Part 22
Erwin wandte sich ab. »Ich habe heute schon einen Freund begraben,« sagte er mit krampfhaft zusammengezogenen Brauen, »es kommt mir auf eine zweite Beerdigung nicht an.«
»Ich weiß es«, versetzte Graf Palester sanft. »Sie können alles wagen. Sie haben die Freiheit und die Möglichkeit der Verwandlung.«
»Doch vorher,« sagte Erwin, ohne Palester anzuschauen, »vorher haben wir noch eine kleine Wette auszugleichen, Graf.«
Graf Palester erbleichte. »Ah, eine Wette,« murmelte er. »Ich entsinne mich. Es war ein sonderbares Gespräch zwischen uns, ein Gespräch, das mir Übelkeit verursachte wie ein verfaulter Fisch.«
»Es war eine Laune, Graf. Eine Laune, die von Folgen begleitet war, als ob man im Rausch einen Diamanten gefunden hätte ... auf einem Wirtshaustisch.«
Immer qualvoller schien es dem Grafen, so zu stehen und in das Gesicht Erwins blicken zu müssen, und er hatte die Empfindung, als ob dieses Gesicht beständig wechselte, beständig seinen Ausdruck veränderte, bald nah, bald fern wäre, bald stolz, bald sklavisch, bald leidenschaftlich, bald wie gefroren, bald schön und edel, bald verzerrt und häßlich, bald verständig, ja erhaben durch Vernunft, bald tierhaft trüb und niedrig aussah. Ach, dachte er, erfüllt von einem Schmerz, der ihm selbst unbegreiflich dünkte, ihm ist die Liebe unbekannt, alle Genien sind an seiner Wiege gestanden und haben ihn mit allen Gaben der Erde gesegnet, doch ein dämonischer Dieb ist herangeschlichen und hat ihm die Liebe entwendet.
»Sie ahnen nicht, wie glücklich es mich macht, in den Besitz dieser göttlichen Kunstwerke zu gelangen«, fuhr Erwin, plötzlich liebenswürdig, fort. »Ich habe davon geträumt, sie waren mein Eigentum, bevor ich sie erworben hatte.«
»Und haben Sie sie denn erworben?« fragte Palester mit kaum vernehmbarer Stimme und fügte mit mühsamem Spott hinzu: »Nehmen Sie mir’s nicht übel, wenn ich daran zweifle.«
»Dieser Zweifel kann durch den Augenschein behoben werden«, entgegnete Erwin lächelnd.
Palester trat einen Schritt zurück. Er starrte Erwin mit aufgerissenen Augen an und blinzelte dann mit den Lidern, die sich langsam röteten.
»Ich finde es selbstverständlich, daß ich Ihnen Beweise liefern muß«, sagte Erwin mit undurchdringlicher Freundlichkeit im Ton. »Haben Sie die Güte, mir zu folgen, Graf.«
Und Graf Palester folgte ihm wie behext. Er folgte ihm aus dem Zimmer und die flache Treppe des ungenügend beleuchteten Vorsaals hinan und durch einen langen Gang, an dessen Wänden alte, braune Ölgemälde in schwarzen Rahmen hingen.
Erwin blieb vor einer Tür stehen. Bevor er aber nach der Klinke gegriffen hatte, war Palester dicht an seine Seite getreten, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, indem er seinen Blick fest in den Erwins bohrte: »Lassen Sie das nur. Ich wünsche den Augenschein nicht; ich weiß nicht, ob ich ihn mit Ruhe ertragen könnte. Ich glaube Ihnen. Leben Sie wohl.« Er kehrte sich um, ging mit raschen Schritten über den Flur gegen die Treppe zurück und verließ im strömenden Regen das Haus.
Es war elf Uhr vorüber, als er wieder in seinem kahlen, kalten Zimmer angelangt war. Er zündete eine Kerze an, ging in das Zimmer seiner Gefährtin und vergewisserte sich, daß sie schlief. Sodann bereitete er auf einem Spirituskocher Tee, und nachdem er zwei Schalen getrunken und schwarzes Brot dazu verzehrt hatte, blieb er in regungslosem Nachdenken lange Zeit sitzen. Es hatte Mitternacht geschlagen, als er sich erhob, die grüne Truhe aufsperrte und die kostbar eingebundenen Miniaturen herausnahm. Er betrachtete einzelne Bilder, deren schöne und mineralische Farben nichts von Alter und Verstaubtheit hatten, lange, mit abschiednehmenden Blicken. Dann trug er den Folianten in die Küche hinaus, ergriff eine eiserne Pfanne, stellte sie auf den Herd, machte ein kleines Spanfeuer in dem Gefäß, und als die Flammen lichterloh emporschlugen, übergab er ihnen das Buch mit den Miniaturen. Ruhig schaute er zu, wie das herrliche Werk verbrannte. Ein Knacken der Dielen ließ ihn emporsehen. Lenore stand auf der Schwelle. Sie war im Nachtgewand und bloßfüßig, und ihr Gesicht, dem seinen sonderbar ähnlich, schimmerte bleich unter den roten Haaren. Sie fragte nicht, sie näherte sich ihm schweigend und, an seine Brust gelehnt, schaute auch sie der kleinen Feuersbrunst zu. Als die Flammen verloschen waren, lag das Miniaturenwerk noch da wie ein Schatten seiner selbst, grau und rauchend, der Deckel mit aufgerolltem Rand.
Am andern Morgen schickte der Graf Palester diesen Aschenüberrest, den er mit Sorgfalt in ein Holzkistchen gelegt hatte, durch einen Boten an Erwin Reiner. Als Erwin der jammervollen Zerstörung ansichtig wurde, den noch keineswegs zerbröckelten Band ungläubig betastete, war er gleichwohl nicht mehr in der Verfassung, diesen Verlust so zu empfinden, wie er noch zwölf Stunden vorher ihn empfunden hätte.
Drei Nächte
Nachdem Palester gegangen war, stieg Erwin in den ersten Stock, sperrte die Türe auf und trat in das Zimmer, in welchem sich Virginia befand. Er schloß die Türe wieder und blieb stehen.
Virginia saß auf dem Bettrand. Sie erhob sich, hob auch den Kopf und fixierte Erwin mit einem durchdringenden Blick. Sie hatte sich gesammelt und mit aller Kraft zur Ruhe bezwungen. Es war dies ein Beweis von außerordentlichen Fähigkeiten der Seele; jede andre wäre in einer solchen Lage fassungslos zusammengebrochen. Denn sie mußte sich ja sagen, daß sie selber Schuld trage, daß sie sich ihm ausgeliefert, indem sie seinen treulosen Versicherungen geglaubt. Geglaubt? Nein, dies vielleicht nicht. In die Schwäche und in die Dumpfheit hineingehetzt, hatte sie sich verführen lassen, den erstbesten Weg einzuschlagen, den der Lügner gepriesen. Jetzt aber hatte sie Klarheit; Klarheit genug für ein ganzes Leben.
Die Frage, ob er sie verachte oder nicht verachte, belästigte sie nicht mehr; diese Frage erschien ihr kindisch und ihrer unwürdig; sie erkannte, daß er schurkenhaft an ihr handelte. Und ihr Blick verkündete ihm das.
Sie begriff, was auf dem Spiele stand und daß sie nichts erreichen würde, wenn sie ihren Schmerz, ihre Empörung, ihre Verzweiflung an den Tag legte.
»Weshalb haben Sie mich eingesperrt?« fragte sie.
»Das bedarf keiner Erklärung«, antwortete er durch die geschlossenen Zähne. »Du weißt selber den Grund.«
»Ich werde keine Silbe mehr sprechen, wenn Sie nicht einen anständigen Ton annehmen. Ich verbiete Ihnen, mich zu duzen«, rief Virginia mit flammenden Augen und ballte die linke Hand fest zur Faust.
»Ah! Herzig! Ein Zornesausbruch? Herzig! Nun, es sei. Wenn Sie Wert darauf legen ...« Er zuckte die Achseln.
In seiner Impertinenz war etwas Krampfhaftes. Sein eckenreicher Mund, den die Beredtsamkeit in allen Worten und Lauten der menschlichen Sprache zerzackt und beweglich gemacht, zeigte in seiner Struktur eine wüste Linie. Seine Haltung verriet Entschlossenheit bis zum Äußersten.
»Was wollen Sie mit mir beginnen?« fragte Virginia abermals.
»Ich will Sie haben, Virginia! Haben! Haben! Ganz für mich allein! Ich will! Sie wissen, scheint mir, nicht, was das bedeutet: ich will!«
»Ich weiß es nur zu gut«, versetzte Virginia schaudernd. »Aber Sie vergessen, daß ich auch einen Willen habe. Und wenn Sie vor nichts zurückschrecken, so werd ich mir daran ein Beispiel nehmen.«
»Das haben Sie hübsch gesagt, wunderbare Virginia. Es ist wahr, ich schrecke vor nichts mehr zurück; es ist wahr. Zu lange haben Sie mich gemartert.«
»Sie wollten mich also von Anfang an zugrunde richten. Deswegen haben Sie mich unter die Menschen gelockt, um ihnen zu zeigen, wie leicht es ist, mich gemein zu machen. O Gott!« Und sie rang die Hände. Sie hatte nur ein einziges Gefühl, ein glühendes: Reue.
»Was haben Sie sich vorgestellt?« fragte Erwin sarkastisch. »Waren Sie der Meinung, daß ich immer nur girren und Süßholz raspeln würde?«
»Und alles Lüge, alles Betrug«, stammelte Virginia und blickte ihm gepeinigt ins Gesicht.
»Das ist der Krieg«, entgegnete er kalt. »Ich hatte übrigens die Absicht, Sie zu heiraten –«
»Schweigen Sie davon! Man heiratet mich nicht, wie man eine Ware kauft. Ich schäme mich ja, daß ich nur einen Augenblick daran gedacht habe. So viel Ehre hab ich Ihnen nun zugetraut, sehen Sie, so viel Achtung gegen mich, daß ich mir gedacht habe, ich könnte auf die Weise die Schande auslöschen. Aber jetzt ist ja alles verloren, alles, alles.« Sie preßte, am ganzen Körper zitternd, die Hände vors Gesicht.
»Ich hatte die Absicht, Sie zu heiraten, und habe sie noch«, fuhr Erwin trocken fort. »Aber das braucht Zeit, und ich kann Ihnen nicht auseinandersetzen, warum es sogar viel Zeit braucht. Inzwischen will ich Sie nicht entbehren, Virginia, denn ich kann Sie nicht mehr entbehren. Ich würde verbrennen. Das Leben ist zu kurz und zu wertvoll, um so lange, wie ich es getan, nach einem Weib zu schmachten.«
Schnellatmend wie ein Läufer, mit erbarmenswürdig fahlem Gesicht schritt Virginia zur Tür. Als sie an Erwin vorüber wollte, packte er sie schweigend am Arm. »Lassen Sie mich,« keuchte sie, »ich will gehen.«
»Du mußt bleiben«, sagte er leise und drohend; »du mußt! Weil ich will, mußt du. Hier wird sich dein Schicksal vollziehen. Und wenn ich zum Verbrecher werden soll, du mußt.«
»Dann nehmen Sie lieber einen Revolver und schießen Sie mich nieder«, erwiderte Virginia, die sich der Tränen nicht mehr erwehren konnte, weinend.
»Wozu? Damit ich zeitlebens ein hungriger Mann bleibe? nachdem du mich wahnsinnig und mir selbst verächtlich gemacht hast? Nein, Virginia, so wäre mir nicht gedient. Ich habe gelogen, sagst du? Aber du warst falsch, kokett und berechnend, du hast mir das Blut erhitzt und entzündet, bist undankbar und herzlos, und ich lasse dich nicht, ich lasse dich nicht.«
Virginia blickte mit irren Augen umher. Sie machte eine Bewegung, als wolle sie die Mauer durchbrechen, um aus seinem Bereich zu kommen. »Manfred! Manfred!« rief sie plötzlich.
Erwin lachte. Ungeachtet dessen war ihm jämmerlich zumute, und Virginia spürte es. Voll Kummer schaute sie ihn an, und ein Strahl zaghafter Heiterkeit erschien in ihren Lippenwinkeln wie eine letzte Hoffnung, daß dies alles vielleicht doch nicht so ernst, so furchtbar sein könne, wie sie es sah. Jedoch Erwin raubte ihr diese Hoffnung.
»Ich gebe Ihnen noch Frist, Virginia«, sagte er mit dunkler Stimme. »Ich warte. Ich habe Zeit. Ich lasse Sie allein. Seien Sie vernünftig. Überlegen Sie. Es gibt keinen Mann auf der Welt, der Sie mehr liebt als ich; kein Gefühl, seit die Erde steht, stärker als das meine. Eine große Gewalt ist in Ihre Hand gegeben. Mein Los ist Verdammnis, wenn Sie auf Ihrem Sinn beharren. Ich werde nicht allein in die Verdammnis stürzen, ich werde Sie mit mir hinunterreißen. Hinunter zu den Teufeln, wenn Sie mir den Himmel verschließen. Sie treten meinen Stolz mit Füßen, Sie zermalmen mir die Brust, Sie stehlen mir den Glauben an mich und meinen Stern. Gut und Böse ist in Ihrer Macht. Wählen Sie. Überlegen Sie, Virginia, ob das, was Sie so glühend verteidigen, das aufwiegt, was Sie vielleicht meine Entmenschung nennen. Mit Grund, mit gutem Grund. Bewahren Sie mich vor dem Verbrechen. Überlegen Sie. Fragen Sie Ihr Herz um Rat. Ich lasse Sie allein. Ruhen Sie. Morgen, wenn der Tag um ist, werde ich mein Urteil holen.«
Da Virginia weder mit Laut noch Blick antwortete, fügte er trocken hinzu: »Es hätte natürlich gar keinen Zweck, wenn Sie in irgendeiner Weise Lärm schlagen würden. Das Zimmer ist das entlegenste des Hauses, und niemand würde Sie hören. Meine Leute habe ich fortgeschickt. Außerdem wäre es nur verhängnisvoll für Sie, selbst wenn man Ihnen zu Hilfe käme. Freiwillig haben Sie mein Haus betreten, das können Sie nicht leugnen. Daß ich gezwungen bin, den Kerkermeister zu machen, ist eine Privatsache zwischen uns. Not werden Sie nicht leiden. Wenn Sie die Güte haben wollen, zuzugreifen, dort ist der Tisch gedeckt.«
Mit ironischer Handbewegung wies er in die Ecke, wo auf einem sogenannten stummen Diener allerlei Delikatessen serviert waren. Dann ging er und schloß die Türe zu. Als er in die Halle kam, trat Wichtel ihm entgegen und erbat sich seine Befehle.
»Sind die Frauenzimmer weg?« fragte Erwin.
»Sie schlafen in der Gärtnerwohnung.«
»Gut. Gehen Sie zu Bett. Das Haus bleibt morgen verschlossen. Wenn es läutet, zeigen Sie sich nicht.«
»Sehr wohl.«
»Ich glaube, ich kann mich auf Sie verlassen, Wichtel?«
»Sehr wohl.«
»Sie sehen nicht und Sie hören nicht. Darauf kommt es an.«
»Sehr wohl.«
Die halbe Nacht lang wanderte Erwin in der Bibliothek auf und ab. Seine Überlegung war ruckweise und von lautlosen Wutanfällen begleitet. Als er sich zur Ruhe begeben hatte, konnte er nicht schlafen. Er stellte sich unter die kalte Dusche, aber der Brand seines Gehirns verdoppelte sich. Er versuchte zu lesen, sah aber nicht einmal die Zeilen. Er horchte auf den ununterbrochen strömenden Regen, dem sich gegen Morgen ein brausender Sturm zugesellte. Dieser Sturm nahm während des Tages an Heftigkeit beständig zu. Am Nachmittag klingelte das Telephon. »Wer ist es?« fragte Erwin, in die Halle tretend. – »Die Frau Baronin Resowsky«, erwiderte Wichtel flüsternd und das Gesicht vorsichtig vom Schallrohr abkehrend. – »Ich bin verreist. Sie wissen nicht wohin. Meine Rückkehr ist unbestimmt.« – »Sehr wohl.«
Er setzte sich an den Schreibtisch, starrte gedankenlos auf das Papier, nahm die Taschenuhr heraus und beobachtete das Vorwärtshüpfen des Sekundenzeigers. Aus irgendeinem Grund hatte er die zehnte Abendstunde als die bestimmt, zu welcher die Frist abgelaufen sein sollte. Er dachte an diese Stunde wie an einen Wendepunkt seines Lebens. Seine Wangen waren fahl, seine Augen erloschen, doch das Innere seines Leibes erschien ihm wie versengt.
Von Minute zu Minute wuchs eine geheimnisvolle Raserei in ihm. Um acht Uhr schickte er auch noch Wichtel zum Gärtner, damit er drüben nächtige. Langsam schlich die Zeit. Die Spieluhr auf dem Kamin trällerte vergnügt ihre Arie durch das totenstille Haus.
Auch Virginia hatte die Nacht schlaflos verbracht. Kurz nach Erwins Weggehen hatte sie das Fenster geöffnet; es lag zu hoch, als daß sie hätte hinunterspringen können. Vor ihr breitete sich der weite, einsame und finstere Park. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, und sie schloß das Fenster wieder. Wenn ich mich umbringe, dachte sie, hält mich alle Welt für ehrlos; ich muß unbedingt aus dem Haus kommen. Und dann? was dann? wohin mit mir? wohin mit meiner Schande? ich habe keinen Menschen mehr; keinen Freund, keine Mutter, kein Heim.
Von solchen Überlegungen unglücklich bewegt, wandelte sie viele Stunden lang durch den Raum, verspürte aber dabei eine entsetzliche Müdigkeit. Der Tag brach an. Sie klopfte an die Türe. Sie rief. Umsonst; nichts rührte sich. Sie nahm eine Semmel von der Platte und aß mit Widerwillen. Oftmals während des Tages mußte sie sich, von ihrer Erschöpfung bezwungen, auf einen Sessel niederlassen, doch nach wenigen Minuten erhob sie sich wieder, zornig, verstört, erwartungsvoll, von Scham erdrückt und mit stockendem Herzen. Endlich gegen Abend schob sie den schweren Tisch vor die Türe, damit sie nicht überrascht würde, wenn sie einschlief, legte sich auf das Sofa und schlummerte alsbald mit schmerzlicher Wachsamkeit des Gehörs. Das elektrische Licht, das den ganzen Tag gebrannt hatte, ließ sie brennen.
Das Rücken des Tisches weckte sie auf.
Erwin stand dicht vor ihr. Er war wachsbleich. Er hielt die Hände auf dem Rücken und schaute sie wortlos an. Er kämpfte mit sich. Es trieb ihn, auf die Knie zu stürzen und ihre weiße Hand zu fassen. Aber es galt, alle Kraft zu bewahren.
Virginia sprang empor. Da sah sie, daß die Türe nur angelehnt war. Gedanke und Entschluß waren eines. Im Nu war sie an Erwin vorübergeeilt und rannte hinaus, ehe er sie hatte hindern können. Es war dunkel, nur der Lichtschein vom Zimmer wies ihr den Weg zur Treppe. Sie lief hinab, sie befand sich am Haustor, es war versperrt, aber der Schlüssel steckte im Schloß. Während sie den Schlüssel umdrehte, fühlte sie sich an der Schulter gepackt. Mit einem Aufschrei entwand sie sich dem Griff und floh nach einer andern Seite, riß eine Tür auf, kam in die Bibliothek und stürzte weiter in einen finstern Raum.
Erwin schweigend hinter ihr her. Die Glastür nach dem Garten war offen. Sie lief darauf zu, über die Stufen hinab, in die Finsternis hinein. Der Regen war so heftig, daß sie das Gefühl hatte, als sei sie in einen Fluß gesprungen. Der Sturm schleuderte ihr die Nässe wie triefende Fetzen ins Gesicht, und sie mußte die Augen schließen. Die Wasserlachen spritzten empor, nasse Blätter und Zweige streiften Haar und Wangen, die Feuchtigkeit drang durch die Kleider kalt auf die Haut, da stieß sie mit der Stirn an einen Baum, vor Schmerz konnte sie nicht weiter und suchte mit blinzelnden Lidern das vom Hause her beleuchtete Stück des Parks.
Doch Erwin hatte sie schon erreicht. Er hob sie mit beiden Armen auf, und mit übermenschlicher Anstrengung trug er sie zurück, über die Wege wieder zurück. Vor der Terrasse versagten ihm die Kräfte, er holte Atem, nahm sie um die Hüfte und zog die Strauchelnde die Treppen empor, durch den Empfangsraum in die Bibliothek, schleppte sie bis zum Divan und warf sie hin.
Mit aufgeregten Schritten, den Mund keuchend geöffnet, eilte er zu beiden Türen und warf sie ins Schloß. Dann kehrte er zu Virginia zurück und betrachtete sie grübelnd. Sie regte sich nicht. Sie lag auf der Erde, der Kopf lag auf dem Divan. Sie war über und über naß und mit Kot bespritzt. Er fand gleichwohl in der Linie ihres Körpers einige Ähnlichkeit mit der hingeschmiegten Haltung jener Stunde, als sie an Manfreds Brust gelegen. Da trieb es ihn, sie zum äußersten zu hetzen, als ob nur ihre völlige Entwertung und Entehrung ihm noch Hoffnung übrig ließe.
»So kannst du nicht bleiben«, sagte er heiser. Sie gab keine Antwort. »Du kannst so nicht bleiben, hörst du?« wiederholte er barsch, bückte sich und riß ihr die Jacke auf.
Sie sah ihn an, und da trat er zurück. Immer noch hatte dieser Blick seine wehrende Gewalt. Er preßte die Lippen zusammen und mühte sich, die Besinnung zu bewahren. Er eilte zu den zwei Seitentüren, sperrte mit gestoßenen Bewegungen die Türen ab, steckte die Schlüssel in die Tasche, verließ dann die Bibliothek durch die Tür gegen die Halle, begab sich hinauf in das Zimmer, in welchem Virginia gewesen, raffte einen Morgenrock, Schuhe, Strümpfe und ein Tuch aus dem Schrank und trug alles dies hinunter. Virginia lag noch ebenso wie vorher da.
»Hier ist, was du brauchst,« herrschte er sie an, »so kannst du nicht bleiben, naß und schmutzig; es widert mich, dich so zu sehen.«
Sie rührte sich nicht.
»Virginia! Virginia!« schrie er mit einem schrecklichen Ton in der Stimme.
Sie rührte sich nicht.
»Ich will schmutzige Kleider nicht berühren«, rief er. Er kniete nieder. »Deine Füße sind naß«, fuhr er fort, plötzlich schmeichlerisch; »man wird krank von nassen Füßen. Man wird häßlich, wenn man krank ist. Oder willst du trotzen? willst du mich vollkommen in den Irrsinn treiben?«
Virginia streckte beide Arme beschwörend nach ihm aus. Ihre Frisur hatte sich gelockert, und die Haare fielen nun langsam über die Schultern auf die Erde.
»Gut. Schön; ich werde meine Leute holen,« begann Erwin wieder gleich einem Betrunkenen, »ich werde sie holen, damit sie sich diese Sehenswürdigkeit von einer Dame betrachten. Ja! Ja! Ja!« tobte er, als Virginia bittend das Gesicht verzog, »ich gehe schon, ich werde draußen warten; da sind die Kleider! tu ab das ekle Zeug! tu’s ab! Welche Beschwer! wie viel Ziererei! Alles wird zur Hülle, die Scham tötet das Herz.« Er sprach und schien nicht zu wissen, was er sprach. Er ging hinaus und schritt in der finstern Halle auf und ab. »O Leben! Leben!« murmelte er, »wie gnädig warst du mir einst, und jetzt stößt du mich weg von deiner Brust.«
Er öffnete die Tür und sah, daß Virginia noch immer so lag, wie er sie verlassen. Was wollte er nur? was erwartete er von ihrem Gehorsam? Kam es ihm darauf an, sie wenigstens äußerlich verwandelt zu sehen? Sie zu bewegen, das war schon viel. »Marie! Gertrud! Wichtel!« rief er, gegen die Dunkelheit gewandt. Da erhob sich Virginia mit einem Wehelaut. Er schloß, ihrer Sinnesänderung sicher, die Tür, beugte sich und biß mit den Zähnen in die metallene Klinke. Danach tastete er sich ins Speisezimmer, machte Licht, nahm eine Karaffe voll Kognak aus dem Buffet und trank. Es war der erste Schluck Schnaps, den er seit vielen Jahren über die Lippen brachte, da er in solchen Dingen von pedantischer Enthaltsamkeit war.
Mit kleinen, hauchenden, kindlichen Seufzern hatte Virginia sich ihrer besudelten Gewänder entledigt und schlüpfte in das Kostüm, das Erwin auf den Teppich geworfen. Jacke, Rock und Bluse hing sie auf die Lehnen zweier Sessel. Die Strümpfe klebten an der Haut, sie streifte sie ab, und während sie dies tat, stürzten wahre Bäche von Tränen aus ihren Augen. Eine namenlose Verzweiflung überfiel sie, und jede Empfindung der Brust war gelähmt innerhalb dieser Verzweiflung. Fassungslos über sich, über ihr Schicksal, über die Menschen, kauerte sie vor dem Kamin, in welchem noch Kohlenglut war. Sie kauerte, wie Mägde kauern, wenn sie Feuer schüren. Ihre offenen Haare ergossen sich auf den Teppich und bildeten große Ringe. Die Füße waren nackt, und die Zehen wühlten sich in die moosartig kühle Weichheit des Teppichs. Die Falten des grünen Gewands zitterten mit dem Zittern ihres Leibes – Eichhörnchen zittern so, wenn sie im Käfig sind, – und ihre beiden halbentblößten Arme waren mit einer Gebärde eben jener namenlosen Verzweiflung in den Schoß hineingepreßt.
Fast genau so hatte Manfred sie vor Jahresfrist gewahrt, im seherischen Schmerz des Abschieds, voll von der Ahnung des Verlusts. Und nun gewahrte Virginia ihrerseits ihn, den sie kaum mehr kannte, den Verschollenen, den Flüchtling, den Aufgegebenen, den aus der Seele Geraubten. Sie sah ihn nahe. Sie empfand es, daß er kam. Ja, er kam, sie spürte es, die Sorge trieb ihn her. Aber es war zu spät. Nie mehr durfte sie ihm begegnen. Sie war ein verlorenes Kind, wie durch Geburt gebrandmarkt, so gebrandmarkt und geschändet durch irrendes Vertrauen, durch List, Verrat, Betrug, durch Gedicht und Klang, durch alles was täuscht und verlockt und was leer ist im Innern, finster, kalt, seelenlos, ohne Leben und ohne Wahrheit.
Sie hörte seinen Schritt, den ungehemmten Schritt des Jägers. Er umschlang sie von rückwärts, und sie sah seine Augen dicht über sich. Ihre unendlich scheuen und flehentlichen, abgebrochenen und ermatteten Gesten beschwichtigte er durch süßeste Worte. Ein Ausdruck von schlafähnlicher Abwesenheit und Gleichgültigkeit brachte zwei sehr feine Falten über ihrer Nasenwurzel hervor, und das Weiße des Auges büßte den Glanz ein und wurde stumpf wie Gips. Er hielt sie fester. Er flüsterte ohne Unterbrechung ihren Namen, aber sie schüttelte automatisch den Kopf, und er hatte es nicht für möglich gehalten, daß ein menschliches Gesicht so bleich werden könne wie das ihre war. Die Haare überschatteten die zuckende Stirn, und ihre geballten Fäuste lagen eine kurze Weile zuckend auf seinen Schultern wie zwei aus dem Nest geschossene weiße Vögel. Als er immer näher und näher kam, empfand sie das Verderbliche seiner Begierde, seine unheimliche Fremdheit, ihre unheimliche Verworrenheit, taumelnd vor Schwäche entwand sie sich ihm und klammerte sich, vorwärtsschauend, an einer der marmornen Karyatiden fest, die den oberen Rand des Kamins trugen.