Part 23
Und Hand in Hand gingen sie aus dem Zimmer, durchschritten den ganzen Hof und blieben schließlich in der Mitte des mit glänzendem frischen Schnee bedeckten Gemüsegartens stehen. Der Alte zeigte dem Diakon das Kreuz des Doms, wo sie so lange Zeit zusammen vor dem Altar gestanden hatten; dann richtete er immer noch schweigend den Zeigefinger abwärts und sagte streng:
»Falle nieder und bete!«
Achilla kniete nieder.
»Sprich: Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig,« sagte Sawelij und beugte sich selbst als erster zur Erde.
Achilla seufzte und folgte seinem Beispiel. In der feierlichen Stille der Mitternacht, im weißen, monderhellten, einsamen Garten stand er da und immer wieder schlug er mit der heißen Stirn gegen den kalten Schnee, und tiefe Seufzer wechselten mit der süßen Klage des Bußgebets: »Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig« -- und dazwischen klang die Stimme des Propstes, der die zweite Bitte sprach: »Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht.« Der Prediger und der Büßer beteten zusammen.
Wie groß war doch der Unterschied zwischen diesem Achilla und jenem, den wir einst in der Morgenröte pfeifend auf flammendem Roß durchs Wasser reiten sahen!
Jener Achilla war wie ein frischer Morgen nach nächtlichem Regen, dieser flimmert wie Sonnenuntergang nach einem stürmischen Tage.
Während Achilla betete, saß Tuberozow in seinem leichten grauen Leibrock auf der Bank vor dem Badehause und zählte, mit dem Kopfe wackelnd, die Verbeugungen Achillas. Als er so viele abgezählt hatte, wie ihm nötig schien, stand er auf, faßte den Diakon an der Hand und friedlich gingen sie wieder in das Haus zurück. Aber ehe er sich zu Bett legte, trat der Diakon noch einmal zu Tuberozow heran und sagte:
»Wißt Ihr, Vater Propst, als ich betete ...«
»Nun?«
»Da war es mir, als ob die Erde erbebte.«
»Gesegnet sei der Herr, daß er dir ein solches Gebet gab! Geh jetzt, leg dich nieder und schlafe in Frieden,« antwortete der Propst und beide schliefen friedlich ein.
Aber als Achilla am nächsten Morgen erwachte, da hatte er ein Gefühl, als wäre er aus sich selbst herausgekommen, als hätte er unversehens etwas fortgeworfen und etwas anderes dafür gefunden. Etwas, das schwer zu tragen war und wovon man sich doch nicht trennen konnte und nicht wollte.
Es war der Strom des lebendigen, rettenden Glaubens, der die verwirrte, bebende Seele überflutete.
Sie mußte krank werden und sterben, um auferstehen zu können, und diese heilige Arbeit war in vollem Gange.
Der törichte Achilla war weise geworden, er suchte die Stille, und eines Tages, als er sich schon etwas gefestigt fühlte, fragte er den Propst:
»Sage mir, du gewaltiger Greis, wie soll ich mit mir zurechtkommen, wenn Gottes Wille es so fügt, daß ich, sei's auch nur für kurze Zeit, allein bleibe? Bisher war ich stolz auf meine Kraft, aber nun bin ich andern Sinnes geworden und weiß, daß ich mich nicht auf sie verlassen kann.«
»Ja, du warst groß und stark, aber auch dir naht die Stunde, da nicht mehr du dich selbst, sondern da ein anderer dich gürten wird,« erwiderte Sawelij.
»Aber auf meine Vernunft ist noch weniger Verlaß als auf die Kraft, denn Ihr wißt ja, wie leicht ich irre werde.«
»Vertrau auf dein Herz, es schlägt treu und wahr.«
»Was aber soll ich sagen, wenn ich einmal Rede stehen muß? Mein Herz ist ja stumm.«
»Lausche nur, so wirst du wohl hören, was es leise zu dir flüstert. Aber die Flöhe, die von der schmutzigen Erde auf dich hüpfen, die schüttle ab.«
Achilla legte die Hand aufs Herz und ging. »Wie soll das zugehen?« dachte er, und eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er bald, sehr bald allein sein, daß all seine Kraft ihn verlassen und »ein anderer ihn gürten« werde.
Fünftes Kapitel.
Die dunkeln, bangen Ahnungen des Diakons gingen in Erfüllung: der schwächliche, durch die Ereignisse hart mitgenommene alte Propst gehörte kaum noch dieser Welt an. Er erkältete sich nachts beim Zählen der Verbeugungen, die der Diakon auf seinen Befehl zu machen hatte, und wurde krank. Er litt nur wenig Schmerzen, fühlte aber, daß der Tod schon die Arme nach ihm ausstreckte.
Und nur eins tat ihm weh: daß der Bann immer noch nicht von ihm genommen war. Achilla verstand dies sehr wohl und wußte auch, was den Alten dabei am meisten betrübte.
Tuberozow wollte nicht als Gemaßregelter sterben. Er wollte vor den himmlischen Richter als ein von der irdischen Gewalt Freigesprochener treten. Er diktierte dem Diakon einen Brief, in dem er der geistlichen Behörde von seiner Krankheit Mitteilung machte und in rührenden Worten bat, man solle ihm die Gnade erweisen und die Frist des ihm auferlegten Bannes verkürzen. Der Brief wurde abgesandt, blieb aber unbeantwortet.
All seine Kraft, alles, was ihm lieb und teuer war, hätte Achilla freudig hingegeben, um diesen Schmerz von der Seele Tuberozows zu nehmen, aber es lag nicht in seiner Macht, auch war es schon zu spät. Der Todesengel schwebte bereits zu Häupten seines Bettes, um die scheidende Seele zu empfangen.
Einige Tage später stand Achilla weinend in einer Ecke des Krankenzimmers und blickte auf den Vater Zacharia, der, tief über den Sterbenden gebeugt, dessen letzte geflüsterte Beichte entgegennahm. Doch was bedeutete das? Was für eine Sünde belastete das Gewissen des greisen Sawelij, daß der Vater Benefaktow plötzlich in so große Aufregung geriet? Er schien sogar völlig vergessen zu haben, daß er eine Sakramentshandlung vollzog, die keinerlei Zeugen duldet, denn er verlangte mit lauter Stimme, Vater Sawelij solle irgend jemandem irgend etwas vergeben! Was machte den Vater Sawelij am Rande des Grabes so unbeugsam?
»Sei friedfertig! Sei friedfertig! Vergib!« drängte Zacharia sanft, aber fest. »Wenn du nicht vergibst, kann ich dir keine Absolution erteilen.«
Der arme Achilla zitterte am ganzen Leibe und lauschte mit stockendem Herzschlag auf jedes Wort.
»Im Namen des lebendigen Gottes flehe ich dich an, solange du noch am Leben ...« rief Zacharia mit lauter Stimme und stockte plötzlich, ohne den Satz zu Ende bringen zu können.
Der Sterbende richtete sich krampfhaft empor, fiel wieder zurück, hob die Hand, um sich zu bekreuzigen, und nachdem er dies getan, sprach er langsam und mit großer Anstrengung:
»Als Christ ... vergebe ich ihnen die Schmach, die sie mir angetan ... aber daß sie, nur auf den toten Buchstaben bedacht ... daß sie hier ... Gottes lebendiges Werk zugrunde richten ...«
Der Augenblick wurde immer ernster und feierlicher. Es knackte etwas in der Gurgel Sawelijs, und er fuhr wie ein im Fieber Phantasierender fort:
»Diesen Schmerz will ich vor den Thron ... des Königs der Könige ... und selbst dafür zeugen ...«
»Sei friedfertig. Vergib! Vergib ihnen alles!« rief Zacharia händeringend.
Sawelij zog die Brauen zusammen, seufzte und flüsterte: »Wohl mir, daß ich mich gedemütigt habe« -- und schloß dann mit unerwartet fester Stimme:
»Nach dem Gerichte derer, so Deinen Namen lieben, erleuchte die Unwissenden und vergib dem blinden und verderbten Geschlechte seine Herzenshärte.«
Zacharia blickte mit seligem Lächeln zum Himmel und machte das Zeichen des Kreuzes über Sawelijs Gesicht.
Dieses Gesicht bewegte sich schon nicht mehr, die Augen blickten starr in die Höhe und erloschen. Das Ende nahte.
Achilla stürzte laut schluchzend zum Bette und warf sich über den Sterbenden.
Mit einer letzten Kraftanstrengung legte der Verscheidende seine Hand auf den Kopf des Diakons. Dann aber fing er auch schon laut zu röcheln an, und seltsam mischten sich diese Töne mit den sanft rieselnden Worten des Sterbegebets, das Zacharia mit tränenerstickter Stimme sprach. Das Erdenwallen des Propstes Tuberozow war zu Ende.
Sechstes Kapitel.
Die Wirkung dieses Todes auf Achilla war entsetzlich. Er weinte und schluchzte nicht wie ein Mann, sondern wie ein nervöses Weib, das einen Verlust beklagt, den es nicht überleben zu können meint. Übrigens war das Hinscheiden des Propstes Tuberozow auch für die ganze Stadt ein großes Ereignis: es gab nicht ein Haus, in dem man nicht für den Entschlafenen gebetet hätte.
In dem Totenhause drängten sich die Menschen: die einen kamen, um dem Verschiedenen ihr letztes Lebewohl zu sagen, die andern, um zu sehen, wie der Priester im Sarge aussah. In der Nacht, die dem Tode des Propstes folgte, kam vom Konsistorium die Aufhebung des über den Verstorbenen verhängten Banns, und so konnte Sawelij denn in vollem Ornat bestattet werden. Riesengroß, lang lag er da, die Scheitelkappe auf dem Haupte. Totenmessen wurden im Hause unausgesetzt gelesen, und so viel eifrige Priester auch kamen und die auf dem Betpult liegenden Gewänder und Binden anlegten, um die Messe zu singen, -- jeden bat der Diakon Achilla um seinen Segen, daß er das Orarion anlegen und mitsingen dürfe.
Am zweiten Tage war der Sarg fertig, und nun begann, nach einer alten örtlichen Sitte, die auch heute noch in einigen Gegenden bei der Einsargung von Geistlichen ausgeübt wird, eine feierliche und schauerliche Zeremonie. Die versammelte Geistlichkeit, mit Kerzen in den Händen, in Trauergewändern, trug den toten Sawelij dreimal um den mächtigen Sarg herum, und Achilla hielt in der Hand des Toten ein rauchendes Weihrauchgefäß, so daß es aussah, als weihe der Tote selbst seine letzte kalte Wohnstätte. Dann legte man den entschlafenen Propst in den Sarg, und alle gingen fort bis auf Achilla; er verweilte die ganze Nacht bei seinem toten Freunde allein, und da geschah etwas, das Achilla selbst nicht bemerkte; wohl aber sahen es die andern für ihn.
Siebentes Kapitel.
Seit dem Hinscheiden Sawelijs hatte der Diakon sich nicht mehr zu Bette gelegt und die drei schlaflosen Nächte nebst der gespannten Aufmerksamkeit, die er unausgesetzt dem Toten widmete, hatten die stahlharten Nerven Achillas in einen Zustand äußerster Erregung versetzt.
Die Instinkte und Leidenschaften, welche sonst vor allem das Tun und Lassen des Diakons bestimmt hatten, schienen jetzt völlig verstummt zu sein und an ihre Stelle traten Seelenzustände, wie sie ihm bisher gar nicht eigentümlich gewesen waren.
Von seiner einstigen Zerfahrenheit und seinem Leichtsinn war nichts mehr zu merken. Er war in sich gekehrt und ganz im Banne schwerer Gedanken, von denen er sich nicht zu befreien vermochte. Er war nicht bleich geworden und seine Augen blickten nicht matt: im Gegenteil, über seiner gebräunten Haut lag ein mattrosiger Schimmer. Er sah alles mit einer Deutlichkeit und Schärfe, daß ihm die Augen schmerzten. Jeden Ton hörte er, als käme er aus seinem eigenen Innern, und vieles war ihm verständlich geworden, woran er früher überhaupt nie mehr gedacht hatte.
Er begriff jetzt alles, was der verstorbene Sawelij gewollt und angestrebt hatte, und er nannte den Entschlafenen einen Märtyrer.
In den drei Nächten der Totenwache redete er wiederholt mit dem Verstorbenen und wartete allen Ernstes darauf, daß unter dem Brokattuch, das über das Antlitz des toten Propstes gebreitet war, eine Antwort erschallen würde.
»Väterchen!« sprach der Diakon leise, sich im Lesen des Evangeliums unterbrechend und in der nächtlichen Stille an den Sarg herantretend, -- »stehe auf! Wie? Für mich allein stehe auf! Du kannst nicht? Du liegst da wie Gras?«
Und dann stand oder saß er einige Minuten stumm da, um endlich das monotone Lesen wieder aufzunehmen.
In der dritten und letzten Nacht war Achilla für einen Augenblick eingeschlummert. Als er kurz vor Mitternacht erwachte, löste er den Vorleser ab und schloß die Tür hinter ihm zu.
Nachdem er das Sticharion angelegt hatte, stellte er sich vor das Pult, berührte die Schulter des Toten mit der Hand und sagte:
»Nun höre, Väterchen, heut lese ich zum letztenmal,« -- und dann fing er an, das Johannisevangelium zu lesen. Vier Kapitel las er, und als er beim fünften angelangt war, stockte er bei einem Vers, seufzte tief auf und wiederholte die große Verheißung zweimal: »Denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens.«
Nachdem er diesen Satz zweimal laut gesprochen hatte, wiederholte Achilla ihn in Gedanken noch einige Male, -- und kam nicht weiter.
»Jetzt hat er doch schon die Stimme des Gottessohnes gehört und ist zu neuem Leben erwacht ... Ich sehe ihn nur nicht, aber er ist hier.«
Er merkte nicht, daß die Nacht schon vergangen war und am Himmel der erste bleiche, bernsteinfarbene Streif der Morgenröte aufleuchtete, die letzte Morgenröte, die auf Erden die sich auflösenden Reste dessen beleuchten sollte, der einst Vater Sawelij war und die Stimme seiner heimischen Erde so gerne hörte und so gut verstand.
Als der Diakon sah, daß es hell geworden war, seufzte er, trat vom Pult zum Sarge, stützte sich mit den Armen auf die beiden Seitenwände, so daß die hohe Brust Sawelijs unter seiner Brust lag, hob sachte mit zwei Fingern das Brokattuch empor, das über dem Gesicht des Toten gebreitet lag, und sprach:
»Väterchen, Väterchen, wo ist jetzt dein Geist? Wo ist dein flammendes Wort? Gib mir Unverständigem etwas von deinem Geiste!«
Achilla fiel an die Brust des Toten, zuckte plötzlich zusammen und fuhr zurück: ein Schauer war ihm durch seine Glieder gefahren. Er sah sich nach allen Seiten um: alles war still, nur seine schwergewordenen Augenlider klebten zusammen und eine große Müdigkeit zog seinen Kopf abwärts.
Der Diakon raffte sich auf, warf sich zum Gebet nieder und erschrak vor dem Laut seines fallenden Körpers: über sich glaubte er ein Knacken zu vernehmen, und es schien ihm, als sitze Sawelij aufrecht, das Brokattuch vor dem Gesicht und das Evangelienbuch in den todesstarren Händen.
Achilla sprang auf und flüsterte, die Arme vorstreckend:
»Friede sei mit dir! Friede! Ich lasse dir keine Ruhe!«
Nach diesen Worten nahm er wieder das Buch und wollte weiterlesen, aber mit Staunen fand er dasselbe zugeschlagen. Und er konnte sich nicht mehr entsinnen, wo er stehen geblieben war.
Er schlug das Buch aufs Geratewohl auf und las: »Er war in der Welt und die Welt kannte ihn nicht ...«
»Was suche ich denn da?« dachte er. Sein Kopf war ganz verwirrt. Er schlug eine andere Stelle auf. Dort stand:
»Und es werden ihn sehen alle Augen und die ihn zerstochen haben.«
Aber wie Achilla das Blatt umwenden will, merkt er, daß seine Hand ganz schwer geworden ist und jemand ihn festhält.
»Was will ich denn? Was suche ich eigentlich? Welche Perikope? Was ist denn heute für ein Tag?« denkt Achilla und kann es nicht herausbekommen, denn er ist ganz von der Erde entrückt ...
In der strahlend erleuchteten Kirche steht Sawelij im hellen, festlichen Meßgewand, mit der hohen violetten Scheitelkappe vor dem Altar und liest mit voller runder Stimme, jedes Wort wie eine leuchtende Kugel von sich stoßend: »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.«
»Was ist das? Gott im Himmel! Und ich meinte, der Vater Sawelij wäre gestorben! Ich habe den Introitus verschlafen! Ich bin zu spät zur Frühmesse gekommen!«
Achilla zuckte zusammen und öffnete die Augen. Er merkte, daß er wirklich geschlafen hatte, und draußen heller Morgen war. Das rote Leuchten der Begräbniskerzen erstarb in den Strahlen der aufgehenden Sonne. Die Luft war dick vom Qualm, trauriges Glockengeläute klang von draußen herüber und an die Zimmertür wurde heftig gepocht.
Achilla fuhr sich hastig mit der trockenen Hand über das Gesicht und öffnete.
»Eingeschlafen?« fragte ihn der eintretende Benefaktow leise.
»Ein wenig,« erwiderte der Diakon und trat zur Seite, um den Priestern Platz zu machen, die dem Vater Zacharia folgten.
»Aber ich ... weißt du ... ich habe nicht geschlafen: ich habe die ganze Nacht an der Leichenrede gearbeitet,« flüsterte Benefaktow dem Diakon zu.
»Nun, und ist sie fertig?«
»Nein, es kommt nichts heraus.«
»Ja, so geht es Euch allemal.«
»Vielleicht könntest du etwas sagen?«
»Ich, Vater Zacharia? Ich bin doch kein Gelehrter!«
»Was denn? Du hast doch das Sticharion! Das Recht hast du.«
»Was hilft mir das Recht, Vater Zacharia, wenn ich weder die Gabe noch den Verstand dafür besitze?«
»So betet recht inbrünstig um die Gabe, werter Herr, dann wird sie von selber kommen,« mischte sich flüsternd der Zwerg ins Gespräch.
»Beten? Nein, Freund Nikolascha, vielleicht betest du für mich. Mich hat der Schmerz um den Verstand gebracht. Ich habe selbst in wachem Zustande Gesichte.«
»Gut, ich will beten, wenn Ihr es wünscht,« erwiderte der Zwerg.
Achtes Kapitel.
Ganz Stargorod geleitete den Leichnam Tuberozows zur Kirche. Der Trauergottesdienst wirkte infolge des Verhaltens des Diakons grauenhaft. Jedesmal wenn Achilla seinen Mund öffnete, versagte ihm die Stimme und er brach in Tränen aus. Sein Schluchzen, das man in der ganzen Kirche hörte, erfüllte aller Herzen mit tiefer Trauer.
Nur während der Leichenrede, die einer der Priester hielt, bezwang Achilla seinen Schmerz, hörte aufmerksam zu und weinte nur ganz leise in sein Taschentuch. Als er jedoch aus der Kirche heraustrat und all die Plätze sah, über welche er so viele Jahre an der Seite Tuberozows gegangen war, da fühlte Achilla das Bedürfnis, nicht nur zu weinen, sondern zu heulen und zu schreien. Um dem Weh, das seine Brust zu zersprengen drohte, einen Ausweg zu schaffen, sang er »Heiliger, Unsterblicher, erbarme Dich unser«, aber mit einer derartigen Stimmgewalt, daß eine blinde hundertjährige Frau, die beim Herannahen des Trauerzuges von ihren Enkeln vor das Tor geführt worden war, damit sie sich vor dem Sarge neige, plötzlich die Hände zusammenschlug und in die Knie sinkend rief:
»O, er hört es, Gott der Herr hört es, wie Achilla zum Himmel schreit!«
Da war auch schon der von einem Graben und einer Weidenhecke umgebene Friedhof, auf dem Tuberozow abends so gerne spazieren gegangen und dessen Instandhaltung ihm so sehr am Herzen gelegen. Der Sarg wurde durch das dunkle Tor getragen; die letzte Litanei war gesungen, die weißen Leinenseile rollten den Erdhügel hinab und spannten sich über den finstern Abgrund des Grabes. Noch einen Augenblick und es ertönt das letzte Amen ... der Sarg sinkt in die Tiefe.
Aber vorher sollte sich noch etwas ereignen, was niemand erwartet hatte. Achilla, der schon so viele Male in seinem Leben die Stargoroder in Staunen versetzt hatte, fühlte sich gedrungen, es auch dieses Mal zu tun, und zwar auf eine ganz neue Weise. Bleich und starr streckte er die Hand gegen einen der Totengräber aus, welche die Seile festhielten, und rief, wehmütig zu den Priestern hinüberblickend:
»Ihr Väter, ich bitt' euch ... wartet noch etwas ... Ich will nur ein paar Worte sprechen ...«
Der schluchzende Zacharia gab den Totengräbern hastig ein Zeichen, streckte dem Diakon beide Hände entgegen und segnete ihn.
Ganz in Tränen gebadet, wischte sich Achilla mit seinem baumwollenen Taschentuche die mit roten Flecken bedeckte Stirn und stammelte mit krampfhaft verzerrten Lippen: »Er war in der Welt und die Welt kannte ihn nicht.« Und dann fand er keine Worte mehr, wurde feuerrot und mit einem wilden Blick aus seinen entzündeten Augen, der den Worten nachzujagen schien, die für ihn in der Luft geschrieben standen, rief er drohend: »Aber es werden ihn alle sehen, die ihn zerstochen haben!« Und damit warf er eine Handvoll Erde auf den Sarg, nahm hastig das Sticharion ab und verließ den Friedhof.
»Ihr habt sehr schön gesprochen, werter Vater Diakon,« flüsterte ihm der Zwerg unter Tränen zu.
»Der Geist Sawelijs war über ihn gekommen,« antwortete ihm Zacharia, während er sein Meßgewand ablegte.
Neuntes Kapitel.
Nach der Beerdigung Tuberozows wurde es im Hause des Propstes unheimlich still. Achilla war nirgends zu erblicken. Die Sonne geht auf und beleuchtet den vereinsamten Hof. Öde ist er und tot; Wolken ziehen vorüber und spiegeln sich in den Scheiben der Fenster, wie Schatten aus einer andern Welt -- aber drinnen regt sich nichts.
Diese unheimliche Ruhe erfüllte die Nachbarn mit Angst. Man fing an, sich ernstlich um den Diakon zu sorgen.
Zacharia besuchte ihn. Lange ging der sanfte Alte aus einem Zimmer ins andere und rief:
»Diakon, wo bist du? Höre doch, Diakon!«
Aber niemand antwortete. Endlich öffnete Vater Zacharia die Tür zur kleinen Kammer, welche der Diakon bewohnt hatte.
»Was ruft Ihr so laut, Vater Zacharia?« kam aus der Finsternis die Stimme Achillas.
»Du fragst noch, mein Lieber? Wo steckst du die ganze Zeit?«
»Macht die Tür etwas weiter auf. Ich bin hier in der Ecke.«
Benefaktow tat, wie Achilla ihm geheißen, und sah ihn auf einer an der Wand befestigten schmalen bretternen Lagerstatt ausgestreckt daliegen. Der Diakon trug ein grobes Leinenhemd mit zurückgeschlagenem Kragen, das nach kleinrussischer Art durch eine lange bunte Schnur zusammengehalten wurde, und breite gestreifte Beinkleider.
»Was soll denn das, Diakon?« fragte Benefaktow und sah sich nach einer Sitzgelegenheit um.
»Ich will ein bißchen weiterrücken,« erwiderte Achilla und schob sich auf das hart an die Wand stoßende Brett.
»Was ist mit dir, Diakon?«
»Gepeinigt,« brummte Achilla.
»Was peinigt dich denn so?«
»Lächerliche Frage! Was? Eben das! Der Tod des Vaters Sawelij peinigt mich.«
»Ja, was ist da zu machen? Der Tod ... gewiß ... er ist der Natur zuwider ... ist ein Hemmnis aller Gedanken ... aber er ist doch unvermeidlich ... unentrinnbar ...«
»Eben dieses Hemmnis ist's, was mich peinigt.«
»Was kommst du immer mit deinem ›peinigt, peinigt‹! Das ist nicht gut, mein Lieber.«
»Ja, was ist denn überhaupt noch gut? Nichts!«
»Nun, wenn du selbst einsiehst, daß es nicht gut ist, so mußt du auch Vernunft haben: gegen das Naturgesetz kannst du nichts.«
»Ach, was redet Ihr nun wieder vom ›Naturgesetz‹, Vater Zacharia! Wenn mich nun eben dieses Naturgesetz peinigt!«
»Ja, was willst du denn machen?«
»O du grundgütiger himmlischer Vater! So laßt mich doch mit Euren Gesetzen in Ruh', Vater Zacharia! Nichts will ich machen!«
»Ja, wirst du denn von nun ab immer so daliegen?«
Der Diakon schwieg. Dann seufzte er und sagte ganz leise:
»Ich trauere immer noch sehr und Ihr kommt und redet von gleichgültigen Dingen. Was also wollt Ihr von mir haben?«
»Raffe dich auf, denn bei all unserer Trauer sind wir doch schwache Menschen, die ohne Essen und Trinken nicht auskommen können.«
»Gewiß, davon ist gar nicht zu reden. Essen und Trinken werden wir schon, aber da eben steckt's!«
»Was? Was steckt da? Wo steckt was?«
»Darin steckt's, daß wir das, was gewesen ist, nach und nach vergessen werden. Und wenn wir es eines schönen Tages ganz vergessen haben -- was dann?«
»Ja, was ist da zu machen?«
»Das ist zu machen, daß ich mit meinem Charakter ganz und gar nicht damit einverstanden bin, ihn zu vergessen.«
»Gewiß, lieber Freund, aber die Zeit vergeht und du vergißt doch.«
»Vater Zacharia, sagt mir solche Dinge nicht! Ihr wißt, wie wild ich im Schmerz bin!«
»Das fehlte auch noch! Nein, mein Bester, die Roheiten laß du lieber beiseite!«
»Ja, beiseite lassen! Wer kann mich jetzt noch im Zaume halten?«
»Wenn du willst, tu ich es.«
»Ihr wäret mir gerade der Rechte!«
»Warum sollte ich es nicht sein?«
»Machen wir uns doch nichts vor! Ihr habt nicht die geringste Gewalt über mich.«
»Weißt du, Diakon, du bist einfach frech,« sagte Zacharia gekränkt.
»Gar nicht frech, denn ich hab' Euch lieb; wie könnt Ihr aber Gewalt über mich haben, wo Ihr doch so schwach von Charakter seid, daß sogar der Subdiakon Sergej Euch Grobheiten sagt.«
»Das tut er! Gegen mich sind alle grob! Deine Reden aber sind einfach dumm!«
»So zeigt jetzt, was Ihr über mich vermögt, und verhindert mich, so zu reden.«
»Ich will dich nicht verhindern, ich ... ich will nicht, weil ich als Freund zu dir kam und du gegen mich grob warst ... Lebe wohl!«
»Wartet doch, Vater Zacharia! So war's nicht gemeint!«
»Nein, nein, laß mich, du hast mir weh getan.«
»So geht in Gottes Namen.«
»Du bist ein Grobian, ein ganz schlimmer Grobian.«