Die Masken Erwin Reiners

Part 21

Chapter 213,736 wordsPublic domain

Ulrich Zimmermann konnte sich kaum von der Stelle losreißen, wo diese Worte gefallen waren. Erwin eilte mit raschen Schritten in die Dunkelheit. Er suchte eine öffentliche Telephonstelle auf, ließ sich mit Villa Sansara verbinden und gab Wichtel verschiedene Aufträge. Bei einem Wagenstandplatz rief er einen Kutscher an und fuhr in die Geßnersche Wohnung zurück.

Virginia war indes so liegen geblieben, wie sie lag, als Erwin und Ulrich das Zimmer verlassen hatten. Es verfloß eine Viertelstunde, und keine der beiden Frauen sprach ein Wort. Dann kniete Frau Geßner neben dem Sofa und schlang mit trocknem Weinen die Arme um den Hals des Mädchens. Doch Virginia rührte sich nicht; erst als die Zerknirschung der Mutter zudringlicher wurde, richtete sie sich empor und sagte kalt. »Laß nur das, Mutter. Es hat keinen Zweck mehr. Sag mir lieber, ob es wahr ist, daß mein Vater ein unbekannter Mann ist.«

Frau Geßner stieß einen Schrei aus. »Das hat er dir gesagt?« stotterte sie und schlug die Hände klatschend zusammen. »Und der andere, der hat also geplaudert? Ich armes unglückliches Weib!« rief sie. »Mein armes, unglückliches Kind!«

Die Flurglocke läutete schrill. Mit verweintem Gesicht, das Taschentuch vor den Mund gepreßt, ging Frau Geßner hinaus. Sie öffnete, und Erwin stand vor ihr. »Nachdem Sie so übel mit Virginia umgesprungen sind, kann sie nicht bei Ihnen im Hause bleiben«, sagte er schnell und mit unterdrückter Stimme. »Was für ein Satan ist in Sie gefahren?«

»Ach Gott, ach Gott!« stöhnte die Frau.

»Still jetzt!« befahl Erwin. »Ich werde Virginia zur Gräfin Hamlisch bringen. Widersetzen Sie sich nicht! Schweigen Sie. Alles hängt davon ab, daß Sie vernünftig sind. In drei bis vier Tagen erhalten Sie Nachricht.«

Halb bittend, halb beschwörend starrte ihn Frau Geßner an. Erwin bekümmerte sich nicht weiter um sie, er trat ins Zimmer, ergriff Virginia bei der Hand und sagte leidenschaftlich drängend: »Ich wollte vorhin nicht den Druck der Stimmung ausnützen, unter der Sie standen, Virginia. Doch nun fürchte ich für Sie die Verzweiflung der kommenden Nacht. Ich halte Sie beim Wort. Alles ist bereit. Folgen Sie mir.«

»Wohin?« fragte Virginia mit unbeweglicher Miene.

»Zur Gräfin Hamlisch.« Gräfin Hamlisch war eine Schwester der Frau von Resowsky. Virginia kannte und ehrte diese Dame, und sie hätte nichts gegen Erwins Vorschlag einzuwenden gehabt –, denn ihr umdüstertes Herz verlangte vor allem darnach, von der Mutter fortzugehen, – wäre nicht ein Mißtrauen in ihr gewesen, das nicht als Gedanke oder Erwägung, sondern als Lähmung ihres Körpers, ihrer Glieder, ihrer Zunge in Erscheinung trat.

»Es kann noch alles gut werden, Virginia«, fuhr Erwin fort, indem er seine Stirn zu der ihren niederbeugte; »Leben, Glück und Zukunft hängen davon ab, besinnen Sie sich nicht, jedes Zögern bedeutet Unheil.«

Virginia atmete plötzlich auf. Verloren, aber nicht verworfen, dachte sie und spürte eine finstere Beruhigung. Mechanisch erhob sie sich. »Mantel! Hut! rasch!« rief Erwin der Mutter zu, die verstört auf der Schwelle stand.

Frau Geßner gehorchte erschrocken. Virginia ließ sich apathisch die Jacke anziehen; apathisch befestigte sie den Hut in den Haaren, als ihr die Mutter die langen Nadeln gereicht hatte. Sie erfaßte nur dumpf, was geschah und was sie tat.

»Erwin! Gina!« rief Frau Geßner jammernd. Erwin warf ihr einen wütenden Blick zu, und sie schwieg.

Er führte sie zum Wagen. Beide nahmen Platz, die Räder begannen zu rollen. Erwin packte Virginias heiße Hände, sie zog sie beinahe entsetzt zurück, da ließ er sich auf die Knie gleiten, nahm ihren Rocksaum und drückte ihn an die Lippen. Sie starrte weh vor sich hin.

Er erhob sich wieder und fragte, ob er rauchen dürfe. Sie antwortete nicht. Er unterließ es. Die Pferde rannten wie rabiat durch eine Menge von Straßen, endlich hielt das Gefährt vor einem kleinen Palais im dritten Bezirk. Erwin öffnete den Schlag. »Warten Sie einen Augenblick,« sagte er, »ich will die Gräfin benachrichtigen.« Er sprang hinaus und verschwand im Torgang. Virginias Kehle war wie zugeschnürt; in ihrer Brust war eine steinern schwere Gleichgültigkeit.

Nach einigen Minuten erschien Erwin wieder, – er mochte beim Portier einen belanglosen Auftrag erteilt haben, – rief dem Kutscher etwas zu, und nachdem er eingestiegen war und der Wagen sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, sagte er hastig: »Es ist ein Mißverständnis geschehen. Die Gräfin ist zu mir hinausgefahren. Sie erwartet uns in meinem Haus. Ich habe ihr vor einer Stunde einen Brief mit einem Boten geschickt. Was ich geschrieben hatte, mag allerdings verworren und ungereimt gewesen sein, ich war meiner Sinne kaum mächtig.«

Virginia stutzte. Verrätst du mich abermals? fragte ihr Blick, der nicht auf ihn gerichtet war, und sie empfand eine schmerzliche, trotzige Neugier. Ich will sehen, ob du mich abermals verrätst, sagten gleichsam die Augenlider bei ihrem Niedersinken. Erwin aber sprach und sprach und suchte das, was er ein Mißverständnis nannte, zu ergründen. Doch redete er nur, damit Virginia die Länge der Fahrt nicht spüre, und seine Stimme klang schließlich heiser und angestrengt.

Weshalb sollte die Gräfin zu ihm fahren? dachte Virginia, und um ihren Mund zuckte es beständig. Weshalb? was will er damit? Es waren aber diese Gedanken sowie seine Worte nur Täuschungen. Sie täuschten sich selbst und einander. Hinter ihren Gedanken lag ratloser Kummer, hinter seinen Reden ungezügelte Freude, verbrecherische Ungeduld.

Sie waren am Ziel. Wichtel mußte belehrt worden sein, denn er zeigte sich nicht. Sie schritten durch die Halle. »Ich bitte, hier herauf«, sagte Erwin höflich. Virginia zauderte vor der zweimal geeckten Holztreppe. »Ich bitte, hier herauf,« wiederholte Erwin scharf, »die Gräfin muß oben sein; wir haben nämlich ein Malheur in den untern Räumen gehabt. Kurzschluß. Das Licht versagt.«

Es klang plausibel. »Wichtel!« rief er nun. Niemand antwortete.

Er verrät mich, dachte Virginia, aber sie stieg die Treppe hinan, gequält und benommen von jener trotzigen Neugier.

Sie stand in einem wunderbaren, dunkelblauen Zimmer; müde, zerschlagen, in sich gekehrt, ja fast verträumt und ohne eigentlich zu leiden. Erwin sprach zu ihr. Nun klang seine Stimme wie aufgedeckt. Sie begriff. Sie schaute sich um und drückte ihre Hände ineinander. Er hat mich abermals verraten, sagte sie zu sich selbst.

Aber noch immer ward sie sich des Vorgangs nicht völlig bewußt. Sie dünkte sich das Opfer eines häßlichen Zwischenfalls, einer dummen Lüge, eines unwürdigen Scherzes und fragte sich, wohin das führen solle. Erwin betrachtete sie eine Weile schweigend, auf einmal erhob er sich und ging hinaus.

Zunächst war Virginia froh, daß sie allein war. Sie schloß die Augen und öffnete sie wieder. Welche tiefe Stille! Eine schier trinkbare Stille! Was ist das für ein Zimmer? fragte sie sich; ich kenne es nicht, es ist hergerichtet wie für eine Frau.

Ich soll ihn lieben, dachte sie unvermittelt; warum nicht? warum sollt’ ich ihn nicht lieben? Ist es denn ein Kunststück zu lieben? Er wird mich heiraten, und ich werde ihn lieben. Und der andere? Manfred? Er ist so weit, so unermeßlich weit. Aber warum sollt ich nicht auch ihn lieben? warum sollt ich nicht beide lieben? beendigte sie ihre Gedanken in vollständiger Verdüsterung des Geistes.

Sie wanderte auf und ab, auf und ab. Aus welchem Grund läßt er mich so lange allein? grübelte sie befremdet und bekam nun Angst vor der Stille.

Ihr Blick fiel auf eine kleine Tür. Sie öffnete und schaute in ein rosig beleuchtetes Badezimmer. Kopfschüttelnd schloß sie wieder, wandte sich weg und trat zu einem Fenster. Die Nacht war schwarz. Regentropfen spritzten ans Glas. Sie nahm den Hut herunter und fing von neuem an, auf und ab zu wandern. Um Gottes willen, was tu ich! fuhr es ihr plötzlich durch den Sinn; hier kann ich nicht bleiben, es ist spät, ich muß fort.

Sie schlüpfte in die Jacke, setzte den Hut wieder auf und eilte zur Tür. Sie drückte die Klinke nieder. Ein eisiges Entsetzen überfiel sie. Die Türe war versperrt.

Sie drehte den Kopf hin und her. Ihre Augen waren aufgerissen. Noch einmal und noch einmal drückte sie die Klinke. Umsonst. Die Tür war versperrt. Sie war gefangen.

Weinend schlug sie die Hände vors Gesicht und lehnte sich mit der Stirne kraftlos gegen den Pfosten.

Die Miniaturen

In wachsender Sorge um das Schicksal Virginias wußte sich Ulrich Zimmermann keinen andern Rat, als den Grafen Palester aufzusuchen. Noch vor acht Uhr war er in Hietzing und läutete an der steinernen Ummauerung des morschen Tores, das zur Wohnung Palesters führte. Eine hinkende Pförtnerin führte ihn über regennasse Wege zu einem uralten und keineswegs freundlich aussehenden Haus, das von einer Laterne beleuchtet wurde, welche über der gegenüberliegenden Gärtnerwohnung aufgehängt war. Der Garten gehörte zu einem ausgedehnten Besitz, und diese Gebäude hatten ehemals Jägern und Heiducken zum Aufenthalt gedient.

Die vergitterten Fenster des Hauses waren alle dunkel. Die Pförtnerin war gegangen. Ulrich fand keine Glocke und pochte daher ans Tor. Es blieb alles still, und er pochte mit dem Knauf seines Schirmes, daß es drinnen laut hallte wie in einem Kellergewölbe.

Endlich kreischte oben ein Laden, und der Kopf einer Frau beugte sich über das Sims. Eine ruhige, helle Stimme fragte mit fremdländischer Betonung nach dem Begehr. Ulrich nannte seinen Namen und fügte hinzu, er müsse in einer wichtigen Angelegenheit mit dem Grafen sprechen. Nach einer Weile rasselte unten das Schloß, und Graf Palester erschien mit einer Kerze. Er geleitete den abendlichen Gast über eine Steintreppe hinauf in ein großes Zimmer, das die Trostlosigkeit einer Wachtstube hatte. Den Boden bedeckte kein Teppich; als einziger Schmuck der Wände prangte die Photographie eines Schiffes; ein Tisch, drei Holzstühle, ein Messingbett und eine grüne alte Truhe waren das ganze Mobiliar. Niemand hätte in dieser eleganten Villenvorstadt, umfriedet durch die Mauern einer weiland hochadeligen Domäne, eine solche Wohnstätte der Armut gesucht. Es hatte dem Grafen Mühe gekostet, mitten unter den Unanfechtbaren des Lebens Zuflucht zu finden und hinter ihrem Glanz seine Not zu verstecken.

Ulrich Zimmermann berichtete, daß er heute Virginia Geßner aufgesucht und daß er den Eindruck empfangen habe, als ob sich dort verhängnisvolle Dinge abspielten. Er schilderte, wie er Virginia gesehen, wie unwillkommen Erwin seine Dazwischenkunft gewesen sei und daß er den Gedanken nicht abweisen könne, als müsse man helfend eingreifen.

Palester hörte aufmerksam zu. Er stützte das schmale, blasse Gesicht in die Hand. »Es ist gut, daß Sie mir das alles sagen«, erwiderte er. »Ich werde heute abend noch zu Erwin Reiner gehen. Nicht leicht wird mir der Schritt, denn wie soll man über derartiges sprechen, aber es muß sein. Übrigens muß Manfred Dalcroze jeden Tag zurückkommen. Ich erwarte ihn.«

»Wirklich? Ist denn die Expedition schon zu Ende?« fragte Ulrich, nicht fähig, Freude darüber zu bezeigen.

»Nein, aber ich habe ihm geschrieben.«

»Sie haben ihm geschrieben? Wann denn?«

»Vor neun oder zehn Wochen.«

»Sie hatten also schon damals den Eindruck –?«

Palester nickte. »Wenn ihn mein Brief ordnungsgemäß erreicht hat und er die raschesten Verbindungen hat benutzen können, muß er noch in dieser Woche kommen.«

»Aber wie konnten Sie denn mit solcher Bestimmtheit –?«

»Das ist eine Sache für sich«, antwortete Palester. Er zog den Mantel an, nahm Hut und Schirm und sagte: »also gehen wir, wenn ich bitten darf.«

Nicht so hatte Palester an Manfred geschrieben, wie er einst gewollt, als er den reinen Strom der Sympathie verspürt, der von dem Jüngling ausging, nicht mitteilend, breit und frei, sondern kurz und gebietend, so geschrieben, daß es für Manfred keinen andern Gedanken mehr geben durfte, als mit dem nächsten Schiff nach Europa zu fahren. Eine Nachricht von militärischer Knappheit, unbeirrt von konventionellen Rücksichten, und derart beschaffen, daß sie in dem Fernweilenden, um dessen sichere Adresse er den Professor Dalcroze in Berlin gebeten hatte, den erwünschten Aufruhr der Tatkraft entzünden mußte.

Graf Palester hätte sich wohl gehütet, einen Mann wie Erwin bei einem Spiel zu stören, das am Ende nur diesen allein anging; er dachte nicht an den Verlust jenes Kunstschatzes, der ihm ungeachtet seiner mißlichen Umstände etwas wie idealgefühlten Reichtum verlieh, und dessen er sich nicht entäußern wollte, weil er der Welt und dem Geschick zu trotzen entschlossen war, ekstatisch wie ein Mönch und in Sehnsucht nach Selbstvernichtung wie ein Fakir. Nicht darum hatte er Manfred gerufen, sondern aus einer großen, seltsamen, fast übersinnlichen Verehrung für Virginia. Und eines Tages, von der Versunkenheit der suchenden Träume in die Wirklichkeit zurückkehrend, war es ihm für gewiß erschienen, daß Virginia nicht mehr standhalten konnte.

Sie zeigte sich ihm wie ein astraler Leib, und aus ihren Augen war das entwichen, was er als die reine Musik des Herzens empfand. Die Seele war gleichsam aufgebrochen und war emporgestiegen in das Antlitz, wo sie klagte ähnlich der Nymphe, der man ihr Geisterkleid entwendet hat. Und Graf Palester hatte ein grenzenloses Vertrauen in Virginia gesetzt. Er war einer jener Menschen, die sich in der Verborgenheit ein Pantheon errichten, worin, gefeit gegen den Haß und Pesthauch der Millionen, einige vergötterte Gestalten weilen. An diesen hing er mit der Liebe, die die Einsamkeit in ihm erzeugte. Mit ihnen wandelte er ungesehen durch ihr Dasein, und sie hielten ihn aufrecht in der tragischen Verwüstung, die sein Stolz, seine Ehrenhaftigkeit, seine Schweigsamkeit und die Lust an der Philosophie in seinem Leben hervorgebracht hatten. Er mied die persönliche Berührung mit ihnen, er zog sich von ihnen zurück, sobald sie von seinem Herzen Besitz ergriffen, aber er verkehrte mit ihnen, wie man mit höchst teuren Toten verkehrt oder doch mit solchen Menschen, die in einer unerreichbaren Ferne sind.

Graf Palester lebte nicht sein Leben, er träumte es, und keine äußere Hervorbringung erzog ihn zur Gegenständlichkeit. Ihm mangelte die Gegenwartskraft so, daß er sich oft wie der Schatten seines Schattens vorkam. Es war ihm wunderbar bewußt, was sich bis ins sechste Glied zurück mit seinen Ahnen begeben hatte, das ganze Geschlecht, weit in die Höhle der Jahrhunderte hinein, war ihm wie eigendurchlebtes Kindheits- und Mannesalter, jedoch seiner selbst wurde er kaum gewahr, und hätte er religiöse Neigungen besessen, so wäre er vielleicht ein Heiliger geworden wie Franz von Assisi. Der Sturm moderner Existenz, der alles zerschmettert, was nicht mittreibt, verurteilte ihn zu anonymem Elend.

Vor zwei Jahren hatte er, noch als Offizier der Marine, in einer Kunstausstellung in Venedig das Porträt einer Frau gesehen, das ihn fesselte wie nie ein Frauengesicht zuvor, nicht sowohl durch Schönheit, sondern durch innerlichen Ausdruck. Er stand täglich vor dem Bild und wurde nicht müde, es zu betrachten. Ohne daß es ihm jemals einfiel, sich zu erkundigen, wer das Modell sei, nahm er das Bildnis immer tiefer in das Leben seiner Seele auf und geriet in einen sonderbar stummen Verkehr mit einem Wesen, das, körperlicher als ein Traum, dennoch vollkommen unwirklich für ihn war. Drei Monate später wandelte er eines Abends durch eine Straße in Livorno, als durch das geöffnete Fenster eines Hauses Gesang an seine Ohren schallte. Erbebend blieb er stehen und lauschte. Es war eine weibliche Stimme, für deren Wohlklang und schmelzende Trauer er kein anderes Gleichnis fand als den Ausdruck auf jenem Gemälde. Es geschah nun etwas durchaus Ungewöhnliches. Er schritt in das Haus. Er stieg die Treppe hinan, ging durch einen Flur, öffnete eine Türe und, Krönung all des Seltsamen! stand vor dem lebendig gewordenen Bild, allein mit der Sängerin in einem hohen, von Kerzen beleuchteten Zimmer. Der Hinweis auf das Gemälde rechtfertigte sein Tun bei ihr und ließ seine Person um desto wunderlicher erscheinen. Ihr Vertrauen zu ihm wurzelte im ersten Blick, ihr erstes Gefühl war Liebe. Sie war eine unglückliche Frau; aus armer Familie stammend, hatte sie die ihren vor dem Schrecklichsten gerettet, indem sie einem der verrufensten Wucherer des Landes, der um sie warb, die Hand reichte. Sie lebte mit ihrem Gatten in einer Ehe, die keine Ehe war. Es begann nun für Palester und Lenore eine Zeit der Leidenschaft und der Kämpfe. Sie flohen zusammen, mehr um den Gemeinheiten und bösen Anstiftungen des Gatten zu entgehen als um ihrer Liebe willen, die auf Welt- und Menschenflucht ohnehin gestellt war. Sie wurden verfolgt, sie waren gefährdet, die Gewalt verband sich gegen sie mit Richter und Gesetz, verhaßter Lärm von Stimmen für und wider umdrängte sie, da starb plötzlich Lenorens Mann, und sie war frei; und reich. Aber sie hätte den Geliebten verloren, wenn sie nicht völlig auf ein Vermögen verzichtet hätte, das von der verächtlichen Herkunft war. Palester nahm den Abschied, und als er mit Lenore das verkommene Haus in Hietzing mietete, in welchem nach Ansicht vieler Nachbarn Gespenster umgingen, verblieben ihm nur etliche Tausend Kronen und seine Pension als Offizier. Die beiden Menschen waren so unfähig wie ungewillt zu bürgerlichem Erwerb, und ihr Leben in der bürgerlichen Gesellschaft hatte etwas Elfenhaftes; es trug den Stempel der Tugend und des verschuldeten Untergangs.

Ulrich Zimmermann begleitete den Grafen bis zur Stadtbahnstation. Eine Stunde später befand sich Palester am Tor der Villa Sansara. Wichtel sagte, sein Herr sei nicht zu Hause. Graf Palester erklärte, warten zu wollen. Der Herr komme überhaupt nicht nach Hause, versicherte Wichtel mit scheuem Blick nach der Treppe und den Türen. Plötzlich erschien Erwin, wollte sich gegen die Treppe wenden und stutzte, als er den Grafen sah. Erst zog ein Schatten des Ärgers über seine Stirn, dann lächelte er düster. »Wie geht es Ihnen, Graf?« fragte er. »Bitte, treten Sie nur ein. Sie dürfen nicht ungehalten sein,« fuhr er fort, als ihm Palester in die Bibliothek gefolgt war, »der Auftrag, den Wichtel hat, betrifft nicht die Person, sondern die Welt. Ich habe mich zurückgezogen von der Welt. Ich bin Einsiedler geworden.«

»Aber ein etwas rastloser Einsiedler, wie mir scheint«, bemerkte Graf Ottokar; »in Ihren Augen ist nichts von Sammlung und Andacht.«

Erwin setzte sich an den Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hand. »Andacht und Sammlung!« wiederholte er höhnisch. »Für mich Andacht und Sammlung!« Seine Zähne klappten aufeinander, und in seinem Gesicht war, wie zur Bekräftigung des Hohns, ein verwilderter Zug. Graf Palester wurde von seltsamer Unruhe ergriffen; er kannte dieses Gefühl vom Meere her. Vor großen Stürmen und Gewittern hatte er stets eine ähnliche Unruhe verspürt. Es fiel ihm auf, daß Erwins Haare in Verwirrung über der umdüsterten Stirn lagen. Er hatte diese Haare nie anders gesehen als in sorgfältiger Scheitelung, glatt und geordnet. Dieser Umstand vermehrte seine Unruhe noch. Er fühlte sich bedrückt und war zunächst unfähig zu sprechen. Erwin kehrte sich ab, und seine Blicke irrten wie feindselig über die Zeilen einer Handschrift auf dem Tisch vor ihm.

»Haben Sie gearbeitet?« fragte Palester leise, nur um das peinigende Schweigen zu unterbrechen.

Erwin nickte. Er blätterte in der Handschrift und sagte: »Haben Sie je die Erfahrung gemacht, daß das eigene Werk einen anstiert wie eine Gorgo? Manchmal graut mir vor diesen Worten da, die ich selbst geschrieben habe.«

»Darf ich wissen, was es für ein Werk ist?«

»Es ist eine Abhandlung. Der Begriff der Konstante und die moralische Idee heißt der Titel.«

»Das klingt vielversprechend.«

»Es führt weit, Graf, es führt mich ins Bodenlose. Ich wollte eine einfache Feststellung von Kategorien geben und sehe mich im Bodenlosen und Grenzenlosen. Hier ist eine Art Essenz,« fuhr Erwin fort, indem er zu blättern aufhörte, »darf ich Ihnen vorlesen?«

»Ich bitte darum.«

»Als der menschliche Geist seine Beziehung zur Welt zum ersten Male in den Ausdruck faßte, daß alles in ewiger Bewegung sei, hatte er zugleich sich selbst als das einzig Konstante, das einzig Seiende, dieser Welt gegenübergestellt. Er hatte sich auf das Ufer des Weltflußbettes geschwungen, ja sogar den archimedischen Punkt gefunden, von dem aus er die Welt bewegen konnte, weil er selber stand. Um so stärker mußte seine Sehnsucht erwachsen, die Synthese, die im Geist gegeben ist, auch an der Welt zu vollziehen, das heißt, die Welt seinem Ebenbild gemäß nachzuschaffen. Darum ist er endlos bemüht, das Werdende durch das Gesetz in die Formel des Seins zu bannen: er treibt Mathematik, das heißt Wissenschaft. Darum verwandelt er die Dinge in Wesen, nimmt sie aus dem Raum, gibt ihnen den Körper, schafft die Gestalt: das heißt, er wird zum Künstler. Darum nimmt er sie aus der Zeit, verleiht ihnen Seele und schafft die Persönlichkeit: das heißt, er ist moralisch oder religiös. Können Sie folgen, Graf?«

»Vollkommen.«

»Gesetz, Gestalt und Persönlichkeit sind die Dreieinigkeit der Konstanz, in deren Zeichen der Geist die Welt formt. Die Welt hinwiederum ist der Stoff, in dem das Gesetz sich erkennt, die Gestalt sich verkörpert, die Persönlichkeit sich wiederfindet. Daher erscheint jedes System, jedes Kunstwerk und jede Persönlichkeit als eine Welt für sich; daher«, und Erwin las dies mit erhobener Stimme, »muß das Gesetzlose das schlechthin Unsinnige, das Gestaltlose das schlechthin Chaotische und das Unpersönliche das schlechthin Unmoralische sein. Denn alles dies ist nur der dreifach verschiedene Ausdruck derselben Verneinung: des Inkonstanten, des Undings an sich.«

Graf Palester schaute Erwin mit tiefen, fühlenden Blicken an. Wie furchtbar, dachte er schaudernd, wie furchtbar diese Selbstverdammung sich anhört! Wie kann er leben, nachdem er solches ergründet? »Sie geben damit eine unvergleichliche Charakteristik eines dreifachen Fluches, der auf uns lastet und auf der Zeit«, sagte Palester; »des Anarchisten im Geiste, des Proteus am Leibe und des Verantwortungslosen in der Seele. Dessen, der sich befreit und dem Freiheit zum Verbrechen dient, dessen, der sich verwandelt und durch Verwandlung Gott und Menschheit täuscht, dessen, der keine Schuld auf sich nimmt, weil er nie zu finden ist.«

»Ei!« rief Erwin betroffen, »das heißt man die königliche Idee in die Knechtschaft der Erfahrung pressen. Die Exempel vergiften mir den Text, die Nutzanwendung bricht mir die Flügel und ich stürze!« Er lachte kurz und schüttelte den Kopf.

Palester stand auf. »Erwin!« sagte er leise, »fliehen Sie nicht vor mir! Fliehen Sie nicht auf diesen Flügeln, die doch nicht weit tragen. Ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen zu philosophieren. Ich bin nicht einmal gekommen, um Sie zu warnen oder zu beschwören. Ich fordere Sie auf, innezuhalten. Ich appelliere an Sie im Namen der Ehre, der Freundschaft, der Menschlichkeit.«

Erwin stand gleichfalls auf. Er verschränkte die Arme über der Brust. »Graf«, antwortete er eisig, »ich bitte Sie, mich mit Sonntagspredigten zu verschonen.«

»Denken Sie doch daran, daß es außer Ihren Lüsten noch Glück für andre Menschen gibt«, fuhr Palester ruhig fort. »Sie achten es nicht, ich weiß es, Sie achten nicht das Glück der andern, aber ebensowenig wie Sie einen wehrlosen Greis hinmorden oder einen Bettler um seine Ersparnisse bestehlen würden – –«

»Graf!« rief Erwin finster und ungeduldig, »ich habe nicht Zeit zu beichten, ich habe nicht Lust, den Glauben zu wechseln. Ich lehne es ab, mich zu rechtfertigen, ich erlaube niemandem, wer es auch sei, in meine Brust zu greifen und, was an Tat und Wunsch darinnen ist, mit Philisterweisheit zu besudeln.«

»Philister!« entgegnete Palester traurig; »was sagen Sie damit? Wie schlimm ist es um uns bestellt, wenn wir den Menschen, der sich höherem Gesetz beugt, mit einem Fußtritt beiseite stoßen, der nicht ihn, sondern uns selbst der Verachtung preisgibt.«