Part 5
Sie: »Ja, versteht denn deine Frau alles, was dich, als Mann von Verstand, quälen und betrüben kann?«
Ich: »Meine Frau macht mich glücklich und ich liebe sie.«
Sie: »Du liebst sie? Ja, aber du liebst sie mit dem Herzen, und mit den Gedanken deiner Seele bist du doch einsam. Bedaure mich nicht, daß ich so einsam bin: jeder, der in seinem Hause über die Nase seines Bruders hinaussieht, ist einsam mitten unter den Seinigen. Ich habe auch einen Sohn, aber es sind bald drei Jahre, daß ich ihn nicht mehr gesehen habe. Es ist ihm wohl zu langweilig in meiner Gesellschaft.«
Ich: »Wo befindet sich Ihr Herr Sohn?«
Sie: »In Polen. Er ist Regimentskommandeur.«
Ich: »Es ist ein ruhmvolles Werk, die Feinde des Vaterlandes zu bezwingen.«
Sie: »Ich weiß nicht, wieviel Ruhm uns das bringt, daß wir uns mit diesen Polacken immer noch herumschlagen. Meiner Ansicht nach zeugt das nur von unserer Schlamperei.«
Ich: »Wir werden schon fertig, die Zeit kommt noch.«
Sie: »Die kommt nie, weil sie schon vorüber ist. Wir haben immer so dagestanden wie die Schnepfe im Sumpf: der Schnabel ist zu lang, und der Schwanz ist zu lang. Ziehn wir den Schnabel raus, bleibt der Schwanz stecken; ziehn wir den Schwanz raus, steckt der Schnabel drin. Wir schaukeln hin und her, daß alle Narren ihre Freude dran haben: einmal kommen wir den Polen mit der Knute, und das andere Mal küssen wir ihren schlauen Polinnen die Händchen. Es ist eine Sünde und Schande, die Leute so zu verderben.«
»Und doch,« sagte ich, »hält unsere Armee die Polen im Zaum, daß sie uns keinen Schaden zufügen können.«
»Niemanden hält sie im Zaum,« antwortete sie, »und diese Polen wären uns gar nicht gefährlich, wenn wir uns gegenseitig nicht fressen wollten.«
»Dieses Urteil Eurer Exzellenz,« meinte ich, »scheint mir doch etwas zu schroff.«
Sie: »Die Wahrheit ist nie zu schroff.«
»Sie erinnern sich doch gewiß noch des Jahres 1812,« bemerkte ich, »was für eine Einmütigkeit zeigte Rußland damals!«
Sie: »Jawohl, ich erinnere mich sehr gut: ich selbst habe aus diesem Fenster zugesehen, wie unsere Kosaken meine Bauern prügelten und meine Speicher plünderten.«
»Nun,« sagte ich, »so etwas kann ja vorgekommen sein, ich will die Kosaken keineswegs verteidigen, aber wir haben uns trotz allem heldenmütig behauptet gegen den Mann, vor dem ganz Europa im Staube lag.«
Sie: »Ganz recht, weil der liebe Gott und der Frost uns zu Hilfe kamen, haben wir uns behauptet.«
Dieses ebenso verächtliche als ungerechte Urteil machte auf mich einen so unangenehmen Eindruck, daß ich, ohne mein Unbehagen zu verbergen, erwiderte:
»Glauben Exzellenz im Ernst, daß in Rußland einzig der Zufall regiert? Einmal mag's Zufall sein und noch einmal Zufall, aber beim dritten Male lassen Sie doch auch die Weisheit und den Heldenmut der Führer des Volkes gelten.«
»Alles ist Zufall, mein Bester, und in allem, was mit diesem Reiche geschieht, sehe ich neben dem Willen Gottes bisher nichts als Zufälligkeiten. Hätten deine Altgläubigen den langen Peter umgebracht, so säßen wir heute noch auf unserm vielgerühmten Grund und Boden nicht als mächtiger Staat, sondern als so was, wie die Bulgaren in der Türkei, und würden diesen selben Polen die Hände küssen. Eins nur gereicht uns zum Lobe: daß unser so viele sind. Es dauert lang, bis wir einander aufgefressen haben. Das ist uns eine gute Gewähr für die Zukunft.«
»Das ist traurig,« sagte ich.
»Laß dich's nicht bekümmern. Andere Länder bauen auf ihren Ruhm, unseres wird auch durch Schimpf stark. Aber nun haben wir genug geredet, ich bin schon müde geworden. Leb wohl. Und wenn was Schlimmes passiert, komm nur zu mir und beklage dich. Sieh nicht darauf, daß ich solch ein verschrumpfter Pilz bin. Der Pilz steht zwar im Wald, aber man weiß auch in der Stadt von ihm. Und wenn sie über dich herfallen, so freue dich drüber; wärst du ein Kriecher oder ein Dummkopf, so täten sie es nicht, sondern würden dich loben und den andern als Beispiel hinstellen.«
Nachdem sie gesprochen, wandte sie sich zur Zwergin, welche während unseres ganzen Gespräches ein Paket in der Hand hielt, ließ es sich geben, reichte es mir und sagte:
»Bring das in meinem Namen deiner Pfarrerin, es sind Korallen, die ich früher getragen, zwei Stück Stoff zu Kleidern, und Leinwand für den Hausgebrauch. Und für dich hab' ich hier einen Rubinring.«
Dieses Geschenk machte mich bei aller schlichten Herzlichkeit, mit der es überreicht wurde, doch etwas verlegen, und während ich die Korallenketten, die Seidenstoffe und den hell leuchtenden Rubin betrachtete, sagte ich: »Exzellenz, ich bin Ihnen für diese schmeichelhafte Aufmerksamkeit sehr dankbar. Die Sachen sind aber so prächtig, und meine Gattin ist eine ganz schlichte Frau ...«
»Nun,« unterbrach sie mich, »um so besser, wenn du eine einfache Frau hast; wo der Mann und die Frau alle beide die Hosen anhaben, da kommt nichts Gescheites heraus. Es ist immer das beste, wenn die Frau ihren Weiberrock anbehält, -- also mag sie sich aus dem da ein paar Röcke nähen.«
Hiermit war unser Gespräch beendet und ich muß gestehen, diese Frau erfüllte mich mit großer Bewunderung. Was mich aber am meisten wundert, das ist meine Unsicherheit ihr gegenüber. Woher kam es, daß mir die Zunge am Gaumen kleben blieb, als wenn ich etwas zu fürchten hätte? Und wenn ich dann zu reden versuchte, so kam alles so armselig heraus. Sie aber lenkte das Gespräch ganz nach ihrer Laune, und gab ich mir Mühe, recht klug zu scheinen, damit ihre Enttäuschung nicht gar so groß sei, so achtete sie gar nicht darauf. Ihre Worte kamen scheinbar ganz unvorbereitet, sie schien's auf eine Prüfung meines Verstandes nicht abgesehen zu haben, -- und doch kann ich sie nicht vergessen! Worin liegt diese ihre Gewalt? Ich glaube, in jener feinen Weltbildung, welche unsere geistlichen Erzieher verachten, ohne zu bedenken, daß sie uns dadurch der so sehr notwendigen Findigkeit und Gewandtheit im Verkehr mit Menschen der großen Welt berauben.
Aber dieser Tag sollte damit noch nicht schließen. Es kam noch ein seltsames Erlebnis. Kaum hatte ich mich an der Freude meiner biedern Natascha über die Geschenke geweidet, da packte auch dieser ehrenwerte Zwerg Nikolai Afanasjewitsch seine Gaben aus. Zuerst überreichte er mir ein Paar gestrickte baumwollene Hosenträger, weiß mit roter Borte, und meiner Gattin ein Kopftüchlein aus zarter Kaninchenwolle. Während ich noch über die Seltsamkeit dieser neuen unerwarteten Gaben staunte, entnahm er seiner Tasche ein Paar wollener Strümpfe für unsere Dienstmagd Axinia, die eben den Samowar brachte. »Was ist denn das für ein Schenktag!« rief ich unwillkürlich aus, und wagte nicht, den Geber durch eine Ablehnung zu kränken. Er antwortete mir, es seien alles Arbeiten seiner eigenen Hand. »Da ich, dank meiner Wohltäterin, nicht zu arbeiten brauche und nichts anderes gelernt habe, so beschäftige ich mich immer mit Stricken, um nicht müßig zu sein und die Freude zu haben, diesem und jenem etwas von meinen Erzeugnissen zu schenken.« Diese Herzenseinfalt gefiel mir so, daß ich den kleinen Mann umarmte und ihn mit Küssen fast erstickte.
Werde ich meinen heutigen Bericht überhaupt je zu Ende bringen? Mit dem Weggang des Dieners der Bojarin Plodomasowa nahmen die Wunder des Tages immer noch kein Ende; denn als Axinia die Türe des Vorzimmers für die Nacht schließen wollte, entdeckte sie, daß am Kleiderständer etwas hing, was nicht uns zu gehören schien, und als Natascha und ich auf ihren Ruf hinauskamen, fanden wir: erstens einen dunkelbraunen Leibrock aus französischem ~Gras-de-Naples~-Stoff, zweitens einen reichgestickten Kammgarn-Gürtel mit purpurroten Bändern, drittens eine Kutte aus kostbarem, grünem, unzerschnittenem Sammet, und viertens, in ein langes Stück Kaliko gewickelt, ein vollständiges Meßgewand.
Wir waren alle ganz verblüfft über diesen Fund und wußten nicht, wie wir uns seine Herkunft erklären sollten. Da bemerkte Axinia als erste ein Kärtchen am Knopf des Kragens der Kutte befestigt, auf dem mit runder Schrift, sozusagen ägyptischen Stils, geschrieben stand: »Gedenke, mein Freund Vater Sawelij, in deinen Gebeten der Magd Gottes Marfa.« Wir wußten uns vor Erstaunen nicht zu lassen, aber was war zu tun? Indem wir das neue Meßgewand auf dem Tisch ausbreiteten, erlebten wir eine neue Überraschung. Als Natascha das Schultertuch auseinanderfaltet, fällt ein versiegeltes Kuvert mit meiner Adresse heraus, welches fünfhundert Rubel und einen winzigkleinen Zettel enthält, auf dem von derselben Hand geschrieben steht: »Damit das Los deiner Familie im Fall eines Unglücks dich nicht beunruhige, wenn du vor dem Altar stehst, kaufe dir eine Kate und pflanze Kürbisse an. Dann wirst du ungestörter an den Ausbau des Gottesreiches denken können.«
Wofür wird mir das zuteil? Warum denkt sie nicht so, wie der Konsistorialsekretär und der Schließer, daß es leichter sei, am Reiche Gottes zu bauen, wenn man nichts habe, auf dem man sein Haupt hinlege?
Nun ist auch der Pope Sawelij nicht mehr heimatlos! Jetzt soll auch er sein Hüttlein haben. Aber ach! Es muß gesagt werden, dem Zufall verdankt er das!«
»6. Dezember. Gestern brachte ich das von der Gutsherrin geschenkte Meßgewand in die Sakristei und heute amtierte ich darin. Es paßt mir ausgezeichnet. Sonst, wenn ich die Gewänder meines verstorbenen Vorgängers anlegen mußte, der von sehr kleiner Statur war, erschien ich langer Kerl nicht in aller Herrlichkeit der Kirche, sondern sah aus wie ein Sperling, dem man die Schwanzfedern ausgezupft hatte.«
»9. Dezember. Sonderbar! Der Propst zieht mir ein schiefes Gesicht, aber da ich mir keiner Schuld ihm gegenüber bewußt bin, bin ich ganz ruhig.«
»12. Dezember. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen mir und dem Propst. Weswegen? Wegen des Plodomasowschen Meßgewandes: es sei nicht in der vorschriftsmäßigen Weise nach der Kirche geschaffen worden, -- und dann fügte er noch hinzu, es »gingen allerlei Gerüchte, daß Ihr noch etwas von ihr erhalten hättet«. Soll das etwa heißen, daß ich nicht alles, was der Kirche zukommt, abgeliefert habe, sondern etwas davon gestohlen habe?«
»1. Januar. Segne das neue Jahr mit deiner Gnade, Herr, und den Popen Sawelij zu seiner neuen Fahrt in die Gouvernementsstadt. Ich glaube, daß vor diesen Widersachern auch kein Weihwasser schützt.«
»20. Januar. Diese Zeilen schreibe ich in der schmutzigsten Kammer des bischöflichen Hofes, im Seminarflügel. Dem Gouverneur ist mitgeteilt worden, daß mein Subdiakon Lukian den Schismatikern eines ihrer alten Psalmenbücher zurückgegeben hat, welches mit den andern bei der Aufhebung der Dejewschen Kapelle konfiszierten Büchern bei mir in Verwahrung war. Die Begebenheit ist wahr, ich hatte sie aber verheimlicht, erstens weil sie mir unwichtig dünkte, zweitens, weil ich den wahren Grund kannte: die Armut, die den Subdiakon Lukian soweit gebracht hatte. Aber diese Bagatelle wird mir nun als furchtbares Verbrechen angerechnet, ich bin unter Aufsicht gestellt und in die Seminarbrauerei geschickt worden, um Kwas zu brauen.«
»9. April. Ich habe meine Zeit abgebüßt und bin zum häuslichen Herde zurückgekehrt. Tief rührten mich die Tränen meiner Frau, die sich bitter um mich gehärmt hat, aber noch mehr rührten mich die Tränen der Frau des Subdiakon Lukian. Von sich schwieg die gute Frau ganz und dankte nur mir, daß ich für ihren Mann gelitten. Den Lukian selbst hat man in ein entferntes Kloster verbannt, allerdings nur für ein Jahr. Die Frist ist so kurz, daß die Seinen nicht umzukommen brauchen, auch wenn sie nichts zu essen bekommen. Sie kommen so dem lieben Gott näher, wie die Herrn im Konsistorium behaupten.«
»20. April. Der liebenswürdige Zwerg war wieder hier und teilte mir mit, Marfa Andrejewna hätte angeordnet, daß ich alljährlich dreimal -- zu St. Nikolai im Sommer, im Winter und zu Epiphanias -- aufgefordert werde, in der Kirche von Plodomasowo die Messe zu zelebrieren, wofür mir durch den Verwalter ein Gehalt von 150 Rubel, also 50 Rubel für jede Messe, abgezahlt werden solle. O diese Zufälle! Weiß Gott, ich werde bald anfangen, sie zu fürchten.«
»15. August. Der Glöckner Jewticheitsch ist aus der Gouvernementsstadt zurückgekehrt und hat erzählt, zwischen dem Bischof und dem Gouverneur sei ein Zwist wegen einer gegenseitigen Visite ausgebrochen.«
»2. Oktober. Das Gerücht vom Visitenstreit bestätigt sich. Der Gouverneur hat, wenn er an Staatsfeiertagen dem Gottesdienst im Dom beiwohnt, die Gewohnheit, sich dabei laut zu unterhalten. Da beschloß der Bischof, ihm dies abzugewöhnen und schickte seinen Stabträger zu seiner Exzellenz mit der Bitte, dieselben wollten sich doch anständiger betragen. Der Gouverneur nahm die Botschaft mit sehr hochfahrender Miene entgegen und fing nach kurzer Zeit wieder an, laut mit dem Gendarmenoberst zu sprechen. Diesmal aber unterbrach der Bischof die Liturgie und sagte vernehmlich: »Gut, Exzellenz, ich werde warten. Wenn Sie fertig sind, fahre ich fort.« Ich kann diese Handlungsweise des Bischofs nur billigen.«
»8. November. Ich habe das Epigonation erhalten. Ich weiß nicht, wie ich zu dieser Auszeichnung komme. Soll ich es etwa dem Visitenstreit zuschreiben und dem Umstande, daß der Gouverneur mir nicht grün ist?«
»6. Januar 1837. Wieder eine Neuigkeit! Der Bischof hat zu Neujahr die Tochter des Gouverneurs zurückgewiesen, als sie in Handschuhen zu ihm hintrat, um den Segen zu empfangen. »Zieh erst das Hundefell von deiner Hand,« sagte er ihr.«
»17. März. Der Oberpfarrer von der Epiphaniaskirche kam nachts mit dem Venerabile von einem Kranken und wurde von einer Patrouille auf die Polizeiwache gebracht, -- angeblich weil er betrunken war. Am nächsten Tage machte ihm der Bischof einen Besuch im vollen Ornat. O du polackischer Kanzleivorsteher, dieses Stücklein kann dir teuer zu stehen kommen!«
»18. Mai. Der Bischof ist in eine andere Diözese versetzt worden.«
»16. August. Ich war beim neuen Bischof. Er scheint ein verständiger und charakterfester Mann zu sein. Wir sprachen über die Lage der Geistlichkeit und er befahl mir, einen Bericht darüber aufzusetzen. Er sagte, ich wäre ihm von seinem Vorgänger aufs beste empfohlen worden. Dank dir, armer, schmählich geschlagener Alter, für dein gutes Wort!«
»25. Dezember. Ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, wozu ich geboren und berufen bin. Meine Pfarrerin macht mir Vorwürfe, daß ich sogar am heutigen Weihnachtstage arbeite, aber es gibt für mich kein schöneres Vergnügen als diese Arbeit. Ich schreibe meinen Bericht über die Lage der Geistlichkeit mit einer Freude und einer Liebe, die ich gar nicht auszudrücken vermag. Betitelt habe ich die Schrift: »Über die Lage der orthodoxen Geistlichkeit und über die Mittel, durch welche sie zum Nutzen der Kirche und des Staates gebessert werden könnte.« Ich glaube, es ist gut so. Nie noch habe ich mich so glücklich und so stolz gefühlt, so gütig und so reich an Kraft und Verstand.«
»1. April. Mein Bericht ist dem Bischof eingereicht. Meine Pfarrerin meinte, ich hätte es heute nicht tun sollen; denn der erste April sei ein trügerischer Tag. Wollen sehen.«
»10. August. Ich bin Oberpfarrer geworden.«
»4. Januar 1839. Heute kam ein Schreiben aus dem Konsistorium und mein ahnungsvolles Herz schlug freudig, -- aber es bezog sich nicht auf meinen Bericht, sondern meldete nur, daß mir das Brustkreuz verliehen sei. Vielen, vielen Dank. Aber das Schicksal meines Berichts bekümmert mich doch.«
»8. April. Ich bin zum Propst ernannt. Von meinem Bericht ist immer noch nichts zu hören. Ich weiß nicht, wie man diese Posaunen zum Tönen bringen soll.«
»10. April 1840. Nun bin ich schon ein Jahr Propst. Von meinem Bericht ist immer noch nichts zu vernehmen. Der Aberglaube der Pfarrerin ist doch nicht so unvernünftig. Heute machte sie mich wieder lachen: sie meinte, ich hätte meine Sache vielleicht sehr gut geschrieben, aber nicht richtig unterschrieben.«
»20. Juni 1841. Ich ging trocken mitten durch das Meer und ward gerettet von der Ägypter Bosheit, darum will ich lobsingen dem Herrn, solange ich lebe ... Was hat sich mit mir begeben? Was habe ich erdulden müssen und wie bin ich nach alledem wieder an Gottes Tageslicht gekommen? Neugierig bin ich, was du wohl tun magst, du Dichter von Fabeln, Balladen, Erzählungen und Romanen, wenn du in dem Leben, das dich umgibt, keine Fäden zu entdecken behauptest, die es wert wären, in deine vergnüglich zu lesende Fabel geflochten zu werden? Oder kümmert dich, der du der Menschen Sitten zu bessern dich vermissest, jenes wirkliche Leben gar nicht, das die Erdenmenschen leben, sondern suchest du nur nach einem Vorwand zu leerem Geschwätz? Ist dir bekannt, was für ein Leben ein russischer Pope führt; dieser »unnütze Mensch«, den man deiner Meinung nach vielleicht unnötigerweise herbeirief, deinen Eintritt ins Leben zu begrüßen, und den man abermals -- auch wider deinen Willen -- rufen wird, daß er dich zum Grabe geleite? Weißt du, daß das elende Leben dieses Popen nicht arm ist, sondern überreich an Nöten und Abenteuern, -- oder meinst du, daß seinem Weihrauchherzen edle Leidenschaften fremd sind und daß es keine Schmerzen empfindet? Oder willst du von deiner Dichterhöhe mich, den Popen, deiner Aufmerksamkeit überhaupt nicht würdigen? Oder wähnst du, meine Zeit sei schon vorbei, und das Land, das dich und mich geboren und aufgezogen, brauche mich nicht mehr? O du Blinder, sage ich, wenn du das erste denkst; o du Narr, sage ich, wenn du das zweite denkst und dich bemühst, nicht mich aufzurichten und zu beleben, sondern einen Stein auf mich zu wälzen und des Erstickenden zu spotten.
Aber ich wende mich vom Philosophieren zu jener Begebenheit, die mich philosophieren gemacht hat.
Ich bin nicht mehr Propst und hätte fast auch mein Priesteramt verloren. Wofür? Dafür! Ich will die ganze Geschichte ausführlich erzählen. Im März dieses Jahres besuchte der Gouverneur auf der Durchreise unsere Stadt, aus welchem Anlaß der Adelsmarschall ein Fest gab. Ich benutzte diese Gelegenheit, um mich beim Gouverneur über die Gutsherren zu beschweren, welche ihre Bauern mit Arbeiten auch an Sonntagen und sogar an den zwölf großen Festtagen überhäufen, so daß das arme Volk noch ärmer wird, denn in vielen Dörfern ist jetzt weder Roggen noch Hafer zu finden. ... Kaum aber hatte ich dieses Wort »Hafer« ausgesprochen, als der hohe Herr in heftigen Zorn geriet, von mir abrückte, als wäre ich ein giftiges Tier, und schrie: »Was kommt Ihr mir mit Eurem Hafer auf den Hals?« Und dann ging es los: ich bin dies und das und jenes, -- und zuletzt: »Ich bin doch nicht der heilige Nikolaus, ich handle nicht mit Hafer!« Das konnte ich nicht dulden und erwiderte: »Ich muß Eure Exzellenz, als eine mit den Glaubenslehren wenig bekannte Persönlichkeit, vor allem darauf aufmerksam machen, daß St. Nikolaus Bischof war und keinerlei Handel trieb. Ferner aber müßten Sie wissen, daß unser rechtgläubiges Volk der Priester und Diakonen bedarf, denn das ist bisher das Einzige, was wir noch nicht von den Deutschen übernommen haben.« Der Gouverneur lachte boshaft und sagte: »Nur keine Furcht, Herr Pfarrer, wenn der Pfuhl erst da ist, kommen die Teufel von selbst.« Diese letzte Rede war für mich bitterer als die erste. Wer sind diese Teufel, und was meint dein Schandmaul mit dem Pfuhl? So dachte ich im Zorne und konnte nicht stillschweigen, sondern sagte zu dem Herrn, daß ich aus Achtung vor meinem Amte ihn auch diesmal nicht als Teufel bezeichnen wolle. Und was war die Folge? Heute bin ich Propst +gewesen+, und ich danke dir, Herr, mein Gott, daß ich nicht auch des Priesteramtes beraubt und exkommuniziert bin. Nein, solche Dinge mögt ihr modernen Geschichtenschreiber nicht behandeln. Ihr denkt nicht daran, den Leuten zu erzählen, wie schwer mir ums Herz ist.«
»3. September. Das Herbstwetter stimmt mich unsagbar trübe. Ich war gewohnt, immer in Tätigkeit zu sein, und nun quält mich das Nichtstun. Ich treibe die Torheit schon so weit, daß ich oft insgeheim, wenn meine Gattin es nicht sehen kann, still für mich weine.«
»27. Januar 1842. Ich habe mir bei einem Juden für sieben Rubel eine Spieldose und ein Damespiel gekauft.«
»18. Mai. Ich habe mir einen Zeisig angeschafft und lehre ihn zur Spieldose singen.«
»2. März 1845. Drei Jahre sind vergangen, ohne daß sich in meinem Leben etwas geändert hätte. Ich habe mein Haus bestellt und in den Kirchenvätern und Geschichtschreibern gelesen. Zu zwei Schlüssen bin ich gekommen und möchte sie gerne beide für falsch halten. Der erste ist, daß das Christentum in Rußland überhaupt noch gar nicht gepredigt worden ist, und der zweite, daß die Ereignisse sich wiederholen und man sie voraussagen kann. Über den ersten Schluß redete ich einmal mit meinem sehr verständigen Amtsbruder, dem Vater Nikolaus, und war sehr erstaunt, wie er das aufnahm und mir beistimmte. »Ja,« sagte er, »das ist unbestreitbar, wir werden in Jesu Namen getauft, aber wir nehmen Jesum nicht in uns auf.« Also bin ich es nicht allein, der das sieht, andere sehen es auch. Warum erscheint es aber ihnen allen nur lächerlich, während es mich bis aufs Blut peinigt.«
»Neujahr 1846. Es sind mehrere Polen zu uns in die Verbannung geschickt. Über das Schicksal meines Berichts ist mir noch immer nichts bekannt. Ich interessiere mich lebhaft für die politischen Wirren, die im Westen im Anzuge sind und habe in Anbetracht dessen eine politische Zeitung abonniert.«
»6. Mai 1847. Es sind noch zwei neue Polen zu uns gekommen, der Pater Aloysius Konarkiewicz und Pan Ignacij Czemernicki. Letzterer ist noch ein ganz junger Mann, aber bereits eine komplette Kanaille. Unsere Stadthauptmannsfrau, die ja selber Polin ist, hat sich mit einem ganzen Schwarm von Landsleuten umgeben und begünstigt letzteren vor allen anderen.«
»20. November. Ich bemerke etwas ganz Erstaunliches und Unbegreifliches. Die Polen werfen sich bei uns geradezu zu Herren auf. Man kann durch sie bei der Gouvernementsverwaltung alles erreichen, denn der Czemernicki erweist sich als intimer Freund jenes Kanzleivorstehers, den ich in so guter Erinnerung habe.«
»5. Februar 1848. Was ich mein Lebtag nicht hatte tun wollen, habe ich jetzt getan. Ich habe mich über die Polen beschwert, denn ihr Benehmen übersteigt jegliches Maß. Nicht genug, daß sie sich seit langem schon öffentlich über die Zeitungsmeldungen lustig machen und behaupten, es sei gar nicht so, wie die Blätter berichteten, sondern gerade umgekehrt: nicht wir schlügen die Feinde, sondern wir würden geschlagen, -- sie gehen auch schon von bloßen Worten zu Taten über. Bei der Totenmesse für die gefallenen Krieger erhoben sie mit der Stadthauptmannsfrau ein derart unziemliches Gelächter, daß der Oberpfarrer einen Kirchendiener zu ihnen schickte mit der Bitte, sich entweder ruhig zu verhalten oder die Kirche zu verlassen, worauf sie lächelnd hinausgingen. Und als wir mit dem Klerus nach Beendigung des Gottesdienstes am Kolonialwarenladen der Gebrüder Lialin vorübergingen, trat einer von den Polen mit einem Glase Punsch in der Hand vor die Tür und rief, die Stimme des Diakons nachahmend: »Mir noch 'nen Heißen!« Ich begriff, daß es eine Verspottung des »Kyrie eleison« sein sollte, und habe es in meiner Beschwerde auch so erwähnt.«
»1. April. Abends. Meine Beschwerde über das Benehmen der Polen hat, so scheint es, wenn auch spät, doch eine gewisse Wirkung gehabt. Heute früh kam der Chef der Gendarmen in die Stadt und berief mich zu sich und fragte mich lange nach allen Einzelheiten. Ich erzählte ihm, wie es gewesen, und er teilte mir mit, daß all diesen polnischen Gemeinheiten bald ein Ende gemacht werden solle. Ich fürchte nur, daß alles dies wieder mal, recht zum Possen, am ersten April gesagt sein wird. Ich fange an zu glauben, daß dieser Tag wirklich ein trügerischer Tag ist.«
»7. September. Der erste April scheint diesmal doch nicht getrogen zu haben. Konarkiewicz und Czemernicki sind beide in die Gouvernementsstadt versetzt worden.«