Die Klerisei

Part 24

Chapter 243,320 wordsPublic domain

Und Zacharia ging in der Hoffnung, der Diakon werde allgemach des Rekelns müde werden und von selber wieder herauskommen; jedoch es verging noch eine ganze Woche und Achilla zeigte sich nicht.

»Sie werden vergessen,« sagte er immer wieder vor sich hin, »bestimmt werden sie vergessen.« Und dieser Gedanke ließ ihn nicht los, und vergeblich strengte er sein Hirn an, wie er das Übel abwehren könnte.

Um Achilla aus seiner Höhle ans Tageslicht zu locken, bedurfte es eines ganz besondern Ereignisses.

Eines Morgens wachte Achilla früh gegen sechs auf und blickte nach den ersten Sonnenstrahlen, die durch das winzige Fensterlein über der Tür in seine Kammer zu dringen versuchten, -- da kam Vater Zacharia in großer Hast gelaufen und erzählte, daß an Stelle des verstorbenen Tuberozow ein neuer Propst ernannt sei.

Achilla wurde bleich vor Ärger.

»Freut es dich denn nicht?« fragte Zacharia.

»Was geht es mich an?«

»Wieso geht es dich nichts an? Frag doch erst, wer ernannt ist.«

»Als ob mir das nicht ganz gleichgültig wäre!«

»Ein Akademiker!«

»Na ja, ein Akademiker! Und darüber freut Ihr Euch! Nein, bei Gott, Ihr steckt noch voll Eitelkeit, Vater Zacharia!«

»Wieso Eitelkeit? Ein Akademiker -- das will sagen: ein kluger Kopf!«

»Wieder was Neues: ein kluger Kopf! Mag er doch klug sein! Werden wir zwei davon etwa klüger?«

»Du wirst wieder grob.«

»Fällt mir gar nicht ein. Ihr denkt daran, wie Ihr den Neuen empfangen sollt, und ich -- daß ich den Alten nicht vergesse. Wo steckt da die Grobheit?«

»Es lohnt gar nicht, mit dir zu reden,« sagte Zacharia und zog geärgert von dannen. Achilla aber erhob sich sofort, wusch sich und lief zum Polizeichef mit der Bitte, dieser möchte ihm behilflich sein, sobald wie möglich sein Haus und seine beiden Pferde zu verkaufen.

»Warum denn das?« fragte Porochontzew.

»Sei nicht neugierig,« antwortete Achilla. »Später, wenn ich's gemacht habe, wirst du alles erfahren.«

»So sag' doch ungefähr, um was es sich handelt.«

»Darum, daß Vater Sawelij nicht sobald vergessen wird.«

»Dann soll doch Vater Zacharia in seinen Predigten öfter auf ihn hinweisen.«

»Was kann Vater Zacharia? Nein, der liebt heute schon die Wissenschaften, ich aber ... ich liebe nach altem Brauch den Menschen.«

Damit war die Unterredung zu Ende und Achillas Besitz wurde seinem Wunsche entsprechend verkauft.

Indessen war man gespannt, was er weiter unternehmen würde.

Der Diakon hatte für alles zweihundert Rubel bekommen und steckte die beiden Scheine in die Tasche seines Nanking-Leibrocks; er begebe sich in die Gouvernementsstadt, erklärte er. Er hatte sich bereits einen Wanderstab aus einer langen Latte zurechtgeschnitten, packte seine Sachen in ein kleines Bündel zusammen, kaufte sich auf dem Markt zwei große Roggenmehlfladen mit Zwiebeln, die er in dieselbe Tasche steckte, in der er sein Geld hatte, und wollte sich eben auf die Wanderschaft begeben, als unerwartet der neue Propst Irodion Grazianskij eintraf. Es war ein sehr wohlaussehender Herr von schwer zu bestimmendem Alter. Seinem Äußern nach konnte man ihm ebensogut sechsundzwanzig als auch vierzig Jahre geben.

Achilla ging dem neuen Vorgesetzten entgegen und wollte, nachdem er den Segen von ihm empfangen hatte, seine Hand küssen. Allein er zog sie zurück und schlug dem Diakon einen brüderlichen Kuß vor. Und so küßten sie sich auf Mund und Wangen.

»Siehst du, wie gut er ist,« sagte nach einer Stunde, als sie zusammen nach Hause gingen, Zacharia zum Diakon.

»Wie habt Ihr denn in so kurzer Zeit so viel Güte entdeckt?« fragte Achilla gleichgültig.

»Wie denn? Er wollte sich nicht die Hand von dir küssen lassen, sondern bot dir den Mund ... das zeugt doch von großer Güte.«

»Ich meine, das ist nichts weiter als so eine Art von Wichtigtuerei,« erwiderte Achilla.

Er war bereits von einer wilden Eifersucht auf den neuen Propst erfaßt und suchte allerlei schlechte Eigenschaften an ihm zu entdecken, die jeden Vergleich mit dem verstorbenen Tuberozow ausschließen mußten. Je mehr der neue Propst allen Stargorodern gefiel, desto heißer mußte Achilla ihn hassen.

Zehntes Kapitel.

Am Tage darauf zelebrierte der neue Propst zum erstenmal die Messe und hielt eine Predigt, in der er seinen Vorgänger mit Lobeserhebungen überschüttete und auf die Notwendigkeit und Pflicht eines ständigen Gedenkens und einer Ehrung seiner Verdienste hinwies.

»Wozu das? Was beabsichtigt er damit?« zürnte der Diakon, als er mit Zacharia aus der Kirche ging.

Er fühlte selbst, daß er ungerecht war, aber er konnte sich nicht beherrschen, und als Zacharia ihm zuzureden versuchte und betonte, wie edel das ganze Verhalten Grazianskijs sei, da zerbrach Achilla ungeduldig das Stöckchen, das er in der Hand hielt, in zwei Stücke und sagte:

»Das ist's ja gerade, was mich so ärgert.«

»Wäre es denn besser, wenn er nicht so gut wäre?«

»Natürlich ... viel, viel besser wäre das,« unterbrach ihn Achilla ungeduldig. »Wißt Ihr denn nicht, daß wer nicht gesündigt hat, auch nicht Buße tut!«

Zacharia machte nur eine abwehrende Handbewegung.

Achillas Pilgerfahrt nach der Gouvernementsstadt wurde von Tag zu Tag aufgeschoben: der Diakon wohnte noch der Revision der Schatzkammer, der Bücher und der Kirchengelder bei, immer schweigend und grollend. Zu seinem großen Kummer bot sich ihm auch nicht die geringste Gelegenheit, dem »Neuen« etwas am Zeuge zu flicken, -- bis Grazianskij endlich davon zu reden begann, daß man auf dem Grabe Tuberozows ein kleines Denkmal errichten müsse. Achilla sprang wie von einer Tarantel gestochen in die Höhe.

»Warum denn ein ›kleines‹ Denkmal und kein großes? Er hat sehr lange unter uns gewirkt und Verdienste errungen, wie sie mancher andere nicht so leicht fertig brächte.«

Grazianskij sah den Diakon unwillig an und schlug, ohne ihm etwas zu erwidern, eine Subskription zum Bau eines Denkmals für Sawelij vor.

Durch die Subskription kamen zweiunddreißig Rubel zusammen.

Der Diakon wollte überhaupt nichts zeichnen und fand den ganzen Plan verkehrt.

»Weshalb bist du dagegen?« fragte ihn Benefaktow.

»Weil das alles eitel ist,« antwortete Achilla.

»Worin seht Ihr die Eitelkeit?« warf Grazianskij trocken dazwischen.

»Wie kann man einem solchen Manne namens der ganzen Gemeinde ein Denkmal für zweiunddreißig Rubel setzen? So ein Denkmal ist nicht besser als eine Pistole für einen Groschen. Nein, diese Kränkung will ich ihm nicht antun. Ich bitte, mir das gütigst zu erlassen.«

Am Abend erbat sich der Diakon vom neuen Propst einen vierzehntägigen Urlaub nach der Gouvernementsstadt, der ihm auch bewilligt wurde.

So begab sich Achilla auf die Wanderschaft, die er schon so lange zur Verwirklichung seiner großartigen Absichten geplant hatte. Schon in jenen Tagen, als er noch in seinem Kämmerlein auf der bretternen Bettstatt lag, war ihm der Gedanke gekommen, dem Vater Tuberozow ein Denkmal zu setzen, aber nicht für dreißig Rubel, sondern für all sein Geld, für all die zweihundert Rubel, die er aus dem Verkauf seines durch die Arbeit eines ganzen Lebens erworbenen Gutes gelöst hatte. Achilla hielt diese Summe für völlig ausreichend, um ein Monument zu errichten, das allen Zeiten und Völkern ein Wunder dünken müßte, ein so gewaltiges Monument, daß sein idealer Entwurf sogar in seinem eigenen Kopfe nicht Platz genug hatte.

Elftes Kapitel.

Kalt und trübe war die Oktobernacht. Hastige Wolken krochen am Himmel entlang und der Wind brauste in den nackten Zweigen der Weiden. Achilla schritt unermüdlich vorwärts und als die späte Herbstmorgendämmerung graute, hatte er den halben Weg bereits zurückgelegt und konnte sich getrost etwas Ruhe gönnen.

Er bog vom Wege ab, legte sich hinter einer großen Strohmiete, die ihn vor dem Winde schützen sollte, auf den Boden, deckte sich den Mantel übers Gesicht und schlief ein.

Der Tag war genau so wie die Nacht: die kalte Sonne tauchte bald auf, bald verzog sie sich wieder hinter grauen Nebeln; der Wind heulte und brauste wild, um sich dazwischen wieder, einer zischenden Schlange gleich, am Boden zu winden. Das Ende des Mantels, welches der Diakon über seinen Kopf gezogen hatte, war längst vom Winde emporgerissen und flatterte hin und her, und wenn die Sonne hinter den Wolken hervorschaute, fielen ihre grellen Strahlen gerade auf das Heldenantlitz Achillas. Trotzdem erwachte er nicht. Es war schon ganz warm geworden und auf dem zerstampften Stoppelfeld, das Achilla sich zur Lagerstatt gewählt hatte, zeigten sich die letzten verspäteten Bewohner des toten Kornfeldes: über Achillas Stiefel kroch ein harter schwarzer Ohrwurm, und seinen Bart entlang kletterte mühsam und zitternd eine frosterstarrte Hummel. Das arme Insekt, das in dem dichten Barte des Diakons einen warmen Unterschlupf gefunden hatte, fing bald an zu krabbeln und zu zappeln, wovon der Diakon erwachte. Er prustete laut, reckte sich, sprang auf, warf sein Bündel über die Schulter und schritt der Stadt zu.

Als der Abend dämmerte, hatte er auch die übriggebliebenen fünfunddreißig Werst zurückgelegt, und angesichts der Kreuze der städtischen Kirchen setzte er sich an den Rand des Straßengrabens und beschloß, zum erstenmal, seit er ausgewandert, etwas Speise zu sich zu nehmen. Die beiden Fladen holte er aus seiner Tasche, welche sie rund eine Woche beherbergt hatte, legte den einen auf den andern und begann mit großem Appetit zu kauen. Aber die ganze Portion vermochte er doch nicht zu zwingen und steckte den Rest wieder in die Tasche, um zur Stadt zu wandern. Nachdem er bei bekannten Seminaristen übernachtet hatte, ging er gleich früh am nächsten Morgen zum Adelsmarschall Tuganow, ließ sich bei ihm melden und setzte sich auf eine Bank im Vorzimmer.

Eine Stunde verging und noch eine. Niemand kümmerte sich um Achilla. Mehrere Male schon hatte er den vorüberlaufenden Diener gefragt:

»Herr Haushofmeister, wann wird man mich denn rufen?«

Aber der Herr Haushofmeister würdigte den bäuerisch aussehenden Diakon in der Nankingkutte nicht einmal einer Antwort.

Von der gestrigen Wanderung noch müde, wäre Achilla fast eingeschlafen, doch besann er sich, daß es hier doch nicht recht schicklich sei. So beschloß er, sich lieber die Zeit durch Essen zu vertreiben, was ihm die von vorgestern übriggebliebenen Stücke der Zwiebelfladen sehr gut ermöglichten. Kaum jedoch hatte er die Reste aus der Tasche seines Leibrocks herausgeholt und sich darangemacht, den Staub von ihnen zu blasen, als er plötzlich zur Salzsäule erstarrte, dann emporsprang und, wie von einem giftigen Insekt gestochen, durch die vornehmen Gemächer des Hauses zu rasen begann. Zufälligerweise geriet er bald in das Arbeitszimmer des Adelsmarschalls, und als er sich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübersah, brüllte er los:

»All ihr heiligen Väter! Wer an Gott glaubt, muß mir helfen! Sehen Sie doch, was mir für ein Unglück passiert ist!«

»Was denn? Was ist geschehen?« fragte Tuganow erstaunt.

»Parmen Semenowitsch! Was hab' ich gemacht, ich Bösewicht!« jammerte Achilla in wahnwitziger Verzweiflung.

»Hast du jemanden ermordet?«

»Nein, ich kam zu Fuß zu Ihnen gelaufen, damit Sie mir einen guten Rat erteilen. Ich möchte dem Propst ein Denkmal setzen für zweihundert Rubel.«

»Nun und --? Hat man dir das Geld gestohlen?«

»Nein, nein, etwas viel Schlimmeres!«

»Hast du es verloren?«

»Nein, ich hab's aufgegessen!«

Und voller Verzweiflung streckte Achilla dem Adelsmarschall die untere Rinde des nicht ganz aufgegessenen Fladens entgegen, an der ein kleines Fetzchen eines Hundertrubelscheines wie angebacken festklebte.

Tuganow berührte den Fetzen mit seinen feinen Fingernägeln, löste ihn von der Rinde und sah, daß unter dem ersten Stückchen Papier ein zweites von derselben Art noch fester klebte.

Der Adelsmarschall konnte nicht anders, er mußte lachen.

»Ja, sehen Sie, ganz aufgefressen,« wiederholte der Diakon und kaute vor Verlegenheit den Nagel seines Mittelfingers. Dann wandte er sich plötzlich um und sagte kurz: »Nun also, ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie gestört habe. Leben Sie wohl.«

Tuganow aber zeigte sich hilfsbereit.

»Nicht gleich verzweifeln, mein Lieber,« sagte er. »Das hat nichts zu bedeuten, man wird mir in der Bank deine Papiere schon einwechseln, inzwischen gebe ich dir ein paar andere, dann kannst du deinem Pfarrer Sawelij das Denkmal setzen. Ich habe ihn ja auch sehr lieb gehabt.«

Damit reichte er dem Diakon zwei neue Hundertrubelscheine und legte die angekauten Fetzen beiseite, um sie später in die Sammlung seiner Familienkuriositäten einzureihen.

Diese Not war also behoben, aber eine neue nahte: es galt ein Denkmal auszusinnen, wie Achilla es wünschte, aber sich selbst nicht vorstellen konnte. Auch diese seine Sorge beichtete er dem Adelsmarschall.

»Ich möchte, Parmen Semenowitsch,« meinte er, »daß das für mein Geld errichtete Denkmal möglichst groß und schön sei.«

»So laß doch eine Pyramide aus Granit aufrichten.«

Tuganow ließ sich aus dem Schrank eine Mappe reichen und nahm die Abbildung einer ägyptischen Pyramide heraus:

»So in dieser Art.«

Der Gedanke sagte dem Diakon ungemein zu, nur zweifelte er, ob er mit seinem Gelde auskommen würde, worauf ihm Tuganow erklärte, falls die zweihundert Rubel nicht reichen sollten, so wolle er, Tuganow, aus Verehrung für den alten Tuberozow, für den Überschuß eintreten.

»Du aber«, sagte er, »sollst der Baumeister sein. Baue ganz, wie es dir gefällt und was du willst.«

»Das ist ...« fing Achilla in höchster Verlegenheit an, aber er kam nicht weiter, sondern machte nur eine tiefe Verbeugung bis zur Erde und faßte dann plötzlich Tuganows Hand und küßte sie.

Tuganow war gerührt. Er nannte Achilla einen »braven Kerl« und schlug ihm vor, bei ihm im Gartenhaus zu logieren.

Zwölftes Kapitel.

Der Diakon lief von einem Steinmetz zum andern, bis schließlich seine Wahl auf den allerschlechtesten, einen Mühlsteinfabrikanten namens Popygin fiel. Zwei deutsche Steinhauer hatten den Diakon in hellen Zorn versetzt, weil sie immer wissen wollten, ob »der Maßstab es gestatten werde«, eine so große Pyramide aufzubauen, wie der Diakon sie haben wollte, der die Fläche einfach durch Schritte und die Höhe mit emporgereckten Armen bezeichnete.

Meister Popygin als biederer Russe verstand ihn besser: sie maßen alles nach Schritten und mit ausgestreckten Armen ab und schlossen einen mündlichen Vertrag, den sie durch Handschlag besiegelten. Damit war die Bestellung gemacht und der Bau der Pyramide begann. Achilla sah zu, wie man die riesigen Steine schob, wendete und glättete und war über ihre Dimensionen entzückt.

»So ohne Maßstab ist's viel besser,« sagte er, »wie es uns paßt, so bauen wir.«

Der russische Meister Popygin stimmte ihm durchaus bei.

Tuganow ließ sich von Achilla über die Fortschritte der Arbeit Bericht erstatten und widersprach ihm weder, noch stritt er mit ihm. Er suchte den Recken durch das Denkmal bei Laune zu erhalten, wie man einem betrübten Kinde ein Spielzeug gibt.

Nach einer Woche war sowohl die Pyramide als auch die Inschrift fertig, und der Diakon kam zu Tuganow und bat ihn, das Wunderwerk seiner schöpferischen Phantasie in Augenschein zu nehmen. Es erwies sich als furchtbar breite, etwas plattgedrückte Pyramide, mit einem Kreuz oben und je einem großen holzgeschnitzten, vergoldeten Cherub an den vier Ecken.

Tuganow betrachtete das Monument. »Das lebt!« sagte er, und der Diakon war beglückt. Die Pyramide wurde auseinandergenommen und ihre Teile auf neun Schlitten nach Stargorod geschafft. Auf dem zehnten Schlitten, der die Karawane beschloß, saß Achilla selbst, zusammengekauert, in einem speckigen Schafpelz zwischen den vier vergoldeten, in Matten gewickelten Cherubim. Er war immer noch ganz entzückt von der Herrlichkeit des Denkmals, aber in dieses Entzücken mischte sich eine gewisse Unruhe: er fürchtete, es könnte jemandem einfallen, an seiner Pyramide Kritik zu üben, an dieser einzigartigen Schöpfung seines Geistes und Geschmacks, dem Zeugnis seiner Ergebenheit und Liebe zu dem entschlafenen Sawelij. Um dem zu entgehen, beschloß Achilla, den Aufbau möglichst im geheimen zu bewerkstelligen. Als er daher Stargorod erreicht hatte, ging er nachts nur zu Zacharia und erzählte ihm von allen Schwierigkeiten, die er bei der Herstellung der Pyramide zu überwinden gehabt hatte.

Es gelang dem Diakon aber nicht, unbemerkt das Monument zusammenzustellen. Die auf den Schlitten lagernden Teile der Sawelij-Pyramide erregten gleich am nächsten Morgen allgemeines Aufsehen. Die sich scharenweise herandrängenden Städter interessierten sich besonders für die unter den Matten hervorblinkenden Arme und Flügel der vergoldeten Cherubim. Die Biederleute stritten heftig über die Frage, was das wohl für Engel sein mochten: silberne oder vergoldete.

»Silbern und vergoldet und von innen mit Brillanten gespickt,« erklärte Achilla und trieb die Mitbürger auseinander, die sich um die Arbeiter drängten.

Auch die feinen Herrschaften ärgerten den Diakon. Diese schienen ihm eigens zum hämischen Kritteln gekommen zu sein.

Der sonst so wenig selbstbewußte und ehrgeizige Achilla wurde in seiner wachsenden Reizbarkeit zuletzt ganz unerträglich. Er konnte kein Wort über Tuberozow mehr ruhig anhören. Sogar wenn man den Seligen lobte, geriet er in Wut: er fand all und jedes Lob unangebracht.

»Was gibt's denn da zu loben?« sagte er zu Benefaktow. »Ihr seid, nehmt mir's nicht übel, ein leichtsinniger Mensch, Vater Zacharia. Ihr redet von ihm, wie man von Milch redet, wenn man eine Kuh gesehen hat.«

»Habe ich denn etwas Schlechtes über ihn gesagt?«

»Man soll überhaupt nicht von ihm reden. Die Zeit ist nicht danach, über die Glaubensstarken zu streiten.«

Gegen andere war Achilla noch viel schroffer als gegen Benefaktow, und als nach und nach alle, durch seine Empfindlichkeit abgestoßen, ihn zu meiden anfingen, geriet er immer mehr unter die Herrschaft eines Gedankens: der Vergänglichkeit alles Irdischen und des Todes.

»Sagt was ihr wollt,« philosophierte er, »das ist auch keine Kleinigkeit, plötzlich so hinzusterben und dann Gott weiß wo an einem ganz andern Ort wieder zu sich kommen.«

»Darüber hast du noch Zeit genug nachzudenken,« tröstete ihn Zacharia, »du stirbst nicht so bald.«

»Woraus schließt Ihr das, Vater Zacharia?«

»Aus deinem Körperbau und ... dann hast du solche Ohren ... so feste ...«

»Ja, was meine Statur und meine Ohren betrifft, so brauchte ich in hundert Jahren nicht zu sterben; man müßte mich rein mit einem Knüppel totschlagen. Aber, wißt Ihr, das hängt doch auch von der Phantasie ab, und deswegen muß der Mensch auch daran denken.«

Und endlich verfiel der Diakon in eine ganz trübe Hypochondrie, die auch den andern nicht entging. Man fing an zu reden, daß er sich den Tod herbeirufe.

Der Propst Grazianskij besuchte den Diakon und machte ihm Vorwürfe wegen seines freiwilligen Exils; er sagte, es wäre unvernünftig, die Menschen zu fliehen; Achilla aber erwiderte ihm ruhig:

»Den Vernünftigen sucht Ihr jetzt vergebens. Er liegt im Grabe.«

Dem Arzt Pugowkin, den der Diakon einst beim Baden untergetaucht hatte und der trotzdem sein guter Freund geblieben war und jetzt zu ihm kam, ihn zu trösten und ihm einzureden, er sei krank und müsse sich ärztlich behandeln lassen, erwiderte Achilla:

»Du hast recht, mein Bester, alle meine Gedanken gehen durcheinander ... Ich grübele -- ich weiß selber nicht worüber ... und immer quält mich ... weißt du (Achilla zog die Brauen zusammen und schloß im Flüstertone) die Sehnsucht.«

»Nun ja, man nennt das erhöhte Sensibilität, Reizbarkeit.«

»Reizbarkeit, das ist es! Alles drückt mich. Weißt du, es ist, als ob ein Pfahl in meiner Brust stäke, und nachts sitze ich da und weiß lange nicht, weswegen ich mich quäle und weine.«

Da trat unerwartet ein Ereignis ein, das den Diakon aufrüttelte: der Tod des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch. In seinem Testament hatte er verfügt, daß Vater Zacharia und Achilla ihm das letzte Geleit geben sollten, jedem von den beiden hatte er dafür fünf Rubel in bar, zwei Paar selbstgestrickte Strümpfe und eine baumwollene Nachtmütze hinterlassen.

Als man vom Begräbnis nach Hause ging, schien der Diakon heiterer als sonst. Er scherzte sogar.

»Seht ihr wohl, meine Lieben, wie Er unsere Gemeinschaft auflöst?« sagte er, »einen nach dem andern holt Er sich: nun ist auch Nikolai Afanasjewitsch hin. Und dann kommt die Reihe an mich und Vater Zacharia.«

Achilla täuschte sich nicht. Als er Seinen Besuch erwartete, stand Er, der Milde und Unüberwindliche, schon hinter ihm und breitete seine kühlen Flügel über ihn.

Die Chronik muß eingehend über die letzten Taten des Recken Achilla berichten, denn diese Taten waren seiner durchaus würdig und gaben ihm die Möglichkeit, auf seine eigene, ganz besondere Weise die Fahrt nach dem jenseitigen Ufer des Lebensmeeres anzutreten.

Dreizehntes Kapitel.

Der Frühling kam und Stargorod erwachte zu neuem Leben. Der Fluß wollte die starre Eisdecke abwerfen, blies sich auf und wurde blau. Immer höher türmten sich an beiden Ufern die Berge von Getreidesäcken, und schon wurden die breiten Barken instand gesetzt.

Aus den Dörfern, die den Winter hindurch gehungert hatten, kamen täglich Scharen zerlumpter Bauern in Bastschuhen und weißen Filzkappen in die Stadt. Sie ließen sich als Schlepper dingen, gegen Bezahlung ihrer Steuern und Beköstigung, und waren glücklich, das Getreide, das ihnen daheim so mangelte, in entfernte Gegenden schaffen zu können. Selbstverständlich wurden nicht alle dieses Glückes teilhaftig. Das Angebot übertraf die Nachfrage ganz bedeutend. Und um die Überflüssigen kümmerte sich kein Mensch.