Die menschliche Familie nach ihrer Entstehung und natürlichen Entwickelung
Part 10
Es ist also immerhin die Rolle der Sinnlichkeit selbst in der idealsten Liebe, die sich ausschliesslich und heroisch einem einzigen Gegenstande opfert, nicht zu unterschätzen. Sogar die selbstloseste Liebe, welche unter Umständen völlige Entsagung zu ihren leidenvollen Freuden zählt, verzichtet ungern auf die Liebkosung des geliebten Wesens, worunter das Küssen obenansteht. Uns europäischen Menschen erscheint der +Kuss+ als der natürliche Ausdruck der Liebe, und zwar nicht nur der geschlechtlichen. „Jedenfalls,“ sagt +Steele+, „war die Natur die Erfinderin desselben und der erste Kuss entstand mit der ersten Bewerbung.“ Niemand wird mir aber wohl darin widersprechen, dass der Kuss ein durchaus +sinnlicher+ Genuss ist, hervorgerufen durch die fremde Berührung mit den in den Lippen auslaufenden feinen Nervenenden und unterstützt durch die Nähe des ebenso feinfühligen Riechorganes. Mit Recht fragt man wie der erste Kuss „schmeckt“, wenn man auch nicht die von einer jungen Dame darauf erteilte überschwängliche Antwort gelten zu lassen geneigt sein dürfte.[166] Unter Verliebten gilt der Kuss gewissermassen als eine Vorstufe der Liebeslust, und obwohl ein altdeutscher Spruch meint:
Einen Kuss in Ehren Soll Niemand wehren,
so traut man dem Kuss „in Ehren“ doch nur sehr wenig, betrachtet vielmehr ziemlich allgemein die Gewährung eines Kusses seitens des Mädchens an einen Fremden als Ausdruck der Geneigtheit zu schliesslicher Hingabe, die dann oft nicht lange auf sich warten lässt, und behütet es daher sorgsam vor der Gefahr des Küssens. „Wenigstens“ einen Kuss! erfleht der unerhörte Jüngling, sozusagen als Ersatz für den entgangenen vollen Sinnengenuss. Der erste Kuss der Jungfrau gehört deshalb bei uns erst dem Verlobten, der ja ohnehin die gutgeheissene Anwartschaft auf die höchsten Wonnen besitzt. Aber auch wo geschlechtliche Beziehungen nicht im Spiele sind, z. B. beim Kusse unter Verwandten, unter Freunden, liegt demselben stets auch ein sinnliches Moment zu Grunde.
Daran ändert der Umstand nichts, dass der Kuss vielfach zum leeren Gebrauch herabgesunken, rein zeremoniell geworden ist. An altisraelitischen Kultstätten, an welchen Götterbilder sich befanden, begegnet uns schon als Gebärde huldigender Anbetung auch der Kuss,[167] ohne dass wir jedoch erfahren, ob wirklicher Kuss oder Kusszuwerfung oder beides sich fand,[168] wie es bei den alten Hellenen weit verbreitet war. An dem schwarzen Stein der Kaaba zu Mekka wird es heute noch geübt, und im Christentume hat sich das Küssen des Kruzifixes sowie der Heiligenbilder erhalten. Seinen europäischen Verehrern ist ferner der Kuss ein uraltes Zeichen, nicht bloss der Liebe, sondern auch der Versöhnung, des Friedens und der Freundschaft. Im Märchen bewirkt er einerseits Vergessenheit und ruft andererseits Vergessenes ins Gedächtnis zurück; ein Kuss löst den Bann der zum Drachen, zur Schlange oder Kröte verzauberten Jungfrau. Der altchristliche Friedenskuss lebt noch fort in dem Osterkuss der griechischen Kirche. Bei Übernahme des Lehens küsste im deutschen Mittelalter der Vasall den Lehensherrn. Der Kuss kam ferner in Anwendung nach Abschluss eines Vertrages, zur Besiegelung eines Versprechens, daher noch heute unsere Redensart „mit Kuss und Hand“. Im feineren (höfischen, hoflichen, d. h. ursprünglich hofartigen) Verkehr des Mittelalters wird von dem berühmten steirischen Ritter und Sänger +Ulrich von Lichtenstein+ (gest. 1275 oder 1276) unterschieden zwischen dem Kuss der Minne, der Freundschaft und der Sühne. Der Sühnekuss hat als Pfand und Siegel aufgehobener Feindschaft und wiederkehrender Zuneigung ernstere Bedeutung. Der Judaskuss ist der Kuss des Verräters. Dem Herzenskuss steht der Kuss der höfischen Sitte gegenüber. Der Ankommende küsst die Herrin, wenn er ihr an Rang wenigstens gleichsteht. Meist ersuchte die Frau den Vorgestellten um den Kuss oder bat der Geringere den Vornehmeren, seiner Gattin oder Tochter den Willkommenkuss zu bieten. Auch beim Abschied küsste man sich, und zwar auf Mund, Wangen oder Augen; die erstere Form bildet immer eine Auszeichnung. Bei den Franzosen kam dazu noch der Kuss auf Nase, Kinn und Hals. In dem Heldengedicht Titurel werden sogar dem Sieger im Turnier die Küsse von achtzig Jungfrauen in Aussicht gestellt. Der Kuss der Geliebten aber, schon gewährt oder erst ersehnt, begeistert heute noch die Dichter zu Dithyramben voll himmlischer Verzückung, und selbst ein so leichtfertiger Schriftsteller wie +Adolphe Belot+ hat sich veranlasst gefunden, in die Physiologie und Philosophie des Kusses sich zu vertiefen,[169] worin ihm sein Landsmann +H. de Molière+ längst vorangegangen war.[170] Dass trotz des +Scheffel+schen Katers Hiddigeigei tiefsinniger Frage:
Warum küssen sich die Menschen? 's ist nicht Hass, sie beissen sich nicht, Hunger nicht, sie fressen sich nicht, 's kann auch kein zweckloser, blinder Unverstand sein, denn sie sind sonst Klug und selbstbewusst im Handeln; Warum also, frag' umsonst ich, Warum küssen sich die Menschen?[171]
Dass Küssen den Kulturmenschen als ein Genuss gilt, bezeugen unter anderen die strengen Sonntagsgesetze, wie sie vor zweihundert Jahren in manchen Teilen der Vereinigten Staaten bestanden. Für den Sonntag war nicht nur Spazierengehen, das Kochen, Bartscheren u. dgl. verboten, sondern auch den Müttern untersagt, ihre Kinder zu küssen. Der Geschichtsschreiber +Mac Cabe+ erzählt, dass diesem Kussverbote im Jahre 1654 bei einem Prozesse in Connecticut die weiteste Ausdehnung gegeben wurde, indem ein Liebespaar -- Sarah Tuttle und Giacobbe Newton -- wegen Übertretung desselben mit hoher Geldstrafe belegt ward.
Es spricht nun, glaube ich, für meine im ersten Kapitel entwickelte Vermutung, wonach die Geschlechtsfreuden des Urmenschen geringer bemessen gewesen seien, dass selbst heute noch, der poetischen Auffassung +Steeles+ zum Trotz, das Küssen durchaus nicht allerorten Brauch ist, namentlich das Küssen auf den Mund. Der Kabyle küsst ins Gesicht, oft auch auf den Mund, während der Araber, nach +Heinrich von Maltzan+, meist nur die Schulter küsst.[172] Das Küssen ist natürlich von vorne herein ausgeschlossen bei allen Völkern, welche die Lippen aufschlitzen und kleine Hölzer einsetzen, wie es die Stämme an der Küste des Beringsmeeres und ihre Nachbarn, die Koljuschen, ferner die Botokuden in Brasilien und die mittel- und südafrikanischen Schwarzen thun, deren Frauen das „Pelele“ tragen.[173] Aber auch wo solche materielle Hindernisse fehlen, verschmäht man den Kuss in Afrika wie in Amerika und Ozeanien. Der Weltreisende Dr. +Otto Kuntze+, welcher manchen tieferen Einblick in die Lebensgeheimnisse der verschiedensten Völker nahm und darüber mit anerkennenswerter Offenheit berichtet, weiss vom Küssen gar nichts zu erzählen; ja, ich glaube, das Wort kommt in seinem umfangreichen Werke gar nicht vor. +Winwood Reade+ erregte das Entsetzen eines Negermädchens, als er sie küsste, denn in ganz Westafrika sind solche Liebkosungen völlig ungebräuchlich, was neuerdings auch wieder +Hugo Zöller+ bestätigte.[174] Desgleichen in Ostafrika, bei den Somal. Von den Kariben Guyanas bemerkt +Karl Ferdinand Appun+, vom Küssen sei bei ihnen gar nicht die Rede und diese angenehme Beschäftigung ihnen völlig unbekannt.[175] Weder Feuerländer noch Eskimo kennen diesen Ausdruck der Zärtlichkeit und sogar im europäischen Lappland stiess +Bayard Taylor+ bei den Frauen auf eine entschiedene Abneigung gegen jede derartige Berührung. Kusslos sind auch nach +Darwins+ Ermittlungen die Südseevölker, wie die Maori Neuseelands, die polynesischen Tahitier, die Papua und endlich die Australier.[176] Die Nervenempfindsamkeit aller dieser Völker ist eben noch nicht genügend entwickelt, um den Kuss als einen Sinnengenuss zu erkennen. Während mit fortschreitender Gesittung und Nervenverfeinerung das Lustgefühl bei uns sich ungemein ausgebildet hat, schärfte aber das Leben des Urmenschen, wie heute noch das der Wilden, die übrigen Sinne: Gesicht, Gehör und Geruch, daher bei ihnen das Riechorgan vielfach die Stelle des Mundes vertritt. Dafür zeugt der noch bei einzelnen Rassen und Völkerfamilien verbreitete „Nasengruss“,[177] wobei der Geruchssinn, nicht die Berührung, die Hauptrolle spielt, indem der Freund vom Freunde einen Teil von dessen individueller Ausdünstung durch den Nasengruss in sich aufzunehmen sucht. Die Hügelstämme von Tschittagong sagen nicht: „küsse mich“, sondern „rieche mich“. Die Maori Neuseelands reiben sich die Nasen zum Zeichen der Liebe und Freundschaft, oder, wie man in Neuseeland sagt: „Die Maori schnäbeln sich.“[178] Auch die ungleich höher stehenden Malgaschen gebrauchen statt des Kusses ein Drücken oder Reiben der Nasen: _manóraka_. Jetzt fangen sie wohl an, sich an den ihnen bisher unbekannt gewesenen Lippenkuss zu gewöhnen, doch kommt ein solcher heute noch sowohl zwischen alten als auch jungen Malgaschen nur höchst selten einmal vor.[179]
Selbst ein Kulturvolk vom Range der Chinesen kennt den Kuss nicht, und +Gustav Kreitner+, welcher das Innere des Himmlischen Reiches mit scharf beobachtendem Auge bereist hat, sagt es geradezu heraus: Dem Chinesen +ekelt+ es vor dem Kusse. „Derselbe Mandarin, welcher sich so angelegentlich um die Grösse der Damenfüsse in Europa erkundigte, war es, der, als er vernahm, dass man weit im Westen seine Zuneigung oft durch einen Kuss auszudrücken gewohnt sei, mit einem der ganzen Welt verständlichen Worte antwortete: Brr!“.[180] Und in der höchst interessanten Sammlung von Volksliedern und poetischen Theaterstücken, welche auf das vertrauliche Leben der Chinesen Bezug nehmen und von +Jules Arène+ zusammengetragen worden sind,[181] ist vom Kusse niemals die Rede. Auch in der japanischen Familie ist der Kuss eine unbekannte Zärtlichkeitsäusserung. Dies bezeugen übereinstimmend sowohl Professor +Rein+,[182] als +Georges Bousquet+, welch letzterer beifügt, dass um das Küssen sprachlich auszudrücken, die Japaner, in einer brutalen Metapher, kein anderes Wort kennen als jenes, welches in ihrer Sprache „saugen“ (_nameru_) bedeutet.[183] Dagegen scheint der Kuss den Mincopies nicht fremd zu sein. Wenigstens wird berichtet, dass Mincopiesträflinge in Port Blair ihren Gefangenwärter so lieb gewannen, dass sie ihm beim Abschiede die Hand küssten, und als einer derselben das erste englische Frauenzimmer zu Gesicht bekam, wollte er sie sogleich küssen.[184]
Im allgemeinen wird man kaum fehl gehen, wenn man hauptsächlich die Europäer und insbesondere die Gruppe der sogenannten Arier bis zu den Zigeunern[185] herab, für Liebhaber des Kusses hält. Ausnahmen kommen gleichwohl vor. Beim kleinrussischen Bauern ist der Kuss nicht _Sawedenje_ (Gebrauch), und ein Beobachter, der vierzehn Jahre am untern Dnjepr zubrachte, sah in dieser Zeit niemals einen Bauer, ausser in der Trunkenheit, Jemanden küssen.[186] Auch dem Bewohner des norddeutschen Flachlandes sind Zärtlichkeitsbeweise jeder Art, darunter das Küssen, meist im höchsten Grade zuwider.[187] Aber schon die klassischen Völker des Altertums kannten den Kuss. Dass die der Liebe holden Hellenen auch Kussverständige waren, lässt sich erwarten. Doch findet sich bei ihnen das Wort für küssen gleichbedeutend mit dem für lieben: φιλεῖν, auch verstärkt zu καταφιλεῖν. Andere Ausdrücke für küssen sind ἀςπάζεσθαι und κυνεῖν. Der Kuss ist φίλημα, was freilich auch Liebkosung bedeutet; φιλεῖν τινα τῷ στόματι hiess aber unbedingt: jemanden einen Kuss geben. Das ernste Volk der Römer hatte für Kuss die Worte _osculum_, _basium_ oder _suavium,_ welch letzteres wohl ziemlich klar auf die Süssigkeit des Genusses hindeutet. _Meum suavium_ gebraucht +Terenz+ für: meine Liebste. +Ovid+ geizt nicht mit Küssen und selbst der keusche +Vergil+ kennt die Redewendung: _alicui osculum libare_. Von den küssenden Europäern ging die Mode später auch auf ihre Mischlinge mit farbigen Rassen in fremden Erdteilen über. Die amerikanischen Mulatten küssen und lassen sich küssen; desgleichen die Schwarzen, welche in Amerika unter dem Einflusse der Weissen zu einer gewissen Gesittungshöhe aufgestiegen sind. +Hugo Zöller+ beobachtete einen solchen Fall.[188]
Die Geschichte des Kusses ist in gewisser Beziehung auch die Geschichte der Liebe, worunter ich ausschliesslich die in den höheren Sphären der Menschheit die Geschlechter beherrschende, bis zur wahren Leidenschaft steigerungsfähige Herzensneigung verstehe, im Gegensatze zum gewöhnlichen erotischen Triebe, den man gerne euphemistisch als „sinnliche Liebe“ bezeichnet. Es ist in hohem Grade beklagenswert, dass diese verschiedenen Zustände sprachlich nicht scharf auseinander gehalten und dem Worte Liebe ganz verschiedene Bedeutungen unterschoben werden, woraus eine heillose Verwirrung entsteht. Man spricht von einer „wahren“ oder „idealen“, von einer „romantischen“ oder „platonischen“ Liebe gerade so wie von einer „sinnlichen“ oder „fleischlichen“ Liebe, und beschönigt mit dem höhere Vorstellungen erweckenden geistigen Begriffe der Liebe die einfache Begierde der Sinne. Aber nur die auf Herzensneigung beruhenden Gefühle verdienen die Bezeichnung „Liebe“; alles was darunter bleibt, ist einfach Begierde, Freude an der Befriedigung der Sinnenlust mit einem oder mehreren bestimmten Wesen des andern Geschlechtes. Die überwiegende Mehrzahl hat nun Verständnis bloss für den tierischen Genuss, für die Wollust, sehr wenig oder keines für die Liebe. Diese spriesst vornehmlich im Gehirn der Idealisten, denn in ihr überwiegt das Geistige derart, dass nur in Menschen der höchsten Entwicklungsstufen die erforderlichen Grundbedingungen dazu vorhanden sind. Auch unter uns Europäern vermögen nur feiner organisierte Naturen wärmer zu empfinden. Wenigstens malen unsere Dichter Gluten und Liebesqualen, von welchen der Alltagsmensch sich nichts träumen lässt. Sicherlich, wenn wir auch die von +Feodor Wehl+ in seinen „Herzensgeheimnissen“ erzählten Geschichten für bare Münze nehmen wollten, wird doch jedermann zugeben, dass solche ins Übersinnliche gesteigerte Weissglut der Leidenschaft zu den allergrössten Seltenheiten gehört, jedenfalls für die grosse Menge nicht massgebend ist. Sie bleibt Neunhundertneunundneunzig unter Tausend +vollständig unbekannt+, -- bei wenigen, weil kein günstiger, oder richtiger ungünstiger, Zufall sie weckte, bei der Mehrzahl, weil sie zu einer solchen Liebe überhaupt unfähig sind.
In noch weit strengerem Sinne gilt dies von den ausserhalb unserer Gesittung sich bewegenden Völkern. +Dr. Ploss'+ fleissige Forschungen gestatten keinen Zweifel, dass -- wie das Küssen -- die Liebe (ich gebrauche das Wort fernerhin nur noch in seinem idealen Sinne) einer grossen Anzahl von Völkern durchaus unbekannt ist, wofür eine ganze Reihe von Zeugnissen vorliegen. Von den Schwarzen im oberen Nilgebiet sagt der erfahrene Sir +Samuel White Baker+ ausdrücklich: Das was wir als Liebe bezeichnen, ist ein Gefühl, welches man in diesen Ländern nicht kennt und versteht; es existiert gar nicht. In dieser Beziehung ist alles handgreiflich, praktisch, ohne eine Spur von romantischer Zuthat.[189] „Eines der schönsten Geschenke des Schöpfers,“ sagt +Appun+, der jahrelang unter den Karibenstämmen Guyanas gelebt hat, „ist dem Indianer nicht zu teil geworden: die leidenschaftliche Liebe zum Weibe; unbekannt mit der schönsten und zartesten der Neigungen bleiben alle ihre Empfindungen dieser Art kalt und matt, und nur die physische Liebe ist ihnen bekannt. Während meines langjährigen Aufenthaltes unter den Indianern sind mir nur äusserst wenige Fälle vorgekommen, in welchen Ehepaare sich mit allen jenen Liebkosungen überschütteten, deren ein Europäer fähig ist. Ebenso wenig habe ich eine Liebkosung bei jungen unverheirateten Leuten bemerkt.“[190] Bei den Dualla Westafrikas hat +Zöller+ wohl gesehen, dass ein Neger sein Kind, aber er hat nie gesehen, dass er sein Weib geliebkost hätte.[191] Ja sogar weniger rohe oder schon gesittete Völker wissen von keiner zarteren Neigung. Im Orient ist die Ehe rein sinnlicher Natur, und der Türke, sagt Feldmarschall +Moltke+, geht über das ganze „Brimborium“ von Verliebtsein, Hofmachen, Schmachten und Überglücklichsein als eben so viele _faux frais_ hinweg zur Sache.[192] In ganz Ostasien -- Japan, China, Java -- werden die Ehen wohl nie aus Liebe geschlossen; immerhin kommt doch Liebe sporadisch vor.[193] Selbst unter Wilden finden sich unleugbar Beispiele von Herzensneigungen mehr oder weniger ausgeprägter Art. Von einzelnen Fällen, dass auch ein australisches Herz in einem jener poetisch-zarten Gefühle erglühte, welchen man die Benennung Liebe zugestehen muss, erzählen Hr. +Thomas+[194] und Dr. +Mücke+,[195] welch letzterer in den Roman solch einer wilden Liebe selbst handelnd eingriff. Auch unter den Negern kennt man einzelne Beispiele grosser Beständigkeit unter ungünstigsten Verhältnissen und wunderlicher Aufopferungsfähigkeit. +Brodie Cruickshank+ teilt zwei Fälle dieser Art mit.[196] +Davis+ erzählt von einem Neger, der nach vergeblichen Versuchen seine Geliebte aus der Sklaverei loszukaufen, sich entschloss, lieber selbst Sklave zu werden, als die Trennung von ihr zu ertragen.[197] Auch von den Sulukaffern weiss man ein Beispiel romantischer Liebe.[198]
Alle diese Fälle sind indes so sehr vereinzelt, dass aus ihnen kein gültiger Beweis gegen das Fehlen der über Sinnlichkeit hinausgehenden Liebe bei den Wilden zu schöpfen ist. Höchstens gestatten sie zu schliessen, was nicht erst des Beweises bedarf: dass die +Anlagen+ zur Entwicklung höherer Gefühle bei allen Menschen vorhanden sind. Diese Ausbildung hat aber eben bei der Allgemeinheit noch nicht stattgefunden, daher alle Versicherungen des Gegenteiles mit einem gewissen Misstrauen aufzunehmen sind. So versichert z. B. +R. Smyth+ nach +Bunce+, dass bei den Australiern die festeste Liebe bestehe zwischen Mann und Weib,[199] was nach der dort üblichen Behandlung der Frau ganz unglaubhaft erscheint, sich also höchstens auf einzelne Ausnahmen beziehen kann. Desgleichen meint +H. H. Johnston+, die Unsittlichkeit der Bakongo und anderer Anwohner des unteren Kongo entspringe eher aus übertriebener Liebe zu ihren Frauen, als aus Neigung zum Laster,[200] fährt aber in einem Atem fort zu berichten, dass Ehebruch nicht ungewöhnlich sei. Die Weiber gäben wenig auf ihre eigene Tugend vor und nach der Verheiratung, und ohne die Eifersucht der Männer würde ungehinderter Verkehr unter den Geschlechtern die Regel bilden.[201] Ausnahmen sind natürlich zuzugestehen; für die grosse Masse der Wilden und Barbaren gilt indes sicherlich als allgemeine Regel, was +Hugo Zöller+ von den Westafrikanern beobachtete: Niemals, thatsächlich niemals hört man dort von einer Liebesgeschichte. Die Negerin besitzt niemals einen „Schatz“, weder in ganz jungen Jahren, noch nach der sogenannten Verheiratung. Das Verliebtsein ist auf den untersten Staffeln der Menschheit ein unbekanntes Ding, auf den folgenden kennt man darin dann gar viele Stadien und Abstufungen. Zwischen den beiden äussersten Grenzen, der blossen Sinnenlust und der vergeistigsten Liebe, läuft unverkennbar, sowohl individuell innerhalb der gesitteten Welt als ethnisch von Volksgruppe zu Gruppe, eine unabsehbare Reihenfolge feiner, oft kaum unterscheidbarer Zwischenstufen jenes geistigen Anteils, welcher ein unerlässlicher Bestandteil der Liebe ist und in der poetischen Verklärung der Geschlechtsbeziehungen gipfelt. Es ist mir ganz aus der Seele gesprochen -- weil ich längst zur gleichen Überzeugung gelangte -- wenn +Hugo Zöller+ schreibt: „Die Liebe in dem Sinne, wie wir sie auffassen, +ist eine Frucht unserer Kultur+. Sie entspricht einer höheren Entwicklungsstufe der in unserer Natur schlummernden Anlagen, als die Negerrasse sie erreicht hat. Nicht bloss, dass jene zahlreichen Funktionen des Geistes, des Gemütes und des Herzens, welche wir unter den Begriff der Liebe zusammenfassen, dem Neger fremd sind; nein, auch in rein körperlicher Hinsicht kann man behaupten, dass sein Nervensystem nicht nur weniger reizbar, sondern auch weniger gut entwickelt sei. Der Neger liebt, wie er isst und trinkt. Aber ebenso wenig wie einen schwarzen Feinschmecker habe ich jemals einen Neger gesehen, welcher der Wollust eine idealere Seite abzugewinnen vermocht hätte.“[202] Ungescheut darf man in obigem den Neger, an welchen +Zöller+ anknüpft, durch den allgemeinen Begriff des Wilden ersetzen, ohne sich irgendwie von der Wahrheit zu entfernen. Man darf aber auch hinzufügen: +Die Liebe ist ewig wechselnd+. Jedes Zeitalter, jede Geschlechtsfolge drückt ihr einen besonderen Stempel auf. So oft Männer und Weiber sich lieben, lieben sie sich anders als ihre Voreltern sich liebten, als ihre Nachkommen sich lieben werden. Heute schon ist in unseren Kreisen die Liebe nicht mehr, was sie vor einem Menschenalter war, und ebenso wechselt sie von Volk zu Volk. Der Italiener, der Spanier liebt in seiner höchsten geistigen Erregung immerhin anders als der Franzmann, der Deutsche anders als der Brite. Es ist +nicht wahr+, dass das menschliche Herz überall und immer das gleiche sei. Die menschlichen Leidenschaften sind die nämlichen, aber sie erregen in verschiedenartiger Weise das Gemüt der einzelnen Völker. Welches darunter Anspruch habe auf den höchsten Preis, ist wissenschaftlich nicht zu ergründen. Jedes vermeint ihn zu besitzen, wahrscheinlich gehört er keinem.
Übrigens können selbst schöngeistige Schriftsteller, welche in solchen Dingen allein zu Rate zu ziehen sind, weil subjektive Empfindungen nicht leicht Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung werden, sich der Einsicht nicht verschliessen, dass die Liebe kein dem Menschen als solchem von der Natur zugewiesenes Gemeingut sei. So sagt der bekannte Roman- und Kriegsschriftsteller +Hans Wachenhusen+, dem Reise-Beobachtungen in mannigfachen Länderstrichen zur Seite stehen, vom gläubigen Standpunkte ganz logisch: „Als Gott die Welt erschuf, legte er den ganzen Schwerpunkt seiner Schöpfung, um den sich diese von Anbeginn bis zu Ende drehen sollte, in die Beziehungen der beiden Geschlechter zu einander. Der Mann sucht das Weib, das Weib den Mann, und wenn sie sich gefunden haben, ist der alle beide verurteilende Seelenprozess zu Ende. Die Liebe ist also nichts als eine ganz kurze Episode mit langem Vorspiel des Sehnens und endlosem Nachspiel der Nüchternheit. Die Liebe hat auch an sich keine moralische Berechtigung, nicht einmal eine historische. Moralisch nicht, weil sie +nur bei Kulturvölkern durch Sublimierung eines von Hause aus ganz untergeordneten Instinktes mit der Zivilisation einheimisch geworden+ und sich naturgemäss in dieser wieder zu einer ganz ordinären Spekulation verflacht. Historisch nicht, weil die Heil. Schrift uns nicht sagt, dass Adam und Eva sich +geliebt+ haben, sie vielmehr als zwei ganz untergeordneten Instinkten folgende Wesen hinstellt.“[203]