Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung
Part 14
[239] M. +Kulischer+. Die geschlechtliche Zuchtwahl bei den Menschen in der Urzeit. (Zeitschrift für Ethnologie. Berlin, 1876. S. 142.)
[240] A. a. O. S. 149.
[241] A. a. O. S. 152-156.
[242] Ich selbst hatte einmal Gelegenheit, aus dem Munde einer jungen, nicht ungebildeten und durchaus nicht sinnlich veranlagten Deutschen das naive Geständnis zu vernehmen, dass jedes Frühjahr ihr die Sehnsucht nach Geschlechtslust erwecke.
[243] +Appun+ im: „Ausland“ 1871. S. 835.
[244] Zeitschrift für Ethnologie. 1880. S. 318.
[245] +Darwin+. Die Abstammung des Menschen. Bd. II. S. 347.
[246] A. a. O.
[247] +Friedrich Ratzel+. Völkerkunde. Leipzig, 1885. Grundzüge der Völkerkunde. S. 79.
[248] +Lippert+. Kulturgeschichte. Bd. I. S. 71-72.
[249] Gen. Kap. 6, v. 2.
[250] +Dio Cassius+. _Hist. rom. lib._ LXXVI §. XII T. 10.
[251] +Herodot+. _lib._ IV. 104.
[252] +Herodot+. _lib._ IV. 172.
[253] A. a. O. _lib._ IV. 180.
[254] +Peschel+. Völkerkunde. S. 318-319.
[255] So +James Cowles Prichard+, +J. G. Wood+, +Theodor Waitz+, +Karl Emil Jung+.
[256] +Karl Emil Jung+. Der Weltteil Australien. I. Abteilung. Leipzig, 1882. S. 83.
[257] _Revue d'anthropologie_ 1872. S. 313, und in seiner Schrift: _Etude sur les races indigènes de l'Australie_. Paris, 1872.
[258] Ausland 1867. S. 1013.
[259] +Müller+. Allgemeine Ethnographie. S. 212-213.
[260] _Vaginae formam effingit fossa, virorum hastae penum simulacra._
[261] D. h.
_Non fossa, non fossa, Non fossa, sed cunnus._
[262] +Köler+ in den Monatsberichten der geographischen Gesellschaft zu Berlin. Bd. III. S. 53.
[263] +Augustus Oldfield+. _On the aborigines of Australia in den Transactions of the Ethnological Society of London._ Bd. III. S. 215-298.
[264] _Propter intra conversorum positionem pedum plusculumque retrocendentis vaginae causa aborigines a tergo coitum perficiunt._ Siehe +Waitz+. Anthropologie der Naturvölker. Bd. VI. S. 774.
[265] _In Australiae septentrionalis partibus Port Darwin circumjectis, exempli gratia, aborigines copulam peragunt sidentes._ (Verhdl. d. Berl. Gesellschaft f. Anthrop. 1880. S. 87-88.)
[266] +Thomas M'Combie+. _Arabin; or adventures of a colonist in New South Wales, with an essay on the aboriginals of Australia._ London, 1845. S. 254.
[267] +Müller+. Allg. Ethnographie. S. 214.
[268] +Waitz+. Anthropologie der Naturvölker. Bd. VI. S. 774.
[269] _Revue d'anthropologie._ 1882. S. 376.
[270] Diese pflegen heute noch, wenn sie unter sich sind, ihre jungen Weiber auszutauschen, was früher als ein Gebot der Gastfreundschaft allgemeine Übung war; bei feierlichen Gelegenheiten kennt man hierin auch heute noch keine Grenzen.
[271] A. a. O. S. 377.
[272] +Brough Smyth+. _The Aborigines of Victoria with notes relating to the Habits of the Natives of other Parts of Australia and Tasmania._ London, 1878. 2. Bde.
[273] +Lorimer Fison+ & +A. W. Howitt+. _Kamilaroi and Kurnai: Group-Marriage and relationship, and Marriage by elopement._ Melbourne, 1880.
[274] +Henry Richard Major+. _The Canarian, or book of the Conquest and Conversion of the Canarians._ London, 1872. S. XXXII.
[275] +Ynca Garcilaso de la Vega+. _The Royal Commentaries of the Yncas. Translated and edited by Clements R. Markham._ London, 1871. Bd. II. S. 443.
[276] +Max Prinz zu Neuwied+. Reise nach Brasilien in den Jahren 1815-1817. Wien, 1825. Bd. III. S. 161.
[277] Globus. Bd. XXV. S. 298.
[278] Zeitschrift für Ethnologie. Berlin, 1880. S. 289-300.
[279] +Chapman+. _Travels in the Interior of South Africa._ London, 1868. Bd. I. S. 320.
[280] Z. B. Dr. +Schneider+. Die Naturvölker. Bd. II. S. 156. 434.
[281] Globus. Bd. XVIII. S. 122.
[282] A. +Merensky+. Beiträge zur Erkenntnis Südafrikas. Berlin, 1875. S. 68.
[283] J. G. +Alexander+. _An expedition of discovery into the Interior of Africa._ London, 1838. Bd. II. S. 23.
[284] Zeitschr. f. Ethnol. 1880. S. 300.
[285] Woher Dr. +Schneider+ (die Naturvölker. B. II. S. 156) weiss, dass die Buschmänner aus Abscheu vor Blutschande die verschiedenen Verwandtschaftsgrade sorgfältig beobachten, habe ich nicht ermittelt.
[286] G. A. +Wilken+. _Over de Verwandtschap en het Huwelijks-en-Erfrecht bij de volken van den indischen Archipel._ S. 6-7.
[287] E. +Ketjen+. _De Kalangers._ (_Tijdschrift voor Indische Taal-Landen Volkenkunde. Deel_ XXIV. Batavia, 1877. S. 427.)
[288] _Journal of the Anthrop. Institute._ Bd. XIV. S. 24, 28.
[289] Globus. Bd. XL. S. 276.
[290] +Darwin+. Die Abstammung des Menschen. Bd. I. S. 153.
[291] +André Theuriet+ in der _Revue des deux Mondes_ vom 15. Januar 1885. S. 267.
[292] Ausland. 1867. S. 867.
IX.
Geschlechtsgenossenschaft und Muttergruppe.
So wenig ein mehr oder weniger dauernder Weiberbesitz den Namen einer Ehe verdient, so wenig stellt er die erste Stufe dar, auf welche die Menschheit aus der ursprünglichen Ungebundenheit sich emporschwang. Dazwischen lagen vielmehr noch verschiedene Durchgangsstufen, die im Vorstehenden unbeachtet blieben, da es sich zunächst darum handelte, das Irrtümliche jener Ethnologenschule zu beleuchten, welche durch geradezu sinnverwirrende Dehnung der Begriffe den modernen Wilden in den Kreis unserer Gesittungsmarken einzubeziehen strebt, ein Beginnen, das um so überflüssiger ist, als die Einheit unseres Geschlechtes keinem Zweifel begegnet. Auch wird ja nicht die Befähigung selbst der rohesten Menschen zur Kultur bestritten, sondern nur, dass sie sich dieses oder jenes ihrer Elemente schon angeeignet hätten. Auf die übersprungenen Entwicklungsstadien ist nunmehr zurückzukommen.
Die urzeitlichen Geschlechtsgenossenschaften, auf welche der ungebundene Verkehr beschränkt gedacht werden muss, sind vielleicht einem Rudel Hirsche vergleichbar, die mitunter paarweise sich zusammenfinden, die Gefährten wechseln und wieder auseinander laufen. Unmöglich aber kann man sich dieselben besonders kopfreich vorstellen.[293] Weil aber noch keine zweite Gruppe mit der Geschlechtsgenossenschaft in irgend einer Art Organisationsverband stand, vielmehr um jede einzelne sich noch die Grenze der Fremdfeindlichkeit zog, so war jede Gruppe betreffs der geschlechtlichen Bedürfnisse auf sich selbst angewiesen; es herrschte +Endogamie+ als der natürliche, weil einzig mögliche Zustand der Dinge bei dieser Art von Menschenrudeln, welche das Fehlen jeglicher gesellschaftlichen Gliederung, sowie des Eigentumsbegriffes zur Voraussetzung hat. Innerhalb dieser Geschlechtsgenossenschaften stand das Weib dem Manne gleich selbständig und unabhängig gegenüber. Auch war das Weib der Urzeit, wenngleich körperlich dem Manne niemals überlegen, doch keineswegs das schwache Geschöpf, zu dem es mit der steigenden Gesittung geworden. Vorgeschichtliche Knochenfunde verraten, dass der Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Kraft dereinst ein verhältnismässig geringerer gewesen sein müsse als in unseren Tagen, daher denn auch das Weib für sich allein im stande war, sich und ihr Kind zu erhalten. In jener Zeit, als es noch keine Werkzeuge und Waffen gab, in deren Gebrauch er grössere Fortschritte machen konnte, war der Mann in betreff des Nahrungserwerbes dem Weibe in nichts voraus; er konnte einem vorstellbaren Haushalte nichts bieten, was die Frau nicht selbst -- eine kurze Unterbrechung abgerechnet -- zu sammeln vermochte; das Leben niederer Stämme zeigt heute noch, dass die Mutter durch die Bürde des Kindes von keiner Arbeit zurückgehalten wird.[294] +Mutter und Kind+, das waren auch, wie +Lippert+ sehr richtig betont,[295] die einfachsten Elemente der ältesten Urorganisation. Das Verhältnis von Mutter und Kind +allein+ ist von der Natur gegeben, das Band zwischen beiden wird durch den Zwang aller Umstände einer einfachen Lebensweise und durch die mehr oder weniger entwickelte +Mutterliebe+ geknüpft, jenen +natürlichen+ Instinkt, der durch die Jungenbeschützung die Art sichert, welche allen übrigen Interessen stets vorangeht. Anfänglich hat allerdings auch diese ursprünglichste aller Gefühlsregungen beim Menschen wahrscheinlich in keinem wesentlich höheren Grade bestanden, als in der Tierwelt, nämlich so viel als erforderlich ist, das Aufkommen der Brut zu sichern; aber dies genügte.
Neuerdings hat man sich wieder erschrecklich viel Mühe mit dem Nachweise gegeben, dass das naturgemässeste aller Gefühle, die Mutterliebe -- im Sinne des heutigen Mutterbegriffes -- den niedrigeren Stämmen der Gegenwart in gleicher Stärke innewohne, wie den Gesitteten. Bei sehr vielen trifft dies auch zu, was nicht überraschen kann, wenn man erwägt, dass auch sie schon eine vieltausendjährige Vergangenheit hinter sich haben, in welcher die ursprünglichen Instinkte sich stärker und in immer schärferer Ausprägung vererben konnten. Um so mehr Gewicht gewinnen die glücklicherweise seltenen Beispiele, welche die Gegenwart von nur schwacher Ausbildung der Mutterliebe bietet. So hat der schon mehrfach erwähnte +Wilfred Powell+ gesehen, dass bei einem Kampfe eine verfolgte Neubritannierin, welche mit einem Säugling und einem Bündel „Tabu“ belastet war, um zu entkommen, lieber ihr Kind als ihr Muschelgeld fallen liess;[296] ähnliches erwähnt auch ein neuerer Beobachter[297]. Bei den Miranha-Indianern am Japura in Brasilien giebt die Mutter eine Tochter für ein paar Ellen Kattun, ein Halsband von Glasperlen und etwas Messingtand fort, ebenso wie der Mann sein Kind gern und willig für zwei bis drei Beile verkauft.[298] Bei sehr vielen Völkern erstreckt sich die Mutterliebe nicht über die ersten Lebensjahre der Kinder hinaus; das als Instinkt vorhandene Gefühl der Fürsorge für die Jungen ist noch nicht veredelt durch Erziehung, Schrifttum und Überlieferung. So hat der italienische Seeoffizier +Giacomo Bove+ sichergestellt, dass bei den Feuerländern, welche nach +Wallis+ ihre Kinder doch liebkosen und mit ihnen spielen, die Mutterliebe nur etwa so lange dauert, als das Kind an der Brust liegt. Mit sieben bis acht Jahren hört der elterliche Einfluss bald ganz auf, denn sobald der Sohn im stande ist die Eltern zu entbehren, trennt er sich von ihnen. Das einzige Gefühl, welches sie leitet, ist Liebe zum eigenen Ich.[299] Auch die Zärtlichkeit vieler Australierinnen erstreckt sich bloss auf die erste Jugendzeit ihrer Kinder, also etwa bis in deren drittes Lebensjahr. Später hört jeder familienartige Zusammenhang auf und dies geht bei einigen Stämmen soweit, dass Eltern und Kinder ihr gegenseitiges Verhältnis entschieden vergessen, und in dieser Beziehung das Ganze sich also nicht über den Standpunkt der Tierwelt erhebt. So berichtet +Richard Oberländer+,[300] der nicht weniger denn vierzehn Jahre in Australien zubrachte, und neuerdings hat +A. W. Stirling+, ein ganz moderner Reisender, die geringe Mutterliebe der Australierinnen in Nordqueensland bestätigt.[301] Ähnlich verhält es sich bei den doch ungleich höher stehenden Kariben Südamerikas. Hat der Knabe das Alter der Mannbarkeit erreicht, dann bekümmert sich die Mutter nicht weiter um ihn und er ist für sie ein Fremdling geworden.[302]
Solche Beispiele liessen sich noch häufen. Das Gesagte genügt indes um darzuthun, dass auf sehr niedrigen Stufen der urwüchsige Instinkt der Mutterliebe das für die Erhaltung der Art notwendige Mass noch nicht überschreitet. Empfindsamkeit ist unbekannt in diesen embryonalen Gesittungskreisen und die im Menschen schlummernde Bestialität noch nicht im Zaume gehalten durch Moral, Achtung und Strenge der Satzungen. Wohl liebt und herzt auch der Naturmensch seine Kinder, wenn nicht der Hunger zu laut spricht, vor allem aber gilt ihm der Heischesatz: _Primo vivere_.[303] Innerhalb dieser Grenzen erscheint aber die Mutterliebe überall, und wohl zu allen Zeiten von Urbeginn an, stärker und früher, als die Neigung zum Manne, und bleibt auch für das Kind eines wenig oder gar nicht geliebten Vaters die gleiche, wie denn auch in unseren Kreisen eine Mutter den geliebtesten Gatten rascher vergisst, als das durch den Tod entrissene Kind. In der Urzeit vereinigte aber noch kein Band der Liebe das Weib mit dem Manne, welcher seinen und ihren erotischen Trieben Befriedigung brachte. Das Kind selbst war die blosse Frucht mütterlicher Lust, welche je nach Laune den Kindern verschiedene Väter gab. So bildete denn Mutter und Säugling von Natur aus die +erste+, wenn auch winzige Gesellschaftsgruppe, die freilich nicht nur keinen Vater, sondern auch keine Dauer besass, weil das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit zwischen Mutter und Kind beiderseits schon frühzeitig erlosch, die Kinder gewissermassen in der Horde sich verloren oder darin aufgingen. Will man auf diese Gruppe nun die Bezeichnung „Familie“ anwenden, so ist in diesem Sinne ihr Begriff allerdings älter als der der Ehe. „Die Familie spielt ihre kulturgeschichtlich bedeutsame Rolle lange vor dem Ehebunde, und obgleich jene sekundäre Vergesellschaftung auf einem ganz anderen Prinzipe beruht, so ist es doch der +Thatsache+ nach vorzugsweise die Familie, welche jene Gesellschaften gleichsam dem Materiale nach schafft.“[304] Freilich wäre es besser und verständlicher, diese erste Grundlage unserer späteren geschichtlichen Familienformen von dieser durch ein eigenes Wort zu unterscheiden, weshalb ich jene erste, auf Mutter und Kind beschränkte Gruppierung als +Muttergruppe+ bezeichne. Vermöge dieser schärferen Unterscheidung ist auch leichter eine Verständigung möglich in dem übrigens ziemlich müssigen Streite, ob die Familie oder der Staat das Urspüngliche gewesen. Für die letztere Annahme, der auch +Kautsky+ beistimmt, indem er im „Stamm“ die erste Menschenvereinigung erblickt,[305] spricht der Umstand, dass die Wahl einer zeitweiligen Gefährtin seitens des Gefährten oder, umgekehrt, einen schon irgendwie beschaffenen „Haufen“ Menschen voraussetzt, der den beiden Geschlechtern ihre gegenseitige Ergänzung bot. Schon aus dieser Annahme folgt, wie +Frerichs+ bemerkt, dass die Familie erst in zweiter Linie sich bilden konnte.[306] In einer lebhaften Begeisterung für die Familie hat man, wie +Frerichs+ meint, ihre Bedeutung gar oft überschätzt, indem man sie für die Grundlage aller geselligen und sittlichen Ordnung ausgab. Der wahre Verlauf sei aber der entgegengesetzte gewesen. Es musste sich zuerst die Gesellschaft, der Staat ausbilden, und erst nachdem dieser letztere feste Formen angenommen hatte, konnte aus ihm und durch ihn die Familie werden. Seine rechtlichen und sittlichen Anschauungen, seine geselligen Ordnungen übertrugen sich auf die Familie, nicht aber bestimmte diese umgekehrt jenen.[307] Für die geschichtliche Familie ist dies wohl zuzugestehen, aber ohne die Muttergruppe -- diese Urfamilie, wie unvollkommen sie uns bedünken mag, -- ist ein Zustand der Menschen auf Erden überhaupt nicht denkbar, und +Lippert+ hat an dem Beispiele der Bienen und Wandervögel gezeigt, dass man in gleichem Sinne auch beim Menschen die Familie als die Grundlage aller gesellschaftlichen Organisation, als Ausgangspunkt aller gesellschaftlichen Fürsorge betrachten dürfe.[308] Die Muttergruppe, wie ich fortfahren will sie zu nennen, war zweifellos schon bei Bildung des Stammes vorhanden, aber die Muttergruppe deckt in keiner Weise den Begriff der vollen Familie späterer Zeit, und +diese+ war wirklich noch nicht vorhanden, als die Stammesbildung sich vollzog. In der Muttergruppe, diesem gesellschaftlichen Erstlingszustande der Menschheit, ist die +Mutterfolge+, d. h. die Bedingung der Zugehörigkeit durch die Abstammung von derselben Mutter, das aufbauende Grundprinzip, und da nun das Kind ein Teil der Mutter selbst ist, so hat diese an ihm auch ein +Recht+, so unzweifelhaft, wie es noch kein zweites Rechtsverhältnis der Urzeit bietet.[309] Das Kind ist das unbedingte Eigentum der Mutter, ihre „Sache“.[310]
Die Muttergruppe erwuchs also inmitten des ungebundenen Geschlechtsverkehres der Horde; da diese mit der Familie in weiterem Sinne zusammenfiel, so bildete auch Blutsverwandtschaft noch kein Hindernis des Verkehrs; die Natur der Sache verbot noch den die Wahl beschränkenden Begriff der Blutschande. Vielmehr war die Muttergruppe auf die engere Inzucht in der Geschlechtsgenossenschaft angewiesen. Man sieht, dieser Urfamilie fehlt alles und jegliches, um sie nach unseren Begriffen zur „Familie“ zu stempeln. Nun lassen sich in der Entwicklung derselben wiederum zwei Stufen, eine ältere und eine jüngere wahrnehmen, sofern es sich wenigstens um das Mutter+recht+ handelt. Erst in der zweiten, jüngeren Periode erscheint dasselbe in strengerem Sinne ausgebildet. Nach dem Vorgange des niederländischen Forschers +Wilken+, welchem die Aufhellung der Anfänge der Familie schon so vielfache Förderungen verdankt, lege ich ihr die Benennung „Matriarchat“ bei, während ich der älteren Stufe der Mutterfolge die Bezeichnung „Muttergruppe“ bewahre. Nicht immer wird zwischen diesen beiden Stufen scharf unterschieden, und so kommt es, dass manche Gelehrte das Mutterrecht gänzlich in Abrede stellen, andere das Matriarchat für eine notwendige Durchgangsstufe +aller+ Völker erklären. In Wahrheit lässt sich mit +Bachofen+ und Dr. +Lothar Dargun+[311] behaupten: jeder Volksstamm müsse notwendig eine Zeit durchleben, wo ihm alle Verwandtschaft allein durch mütterliches Blut vermittelt ward. Diese Zeit war aber jene der Muttergruppe.
Oben ward bemerkt, dass die Urzeit, in welcher die Muttergruppe ein von Natur aus Gegebenes war, auch das Eigentum noch nicht kannte. Der Begriff des +Eigentums+ ist in der That der Menschheit eben sowenig angeboren, als sich die Einrichtung überall und zu allen Zeiten findet. Ja, es lässt sich noch mehr behaupten und +Lippert+ hat es erfolgreich bewiesen: die Ansammlung von Eigentum widerstrebt dem Urmenschen, und die ganze Einrichtung stösst auf so viele Hindernisse, dass sie sich nicht ohne harten Kampf gegen die mächtigsten Einflüsse endlich doch behaupten kann. Soweit von Gütern in jenen entfernten Epochen die Rede sein kann, herrschte naturgemäss allgemeine Gemeinschaft. Alles auf der Erde gehörte noch allen in gleicher Weise, beziehungsweise jedem, der es ergriff -- nur die Werkzeuge waren ausgesondert.[312] So sehen wir den ersten Anfang zu einem persönlichen Eigentum darin, dass einzelne Gegenstände des beweglichen Vermögens, welche eine hervorragende Beziehung zu einem einzelnen Geschlechtsgenossen haben, als diesem allein angehörig betrachtet werden. Unser Wort „Leib“-Waffe bezeichnet noch recht natürlich die auserlesen enge Verbindung dieser Gegenstände mit dem Menschen; sie sind ein Teil von ihm. Persönliches Eigentum entsteht also zuerst am beweglichen Vermögen, während beim unbeweglichen Besitze noch lange die ältere Gütergemeinschaft bestehen bleibt. Noch heute ist die Gemeinsamkeit des Grundeigentums bei niedrigen Stämmen über die ganze Erde verbreitet; bei Völkerschaften, die ein Jäger- oder Nomadenleben führen, kann man von einem „Grundeigentum“ überall nicht sprechen; es finden sich an dessen Stelle nur abgegrenzte Jagd- und Wanderungsbezirke, wie solche z. B. in Brasilien und Australien vorkommen. Da alle heutigen Wilden ausnahmslos -- es kann dies nicht genug oft erinnert werden -- dem Urzustande schon weit entrückt sind, so ist bei ihnen „absoluter Kommunismus“ nirgends mehr zu finden, und sie gegen diesen in Schutz zu nehmen, wie Dr. W. +Schneider+ thut, heisst offene Thüren einrennen. Mit diesem siegreichen Beweise wird aber die Thatsache nicht beseitigt, dass ein starker kommunistischer Zug noch durch diese Völkerschaften weht,[313] wie die von den verschiedensten Reisenden aufgezeichneten „Anekdoten“ -- womit Dr. +Schneider+ diese Angaben zu entwerten versucht -- deutlich darthun. Wenn er den Australiern nachrühmt, die Rechte des Eigentümers an Grund und Boden würden so sehr geachtet, dass niemand daselbst ohne Erlaubnis einen Baum fällen oder ein Feuer anmachen dürfe,[314] so verschweigt er, dass „der Eigentümer“ kein einzelnes Individuum, sondern der ganze Stamm oder die Horde ist. Die Australier haben eben nur den Gemeinbesitz (Kollektiveigentum), die älteste Form des Eigentums, in welcher der Kommunismus wurzelt. Jagd und Fischfang werden gemeinsam betrieben, das persönliche Eigentum an beweglichen Dingen auf wenige Geräte und Gegenstände beschränkt. Jede einem Einzelnen zugedachte Gabe wird sofort unter allen Hordenmitgliedern verteilt,[315] und an diesem kommunistischen Zuge scheitert jeder Versuch, auf das _divide et impera_ sich stützend, die Australier durch eine ungleiche Auszeichnung leichter zu beherrschen. +Darwin+ meldet desgleichen von den Pescheräh, es werde selbst ein Stück Tuch, was dem einen gegeben wird, in Streifen zerrissen und verteilt, und kein Individuum wird reicher als das andere.[316] Mag immerhin Dr. +Schneider+ auf +Georg Forster+ sich berufen,[317] der den Wilden zu sehen begehrt, welcher, ohne blödsinnig zu sein, von Mein und Dein gar keine Begriffe habe, was ohnehin niemand behauptet, so viel ist unumstösslich, dass die Begriffe der Menschen über das Mein und Dein sehr verschieden sind. Die Indianer achten z. B. kein Besitzrecht eines andern an Lebensmitteln; sie brechen überall ein, wo Mais oder sonst ein Lebensmittel wächst, und „stehlen“ -- nach dem Begriffe der Europäer; sie selbst haben diesen Begriff nicht. Ebenso lernten die Weissen die meisten Südseeinsulaner als die frechsten Diebe kennen; sie suchten sich alles anzueignen, was ihnen gefiel, und wenn sie ertappt wurden, ärgerten sie sich sehr. Aber dieser Ärger führte nicht zur Entwicklung eines Schamgefühls, denn sie ärgerten sich nicht über ihre That, sondern über deren Misslingen. Den arabischen Beduinen sind Geben, Betteln und Plündern wechselseitige und notwendig zusammenhängende Handlungen, die der Hauptsache nach aus dem vollständigen Mangel eines Begriffes von Eigentum hervorgehen.[318] Ein gewisser kommunistischer Zug kennzeichnet sogar noch solche Völker, welche das Einzeleigentum schon sehr wohl kennen. Hat der Bergkalmyk keine Kleidung oder keine Speise, so erhält er sie vom reicheren Nachbar, denn sämtliche Bewohner einer Gegend bilden gleichsam eine Familie, und der Reiche ist nur reich, um alle ihn umgebenden ärmeren Faullenzer mitzufüttern.[319]
In der eigentumslosen und jedenfalls lange hindurch eigentumsarmen Urzeit brauchen wir uns die Geschlechtsgenossenschaften auch nicht notwendig unter der Gewalt irgend eines Oberhauptes zu denken; sehr wahrscheinlich fehlte es in den meisten Fällen an einem solchen und keinesfalls kam demselben, wenn vorhanden, eine grössere Bedeutung als dem Leittiere in der Herde zu. Zweifelsohne entwickelte sich indes allmählich aus dieser Führerschaft das Häuptlingstum, welches zuerst in den allgemeinen Kommunismus Bresche legt und dadurch der Grundpfeiler aller späteren Gesittung wird. „So lange,“ sagt +Charles Darwin+, „nicht im Feuerland irgend ein Häuptling aufsteht, welcher Kraft genug hat, irgend einen erlangten Vorteil, wie z. B. domestizierte Tiere, zu bewahren, scheint es kaum möglich, dass der politische Zustand des Landes verbessert werden kann“.[320] In der ersten Zeit war aber der spätere Häuptling nichts weiter als ein Gleicher unter Gleichen.