Die Klerisei

Part 8

Chapter 83,727 wordsPublic domain

Alle drei legen die Hände über die Augen und blicken hinüber. Drüben sehen sie etwas Großes, Dickes zum Wasser herabschreiten. Es ist ganz in ein weißes schleppendes Gewand gehüllt und erinnert auffallend an die Statue des Komtur aus dem »Don Juan«, bewegt sich auch genau so langsam und feierlich und ebenso unbeirrt seinem Ziel entgegen.

Jetzt ist aber auch der strahlende Phöbus auf seinem Feuerwagen ein gutes Stück höher hinaufgekommen; der zerflatternde Nebel schimmert in Bernsteintönen. Die ganze Landschaft leuchtet in Purpur und Blau und in diesem grellen, mächtigen Licht, ganz von Sonnenstrahlen überflutet, zeigt sich in den Wellen des Flusses ein nackter Recke mit einer mächtigen Mähne schwarzer Haare auf dem gewaltigen Haupte. Er sitzt auf einem mächtigen Rotfuchs, der seines Reiters würdig und mit seiner breiten Brust die Wellen kräftig teilt, zornig mit den feuerfarbenen Nüstern schnaubend.

Der Reiter im Flusse und alle oben geschilderten Fußgänger streben dem nämlichen Punkte zu. Wollten wir Verbindungslinien von dem einen zum andern ziehen, sie würden sich alle bei einem großen Steine kreuzen, der in der Mitte des Flusses aus dem Wasser herausragt. In der ersten Gestalt, die den Berg herabsteigt, erkennen wir den Polizeichef von Stargorod, Rittmeister a. D. Woin Wasiljewitsch Porochontzew. Er hat einen himbeerfarbenen seidenen Schlafrock an und eine spitz zulaufende Kalotte aus Kamelgarn auf dem Kopfe. Aus der einen Tasche, in der seine rechte Hand steckt, guckt ein dünner Peitschenstiel, an dem eine lange Peitschenschnur hängt, und bei der andern, in die der Polizeichef seine Linke gelegt hat, sieht man eine riesengroße, ganz schwarz gerauchte Meerschaumpfeife und einen orientalischen Tabaksbeutel aus Saffian an einem Jagdriemen baumeln.

Links von ihm schreitet langsam sein Kutscher, der längst schon seinen Taufnamen verloren hat und von allen nur noch Komar (Mücke) genannt wird. In seinen Händen befinden sich weder Folterinstrumente noch Totenköpfe, noch ein blutbesprengter Leinwandsack, sondern er trägt bloß eine Bank, einen alten roten Fußteppich und ein Paar straff aufgeblasener Schwimmblasen, die mit einem Tuchstreifen zusammengebunden sind.

Die dritte Gestalt, die uns vor einer Viertelstunde so grausig erschien, mit ihrem Schlachtschild unter dem Arm, entpuppt sich als die sehr bescheidene Gattin des Komar. »Mütterchen Felizata«, wie sie von dem Hausgesinde genannt wird, trägt freilich eine sehr schwere Last, die sich aber ganz und gar nicht zu kriegerischen Aktionen eignet. Vor allem trägt die gute Frau ihren eigenen Leib, in dem ein künftiger kleiner Komar junior dem Leben entgegenträumt. Unter dem Arm aber hat sie eine hell in der Sonne glitzernde Messingschüssel, in der ein Bastwisch liegt, mit einem Badehandschuh aus Tuch, im Handschuh ein Stückchen Kampherseife, und auf dem Kopfe ein vierfach zusammengefaltetes Badetuch.

Also ein durch und durch friedliches Bild.

Die weiße Gestalt, die am jenseitigen Ufer langsam zum Wasser hinabschreitet, hat inzwischen auch alles Imponierende und damit auch jede Ähnlichkeit mit dem Standbild des Komturs verloren. Der Mann hat sich in ein weißes Badetuch gehüllt, und als er das Wasser erreicht und das Tuch fallen läßt, ist es nicht mehr schwer, in ihm den wohlbeleibten und ungefügen semmelblonden Kreisarzt Pugowkin zu erkennen.

Der nackte Reiter auf dem langmähnigen roten Roß aber ist kein anderer als der Diakon Achilla, und sogar der im Gekräusel der Wellen auftauchende Kürbis gewinnt nach und nach ein wohlbekanntes menschliches Aussehen: zwei sanfte blaue Augen und eine eingeknickte Nase zeigen, daß wir es nicht mit einem Kürbis zu tun haben, sondern mit dem Kahlkopf des alten Konstantin Pizonskij, dessen Greisenleib ganz im kühlen Wasser steckt.

Es sind die Badeliebhaber von Stargorod, die von alters her an jedem schönen Sommermorgen hier zusammenkommen und gemeinschaftlich sich des frischen Wassers erfreuen.

Als erster stürzt sich der Arzt mit einem mächtigen Anlauf kopfüber in den Fluß und schwimmt auf den großen breiten Stein zu, der sich in der Mitte des Flusses einen Fuß hoch aus dem Wasser erhebt.

Mit ein paar mächtigen Schlägen hat er ihn erreicht, klettert auf seine glatte obere Platte hinauf.

»Ich bin wieder der erste im Wasser!« ruft er lachend. Und brüllt dem Achilla zu:

»Schwimm doch schneller, du Pharao! -- Kahlkopf, komm herauf! Kahlkopf, komm herauf!«

Inzwischen ist Felizata zu dem Polizeichef getreten. Sie löst seinen Gürtel, hilft ihm aus dem Schlafrock, so daß er in Unterhosen und einer bunten Flanelljacke dasteht. Der Arzt auf dem Stein plätschert mit den Füßen im Wasser, pfeift lustig vor sich hin und klatscht plötzlich den herangeschwommenen Diakon Achilla so laut und kräftig mit der flachen Hand auf den nackten Rücken, daß dieser aufschreit, nicht vor Schmerz, sondern vor Schreck über das laute Klatschen.

»Was haust du mich mit solchem Lärm?«

»Pack mich nicht am Leib,« erwidert der Arzt.

»Wenn das aber meine Gewohnheit ist?«

»Gewöhn dir's ab,« antwortet der Arzt und pfeift laut.

»Ich gewöhn mir's auch ab, aber ich vergesse mich immer wieder.«

Der Arzt erwidert nichts und pfeift weiter. Der Diakon schüttelt den Kopf, spuckt aus, bindet die Schnur auf, mit der sein Heldenleib gegürtet ist, nimmt die daranhängende Bürste und den Striegel ab und beginnt mit ebensoviel Eifer wie Sachkenntnis die Mähne seines Pferdes zu reinigen. Das mächtige Tier, welches sich an der langen Leine ziemlich frei bewegen kann, biegt den breiten Rücken und schlägt mit seinen Knien das Wasser zu Schaum.

Dieses Landschafts- und Genrebild zeigt uns die Schlichtheit des Stargoroder Lebens, wie die Ouvertüre die Musik der Oper andeutet. Aber die Ouvertüre ist noch nicht zu Ende.

Siebentes Kapitel.

Am linken Flußufer, wo der Stadthauptmann immer noch zögert, hat der Kutscher Komar den Teppich ausgebreitet, die mitgebrachte Bank darauf gestellt, und nachdem er sich durch kräftiges Schütteln noch überzeugt hat, daß sie feststeht, ruft er:

»Setzen Sie sich, Woin Wasiljewitsch, sie steht fest.«

Porochontzew geht schnell auf die Bank zu, rüttelt sie erst noch einmal eigenhändig und setzt sich erst, nachdem er sich genügend überzeugt hat, daß sie tatsächlich ganz feststeht. Kaum hat der Herr sich gesetzt, so packt Komar ihn von hinten an den Schultern, und seine Frau, welche die Schüssel nebst Bastwisch und Badetuch auf den Teppich gestellt hat, beginnt den kriegerischen Stadtgewaltigen auszukleiden. Erst nimmt sie ihm die Kalotte ab, dann die gestrickte Unterjacke, die Pantoffeln und die Socken, legt hierauf ihre Handflächen vorsichtig an die dürren Rippen des Rittmeisters und bleibt so unbeweglich stehen, den Kopf etwas seitwärts gebogen.

»Nun, Felicie, geht es schon? Kann ich schon reiten?« fragt Porochontzew.

»Nein, Woin Wasiljewitsch, noch schlägt der Puls,« antwortet Felizata.

»Na, wenn er noch schlägt, muß man warten. Aber du kannst hineinhupfen, Komar.«

»Ich tu's auch gleich.«

»Hupf nur, Bruder, hupf! Schwimm einmal herum und komm dann wieder raus. Dann wird geritten.«

»Wenn ich dann nur nicht zu schlüpfrig bin, Woin Wasiljewitsch. Dann fallen Sie wieder runter, wie neulich.«

»Nein, nein, ich fall schon nicht.«

Komar wirft, hinter dem Rücken seines Herrn stehend, das Hemd ab und stürzt sich mit einem mächtigen Anlauf ins Wasser, wo er alsbald gewaltig mit den Armen zu arbeiten beginnt.

»Famos schwimmt dein Komar,« sagt Porochontzew.

»Ausgezeichnet,« entgegnet die Frau, welche sich anscheinend nicht im geringsten geniert und auch keinen der Badenden durch ihre Anwesenheit stört.

Felizata, eine frühere Leibeigene Porochontzews, ist es seit langem gewohnt, ihren kränklichen Herrn zu bedienen, und bei dieser Beschäftigung gibt es für sie keinen Geschlechtsunterschied. Inzwischen ist Komar rund um den Stein geschwommen, auf dem die Badenden sitzen, und wieder aus dem Wasser gekrochen und steht nun, den gekrümmten Rücken einem Herrn zugewendet, vor der Bank. Woin Wasiljewitsch klettert auf den Rücken, umfaßt den Hals des Kutschers mit beiden Armen und reitet ins Wasser hinein. Der Rittmeister macht es fast immer so, denn er liebt es nicht, barfuß auf dem scharfen Kies zu gehen. Kaum hat jedoch das Wasser die Achselhöhlen Komars erreicht, so bleibt er stehen und meldet, nun seien keine Steine mehr da, denn er fühle reinen Sand unter seinen Sohlen. Woin Wasiljewitsch klettert von seinem Roß hinunter und legt sich auf die Schwimmblasen. Auch heute war der Vorgang derselbe: der dürre Stadtgewaltige legt sich hin, Komar gibt ihm einen tüchtigen Stoß und beide schwimmen nach dem Steine, den sie beide erklettern. Dieser nicht sehr große Stein, dessen über dem Wasser aufragende glatte, runde Fläche einen Durchmesser von etwa zwei Fuß haben mag, bietet fünf Personen Unterkunft, von denen vier -- Porochontzew, Pizonskij, der Arzt und Achilla -- sich an den Rand gesetzt haben, so daß sie einander den Rücken zukehren, während Komar mitten in dem engen Viereck steht, das eben diese Rücken bilden, und seinem Herrn den Kopf wäscht. Es wird eifrig diskutiert; Pizonskij erzählt unter beständigem Zucken seiner schiefen Nase, daß gestern abend in der Dämmerung irgendwo unterhalb der Brücke im Schilf sich zwei Schwäne niedergelassen und nachts, während es regnete, unausgesetzt geschrien hätten.

»Wenn die Schwäne schreien, so verkünden sie irgend jemandes Ankunft,« meint Komar, indem er den Kopf seines Herrn eifrig mit Seife einreibt.

»Nein, das verheißt bloß einen schönen Tag,« wendet Pizonskij ein.

»Wer sollte auch zu uns kommen?« mischt sich der Arzt ins Gespräch. »Wir leben ja hier wie die reinen Waldteufel: in hundert Jahren passiert nichts Neues.«

»Was soll uns auch das Neue?« sagt Pizonskij. »Wir haben ja alles; das Wetter ist schön, wir sitzen gemütlich auf unserm Stein und keiner verübelt es uns. Käme aber ein neuer Mensch her, so nähme er vielleicht Anstoß, es gäbe ein Gerede und ...«

»Ein Gerede: warum sitzen sie so nackigt da?« unterbricht ihn Komar ungeniert.

»Was ist das für ein Stadthauptmann, der sich von einem Frauenzimmer waschen läßt?« wirft der Arzt ein.

»Ja, das ist wahr,« ruft der Rittmeister und schaut sich beunruhigt um.

Komar bläst sich in den Schnurrbart, lächelt und sagt leise:

»Und dann wird's heißen: was hat der Polizeichef auf dem Komar ins Wasser zu reiten?«

»Halt's Maul, Komar!«

»Auch das, auch das wird Fragen veranlassen,« sagt wieder der sanfte Pizonskij und seufzt, indem er fortfährt: »Und jetzt sitzen wir hier ohne alle Neuigkeiten wie im Paradiese. Selber sind wir nackt, aber wir sehen alle Schönheit der Welt: wir sehen den Wald, sehen die Berge, sehen die Tempel Gottes, das Wasser, das Grün der Wiesen; dort im Uferschilf piepen die jungen Entlein; vor uns im Wasser spielt das Völklein der kleinen Fische so fröhlich. Groß ist deine Güte, o Herr!«

Die letzten Worte hatte Pizonskij mit erhobener Stimme gesprochen, sie hallten weit über den Fluß hin, wurden von den Hügeln zurückgeworfen und klangen dann noch ein drittes Mal etwas dumpfer von dem flachen Ufer wider. Pizonskij horcht auf, streckt den Zeigefinger über seinem kahlen Kopfe zum Himmel empor und sagt:

»Dreimal antwortet dir die Güte des Herrn: was kann es Schöneres geben, als in solchem Frieden zu leben und in ihm sein Dasein zu vollenden.«

»Wahr, sehr wahr,« antwortet der Rittmeister mit einem Seufzer. »Da haben der Arzt und ich uns eine kleine Neuerung gestattet: wir erlaubten dem Warnawa eine Leiche auszukochen. Wozu hat das nicht geführt! Übrigens, Diakon, vergiß nicht, daß du versprochen hast, dem Warnawa die Knochen wegzunehmen.«

»Warum sollte ich's vergessen? Ich bin kein Manichäer, den man hundertmal mahnen muß. Was ich versprochen habe, das halte ich auch.«

»Hast du? Hast du's wirklich schon?«

»Natürlich hab' ich's.«

»Du flunkerst, Diakon!«

Achilla schweigt.

»Warum redest du denn nicht? Erzähle doch, wie du ihm die Knochen weggenommen hast. Nun? Was Teufel bist du denn heut so solide?«

»Warum soll ich nicht solid sein, wenn meine Taille es mir gestattet?« erwidert Achilla selbstbewußt. »Ihr zwei, du und der Arzt, macht Dummheiten, und ich muß sie wieder gutmachen. Na, da bin ich eben zum Warnawa ins Fenster hineingestiegen, hab die Knochen alle in einen Sack gesteckt ...«

»Nun und dann, Achilla? Was dann, mein Lieber?«

»Dann ging es ganz dumm.«

»Ja wie denn? So erzähle doch!«

»Was soll ich erzählen, wo ich selber nichts weiß? Dann hat mir jemand die Knochen wieder wegstibitzt.«

Porochontzew springt auf und schreit:

»Was? Wieder gestohlen?«

»Ja, wie soll ich sagen? Gestohlen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich weiß nur, daß ich den ganzen Kram zu mir nach Haus brachte und ihn in meinen Karren schüttete, um heut damit zur Begräbnisstätte zu fahren. Aber wie ich morgens nachseh, ist nichts mehr da -- bis auf das kleine Schwänzchen hier.«

Der Arzt bricht in ein lautes Gelächter aus.

»Was lachst du?« fragt der Diakon geärgert.

»Ein Schwänzchen ist übriggeblieben, sagst du?«

Achilla wird böse.

»Nun ja, ein Schwänzchen,« erwidert er, »oder was soll das sonst sein?«

Der Diakon löst von dem Striegel einen menschlichen Fußknöchel, den er mit einem Endchen Bindfaden daran befestigt hatte, reicht ihn dem Arzt hin und sagt trocken: »Da, sieh's dir an, wenn du mir nicht glaubst.«

»Haben denn die Menschen Schwänze?«

»Etwa nicht?«

»Du hast also auch einen Schwanz?«

»Ich?!« fragt Achilla.

»Ja, du.«

Der Arzt lacht wieder aus vollem Halse, der Diakon aber wird bleich und sagt:

»Hör mal, mein lieber Meister Quacksalber, scherzen kannst du, -- aber mit Maß, wenn ich bitten darf. Vergiß nicht, daß ich eine geistliche Person bin.«

»Na, schon recht! Aber sag mir mal erst, wo hast du deinen Astragalus?«

Das unbekannte Wort »Astragalus« macht auf den Diakon einen verblüffenden Eindruck: die Fachbezeichnung für das unschuldige menschliche Sprungbein scheint ihm etwas äußerst Kränkendes, er schüttelt den Kopf, stößt einen tiefen Seufzer aus und sagt langsam:

»Für so niederträchtig hätte ich dich allerdings nicht gehalten.«

»Ich niederträchtig?«

»Jawohl! Einer geistlichen Person mit derartigen dummen Fragen zu kommen ist niederträchtig. Aber merk dir: deinen faulen Scherz mit dem Schwanz hab' ich dir nachgesehen, aber jetzt nimm dich in acht!«

»O wie schrecklich!«

»Ja, hab' dich nur! Ich mein' es ernst. Eure Freigeisterei hängt mir längst zum Halse heraus.«

»Ja, ist denn das Freigeisterei, wenn man Astragalus sagt?«

»Kusch!« schreit der Diakon.

»Schafskopf« meint der Arzt achselzuckend.

»Kusch!« donnert Achilla und hebt drohend die Faust. Seine Augen funkeln grimmig.

»Ist das ein Esel! Kein vernünftiges Wort kann man mit ihm reden.«

»Was? Ein Esel bin ich? Man kann nicht mit mir reden? Na warte! Ich bin euch kein sanfter Sawelij! Runter in den Sumpf!«

Mit diesen Worten hat der Diakon die Leine seines Pferdes aus der rechten Hand in die linke genommen, packt den Arzt mit der Rechten um den Leib und reißt ihn ins Wasser hinab. Sie tauchen unter, werden wieder sichtbar und verschwinden aufs neue. Obgleich das Verhalten des Diakons deutlich verriet, daß er keineswegs die Absicht hatte, den Arzt zu ertränken, sondern ihn nur etlichemal untertauchen wollte, -- er hielt auch, während sie so zappelten, immer nach dem Ufer zu -- so versetzte das verzweifelte Gebrüll des Medikus die Drei auf dem Steine und die am Ufer stehende Felizata doch in eine so unbeschreibliche Angst, daß auch sie ein lautes Geschrei erhoben, welches die ganze Umgegend alarmieren mußte.

So begann der Diakon Achilla seinen Ausrottungskampf gegen die in Stargorod um sich greifende gemeingefährliche Freigeisterei, und wir werden sehen, was für gewaltige Folgen dieser energische Anfang zeitigen sollte.

Achtes Kapitel.

Der Lärm und das Geschrei der Badenden hatten den Propst, der an seinem Fenster kaum ein wenig eingeschlummert war, aufgeweckt. Der Alte erschrickt, springt auf, sieht auf den Fluß hinaus, kann aber ganz und gar nicht begreifen, was eigentlich geschehen. In diesem Augenblicke hält vor seinem Hause ein eleganter, von einem grauen Vollblutpferde gezogener Jagdwagen. Darin sitzt eine schwarzgekleidete junge Dame: sie kutschiert selbst, neben ihr ein kleiner Groom. Die Dame ist die junge verwitwete Gutsbesitzerin Alexandra Iwanowna Serbolowa, seine ehemalige Lieblingsschülerin.

»Alexandra Iwanowna, seien Sie mir herzlichst willkommen,« erwidert der Propst ihren Gruß. »Meine Frau steht gleich auf, und dann sind Sie so freundlich, eine Tasse Tee mit uns zu nehmen.«

Die Dame dankt. Sie sagt, sie sei in die Stadt gekommen, um eine Totenmesse für ihren verstorbenen Gatten lesen zu lassen, und bittet Tuberozow, doch recht bald in die Kirche zu kommen.

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Vielen Dank. Ich will jetzt nur noch für einen Augenblick zur alten Prepotenskaja, sonst ist sie gekränkt.«

Sie nickt dem Priester zu und im nächsten Augenblick ist der leichte Wagen verschwunden. Der Propst schickt das Dienstmädchen zum Küster mit dem Befehl, zur Frühmesse läuten zu lassen und den Diakon Achilla in die Kirche zu beordern; dann tritt er vor den Heiligenbilderschrein, seine Morgenandacht zu verrichten. Eine halbe Stunde später schlägt die Domglocke an, und gleich darauf kommt das Mädchen zurück mit der Meldung, sie habe den Diakon Achilla nicht finden können, niemand wisse, wo er sei. Zum Warten ist aber keine Zeit mehr und so nimmt der Propst seinen Stab mit der Inschrift »Der Stecken Aarons erblühte« und begibt sich in den Dom. Er ist noch keine zehn Minuten fort, als die Pröpstin Natalia Nikolajewna durch das plötzliche Erscheinen des Diakons Achilla höchlich überrascht wird. Er ist ganz außer sich.

»Mütterchen,« ruft er, »alles, was ich Euch gestern von den Totengebeinen versprochen hatte, ist zuschanden geworden.«

»Das habe ich mir doch gleich gedacht,« erwidert Natalia Nikolajewna.

»Nein, bitte sehr, Ihr müßt erst wissen, warum es zuschanden geworden ist. Wie ich es Euch gestern versprach, so habe ich's auch gemacht. Ganz wie sich's gehört, habe ich die Überreste dieses Menschen, den der Warnawka gekocht hat, durchs Fenster gestohlen, in den Sack gesteckt und zu mir nach Haus getragen. Dann habe ich sie in den Karren geschüttet. Aber als ich heute nachschaue, ist der Karren leer! Kann ich dafür?«

»Ja, wer beschuldigt dich denn?«

»Das ist es ja eben. Mich überkam sogar ein Zweifel, ob ich sie nicht schon nachts vergraben hätte, aber heut früh im Bade war der Arzt so frech gegen mich, daß ich gleich aus dem Bad zum Warnawka gerannt bin. Alle Fensterläden waren geschlossen. Ich guckte durch eine Ritze, und da seh' ich, daß der Gekochte wieder heil und ganz am Nagel hängt! Wo ist der Vater Propst? Ich muß ihm gleich alles erzählen!«

Natalia Nikolajewna schickte den Diakon ihrem Gatten nach, und der schnellfüßige Achilla hatte den Propst auch bald eingeholt.

»Was rennst du so ... und fauchst und schnaufst und stampfest?« fragt ihn Sawelij, als er seine Schritte hinter sich hört.

»Das ... das tu ich immer, Vater Sawelij, wenn ich laufe. Habt Ihr es nie bemerkt?«

»Nein, bisher nicht. Aber sprich doch mit dem Arzt, er hilft dir vielleicht.«

»Jawohl, der Arzt! Redet mir nur nicht von dem, Vater Sawelij! -- Er hat mich heute ganz aus der Fassung gebracht. Denkt Euch diese Frechheit, Vater Propst ...« Der Diakon beugt sich zu dem Ohre des Propstes, und nachdem er ihm die Gemeinheit des Arztes leise mitgeteilt hat, fügt er laut hinzu: »Nun sagt selbst, ist das nicht furchtbar unverschämt?«

»Ich finde nichts dabei,« erwidert der Propst, indem er langsam die Stufen vor dem Domportal emporsteigt. »Astragalus ist ein Fußknöchel, und ich verstehe nicht recht, was dich in solche Wut versetzt hat.«

Der Diakon tritt einen Schritt zurück und ruft erstaunt: »Ein Fußknöchel?«

»Ja freilich.«

Achilla schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn:

»Ich Dummkopf!«

»Was hast du gemacht?«

»Nein, ich bitt' Euch, seid so gut, nennt mich einen Dummkopf!«

»Ja, weswegen denn?«

»Nein, nein, nennt mich nur so. Ich hätte diesen Arzt beinahe ersäuft.«

»Nun gut, mein Lieber, ich erfülle deinen Wunsch: du bist wahrhaftig ein Narr, und ich sage dir's voraus, wenn du von dergleichen Narrengewohnheiten nicht bald lässest, so kommt es noch einmal dahin, daß du jemand ums Leben bringst.«

»Erbarmt Euch, Vater Sawelij, ich bin doch nicht ganz von Sinnen.«

»Überall, überall folgt dir der Unfrieden auf dem Fuße!«

»Ich weiß nicht, woher das kommt. Ich bin für Frieden und Ordnung, aber es kommt immer anders.«

Hierauf erzählt Achilla in großer Hast, aber mit allen Einzelheiten, wie er gestern das Gerippe gestohlen und wie es dann wieder verschwunden und an seinem alten Platze erschienen sei. Tuberozow hört ihm zu. Seine Augen werden immer größer und größer, und unwillkürlich tritt er ein paar Schritte zurück, indem er ausruft:

»Großer Gott, was für ein unseliger Mensch!«

»Wer, Vater Sawelij?« meint Achilla, nicht weniger erstaunt.

»Du, mein Bester, du!«

»Aus welchem Grunde bin ich unselig?«

»Welch böser Geist treibt dich zu alledem?«

»Wozu?«

»Zum Einbrechen, Rauben, Zanken.«

»Ihr habt mich dazu angetrieben,« erwidert der Diakon ganz ruhig und freundlich. »Ihr sagtet: so oder so -- der Sache muß ein Ende gemacht werden. Und da hab' ich ihr ein Ende gemacht. Ich habe nur Euren Wunsch erfüllt.«

Tuberozow schüttelt den Kopf, wendet sich dem Portal zu und tritt in die Vorhalle, wo er die Serbolowa in stillem Gebete kniend erblickt. In einer Ecke aber sitzt der Lehrer Prepotenskij auf einer Totenbahre und klopft sich den Staub von den Beinkleidern. Sein Gesicht strahlt. Er schaut den Propst und den Diakon mit triumphierendem Lächeln an. Was konnte ihn, den Gottesleugner, in die Kirche geführt haben? Darüber erstaunte Tuberozow nicht weniger als Achilla; nur vermochte Achilla diesen Gedanken auch während der Messe nicht zu bannen, während der ernste Sawelij ihn bereits von sich gewiesen hatte, als sich die Tür zum Altarraum vor ihm auftat, denn er war gewohnt, mit Furcht und Zittern vor das Angesicht seines Gottes zu treten.

Eine Stunde war vergangen und die Totenmesse beendet. Die Serbolowa und ein entfernter Vetter von ihr, ein gewisser Darjanow, hatten beim Propst Tee getrunken und waren fortgegangen. Die Serbolowa wollte gegen Abend, wenn die Sonne nicht mehr so heiß brannte, auf ihr Gut zurückkehren. Jetzt aber gedachte sie etwas zu ruhen. Darjanow sollte mit ihr bei der alten Prepotenskaja Mittag essen, wohin Tuberozow später ebenfalls kommen wollte, um ein Gläschen Tee zu trinken und seinem lieben Beichtkinde das Geleite zu geben.

Neuntes Kapitel.

Öde, traurig und eintönig ist der Anblick der menschenleeren Straßen unserer Kreisstädte zu jeder Zeit; aber nie erscheinen sie so ausgestorben wie an einem heißen Sommermittag. Der dicke, graue Staub, den stellenweise die Spuren von Wagenrädern durchfurchen, das schläfrige, welke Gras, das die ungepflasterten Straßen an der Seite, wo die Trottoirs anzunehmen sind, umsäumt, die grauen, halbverfaulten, schiefen Zäune, die Kirchentüren mit ihren schweren Hängeschlössern, die Holzbuden, die von ihren Besitzern verlassen und mit zwei übers Kreuz geschlagenen Brettern verbarrikadiert sind, -- alles das schlummert in der Mittagshitze so verführerisch, daß der Mensch, der verurteilt ist, in dieser Umgebung zu leben, ganz von selbst alle Munterkeit verliert und auch matt wird und einschläft.

Um diese Stunde war es, als Valerian Nikolajewitsch Darjanow, nachdem er einige öde Straßen durchschritten hatte, in ein enges Gäßchen einbog, das durch einen alten Gitterzaun völlig abgeschlossen ward. Hinter dem Zaun war eine Kirche sichtbar. Darjanow bückte sich tief und trat durch das niedrige Pförtchen in den Kirchhof. Hier stand in einer Ecke das kaum bemerkbare Hüttchen des Kirchenwächters, und weiter hinten, inmitten eines ganzen Waldes verfallener Grabkreuze, verbarg sich das niedrige, dreifenstrige Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja.