgültig, wo und wie sie dieselbe findet. Die Wahrheit ist aber an sich weder gut noch böse, weder schön noch hässlich, weder sittlich noch unsittlich, sondern nichts als wahr. Dr. +Schneider+ ist indes im Besitze einer in seinen Augen sehr befriedigenden Erklärung: „Die in Rede stehenden Verwandtschaftssysteme hören auf, widersinnig oder unverständlich zu sein“ -- (dies sind sie auch uns nicht) -- „sobald dieselben aus ihren Grundgedanken und Zwecken erklärt und durch die gesellschaftlichen Bedürfnisse der urzeitlichen Menschheit beleuchtet werden.“ Sehr richtig; den „Grundgedanken“, den „Zweck“ und die „gesellschaftlichen Bedürfnisse“ des Urmenschen erblickt Dr. +Schneider+ aber in folgendem: „Denselben ist offenbar die Absicht zu Grunde zu legen, das höhere Ansehen und mit ihm die Verantwortlichkeit aller Glieder der älteren Geschlechterreihen über die der jüngeren zu befestigen, die letzteren in der Ehrfurcht und im Gehorsam gegen das Alter zu erhalten und endlich die Genossenschaft vor Zersplitterung in Seitenzweige zu schützen. Dadurch, dass die Bezeichnungen Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Bruder und Schwester ohne Rücksicht auf die Blutnähe angewendet wurden, bildeten die einzelnen Familien einer Sippe in Wirklichkeit nur eine einzige, deren sämtliche Angehörige sich als nächste Blutsverwandten betrachteten.“[341] Man sieht, in seinem Eifer gelangt unser Gegner zur nämlichen Auffassung der Geschlechtsgenossenschaft wie wir, nur erscheint diese ihm, statt als Ausgangs-, als Endpunkt der klassifikatorischen Bezeichnungsweise. Wessen Phantasie fähig ist, den Urmenschen mit den ihm vom Verfasser unterschobenen Absichten und dem Begriffe von Verantwortlichkeit und Fürsorge auszustatten, bringt am Ende wohl auch die weitere Schlussfolgerung fertig. Die Verwandtschaftsbezeichnungen wurden bei den Irokesen bekanntlich auf die einzelnen Nationen ihres Bundes ausgedehnt, und dies belehrt uns nach Dr. +Schneider+ deutlich, „dass das so übel missdeutete Verwandtschaftssystem innerhalb der Clanschaft zu keinem andern Zwecke diente, als innerhalb des Staatenbundes, nämlich zur Bezeichnung des Ranges, zur Sicherstellung der Autorität und zur Stärkung des Stammesbewusstseins.“ Dass man, wenn z. B. die Onondaga „die Väter“, die Cayuga „die Kinder“ hiessen, damit die Stämme nach ihrem Alter einfach als ältere und jüngere bezeichnen wollte, wie sie es in der That auch waren, -- daran scheint Dr. +Schneider+ gar nicht gedacht zu haben. Ganz Köstliches leistet er aber in folgendem: „Aus der instinktiven Bereitwilligkeit, mit welcher der einzelne Naturmensch auf alle Sonderinteressen verzichtet und in der Familie oder Sippe aufgeht“, -- (also doch!) -- „wird niemand folgern wollen, das individuelle Bewusstsein sei in der Urzeit vom Kollektivbewusstsein nicht“ -- -- „geschieden gewesen; ebenso wenig kann durch die sprachliche und thatsächliche Verschmelzung mehrerer Familien zu einer einzigen die begriffliche Abwesenheit der Einzelfamilie glaubhaft gemacht werden.“[342] Was hierunter sich zu denken sei, ist nicht recht verständlich. Unter Verschmelzung versteht man doch ein Einswerden derart, dass die einzelnen Bestandteile als solche aufhören erkennbar zu sein. Hat nun eine solche Verschmelzung thatsächlich stattgefunden, wie sollte und könnte sich in der Geschlechtsgenossenschaft die Einzelfamilie erkennen, wie könnte der Begriff einer solchen vorhanden sein? Der Leser mag nach dem Gesagten entscheiden, ob den Ausführungen Dr. +Schneiders+ und seiner Anhänger auch nur die geringste Spur von Wahrscheinlichkeit innewohne.
Es ist also wohl ein durchaus vergebliches Bemühen, der Urzeit die Ehe, die Verwandtschaft und die Familie in unserem Sinne retten zu wollen. Ohne Begriffsvermischung kann innerhalb der urzeitlichen Geschlechtsgenossenschaft von „ehelichen“ Verhältnissen nicht die Rede sein. Wir kommen nicht über die auf Mutter und Kind beschränkte Muttergruppe hinaus, die inmitten der liebeleeren Ungebundenheit stets von der Natur gegeben war und in welcher die Mutterfolge herrschte, herrschen musste, so lange es zu keiner bestimmten Vaterschaft kam. Deswegen kann ich auf die Urzeit des sonst so gewiegten und vorsichtigen +Edward Tylor+ Meinung nicht ausdehnen: „Selbst bei den rohesten Völkern, vorausgesetzt, dass sie nicht durch Laster oder Elend verkommen sind, finden wir eine Vorstellung von der sittlichen Bedeutung des Familienlebens.“[343] Diese Voraussetzung bricht zusammen, sobald man die Liebe aus dem Bereiche der niederen Kultur hinwegräumt, wie sogar noch heute lebende, unberührte Menschenstämme zu thun gestatten. Die Wahrheit ist, dass wo die Familie überhaupt noch nicht vorhanden ist, es auch keine Vorstellung von ihrer sittlichen Bedeutung geben kann.
In allen Weltteilen, bei den verschiedensten Völkern und durch alle Zeiten ist das Vorhandensein eheloser Ungebundenheit des Geschlechtsverkehrs und damit der Muttergruppe nachweislich. In diesen allerältesten Zeiten liess sich die Vaterschaft natürlich nicht feststellen, das Kind gehörte unzweifelhaft der Mutter, und zwar der Mutter ganz allein. Freilich der römische Rechtssatz: _mater semper certa est, etiamsi vulgo conceperit, pater vero is tantum, quem nuptiae demonstrant_, konnte damals noch keine Geltung haben, und es ist irrig, spätere Erscheinungen daraus abzuleiten, dass man den Frauen keine Treue zutrauen konnte, da ja der Begriff der Treue noch gar nicht bestand; immerhin ist anzuerkennen, dass die Unsicherheit der Vaterschaft, was freilich niemanden interessierte, thatsächlich vorhanden war. Wenn nun einige Forscher, wie +Post+ und +Wilken+, meinen, dass in der ersten Urzeit selbst die dauernde Beziehung zwischen Mutter und Kind so gut wie unbekannt war, und das Kind, keiner bestimmten Person angehörend, in der Horde aufging,[344] von der es einen Teil ausmachte, daher auch seiner natürlichen Mutter nicht näher verwandt galt, als irgend einem andern Stammgenossen oder wenigstens einer Klasse von andern Stammgenossen,[345] so kann doch dieser Zustand begreiflicherweise nicht lange gedauert haben. Es lässt sich hören, dass bei den indischen Naïr kein Sohn seinen +Vater+, kein Vater seinen Sohn kennt; das von der Natur um +Mutter+ und +Kind+ geschlungene Band musste jedenfalls sehr bald seine Rechte geltend machen, und diese Naturwahl trug dazu bei, dasselbe immer inniger und fester zu gestalten. Alle Beispiele rascher Entfremdung zwischen Mutter und Kind, womit die moderne Völkerkunde uns versieht, betreffen auch stets nur den ohnehin überall von der Familie sich frühzeitig ablösenden +Sohn+, niemals die +Tochter+, welche bis zum mannbaren Alter fast ausnahmslos bei der Mutter bleibt, ein Verhältnis, für das man sich in der ganzen übrigen Welt der Lebewesen vergeblich nach einem Beispiele umsieht. Aber auch beim männlichen Kinde kann die Entfremdung und das Aufgehen in die Horde nicht allzurasch vor sich gehen.
Nichts in der That, bemerkt +Lippert+, ist hilfloser als das neugeborene Kind; nicht Wochen und Monate, sondern Jahre bedarf es seiner Mutter zur Ernährung, und somit ist schon ein dauerndes Verhältnis zwischen Kind und Mutter begründet. Auch lange nach der Entwöhnung bleibt selbst den Kindern in unseren Zivilisationskreisen die Milch der wichtigste und hauptsächlichste Teil ihrer Nahrung. Wir ersetzen diesen Mangel durch Kuhmilch; den Völkern, welche keine milchspendenden Haustiere besitzen, wie z. B. die Amerikaner und die Schwarzen Zentralafrikas, fehlt natürlich dieses Surrogat, und zur Aufbringung des Kindes kennen sie kein anderes Mittel, als das der möglichsten Erstreckung der natürlichen Ernährungsweise und ein entsprechendes Hinausschieben der Zeit des Überganges. Damit trifft zusammen, dass die Ernährung aus dem mütterlichen Busen für die Sitte und Lebensweise der Urzeit wie der Unkultur zugleich die leichteste, bequemste ist. Aus diesem Grunde erstreckt sich die Zeit des Nährens bei allen Völkern niederer Kultur auf ungewöhnlich grosse Zeiträume. Drei bis vier Jahre des Säugens und mehr sind nichts Seltenes,[346] und es giebt Völker, bei welchen halb herangewachsene Buben ihre Spiele unterbrechen, um nach der Mutterbrust zu verlangen, welche manche von ihnen schon mit der glimmenden Zigarre vertauschen. +Lippert+ glaubt nun, dass alle Völker einmal durch die Schule der langen Nährfrist gegangen, weil eben die Erfindung der besten Ersatznahrung erst ein spätes Ereignis sei. Allein die Richtigkeit der letzteren Behauptung auch zugegeben, so kann dieselbe doch nicht der ausschliessliche Grund der beregten Sitte sein, denn bekanntlich beschränkt sich die Nahrung des Kindes bei jenen Völkern, welche die Säugezeit ungebührlich lange ausdehnen, durchaus nicht auf die mütterliche Milch, sondern es werden dem Säuglinge schon frühzeitig andere Stoffe zugeführt. Im nordwestlichen Amerika gewöhnen die Tlinkit und Koljuschen ihre Kinder schon nach zehn Monaten an den Genuss eines Seetieres, und die Eskimokinder, welche noch nicht sprechen können, verzehren mit ungeheurer Gefrässigkeit grosse Fett- und Fleischklumpen vom Walross,[347] während die Kinder der Chippeway-Indianer beständig mit dem Essen von Musetier- und Elenfleisch sich beschäftigen, wenn sie nicht gerade am mütterlichen Busen saugen.[348] Es ist also bei den Urvölkern, wie Dr. +Ploss+ mit grösserer Wahrscheinlichkeit annimmt, die Bequemlichkeit, die Einfachheit und Billigkeit dieser Ernährungsweise, dann die Gewohnheit, und endlich auch die Fähigkeit, jahrelang ohne Nachteil stillen zu können, massgebend.[349]
Sei dem indes wie immer, Thatsache ist, dass die meisten Wilden ungemein lange Nährfristen beobachten, und dies musste die Folge üben, dass in der Urzeit das Kind selbst schon mit erwachenden Sinnen auch des Bandes bewusst ward, das es an die Mutter knüpfte. So zeitigte die Mutterliebe im Kinde die jüngere Frucht der Kindesliebe, der Liebe zur Mutter.[350] Weil weit weniger erforderlich zur Erhaltung der Art, ist dieses Gefühl auch weniger verbreitet und viel schwächer als die Liebe der Eltern zu den Kindern. Den Tieren ist es völlig unbekannt; der kulturarme Wilde empfindet es meist nur leise und selbst beim Gesitteten vermag es in der Regel an Kraft sich mit der elterlichen, besonders der mütterlichen Liebe nicht zu messen.[351] Immerhin dürfen wir erwarten, dass in den Zeiten der Muttergruppe die Kinder der nämlichen Mutter für längere Dauer eine der Art der Zusammengehörigkeit sich bewusste Gemeinschaft um die Mutter bildeten und dass die Töchter an dieser Gemeinschaft noch festhielten, wenn die Söhne der Paarungstrieb oder der Hunger davonführte. Hingegen war der Einfluss jener Grundsitte des jahrelangen Nährens auf das Verhältnis von Mann und Frau, sowie auf dessen Dauer +nicht+ günstig. Darin muss man +Lippert+ beistimmen, nicht aber in seiner Begründung der beobachteten Thatsachen. Ihm zufolge gebietet nämlich ein physiologisches Gesetz für die ganze Dauer der Muttersorge strenge Entsagung, wodurch der Mann sich vollständig vereinsamt sah und der Bund durch Trennung der beiden Erzeuger wieder gesprengt war. Frühzeitig soll die Erfahrung dieses Gesetz der Enthaltsamkeit gelehrt haben, welches gar bald auch zur menschlichen Satzung ward, auf deren Übertretung ein schwerer Fluch lastete. Starb gar das Kind während der üblichen langen Säugeperiode, so erweckte dies die Vermutung, dass die Frau die Gemeinschaft des Mannes den Mutterpflichten vorgezogen habe. Das Entsagungsopfer, welches für die Existenz des Kindes gebracht wurde, zerstörte aber für die ferneren Zeiten der Urgeschichte die Möglichkeit einer dauernden und einpaarigen Ehe.
So legt, anschliessend an +Lubbock+, der geistvolle +Lippert+ den Sachverhalt dar.[352] Richtig ist, dass unter manchen kulturarmen Völkern der Geschlechtsgenuss dem Weibe so lange untersagt ist, als sie ihr Kind säugt. Allein diese Vorschrift hat durchaus nicht allgemeine Gültigkeit. Bei den marokkanischen Arabern z. B. pflegen die Mütter ihre Kinder zwei Jahre lang zu nähren und während dieser Zeit leben sie zumeist allein; doch ist es ihrem Manne nach Ablauf von drei Perioden gestattet, sie wieder zu besuchen und mit ihnen Umgang zu pflegen.[353] Ferner ist es wohl eine durchaus +irrige+ Voraussetzung, dass Entsagung ein physiologisches Gesetz und vollends, dass sie zur Erhaltung des Kindes notwendig sei. Vielmehr ist in der überlangen, sich nicht selten auf vier bis fünf, ja mitunter bis zu zehn und zwölf Jahren erstreckenden Nährfrist eine der +Ursachen der übergrossen Kindersterblichkeit+ zu suchen, während sie zugleich eine frühzeitig eintretende Hinfälligkeit und Abgelebtheit der Mutter nach sich zieht. Man kann also nur so viel sagen, dass unter günstigen Verhältnissen die kräftigen Mütter wilder und halbwilder Völker ihren Kindern eine nach unseren Begriffen ungemein lange Zeit die Milch ihrer Brust als fast ausschliessliche Nahrung darreichen können, ohne dass sie selbst oder ihre Sprösslinge dadurch besondern Schaden erleiden. Allerdings beobachtet man auch vielfach, dass wilde Mütter durch ein mehrere Jahre lang dauerndes Säugen frühzeitig welken und altern.[354] Von einem „Entsagungsopfer“ ist vollends keine Rede. Es ist vielmehr die blosse +Furcht vor der Geburt+, welche die Weiber so lange stillen lässt, um einer frühzeitigen Wiederholung der Schwangerschaft zu entgehen, denn in der That sind sie in der Lage, während des Säugens geschlechtlich zu geniessen unter verringerter Gefahr des Empfangens. Freilich hilft das Mittel nicht immer. Bei den Serben stillt die Mutter so lange, als sie nicht von neuem schwanger wird, ein Beweis, dass sie also in der Nährzeit den Geschlechtsgenuss sich nicht versagt. Alle glauben aber, dass sie nicht schwanger werden könnten, so lange sie säugen, ein Punkt, in dem sie sich freilich oft irren.[355] Wenn die Arawakenfrauen die Kinder mehrere Jahre fortstillen, bis das nächste Kind da ist, so ist damit gleichfalls ausgesprochen, dass das Säugen die Empfängnis nicht hindert; auch bei den Negerinnen in Altkalabar dauert das Säugen bis zu einigen Monaten in die nächste Schwangerschaft hinein, es hat also während desselben Befruchtung stattgefunden. Im allgemeinen darf man aber wohl annehmen, dass die Gefahr einer neuen Schwangerschaft durch eine lange Säugeperiode verringert werde, ja bei einigen Frauen ist die Meinung verbreitet, dadurch gänzliche Unfruchtbarkeit herbeiführen zu können; wenn auch nicht diese, eine Verringerung der Kinderzahl hat sie jedenfalls zur Folge, denn es tritt durch lang fortgesetztes Säugen Atrophie des Uterus ein.[356] Dr. +Ploss+, der diesen Fragen jahrelanges Studium gewidmet hat, hält den thatsächlich unrichtigen Gedanken, dass Ausübung der Begattung der Säugenden oder dem Säuglinge schaden könne, für einen den wilden Völkern allzu ferne liegenden; ich glaube mit Recht, denn es lag sicher nicht im Wesen des gedankenarmen Urmenschen, das Wohl des kommenden Geschlechtes fürsorgend durch sein eigenes zu erkaufen. Wie der Zweck der Natur mit dem Erscheinen des Kindes erreicht ist und dieselbe sich nicht weiter um die Eltern bekümmert, welche sie oft grausam ihrem Schicksale überlässt, so lebt als wirksames Gegengewicht in jedes Menschen Brust der egoistische Erhaltungstrieb, der zuvörderst auf das eigene Wohl bedacht ist. Die lange Säugezeit auf niedrigen Gesittungsstufen bedeutet also nicht nur +kein+ Entsagungsopfer des Weibes, sondern vielmehr das gerade +Gegenteil+, nämlich das Streben, den Geschlechtsgenuss sich zu sichern mit thunlichster Vermeidung seiner Folgen. Doch soll nicht geleugnet werden, dass in der That Enthaltsamkeit während der Stillungsperiode vielfach auf niederen Stufen geübt wird; nur liegen ihr nicht die von +Lippert+ vermuteten Gefühle zu Grunde. Vielmehr darf man wohl mit Dr. +Ploss+ annehmen, dass nach allgemeiner Volksstimmung die weibliche Person, so lange sie +überhaupt+ in einer geschlechtlichen Verrichtung begriffen ist, als im Ausnahmezustand befindlich gilt, der für +andere+ dann eine gewisse Gefahr darbietet, wenn sie sich mit der darin Befindlichen in zu nahe Berührung einlassen.[357] Die Enthaltsamkeit geht also nicht vom Weibe, sondern vom Manne aus, und was diesen zurückhält, ist gemeine Furcht. Zu Gunsten dieser Ansicht spricht, dass bei den meisten Wilden und Halbwilden das Weib während der Katamenien als „unrein“ gilt und eine unerschöpfliche Liste von Vorurteilen und darauf gegründeten Sitten diese Momente des Geschlechtslebens in den dunkelsten Zeiten umgab und noch umgiebt. Nur der hochgestiegene Europäer ächtet das Weib weder in dieser Zeit, noch wenn sie schwanger oder gar Wöchnerin ist. +Mantegazza+ erzählt von einem seiner Bekannten, welcher seine eigene Frau so sehr liebte (?) dass er schon in der ersten Woche nach ihrer Entbindung zu ihr kam. Drei Tage nach derselben war sie von neuem in der Hoffnung und neun Monate darauf schenkte sie einem zweiten Kinde das Leben.[358]
Ich muss mich also von +Lippert+ etwas trennen in der Deutung der urzeitlichen Entsagung und darin nicht so sehr einen Triumph der auf die Erhaltung der Nachkommenschaft bedachten Mutterliebe, als einen Ausfluss der auf Beschränkung der Brut abzielenden Eigenliebe erkennen, eine Beschränkung, die derselben andererseits freilich wieder zum unbeabsichtigten Vorteile gereicht. Für die Urzeit ist diese Deutung, däucht mir, die weitaus glaubwürdigere, und vielleicht wird auch +Lippert+ sich ihr anschliessen, wenn er die beigebrachten Gründe auf ihre Wichtigkeit und Tragweite hin sorgsam prüft. Das Kind war für die Mutter zuerst unter allen Umständen eine Last, und war sie auch in der Lage, dasselbe selbständig aufzubringen, so erschwerte sich ihr doch sehr erheblich der Kampf ums Dasein mit der wachsenden Kinderzahl. Der allerursprünglichste Grad von Fürsorge für das Eigenwohl wies daher das Weib auf deren Beschränkung hin, und die Entsagung mochte ihr desto leichter fallen, als die Lust an Geschlechtsfreuden noch weniger ausgebildet war. Die fürsorgende Entsagung während des Stillens im Hinblick auf die Nachkommenschaft gehört wohl erst einer späteren Epoche an, wie sie manche Barbaren der Gegenwart darstellen mögen. So betrachten es auf den Vitiinseln z. B. die Angehörigen der Frau als eine offenbare Beleidigung, wenn diese vor Ablauf der üblichen drei bis vier Jahre wieder ein Kind bekommt, und halten es dann für ihre Pflicht, sich in derselben offenkundigen Weise zu rächen. +Berthold Seemann+, welcher 1860 den Vitiarchipel besuchte, erzählt von einem Weissen, welcher auf die Frage der Eingebornen nach der Zahl seiner Geschwister, offenherzig mit: „Zehn“ antwortete. „Aber das ist ja nicht möglich,“ meinten die Insulaner, „eine Mutter kann kaum so viele Kinder erzeugen.“ Belehrt, dass diese Kinder in jährlichen Zwischenräumen zur Welt gekommen und dass dies ein in Europa häufiges Vorkommnis sei, fanden die dem Kannibalismus huldigenden Naturkinder dies ungemein anstössig und meinten, dies erkläre zur Genüge, warum so viele Weisse blosse Knirpse seien.[359] Auf diesen fortgeschritteneren Stufen ist übrigens die Beschränkung der Geburten gar nicht die Folge von Entsagung, sondern künstlich bewirkt. Von den Chewsuren im Kaukasus meldet Dr. +Gustav Radde+, selten werde man mehr als drei Kinder in einer Familie finden, denn „es ist bei den verheirateten Chewsuren eine grosse Schande, wenn dem jungen Paare vor Ablauf der ersten vier Jahre ein Kind geboren wird. Aber später darf erst im Verlaufe von abermals wieder drei Jahren eine zweite Geburt statthaben; die Leute meinen, dass bei der raschen Aufeinanderfolge der Kinder das jüngere dem älteren die nötige Pflege rauben würde. Die also mit dem zwanzigsten Jahre eingegangene Ehe bleibt vier Jahre lang unfruchtbar und das absichtlich“, nicht aber auf dem Wege der Enthaltung.[360] Immerhin bleibt +Lipperts+ Folgerung zu Recht bestehen, dass die mit der langen Nährfrist in irgend einer Weise zusammenhängende Enthaltsamkeit den Wechsel der Frauen seitens der Männer bedinge; er hätte hinzufügen können: wie jenen der Männer seitens der Frauen. Denn spätestens nach der Geburt des Kindes schied der Mann, um seine Freuden in den Armen eines andern Weibes zu suchen, die Mutter aber blieb während der langen Nährzeit auf sich selbst angewiesen. Bei dem geringen Vorrate an Zärtlichkeit, welcher den niederen Gesittungsstufen eignet, ist kaum anzunehmen, dass die Neigung des Weibes zum nämlichen Manne die Probe der Jahre zu bestehen vermochte. So lange sich das Weib nicht in den Besitz eines einzigen Mannes gab, -- und bis dahin war noch ein weiter Weg -- fiel sie leicht in den verschiedenen Zeiten ihrer Freiheit Verschiedenen zu. Hatte sie doch, so lange sie frei für sich in ihrer eigenen Gewalt stand, für niemanden ihre Unberührtheit zu wahren.[361] Die wenigen Kinder, welche das Weib in langen Zeitabständen gebar, dürften also nur selten vom gleichen Vater stammen. Denn der Trieb nach Fortpflanzung verlangt eben so heftig nach Wechsel, wie der Trieb nach Erhaltung der Gattung nach Dauer in dem Verhältnis von Mann und Weib. So ist also schon in der Natur der Zwiespalt zwischen Begierde und Familie gegeben, und nicht im Manne kann von Anfang an der Antrieb gelegen sein, sich dem Weibe zuzugesellen, um der Versorger ihrer Kinder zu werden.[362]
[293] +Lippert+. Kulturgeschichte. Bd. I. S. 88.
[294] +Lippert+. A. a. O. S. 73.
[295] A. a. O. S. 76. -- Geschichte der Familie. S. 20. -- Ferner: +Lippert+. Die Kulturgeschichte in einzelnen Hauptstücken. Leipzig u. Prag, 1886. II. Abteilung. S. 3.
[296] +Powell+. Unter den Kannibalen von Neubritannien. S. 123.
[297] +R. Parkinson+. Im Bismarck-Archipel. Erlebnisse und Beobachtungen auf der Insel Neupommern. Leipzig, 1887. S. 105.
[298] Globus. Bd. XIII. S. 230.
[299] Globus. Bd. XLIII. S. 158.
[300] +Richard Oberländer+. Australien. Geschichte der Entdeckung und Kolonisation. Zweite Aufl. Leipzig, 1880. S. 307-308.
[301] A. W. +Stirling+. _The Never, never Land. A ride in North Queensland._ London, 1884. S. 87.
[302] Nach +Appun+.
[303] +Letourneau+. _Sociologie._ S. 138.
[304] +Lippert+. Kulturgeschichte. Bd. I. S. 76.
[305] +Kautsky+ im Kosmos. Bd. XII. S. 194.
[306] +Frerichs+. Zur Naturgeschichte des Menschen. S. 106.
[307] A. a. O. S. 103-104.
[308] +Lippert+. A. a. O. S. 76.
[309] A. a. O.
[310] +Letourneau+. _Sociologie._ S. 138.
[311] Dr. +Lothar Dargun+. Mutterrecht und Raubehe und ihre Reste im germanischen Recht und Leben. Breslau. 1883. S. 3.