Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung
Part 15
Fasst man das über die älteste Urzeit Gesagte zusammen, so darf man wohl mit +Moriz Wagner+[321] behaupten: Der Mensch war in seiner frühesten Entwicklung während der vergangenen geologischen Perioden den gleichen Faktoren der Naturzüchtung unterworfen, wie die übrigen Organismen. Die ältesten Menschenrassen bildeten sich, analog der ihnen somatisch am nächsten verwandten Typen der Säugetiere, durch fortgesetzte Inzucht vereinzelter Gruppen in räumlich gesonderten Wohnbezirken oder Kolonieen. Die Fortbildung seines Sprachvermögens ermöglichte dem Menschen indes den Übergang vom Zustande der geselligen Horde, die wir auch bei anderen Tierarten sehen, der Geschlechtsgenossenschaft, in den Zustand der sich besser schützenden, organisierten und für ihre Bedürfnisse sorgenden Horde oder des +Stammes+.[322] Auch durch den Druck der äusseren Verhältnisse, der auf die Horde wirkt, wird diese zu einer langsamen Entwicklung getrieben. So können wir etwa annehmen, dass die eine oder die andere Geschlechtsgenossenschaft gewisse Listen oder Fertigkeiten erwirkt, die ihr vielleicht für die Erjagung des Wildes oder für die Bereitung der Waffen nützlich sind. Diese bleiben ihr Eigentum und werden als wichtige Hilfsmittel sorgfältig gewahrt. Durch dieselben aber ist die Besitzerin anderen gegenüber im Vorteil. Sie erhält sich leichter und besser und wird dadurch zahlreicher. Mit der Zahl ihrer Mitglieder aber wachsen ihre Kräfte, mit diesen wiederum ihre Fähigkeit sich zu erhalten, zu gedeihen und weiter zu wachsen. Die grössere Genossenschaft ist kräftiger als die kleine, sie unterdrückt diese oder nimmt sie in sich auf. Auf diese oder auf irgend eine andere Art der natürlichen Entwicklung bilden sich allmählich aus den vielen kleinen, wenige grössere Horden, die nun in den Stamm übergehen.[323]
Auf diesem langen Wege der Entwickelung der Horde zum Stamme musste in einer schon etwas jüngeren, aber immer noch ehelosen Zeit mit ihrer Muttergruppe, Mutter und Kind, eine erste kindliche Spekulation das Band befestigen, welches den werdenden Stamm zusammenhielt. Sie gehört ohne Zweifel zu jenen, welche der gesamten Menschheit ohne Ausnahme eigen waren, also wohl in frühester Zeit erworben sein mussten. Dem Urmenschen stellte sich nämlich fest, dass es die Gleichheit oder vielmehr die +Einheit des Blutes+ in ganz wörtlichem Sinne ist, welches dasjenige begründet, was wir +Verwandtschaft+ oder genauer, von der alten Auffassung selbst noch Zeugnis gebend, die Blutsverwandtschaft nennen, und dass diese Gleichheit des wesentlichsten Stoffes in der Mutter und nur in dieser ihre Quelle habe. Alle sonach, die, in welcher Generation immer, von derselben Urmutter stammten, natürlich stets nur in mütterlicher Linie gerechnet, waren im Besitze ein und desselben Blutes; sie waren alle Blutgenossen, im wirklichen Sinne „blutsverwandt“.
+Lippert+, welcher diese sehr richtigen Ansichten ausspricht,[324] so sehr richtig, dass selbst die eingefleischten Gegner aufsteigender Entwicklung trotz ihrer gewundenen Deutungen zu ziemlich übereinstimmenden Endergebnissen sich gedrängt sehen,[325] weist zu deren Bekräftigung mit Recht auf die dermalen noch weitverbreitete Sitte der „Blutbruderschaft“ hin. „Dass Blut die Seele und das Leben sei, darauf bauen sich noch sämtliche Kultformen des Alten Testamentes auf. Brüder sind nur deshalb Brüder, weil in ihren Adern dasselbe Blut fliesst, und echte Verwandte sind _consanguinei_. Nicht Redensarten drehten sich den Alten darum; sie nahmen es genau und bewiesen das durch Thaten. Wenn ein Zusatz von Blut die Verwandtschaft begründet, so können auch Wildfremde Brüder werden -- durch Blutmischung. Läge dieser seltsame Gedanke nicht in so notwendiger Folgerichtigkeit, so wäre es undenkbar, dass derselbe Brauch der Blutmischung und Blutbrüderschaft in allen Teilen der Erde, deren Bevölkerung kaum je in irgend eine Art gegenseitiger Berührung kommen konnte, Verbreitung gefunden hätte.“ Nirgends aber ist diese Sitte vielleicht fester eingewurzelt als in Afrika, was, um es vorneweg zu bemerken, an sich nicht ohne Bedeutung ist. Noch in der Gegenwart wird bei den Schwarzen jenes Erdteiles die Blutbrüderschaft für ein Unterpfand des freundlichen und friedlichen Verkehres betrachtet. „Im Frieden stehen wir uns einander bei, im Kriege schonen wir uns gegenseitig,“ so lautete der Wahlspruch der Vertragschliessenden im Bezirke Nabanda-Juru des Niamniamlandes, wo +Georg Schweinfurth+ zum ersten Male Zeuge dieser Sitte wurde, die er eine barbarische nennt.[326] Zu solchen Schutz- und Trutzbündnissen verhilft nur ein Blutaustausch. Auch +Stanley+ auf seiner Kongofahrt stiess allenthalben auf den eigentümlichen Brauch, welchem sich mehrere seiner Begleiter, darunter der Europäer +Pocock+ unterwerfen mussten. Ja +Stanley+ selbst trank Blutbrüderschaft mit dem gefürchteten Araberfeind und Ruga-Rugaführer +Mirambo+, dem „Mars von Afrika“. Nachdem +Manwa Sera+, der eingeborene Führer der +Stanley+schen Expedition beide einander gegenüber hatte niedersetzen lassen, machte er in ihre rechten Beine einen kleinen Einschnitt, aus dem er das Blut entnahm, und indem er dies unter ihnen austauschte, rief er laut aus: „Wenn einer von euch beiden diese jetzt zwischen euch geschlossene Brüderschaft bricht, so möge der Löwe ihn verschlingen, die Schlange ihn vergiften, möge Bitterkeit in seiner Nahrung sein, mögen seine Freunde ihn verlassen, möge seine Flinte in seinen Händen zerspringen und ihn verwunden und alles Böse ihm widerfahren, bis dass er stirbt.“[327] Darauf wurden zwischen den neuen Brüdern Geschenke ausgetauscht. In Rubunga, bemerkt +Stanley+, ist das Blutbrüderschaftschliessen eine viehisch-kannibalische Zeremonie, die aber doch sehr eifrig begehrt wird, sei es nun um den Blutdurst zu befriedigen, oder weil damit ein Austausch von Geschenken verbunden ist, bei dem die Rubungaleute notwendigerweise den grössten Vorteil hatten. Nachdem ein Einschnitt in jeden der beiden Arme gemacht war, beugten beide Brüder ihre Köpfe nieder und man konnte bemerken, wie der Eingeborne mit der grössten Gier das Blut einsog; es dürfte aber schwer zu entscheiden sein, ob ihn Blutliebe oder ein Übermass der Freundschaft dazu veranlasste.[328] Die Entscheidung kann indes nicht schwer fallen. Manche Schwarze ersetzen nämlich beim Trinken der Blutbruderschaft das Blut durch Milch. Es ist also nicht Blut+durst+, sondern lediglich die Vorstellung des an die Zeremonie sich knüpfenden neuen Verwandtschaftsbandes Anlass der seltsamen Sitte. Es wird in solchem Falle auf die Milch die Rolle übertragen, welche ältere Vorstellungen dem Blute beimassen.[329]
An der Vorstellung festhaltend, dass Blut allein die erste Verwandtschaft der Menschen unter einander begründe, war in dieser Verwandtschaft eigentlich ihrem Grundprinzipe nach keine weitere Abstufung denkbar; jedes erste wie letzte Glied besass, in welcher Ableitung immer, dasselbe Blut; den ganzen Stamm umschloss ein und dasselbe Verwandtschaftsband, und nur die +Unterschiede der Altersstufen+ konnten sich geltend machen. Denn wer nicht stammfremd war, der gehörte zur Geschlechtsgenossenschaft, und weil es darin nur +ein+ Blut gab, so war auch jeder dem ersten wie dem letzten derselben in +gleicher+ Weise verwandt oder, wenngleich mit einem Fremdworte, richtiger ausgedrückt: +konsanguin+, „gleichen Blutes“, „ebenblütig“ möchte ich sagen. Noch heute stehen manche Völker auf dieser Stufe der Anschauung, wie namentlich des Amerikaners +Lewis H. Morgans+ grosse Arbeit[330] ganz unwiderleglich dargethan. Ihre Sprachen haben keinen Anlass gehabt, Lautformen zur Bezeichnung von Ebenblütigkeits+graden+ d. h. von Verwandtschaftsgraden in unserem Sinne zu entwickeln. Was innerhalb derselben ebenblütigen Geschlechtsgenossenschaft unterscheidbar war, das waren bloss die Generationsstufen, und so entstand, im Gegensatze zu der in unserer Kulturwelt üblichen beschreibenden, die +klassifikatorische+ Ebenblütigkeitsbezeichnung. Mit Unrecht wird dieselbe als jene eines +Verwandtschaft+systemes aufgefasst. Die Wahrheit ist, dass es auf der Stufe +dieser+ Bezeichnungen den Begriff der Verwandtschaft in unserem Sinne gar nicht giebt. Die Namen, mit denen wir jetzt vielleicht mit Recht unser Vater, Mutter, Kind u. s. f. übersetzen, hatten ursprünglich gewiss keinen solchen Sinn, sondern bezeichneten lediglich die Generationsstufen innerhalb der allgemeinen und gleichen Ebenblütigkeit.[331] So nennt der Mortlockinsulaner einen Bruder oder Schwester _Pui_ (_Puim_, _Puin_ u. s. w.) und betrachtet einen jeden Menschen für seinen Puin, wenn die Mutter des letzteren von demselben Blute war, wie seine eigene. Durch _Puipui_ bezeichnet er das Verwandtschaftsverhältnis selbst und dann die ganze Gesamtheit seiner Verwandten von mütterlicher Seite. Die Verwandten von väterlicher Seite gehören nicht zu dem Puipui. Letzteres entspricht also dem Begriffe „Stamm“ und ist die eigentliche Basis, von welcher alle Erscheinungen des mortlockschen Lebens ihren Ursprung nehmen.[332]
Das einfachste dieser Systeme findet sich noch auf Hawaii und fast identisch auf den Kingsmill-Inseln. Beide kennen bloss fünf Abstufungen: Geschwister, Grosseltern, Eltern, Kinder und Enkel. Die Bezeichnungen Oheim, Muhme, Neffe, Nichte, Vetter, Base sind dort unbekannt. Es gelten aber die aufgezählten Verwandtschaftsgrade nicht bloss für diejenigen Verwandten, für die sie bei uns gelten, sondern für ganze Klassen von Personen. Alle Geschwister von Egos Grosseltern oder deren Vorfahren sind ebenfalls Egos Grosseltern. Alle Geschwister von Egos Eltern sind seine Eltern, also die Brüder seines Vaters und die seiner Mutter seine Väter, die Schwestern seines Vaters und die seiner Mutter seine Mütter. Alle Kinder seiner Geschwister sind Egos Kinder. Alle Kinder und weiteren Nachkommen seiner Kinder, ob wirklicher oder Geschwisterkinder, sind Egos Enkel. Alle Kinder von Geschwistern sind wieder Geschwister, ebenso deren Kinder _in infinitum_. Es sind also z. B. die Urenkel des Bruders von Egos Urgrossenkel seine Brüder. Deren Söhne sind demnach auch Egos Söhne und zugleich die Brüder seiner leiblichen Söhne.[333] Diese Eigentümlichkeiten sind nicht etwa durch Wortarmut der Kanakensprache zu erklären, denn in derselben werden genaue Unterschiede in Verwandtschaftsbezeichnungen gemacht, die sich bei uns nicht finden. So heisst z. B. auf Hawaii, wenn der Sprechende ein Mann ist, der ältere Bruder _Kaikuaana_, der jüngere _Kaikaina_, die Schwester _Kaikuwahina_. Spricht dagegen eine Frau, so nennt sie ihren Bruder _Kaikunana_, die ältere Schwester dagegen _Kaikuaana_, und die jüngere _Kaikana_.[334]
Sehr ähnlich sind die Verwandtschaftsbenennungen der +Hova+ auf Madagaskar. Die Wörter für Vater: _Ray_, und Mutter: _Rény_ haben eine sehr weite Bedeutung und werden nicht nur für die eigentlichen Eltern, sondern auch für den Stiefvater und die Stiefmutter, sowie für Oheim und Muhme und deren Gatten und Gattinnen angewendet. Es giebt demzufolge im Madagassischen keine einzelnen Wörter, die unserem „Onkel“ und „Tante“ entsprächen; man sagt Vaterbruder, Vaterschwester, Mutterbruder, Mutterschwester. Hieraus folgt dann weiter, dass Sonderbezeichnungen für „Neffe“ und „Nichte“ ebenfalls nicht vorhanden sind; diese heissen sämtlich _Zánaka_ d. i. „Kinder“ und werden zur genaueren Bestimmung in Kinder der Brüder oder Schwestern des Vaters oder der Mutter unterschieden. _Ray_, Vater, scheint im Madagassischen nicht, wie in vielen semitischen Sprachen, in dem Sinne von Schöpfer, Macher oder Verfertiger einer Sache gebraucht zu werden, sondern im weiteren Sinne jeden Älteren oder Höhergestellten zu bezeichnen; wohl aber nimmt _Rény_, Mutter, häufig die Bedeutung „Urheberin einer Sache“ an. Ein gleichwertiger Ersatz für unser Wort „Eltern“ ist nicht vorhanden. Die Zusammensetzung _Ray-aman-drény_ d. i. „Vater und Mutter zusammen“ wird für alle Höherstehenden, Älteren oder Gönner beiderlei Geschlechts gebraucht, das Wort _Zánaka_ dient aber auch als Bezeichnung und Anredeform für jüngere Personen, gerade wie _Ray_ und _Rény_ für ältere. In den Bezeichnungen für „Bruder“ und „Schwester“ finden sich dagegen Unterscheidungen, die unsere Sprache nicht besitzt; _Rahalaky_ bedeutet nämlich „Bruder eines Bruders“, _Anadahy_ „Bruder einer Schwester“, _Rahavany_ „Schwester eines Bruders“ und _Anabavy_ endlich „Schwester einer Schwester“. Dieselben Wörter werden auch für Vettern und Basen gebraucht, für welche ebenfalls keine Sonderbezeichnungen vorhanden sind. Die Verwandtschaft zwischen Geschwisterkindern wird aber als so nahe und diejenige zwischen wirklichen Geschwistern so gleichstehend betrachtet, dass es auch aus diesem Grunde ohne genaue Erkundigungen meist nicht möglich ist, die Verwandtschaftsgrade zu erkennen, in denen die einzelnen Mitglieder einer Hovafamilie zu einander stehen. Für Enkel oder Grosskinder hat man die Bezeichnung _Afy_ oder _Zafy_, die man auch für „Nachkommen“ im weiteren Sinne gebraucht. Die Wörter für Grossvater und Grossmutter sind den unserigen fast gleichbedeutend: _Raibé_ (_Be_=gross) und _Renibé_. Es scheint jedoch keine besonderen Bezeichnungen für höher hinaufreichende Verwandtschaftsgrade zu geben; dieselben werden sämtlich mit dem allgemeinen Ausdrucke _Razana_ d. i. „Vorfahren“ bezeichnet.[335]
Dieses klassifikatorische System steht in mancher Hinsicht in schroffem Gegensatze zu unserem heutigen Verwandtschaftssystem, welches einfach die Verwandtschaftsgrade als solche nach ihren Abstufungen bezeichnet und worin der Vetter ungefähr den fernsten Grad bildet, der noch bestimmt wird. Darüber hinaus fängt die Familie an sich aus den Augen zu verlieren. Das klassifikatorische System, welches die Geschlechtsfolgen gruppenweise in den Bezeichnungen zusammenfasst, strebt dagegen dahin, die vermeintliche Einheit des Geschlechts festzuhalten, die Geschlechtsgenossenschaft zusammenzuhalten und zu verengen, indem sie die nach unseren Begriffen entfernten Grade auf nähere zurückführt und unsere Seitenverwandten immer wieder in die direkte Linie der auf- und absteigenden Geschlechtsfolge hineinzieht. Bei den Irokesen z. B. wird der Bruder der Mutter Vater genannt, sein Sohn (der Vetter) wird dadurch zum Bruder und dessen Sohn zum eigenen Sohn, Enkel zum Enkel u. s. w. Die Muhme heisst Mutter, ob väterlicher- oder mütterlicherseits, während der Oheim, als Bruder des Vaters, die Bezeichnung Oheim bewahrt. Bei den Kingsmill-Insulanern heisst auch der väterliche Oheim Vater, die Muhme, ob mütterlicher- oder väterlicherseits, Mutter, wogegen z. B. wieder bei den Tamulen die mütterliche Muhme Mutter heisst, die väterliche aber Muhme. Es finden sich nun noch eine Menge sonstiger Variationen. Bei den Delawaren oder Leni-Lennape z. B. heisst der Vetter nicht Bruder, sondern nur Stiefbruder, sein Sohn bei den Tschiroki heisst bereits Enkel; bei den Japanern wurde der Oheim „kleiner Vater“, bei den Krih der mütterliche Oheim älterer Bruder genannt. Die Bezeichnungen älter oder jünger kommen überhaupt vielfach vor und beruhen eben auf genauer Scheidung der Verwandtschaftsgrade. Die Geschwister unter sich bezeichnen sich, wie z. B. bei den Chinesen, vielfach als ältere oder jüngere; so auch bei den Magyaren, welche sehr genau den „_Batya_“, den älteren Bruder, vom _Öcs_ oder _Öcse_, dem jüngeren Bruder, sowie die _Néne_, ältere Schwester, von der _Hug_, der jüngeren Schwester, unterscheiden, während bei uns die Bezeichnungen oft sehr lose und wechselnd sind. Im allgemeinen sind bei den Indianern alle Nachkommen desselben Paares _Consanguinei_ d. h. Blutsverwandte. Blut- und Heiratsverwandte werden unter besonderen Bezeichnungen begriffen; die Nebenlinien gehen in der geraden Linie auf. Die Kinder der Brüder sind Brüder und Schwestern zu einander; die Kinder der Schwestern sind ebenfalls Brüder und Schwestern zu einander; die Kinder der Schwestern und Brüder stehen aber in entfernter Verwandtschaft. Die Bezeichnung Oheim ist auf der Mutter Brüder und die Brüder der Scheinmütter beschränkt, desgleichen die Bezeichnung Schwestern auf des Vaters Schwester. Neffe und Nichte sind dem Manne Kinder der Schwester, nicht des Bruders, umgekehrt dem Weibe Kinder des Bruders, nicht der Schwester; die Bezeichnung ist wechselseitig. In der Linie folgen: Ururgrossvater, Ururgrossmutter, Urgrossvater, Urgrossmutter, Grossvater, Grossmutter, alle zusammen als „Ahn“. Dann Vater, Mutter, Tochter, Enkel, Enkelin, Urenkel, Urenkelin, Ururenkel, Ururenkelin, älterer Bruder von Mannesseite, ältere Schwester von Mannesseite, jüngerer Bruder, jüngere Schwester, Bruder, Schwester.
Wenn wir uns in diesem Systeme, welches übrigens nur nach der einen Richtung hin uraltertümlich ist, während es nach einer andern Richtung schon die Verwandtschaft durch den Vater angenommen hat, als „wir“ in die Mitte stellen wollen, so haben, wie +Lippert+ sehr richtig bemerkt, die verschiedenen Benennungen einst zweifelsohne nur bedeutet: die Ältesten, die Alten, wir, die Jungen, die Jüngeren oder Kleinen, die Kleinsten. Alle auf unserer Geschlechtsstufe Stehenden, die in „wir“ Eingeschlossenen, sind die „Brüder“. Solches sind aber immer die Mitglieder derselben Geschlechtsstufe, alle Grossmütter, alle Väter untereinander, während sich die übrigen Bezeichnungen natürlich verschieben, je nach der Geschlechtsstufe, auf welcher der Sprechende steht. Damit waren zugleich die einzigen natürlichen Abhängigkeitsstufen der dem Blute nach Gleichgestellten in der Geschlechtsgenossenschaft genügend gekennzeichnet, und unter den Nordindianern ist es heute noch üblich, dass die Redenden ihre gegenseitigen Titulaturen nach diesem Altersverhältnisse wählen.[336] +Lippert+ befindet sich in dieser seiner Auffassung des klassifikatorischen Systems durchaus in Übereinstimmung mit +Karl Kautsky+, welcher schon vor ihm zu dem Schlusse gelangte, dass dasselbe gar kein Verwandtschaftssystem in unserem Sinne sei, weil es nicht auf der Abstammung beruht, dass daher auf der Kulturstufe, die es hervorbrachte, eine Familie in unserem Sinne nicht existierte. Auch ihm bedeuten die Bezeichnungen jenes Systems nicht Grade der Abstammung, sondern der Generation. Es entstand zu einer Zeit, als weder der Zusammenhang zwischen Vater und Kind, noch auch der viel klarere zwischen Mutter und Kind eine Bedeutung hatte, so dass man diesen Zusammenhang nicht beachtete und ihn nicht eigens bezeichnete.[337] So bleibt denn kein Anhalt, rings um die Muttergruppe eine andere Beschränkung des Verkehrs der Geschlechter sich vorzustellen, als wie sie allenfalls die Natur selbst gebot. Nur insoweit +diese+ jeweilig die jüngsten und die ältesten Geschlechtsfolger ausschloss, kann sich der Verkehr immer nur innerhalb weniger der nächstliegenden Generationsschichten bewegt haben. Innerhalb dieser Schichten und in der Geschlechtsgenossenschaft verkehrte der Mann mit mehreren Weibern, das Weib mit mehreren Männern. Ja, es haben sich sehr sprechende Rudimente bis in späte geschichtliche Zeiten erhalten, aus denen hervorgeht, dass diese Übung einst als ein Rechtszustand aufgefasst wurde.[338]