Die Klerisei

Part 9

Chapter 93,779 wordsPublic domain

Der Friedhof war frei von dem Staube, der in dicker Schicht alle Straßen und Plätze der Stadt bedeckte. Hier wuchs schönes grünes Gras, und zwei Hühner, die sich im weichen Staube im Sonnenschein ausliegen wollten, mußten vor die Pforte hinaus und sich unter der Schwelle in den weichen Staub eingraben, so daß man sie kaum sehen konnte. Dort lagen sie meist den ganzen Tag, fest überzeugt, daß keiner sie stören werde. Als Darjanow über sie hinwegschritt, rührten sie sich nicht; jedes öffnete nur eins seiner bernsteinfarbenen Augen, begleitete den Gast mit einem schläfrigen Blick und schloß dann die grauen Lider wieder. Darjanow ging geradewegs auf das Pförtchen des Prepotenskijschen Hauses zu und schlug mit dem schweren eisernen Ring gegen das Holz. Alles blieb stumm. Kein Hund bellte, keine menschliche Stimme ließ sich vernehmen. Darjanow klopfte noch einmal, aber wieder erfolglos. Dann ließ er alle Hoffnung fahren, kroch unter dem Lattenwerk hindurch ins Himbeergesträuch, welches das Haus der Hostienbäckerin dicht umgab, und schaute in eins der Fenster. Diese waren gegen die Sonnenhitze durch Läden geschlossen, aber durch die breiten Ritzen konnte man den ganzen Innenraum übersehen. Es war ein großes, hohes Zimmer, fast ohne Möbel, mit zwei Türen, durch deren eine man in eine zweite, winzige blaue Kammer mit einem hohen Bett blickte, über welchem eine aus Kattunflicken zusammengenähte Decke lag.

Das große, leere Zimmer gehörte dem Lehrer Warnawa, die kleine Kammer seiner Mutter. Das ganze Haus bestand nur aus diesem zwei Räumen, denn die winzige Küche, in der man sich kaum umdrehen konnte, zählte nicht mit.

Augenblicklich standen beide Zimmer leer, aber Darjanow hörte im Vorhause hinter der Tür eifrig jemand mit dem Hackmesser arbeiten, und im Garten unter dem Fenster schien entweder Ziegel gerieben oder Eisen gefeilt zu werden. Durchaus überzeugt, alles Klopfen führe zu nichts, trat Darjanow an den Zaun, der das Gärtchen umgab, und begann eine neue Musterung durch den Spalt, den er zwischen den Brettern entdeckte. Es war aber nicht so leicht, denn an den Zaun lehnte sich dichtes Gesträuch, das den Menschen, der da mit den Ziegeln oder der Feile arbeitete, nicht sehen ließ. Darjanow mußte sich einen neuen Beobachtungspunkt suchen. Er trat mit der Fußspitze auf ein vorspringendes Brett, faßte mit der Hand den oberen Rand des Zaunes und schwang sich empor. Jetzt konnte er den ganzen kleinen, aber dichtbewachsenen und sehr reinlich gehaltenen Garten übersehen. Quer hindurch ging ein von der Hostienbäckerin eigenhändig angelegter, sauber mit gelbem Sand bestreuter Weg, auf welchem der Lehrer Warnawa saß. Er hielt die ausgestreckten Beine auseinandergespreizt, wie Kinder beim Ballspielen. Zwischen seinen Knien lag auf dem Sande ein ganzer Haufen Menschenknochen und ein Bogen blaues Packpapier. In jeder Hand hielt er einen Ziegelstein und rieb sie mit gewaltiger Kraftanstrengung aneinander. Der Schweiß floß in Strömen über sein Gesicht, obgleich er im Schatten saß und alle irgend überflüssigen Toilettenstücke abgelegt hatte. Er war barfuß und nur mit Hemd und Hose, welch letztere nur durch einen Träger gehalten wurde, bekleidet.

»Warnawa Wasiljewitsch, machen Sie mir auf!« rief Darjanow ihm zu, aber dieser Ruf verhallte ergebnislos.

Eher hätten die Toten auf dem verfallenen Friedhof dem Gast Bescheid geben können, als der ganz in seine Arbeit vertiefte Lehrer. Sobald Darjanow das begriffen hatte, verzichtete er auf weiteres Rufen und sprang vom Zaun mitten in den Garten hinein. Er sprang leicht und gewandt, aber die alten, wackligen Bretter schlugen trotzdem krachend aneinander und erschreckten den Lehrer dermaßen, daß er in größter Hast seine Ziegelsteine fallen ließ und, auf allen Vieren stehend, die Knochen zusammenzusuchen begann.

»Na, Warnawa Wasiljewitsch, guter Freund! Sie sind aber vertieft in Ihre Arbeit! Man kann sich ja die Lunge aus dem Halse schreien!« begrüßte ihn der Gast hervortretend. Als Warnawa ihn erkannte, ging ein Leuchten über sein Antlitz, und er zwinkerte mit den Augen, als er sagte:

»Ah, Sie sind's! Und ich dachte, es wäre der Achilla.«

Mit diesen Worten breitete der Lehrer freudig die Arme aus, und der ganze Haufen Knochen plumpste auf den Weg, als würde plötzlich das Innere des Mannes ausgeschüttet.

»Ach, Valerian Nikolajewitsch,« meinte er, »wenn Sie wüßten, was hier vorgeht. Nein, hol's der Teufel, -- da soll man noch in diesem verfluchten Rußland bleiben!«

»Um Gotteswillen, was ist denn passiert? Wollen Sie es mir nicht verraten?«

»Ja gewiß, wenn ... wenn Sie kein Spion sind.«

»Ich glaube nicht.«

»Dann setzen Sie sich auf die Bank und ich will weiter arbeiten. Setzen Sie sich nur, mir ist Ihre Gegenwart sogar sehr angenehm; ich habe so wenigstens einen Zeugen.«

Der Gast kam der Aufforderung nach und bat den Lehrer noch einmal, zu berichten, was für ein Leid ihn betroffen hätte und wie alles so gekommen wäre.

Zehntes Kapitel.

»Mein Leiden begann mit meiner Geburt, Valerian Nikolajewitsch,« fing der Lehrer an, »und wurzelt in der Hauptsache darin, daß ich von meiner Mutter geboren bin.«

»Trösten Sie sich, lieber Freund, alle Menschen sind von ihren Müttern geboren,« entgegnete Darjanow und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Nur Macduff wurde aus dem Mutterleibe geschnitten, und auch nur, damit Macbeth von keinem besiegt werde, den ein Weib gebar.«

»Na ja, Macbeth! ... Was schert mich euer Macbeth? Wir brauchen keinen Macbeth, wir brauchen Aufklärung. Aber was soll man machen, wenn man hier nicht studieren kann? Ich kann es ohne weiteres beschwören, daß weder in Petersburg, noch in Neapel, noch sonstwo in der Welt der Mensch, der etwas lernen will, auf solche Hindernisse stößt, wie hier bei uns. Da redet man von Spanien ... Aber wie ist's mit Spanien? In Spanien ist die Lutherbibel verboten. Schön! Dafür aber haben sie auch Verschwörungen und Aufstände und Gott weiß was alles. Ich bin überzeugt, wenn sich dort jemand ein Skelett zu wissenschaftlichen Zwecken anschafft, so wird niemand was dagegen einzuwenden haben. Aber hier? Kaum hatte ich die Knochen präpariert, so ließ meine eigene Mutter mir keine Ruhe mehr. ›Sei lieb, Warnawa, mein Kind, ich will ihn beerdigen.‹ Was heißt das: ›ihn‹? Was ist das für ein ›Er‹? Warum sind diese Knochen ein Er und keine Sie? Hab' ich recht oder nicht?«

»Vollkommen recht.«

»Ausgezeichnet. Jetzt sagt man, daß ich meiner Mutter nicht vernünftig zuzureden verstehe. Ja, was soll ich denn noch sagen? ›Mütterchen, laßt die Knochen in Ruhe,‹ sprach ich. ›Ihr versteht nichts davon. Ich habe sie nötig, ich studiere den Menschen daran.‹ Aber was soll ich machen, wenn sie mir stets darauf antwortet: ›Weißt du, lieber Warnascha, es ist doch besser, wenn ich ihn begrabe.‹ -- -- Das ist doch nicht zum Aushalten.«

»Allerdings.«

»Ich sagte ihr, um sie los zu werden: ›Was quält Ihr Euch um ihn, Mutter, er war ein Jude.‹ Aber sie glaubt mir nicht. ›Du lügst,‹ meint sie, ›das gibt dir der Teufel ein. Ich weiß es doch besser, die Juden haben alle Schwänzchen.‹ Niemals, sage ich, haben die Menschen, gleichviel ob Juden oder Nichtjuden, Schwänze gehabt. Und dann fängt der Zank an. Ich trete, wie sich's gehört, für die Juden ein, und sie widerspricht mir. Ich beweise ihr, sie hätten keine Schwänze, aber sie besteht darauf: Ja -- nein -- mit Schwanz -- ohne Schwanz ... heißt es. Und wenn sie sich gar nicht mehr zu helfen weiß, dann zischt sie nur noch: Kusch -- kusch -- kusch -- und fuchtelt mir mit den Händen vor der Nase herum, als wär' ich ein Huhn, das sie von den Gemüsebeeten verjagen will. Und da verlangt man noch, man solle den Frauen Freiheit geben. Ich bin gewiß für die Emanzipation, aber man muß die Sache mit Vernunft anfangen: einer jungen, entwickelten Frau, die sich in ihrem Tun keinen Zwang auferlegen will, soll man die Freiheit geben, aber diesen alten Weibern -- -- Nein, dagegen bin ich durchaus, und wundere mich, daß noch niemand diese Frage öffentlich behandelt hat. Hinter all dem stecken die Pfaffen mit diesem Tuberozow an der Spitze.«

»Sie übertreiben!«

»Warum nicht gar! Ich habe die Beweise dafür in der Hand. Tuberozow hat mich nie leiden mögen, jetzt aber haßt er mich einfach wegen meiner naturwissenschaftlichen Studien. Ich habe ihn ja einmal geschnitten.«

»Wie haben Sie denn das gemacht?«

»Nicht einmal, hundertmal hab' ich ihn schon geschnitten, -- zuletzt noch in der vorigen Woche. Damals in der Schule, im Sprechzimmer des Inspektors, fing er an zu predigen, die Feiertage seien etwas ganz Besonderes, -- da hab' ich ihn in aller Gegenwart geschnitten. Ich wies ihn einfach darauf hin, es sei mathematisch bewiesen, daß die Festlegung der Feiertage fehlerhaft sei. Wie steht's denn um unsere Feste? fragte ich. Wir feiern Weihnachten, und im Auslande haben sie es schon dreizehn Tage früher gefeiert. Hab' ich nicht recht?«

»Es sind aber nur zwölf Tage, nicht dreizehn.«

»Nun gut, zwölf, darauf kommt es nicht an. Aber er schlug gleich mit der flachen Hand auf den Tisch und schrie: ›Paß auf, du Mathematikus, daß man dir dafür nicht noch mal in die Physik fährt!‹ Ich frage Sie: was meint er mit dem Worte Physik? Sie werden mich verstehen, -- so redet doch nur ein Ignorant oder Zyniker, -- und: ist das überhaupt eine Antwort, frage ich Sie?«

Der Gast lachte und sagte, eine Antwort sei es schon, aber freilich eine höchst merkwürdige.

»Einfach dumm ist sie. Aber so geht es tagaus, tagein. Gestern abend erst komme ich von der Biziukina, und wenige Schritte vor mir geht der Kommissar Danilka, -- wissen Sie, jener Herumtreiber, der für zwei Rubel das Pferd beim Glitsch wegführte, als Achilla Butter schlagen mußte. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Wo warst du, Danilka? frag' ich ihn. Er antwortet, er sei beim Polizeichef gewesen und habe ihm Beeren von der Postmeisterin gebracht. Dort habe man gerade von mir gesprochen, der Diakon sei dagewesen, bemerkte er noch. Ich geriet natürlich in Aufregung, aber er suchte mich zu beruhigen: ›Nicht von Ihnen selbst war die Rede, sondern von dem toten Menschen, den Sie bei sich haben.‹ Begreifen Sie das Intrigenspiel? Ich gab dem Danilka zwanzig Kopeken. Was sollte ich machen? Es ist ja nicht schön, aber es geht nicht ohne Spione. Und nun berichtete er mir, der Diakon habe gesagt, es sei ein großer Fehler, mir den Ertrunkenen überlassen zu haben. Aber man kann es noch wieder gutmachen. Der Stadthauptmann kennt natürlich meinen Charakter und meinte deshalb auch, ich würde die Knochen nicht wieder zurückgeben, -- und ich geb' sie auch bestimmt nicht heraus! Achilla aber riet: ›Man nimmt sie ihm einfach fort und bestattet sie in aller Ruhe.‹ Da meinte der Stadthauptmann: ›Sollte man vielleicht einen Schutzmann nach den Knochen schicken?‹ Jedoch dieser Bandit antwortet: ›Ich brauche keinerlei polizeiliche Hilfe. Ich hole sie einfach, lege sie in einen Kindersarg und die Sache ist erledigt.‹«

Plötzlich stürzte Prepotenskij auf die Gebeine los, breitete die Hände über sie aus, wie eine Henne ihre vor dem Habicht flüchtenden Küchlein mit den Flügeln bedeckt, und sagte mit erregter Stimme:

»Bitte sehr! Solange ich am Leben bin, wird die Sache nicht gemacht! Es ist schon genug, daß Ihr alles verzögert!«

»Was verzögern ›sie‹ denn?«

»Als ob Sie das nicht wüßten!«

»Etwa die Revolution?«

Der Lehrer brach seine Arbeit ab und nickte spöttisch.

Elftes Kapitel.

»Nachdem ich dies alles von Danilka gehört hatte,« fuhr Warnawa fort, »begab ich mich zur Biziukina zurück, um sie davon in Kenntnis zu setzen, und eine Stunde später, als ich nach Hause kam, waren alle Knochen schon fort. ›Wo sind sie geblieben? Wo?‹ schrei' ich, -- und diese Dame, meine Frau Mama, antwortet: ›Sei nicht bös, mein lieber Warnaschenka (haben sie mir schon so einen scheußlichen Namen gegeben, muß er jetzt auch noch so ekelhaft verdreht werden), sei nicht bös, die Obrigkeit hat sie holen lassen.‹ -- ›Was ist das wieder für ein Blödsinn,‹ schrei' ich, ›von was für einer Obrigkeit quasselt Ihr denn?‹ -- ›Während du fort warst,‹ sagt sie, ›kam der Diakon Achilla ans Fenster und hat sie alle mitgenommen.‹ Was sagen Sie dazu? ›Seit wann gehört der Diakon zur Obrigkeit?‹ -- ›Ja, Lieber,‹ sagt sie, ›wieso denn nicht? Er hat doch die Weihen empfangen.‹ Wie soll man mit einer solchen Person reden? Sie lachen, Ihnen kommt das komisch vor, mir aber war gar nicht lächerlich zumute, als ich selber zu diesem Banditen hingehen mußte. Jawohl! Achilla nennt mich feige und alle glauben es, aber gestern habe ich bewiesen, daß ich kein Feigling bin; geradewegs begab ich mich zu Achilla. Als ich hinkam, schnarchte er bereits. Ich klopfte ans Fenster und rief: ›Gebt mir meine Knochen heraus, Achilla Andrejewitsch.‹ Es dauerte eine Weile, bis er erwachte, und sofort mit seinen Unverschämtheiten loslegte: ›Was willst du mit den Knochen? (Was soll dies familiäre Du? Seit wann sind wir so intim?) Du bist ohne Knochen viel netter.‹ -- ›Das geht Euch gar nichts an, ob und wann ich netter bin.‹ -- ›Im Gegenteil, das geht mich sogar sehr viel an, denn ich bin eine geistliche Person.‹ -- ›Aber Ihr habt nicht das Recht, fremdes Eigentum fortzunehmen.‹ -- ›Sind denn Totengebeine Eigentum? Du solltest erst mal kapieren, daß du solches Eigentum gar nicht besitzen darfst.‹ Darauf erwiderte ich ihm, daß der Diebstahl den geistlichen Personen doch wohl auch nicht gestattet sei: er kenne wahrscheinlich die englischen Gesetze nicht. In England könne er dafür gehenkt werden. Und was antwortet er mir? ›Wenn du mir von allerlei Gesetzen vorschwatzen willst, dann bedenke gefälligst, daß du dafür nach der Gendarmeriekanzlei gebracht werden kannst. Da schiebt man dich bis zum Gürtel ins Kellerloch und dann setzt es Rutenhiebe mit zwei Bündeln zugleich. Dann hast du dein England.‹ Und damit schmeißt er sich wieder auf sein Bett. Jetzt war mir alles klar. Ich ging sofort zu Biziukins, um gleich alles Daria Nikolajewna zu erzählen, die ganz meiner Meinung war. Wie ich ihr gestern meine Vermutungen über den Diakon Achilla mitteilte, sagte sie sofort: ›Natürlich ist er ein Spion! In Ihrer gegenwärtigen, gefährlichen Lage muß es Ihre Hauptsorge sein, wieder in den Besitz der Knochen zu gelangen und sie dann aufs allereifrigste zu Lehrzwecken auszunutzen. Achilla kann sie jetzt bei Nacht noch nicht fortgeschafft haben, und wenn Sie sich gleich zu ihm schleichen, so können Sie sie wiederbekommen. Passen Sie nur auf, daß er Sie nicht erwischt, sonst könnte er Sie arg verhauen ...‹«

»Verhauen?«

»So meinte sie, weil sie die Gewohnheiten des Achilla gut kennt, und fügte noch hinzu: ›Lassen Sie sich aber nicht beirren. Nehmen Sie mein dickes, gemustertes Tuch und wickeln Sie es sich um den Hals. Auf den Kopf setzen Sie meine wattierte Winterkappe. Wenn er Sie dann wirklich ertappt und zuschlägt, so sind Sie geschützt und es tut Ihnen nicht weh.‹ Ich legte alles an und zog los. So kam ich denn zum zweitenmal in den Hof dieses Viehes. Der Hund schlug an, aber Daria Nikolajewna hatte auch das vorausgesehen und mir ein Stück Kuchen für den Köter mitgegeben. Ich fütterte ihn und ging weiter, bis ich vor mir einen Karren stehen sah. Ich stürze auf ihn zu, -- und richtig, da lagen sie alle drinnen, alle meine Knochen.«

»Sie machten sich natürlich gleich an die Arbeit?«

»Versteht sich! Ich nahm die Kappe vom Kopf, wickelte die Knochen hinein und raste im schnellsten Tempo davon.«

»Und damit war die Geschichte zu Ende?«

»Zu Ende? Nein, jetzt war sie erst in vollem Gange. Soll ich weitererzählen?«

»Ich bitte darum!«

Zwölftes Kapitel.

»Erst muß ich Ihnen noch erklären, wie und warum ich heute in die Kirche gekommen bin. Früh fährt Alexandra Iwanowna Serbolowa bei uns vor. Sie kennen sie sicher besser als ich. Sie ist strenggläubig und ihre Anschauungen sind überhaupt stark rückständig, aber sie unterstützt meine Mutter in diesem und jenem, und deshalb bringe ich das Opfer und vermeide es, mit ihr zu streiten. Aber wozu sage ich das? Ach ja, -- wie sie gekommen war, sagte meine Mutter zu mir: ›Steh auf, mein lieber Warnaschenka, und begleite Alexandra Iwanowna zur Kirche, damit die Hunde des Akziseeinnehmers ihr nichts zu Leide tun.‹ So ging ich mit. Sie wissen, ich betrete die Kirche sonst nie; aber schließlich können mir weder Achilla noch Sawelij dort etwas anhaben, und so tat ich's eben. Aber wie ich da stehe, fällt mir plötzlich ein, daß ich meine Zimmertür nicht abgeschlossen habe. Ich laufe deshalb so schnell ich kann nach Hause, finde aber meine Mutter nirgends. Ich werfe einen Blick auf die Wand, -- die Knochen sind weg!«

»Sie hatte sie begraben?«

»Jawohl!«

»Ohne Scherz?«

»Als ob man mit +der+ Frau scherzen könnte! Ich bat und bettelte: ›Liebes, gutes Mütterlein, ich will Euch lieben und ehren, aber sagt mir, wo habt Ihr meine Knochen gelassen?‹ ›Frage nicht, Warnascha, mein Liebling, sie haben jetzt Ruhe.‹ Ich versuchte, was ich konnte, ich weinte, drohte mit Selbstmord, versprach ihr endlich sogar, fortan jeden Tag zu beten, -- es half alles nichts! Voller Wut ging ich zur Schule, fest entschlossen, heute nacht den Spaten zu nehmen, eins der alten Gräber hier auf dem Friedhof aufzugraben und mir ein neues Skelett zu verschaffen; denn diesen Triumph durfte ich der Bande nicht gönnen. Ich hätte es auch ganz bestimmt getan. Wäre das nicht ein sogenanntes Verbrechen gewesen?«

»Sogar ein großes.«

»Sehen Sie. Und wer hätte mich dazu gebracht? Die eigene Mutter! Sicher wäre es so gekommen, wenn nicht zu meinem Glück ein Junge in die Klasse getreten wäre, der erzählte, am Flußufer hätte ein Schwein Knochen ausgegraben. Ich stürze hin, fest überzeugt, daß es meine Knochen sind, -- was auch der Fall war. Das Volk schwatzt von Wiederbegraben, ich jedoch jage das Pack zu allen Teufeln. Plötzlich höre ich den Achilla nahen. Ich raffe meine Knochen rasch zusammen und renne, was ich rennen kann. Achilla kriegt mich am Rock zu fassen. Ich wende mich um, -- krach! Der Rockschoß ist zum Teufel. Achilla packt mich am Kragen, -- wieder kracht's, und der Kragen ist auch zum Teufel. Nun hat er mich bei der Weste. Krach! Die Weste ist mitten entzwei gerissen. Er will mir nun an den Hals. Ich aber renne, was ich rennen kann, -- und sitze jetzt hier und säubere die Knochen. Da kamen Sie und erschreckten mich von neuem. Ich meinte, es wäre Achilla.«

»Aber was denken Sie, Achilla wird doch nicht über Ihren Zaun steigen! Er ist doch Diakon.«

»Jawohl, Diakon! Sie haben gut reden. Der kümmert sich viel darum. Mir sagte der Kommissar Danilka gestern, Achilla hätte beim Abschied zu Tuberozow geäußert: ›Nun, Vater Sawelij, bis ich diesen Warnawa kleingekriegt habe, sollt Ihr mich nicht Achilla den Diakon, sondern Achilla den Krieger nennen.‹ Mag er Krieg führen soviel er will, ich fürchte ihn nicht. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Ich bin nämlich zu der Überzeugung gekommen, daß ich hier nicht länger bleiben kann. Ich korrespondiere mit verschiedenen Leuten in Petersburg, von denen einer ein großes Unternehmen plant, an dem ich mitwirken kann. Freilich macht sich bereits auch dort die Gemeinheit breit, -- und die gesinnungstüchtigsten Zeitungen fangen schon an, sich über die wachsende Begeisterung für die Naturwissenschaften lustig zu machen. Haben Sie es gelesen?«

»Ja, ich glaube etwas Ähnliches gelesen zu haben.«

»Aha! Also auch Ihnen leuchtet es ein! Nun sagen Sie mal, wozu haben sie uns denn dann immerfort dazu angetrieben, an Fröschen zu experimentieren und so weiter?«

»Das weiß ich nicht.«

»Das wissen Sie nicht? Nun, dann will ich es Ihnen sagen! Das soll den Leuten nicht so durchgehen! Ich packe meine Knochen zusammen, fahre nach Petersburg und hau sie ihnen einfach in die Fratzen, mitten in die Fratzen! Dann mögen sie mich vor ihren Friedensrichter schleppen --«

Dreizehntes Kapitel.

»Hahaha! Da tun Sie recht daran!« rief plötzlich die Serbolowa, die, von den beiden Männern unbemerkt, hinter einem Kirschstrauch gestanden hatte.

Prepotenskij schlug sein aufgeknöpftes Hemd über der Brust zusammen, richtete sich auf und sagte, indem er zugleich die ganz mit Ziegelstaub bestreuten Hosen mit der anderen Hand in die Höhe zog:

»Entschuldigen Sie, Alexandra Iwanowna, daß ich so mangelhaft bekleidet bin ...«

»Macht nichts. Mit einem Arbeitsmann rechtet man nicht wegen seiner Toilette. Aber kommen Sie jetzt. Ihre Frau Mutter bittet, zum Essen zu kommen.«

»Nein, Alexandra Iwanowna, ich komme nicht. Ich kann mit meiner Mutter nicht mehr zusammenleben. Zwischen uns ist alles aus.«

»Sie sollten sich schämen, so zu reden. Ihre Mutter liebt Sie doch so sehr.«

»Ihr Vorwurf trifft mich nicht. Sie hält es mit meinen Feinden, sie vergräbt meine Knochen. -- Wenn ich mir eine Zigarette an dem Lämpchen vor dem Heiligenbilde anzünde, spielt sie gleich die Gekränkte.«

»Warum müssen Sie aber auch Ihre Zigaretten ausgerechnet am Heiligenlämpchen anstecken? Als ob Sie nicht anderswo Feuer bekommen können!«

»Trotzdem ist das doch zu dumm!«

Alexandra Iwanowna lächelte und sagte:

»Besten Dank!«

»Sie meine ich doch nicht! Ich rede von dem Lämpchen. Feuer ist Feuer.«

»Eben darum können Sie Ihre Zigarette auch sonstwo anzünden.«

»Ach, man kann es ihr doch nie recht machen. Gestern gab ich unserem Hunde etwas Suppe von unserer Schüssel, da fängt die Mutter gleich jämmerlich an zu heulen und schlägt zuletzt vor Ärger die Schüssel in Stücke. ›Ich kann sie nun doch nicht mehr brauchen,‹ meint sie, ›da der Hund sie angerochen hat.‹ Ich bitte Sie, meine Herrschaften, -- Sie, Valerian Nikolajewitsch, haben doch auch Physik studiert, kann man etwas ›anriechen‹?! Beriechen kann man eine Sache, herausriechen kann man etwas, -- aber anriechen?! Nur ein kompletter Dummkopf kann so reden!«

»Sie hätten dem Hunde sein Essen aber auch in einem andern Gefäß geben können!«

»Gewiß. Aber warum?«

»Um Ihrer Mutter nicht weh zu tun.«

»Ach, so sehen Sie die Sache an! Meiner Ansicht nach ist alles Lavieren eines ehrlichen Menschen unwürdig.«

Die Serbolowa lachte leise, reichte Darjanow den Arm und beide gingen zum Essen, den Lehrer mit seinem Knochenhaufen allein lassend.

Vierzehntes Kapitel.

Die Hostienbäckerin Prepotenskaja, ein kleines altes Frauchen mit einem winzigen Gesicht und ewig erstaunten, gutmütigen Äuglein, über welchen die Brauen gleich Apostrophen hingen, bat Darjanow um Entschuldigung, daß sie sein Klopfen nicht gehört habe, beugte sich über den Tisch zu ihm hinüber und fragte flüsternd:

»Haben Sie meinen Warnascha gesehen?«

Darjanow bejahte.

»Er bringt mich zur Verzweiflung, Valerian Nikolajewitsch,« klagte die Alte.

»Was sorgen Sie sich deshalb so sehr? Er ist jung, und Jugend hat keine Tugend. Wenn er älter wird, wird er auch vernünftiger. Und wenn er erst eine Frau hat ...«

»Eine Frau? Wie soll ich ihn denn dazu bringen, daß er heiratet? Das ist ganz unmöglich. Er ist ja ganz verdreht. An den lieben Gott glaubt er nicht; Fleisch und Milch genießt er an allen Fastentagen, sogar in der Karwoche, und ich muß Ihnen gestehen, lieber Freund, ich fürchte mich, besonders abends ...«

Die schwarzen Apostrophe über den Äuglein der winzigen, ängstlichen Alten schoben sich unruhig hin und her. Sie zuckte zusammen und flüsterte:

»Und zu alledem, lieber Freund, habe ich immer schreckliche Träume, so daß ich beim Erwachen gleich bete: ›Sankt Simeon, deute mir mein Traumgesicht.‹ Könnte ich mich mit jemand im Hause darüber aussprechen, so ertrüge ich es viel leichter; aber so bin ich immer und ewig allein mit den Totengebeinen. Ich fürchte keinen Toten, über dem die Gebete gesprochen sind, aber Warnascha erlaubt es ja nicht, daß ich die Gebete lesen lasse.«

»Zürnen Sie ihm nicht, er ist trotz alledem ein guter Kerl.«