Die Klerisei

Part 22

Chapter 223,808 wordsPublic domain

Die Sache endete damit, daß man den Vater Sawelij, um ihn endlich einmal los zu sein, ziehen ließ, weil aber sein ergebenstes Gesuch zugleich als »befohlenes« bezeichnet worden war, so erfolgte darauf der Bescheid, daß der Propst noch ein halbes Jahr lang keine Amtshandlungen ausüben dürfe.

Sawelij nahm das sehr kühl auf, dankte allen, denen er Dank zu schulden glaubte, und reiste mit dem Zwerge nach Stargorod. Die lange, qualvolle Verbannung war vorüber.

Drittes Kapitel.

Unterwegs redeten sie nicht viel, und immer nur war es der Zwerg, welcher anfing. Er wollte den Propst, der stumm mit den in alten Wildlederhandschuhen über den Knien gefalteten Händen dasaß, zerstreuen und erheitern. Nikolai Afanasjewitsch fing bald von diesem, bald von jenem an, Tuberozow jedoch schwieg oder gab nur ganz kurze Antworten. Der Kleine erzählte, wie die Gemeinde um den Propst geklagt und geweint hätte, wie die Postmeisterin ihren Mann verprügeln wollte und statt dessen den Lehrer verprügelt hätte, wie dieser, von der Biziukina verfolgt, aus der Stadt geflohen sei, aber der Alte schwieg und schwieg.

Nikolai Afanasjewitsch sprach von Tuberozows Hause: es werde baufällig und müsse repariert werden.

Seufzend meinte der Propst:

»Für mich ist das alles nur Staub, und es ekelt mich, daß ich mein Herz daran hängen konnte.«

Der Zwerg fing von Achilla an, der immer einen Zeitvertreib zu finden wisse: jetzt habe er z. B. ein Hündchen zu sich ins Haus genommen, das er noch blind am Flußufer ausgesetzt gefunden, und triebe immer neuen Spaß mit ihm.

»Mag er doch, wenn es ihm Vergnügen macht,« sagte der Propst leise.

Nikolai Afanasjewitsch fuhr lebhafter fort:

»Ja, und es passieren ganz seltsame Geschichten mit diesem Hündchen, Vater Propst. Er hat diesen Hund, wie schon seine früheren, lachen gelehrt, und wenn er zu ihm sagt: ›Lache, mein Hündchen‹ -- dann zeigt es gleich die Zähnchen. Nun machte ihm aber der Gedanke Sorge, wie er das Tierchen nennen sollte.«

»Als ob es dem Vieh nicht ganz gleichgültig sei, wie man es nennt,« sagte der Propst scheinbar gelangweilt.

Aber der Zwerg hatte schon gemerkt, daß sein Gefährte den Geschichten vom Diakon Achilla mehr Teilnahme entgegenbrachte als seinen sonstigen Reden, und fuhr deshalb fort:

»Man sollte es meinen. Aber dem Vater Diakon ist es nicht gleichgültig. Er ist nun mal so ein Charakter: hat er sich was in den Kopf gesetzt, dann hat er auch keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht. ›Ich habe‹, sagt er, ›dies Hündlein bei einer besondern Gelegenheit in sehr erregter Stimmung heimgebracht, und ich will, daß es zur Erinnerung an diesen Tag auch einen besondern Namen habe, einen Namen, wie er sonst nicht vorkommt.‹«

Der Propst lächelte.

»So kam Vater Achilla eines Tages zu mir nach Plodomasowo geritten, hielt auf seinem Rosse vor meinem und meines Schwesterleins Fenstern an und rief mit Donnerstimme: ›Nikolascha! Heda, Nikolascha!‹ Ich dachte: ›Herrgott, was ist denn da passiert?‹ schaute zum Fenster hinaus und fragte: ›Ist am Ende dem Vater Sawelij noch etwas Schlimmes widerfahren, Vater Diakon?‹ -- ›Nein,‹ entgegnete er, ›nichts dergleichen, aber ich habe ein wichtiges Anliegen an dich, Nikolascha. Ich muß dich um Rat fragen.‹ -- ›Um was handelt sich's denn?‹ rief ich hinunter. ›Macht schnell, wertester Herr, denn mir wird's kalt, wenn ich so lange am offenen Fenster stehe. Ich vertrage das nicht.‹ -- ›Du hast dich‹, sagte er, ›von klein auf in herrschaftlichen Häusern umgetan und mußt alle Hundenamen wissen.‹ -- ›Da verlangt Ihr zu viel,‹ sagte ich. ›Ein jeder nennt seinen Hund so, wie's ihm paßt.‹ -- ›Na also,‹ schrie er zurück, ›dann leg mal los!‹ -- Ich antwortete, der Name richte sich doch meistens nach der Rasse. Die Windspiele nenne man ›Mylord‹, unsere einfachen Hunde ›Barbos‹, die englischen ›Fanny‹, die kurländischen ›Charlotte‹ ... ›Aber‹, unterbrach mich der Vater Diakon, ›du sollst mir einen Namen nennen, der sonst nirgends vorkommt. Du mußt einen solchen wissen!‹ ›Herrgott, wie beruhige ich den Menschen nur?‹ dachte ich.«

»Nun, und was hast du schließlich gemacht?« fragte Tuberozow neugierig.

»Ich fror derart am offenen Fenster, daß ich, nur um ihn schneller loszuwerden, meinte: ›Ich kenne noch einen Hundenamen, werter Herr, aber ich habe nicht den Mut, ihn Euch zu sagen.‹ -- ›Tut nichts,‹ schrie er, ›sag ihn ruhig!‹ -- ›Ich kannte einen Herrn, dessen Hund hieß Wiesie.‹ Vater Achilla machte ein ganz verdutztes Gesicht. ›Was ist das für Unsinn, du bist wohl verrückt geworden?‹ -- ›Nein,‹ sagte ich, ›verrückt bin ich nicht, ich weiß nur ganz genau, daß in Moskau ein Fürst einen Hund hatte, der hieß Wiesie.‹ Achilla Andrejewitsch geriet nun in fürchterliche Wut, gab seinem Pferd die Sporen, ritt hart an die Mauer heran und schrie: ›Wie darfst du alter schamloser Kerl solche Dinge reden? Weißt du nicht, daß ich einen christlichen Namen trage und daß ich ein Diener des Altars bin?‹ Mit Müh und Not konnte ich ihn beruhigen, Vater Propst, und ihm erklären, was es mit dem Wiesie für eine Bewandtnis hatte. Darauf schwang er sich auf sein Pferd, holte das Hündchen aus seinem Pelz, wo er es verborgen gehalten hatte, heraus und rief: ›Guten Tag, Wiesiechen!‹ Und sprengte fröhlich von dannen.«

»Das große Kind!« sagte Sawelij lächelnd.

»Ja, er muß immer spaßen.«

»Tadele ihn nicht. Das Kind muß sein Spielzeug haben, damit es nicht weint. Er hat eine schwere Last zu tragen. Rundherum liegt alles in tiefstem Schlaf und in ihm brennen tausend Leben.«

»Sehr richtig. Ich kann mir auch gar nicht denken, wie er einmal sterben wird.«

»Ich auch nicht,« meinte der Propst lächelnd. »Er ist die verkörperte Verneinung des Todes. Was aber wurde weiter aus dem Wiesie?«

»Ja, was meint Ihr wohl? Seinetwegen gab es noch Zank und Streit ohne Ende. Es konnte ja auch gar nicht anders sein. Der Vater Diakon hatte sich nämlich folgendes angewöhnt: Wenn er besonders große Sehnsucht nach Euch bekam, nahm er sein Wiesiechen auf den Arm und begab sich zur Poststation. Dort setzte er sich vor die Tür und wartete. Kaum zeigte sich nun ein vornehmer Reisender oder eine Dame, so sagte er gleich: ›Lache, mein Hündchen!‹ Und das kleine Vieh lachte. Das machte den Reisenden Spaß und sie fragten: ›Wie heißt denn das Hündchen, Herr Pfarrer?‹ Er antwortete: ›Ich bin kein Pfarrer, sondern bloß Diakon, meinen Pfarrer haben die Hunde gefressen.‹ ›Wie heißt denn aber das Hündchen?‹ fragten sie erneut. ›Das Hündchen, das heißt Wiesie.‹ Auf diese Weise geriet er mit allen in Streit. ›Ich will sie so alle ins Gesicht Hunde nennen,‹ sagte er, ›und der Friedensrichter kann mir doch nichts anhaben.‹ So nimmt er Rache für Euch, Vater Sawelij; aber was er eigentlich damit erreicht, das bedenkt er gar nicht. Dem Vater Zacharia ist es seinetwegen schon einmal schlimm ergangen: der Propst sah den Hund bei ihm und fragte, wie er hieße. ›Er heißt Wiesie, Hochwürden‹ -- sagte Zacharia und zog sich einen ernsten Verweis zu.«

Sawelij lachte Tränen. »Dieser ehrliche Zacharia ist köstlich. Ein Gefäß Gottes und ein Beter, wie ich keinen zweiten gesehen. Ich sehne mich, ihn wieder zu umarmen.«

Von der Anhöhe, welche die Reisenden jetzt erreichten, ward plötzlich die ganze Stadt sichtbar, diese alte, eigentümliche Stadt, die für Tuberozow so viele Erinnerungen barg; sie überkamen den Alten mit einer solchen Macht, daß er sich zurücklehnen und die Augen schließen mußte, als hätte ihn zu grelles Sonnenlicht geblendet.

Sie ließen den Kutscher langsamer fahren, denn erst, wenn es dämmerte, wollten sie in der Stadt sein. Als sie im Halbdunkel mit dem eisernen Ring gegen das wohlbekannte Tor schlugen, ertönte von innen Achillas Stimme: »Wer da?« Tuberozow wischte sich eine Träne aus dem Auge und bekreuzigte sich.

»Wer denn sonst als ich und Vater Sawelij,« antwortete der Zwerg.

Der Diakon schrie laut auf, flog die Verandastufen herunter, öffnete das Tor weit, rollte wie eine Lawine in den Wagen hinein und umklammerte den Hals des Propstes.

So saßen beide umarmt im Wagen und schluchzten lange und bitterlich, während der Zwerg daneben stand und seine sanften, befreienden Tränen leise mit der kleinen, frosterstarrten Faust wegwischte.

Als der Diakon sich ausgeweint hatte, fing er an zu sprechen. Beinahe hätte er nach Natalia Nikolajewna gefragt, aber er besann sich noch im rechten Augenblick und gab dem Gespräch schnell eine andere Wendung, indem er dem Propst das Hündchen zeigte, das zu seinen Füßen spielte.

»Das ist mein neuer Hund, Vater Propst, mein Wiesiechen. Ein ganz famoses Vieh. Wir brauchen bloß zu befehlen, dann lacht er. Was sollen wir wegen unnützer Dinge Trübsal blasen!«

»Wegen unnützer Dinge!« klang es unerträglich schmerzvoll in Vater Sawelijs Herzen nach, aber er sprach die Worte nicht aus, sondern drückte nur des Diakons Hand, so fest er konnte.

Viertes Kapitel.

Als der Propst sein Haus betreten hatte, dessen einziger Bewohner und Herr so lange Zeit der Diakon Achilla gewesen war, küßte er den wilden Riesen auf den trockenen Scheitel seines Lockenkopfes, ging dann mit ihm durch alle Zimmer, machte das Zeichen des Kreuzes über dem leeren, verwaisten Bettchen Natalia Nikolajewnas und sprach:

»Nun, alter Freund, jetzt hat es wohl keinen Sinn mehr, daß wir uns wieder trennen? Bleiben wir zusammen.«

»Mit tausend Freuden. Ich hatte es mir selbst auch schon so gedacht,« entgegnete Achilla und schloß den Propst wieder in seine Arme.

So hausten sie denn zu zwei hier. Achilla sang in der Kirche und sorgte für die Wirtschaft, Tuberozow saß zu Hause, las seinen John Bunian, dachte und betete.

Er lebte das intensive, konzentrierte Leben eines Geistes, der mit sich selbst ins Reine zu kommen sucht.

Achilla hielt ihm alle kleinen Alltagssorgen fern und gab dem Alten die Möglichkeit, ganz und gar der innern Sammlung zu leben.

Aber dieses Glück sollte nicht lange dauern. Dem Diakon ward eine große Ehre zuteil: der Bischof, der zur Session des Heiligen Synods berufen war, nahm ihn mit nach Petersburg, weil der Protodiakon der Gouvernementskathedrale erkrankt war.

Der Abschied des Diakons von Tuberozow war rührend. Achilla, der in seinem Leben noch keinen Brief geschrieben hatte, nicht wußte, wie man einen schreibt noch absendet, erklärte nicht nur, daß er dem Propst regelmäßig schreiben werde, sondern er tat es auch wirklich.

Seine Briefe waren ebenso eigenartig und seltsam wie seine ganze Denk- und Lebensweise. Zuerst erhielt Tuberozow einen Brief aus der Gouvernementsstadt, und in diesem Brief, dessen Umschlag die Aufschrift trug: »An den Vater Propst Tuberozow geheim und eigenhändig«, meldete Achilla, daß er während seines Aufenthaltes im Kloster für Tuberozow Rache an dem Zensor Troadij genommen habe: er habe dem Kater des Zensors eine Wurst auf den Rücken gebunden mit der Aufschrift:

»Diese Wurst bring ich, der Kater, Meinem Herrn, dem frommen Vater«

und ihn in den Klosterhof laufen lassen.

Einen Monat später schrieb Achilla aus Moskau, wie sehr ihm die Stadt gefallen hätte; doch seien die Leute dort gar arglistig, insbesondere die Kirchensänger, die ihn zweimal aufgefordert hätten, mit ihnen Blachdnublach zu trinken, er aber habe »aus der Praxis wohl wissend, was sothanes Blachdnublach zu bedeuten habe, sich ob dieser ihrer Sängerfrechheit nicht wenig verwundert«.

Einige Zeit später schrieb er aus Petersburg:

»Mein vielgeliebter Freund und Euer Hochwürden Vater Sawelij. Freuet Euch. Ich lebe herrlich im Klostergasthof, in dem es freilich an Versuchungen jeglicher Art nicht fehlt, denn es geht hier fast ebenso zu, wie mitten im Lärm der großen Stadt. Und doch sehne ich mich sehr nach Euch. Wenn wir zusammen hier wären, könnten wir gemeinschaftlich viel schöner und mit viel mehr Freude alles bewundern. Eure weisen Ratschläge habe ich mir wohl gemerkt und werde von allen mit größter Achtung behandelt, was Euch ja das Moskauer Blachdnublach beweist, welches mitzutrinken ich mich weigerte. Ich trinke nur ganz wenig, und auch nur deshalb, weil ich sonst fürchte, gute Bekanntschaft zu verlieren. An Schönem ist hier kein Mangel, bloß einen richtigen Diakon, wie man ihn sich bei uns wünscht, habe ich noch nicht gefunden. Alle sind sie Tenöre, die nach unsern Begriffen nur zu Friedhofsgottesdiensten zu brauchen wären, und obgleich einige sich sehr aufspielen, so sind sie doch an Gestalt im Vergleich zu uns gar jämmerlich und ihr Gesang ist ein halbes Sprechen, wobei sie nicht mal die richtige Note treffen, und die Sänger mit ihnen gar nicht ordentlich zurechtkommen können. Ich aber, der ich mein Handwerk kenne, mache ihre Mode nicht mit, sondern singe die Messe so, wie ich es gewohnt bin, und, obgleich ich ein Fremder bin, hat mich die Kaufmannschaft doch aufgefordert, beim Dankgottesdienst vor der Markthalle mitzusingen, und ich habe dafür, außer der Renumeration in barem Gelde, noch drei Tücher aus Seidenfoulard erhalten, wie Ihr sie so gerne habt und welche ich Euch als Gastgeschenk mitzubringen gedenke. Wohl bekomm's! Langeweile habe ich oft. Man bekommt hier meistens Kaffee vorgesetzt. Wegen der weiten Entfernungen mache ich nur wenig Besuche. Fast alle wohnen in Nebenstraßen; und da ich auf dem Imperial fahre, komme ich in keine Nebenstraßen hinein. Doch Ihr als Provinzler werdet das gar nicht verstehen: man sitzt wie auf einem Hause, hoch oben auf dem Dache, und wenn man von da hinunter will, so muß man sehr gewandt sein, um abspringen zu können. Dem weiblichen Geschlecht ist dieses wegen seiner Kleidung überhaupt nicht gestattet. Die Droschkenkutscher aber sind hier, wie ich bemerke, große Spötter. Und wenn einer von uns geistlichen Personen einen mieten will und er bietet einen niedrigen Preis, dann schreien gleich alle andern: ›Mit dem sollt Ihr nicht fahren, Vater, der hat erst gestern einen Priester in den Schmutz fallen lassen.‹ Deshalb lasse ich mich mit ihnen lieber nicht ein. Unsern Warnawa habe ich einmal getroffen, sprach ihn aber nicht. Denn wir fuhren aneinander im Imperial vorüber, und ich konnte ihm nur von ferne drohen. Im übrigen sieht er halb krepiert aus. Was Euer Unglück betrifft, daß Ihr noch unter dem Bann steht und nicht für Euch in der Messe beten könnt, so grämt Euch deshalb nicht. Ich habe das alles wohl überlegt und eingerichtet und der Allmächtige sieht es. Seid getrost: Wenn Ihr auch für Euch selbst im Kreisstadttempel nicht beten könnt, in der Residenz ist ein Mann, durch den steigt das Gebet für Euch zum Himmel empor, -- aus der Kasankathedrale, wo der Erretter des Vaterlandes, der durchlauchtigste Fürst Kutusow, beigesetzt ist, und aus der Isaakskathedrale, die von außen ganz von Marmor ist. Und dieser Beter in der Residenz bin ich, denn sobald ich die große Fürbitte verlesen habe, so verkünde ich laut die Namen, die mir vorgeschrieben sind, aber heimlich flüsternd nenne ich still für mich auch Deinen Namen, mein Freund Vater Sawelij, und sende mein allerheißestes Gebet für Dich zum Höchsten hinauf, und klage ihm, wie Du vor aller Welt von Deinen Vorgesetzten gekränkt worden bist. Und ich bitte Euch noch ganz besonders, nicht mehr an jenes Wort, Eure Tage seien gezählt, zu denken, es nicht auszusprechen, denn das wäre für mich und den Vater Zacharia über alle Maßen schmerzlich, und ich würde Dich, auf Ehrenwort, nur ganz kurze Zeit überleben.«

Unterzeichnet war der Brief: »Zeitweiliger Residenzstellvertreter des Protodiakons seiner Parochie, Diakon am Dom zu Stargorod Achilla Desnitzyn.«

Es kam noch ein zweiter Brief von Achilla, in dem er berichtete, daß er »durch einen glücklichen Zufall doch mit Prepotenskij zusammengekommen sei und sich mit ihm wegen der vergangenen Dinge habe schlagen wollen; daß die Sache aber eine ganz andere Wendung genommen habe und er sogar in seiner Redaktion gewesen sei.« Denn Warnawa war jetzt Redakteur und Achilla hatte verschiedene »Literaten« bei ihm getroffen und sich mit ihm ausgesöhnt. Als Grund zu dieser Versöhnung wurde angegeben, Warnawa (nach Achillas Behauptung) sei ein sehr unglücklicher Mensch geworden, weil er sich kürzlich mit einer Petersburger jungen Dame verheiratet hätte, die weit strenger wäre, als jede ältere Frau, und immer gegen die Ehe spreche. Auch solle sie Warnawa häufig prügeln. Er wäre gar nicht mehr so wie früher: »Er hat mir selber offen eingestanden, wenn er nicht eine solche große Angst vor seiner Frau hätte, so würde er in seiner Zeitung sogar für den lieben Gott eintreten; und dann schimpft er fürchterlich auf die Frau Biziukina und insonderlich den Herrn Termosesow, der sich anfangs hier sehr gut eingerichtet hatte und ein hohes Gehalt bezog im Geheimdienst, indem er ehrliche Leute auszukundschaften hatte. Aber der böse Feind verführte ihn durch seine Habsucht: er fing an falsches Papiergeld in Umlauf zu bringen, und nun sitzt er im Gefängnis.« Am meisten aber rühmte Achilla sich dessen, daß er eine Theatervorstellung mit angesehen habe. »Einmal (schrieb er) bin ich mit den Kirchensängern in bürgerlichem Gewande auf die höchste Galerie zur Oper ›Das Leben für den Zaren‹ gegangen, und habe nachher von dem schönen Gesang fast die ganze Nacht vor Entzücken weinen müssen. Ein andermal bin ich dann, wiederum als Zivilist verkleidet, hingegangen, den König Achilla selber zu sehen. Aber mit mir hatte er auch nicht die geringste Ähnlichkeit: Es kam ein Komödiant herausstolziert, ganz in Gold gepanzert, und klagte über seine Ferse. Hätte man mir solch eine Montur angezogen, ich hätte es viel dröhnender gemacht. Das andere Spiel aber ist ganz heidnisch mit einer Offenheit bis hierher, und auf einen Witwer oder einzelnstehenden Mann wirkt das äußerst beunruhigend.«

Und dann kam endlich noch ein dritter Brief, in dem Achilla meldete, er käme jetzt bald zurück, und an einem trüben Herbsttag erschien er plötzlich bei Tuberozow, strahlend, als brächte er eine Freudenbotschaft.

Sawelij begrüßte ihn und lief sofort auf die Straße, um die Fensterläden zu schließen, weil kein Neugieriger von der Heimkehr des Diakons erfahren sollte.

Ihre Unterredung dauerte sehr lange. Achilla trank in der Zeit einen ganzen Samowar leer, Vater Tuberozow aber füllte seine Tasse immer von neuem und sagte:

»Trink nur, Lieber, trink nur noch,« -- und wenn Achilla die Tasse geleert hatte, meinte der Propst: »Nun erzähle weiter, Freund, was hast du noch alles gesehen und erlebt?«

Und Achilla erzählte. Gott weiß, woher er das alles hatte, -- Wichtiges und Unwichtiges bunt durcheinander. Was aber den Vater Sawelij am meisten wunderte, waren die vielen seltsamen Worte, die Achilla erbarmungslos in seine Rede mengte, mochten sie passen oder nicht, Ausdrücke, wie er sie vor seiner Petersburger Reise nicht nur nie gebraucht, sondern wohl auch gar nicht gekannt hatte.

So fing er zum Beispiel plötzlich ganz unvermittelt an: »Denk dir einmal, Vater Sawelij, diese Kumbination ...« (Das ›u‹ wurde unbarmherzig scharf betont.)

Oder:

»Wie er mir das sagte, da sah ich ihn an und antwortete: ›Nein, mein Bester, ~je vous perdu~! Das wäre mir gerade der rechte Türlütütü!‹«

Mit welch großer Teilnahme Vater Tuberozow auch seinem Diakon zuhörte, -- als diese und ähnliche Ausdrücke sich immer häufiger wiederholten, runzelte er die Stirn und rief endlich ungeduldig:

»Was soll das eigentlich? Wo hast du all diese dummen Redensarten gelernt?«

Aber der begeisterte Achilla war so eifrig dabei, dem Propst alle seine aus der Residenz mitgebrachten Herrlichkeiten zu zeigen, daß er auch vor den tollsten Wortbildungen nicht zurückschreckte.

»Hab' nur keine Furcht, guter Vater Sawelij, solche Worte haben nichts zu sagen -- sie sind nicht verboten.«

»Wieso nichts zu sagen? Sie klingen häßlich.«

»Ihr seid sie nur nicht gewohnt. Mir kann man jetzt sagen, was man will. Es ist alles Quatsch mit Sauce.«

»Schon wieder!«

»Was denn?«

»Was hast du da wieder für ein gemeines Wort gebraucht?«

»Quatsch mit Sauce!«

»Pfui!«

»Was ist denn dabei? Alle Literaten gebrauchen es.«

»Mögen sie es tun, in der Residenz sind sie eben so feine Herrschaften; da geht's nicht ohne Sauce. Wir einfachen Leute aber haben an dem Quatsch allein schon mehr als genug. Meinst du nicht?«

»Sehr richtig,« sagte Achilla und fügte nach einigem Nachdenken hinzu, er fände eigentlich auch, daß Quatsch ohne Sauce viel besser klinge.

»Denkt einmal,« widerlegte er sich selbst, »wenn unsereins einen Quatsch zum Besten gibt, dann lacht alles; aber die Leute geben gleich auch noch eine scharfe Sauce hinzu -- zum Beispiel, es gebe keinen Gott oder ähnliche Torheiten, so daß einem angst und bange wird, und nachher gibt's dann allemal Zank und Streit.«

»Es muß einem dabei immer angst werden,« flüsterte Tuberozow.

»So streng darf man auch nicht sein, Vater Sawelij. Wenn sie's einem beweisen -- wo soll man dann hin?«

»Was beweisen? Was redest du da? Was hat man dir bewiesen? Daß es keinen Gott gibt?«

»Ja, Vater Sawelij, das hat man mir bewiesen ...«

»Was faselst du da, Achilla? Du bist doch ein ehrlicher Kerl und Christ! Bekreuzige dich! Was hast du da gesagt?!«

»Was soll man denn machen? Ich bin ja selbst nicht froh. Aber gegen ein Faktum kann man nicht ankämpfen.«

»Was für ein Faktum? Was hast du denn entdeckt?«

»Ach, Vater Sawelij, was soll ich Euch ärgern? Lest Ihr nur Euren Bunian und glaubt in Eurer Einfalt, wie Ihr bisher geglaubt habt.«

»Laß du meinen Bunian in Ruh und kümmere dich nicht um meine Einfalt. Bedenke nur, wie du dich selbst bloßstellst!«

»Was soll man machen? Es ist ein Faktum!« erwiderte Achilla seufzend.

Tuberozow stand erregt auf und verlangte, Achilla solle ihm sofort das Faktum nennen, auf das sich sein Zweifel an der Existenz Gottes gründe.

»Dieses Faktum hüpft auf jedem Menschen herum,« antwortete der Diakon und erklärte dann, er meine damit den Floh. Einen Floh könne jeder aus Sägespänen hervorbringen, und also hätte auch die Welt von selbst entstehen können.

Auf dieses naive und offenherzige Geständnis wußte Tuberozow zuerst gar nichts zu erwidern, Achilla aber begann nun, nachdem das Gespräch einmal diese Wendung genommen hatte, seine Petersburger Aufklärungsideen weiter zu entwickeln.

»Wozu arbeitet der Mensch? Um des Essens willen. Er möchte satt sein und keinen Hunger leiden. Wenn wir nicht essen müßten, würden wir überhaupt nichts tun. Man nennt das den Kampf ums Dasein. Ohne den gäb' es gar nichts.«

»Nun sieh mal,« sagte Tuberozow, »Gott hat das alles gar nicht nötig gehabt und hat doch die Welt geschaffen.«

»Das ist wahr,« sagte der Diakon, »Gott hat sie geschaffen.«

»Wie kannst du ihn dann aber leugnen?«

»Ich leugne ja gar nicht,« antwortete Achilla, »ich sage nur, daß, wenn man vom Faktum ausgeht, so kann, wie der Floh aus Sägespänen, die Welt auch aus sich selbst heraus entstanden sein. Ihr Gott ist, heißt es, der »Sauerstoff«. Aber der Teufel mag wissen, was das wieder für ein Stoff ist! Und nun seht einmal: wenn Ihr das wieder von der andern Seite betrachtet habt, versteh ich rein gar nichts mehr.«

»Wo ist denn dein Sauerstoff hergekommen?«

»Ich weiß nicht ... Lassen wir das lieber, Vater Sawelij.«

»Nein, das kann ich nicht. Es muß wieder heraus aus dir. Also sag' einmal: wo hat er seinen Anfang, dein Sauerstoff?«

»Bei Gott, ich weiß es nicht, Vater Sawelij! Laßt es doch, Liebster!«

»Vielleicht ist dieser Sauerstoff ohne Anfang?«

»Das mag der Teufel wissen! Der soll ihn überhaupt holen!«

»Und er hat auch kein Ende?«

»Vater Sawelij! ... Was geht uns dieser verfluchte Sauerstoff an? Mag er doch ohne Anfang und ohne Ende sein! Was kümmert's uns?«

»Begreifst du, was das heißt: ohne Anfang und ohne Ende?«

Achilla erwiderte, er begreife es, und fuhr mit lauter Stimme fort:

»Es ist ein Gott, der in der Dreifaltigkeit angebetet wird, der ewig ist, nicht Anfang noch Ende seines Seins hat, sondern immer war, ist und sein wird.«

»Amen,« sagte Sawelij lächelnd, und immer noch lächelnd stand er auf, faßte freundlich Achillas Hand und sagte:

»Komm, ich will dir etwas zeigen.«

»Gerne,« erwiderte der Diakon.