Part 7
»17. Februar. Prepotenskij bringt mich ganz aus der Fassung. Ich kann ihn nach dem, was er sich jetzt wieder erlaubt hat, kaum noch für einen Menschen halten, und habe darüber nicht seinem Direktor, sondern dem Adelsmarschall Tuganow Bericht erstattet. Was mir von diesem alten Voltairianer kommen wird, weiß ich nicht, aber immerhin ist er ein bodenständiger Mensch und kein Mietling und wird daher vielleicht ein Einsehen haben. Warnawka treibt Dinge, wie sie nur der Wahnsinn einem eingeben kann. Weil der Lehrer Gonorskij erkrankt ist, hat Prepotenskij zeitweilig den Geschichtsunterricht übernehmen müssen, -- und hat gleich damit angefangen, von der Unsittlichkeit des Krieges zu reden und es direkt auf die Begebenheiten in Polen bezogen. Indessen das war ihm noch nicht genug, er begann über die Zivilisation zu spotten, den Patriotismus und die nationalen Prinzipien zu verhöhnen, und zuletzt sich auch noch lustig über die Anstandsregeln zu machen, welche er zum Teil sogar als unsittlich bezeichnete. Als Beispiel führte er an, daß die gebildeten Völker den Akt der Geburt des Menschen verheimlichen, den des Mordes aber nicht, indem sie sich sogar mit Kriegswaffen öffentlich sehen lassen. Was will dieser Narr? Wahrlich, das ist so dumm, daß man sich schämen muß, und doch ärgere ich mich. Es ist ja nur eine Kleinigkeit; aber ich muß ja nach den Kleinigkeiten sehen, denn über Kleinem bin ich gesetzt.«
»28. Februar. Oho! Mein Voltairianer liebt nicht zu scherzen. Der Direktor ist hergekommen. Ich konnt' es nicht länger ertragen und ging trotz aller Drohungen des Arztes zu ihm hin und berichtete ihm von den Ungebührlichkeiten des Prepotenskij, aber der Herr Direktor haben zu alledem nur herzlich gelacht. Wie lachlustig sie alle sind! Er gab dem Ganzen eine scherzhafte Wendung und sagte, deswegen werde Moskau nicht in Flammen aufgehen, -- »und übrigens,« fügte er hinzu, »wo soll ich denn andere hernehmen? Sie sind heutzutage alle so.« Und so stand ich wieder da, wie ein Narr, der unnütz Krakeel macht. Aber das muß wohl so sein.«
»1. März. Ich bin wirklich ein alter Narr geworden, über den alle sich lustig machen. Heute besuchten mich der Arzt und der Stadthauptmann, und ich sagte ihnen, daß meine Gesundheit infolge des gestrigen Ausgangs nicht im geringsten gelitten habe; da fingen sie beide an zu lachen und erwiderten, der Arzt habe mich zum Spaß in der Stube sitzen lassen, denn er habe mit irgend jemand gewettet, daß er, wenn er wolle, mich einen ganzen Monat lang zu Hause halten könne. Deshalb redete er mir von einer Gefahr vor, die gar nicht vorhanden war. Pfui!«
»20. Juni. Ich habe eine Reise durch das Kirchspiel gemacht, die mir ausgezeichnet bekommen ist. Es ist so frisch und schön draußen in der Natur, und unter den Menschen herrscht Friede und Zufriedenheit. In Blagoduchowo haben die Bauern auf eigene Kosten die Kirche ausbauen und ausmalen lassen, aber auch bei einer so einfachen Sache hat sich wieder etwas Scherzhaftes hineingemengt. An der Wand der Vorhalle haben sie einen ehrwürdigen Greis abgebildet, der auf einem Ruhebette liegt, mit der Inschrift: »Und Gott ruhete am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er machte.« Ich wies den Vater Jakob darauf hin und befahl das Bild zu übertünchen.«
»11. Juli. Vorgestern war der Bischof auf der Durchreise hier und hat im Dom die Messe gelesen. Ich fragte den Vater Troadij, ob das Bild in Bogoduchowo entfernt worden sei, und erfuhr, daß es noch immer vorhanden, was mich einigermaßen erregte. Aber Vater Troadij beruhigte mich, meinte, das habe nichts zu sagen, es sei doch »volkstümlich« und fügte noch eine Anekdote hinzu von den Seelen der Erlösten, die der Maler in Schuhen dargestellt hatte, und so lief wieder alles auf einen Scherz hinaus. Ach, was die Leute alle lustig sind!«
»20. Juli. Ich war in Blagoduchowo und ließ das Bild in meiner Gegenwart abkratzen. Ich halte es nicht für angebracht, diese dumme Art von Volkstümlichkeit zu pflegen. Ich fragte nach dem Verfertiger des Bildes; und es stellte sich heraus, daß der Glöckner Pawel es gemalt hatte. Um dem scherzhaften Geist der Zeit entgegenzukommen, befahl ich diesem Künstler, sich neben meinen Kutscher auf den Bock zu setzen, und nachdem wir vierzig Werst weit gefahren waren, ließ ich ihn zu Fuß nach Hause wandern, damit er unterwegs über seine malerische Phantasie nachdenken könne.«
»12. Oktober. Der neue Gouverneur ist zur Revision hier gewesen. Er besuchte den Dom und die Schule und beide Male, hier wie dort, wollte er durchaus, daß ich ihn segne. Er ist ein echter Russe sowohl dem Namen, wie dem Benehmen nach. Noch sehr jung, hat er jene privilegierte Lehranstalt, die Rechtsschule, absolviert, und war bisher noch nie aus Petersburg herausgekommen, was auch leicht zu bemerken ist, denn alles interessiert ihn. Besonders angelegentlich erkundigte er sich nach den Gegensätzen zwischen Geistlichkeit und Adel; leider konnte ich seine Neugier wenig befriedigen, denn sowohl unser Kreisadelsmarschall Plodomasow, als auch der Gouvernementsmarschall Tuganow sind würdige Männer, und von Gegensätzen ist keine Rede.«
»14. November. Es wird erzählt, daß ein Gutsbesitzer sich bei dem Gouverneur über die Bauern beschwert habe, die ihren Verpachtungen nicht nachkämen. Der Gouverneur habe seine Klagelitanei unterbrochen mit den Worten: »Ich bitte, wenn Sie vom Volke reden, nicht zu vergessen, daß ich Demokrat bin.««
»20. Januar 1863. Ich notiere die außerordentliche und höchst belehrende »Geschichte vom Surrogat«. Es wird folgendes Kuriosum von der ersten Begegnung des neuen Gouverneurs mit unserm Adelsmarschall Tuganow erzählt. Dieser von höherer Politik durchdrungene Petersburger Kavalier stellte sich auch unserem Voltairianer als Demokrat vor, wofür ihn Tuganow auf dem Adelsball vor allen höchlich lobte und hinzufügte, diese Richtung sei die allerbeste, besonders in der gegenwärtigen Zeit, denn in drei Kreisen unseres Gouvernements herrsche eine ziemlich starke Hungersnot und da biete sich reichlich Gelegenheit, sich als Volksfreund zu bewähren. Der Gouverneur zeigte sich darüber sehr erfreut, daß die Leute hungern, und war nur ungehalten, daß er bisher nichts davon gewußt hatte; er rief seinen Kanzleivorsteher und machte ihm heftige Vorwürfe, daß er ihn nicht früher davon unterrichtet habe, und als richtiger Heißsporn ordnete er an, daß darüber sofort nach Petersburg berichtet werde. Aber der Vorsteher, der sich rechtfertigen wollte, sagte, daß von einer richtigen Hungersnot in jenen Kreisen nicht geredet werden könnte, denn wenn auch die Kornernte schlecht gewesen sei, so sei die Hirse doch sehr gut geraten. Damit fing nun die Geschichte an. »Was ist das -- Hirse?« rief der Gouverneur. »Hirse ist ein Surrogat für Brotkorn,« erwiderte der gelehrte Vorsteher, statt einfach zu sagen, daß man aus Hirse Brei koche, was unseren Rechtsgelehrten vielleicht vollständig befriedigt hätte, denn in der Kunst, einen Brei anzurühren, muß er Meister sein. Aber nun war einmal das Wort Surrogat gefallen. »Schämen Sie sich,« sagte der hohe Politiker, als er dieses Wort vernahm, »schämen Sie sich, mich so zu betrügen. Man braucht ja nur in einen Obstladen zu treten, um zu sehen, wozu Hirse gebraucht wird. In Hirse werden Trauben verpackt.« Tuganow schwieg mit ernstem Gesicht, tags darauf aber schickte er dem Gouverneur durch die Verpflegungskommission eine Liste der Kornfrüchte Rußlands. Der Gouverneur wurde verlegen, als er hier auch Hirse verzeichnet fand, ließ seinen Kanzleivorsteher rufen und sagte zu ihm: »Verzeihen Sie, daß ich Ihnen damals nicht glauben wollte. Sie haben recht. Hirse ist ein Getreide.« Du tust mir von Herzen leid, mein lieber Demokrat! Der Deutsche meinte wohl, daß St. Nikolaus mit Hafer gehandelt habe, aber solche Weintraubenscherze machte er nicht.«
»6. Dezember. Es kommen immer wieder Nachrichten von Konflikten zwischen dem Adelsmarschall Tuganow und dem Gouverneur, der, wie man sagt, eine Gelegenheit sucht, dem Marschall für die Hirse etwas am Zeuge zu flicken, und wie es scheint, hat er endlich etwas gefunden. Der Gouverneur steht immer für die Bauern ein und jener, der Voltaire, verteidigt seine Rechte und Freiheiten. Dem einen hat das Rechtsstudium den Verstand aus dem Geleise gebracht, und des andern Hochmut kommt dem Berg Ararat gleich. Er läßt keinerlei fremdes Recht gelten. Es kommt sicher noch zu einer regelrechten Bataille.«
»20. Dezember. Die Seminaristen sind für die Weihnachtsferien nach Haus gekommen und der Sohn des Vaters Zacharia, der Privatstunden in guten Familien gibt, erzählt eine ganz unglaubliche und wüste Geschichte: ein abgedankter Soldat hätte sich in einem Winkel der Marienkirche versteckt gehabt und die Krone von dem wundertätigen Bilde St. Johannis des Kriegers geraubt. Als die Krone dann in seinem Hause gefunden wurde, behauptete er, er hätte sie nicht gestohlen, sondern er hätte vor dem Bilde des Heiligen über die traurige Lage der dienstentlassenen Soldaten geklagt, und den heiligen Krieger in brünstigem Gebet angefleht, ihm in seiner Not zu helfen. Hierauf habe der Heilige, der seine Worte vernommen, gesagt: »Sie sollen ihrer Strafe in jener Welt nicht entgehen, du aber nimm vorläufig dieses hin« -- und mit diesen teilnehmenden Worten habe er angeblich die kostbare Krone von seinem Haupte genommen und gesagt: »Da!« Verdient eine solche Ausrede auch nur die geringste Beachtung? Aber unter dem Eindruck der Hirse denkt man anders, und also kam vom Gouverneur eine Anfrage ans Konsistorium: ob ein derartiges Wunder möglich sei? Selbstverständlich war nun das Konsistorium in einer sehr schwierigen Lage, denn es konnte doch nicht erwidern, daß ein Wunder unmöglich sei. Aber wo will das alles hinaus? Der Adelsmarschall Tuganow legte dagegen vertraulich Protest ein und schrieb, er halte diese Handlungsweise für unvernünftig, und meinte, sie bezwecke nur eine Erschütterung des Glaubens und eine Verhöhnung der Geistlichkeit. So wird dieser alte Freigeist zum Anwalt der Geistlichkeit, und der Rechtskundige, der sie verteidigen sollte, macht sie zum Gespötte. Nein, es kommt scheinbar wirklich die Stunde und sie ist schon da, wo der gesunde Menschenverstand nichts mehr von allem, was geschieht, für sonderbar halten wird. Auch über Tuganows Eintreten für die Kirche, so nützlich es in diesem Fall war, kann man sich nicht freuen, denn es geschah nicht aus Eifer für den Glauben, sondern aus Feindschaft gegen den Gouverneur, und was kann da Gutes kommen, wenn immer nur einer den andern schikaniert, ohne dessen eingedenk zu sein, daß sie beide derselben Krone den Eid geschworen haben und demselben Lande dienen? Es ist schlimm!«
»9. Januar 1864. Tuganow war neulich in Plodomasowo, -- ich weiß nicht weswegen. Aber ich konnte nicht anders -- ich besuchte ihn dort, um etwas über seinen Kampf um St. Johannes den Krieger zu erfahren. Seltsam! Dieser Tuganow, einst ein Verehrer Voltaires, redete zu mir in freundschaftlichstem und betrübtem Tone. Er meint, sein Protest wäre noch nicht stark genug gewesen, denn »wie ich selber für mich über alle Wunder denke, das geht nur mich etwas an und das behalte ich auch für mich, aber ich kann diese nichtsnutzigen Bestrebungen doch nicht unterstützen, die darauf hinauslaufen, dem Volke das einzige zu nehmen, was ihm wenigstens eine Ahnung davon einflößt, daß es einer höheren Daseinssphäre angehört, als sein gestreiftes Schwein und seine Kuh.« Wie dürr und trocken ist diese Weisheit! Aber ich widersprach nicht ... Was ist da zu machen?! Herr, hilf du wenigstens +diesem Unglauben+, sonst kommen wir doch noch dazu, daß wir wieder in Rudeln umherlaufen, Wurzeln fressen und wie Pferde wiehern!«
»21. März. Der Gutsherr Plodomasow ist aus der Residenz heimgekehrt und hat mir und dem Vater Zacharia und dem Diakon Achilla sehr kostbare Stäbe aus echtem Rohr mitgebracht. Auch zeigte er uns eine kleine gläserne Lampe mit einer brennenden Flüssigkeit, »Petroleum« oder Steinöl genannt, die aus Naphtha gewonnen wird.«
»9. Mai. Ich habe mich so kleinlich gezeigt, daß ich mich vor mir selber schämen muß. Und das alles kam von den eben erwähnten Stäben. Mein ganzes vergangenes Leben ist über mich gefallen wie ein Sieb und hat mich zugedeckt. Ich sitze unter diesem Sieb wie eine Krähe, der böse Buben die Federn ausgerupft haben, und die sie nun gefangen halten, um ihren Spott mit ihr zu treiben. Das ist das Traurigste bei dieser allgemeinen Lebensverflachung: ich selber bin flach und klein geworden, so flach, daß ich nicht einmal imstande bin, meine ganze Eitelkeit dem stummen Papier anzuvertrauen. Ich will mich ganz kurz fassen. Es ärgerte mich, daß ich und Zacharia ganz gleiche Stäbe erhalten hatten und daß auch der des Achilla sich kaum von den zwei andern unterschied. O Gott! War ich denn auch früher schon so? Nein, mit solchen Kleinigkeiten gab ich mich nicht ab! Ich trug mich mit hohen Gedanken, wie ich hier in diesem irdischen Jammertal immer vollkommener werden könnte, um einst das ewige Licht zu schauen und dem Herrn das mir anvertraute Pfund mit reichen Zinsen zurückzugeben.«
Damit schlossen die alten Tuberozowschen Aufzeichnungen, und als der Greis zu Ende gelesen, nahm er die Feder, trug ein neues Datum ein und begann danach mit ruhigen, strengen Schriftzügen zu schreiben:
»Es ist seinerzeit von mir vermerkt worden, wie einmal der Sohn der Hostienbäckerin, der Lehrer Warnawa Prepotenskij, die unschuldigen Kinder an ihrem Glauben irre zu machen suchte, indem er sie eine Leiche sehen ließ und behauptete, es gäbe keine Seele, weil ihr Wohnsitz im Körper nirgends aufzufinden sei. Mein Zorn über diesen törichten, aber schädlichen Menschen wurde dazumal von klugen Leuten für übertrieben erklärt, und von der Veranlagung zu diesem Zorn hieß es, sie sei der Beachtung gar nicht wert. Jetzt hat sich wieder etwas Neues begeben. Beim letzten Hochwasser wurde eine unbekannte Leiche an unser Ufer gespült. Die Mutter des Warnawa, die arme Hostienbäckerin, sagte mir heute unter Tränen, daß der Arzt und der Stadthauptmann, wohl aus Bosheit gegen ihren Sohn oder um ihn zu verhöhnen, ihm jenen Toten geschenkt hätten, und Warnawa hätte aus Dummheit dieses Geschenk angenommen, und die Leiche in der Bütte, darin sie bisher friedlich ihre Wäsche in Asche gelegt, ausgekocht und die Brühe unter den Apfelbaum im Garten gegossen, die Knochen aber in die Gouvernementsstadt gebracht. Und nun fürchte sie, man werde ihren teuren Sohn mit jenen Knochen als Mörder festnehmen. Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, und bat den Stadthauptmann um eine Erklärung, zu welchem Zwecke der Leichnam des Ertrunkenen, der nach der Sektion kirchlich bestattet werden mußte, dem Lehrer Warnawa ausgehändigt worden sei? Ich erhielt zur Antwort, das sei im Interesse der Aufklärung geschehen, d. h. damit er, Warnawa, an dem Skelett naturwissenschaftliche Studien treiben könne. Diese Sorge um die Wissenschaft kann einen lachen machen bei Leuten, die ihr so fern stehen, wie der Stadthauptmann Porochontzew, der sein halbes Leben im Kavalleriepferdestall zugebracht hat, wo man nichts lernt, als wie man den Pferden die Schwänze bindet, oder dieses Lügenmaul von Arzt, der jene Wissenschaft vertritt, deren Anhänger von den wahren Gelehrten für Ignoranten angesehen werden, was durch seine blödsinnige Behauptung bewiesen wird, er habe einmal bei Plodomasow versehentlich statt Branntwein ein Glas Leucht-Petroleum ausgetrunken, und da habe sein Bauch eine ganze Woche lang geleuchtet! Wie dem nun aber auch sei, der von dem Lehrer gekochte Leichnam hat sich in ein Skelett verwandelt. Warnawa brachte die Knochen zu einem Heilgehilfen am Gouvernementskrankenhaus. Dieser Meister der Anatomie fügte all die Knochen kunstvoll aneinander und setzte ein Gerippe zusammen, das nun wieder in unsere Stadt zurückgebracht wurde und sich gegenwärtig bei Prepotenskij befindet, der es dicht bei seinem Fenster befestigt hat. Da steht es nun und lockt immer wieder die Straßenmenge an und gibt zu allen möglichen Streitigkeiten Anlaß und zu einem ewigen häuslichen Zwist zwischen dem Warnawa und seiner einfältigen Mutter. Der Tote fängt an Rache zu nehmen. Jede Nacht erscheint er der unglückseligen Mutter des großen Gelehrten im Traum und fordert immer wieder sein christliches Begräbnis. Die Arme hat den Sohn auf den Knien angefleht, ihr dieses Skelett zu geben, daß sie es bestatte, aber natürlich widersetzt er sich dem mit aller Entschiedenheit. Da entschloß sie sich zu einer verzweifelten Maßnahme, sammelte in Abwesenheit des Sohnes die Knochen in eine kleine Holzkiste, trug sie in den Garten und vergrub sie mit ihren schwachen Greisenhänden unter dem nämlichen Apfelbaum, unter welchen Warnawa die zerkochten Fleischteile des Unglücklichen ausgeschüttet hatte. Aber sie hatte kein Glück damit, denn der gelehrte Sohn grub die Knochen wieder aus, und damit ging eine neue Geschichte an, die auch heut noch nicht beendet ist. Es ist ebenso lächerlich wie schmachvoll, was noch weiter folgte. Sie raubten sich die Knochen gegenseitig so lange, bis mein Diakon Achilla, der sich in alles mischen muß, diese Sache zum Abschluß brachte und mit solcher Hast ans Werk ging, daß es ganz unmöglich war, ihm Einhalt zu gebieten. Auch haben mich die Reden des Arztes und des Stadthauptmanns sehr verstimmt, die mir Vorwürfe machten wegen meiner eifernden (so nannten sie es) Intoleranz gegen den Unglauben, denn, meinen sie, wirklich gläubig sei heutzutag keiner mehr, auch die nicht, welche offiziell für den Glauben eintreten. Das glaub' ich auch! Ich kann nicht daran zweifeln. Aber ich wundere mich, woher bei uns dieser erbitterte Haß und diese Feindschaft gegen den Glauben kommen. Vom Freiheitsdrang? Aber wen hindert denn der Glaube, mit allem Eifer nach voller Freiheit in allen Dingen zu streben? Warum haben die wirklichen Denker nicht so gesprochen?«
Vater Sawelij seufzte tief, legte die Feder hin und trat ans Fenster. Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt und schon fielen einzelne Regentropfen klatschend in den dicken Staub. Das war der Regen, um den Tuberozow am vergangenen Tage gebeten hatte. Der Alte flüsterte entzückte Worte des Dankes und des Lobes und merkte nicht, wie leise Tränen über seine Wangen liefen. Die Regentropfen aber fielen immer dichter und dichter, und endlich war es, als würde oben ein ganz feines Sieb geschüttelt, und die feuchte Kühle spielte erfrischend um den leicht erhitzten Kopf des Priesters. So am Fenster sitzend, das Haupt auf die weißen Hände gestützt, schlief Vater Sawelij ein.
Inzwischen ging der sanfte Regen, den kein Gewitter begleitet hatte, vorüber, die Luft war frisch und rein geworden, der Himmel klar, und im Osten färbte die graue Dämmerung sich silbern, um dem Morgenrot den Weg zu bereiten, dem Morgenrot des Tages, der dem Gedächtnis unseres heiligen Vaters Methodius von Pesnosch geweiht ist, des Tages, dem, wie wir uns erinnern müssen, der Diakon Achilla eine so große Bedeutung zuschrieb.
Sechstes Kapitel.
Der Osten wurde immer heller, und während sich die Sonne im Nebel hinter dem dampfenden Walde wusch, reckten sich die goldenen Pfeile ihrer Strahlen schon in scharfen Strichen über den Horizont. Ein leichter Nebel wallte über dem Flusse auf und kletterte das zerklüftete Ufer entlang; unter der Brücke ballte er sich zusammen und blieb an den schwarzen, nassen Pfählen kleben. Durch diesen Nebel sieht man das Gemüsefeld bläulich schimmern und den weißen Streifen der Landstraße hinüberleuchten. Über allem liegen noch die Schatten des Halbdunkels, und nirgends, weder in den Häusern, noch auf den Plätzen und Straßen, merkt man etwas vom Erwachen.
Aber da, auf dem höchsten Punkte der steilen Hügelseite von Stargorod, über dem schmalen Zickzackweg, der den steinigen Abhang hinab zum Wasser führt, heben sich zart und durchsichtig die Umrisse einer höchst seltsamen Gruppe ab. In dem schwachen Licht, das sie bescheint, wirkt sie ganz phantastisch. In der Mitte steht ein Mann, von dessen Schultern ein langes, im Gürtel leicht geschürztes Gewand bis zur Erde niederwallt. Ganz plötzlich ist diese Gestalt aus dem allmählich dünner werdenden Nebel aufgetaucht und steht unbeweglich, wie ein Gespenst.
Ein abergläubischer Mensch könnte denken, es wäre der Hauskobold von Stargorod, der, ehe die Stadt erwacht, noch ein paar Klageseufzer über ihr anstimmen will.
Aber je heller es wird, desto deutlicher erkennt man, daß es kein Hauskobold, noch sonst ein Geist ist, trotzdem aber auch nicht etwas ganz Alltägliches. Wir sehen jetzt, daß die Figur ihre Hände in die Taschen gesteckt hat. Aus der einen Tasche guckt eine sehr lange Gerte hervor, an deren Ende eine Schleuder oder eine Angelschnur gebunden ist. Aus der anderen hängt an vier Fäden etwas, das wie eine schwere Keule aussieht. Ein leiser Wind erhebt sich, die Oberfläche des schläfrigen Flusses beginnt sich leicht zu kräuseln, ein Zittern fährt durch die Zweige der Birken hinter dem schöngemusterten Gittertor des Domes, und die leeren Falten am weiten Gewande der Gestalt auf dem Berge geraten in Bewegung und enthüllen ein paar dünne Beine in weißen Unterhosen. In demselben Augenblick, wo diese dünnen Beine sichtbar werden, tauchen hinter ihnen plötzlich vier Hände auf, welche zwei anderen Gestalten gehören, die sich mehr im Hintergrunde gehalten hatten. Diese diensteifrigen Hände fassen die wehenden Enden des Gewandes, schlagen sie wieder zusammen und verhüllen aufs neue die dünnen, weißen Beine des Standbildes. Jetzt braucht man nur etwas schärfer hinzusehen, um auch die zwei anderen Gestalten zu erkennen. Rechts zeigt sich eine Frau. Sie fällt vor allem durch die ungeheure Wölbung ihres Leibes auf, über dem sich eine schmale Tunika hoch emporbläht. In der Hand hält sie einen glänzenden Metallschild, in dessen Mitte ein großer Büschel Haare befestigt ist, die soeben erst mit der Haut vom Kopfe des Feindes gelöst zu sein scheinen. Auf der anderen Seite, also zur Linken der hohen Gestalt, zeigt sich ein kurzbeiniger, schwarzer Wilder mit breitem Bart. Unter dem linken Arm hält er etwas wie ein Folterinstrument, und in der Rechten hat er einen blutigen Sack, aus dem zwei Menschenköpfe heraushängen, bleich, haarlos, wohl die unglücklichen Opfer der grausamen Folter. Um diese drei Gestalten scheint der ganze Zauber der nordischen Sage zu wehen. Nun steigt die helle Sonne noch ein wenig höher, und der Sagenzauber löst sich in nichts auf. Die drei stehen noch einen Augenblick da und eilen dann den Hügel hinab. Nachdem sie etwa zehn Schritte gemacht haben, bleiben sie wieder stehen, und der Größte, der vorausging, sagt leise:
»Schau mal, Freund Komar, es ist heut noch nichts von ihnen zu sehen.«
»Ja, es ist nichts zu sehen,« erwidert der schwarzbärtige Komar.
»Sieh besser zu!«
Komar blickt scharf über den Fluß hin:
»Es lohnt gar nicht hinzuschauen, es ist keiner da.«
»Und die Stille in der Stadt, ach du lieber Gott!«
»Das schlafende Königreich,« spricht leise die Gestalt, die den Schild unter dem Arm hält.
»Was sagst du, Felicie?« fragt der Lange, der nicht recht gehört hat.
»Ich melde Ihnen, Woin Wasiljewitsch, daß die Stadt dem schlafenden Königreich gleicht,« antwortet die Frau.
»Ja, dem schlafenden Königreich; aber bald werden sie erwachen. Schau mal hin, Komar, da drüben, scheint mir, platscht eben einer hinein.«
Die Gestalt weist nach der Insel, von der sich ein leichter Dampf erhebt und leise nach der Brücke hin schwebt.
»Ganz recht,« sagt Komar, und seine Blicke verfolgen zwei dünne Kreise auf dem stillen Wasser, die immer breiter werden. Im Mittelpunkt des vorderen Kreises schwankt und dreht sich etwas, das wie ein überreifer gelber Kürbis aussieht.
»Ach, die Kanaille ist wieder zuerst reingesprungen, ohne auf die Obrigkeit zu warten.«
»Der drüben ist auch fertig,« sagt Komar gleichgültig.
»Nicht möglich, -- du lügst, Komar.«
»Sehn Sie doch hin! Da ist er schon dicht am Wasser!«