Part 3
Die Pröpstin erhebt sich, zündet zwei Kerzen an und blickt bei ihrem Scheine den eintretenden Gatten scharf an. Der Propst küßt die Frau leise auf die Stirn, nimmt die Kutte ab, zieht den weißen Schlafrock über, bindet das rote Seidentuch um den Hals und setzt sich ans Fenster. Die Pröpstin hat alles vergessen, was ihr eben noch der Diakon vorgeredet, und fragt den Gatten gar nicht danach. Sie geleitet ihn in das kleine längliche Nebenzimmer, das ihr als Schlafzimmer dient und wo sie jetzt den Abendimbiß für den Vater Sawelij bereitgestellt hat. Vater Sawelij setzt sich an den kleinen Tisch, verzehrt die zwei weichgekochten Eier, spricht sein Dankgebet und wendet sich dann seiner Frau zu, um ihr Gute Nacht zu sagen. Die Pröpstin selbst ißt abends nie etwas. Sie sitzt ihrem Gatten gegenüber und leistet ihm allerhand kleine Dienste, indem sie ihm bald etwas reicht, bald etwas fortträgt. Dann erheben sich beide, beten vor dem Heiligenbild und beginnen unmittelbar darauf, sich gegenseitig zu bekreuzigen. Diesen Abendsegen erteilen sie einander immer zu gleicher Zeit und mit solcher Gewandtheit und Geschwindigkeit, daß man sich nur wundern kann, wie ihre hin- und herwirbelnden Hände kein einziges Mal gegeneinander stoßen oder aneinander hängen bleiben.
Hierauf wechseln die Gatten den Abschiedskuß, wobei der Propst seiner kleinen Frau die Stirne, sie ihm aber das Herz küßt. Dann trennen sie sich. Der Propst geht in sein Wohnzimmer, um sich niederzulegen.
Aber heute konnte der Alte keine Ruhe finden. Schon war eine Stunde vergangen, und immer noch ging er auf und ab in seinem weißen Pikeeschlafrock, mit dem roten Seidentuch um den Hals. Endlich trat er an einen kleinen roten Schrank, der auf einer hohen Kommode mit abgezogener Platte stand. Aus diesem Schränkchen nahm er ein in dicken blauen Demi-Coton mit gelbem Juchtenrücken gebundenes Exemplar des »Kalenders« des Eugenios, legte das Buch auf den ovalen Tisch, der vor seinem Bette stand, zündete zwei Sparkerzen an und horchte auf: es schien, als ob seine Frau noch nicht schliefe. So war es auch.
»Willst du noch lesen?« fragte in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer die sanfte, besorgte Stimme der Pröpstin.
»Ja, liebe Natascha, ich will noch ein wenig lesen,« antwortete Vater Tuberozow. »Du aber tu mir den Gefallen und schlafe --«
»Gewiß werde ich schlafen, gewiß, mein Lieber,« erwiderte die Pröpstin.
»Ja, ich bitte dich, schlafe.« ... Und mit diesen Worten setzte der Propst eine große silberne Brille auf seine stolze römische Nase und begann langsam in seinem blauen Buch zu blättern. Er las nicht, sondern blätterte nur, und dabei interessierte ihn nicht das, was in dem Buch gedruckt stand, sondern die von seiner eigenen Hand beschriebenen Einschaltblätter. Diese Notizen waren zu verschiedenen Zeiten gemacht und weckten in dem alten Priester eine ganze Welt von Erinnerungen, zu denen er hin und wieder gern zurückkehrte.
Da wir nun zwischen den Propst Sawelij und seine Vergangenheit geraten sind, wollen wir auch still und ehrfürchtig dem leisen Flüstern der Greisenlippen lauschen, das durch die dumpfe Stille der Mitternacht dringt.
Fünftes Kapitel.
Das Demi-Cotonbuch des Propstes Tuberozow.
Tuberozow betrachtete seinen Kalender von dem ersten Einschaltblatte an, auf dem zu lesen stand: »Nachdem ich am 4. Februar 1831 durch den Hochwürdigen Gawriil die Priesterweihe empfangen, erhielt ich von ihm dieses Buch als Belohnung für meine guten wissenschaftlichen Leistungen im Seminar und mein gutes Betragen.« Auf diese erste Notiz, die am ersten Tage nach der Ordination gemacht war, folgte als zweite: »Zum erstenmal im Dom gepredigt, nachdem der Bischof die Messe gehalten. Zum Thema der Predigt hatte ich das Gleichnis von den Söhnen des Weinbergsbesitzers genommen. Der eine sprach: ich gehe nicht, -- und ging doch, der andere aber sprach: ich gehe, -- und ging nicht. Ich bezog dieses auf die guten Handlungen und die guten Vorsätze, wobei ich mir einige Anspielungen auf die Beamten erlaubte, die ihren Diensteid ablegen und dann nicht einhalten. Dabei wies ich auch ganz vorsichtig auf die Machthaber und Vorgesetzten hin. Ich sprach fließend und weniger feierlich als natürlich. Seine Eminenz belobten diesen meinen Versuch. Aber später riefen Seine Eminenz mich zu sich und bemerkten nach einem allgemeinen Lobe meiner Rede im besonderen, daß ich mich hüten solle, in meinen Predigten direkt auf die Wirklichkeit hinzuweisen, vor allem aber die Herren Beamten aus dem Spiele lassen, denn je weiter man sie sich vom Leibe halte, desto gottwohlgefälliger sei das. Für das aber, was ich schon gesagt hatte, machte er mir keine Vorwürfe, sondern schien es sogar zu billigen.«
»1832 am 18. Dezember wurde ich zum Bischof gerufen und erhielt eine Ernennung nach Stargorod, wo das Schisma sehr stark sein soll. Ich erhielt die Weisung, ihm auf jede Art entgegenzuwirken.«
»1833 am 8. Februar fuhr ich mit meiner Gattin aus dem Dorfe Blagoduchowo nach Stargorod und gelangte am 12. zur Frühmesse daselbst an. Unterwegs wären wir fast von Wölfen gefressen worden. In der Gemeinde fand ich viel Unordnung vor. Die Altgläubigen sind im Besitz großer Macht. Nachdem ich mich etwas umgeschaut hatte, sah ich, daß der Kampf gegen das Schisma nach den konsistorialen Vorschriften wenig Wert hat. Ich schrieb das ans Konsistorium und erhielt einen Verweis.«
Der Propst überschlug ein paar Eintragungen und blieb dann wieder bei der folgenden stehen: »Nachdem ich einen Verweis für Untätigkeit erhalten, die man daraus zu ersehen meint, daß ich nicht mit reichlichen Denunziationen aufwarte, suchte ich mich zu rechtfertigen, indem ich darauf hinwies, daß die Schismatiker nichts anderes täten, als was man schon längst von ihnen wisse, und fügte diesem Bericht noch hinzu, daß vor allem der orthodoxe Klerus in äußerster Armut lebe, und infolgedessen, in Anbetracht der Schwäche der menschlichen Natur, gegen Bestechung nicht unempfindlich sei und sogar selber der Ketzerei Vorschub leiste, gleich anderen Verteidigern der Orthodoxie, indem er Spenden von den Ketzern annehme. Ich schloß damit, daß man mit der Befreiung der Geistlichkeit aus ihrer schweren Abhängigkeit beginnen müsse, wenn man die Schäden der Kirche heilen wolle. Für selbigen Versuch erhielt ich abermals einen Verweis und wurde zu einer persönlichen Aussprache zitiert, bei der ich ein »unehrerbietiger Ham« genannt wurde, der »die Blöße seines Vaters aufdeckt«.«
Etwas weiter, nach einigen anderen Notizen, stand zu lesen: »Ich war in Geschäften in der Gouvernementsstadt, und als ich mich dem Bischof vorstellte, berichtete ich ihm persönlich von der Armut des Klerus. Seine Eminenz zeigten sich sehr gerührt, aber sie bemerkten, daß auch unser Herr selber nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegen sollte, und doch nicht müde ward zu lehren. Er riet mir, ich solle den Klerikern das Buch ›Von der Nachfolge Christi‹ zur Lektüre empfehlen. Darauf erwiderte ich Seiner Eminenz nichts, und es wäre auch unnütz gewesen, denn bei unserer Armut können wir dieses Buch gar nicht beschaffen.
Höchst politisch brachte ich bei der Abendtafel beim Vater Schließer von der Domkirche das Gespräch nochmals auf diesen Gegenstand. An der Tafel nahmen noch der Vater Propst und der Konsistorialsekretär teil. Aber sie zogen meine Worte ins Scherzhafte. Der Sekretär sagte spöttisch, daß der Arme leichter ins Himmelreich komme, -- was wir auch ohne Seine Wohlgeboren schon wußten, der Vater Schließer aber erzählte bei dieser Gelegenheit eine nicht üble Anekdote von einem Studenten der Akademie, der später ein berühmter Gottesmann und Prediger wurde. Dieser hätte nämlich noch als Laie auf die Frage des Bischofs, ob er irgend Vermögen besitze, geantwortet:
»Freilich besitze ich welches, Eminenz.«
»Bewegliches oder unbewegliches?« fragte dieser, worauf jener erwiderte:
»Sowohl bewegliches, wie unbewegliches.«
»Was besitzest du denn an beweglichem Gut?« fragte abermals der Bischof, indem er des Jünglings ärmliches Gewand betrachtete.
»An beweglichem Gut besitze ich ein Haus im Dorf,« antwortete der Befragte.
»Wie kann denn ein Haus als bewegliches Gut gelten? Bedenke, wie dumm deine Antwort ist.«
Jener aber, nicht im geringsten verlegen, entgegnete, seine Antwort wäre ganz richtig, denn sein Haus sei solcher Art, daß, sobald der Wind es anblase, es in heftige Bewegung gerate.
Dem Bischof erschien diese Antwort so eigenartig, daß er den Studiosus nicht mehr für einen Dummkopf zu halten vermochte, sondern höchst interessiert weiterfragte:
»Was nennst du denn dein unbewegliches Gut?«
»Mein unbewegliches Gut,« sprach der Student, »ist meine Mutter, die Küstersfrau, und unsere braune Kuh, die beide ihre Füße nicht bewegen konnten, als ich die Heimat verließ, die Mutter vor Altersschwäche, die Kuh wegen Futtermangels.«
Alle lachten sehr darüber, obgleich ich an der Geschichte mehr Trauriges und Tragisches fand als Komisches. Ich beginne, bei allen eine große Lachlust und einen Leichtsinn zu bemerken, wovon ich wenig Gutes erwarte.
Mein Leben geht in Schlafen und Essen dahin. Das Schisma kann ich auf keine Weise bekämpfen, denn ich bin in allem gebunden, sowohl durch meinen halbverhungerten Klerus, als durch den allzu satten Polizeichef. Es empört mich, daß ich gleichsam zum Spott als Missionar hierher gesandt bin. Ich soll predigen -- und keiner will mich hören; ich soll lehren -- und keiner will lernen. Der Polizeichef predigt viel besser als ich, denn er hat so ein gewisses Missionsinstrument mit zwei Enden, -- von mir aber verlangt man Denunziationen. Eminenz! Was sollen diese Denunziationen, was soll in sie eingewickelt werden? Mir verbietet, soweit ich die Sache verstehe, mein Amt, dergleichen zu schreiben. Lieber will ich, wenn es nötig ist, reines Papier hergeben ...«
»Heute morgen, am 18. März 1836, deutete meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna an, daß sie sich gesegneten Leibes fühle. O Herr, schenke uns diese Freude! Zu erwarten Ende November.«
»Am 9. Mai, dem Tage des heiligen Nikolaus, wurde auf obrigkeitlichen Befehl die altgläubige Kapelle in Dejewo zerstört. Es war ein schauerliches, unwürdiges und wahrhaft empörendes Schauspiel. Zu allem andern riß noch das Eisenkreuz von der Kuppel ab und blieb an den Ketten hängen. Als die Zerstörer mit ihren Feuerhaken es voller Erbitterung ganz herabzuzerren sich bemühten, stürzte es plötzlich herunter und zerschmetterte einem Feuerwehrsoldaten den Schädel, daß er tot liegen blieb. Er war ein Jude. O wie weh tat es mir, das alles mit ansehen zu müssen! Herr, mein Gott! Sie sollten doch wenigstens keine Juden beauftragen, das Kreuz herabzureißen! Abends versammelte sich das Volk auf der Trümmerstätte und ihre und unsere Geistlichkeit kam auch hin, und alle haben wir geweint und zuletzt fielen wir uns in die Arme.«
»10. Mai. Die Obrigkeit hat einen großen Fehler begangen. Kurz vor Mitternacht verbreitete sich das Gerücht, das Volk habe eine heilige Lampe auf die Steine gestellt und halte eine Gebetsversammlung beim zerstörten Gotteshaus ab. Wir gingen alle hinaus und fanden die Leute wirklich beim Gebet. Ein alter Mann hielt die Lampe in der Hand und sie erlosch nicht. Der Stadthauptmann gab leise Befehl, die Feuerspritzen heranzufahren und die Menge mit Wasser zu begießen. Das war höchst unbedacht, ich kann sogar sagen: dumm -- denn das Volk zündete Kerzen an und ging heim. Dabei sang es vom »grausamen Pharao« und rief: »Der Herr hilft dem verfolgten Glauben und der Wind verlöscht die Lichter nicht!« Ich machte den Stadthauptmann darauf aufmerksam, wie unvorsichtig seine Verordnung gewesen, die Kapelle zu zerstören, das Kreuz herabzureißen und das Marienbild fortzuschaffen. Aber was kümmert er sich drum?«
»12. Mai. Die Eitelkeit hat mich übermannt: ich habe mir von der Wirtschafterin der Frau Adelsmarschall zwei seidene Kleider der Gnädigen auf Kredit geben lassen und habe sie in die Stadt zum Färben geschickt. Daraus will ich mir dann eine seidene Kutte machen lassen. Es geht nicht anders, man muß sich akkurat kleiden. Ich komme allmählich in alle adeligen Häuser, und ich will nicht über die Achsel angesehen werden.«
»17. Mai. Die Pfarrerin Natalia Nikolajewna deutete heute an, daß sie sich betreffs ihres Zustandes getäuscht habe.«
»20. Juni. Auf einen Bericht des Stadthauptmanns, daß ich zu Ostern nicht auch in die Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuze gegangen, wurde ich wieder nach der Gouvernementsstadt zitiert. Ich legte die ganze Sache dem Bischof eingehend dar. Nicht aus Fahrlässigkeit hätte ich die Häuser der Altgläubigen gemieden, denn auch meine Tasche hätte ja davon Schaden gehabt. Ich tat es, um die Schismatiker fühlen zu lassen, daß ihnen die Ehre nicht gebühre, von mir und dem gesamten Klerus besucht zu werden. Der Bischof wurde nachdenklich und ließ sodann diese meine Erklärung gelten. Allein nicht umsonst sagt das Volk, daß, wenn der Zar auch gnädig sei, sein Hundejunge es noch nicht zu sein brauche. Weil die Sache meiner unterlassenen Amtshandlung zum Teil auch die weltliche Obrigkeit angeht, schickte der Bischof mich zum Gouverneur, damit ich ihm eine Erklärung in der hochwichtigen Angelegenheit abgebe ... War das eine Erklärung! ... Wehe mir armen Sünder, was ich auszustehen hatte! Wehe auch euch, ihr meine Nächsten, meine Brüder, Vertrauten und Freunde, ob der Schmach und Erniedrigung, die ich von diesem kurzschwänzigen Glaubensfeind erdulden mußte! Der Gouverneur, der als Deutscher die Ambitionen seines Luther hochhalten zu müssen wähnt, ließ den russischen Popen überhaupt nicht zu sich heran, sondern schickte mich zur Erörterung der Angelegenheit zu seinem Kanzleivorsteher. Dieser, ein Pole, war aber nicht geneigt, die Sache wie der Bischof anzusehen, sondern er fiel über mich her mit Geschrei und Gebrüll, sagte, ich leiste den Ketzern Vorschub und widersetze mich dem Willen meines Kaisers. Wehe dir, du aussätziger Pole, daß du mit deinem löcherigen Gewissen dich unterstehst, mir Widersetzlichkeit gegen meinen Kaiser vorzuwerfen! Allein ich nahm es hin und ging schweigend von dannen, des Sprichwortes gedenkend: Wie der Herr, so's Gescherr. Und so gewinnt es den Anschein, als wäre alles Geschilderte nur geschehen, um meine neue seidene Kutte einzuweihen, welche, wie ich hier bemerken will, sehr akkurat gefertigt ist, und der man es nur bei Sonnenschein ein wenig ansieht, daß sie aus zwei verschiedenen Stoffen gefertigt ist.«
»23. März 1837. Heute, am Karsamstag, kamen die Kleriker und der Diakon zu mir. Prochor bittet, wir sollten zu Ostern durchaus auch in die Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuz gehen, denn es brächte ihnen zu viel Schaden, wenn wir es unterließen. Ich gab ihnen vierzig Rubel von meinem Gelde, weil ich mich der Schmach nicht unterziehen wollte, vor den Türen der reichen Bauern um Almosen zu bitten. Jetzt scheint es mir eine Torheit, daß ich mir die seidene Kutte machen ließ; ich wäre auch ohne sie ausgekommen und hätte dann mehr für den Klerus übriggehabt. Ich gedachte eben: Kleider machen Leute.«
»24. April. Eine Schmach ist mir widerfahren, die mich weinen und schluchzen ließ. Ich bin erneut denunziert worden. Nochmals stand ich vor jenem Gouvernementskanzleivorsteher und mußte mich wegen Nichtbesuches der Altgläubigen verantworten. Mein eigener Klerus hat mich denunziert. Wie ertrag' ich diese Niedrigkeit und Undankbarkeit! Du Denker und Administrator! Betrachte in deinem aufgeklärten Geiste, woraus das Leben eines russischen Popen sich zusammensetzt! Auf dem Heimwege haderte ich die ganze Zeit mit mir selber, daß ich nicht auf die Akademie gegangen war. Von dort wäre ich zur Klostergeistlichkeit gegangen, wie so viele andere. Mit der Zeit wäre ich Archimandrit geworden und Bischof. In einer Kutsche wäre ich gefahren und hätte selber kommandiert, statt daß man mich kommandierte. Es war mir eine boshafte Freude, mich diesen eiteln Gedanken hinzugeben; immer wieder sah ich mich als Bischof. Aber als ich heimgekehrt war, wurde ich so zärtlich von meiner Pfarrerin empfangen, daß ich Gott dem Herrn dankte, der alles so gefügt hat, wie es ist.«
»25. April. In der Gouvernementsstadt haben sie mir Schmach angetan; allein das ist nichts dagegen, wie ich heute zu Hause beschämt worden bin. Einem Schulbuben gleich. Gestern erst schrieb ich die Memorabilien meiner Bekümmernisse und Ärgernisse nieder. Heute stand ich früh auf, setzte mich ans Fenster, und in Gedanken versunken schaute ich auf das Gemüsefeld des bettelarmen Pizonskij, das sich gerade vor meinem Fenster ausbreitet. Voriges Jahr wurde auf diesem Felde ein schwachsinniges Mädchen, eine gewisse Nastia, die ein vorüberziehender Soldat verführt hatte, von einem Knäblein entbunden, worauf sie sich in den Fluß stürzte und ertrank. Pizonskij hatte dieses Kind als Trost seines einsamen Alters zu sich genommen, und dann hatten alle die Geschichte bald vergessen. Ich als einer der ersten ebenfalls. Heut aber blicke ich von oben herab auf das Land dieses Pizonskij und denke an meine Angelegenheiten, da bemerke ich, daß dieser frisch aufgerissene, schwarze, sogar ein wenig bläuliche Erdboden ganz ungemein lieblich anzuschauen ist, wie er so von der Morgensonne übergossen daliegt. Die Furchen entlang schreiten hagere schwarze Vögel und stärken ihren hungernden Leib mit frischem Gewürm. Der alte Pizonskij selbst, den kahlen Kopf im hellsten Sonnenlicht badend, stand auf einer Treppe vor einem auf Pfählen befestigten Treibbeet, hielt in der einen Hand eine Schale mit Samen und legte mit der andern die Körner in die Erde, immer kreuzweise in ganz kleinen Prisen. Und dabei blickte er zum Himmel empor und sprach bei jedem Korn ein Wort des Spruches: »Herr, laß wohlgelingen, wachsen und gedeihen, auf daß ein jeder sein Teil habe, der Hungernde und der Verwaiste, der Wünschende, der Bittende und der Fordernde, der Segnende und der Undankbare.« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, da schrien alle schwarzglänzenden Vögel, die auf dem Acker umhergingen, die Hühner gackerten, der Hahn krähte aus vollem Halse und schlug laut mit den Flügeln, und von seiner Matte schob sich jenes Kind, das Söhnlein der Blödsinnigen, das der alte Sonderling zu sich genommen. Es lachte hell auf in kindischer Freude, klatschte in die Händchen und kroch lachend über den weichen Erdboden. Es war mir wie eine Vision. Der alte Pizonskij war glückselig und sang laut Halleluja! ... Halleluja, Herr mein Gott! -- sang auch ich still für mich vor Entzücken, und Tränen der Rührung entströmten meinen Augen. In diesen heilenden Tränen löste sich mein Groll und ich sah ein, wie töricht mein Kummer gewesen war. Vermehre und laß wachsen, Herr, deine Gaben auf dieser Erde, daß ein jeder sein Teil erhalte, der Wünschende, der Bittende, der Fordernde und der Undankbare. ... Mir ist ein solches Gebet in keinem gedruckten Buch vorgekommen. Gott, mein Gott! Dieser alte Mann gedachte auch des dem Diebe zukommenden Teiles und betete für ihn! O du mein weichherziges Rußland, wie bist du schön!«
»6. August, Christi Verklärung. Was für ein entzückendes Weib ist meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna! Wieder frage ich: wo, außer im heiligen Rußland, kann es solche Frauen geben? Ich sagte ihr einmal, wie mich die Zärtlichkeit des bettelarmen Pizonskij zu den Kindern rühre, und gleich verstand oder erriet sie meine Gedanken und meine Sehnsucht: sie umarmte mich und mit der Schamröte, die ihr so schön zu Gesichte steht, sprach sie: »Warte nur, Vater Sawelij, vielleicht schenkt uns Gott doch noch -- --« ein Kindlein wollte sie sagen. Aber ich hab' es zu oft schon erfahren, daß diese ihre Hoffnungen sich als trügerisch erwiesen, daher fragte ich sie gar nicht nach den Einzelheiten, -- -- und es kam auch wirklich wieder so, daß man sich nur vergeblich gefreut hatte. Aber auch aus diesem blinden Lärm ward mir ein rührendes Erlebnis. Heute predigte ich von der Notwendigkeit einer beständigen inneren Wandlung, daß man Kraft gewinne, in allen Kämpfen gleich einem starken und geschmeidigen Metall geschmiedet zu werden, und nicht dem Ton gleichwerde, der sich plattdrücken läßt, und wenn er trocken wird, noch die Spur des Fußes zeigt, der zuletzt auf ihn trat. Und wie ich so redete, ließ ich mich zu einer Improvisation hinreißen und wies das Volk auf Pizonskij hin, welcher an der Tür stand. Zwar nannte ich nicht seinen Namen, aber ich redete von ihm als von einem, der sich in unserer Mitte befinde, der zu uns gekommen sei nackt und bloß und von allen Narren ob seiner Armut verspottet, der aber doch nicht nur selbst nicht zugrunde gegangen sei, sondern auch das Größte getan habe, was ein Mensch tun könne, da er unbefiederte Vöglein gerettet und aufgezogen habe. Ich sprach davon, wie süß das sei, den wehrlosen Leib der Kleinen zu wärmen und in ihre Seelen die Saat des Guten zu streuen. Als ich das ausgesprochen hatte, fühlte ich meine Wimpern von Tränen feucht und sah, daß auch viele von den Zuhörern ihre Augen trockneten und jenen suchten, den meine Seele meinte, Kotin den Bettler, Kotin den Ernährer der Waisen. Und als ich merkte, daß er nicht mehr da war, denn er war demütig hinausgegangen, weil er meine Andeutung verstanden hatte, da ergriff mich eine gewisse Beklemmung, daß ich ihn durch mein Lob verwirrt hatte, und ich sprach: »Er weilt nicht mehr unter uns, liebe Brüder! Denn er bedarf dieses meines schwachen Wortes nicht, weil das Wort der Liebe längst schon mit dem Flammenfinger Gottes in sein demütiges Herz geschrieben ist. Ich bitte euch,« sprach ich und neigte mich tief, -- -- »ihr alle, die ihr hier versammelt seid, ehrenwerte und angesehene Mitbürger, vergebt mir, daß ich in meiner Ansprache euch keinen hochberühmten Feldherrn als Muster der Kraft und als Beispiel zur Nachahmung hingestellt habe, sondern einen von den Geringen, und wenn euch das ärgern sollte, so legt das meiner Armut zur Last, denn euer sündiger Pfarrer Sawelij hat oft, wenn er auf diesen Geringen schaute, gefühlt, daß er neben ihm kein Priester des höchsten Gottes sei, sondern in diesem Gewande, das meine Unwürde verhüllt, nichts als ein übertünchter Sarg. Amen.«
Ich weiß nicht, was in diesen meinen schlichten Worten, die ich ganz ~ex promptu~ gesprochen hatte, Weises und Schönes enthalten war. Ich muß aber sagen, daß meine andächtige Gemeinde etwas dieser Art herausgehört hatte, und als ich bei der Entlassung meine Hand den einzelnen darreichte, fiel mehr denn eine Träne darauf. Doch das ist noch nicht alles: das Wichtigste sollte für mich erst kommen.